13,99 €
In der mysteriösen Wüstenstadt Qalia existiert ein geheimer Gewürzzauber, der die verborgenen Fähigkeiten all jener weckt, die den Misra-Tee trinken. Die siebzehnjährige Imani hat eine Affinität für Eisen und kann mit dem Dolch umgehen wie kein anderer Krieger. Sie hat sich den Ruf erworben, der nächste große Schild im Kampf gegen Dschinn, Ghule und andere Monster zu sein, die in der Wüste ihr Unwesen treiben. Doch ihr Ruf wird von ihrem Bruder überschattet, der den Namen der Familie beschmutzte, als bekannt wurde, dass er das begehrte Gewürz ihres Volkes gestohlen hatte und kurz darauf verschwand. Es wird vermutet, dass er jenseits des verbotenen Brachlands ums Leben kam. Trotz des ruchlosen Verrats ihres Bruders vergeht kein Tag, an dem Imani nicht um ihn trauert. Als sie jedoch Anzeichen dafür entdeckt, dass ihr Bruder noch am Leben sein könnte und die Magie ihrer Nation an Außenstehende weitergibt, schließt sie einen Pakt mit dem Rat: Sie wird ihren Bruder finden und nach Qalia zurückbringen, wo er seine gerechte Strafe erhalten wird. In Begleitung anderer Schilde, darunter Taha, ein mächtiger Tierseher, der den Geist von Falken kontrollieren kann, macht sie sich auf den Weg. Schon bald muss Imani feststellen, dass viele Geheimnisse jenseits des verbotenen Brachlands verborgen liegen – ebenso wie in ihrem eigenen Herzen. Wird sie ihren Bruder finden, bevor er das Schicksal ihrer Stadt und ihres Volkes für immer besiegeln wird?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 654
Veröffentlichungsjahr: 2024
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright © 2024 Maiya Ibrahim. All Rights Reserved.
Jacket art copyright © 2023 by Carlos Quevedo.
Interior art used under license from Shutterstock.com
Titel der Englischen Originalausgabe: »Spice Road« by Maiya Ibrahim, published 2023 in the US by Delacorte Press, an imprint of Random House Children’s Books, a division of Random House LLC, New York.
Deutsche Ausgabe 2024 Panini Verlags GmbH, Schloßstr. 76, 70176 Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Geschäftsführer: Hermann Paul
Head of Editorial: Jo Löffler
Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: [email protected])
Presse & PR: Steffen Volkmer
Übersetzung: Helga Parmiter
Lektorat: Katharina Altreuther
Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart
Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln
YDSPICE001E
ISBN 978-3-7569-9972-9
Gedruckte Ausgabe:
1. Auflage, Februar2024,ISBN 978-3-8332-4481-0
Findet uns im Netz:
www.paninicomics.de
PaniniComicsDE
Für Jason und Soleil
1
Wir werden kämpfen, aber vorher trinken wir Tee.
Nicht ganz das Motto der Schilde, aber genauso treffend. Gewöhnlich wäre ich mit meiner Gruppe außerhalb der Mauern von Qalia und würde unsere Länder gegen einen nicht enden wollenden Ansturm von Monstern verteidigen: Dschinn, Ghule, Sandschlangen und alle anderen Nachtkreaturen, die man nur in den Fängen eines Fiebertraumes heraufbeschwören kann. Aber selbst jetzt, wo wir zur vorgeschriebenen Ruhezeit zu Hause sind, steht uns ein harter Trainingstag bevor, und ich bin sicher, dass Taha ibn Bayek von der Al-Baz-Sippe es kaum erwarten kann.
Wann immer wir zusammen in der Kaserne von Qalia sind, fordern Tahas Kameraden mich zum Sparring mit ihm heraus. Es ist ein erbärmlicher Versuch, herauszufinden, wer von uns der bessere Schild ist, aber Taha selbst hat sich nie zu dieser ständigen Rivalität geäußert. Vielmehr hat er in den zwei Jahren, die ich ihn kenne, so getan, als gäbe es mich nicht, abgesehen von gelegentlichen abfälligen Bemerkungen. Zweifellos werden seine Kameraden es nach der Teezeremonie noch einmal versuchen, aber ich habe ihre bisherigen Herausforderungen als Zeitverschwendung zurückgewiesen und werde es mir auch jetzt nicht anders überlegen, auch wenn er mich von der anderen Seite des Teeraumes noch so kalt ansieht. Wenn man seinen Ruf kennt – und wer in Qalia tut das nicht, immerhin ist er ein begabter Bogenschütze und Tierseher, der den Geist von Falken kontrollieren kann –, könnte man einen jungen Mann mit scharfem Blick erwarten. Aber Tahas Augen sind beunruhigend gelassen und erinnern an das verwaschene Grün von Grasland, das zu viel Sonne und zu wenig Regen gesehen hat.
Die Etikette der Teezeremonie sieht vor, dass man die Person beobachtet, die das Gewürz zubereitet, aber ich wünschte, er würde nur dieses eine Mal von der Tradition abweichen und aufhören, jede meiner Bewegungen zu verfolgen. Ich löse den Kordelzug des Seidenbeutels mit Misra und nehme die Rindenstreifen heraus. Sie wurden sorgfältig von dem uralten Misra-Baum, der ein paar Häuser weiter in Qalias Heiligtum steht, abgeschält, so wie es schon seit einem Jahrtausend gemacht wird. Ich habe Teezeremonien schon so oft geleitet, dass ich es mittlerweile mit geschlossenen Augen tun könnte, aber ich staune immer noch über das, was ich in meinen Händen halte. Magie.
Das Licht der Deckenlaternen lässt die goldgeäderte Rinde schillern, als ich sie mir vor die Nase halte und tief einatme. Alle Schilde im Raum tun das auch. Vielleicht hoffen auch sie zu enträtseln, welchen Duft das Misra verströmt. Einmal fand ich, es rieche nach dem Leben selbst. Ein anderes Mal nach Sternen und Träumen. Heute Morgen riecht es so bitter wie die alte Asche eines längst heruntergebrannten Feuers. Nach jemandem, der gegangen, aber nicht vergessen ist. Es erinnert mich an Atheer.
Es ist ein Jahr her, seit ich meinen großen Bruder und besten Freund das letzte Mal gesehen habe. Damals kniete ich genau wie jetzt und bereitete das Misra vor, aber ich war zu Hause und das Gewürz roch damals noch angenehm. Er gesellte sich zu mir, suchte das Gespräch und hatte diese schwache, rätselhafte Ausstrahlung von Verzweiflung.
»Es gibt Dinge im Leben, die größer sind als Pflicht und Regeln, Imani«, sagte er.
»Was zum Beispiel?«, fragte ich. Seine Augen bekamen einen düsteren Schimmer, so trocken wie sterbendes Licht, das von einer stumpfen Klinge reflektiert wird.
»Die Wahrheit«, sagte er leise. »Die Wahrheit ist größer als alles andere. Sie ist es wert, alles zu opfern. Und ich habe sie gesehen.« Dann wartete er, worauf, weiß ich nicht. Ich hatte das Gefühl, dass er in diesen letzten Monaten vor seinem Verschwinden nichts anderes tat, als auf etwas zu warten. Aber ich sagte nichts, und nach einiger Zeit verließ er das Haus und kehrte nicht mehr zurück. Ich habe ihn nicht gefragt, was diese Wahrheit war. Ich wollte es nicht wissen.
Meine Finger zittern, als ich die Rinde in den Steinmörser lege. Ich balle meine Fäuste, um sie zu beruhigen, dann nehme ich den Stößel und mahle. Der Duft durchflutet den Raum, steigt bis zur Decke und webt sich durch die Fasern des Teppichs. Meine Nase rümpft sich und mein Rachen brennt. Ich unterdrücke einen Hustenanfall. Meine Gruppenführerin Sara kniet in der ersten Reihe und atmet den Duft in genüsslichen Zügen ein. Für sie ist das Gewürz angenehm, wie Savannen nach dem Regen und das Jasmin-Parfüm ihrer Mutter. Nicht wie verwelkte Dinge und ungesagte Worte. Einmal fragte ich meine Tante Aziza, die den Orden der Zaubernden leitet, warum das Gewürz von Mensch zu Mensch, von Zeremonie zu Zeremonie anders riecht. »Aus dem gleichen Grund, aus dem verschiedene Zauberer verschiedene Zugehörigkeiten haben: Magie ist ein Spiegel«, antwortete sie. Ich frage mich, was diese Bitterkeit über mich aussagt, wenn sie alles ist, was ich in letzter Zeit gerochen habe.
Der Tee muss schweigend getrunken werden, damit der Trinkende sich der Gabe des Großen Geistes widmen und sich darauf vorbereiten kann, die Magie zu empfangen. Die zwei Dutzend Schilde im Raum schweigen, aber es ist mein Geist, der trotzig plappert. Seltsamerweise habe ich Angst, dass sie es wissen, als würden meine Gedanken aus meinen Ohren sickern. Ich gebe das Gewürz mit einem Löffel in die silberne Teekanne und denke an Atheer. Während der Tee zieht und die anderen meditieren, stelle ich mir die raue Wildnis vor, in die er auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Welchem der Elemente ist er am Ende erlegen? Der unbarmherzigen Sonne, den heulenden Sandstürmen, den eisigen Nächten? Oder vielleicht ist es so, wie einige grausame Menschen flüstern, und es war nichts von alledem, weil er sich das Leben nahm, bevor sie es tun konnten.
Taha räuspert sich und ich öffne meine Augen. Alle beobachten mich und warten. Meine Ohren brennen; Wärme staut sich unter meiner Lederrüstung. Ich gieße den Tee in die kleinen Tassen, die auf dem Tablett stehen, und reiche sie im Kreis herum, bevor ich mich mit meiner eigenen in die Mitte setze. Es ist üblich, auf denjenigen zu warten, der die Zeremonie anführt, und jeder tut es mir erst dann gleich, wenn ich die Tasse an meine Lippen setze. Dann trinken wir.
Der heiße Tee rinnt scharf und feindselig die Kehle entlang. Die darin enthaltene Magie ist ein uraltes Geschenk des Großen Geistes der Sahir, das er uns zum Schutz unseres Volkes gewährt hat. Im Gegenzug mussten wir versprechen, die Sahir vor Monstern und Fremden zu beschützen. Für eine gewisse Zeit erlaubt das Misra der trinkenden Person, eine Zugehörigkeit des Landes zu manipulieren, über das der Große Geist wacht. Für manche ist es die Zugehörigkeit zum Sand oder Wind. Mein verstorbener Bruder hingegen war ein Hautwechsler, der sich in einen Löwen verwandeln konnte. Für mich ist es die Zugehörigkeit zu Eisen, insbesondere zu dem Dolch, den ich immer bei mir trage. Wie lange eine Tasse Misra wirkt, hängt vom Zaubernden ab – je geschickter die Person ist, desto wirksamer kann sie die Magie einsetzen.
»Der Tee wird in dir eine Zugehörigkeit wecken, die deinen natürlichen Stärken entspricht«, erklärte meine Tante in unserer ersten privaten Zauberstunde. »Stell dir das Misra als eine Näherin vor, die ein Stück Seide nimmt und daraus etwas Einzigartiges mit für dich perfekten Maßen anfertigt. Am Anfang wird die Seide nicht nach viel aussehen, aber mit der Zeit wird sie zu etwas Neuem und doch völlig Erwartbarem. Das gilt auch für die Zugehörigkeit, die das Misra in dir weckt. Solltest du diese verfeinern wollen, musst du ihr Jahre des Studiums, der Ausbildung und der Einkehr widmen.«
Ich habe meinen Tee zur Hälfte ausgetrunken, als ein schnelles Klopfen die Stille unterbricht und eine der gewölbten Türen zum Zeremonienraum aufspringt. Dalila, die beste Freundin meiner jüngeren Schwester, steht auf der Schwelle. Ihre verschwitzte mahagonifarbene Haut und ihre hängenden Schultern machen mich sofort nervös.
»Entschuldigung«, keucht sie und lässt ihren Blick über die feierliche Versammlung schweifen.
»Warum unterbrichst du unsere Zeremonie?«, fragt Taha und steht auf.
Dalila schrumpft um einen halben Kopf und hält sich mit aller Kraft an der Messingklinke fest. »Es tut mir leid. Ich wollte nur … Imani, kann ich dich sprechen?«
Ich trinke meinen Tee aus, während Taha mit langen Schritten zu ihr geht. Er ist wie sein berühmt-berüchtigter Vater: imposant, groß und muskulös, und er nutzt seine Statur, um andere einzuschüchtern. Dabei spielt es keine Rolle, dass er attraktiv ist – zumindest äußerlich, mit seinem ebenholzfarbenen Haar und seinem kantigen Kiefer –, und das weiß er auch.
»Schweigen während des Teerituals ist heilig«, sagt er mit unbarmherziger Stimme. »Kennst du diese Grundregel nicht, Mädchen? Mach die Tür zu und warte draußen, wie es sich gehört.«
»Ganz ruhig, Taha. Es gibt keinen Grund, sie auszuschimpfen«, sage ich und stehe ebenfalls auf.
Er dreht sich um und starrt mich finster an. »Die Regeln gelten für alle gleichermaßen, auch für dich und deine Freunde. Schockierend, ich weiß.«
Seine Gruppenkameraden grinsen; den anderen Schilden im Raum ist sichtlich so unbehaglich zumute, wie ich mich fühle. Es ist seltsam, früher war ich immer beleidigt, wenn Taha im Unterricht so tat, als wäre ich unsichtbar, da wir doch einzigartige Gemeinsamkeiten haben. Mit siebzehn bin ich die jüngste Schild in der neueren Geschichte, aber mit achtzehn ist er der zweitjüngste, und wir haben beide Familienmitglieder im Rat von Al-Zahim, der unser Land regiert. Sein Vater ist Vorsitzender des Rates, und meine Tante ist Meisterin des Misra. Unabhängig davon, welche Meinung man dazu vertritt, wie Tahas Vater Großzahim wurde, nahm ich an, dass ein Junge aus einer bescheidenen Sippe, der jetzt der Sohn des mächtigsten Mannes der Sahir ist, mit anderen in vergleichbarer Lage – wie mir – Umgang pflegen möchte. Doch als unsere Gruppen begannen, auf Missionen zu gehen, bohrte sich der Stachel nur noch tiefer in mein Herz. Ich hörte über Umwege Geschichten über die vielen Menschen, die er heldenhaft gerettet hatte, und über die furchterregenden Monster, die er trotz aller Widrigkeiten besiegt hatte. Und obwohl ich das Gleiche tat, nahm er meine Existenz nicht einmal zur Kenntnis. Aber vielleicht würde sich das noch als Segen erweisen.
»Dalila, warum bist du hier?«, frage ich und drehe Taha den Rücken zu. »Du solltest in der Schule sein.«
Sie scharrt mit den Füßen. »Also, tja, das sollten wir eigentlich, aber Amira … Sie ist in Schwierigkeiten.«
Nicht schon wieder. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft meine Schwester im letzten Jahr geschwänzt hat, und ich habe schon immer Angst vor dem Moment gehabt, in dem ihr Schwänzen zu etwas Schlimmerem führt.
»Also ehrlich, wann sind Imanis Geschwister mal nicht in Schwierigkeiten?«, bemerkt Feyrouz schnippisch, eine von Tahas schönen, aber bösartigen Kameradinnen.
Hinter mir ertönt ein kichernder Chor. Ich wirble herum und suche in ihren höhnischen Gesichtern nach einem Anflug von Scham, aber ich hätte mehr Glück, Schuldgefühle unter Dieben zu finden. Sie fühlen sich durch Tahas Stellung als ältester Sohn des Großzahim so stark, dass sie glauben, keinen Ärger fürchten zu müssen, weil sie die Nichte eines Ratsmitgliedes verspotten. Glücklicherweise lässt sich meine Gruppenführerin nicht einschüchtern. Sara entstammt einer stolzen, wohlhabenden Händlersippe, und es gab mehr als nur eine Handvoll berühmter Krieger in ihren Reihen.
»Ein Ratschlag, Taha, da dies noch sehr neu für dich ist: Es gehört sich nicht für jemanden deines Ranges, Bosheiten zu ermutigen.« Sie schnappt sich das Teetablett vom Boden, als wolle sie ihn damit schlagen. Das ist nicht nötig, denn ihre Entgegnung scheint eine Hand hervorgebracht und Taha eine Ohrfeige versetzt zu haben. Dies lässt zumindest sein säuerlicher Gesichtsausdruck erahnen. Sie nickt in Richtung der Tür. »Ich kann das zu Ende bringen, Imani. Geh du nur.«
Ich salutiere vor ihr. »Ich danke dir. Bitte sag Hauptmann Ramiz, ich werde so schnell wie möglich zum Training zurückkehren.«
»Keine Sorge«, wirft Taha ein. »Ich bin sicher, dass diese Situation unter den Teppich gekehrt wird, so wie du es gewohnt bist.«
Mein Herzschlag stolpert. Die anderen Schilde runzeln die Stirn, einige tauschen verwirrte Blicke aus.
»Wovon redest du?«, fragt Sara.
Ich werfe Taha den mörderischsten Blick zu, den ich hervorbringen kann, in der Hoffnung, dass er darin das Versprechen sieht, dass ich ihm das Maul stopfen werde, wenn er es nicht halten kann.
Ruhig starrt er zurück. »Oh, es ist nichts. Stimmt’s, Imani?«
Ich kann es kaum glauben. Zum ersten Mal seit zwei Jahren sagt Taha etwas Gehaltvolles zu mir, und er muss sich dabei ausgerechnet auf meinen Bruder beziehen. Nachdem Atheer verschwunden war, wurde festgestellt, dass er Misra aus dem Heiligtum gestohlen hatte, ein verräterisches Zeichen für Magiebesessenheit. Der Rat beschloss mehrheitlich, die Angelegenheit geheim zu halten, um den Ruf meiner Sippe zu schützen. Gemessen daran, wie verärgert Taha darüber ist, bezweifle ich, dass sein Vater über das Urteil erfreut gewesen war. Aber dies ist weder die Zeit noch der Ort, um es anzusprechen.
»Ja, nichts«, murmle ich, während ich Dalila hinausbegleite und die Tür hinter uns schließe. Die Erleichterung, die ich empfinden sollte, weil ich seiner einschüchternden Gegenwart entkomme, wird schnell durch Furcht ersetzt. »Was ist Amira zugestoßen?«, frage ich.
Dalila trabt los und läuft den Sandsteinkorridor entlang. »Wir ritten außerhalb der Mauern, und als wir eine Pause einlegten, zerriss ihr Pferd – das Pferd deines Bruders, meine ich – den Führstrick und lief davon.«
Atheer wird an diesem Morgen zum zweiten Mal plötzlich erwähnt, und ich spüre ein Stechen in meiner Brust. »Du meinst Raad, den schwarzen Hengst?«
Sie nickt. Wir steigen die Wendeltreppe der Zeremonienhalle hinunter und durchqueren das schattige, von Laternen beleuchtete Vestibül, umhüllt von den widersprüchlichen Gerüchen von brennendem Weihrauch und den Teezeremonien, die oben stattfinden. Draußen ist der sonnige Innenhof voller Schilde mit ihren Sparringskameraden. Die Älteren beobachten sie mit strengen Gesichtern und erteilen ihnen Ratschläge. Magie erfüllt die Luft neben dem lautstarken Klirren der Schwerter – in der Mitte der großen Gruppe vor uns schießt ein Schild einen Feuerball aus seinen Handflächen, aber die aufsteigenden Flammen werden von seinem Gegner mit einem Zyklonwindstoß erstickt.
»Amira nimmt ihn heimlich mit, wenn wir ausreiten«, erklärt Dalila atemlos, während ich sie vorsichtig an einem Schwall überhitzter Luft vorbeilenke. »Er war schon immer etwas widerspenstig, aber heute war es irgendwie anders. Man hätte meinen können, der Teufel säße im Sattel und würde ihn mit einem Rohrstock schlagen! Als er in Richtung des Verbotenen Brachlands rannte …«
Meine Augen werden groß. »Das Verbotene Brachland?«
»Hey, ich habe ihr gesagt, sie soll ihn gehen lassen, ich habe sie vor den bösen Dingen gewarnt, die da drin leben, aber sie wollte nicht hören.«
»Natürlich nicht.« Ich beiße mir auf die Zunge, bevor ich meine Schwester vor meinen Schildkameraden verfluche. Monate verletzender Spekulationen sind seit Atheers Tod vergangen. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist, dass die Leute gewahr werden, dass Amira auf Abwegen wandelt, und das für diskussionswürdigen Gesprächsstoff halten.
Ich gebe dem rauchenden Stallknecht ein Zeichen, mein Pferd zu holen. »Du hast sie also allein ziehen lassen?«, frage ich und wende mich wieder an Dalila.
»Lassen? Nein, Amira hätte mich fast umgebracht, als sie mich aus dem Sattel stieß, weil ich mich weigerte weiterzureiten. Sie hat mein Pferd gestohlen!«
»Bitte nicht so laut.« Ich täusche ein lässiges Lächeln gegenüber einer Gruppe von Schilden vor, die vorbeimarschieren.
»Tut mir leid. Bitte rette sie einfach. Amira ist nicht mehr sie selbst, seit … Du weißt schon.«
»Ich weiß.« Der Stallknecht kommt mit meiner Grauschimmelstute Badr heraus, die in der Morgensonne silbern glänzt, und ich schwinge mich in den kühlen Sattel. »Geh zurück in die Schule, Dalila. Ich sorge dafür, dass sie in Sicherheit ist.«
Oder ich werde bei dem Versuch sterben. Ich reiße die Zügel herum und reite zu den Toren der Kaserne.
2
Mein Pferd galoppiert durch die gewundenen Straßen von Qalia und weicht den Menschenmassen aus, die sich in bunter Seide zwischen den Kutschen mit glitzernden Messing- und Goldbeschlägen tummeln. Die riesige Stadt ist ein sonnenverwöhntes Labyrinth aus Dattelpalmen und Sandsteinminaretten, langen, luftigen Arkaden und geräumigen Villen mit grünen Gärten auf den Dächern. Aber ich bin hier geboren und aufgewachsen, und ich kenne die Stadt wie meine Westentasche. Schnell steuere ich durch die ruhigeren Seitengassen, lasse die vergoldeten Tore hinter mir und durchquere das Grasland in Richtung Westen zum Verbotenen Brachland.
Es dauert fast eine Stunde, bis ich einen Hügel erklimme und Amira entdecke, die auf Dalilas Fuchsstute über eine trockene Ebene rast. Mit ihrem dunkelrosafarbenen Mantel und dem lockigen braunen Haar, das hinter ihr her weht, ähnelt meine fünfzehnjährige Schwester einem Motiv aus den dramatischen, düsteren Gemälden von Mamas Lieblingsmaler Hadil Hatra. Das fliehende Mädchen, könnte man dieses Porträt nennen. Ich drücke Badr die Fersen in die Flanken und schließe schnell zu ihr auf.
»Amira«, rufe ich.
Der Kopf meiner Schwester fährt herum, und sie wirft mir über die Schulter einen Blick zu. Unter der Kapuze ihres grob gesponnenen Umhangs zeigt sich ein volles, gerötetes Gesicht. Ich bin seit zwei Wochen zu Hause und habe sie jeden Tag gesehen, aber es fällt mir immer noch auf, wie anders sie seit Atheers Tod wirkt. Hinter ihrem harten, zornigen Äußeren, in ihren glühend heißen Augen, ist sie eine verwelkte Blume.
Sie kommt allmählich zum Stehen und gleitet aus dem Sattel. »Imani, warum bist du hier?«
»Das könnte ich dich auch fragen.« Ich springe ebenfalls hinunter und deute über die weite Ebene. Sie besteht aus kaum mehr als rostfarbenem Schotter und Steinhaufen und ist so tot und verlassen wie ein Feld umgestürzter Grabhügel. »Du weißt, dass du dich vom Brachland fernhalten sollst. Das ist unbewachtes Land.«
Mit einem Tritt ihres spitzen Schuhs lässt sie einen Stein über den Sand rollen. »Oh, Dalila hat dich also gefunden. Das ging aber schnell. Sie hat wirklich eine große Klappe.«
»Und du hast diebische Hände«, entgegne ich. »Du hast ihr Pferd gestohlen.«
»Das musste ich! Raad ist weggelaufen. Siehst du?«
Ich folge ihrem Fingerzeig. Tatsächlich wird unsere abgeschiedene Aussicht von einer Spur aus Hufabdrücken unterbrochen, die sich hartnäckig in die Richtung zerklüfteter roter Berge bewegt. Ich winke mit der Hand.
»Lass ihn. Er benimmt sich außerhalb der Mauern immer daneben, deshalb soll er auch nicht außerhalb der Mauern sein.«
»Na toll.« Sie steigt wieder in den Sattel. »Wenn ich gewusst hätte, dass du nicht kommst, um zu helfen, wäre ich nicht stehen geblieben.«
Ich schließe meine Faust um den Führstrick ihres Pferdes. »Du musst ihn gehen lassen, Amira.«
Sie wirft mir einen beunruhigend wütenden Blick zu. Früher war meine Schwester rehäugig und lächelnd, gefesselt vom Kräuterkurs in der Schule und trug strahlendes Make-up; klug wie Mama, aber mit einer kreativen Begabung gesegnet, den Kopf immer in einem Buch mit fantastischen Geschichten über tapfere Könige und noch tapferere Königinnen vergraben. Wie sanft sie war, sanftmütiger als eine Maus im Gewitter. Dann starb Atheer, und sie erhielt ein paar harte Kanten, die ich nicht wegpolieren kann. »Raad ist der Beste in Babas Bestand. Warum sollten wir ihn aufgeben?«, fragt sie.
Ich habe nicht von Atheers Pferd gesprochen, aber ich bringe es nicht übers Herz, sie zu korrigieren. »Er gehört weder mir noch dir. Wir haben nicht über ihn zu bestimmen. Er gehört Atheer.«
Sie nickt der dunstigen Sonne zu. »Und Atheer wird erwarten, dass wir uns um Raad kümmern, während er weg ist.«
Etwas unerwartet Heißes schmerzt hinter meinen Augen, drückt wie eine Faust auf meine Kehle. »Es ist ein Jahr her.«
»Und?« Sie mustert meinen Griff um den Führstrick. »Raad weiß, dass Atheer hier draußen ist. Deshalb versucht er immer wegzulaufen, wenn er außerhalb der Mauern ist. Er versucht, uns etwas zu sagen, wenn wir ihm nur zuhören würden.«
Ich stoße ein schwaches Lachen aus, so traurig und entkräftet wie eine alte Stoffpuppe, die nicht genug Heu im Bauch hat. »Das klingt komisch von jemandem, der nie auf andere hört.«
Sie schürzt ihre Lippen. »Das tue ich doch.«
»Du gibst vor, krank zu sein, um nicht in die Schule zu müssen, und wenn Mama dich zwingt zu gehen, prügelst du dich mit deinen Mitschülern, widersprichst den Lehrern oder schwänzt den Unterricht ganz. Schulvorsteher Imad weiß nicht mehr, was er mit dir machen soll, und ich auch nicht.«
Amiras Gesichtszüge sind sanft geschwungen, doch es gelingt ihr, sie unfreundlich hart werden zu lassen. »Und du bist besser als ich, ja? Du rennst die ganze Zeit mit deinen hochgeschätzten Schilden weg und riskierst Leib und Leben, obwohl du weißt, dass Mama das nicht mehr will.«
»Ich habe einen heiligen Eid geschworen, die Sahir vor genau der Art von Ungeheuern zu schützen, die man dort findet«, sage ich und deute in Richtung des Brachlands.
»Du hast dir kaum einen Tag frei genommen, seitdem Atheer verschwunden ist!«, bricht es aus ihr heraus. »Hat er dir überhaupt etwas bedeutet, oder wir? Ich?«
Es ist magisch, wie viel tödlicher Worte sein können als Dolche. Pein steigt in meiner Brust auf und zerreißt sie; mein Herz ist bereit herauszufallen und auf dem Schotter zu zerbrechen. Obwohl ich mir antrainiert habe, es nicht zu tun, bin ich bereits hoffnungslos in dem sanften Leuchten von Erinnerungen versunken, die ich normalerweise in meinem Inneren wegschließe. Die Erinnerung an Atheer, der mir noch an demselben Nachmittag, an dem ich verkündete, dass es mein Traum sei, ein Schild zu sein wie er, Sparring beibrachte. Die Erinnerung daran, wie er bei meinen Prüfungen auftauchte, um mich zu unterstützen; oder wie er mich mit sanften Worten und einer Umarmung tröstete, nachdem ich von meiner ersten Mission zurückgekehrt war, verzweifelt darüber, dass ich mit angesehen hatte, wie eine riesige Sandschlange eine vollbesetzte Kutsche verschlang. Jeden Morgen hatte er einen Witz für mich parat. Und wenn nicht, zupfte er an meinem Zopf, wenn er im Haus oder in der Kaserne an mir vorbeiging, und wenn ich ihm einen verärgerten Blick zuwarf, zeigte er mit Unschuldsmiene auf irgendjemanden in der Nähe, sogar auf unseren Hund. Mein Bruder, der Stolz unserer Sippe, das Juwel in Babas Krone, Mamas Herz und Seele … Wie konnte meine eigene Schwester denken, dass er mir nichts bedeutete? Vielleicht, weil sie die Tränen nicht gesehen hat, die ich vergossen habe, nicht die Stunden gezählt hat, die ich nicht geschlafen habe.
»Amira, du weißt, dass du mir am Herzen liegst, aber ich habe mich mit Atheers Tod auf meine eigene Weise auseinandergesetzt«, sage ich.
»Du hast dich mit gar nichts auseinandergesetzt, Imani. Du hast es ignoriert. Diese langen Missionen, zu denen du dich gemeldet hast, haben nicht vielleicht etwas damit zu tun, dass du nicht bei uns sein willst, oder? Du musst nicht hören, wie Mama an der Tür zu Atheers Zimmer weint oder wie Teta zum Großen Geist betet, er möge ihn nach Hause führen; du musst nicht mehr mit ansehen, wie Baba wegen jeder Kleinigkeit wütend wird; du musst nicht mehr stundenlang zuhören, wie er und Mama sich streiten … Du musst nicht mehr mit mir reden.«
Wenn es Worte zu sagen gäbe, so sind sie mir entfallen. Ich fühle mich kraftlos in meiner Lederrüstung, wie ein Seil, das zu viel tragen muss und zu dünn gespannt ist, kaum mehr als das Gewicht einer Feder vom Ausfransen entfernt. Seit Atheers Tod haben Amira und ich mehr geschwiegen als geredet, und doch bin ich unfähig, den Kurs zu ändern und mich ihr wieder anzunähern. Mich irgendjemandem anzunähern.
»Oder vielleicht suchst du selbst nach Atheer, wenn du da draußen bist und dich für unbeobachtet hältst«, sagt Amira jetzt leiser. »Vielleicht weißt du in deinem Herzen, dass ich recht habe und dass es bei unserem Bruder noch um etwas ganz anderes ging.«
Vorsichtig löse ich ihre Hand von den Zügeln. Ihre Haut ist heiß, ihre Nägel sind mit Henna rot gefärbt. Sie sieht aus, als hätte sie in Granatapfelmarmelade herumgestochert – oder in Blut. »Das ist ein tröstlicher Gedanke, aber mehr war da nicht. Er hat Misra aus dem Heiligtum gestohlen und es monatelang missbräuchlich benutzt. Alle Zaubernden laufen Gefahr, eine Besessenheit für Magie zu entwickeln, und für ihn war es noch schwieriger, da er aus der Beya-Sippe stammt – die Magie und der Drang, sie zu beherrschen, liegt uns im Blut. Es tut mir leid, Amira. Übermäßige Magie hat eine schwächende Wirkung auf Körper und Geist, selbst bei einem gesunden, brillanten Zauberer wie Atheer.«
»Nein!« Sie entreißt mir ihre Hand. »Ich glaube dir nicht und auch nicht den anderen Dummköpfen im Rat, die immer die gleichen lahmen Ausflüchte nachplappern. Abgesehen davon, dass er Misra gestohlen hat, zeigte Atheer keine Anzeichen von Magiebesessenheit …«
Ich unterbreche sie mit einem langen Seufzer. »Du kennst die Anzeichen nicht.«
»Ich habe sie in der Bibliothek nachgelesen«, sagt sie schnippisch. »Er war weder aggressiv noch unberechenbar oder irrational.«
»Er war anders …«
»Ja, und er ist aus einem bestimmten Grund gegangen. Es liegt an uns, diesen Grund herauszufinden, und verdammt sei der Rat, wenn er nicht weiter nachforschen will.« Ich bin plötzlich ganz zittrig, wie ein Zelt, das auf Treibsand steht und einem Sturm ausgesetzt ist. »Diese Worte sind zu groß und zornig für dich.«
»Die Wahrheit ist der Dorn, nicht die Rose.«
»Das hast du von Atheer gelernt, nicht wahr?«, frage ich.
Sie starrt auf die schimmernden Wellen, die vom Kies aufsteigen. »Er wollte uns etwas beibringen, aber du hast dich geweigert, zuzuhören, damals wie heute. Lass die Stricke los. Ich werde sein Pferd zurückholen.«
Ich fasse noch fester zu. »Das wirst du nicht. Wir sind hier auf gefährlichem Gebiet.«
»Dann ist es ja gut, dass meine Schwester die nächstbeste Schild ist, die wir haben«, sagt sie mit spöttischer Freude. »Wie hat Atheer dich genannt? Strahlendes Schwert? Ich habe gehört, dass heutzutage jeder ›Dschinntöterin‹ sagt.«
»Ich mache keine Scherze, Amira. Atheer ist fort. Es hat keinen Sinn, dein Leben zu riskieren, um einen Hengst zu bändigen, der frei sein will. Komm, bring Dalilas Pferd zurück und geh wieder in die Schule. Du hast noch ein paar Stunden vor dir.«
Sie starrt mich an. »Wenn du den Führstrick nicht loslässt, reite ich dich nieder.«
»Das würdest du nicht tun«, sage ich, aber es klingt wie eine Frage.
»Doch, und du wirst mich nur aufhalten können, indem du mich tötest, Strahlendes Schwert.« Sie reißt an den Zügeln und lässt die Stute in einer Sandwolke an mir vorbeirauschen.
Ich trete zurück und schirme meine Augen ab. »Gib dieses törichte Vorhaben auf, Amira!«
Sie treibt das Pferd zu noch größerem Tempo an. Nichts, was ich sage, wird sie jetzt aufhalten. Entweder überlasse ich sie dieser gefährlichen Aufgabe, oder ich gehe mit ihr und sorge dafür, dass sie am Leben bleibt; sonst habe ich bald keine Geschwister mehr.
»Verdammt.« Ich renne zurück zu meinem Pferd, schwinge mich in den Sattel und reite ihr hinterher.
3
Irgendetwas war mit Atheer geschehen, das ihn verändert hatte.
Ich weiß nicht, was es war, und das Geheimnis quält mich seither wie ein scharfer Stein in meinem Stiefel, den ich nicht loswerde. Jahrelang hatte er die Quelle der Monster erforscht, die die Sahir plagen. Eines Tages kehrte er von einer langen Mission zurück und war … anders. Ich konnte nicht benennen, inwiefern. Er war wie das Motiv eines Porträts, dessen Gesichtszüge leicht verändert worden waren, genug, um einen zu verwirren – aber nicht genug, um zu erkennen, weshalb man verwirrt war. Er war intensiv, aber war er das nicht schon immer gewesen? Er war charmant, witzig, klug und widmete jedem Thema oder jeder Person, die ihn interessierte, die größtmögliche Aufmerksamkeit. Am Ende war es etwas Giftiges, das sich seiner Aufmerksamkeit bemächtigte.
Eines Abends fragte er mich zu Hause, was meiner Meinung nach jenseits der verzauberten Verschlingenden Sande liegt, die unsere Grenzen schützen. Ich erzählte ihm, was der Rat unser Volk seit einem Jahrtausend lehrt: Jenseits der Sahir ist nichts zu finden. Dort liegt ein verfluchtes, magieloses Ödland, bevölkert von verstreuten, wilden Völkern, die uns vernichten würden, wenn sie von unserer Existenz und der unseres magischen Gewürzes erfuhren. Obwohl ich es ernst meinte, lachte Atheer bis ihm die Tränen kamen. Ich fragte ihn, was an allgemein anerkannten Tatsachen so komisch sei. Ernüchtert sagte er: »Wenn die Welt dunkel ist und du die Einzige mit einer Flamme bist, was machst du dann?«
»Ich teile sie«, antwortete ich. Er lächelte und hielt einen Papierfetzen an die flackernde Kerze zwischen uns auf dem Couchtisch.
»Ja, Strahlendes Schwert, denn Licht, das nicht geteilt wird, ist vermindertes Licht.« Er hielt das brennende Papier an den Docht einer nicht angezündeten Kerze. Gemeinsam sahen wir zu, wie sie zum Leben erwachte, aber ich verstand es nicht.
Ich verstehe das Verbotene Brachland auch nicht, aber es verwirrt mich genauso wie Atheer. Das Land ist undurchschaubar, jedes Stück Sand und Stein gleicht dem anderen und ist doch irgendwie anders und neu und nicht zu enträtseln. Es ist, als würde man versuchen, eine Sprache zu lesen, die aus Symbolen mit all den vertrauten Kurven, Punkten und Strichen des Sahiranischen besteht, und im selben Atemzug feststellen, dass man die Sprache überhaupt nicht kennt. Die Zeit verliert hier ihren Einfluss, oder vielleicht verstärkt sie sich auf eine geheime Weise, die nur sie kennt. Ein Moment ist wie feuchte Farbe, die in die nächste verläuft; und die riesige Ebene zu durchqueren ist einfacher und schneller, als sich von einer Seite eines kleinen Raumes auf die andere zu bewegen. Als würde man durch einen Traum waten. Dass Zeit vergangen ist, bemerke ich erst, als ich in den Himmel schaue und sehe, dass die Sonne niedriger steht.
Zwischen zwei Herzschlägen erheben sich Berge am Horizont aus dem Sand und umschließen uns. Sie ähneln den gekrümmten Körpern riesiger Sandschlangen, ihre Oberflächen sind mit braunen und roten Linien bemalt, spiegelglatt von Jahrtausenden unerbittlicher Erosion. Raads Abdrücke sind im Sand entlang eines Passes zu sehen, der sich zwischen hoch aufragenden Felswänden hindurchschlängelt und uns von dem wegführt, was uns vertraut und sicher ist.
Amira und ich reiten grimmig schweigend Seite an Seite. Hier ist es brütend heiß; meine Haut sieht aus wie gerupftes Storchenfleisch, und Amira reibt sich ständig die Arme durch die beigen Ärmel ihrer Tunika. Ich gebe mir Mühe, mich auf die Spuren zu konzentrieren, damit ich sie in diesem verwirrenden Labyrinth nicht verliere. Vorhin waren Raads Schritte im Muster eines galoppierenden Pferdes angeordnet. Jetzt mäandern sie dahin.
Amira bemerkt das und zeigt darauf. »Siehst du, wie er langsamer geworden ist? Er muss seinem Ziel näher gekommen sein.«
»Er ist ein entlaufenes Pferd, kein Kutscher, der vom Dahabi-Basar zur Bäckerei Afrah fährt.« Ich deute mit meinem Kinn auf den Spätnachmittagshimmel. »Es dauert nicht mehr lange bis Sonnenuntergang.«
»Wirklich?« Verblüfft starrt sie ebenfalls hoch. Wie kann das sein? Es kam mir gar nicht so lange vor.«
»Deshalb warnen die Schilde vor Reisen«, sage ich. »Monster breiten sich in der ganzen Sahir aus, aber in vielen Gebieten, wie dem Brachland, ist ihr Einfluss besonders stark. Wir wissen nicht, wie weit Raad noch entfernt ist, und ich habe keine Lust darauf, herauszufinden, was nachts in diesen Bergen lauert.«
»Dann müssen wir uns eben beeilen«, sagt sie. Der Durchgang vor uns ist zu schmal, um nebeneinander hindurchzureiten. Sie will die Führung übernehmen, aber ich halte Badr vor ihr an.
»Irgendetwas stimmt mit diesem Ort nicht. Spürst du es nicht? Als wären wir es, die verfolgt würden.«
Sie schluckt, sieht sich um. »Schon möglich. Aber Atheer sagte mir einmal, dass Angst wie Wasser ist. Wenn sie nicht eingedämmt wird, sickert sie durch jeden Teil von uns, den sie erreichen kann, sammelt sich in unseren tiefsten Bereichen und lässt schädliche Dinge in ihrem Brunnen verfaulen. Vielleicht hast du einfach nur Angst. Lass uns noch ein Stück weitergehen.«
Sie bittet mich mit einer Geste, mich in Bewegung zu setzen. Aber ich tue es nicht. Es ist merkwürdig: Trotz unserer sehr unterschiedlichen Interessen und Hobbys waren meine Schwester und ich in unserer Kindheit nie zerstritten. Doch jetzt geraten wir wieder aneinander. Streiten scheint das Einzige zu sein, das wir noch gemeinsam machen.
Ein unheimliches Wiehern hallt durch den Durchgang und unterbricht unsere festgefahrene Situation. Amiras Gesicht hellt sich auf. »Raad. Er ist in der Nähe. Beeil dich, wir können zu Fuß weiter.« Sie bindet ihr Pferd an eine verdorrte Wurzel, die aus einem Spalt in der Steinwand ragt, und nimmt ihren geflochtenen Beutel mit zum Durchgang.
»Bleib hier, während ich mir das ansehe«, sage ich und hole mein Lasso aus der Satteltasche.
»Nein. Ich bin keine Schild mit niedrigem Rang, die du herumkommandieren kannst.«
Ich springe von Badr und binde sie an. »Hast du noch nicht begriffen, wie unsicher die Wildnis der Sahir ist?«
Sie zuckt übermäßig theatralisch mit den Schultern. »Wir sind nicht angegriffen worden, und du bist bei mir. Was mich angeht, ich bin so sicher, wie ich nur sein kann.«
»Ich weiß den Vertrauensbeweis zu schätzen.« Seufzend gehe ich zu ihr hinüber, während ich mir das Lasso über die Schulter hänge. »Du hast vorhin gesagt, dass ich nicht mit dir rede. Nun, dann lass mich dir etwas erzählen. Vor ein paar Monaten erhielt meine Gruppenführerin eine Nachricht aus einer kleinen ummauerten Stadt auf den Jeyta-Salzebenen. Die Stadt wurde von einem Ghul heimgesucht, der nur wenige Stunden vor unserer Ankunft einen Mann entführt hatte. Die Familie des Mannes führte uns zu dem Ort, an dem der Ghul auf den Gräbern der Stadt lauerte. Die Kreatur war groß, etwa zwei Meter, aber gebückt, und ihre graue, lederne Haut spannte über den Muskeln. Sie sah beinahe menschlich aus, aber ihre drahtigen Arme waren so lang, dass sie den Boden berühren konnten, wenn sie ganz ausgestreckt waren.« Ich halte eine Hand hoch. »Der Ghul hatte fünf Finger mit langen, gebogenen Krallen anstelle von Nägeln, genau wie an den Füßen. In seinem Gesicht glühten zwei gelb-rote Augen im Mondlicht, darunter war ein gewaltiges Grinsen mit messerscharfen, speicheltriefenden Reißzähnen zu sehen. Er hatte spitze Ohren und schüttere, schwarze Haarsträhnen, die ihm um die Ohren hingen. Bis auf die Lumpen um seine Hüften war er nackt, und bei jedem Atemzug spannten sich seine Rippen durch die Haut.« Ich bleibe in dem Durchgang stehen. »Er tötete und verschlang den jungen Mann, bevor wir ihn aufhalten konnten. Direkt vor meinen Augen. Weißt du, was ein Ghul tun kann, wenn er dich erst einmal getötet hat?«
Sie drückt ihren Körper gegen die Wand und flüstert: »Nein, was?«
»Dein Aussehen annehmen. In einem Moment lagen die Knochen des Mannes, den er getötet hatte, sauber auf dem Boden, mitsamt den Haaren. Nebel zog heran und löste sich einen Moment später auf. Der Leichnam war nicht mehr zu sehen, aber der junge Mann stand wieder aufrecht. Er lebte und atmete wie du und ich. Aber er war kein Mensch. Er verhielt sich nicht wie einer und konnte nicht wie einer sprechen, sondern nur heulen. Ich tötete ihn mit einem Schlag, denn wenn man einen Guhl zweimal schlägt, steht er mit neuer Kraft wieder auf. Aber dieser junge Mann? Er starb zweimal, und seine Mutter hat mir das nicht verziehen. Du glaubst, dass die Sahir sicher ist, weil du noch nicht verletzt wurdest, aber ich versichere dir, viele andere wurden verletzt, und ein Ende dieses Krieges ist nicht in Sicht. Er ist ein Gift, das durch das Land sickert und das wir kaum zurückhalten können.«
Amira starrt den Durchgang entlang. »Es tut mir leid, dass du das durchmachen musstest, Imani, dass du überhaupt in diesem Krieg kämpfen musst, aber ich …« Sie holt tief Luft. »Ich werde mich dem stellen, was mich erwartet, um das Pferd unseres Bruders zu retten.«
Ich nehme wieder ihre Hand. »Bitte, überleg es dir noch einmal, zu deiner eigenen Sicherheit.«
»Ich bin alt genug, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen«, sagt sie mit dickköpfigem Schmollmund.
Ja, törichte Entscheidungen, denke ich, aber ich schiebe mich resigniert an ihr vorbei in den engen Durchgang. Der hungrige Sand saugt an unseren Schuhen, jeder unserer Schritte klingt wie ein Keuchen. Innerhalb weniger Augenblicke verstummt das Schnauben unserer Pferde, die Luft wird stickig und abgestanden wie im Grab. Die Welt wird still, nur das Seufzen des Windes über den Gipfeln und die Kieselsteine, die von den Kanten rollen und die steilen Klippen hinunterhüpfen, sind noch zu hören. Es fühlt sich an, als wären wir völlig allein, die letzten lebenden Wesen der Sahir. Aber das sind wir nicht.
Hinter der nächsten Kurve stehen wir vor einem in den Stein gehauenen Torbogen, der früher durch ein patiniertes Bronzetor verschlossen war, das jetzt offen steht. Dahinter liegt ein Hof mit einem Steinteich. Raad steht daneben und beobachtet uns.
»Ja«, haucht Amira und will vorauseilen. »Siehst du? Ich wusste, dass wir ihn finden würden.«
Ich ziehe sie zurück. Es ist nicht nur Raads Anblick, der mich innehalten lässt, und auch nicht das seltsame Gefühl, dass er uns absichtlich an diesen Ort geführt hat, sondern der Ort selbst: eine uralte, in den Felsen gehauene Behausung, einst prächtig, längst von der unerbittlichen Hand der Zeit abgetragen. Die gegenüberliegende Wand des Innenhofs ist eine spektakuläre Fassade aus spiralförmigen Pfeilern, die um einen offenen Torbogen geschnitzt sind. An anderen Stellen der Hofmauer sind asymmetrische Fenster zu sehen; erodierte Treppen mit spiralförmigen Balustraden treffen auf eingestürzte Eingänge, von denen einige jedoch offenstehen und in die geheimnisvollen Tiefen des Berges führen. Steinbänke und Urnen mit abgestorbenen Weinreben säumen das rissige Kopfsteinpflaster am Rande des Hofs. Das einzig Neue ist ein Botenturm in der Form eines auf dem Kopf stehenden Kegels neben dem Teich, etwa halb so groß wie ich und aus Holz und Messing gebaut. Wäre er in Betrieb, würde eine duftende Rauchsäule von brennenden Gewürzen in den Himmel aufsteigen, um die Aufmerksamkeit der Botenfalken zu erregen. Diese sind darauf trainiert, die verschiedenen Gerüche schon von Weitem auszumachen.
»Der gehört hier nicht hin«, sage ich.
Amira verzieht das Gesicht. »Warum sollte jemand hier draußen Briefe empfangen?«
Ich will es nicht wissen. Und obwohl ich Raad unbedingt in Sicherheit bringen will, hat mich unser Baba, der bedeutendste Reiterfürst Qalias, gelehrt, mich einem entlaufenen Pferd nicht zu schnell zu nähern, um es nicht zu verschrecken. Ich mache einen vorsichtigen Schritt durch das Tor, dann zögere ich beim Heulen des Windes.
»Warte«, flüstere ich.
Wir warten und lauschen dem Wind, der durch die Rinnen und Spalten der Berge in unsere Richtung weht, immer lauter wird und wütend mit losen Felsbrocken klappert. Plötzlich schießt er mit der Wucht eines Speerwurfs durch das Tor und reißt eine Sandwelle mit sich, die den Blick auf den Hof verdeckt. Ich weiche zurück und schütze meine Augen mit der Hand, als etwas aus der Böe auftaucht.
Nein, nicht nur etwas. Mehrere. Unfassbar groß, geformt wie Menschen. Aber anstelle von Fleisch gibt es wabernden und brodelnden Rauch. Die feinen Ränder ihrer Silhouetten lecken mit verfaulenden Zungen an der Luft. Gesichter mit leeren Augenhöhlen, den Schlitzen von Schlangennasenlöchern und ohne Münder.
Amira ergreift meine Hand. »Sind das …?«
»Ja. Dschinn.«
4
Der größte Dschinn gleitet auf einem schwarzen Rauchschwaden vorwärts. Ich höre Wasser rauschen und spüre eine Kälte, kälter als jede Wüstennacht.
»Geht«, zischt er über den heulenden Wind hinweg.
»Fort mit dir«, sage ich zu Amira. Sie gräbt ihre Nägel in meine Handfläche und starrt weiter zu den Dschinn hinauf. Es ist unmöglich zu sagen, wie viele es sind. Sie flackern immer wieder, verdoppeln sich, und dann zerstreuen sie sich, bevor sie sich neu formieren. Die einzige Konstante ist der in der Mitte, der auf uns zu schwebt. Ich biege Amiras Finger auf und gebe ihr einen Stoß.
»Geh. Jetzt.«
Sie blinzelt mehrmals und huscht dann hinter einen nahe gelegenen Felsvorsprung.
»Ihr gehört nicht hierher«, sagt der Dschinn.
Ich ziehe den Dolch, der an meinem Oberschenkel festgeschnallt ist und durch den ich meine magische Zugehörigkeit kanalisieren kann. Er hat einen polierten Griff und eine gewässerte Stahlklinge und ist ein wertvolles Familienerbstück. Meine Tante hat ihn mir geschenkt, als ich den Schilden beitrat und in den Orden der Zaubernden aufgenommen wurde. Er ist auch die perfekte Waffe gegen Dschinn, die Stahl am meisten fürchten. Wenn ich ihn ziehe, rufe ich gleichzeitig die Magie des Misra. Nachdem ich heute Morgen eine ganze Tasse Tee getrunken habe, fühle ich, wie es durch meine Adern strömt. Der Dolch leuchtet weiß-blau und verlängert sich zu einem Langschwert. Ich richte ihn auf den Dschinn.
»Geh, oder du wirst durch meine Hand vernichtet.«
Ihr bösartiges Lachen gleitet über meinen Nacken und lässt mich erschaudern. »Das werden wir ja sehen«, sagt der Anführer.
Er stößt einen diffusen Raucharm aus, der sich zu einem Speer verhärtet. Seine Spitze ist so scharf, dass sie nur wie ein Hauch über meinen Hals zu flüstern braucht, um mir das Leben zu rauben. Ich weiche nach links aus. Dort, wo der Speer meinen Umhang durchbohrt, zerreißt der Stoff. Der Speer zieht sich zurück, und der Dschinn mustert mich durchdringend. Die Zeit dehnt sich, wartet mit nahezu angehaltenem Atem in dem wachsenden Schatten der Spannung. Dann atmet sie aus.
Die Dschinn stürzen sich in einer Flut von Rauch auf mich. Einer schwingt eine Lanze gegen meine Brust. Ich ducke mich, und sie schneidet durch die Luft über meinem Kopf. Ich springe auf und stoße das Schwert durch den Körper des Dschinns, sodass die Rauchschwaden wie verängstigte Köderfische durcheinanderwirbeln. Der Schrei des Dschinns scheint meinen Schädel aufzublasen, der pocht und sich danach sehnt, unter dem Druck zu zerbersten. Aus der Ferne stöhnt Amira vor Schmerz.
Ein anderer stürzt sich auf mich und holt mit etwas aus, das einer Klaue ähnelt. Ich weiche dem Schlag mit einem Schritt zur Seite aus, hole mit meiner Schulter Schwung und trenne den Kopf des Dschinns von seinem Körper. Aus dem Stumpf seines Halses spritzt tiefschwarzes Blut, bevor der Dschinn zu Asche zerfällt. Mehr und mehr tauchen aus dem Rauch um mich herum auf, mit hämischen Augen und schallendem Gelächter. Ich brenne mich durch sie hindurch, und sie kommen immer wieder, diese räuberischen Insekten, die aus der Dunkelheit um eine Fackel herumschwärmen. Meine Klinge ist ein Teil von mir, ich führe sie so intuitiv wie meine eigenen Gliedmaßen. Sie verlängert sich zu einer Stangenwaffe, wenn ich im Kreis schneiden muss; sie verkürzt sich zu einem Dolch, wenn der Abstand zwischen mir und einem Dschinn zu gering ist. Sie spießt auf wie ein Speer und durchtrennt wie ein Schwert. Die Dschinn zerfallen um meine Stiefel herum zu einem Haufen Asche. Wenn ich die Fähigkeiten meiner Zugehörigkeit einsetze, fühle ich mich ganz, vollständig, als wäre ich sonst aus zerbrochenen Stücken zusammengesetzt und Magie der einzige Klebstoff, der sie nahtlos zusammenfügen kann. Das Misra durchströmt mich, meine Magie wallt auf, wenn sich die Klinge verändert, und ebbt ab, wenn sie allmählich aufgebraucht ist. Ich stürze mich mit meiner ganzen Wut in den Kampf – seit Atheers Tod habe ich nichts anderes mehr getan. Ich habe mein Herz verhärtet, bis ich mehr Stahl als Fleisch geworden bin. Ringe die elenden Gefühle nieder, die ich nicht überwinden kann; die wütende Angst, dass mein großer Bruder mich nicht für würdig befand, mir die Gründe zu nennen, weshalb er mich verlassen hat.
Ein Dschinn schreit. Die Berge ächzen, und Finger brechen durch die Felswände. Warmes Blut quillt aus meiner Nase und auch aus meinen Ohren. Ich strecke den Dschinn nieder und befreie meine Sicht von dem Rauch. Ich drehe mich um und will einen anderen angreifen, doch es ist nur der Anführer übrig, der meine Waffenhand trifft. Ein heftiges Brennen macht sich darin breit, meine Finger verkrampfen, und ich lasse mein Schwert fallen. Er streckt eine groteske Gliedmaße aus und stößt die Klinge weg.
»Nein«, schreit Amira aus ihrem Versteck. »Hör auf, tu ihr nicht weh!«
»Du kommst hier nicht vorbei, Dschinntöterin«, sagt er.
»Du hast also von mir gehört.« Mein Langschwert liegt einige Meter entfernt unbeachtet im Kies. Ich halte meinen Arm gesenkt, aber ich strecke meine Hand aus, während ich im Geiste die Klinge zu mir rufe. Es ist, als würde ich Verbindung mit einem verlorenen Teil von mir selbst aufnehmen. Ich bin ich, aber ich bin auch die Klinge, und beide Aspekte suchen die Wiedervereinigung über diese Kluft hinweg.
Der Dschinn hebt einen Spieß und zielt auf mein Herz. »Die Nachricht von deiner Grausamkeit hat sich weit verbreitet. Die Nachricht von deinem Tod wird es auch tun.«
»Eines Tages«, sage ich mit zusammengebissenen Zähnen. »Denn alle, die leben, müssen sterben.« Das Schwert bewegt sich, dreht sich langsam, und der Griff löst sich aus dem Kies. Ich strecke meine Hand mit einem Ruck aus. Das Schwert saust durch die Luft und landet in meiner Hand. »Aber heute ist nicht dieser Tag.«
Der Dschinn fletscht die Zähne und stößt mit dem Spieß zu. Ich weiche aus und treibe mein strahlendes Schwert durch seine Brust. Er schreit auf und fällt wie ein Seidenvorhang zu einem Aschehügel zusammen. Der Wind hört auf zu heulen. Sand und Kieselsteine regnen mit einem verträumten Flüstern auf mich herab. Ich verwandle das Schwert in einen Dolch und stecke ihn in seine Scheide.
Ich breche auf allen vieren zusammen, und Amira rennt herbei. »Das war das Genialste, was ich je gesehen habe! Ich wäre tot, wenn du nicht gewesen wärst.«
Schweiß tropft mir vom Gesicht und spritzt in den Sand zwischen meinen Fingern, wo er kleine Pfützen bildet. Ein roter Tropfen gesellt sich dazu, dann noch einer. Amira küsst mich auf die Stirn und umarmt mich so fest, dass ich glaube, mein Herz springt mir gleich aus dem Mund. Ich beschwere mich nicht; so viel Zuneigung hat sie mir seit Monaten nicht mehr gezeigt.
»Dschinntöterin, allerdings. Selbst dieser Dschinn wusste, wer du bist. Bist du verletzt?« Sie streicht mir durch das wirre braune Haar, das sich aus meinem Zopf gelöst hat, und untersucht mich wie eine Heilerin, mit geschürzten Lippen und gerunzelter Stirn – erst meine pochenden Ohren, dann meine blutige Nase.
»Mir geht’s gut«, sage ich und ziehe meinen Handschuh von der Hand. Auf ihr bilden sich bereits Blasen.
Sie zieht scharf den Atem ein. »Das sieht schmerzhaft aus. Hier.« Sie zieht ein Fläschchen aus ihrer Tasche und gießt Wasser auf die entzündete Haut. Ich zucke zusammen, halte aber dankbar still, bis sie fertig ist.
»Danke«, murmle ich.
Sie fängt an, mir mit einem Tuch das Blut aus dem Gesicht zu tupfen, und versucht, mir in die Augen zu sehen. »Was glaubst du, warum Raad hierhergekommen ist? Und wie ist er hereingekommen, ohne von diesen Dingern angegriffen zu werden?«
Ich drücke mich ab und stehe auf. »Ich weiß es nicht, aber ich will es herausfinden.«
Wir gehen unter dem Bogen hindurch in den Innenhof. Raad steht am Teich und beobachtet, wie Amira ihre Nase an die offene Oberseite des Botenturms drückt. Sie schreckt zurück.
»Ich habe diese Räuchermischung schon einmal gerochen … in Atheers Zimmer. Irre ich mich?«
Ein kurzer Atemzug bestätigt ihren Verdacht. »Nein«, murmle ich und beuge mich vor, um das Bett aus glühenden Kohlen am Boden des Turms zu untersuchen.
»Und sieh dir das an.«
Sie hat einen Stuhl neben dem Turm gefunden und etwas aufgesammelt, das im Sand um ihn herum aufgehäuft war. Ich erkenne die blassen Spiralröllchen in ihrer Handfläche: Holzspäne. Könnte das wirklich sein? Atheer hat in seiner Freizeit Statuetten geschnitzt und sie uns zu besonderen Anlässen geschenkt. Ich habe zu Hause einen kleinen, lebensechten Löwen, der in der untersten Schublade meiner Kommode liegt, weil ich es nicht ertragen kann, ihn anzusehen. Sogar wenn er sich ausruhte, beschäftigte Atheer seine Hände nutzbringend. Abends saß er auf der hinteren Veranda und schnitzte ein Tier, das er auf einer Mission gesehen hatte. Die Locken hingen ihm über die Augen, und seine Finger hantierten geschickt mit dem Schnitzmesser, während er seine Seele in das Werk steckte. In den Monaten vor seinem Verschwinden unternahm er viele kurze Jagdausflüge. Waren das wirklich Jagdausflüge oder nur ein Vorwand, um seine Besuche dieses Ortes zu verbergen? Ich lasse meinen Blick zwischen dem Stuhl und dem Turm hin- und herschweifen und stelle ihn mir vor meinem geistigen Auge vor. »Er saß hier und schnitzte Holz, während er auf die Ankunft eines Botenfalken wartete …«
»Aber warum hat er das nicht in Qalia getan?«
»Vielleicht sollte niemand wissen, dass er diese Briefe erhält.« Ich gehe zu einer silbernen Laterne, die neben dem Haupttor auf dem Boden steht.
Hinter mir bürstet Amira Raads Mähne. »Du hast uns hierhergebracht, stimmt’s? Hey, Imani, wo willst du hin?«
»Hast du ein Streichholzkästchen in deiner Tasche?«
Sie läuft hinüber und drückt mir eine Schachtel in die Hand, während sie über meine Schulter zum Eingang sieht. »Glaubst du wirklich, Atheer ist da reingegangen?«
Ich zünde die Laterne mit einem Streichholz an und hebe sie über meinen Kopf. »Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.«
Wir betreten den breiten Gang. Das Licht fällt auf eine gewölbte Decke, auf der Motive von Dattelpalmen und Schilfrohrsträußen zu sehen sind. An den Wänden sind verblasste Szenen aus der Sahir zu erkennen: Graslandschaften, Moore, ein Dünenmeer. Der Gang mündet in eine Säulenhalle, aber die Dunkelheit verbirgt die Decke und die Wände und gibt uns das Gefühl, in einem unermesslich großen Raum zu sein. Säulenbruchstücke liegen auf den Steinfliesen vor unseren Füßen. Ich bahne mir vorsichtig einen Weg durch die Trümmer und untersuche den kleinen Bereich, den die Laterne sichtbar macht.
»Ich mag diesen Ort nicht«, flüstert Amira.
Ich auch nicht. Bei jedem meiner Schritte fleht mich die Vernunft an, nicht weiterzugehen, aber ich tue es trotzdem. Etwas, das viel stärker ist als die Vernunft, zwingt mich dazu. Intuition. Dieselbe, die mich seit Atheers Tod viele lange Nächte wachgehalten hat, weil ich mich fragte, ob es wirklich vorbei sein könnte. Jetzt spüre ich, dass es nicht so ist.
Nach ein paar weiteren vorsichtigen Schritten fällt das Licht auf einen Schlafsack, einen leeren Wasserkrug und eine hölzerne Truhe auf einem Teppich, der vor den Sockel einer intakten Säule gelegt wurde. Die Ränder meiner Vision pulsieren, als wir hinüberkriechen und uns auf den Teppich knien. Die Fasern unter uns bewegen sich und geben einen Hauch von Apfel-Shisha, Sand und Holz frei. Amira schnappt nach Luft.
»Atheer war hier«, sagt sie und fährt mit den Fingern über den Teppich.
Melancholisch atme ich die Mischung ein. Derselbe Duft wohnt Atheers Decken und Kissen inne, seinen Tuniken und Sirwal-Hosen, die noch immer in seinem Schrank zu Hause hängen, in dem Zimmer, das niemand zu verändern wagt. Das Zimmer, das am Tag seiner Beerdigung die Zeit vergessen hat, als Baba die Tür schloss und sie nie wieder öffnete. Ich sehe Atheers lächelndes Gesicht so deutlich vor mir wie seit einem Jahr nicht mehr: seine freundlichen, bernsteinfarbenen Augen, in denen ständig die Sonne scheint, seine buschigen Augenbrauen, die er immer wieder überrascht hochzieht, das schelmische Grinsen, das sich einschleicht, wenn er sich über Baba lustig macht. Und Baba liebte ihn so sehr, dass der ernste Mann die spitzbübischen Bemerkungen seines Sohnes nur mit einem grollenden Lachen quittierte. Aber ich sehe nicht nur Atheers Gesicht. Ich spüre auch seine magnetische Präsenz, hier, an diesem Ort. Seinem Ort.
Ich stelle die Laterne ab und wische den Staub weg, der es gewagt hat, sich auf der Oberfläche der Holztruhe niederzulassen. Mit zitternden Fingern öffne ich den hakenförmigen Bronzeriegel und hebe den Deckel an. Ein kleiner Haufen Gegenstände kommt zum Vorschein. Ganz oben liegt eine von Atheers Rauchpfeifen, in deren polierten Holzstiel der Anfangsbuchstabe seines Namens eingraviert ist.
»Baba hat ihm die gegeben«, sagt Amira. Dann wendet sie sich ab und schluchzt in ihre Hände.
Es hat keinen Sinn, gegen meinen Kummer anzukämpfen. Ich drücke die süßlich duftende Pfeife an meine Brust und weine. Es ist mir peinlich, das vor meiner Schwester zu tun – ich, die verdammte Dschinntöterin, plärre wie ein verlorenes Baby –, aber ich tue es aus einem Kummer heraus, der so unerwartet intensiv ist, dass meine Tränen weder stark noch groß genug sind, um ihn in seinem ganzen Ausmaß zum Ausdruck zu bringen.
Er staut sich spitz und schmerzhaft in meiner Brust, tobt und sucht nach einem Weg nach draußen, doch ich fürchte, dass er diesen Weg nie finden wird.
Behutsam untersuche ich die anderen Gegenstände, als hätten wir ein uraltes Artefakt entdeckt, das schon bei dem kleinsten Atemzug oder einem zu festen Griff zu Staub zerfällt. Wir finden Federkiele und lose Seiten, ein halb volles Tintenfass, einen Wachsstempel und eine Zunderbüchse, Kerzen, eine Räuchermischung für den Botenturm, einen Beutel mit Gewürztabak, eine halb leere Tüte mit Atheers bunten Kdaameh, die er so gern knabbert, und sogar ein paar Körner Misra, die als kleine Häufchen in den Ecken der Truhe liegen. Ich entrolle eine große Schriftrolle.
Amira beugt sich vor. »Es ist eine Karte … glaube ich.«
Aber sie ist anders als alle, die ich bisher gesehen habe. Anstelle der Sahir zeigt sie die Welt außerhalb der Sahir, oder zumindest einen Teil davon. Eine Welt, die ich noch nie gesehen habe und von der ich mir nicht vorstellen kann, dass sie der unseren so ähnlich ist.
»Königreich Alqibah«, lese ich laut und fahre mit dem Finger über die wunderschön gestalteten Details: die Städte mit den hohen Verteidigungsmauern, die stattliche Burgen schützen; die weitläufigen Ackerflächen und baumbewachsenen Berge, deren höchste Gipfel von Schäfchenwolken umhüllt sind; die verschnörkelte Gabelung, die den Namen Azurfluss trägt. Ein dickes Band schlängelt sich zwischen den Städten durch diese riesige Landmasse: die Gewürzstraße. Es gibt nur einen Ort in Alqibah, der nicht mit der Gewürzstraße verbunden ist … eine ausgedehnte Wüste, die mit einem Totenkopfsymbol und dem Wort Sahir versehen ist.
Amira geht so nah an die Karte heran, dass ihre Nase sie streift. »Geister, ist das etwa, wo wir sind?«
»Das kann nicht sein«, sage ich, obwohl mein aufgewühltes Bauchgefühl etwas anderes sagt. Wo unsere Karten der Sahir Dörfer, Städte und die Stadt Qalia zeigen, ist auf dieser Karte nichts zu sehen. Und wo auf unseren Karten der Welt jenseits des Sandes nichts zu sehen ist, zeigt diese Karte Siedlungen, Dörfer und Städte. Ich starre lange auf die Karte und versuche zu verinnerlichen, wie die Auswärtigen uns wohl sehen – gar nicht. Wir sind unsichtbar, und die Welt ist es für uns. Seit ich ein kleines Mädchen war, weiß ich, dass unser Volk einen uralten, unumstößlichen Pakt mit dem Großen Geist geschlossen hat: Die Magie wurde uns gewährt, um die Sahir zu schützen, aber um die Magie und die Sahir zu schützen, mussten wir uns vor den Auswärtigen verstecken. Ich weiß das, und doch trifft mich diese Tatsache jetzt plötzlich mit einer Tragweite, die ich nicht ermessen kann. Vielleicht, weil das, was jenseits unserer Grenzen liegt, nichts mit der rauen Wildnis gemein hat, die man uns von Kindesbeinen an geschildert hat.
Es ist schmerzlich, meinen Blick von der einsamen Ecke der Sahir auf der Karte abzuwenden, aber es gibt noch mehr Dinge zu untersuchen. Atheer hat Notizen gemacht. Städte sind als »gefallen« bezeichnet, Abschnitte der Gewürzstraße sind eingekreist, Pfeile weisen auf Orientierungspunkte hin, wieder andere Stellen sind mit Kreuzen markiert.
Ich sitze auf meinen Fersen und starre in die staubige Dunkelheit. »Diese Karte kann nicht echt sein.«
»Sie muss es sein …«
»Denk mal drüber nach, was du da sagst. Dies ist nicht die Außenwelt, von der uns der Rat erzählt hat.«
»Ich weiß, aber …« Amira kaut auf ihrer Lippe. »Warum sollte man sie sonst erstellen, und zwar so detailliert, wenn sie nicht echt wäre? Und von wem stammt sie?«
Das sind Fragen, die ich mit den spärlichen Informationen, die ich habe, nicht beantworten kann. »Es ist unmöglich«, murmle ich. »Schlichtweg unmöglich.« Ich nehme die Schriftrolle wieder in die Hand. »Wenn diese Karte wirklich echt ist, kann Atheer sie nicht irgendwo in der Sahir gekauft haben.«
»Er hat sie außerhalb der Sahir, in diesem Königreich Alqibah bekommen?« Amira lässt ihren Blick mit großen Augen über die Karte schweifen. »Aber nur der Rat kennt die geheimen Wege durch die Verzauberung der Sande.«
»Nur der Rat und unser Bruder.«
Nach diesen Worten beugt sie sich vor und flüstert verschwörerisch: »Ich muss dir etwas sagen«, als bestünde die Möglichkeit, dass wir ausspioniert werden könnten. »Mama und Baba haben sich einmal darüber unterhalten, dass der frühere Minister des Landes abgelöst werden musste, nachdem er krank geworden war. Erinnerst du dich daran? Atheer hat sie belauscht und mir erzählt, dass der Minister gar nicht krank war, sondern korrupt. Ein Mitarbeiter des Heiligtums hatte herausgefunden, dass er Münzen aus der Staatskasse entwendet hatte, und das war der wahre Grund, warum er ersetzt werden musste. Atheer warnte mich davor, den Worten des Rates leichtfertig zu vertrauen. Er sagte, dass sie uns bei vielen Dingen anlügen.« Ich folge ihrem Blick zur Karte. »Ich glaube, das hat er gemeint«, sagt sie. »Aus irgendeinem Grund musste er es geheim halten, aber er versuchte trotzdem, uns die Wahrheit über die Außenwelt zu sagen. Man hat uns beigebracht, dass die Sahir ein eigenständiger Herrschaftsbereich ist, aber das hier zeigt, dass wir Teil von Alqibah sind. Und sieh mal. Es gibt Straßen, Städte, ein Königreich …«
Wir wechseln einen grimmigen Blick, bevor wir uns wieder der Truhe zuwenden. Ich suche darin nach Antworten, nach etwas, das Ordnung in diesen Strudel des Chaos bringt, der mich in den Abgrund zieht. Ich hole ein paar Schriftrollen heraus. Briefe, die in einer seltsamen Sprache geschrieben sind, die aber genug Ähnlichkeit mit dem Sahiranischen hat, dass ich sie lesen kann. Sie sind an Atheer adressiert und nur ein oder zwei Sätze lang.
Das Imperium hat alles nördlich von Innareths Schrein in Besitz genommen. Wer sich widersetzt, wird gefangen genommen und in den Straßen, die zu roten Flüssen werden, hingerichtet, ist in dem einen zu lesen.
Taeel-Sa wird bald fallen. Wann werdet Ihr zurückkehren? Unsere Vorräte gehen zur Neige, und die anderen verlieren in Eurer Abwesenheit die Hoffnung, steht in einem anderen.
Dann, viel später datiert: Eure Idee für einen weiteren Hinterhalt findet in unseren Reihen viel Unterstützung. Wir werden den Plan vorantreiben, sobald Ihr zurück seid.
Das Blatt bebt in meinem Griff, und mein Atem wird flach.
»Das ist zu viel, um erfunden zu sein. Es ist der Beweis, dass Atheer in Alqibah war, der Beweis, dass Alqibah überhaupt existiert. Und irgendwie fand er seinen Weg durch die Sande und traf Auswärtige.«
Amiras Hände zittern, als sie den letzten Brief entrollt. Kaum hat sie ihn zu Ende gelesen, bricht sie weinend zusammen. Mehr als jedes Ungeheuer, mehr als den Tod selbst, fürchte ich mich vor der schrecklichen Wahrheit, die in diesem Brief steht. Aber es ist, wie sie sagte: Die Wahrheit ist der Dorn, nicht die Rose, und ich kann mich nicht ewig vor dieser Wunde verstecken.
Ich nehme die Schriftrolle und überfliege die Nachricht, die in Schreibschrift verfasst ist.
A.,
letzte Nacht wurden drei weitere von uns gefasst. Rima war unter ihnen. Wir brauchen dringend neuen Nachschub an Gewürzen – und ich brauche dich. Du weißt, wo du mich findest.
Gute Reise, Geliebter.
F.
»Gewürze«, flüstere ich.
Der Brief entgleitet meinen schlaffen Fingern und bleibt auf meinen Knien liegen, aber mein Blick sucht immer noch die Stelle ab, wo er gerade noch gewesen ist. Jede Sekunde, die ich durchlebe, ist eine Qual; ich bin gefangen zwischen Wänden, die ich nicht sehen kann, und kämpfe darum, meine Lungen auszudehnen, um einen vollen Atemzug zu genießen. Ich will diesen Brief nicht noch einmal lesen und mich zwingen, seinen Inhalt zu akzeptieren. Das würde den bereits zerrissenen Himmel auf mich herabziehen und die bröckelnden Überreste meiner Welt zerstören. Aber welche andere Möglichkeit gibt es? Fortgehen und vergessen, dass das hier je passiert ist? Es würde mir leichter fallen, den Mond zu schlucken, als die Erinnerung an das, was wir heute hier entdeckt haben, zu vertreiben. Ich hebe den Brief also nicht mutig auf, sondern resigniert. Ich lese ihn ein Dutzend Mal, bis die Tinte verschwimmt und fette Tränen meine Sicht verschleiern und ich ihn nicht noch einmal lesen könnte, selbst wenn ich es wollte.
