Gier - Inga Bold - E-Book

Gier E-Book

Inga Bold

5,0

Beschreibung

Zwei entführte Anwälte finden sich in einem abgeschlossenen Raum wieder und sollen ihr Lebensgeständnis ablegen. Was von den Initiatoren akribisch geplant und vorbereitet wurde, gerät völlig aus den Fugen. Einer der Anwälte bringt seinen Kollegen um. Der letzte Fall, in dem Kommissar Baumann vor seiner Pensionierung ermittelt, scheint auf den ersten Blick klar zu sein. Doch dann nutzt ein Nebenkläger seine Rolle im Gerichtssaal, um ein altes Urteil infrage zu stellen. Ein 17 Jahre alter Fall rückt erneut in den Fokus der Ermittlungen. Was hat der Killer von Spandau mit der Sache zu tun? Warum nahm sich ein Zeuge vor 8 Jahren das Leben? Schlampig geführte Ermittlungen, ein Netz voller Intrigen und skrupelloser Interessen gelangen an die Öffentlichkeit. Als ob das nicht schon genug wäre, bekommt die Presse plötzlich neue Fakten durch den Whistleblower 'fck-jstz' zugespielt. Wer steht dahinter und was will der Whistleblower erreichen? Es geht nicht nur um die Verurteilung eines mordenden Anwalts, sondern um viel mehr. "Gier" ist der zweite Roman aus der Todsünden-Reihe, bei dem das Autorenpaar erneut mit emotionaler Raffinesse und dem untrüglichen Gespür für die Abgründe der menschlichen Seele eine Geschichte im gewöhnlichen Alltag Berlins ansiedelt.

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Seitenzahl: 284

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Inhaltsverzeichnis

Der Plan

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Damals

André Howak

Thomas Weinert

Franziska

Der erste Versuch

Jetzt

Donnerstag

Freitag

Baumanns Ermittlungen

Enthüllungen

Ein letztes Problem

Epilog

Nachwort

Glossar

Der Plan

Dienstag

1

Ronald blieben noch zwei Tage zum Leben, als er blinzelnd die Augen öffnete und in das Gesicht seines Freundes sah, der ihn gerade wachgerüttelt hatte.

"Wo bin ich?", fragte er orientierungslos und setzte sich auf die Kante der Pritsche, die an der Wand des fensterlosen Raums stand. Er rieb sich erst die Augen. Dann wischte er mit den Händen übers Gesicht, als wolle er es waschen, und obwohl er kein Wasser hatte, stellten sich die ersten Lebensgeister wieder ein. Doch die Erinnerung an letzte Nacht blieb vage, wurde verdrängt und beherrscht von unsäglichen Kopfschmerzen.

Nach einigen Handbewegungen mehr blickte er endlich zu seinem Freund. "Mann, siehst du Scheiße aus. Haben wir gestern wieder so gesoffen?"

"Ich bin mir nicht sicher."

"Wo sind wir eigentlich?"

"Ich hab keine Ahnung", antwortete Rolf gereizt. "Mir brummt der Schädel und ich hatte gehofft, dass du dich an irgendwas erinnerst."

"Wie spät ist es?", fragte Ronald mehr zu sich selbst und sah auf das Handgelenk, an dem sich normalerweise seine Uhr befand.

"Meine ist auch weg. Scheinbar wurden wir ausgeraubt", beantwortete Rolf die Frage, die sein Freund noch nicht gestellt hatte.

"Wie lange bist du schon wach?"

Rolf zuckte mit den Schultern. "Ich bin kurz vor dir aufgewacht und hatte gehofft, dass du mir sagen kannst, wie wir hier gelandet sind."

"Ich habe nicht die geringste Ahnung. Mann, hab ich einen Kater", antwortete Ronald und sah sich das erste Mal in dem kleinen Raum um. "Was ist das hier?", murmelte er leise und blickte zu seinem Freund.

"Ich weiß es auch nicht", sagte Rolf erneut gereizt. Er erhob sich abrupt von der Pritsche. "Hier scheint es keine Tür zu geben, aber irgendwie müssen wir ja reingekommen sein."

Beide Männer sahen sich nun um. Der Raum wirkte steril. Der Boden und die Wände schienen aus einem plastikartigen, aber zugleich sehr hartem Material zu bestehen, das keinerlei Risse, Löcher oder andere Unebenheiten aufwies. An der Längsseite war die Pritsche angebracht, auf der sie beide zu sich gekommen waren. Die Decke war so hoch, wie der Raum breit war. Etwas unterhalb der Lampen war ein Gitter aus dünnen Metallstäben angebracht, durch deren Öffnung jedoch keine Hand passte. 'Wahrscheinlich nicht mal die eines Kindes', dachte Rolf, als er versuchte, das Gitter genauer in Augenschein zu nehmen. Es fiel ihm schwer, obwohl er die Augen zusammenkniff, um die dünnen Stäbe besser zu erkennen. Die über dem Gitter befindlichen LEDs gaben ein kaltes, weißes Licht von sich, strahlten zielsicher auf den Boden und tauchten einen Teil der Decke in das Schwarz, aus der sie sowieso zu bestehen schien.

"Hier ist eine Kiste", sagte Ronald plötzlich und versuchte, sie unter der Pritsche hervorzuziehen. Es gelang ihm nicht. Rolf kam ihm zu Hilfe. Zu zweit zerrten sie an der Holzkiste, doch sie rührte sich immer noch nicht vom Fleck.

"Die lässt sich beschissen anfassen", fluchte Rolf und schlug vor, sie in eine Richtung zu schieben. Sie hockten sich unter die Pritsche. "Bei drei", sagte Rolf und als er gezählt hatte, drückten sie mit vollen Kräften gegen die Wand der Kiste. Ihre Köpfe wurden rot vor Anstrengung, doch am Ergebnis änderte das nichts. Die Kiste ließ sich nicht einen Millimeter bewegen. Nur die Kopfschmerzen der Männer nahmen wieder zu.

"Scheiße", fluchte jetzt auch Ronald und stieß beim Versuch aufzustehen gegen die Pritsche, die etwas nachgab, aber sofort wieder in ihre alte Position zurückfiel.

"Das hätte uns auch vorher einfallen können", stellte Rolf fest, stand auf und hob die Liegefläche hoch. Wie der Deckel einer übergroßen Truhe gab die Pritsche nun den Blick in die Kiste frei, die sie nicht hatten verschieben können.

"Halt sie richtig fest", sagte Ronald und tastete von unten die an der Wand befestigte Seite der Pritsche ab. "Hier sind Scharniere dran", bemerkte er nach einigen Sekunden keuchend und stand auf.

Jetzt sahen beide in die offene Kiste. Keiner sagte einen Ton und nach einer gefühlten Ewigkeit fragte Rolf: "Was ist das?"

"Das siehst du doch."

"Natürlich sehe ich das. Sechs Wasserflaschen, ein Topf, Löffel, ein Campingkocher, einige Tütensuppen, Würstchen und Schreibzeug."

"Du hast den Eimer vergessen und hättest fragen sollen, was soll das?"

"Woher soll ich das wissen?", erwiderte Rolf gereizt, besann sich aber sofort wieder. "Gib mal die Flaschen raus! Ich halte solange die Pritsche hoch."

Ronald griff nach der Packung und nahm sie heraus. Anschließend ließ Rolf die Pritsche wieder nach unten und setzte sich. Mit einer Handbewegung deutete er seinem Freund an, neben ihm Platz zu nehmen. Ronald ließ sich auf die Pritsche sacken und stellte die Packung zwischen ihnen in die Mitte. Er riss sie auf und jeder der beiden griff sofort nach einer Flasche, öffnete sie und trank gierig daraus.

"Schon besser", sagte Rolf zuerst und schraubte die halbleere Flasche wieder zu. Dann stand er auf und klopfte mit der flachen Hand an die gegenüberliegende Wand. "Sie können uns jetzt rauslassen!", rief er und hielt mit dem Klopfen inne.

Die Stille war ohrenbetäubend und nach einigen Sekunden wiederholte er das Klopfen und brüllte aus voller Kehle: "Lassen Sie uns raus! Der Scherz ist vorbei. Wenn Sie jetzt aufmachen, gehe ich nicht zur Polizei. Ich bin Anwalt." Wieder gab es keine Reaktion von draußen.

"Setz dich wieder hin", schlug Ronald vor.

"Wie kannst du nur so ruhig bleiben?"

"Weil dein Geschreie jetzt auch nichts nützt. Wir haben keine Ahnung, wo wir sind und ob uns jemand hört. Falls ja, sollten wir einen Augenblick warten. Vielleicht hören wir was von draußen."

"Du hast recht", räumte Rolf ein und setzte sich. Gemeinsam horchten sie in die Stille. "Kannst du dich an irgendwas erinnern?", fragte Rolf leise, als er es nach einer Weile nicht mehr aushielt.

"Nicht wirklich, aber zurzeit frage ich mich, wo unsere Jacken abgeblieben sind. Ich weiß nur, dass wir mit dieser neuen Mandantin zum Essen verabredet waren."

"Und in ihrem Restaurant auf sie gewartet haben", bestätigte Rolf die Aussage seines Freundes. Nachdenklich meinte er nach einigen Sekunden: "Dann kam der Kellner mit einem Telefon und übergab es mir. Die Mandantin war dran. Sie entschuldigte sich für die Verspätung und hat vorgeschlagen, dass wir uns schon etwas zu trinken bestellen sollen. Sie ließ sich wieder den Kellner geben, sprach kurz mit ihm und der brachte uns dann die beiden Cocktails auf Empfehlung seiner Chefin."

"Stimmt. Der Cocktail ist auch das Letzte, an das ich mich erinnere", sagte Ronald nachdenklich und massierte dabei seine Schläfen, um die Kopfschmerzen erträglicher zu machen.

Eine Weile blieben die beiden schweigend sitzen, tranken gelegentlich einen Schluck aus ihren Flaschen und schienen auf irgendetwas zu warten. Doch das Irgendetwas stellte sich nicht ein.

Ronald unterbrach die Stille als Erster. "Mich würde interessieren, wie spät es ist, und wie lange wir schon hier sind?" Er erhob sich und inspizierte den Raum genau. Mit der flachen Hand strich er über die Wände und betrachtete die Ecke, in der er nach zwei Metern stand. Sein Blick ging nach oben und folgte der Kante bis auf die andere Seite. Er ging dorthin und musterte auch diese Ecke. "Die Wand scheint hier eingelassen zu sein. Könnte eine Spezialtür sein, die hermetisch schließt", murmelte er wie zu sich selbst. "Ich bräuchte etwas Spitzes, das hart genug ist", sagte er, als ihm zeitgleich die Idee kam.

"Und wo soll ich das hernehmen?"

"Los, hilf mir mal!", sagte Ronald, ging zur Pritsche und stellte die Flaschen auf den Boden. Zusammen hoben sie die schwere Liegefläche wieder an. Ronald nahm einen der Stifte aus der Kiste und ging zurück in die Ecke. Vorsichtig hielt er die Spitze der Mine an den schmalen Spalt, der nur wenig breiter als ein Haar zu sein schien. Sie passte nicht hinein. Er versuchte, den Befestigungsclip des Stifts zu lösen. Als er den schmalen Metallstreifen endlich in der Hand hielt, schob er ihn vorsichtig in den Spalt. Der dünne Clip drang wenige Millimeter ein und steckte fest. Vorsichtig bewegte Ronald ihn nach rechts und links, aber das Wandmaterial gab nicht nach. Er zog den Clip wieder heraus und probierte es an zwei anderen Stellen nochmals. Das Ergebnis war dasselbe.

Rolf, der die ganze Zeit schweigend zugesehen hatte, stand auf und ging zu seinem Freund. "Wir sollten es wieder auf meine Art versuchen", schlug er vor.

Ronald nickte resignierend. Gemeinsam schlugen sie gegen die Wände des Raums und brüllten dabei aus vollen Kehlen. "Hallo. Hört uns jemand?" Immer wieder hielten sie inne und hofften auf eine Reaktion von außen. Sie blieb aus. Nach mehreren erfolglosen Versuchen gaben die beiden Männer auf. Sie setzten sich keuchend und mit schmerzenden Handflächen auf die Pritsche.

"Das Arschloch, das uns hier festhält, mach ich fertig", sagte Rolf entschlossen und massierte seine rechte Handfläche.

"Erst mal müssten wir wissen, wer das Arschloch ist", gab Ronald leise zu bedenken und versuchte angestrengt, die vagen Erinnerungen aus dem Nebel des Nichts zu zerren. "Weswegen sind wir eigentlich in das Restaurant gefahren?", murmelte er fast unhörbar.

"Es ging um eine gewerberechtliche Anfrage. Wir sollten ein Objekt vor Ort kennenlernen und waren, wenn ich mich recht erinnere, in der Reichsstraße", sagte Rolf mehr nachdenklich als antwortend.

"Stimmt. Wir sind bis zum U-Bahnhof Neu Westend gefahren und den Rest gelaufen." Ronalds Nebel lichtete sich etwas, sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, aber auch die Schmerzen wurden wieder stärker. "War so ein kleiner italienischer Laden", fügte er noch hinzu und nahm einen weiteren kräftigen Schluck aus seiner Wasserflasche.

"Wie lange könnten wir schon hier drin sein?", fragte Rolf und beantwortete die Frage, auf die Ronald nur mit einem Schulterzucken reagierte, selbst. "So lange kann es noch nicht sein. Ich müsste mal pissen." Sein Blick streifte erneut durch den Raum, doch die Erkenntnis änderte sich nicht. Er sah auf die halbleere Wasserflasche und setzte sie an seinen Mund. Als sie fast geleert war, rülpste er. "Mehr als das haben wir nicht. Solange wir nicht scheißen müssen, geht es." Er stand auf, ging in die Ecke und öffnete, von seinem Freund abgewandt, die Hose. "Scheiße", entwich ihm ärgerlich, aber dann stellte sich das typische Geräusch ein, das man hörte, wenn eine Wasserflasche gefüllt wird.

2

Franziska Schönburg verließ den Bahnsteig des U-Bahnhofs und ging langsam die Stufen nach oben zum Ausgang Turmstraße. Von hier aus war es zwar nicht mehr weit bis nach Hause, aber das Wetter war alles andere als einladend. Es war kalt, es war nass und ein feiner Nieselregen machte schon seit Stunden einen Regenschirm fast überflüssig. Typisches Novemberwetter, das die Tage gar nicht mehr richtig hell werden ließ. Sie war froh, sich heute Morgen für ihre pinkfarbenen Gummistiefel entschieden zu haben. Ihr Freund hasste die Treter, wie er sie immer nannte, doch das war egal, denn er saß in der warmen Wohnung und arbeitete.

Franziska hielt mit ihrem Lauf kurz inne und sah in Richtung der Straße. Sie stülpte die Kapuze der Regenjacke über ihre kurzen, blonden Haare. Nur die blau gefärbte Strähne wurde dabei jäh aus ihrer bisherigen Position gerissen und hing an der Stirn herunter. Dann nahm sie ihr Tempo wieder auf und verließ den U-Bahnhof. Sie bog nach rechts in die Turmstraße ab, eilte an der Wilhelmshavener Straße vorbei, um anschließend sofort in die Bredowstraße zu gehen. Die schmutzigen Häuserfronten wirkten auch bei Sonnenschein trist und verrieten noch heute, wer früher hier gewohnt hatte. Doch der angebliche Charme des ehemaligen Arbeiterviertels wurde durch die dunklen, tiefhängenden Wolken und den Regen restlos fortgespült. Jetzt musste sie nur noch die Bugenhagenstraße überqueren, um endlich zu Hause anzukommen. Bereits auf den letzten Metern holte sie die Schlüssel aus ihrer Jackentasche. Dabei wurden ihre Schritte etwas schneller. Der Regen hatte plötzlich zugenommen, aber die Aussicht auf einen heißen Tee – frische Minze mit etwas Zitrone schwebten ihr vor – ließen die Unbilden des Wetters plötzlich fast als einen Segen erscheinen. Wenn sie erst, ein dampfendes Glas in der Hand haltend, auf der Couch lümmeln würde, rechts und links von ihren beiden Lieblingsmännern flankiert, könnte sie alles vergessen. Das Wetter, der Stress, die Sorgen fielen dann von ihr ab und einige Minuten würde das Leben so sein, wie es sein sollte. Entspannt, romantisch und einfach nur lebenswert.

Zitternd steckte sie den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Haustür. Sie schüttelte sich leicht und unzählige Tropfen fielen auf den Boden, bildeten einen feuchten Ring um sie, den sie rasch durchschritt. Dann öffnete sie den Briefkasten, nahm die tägliche Werbeflut heraus und prüfte lediglich, ob sich ein Brief darin versteckt haben könnte. Sie fand keinen und schmiss alles in die Kiste, die eigens dafür auf den Boden gestellt worden war. Franziska hasste die Werbeflyer und Kataloge. Sie ärgerte sich über jeden Baum, der deswegen – ihrer Meinung nach umsonst – gefällt wurde. Da keine Post im Kasten war, wusste sie, Tobias hatte im Laufe des Tages schon nachgesehen. Er nahm die Werbung nie heraus, hatte irgendwann einmal gesagt, etwas stimme nicht, wenn der Briefkasten komplett geleert sei und sie dann nicht in die Wohnung kommen solle. Obwohl das schon acht lange Jahre her war, hatte sie die Mahnung nie vergessen. Sie gehörte zu den Warnhinweisen, die sie vereinbart hatten.

Rasch ging sie die Stufen nach oben und bevor sie klingelte, fiel ihr Blick auf den kleinen grünen Punkt, der oberhalb des i am Namensschild leuchtete. Wäre er rot gewesen, hätte sie ihren Gang nach oben weiter fortgesetzt. Sie läutete kurz, bevor sie die Tür aufschloss. Sie mochte es selbst nicht, überrascht zu werden. Obwohl es eine Zeit lang gedauert hatte, sie schaffte es, Tobias von dieser Marotte zu überzeugen. Er machte es seitdem genauso, wenn er nach Hause kam. Es war ein Relikt aus den Jahren, die sie im Heim verbracht hatte.

Franziska öffnete die Tür. "Ich bin's, Schatz", rief sie in den Flur, nahm ihre Umhängetasche ab, zog die Jacke sowie ihre Gummistiefel aus und eilte ins Arbeitszimmer.

Als sie es betrat, klappte er den Laptop zu und sah sie an. "Ich hatte noch gar nicht mit dir gerechnet."

"Das sehe ich", antwortete sie, stellte sich hinter ihn und legte ihre Hände auf seinen Nacken.

"Sind die kalt." Tobias zuckte kurz zusammen, drehte sich aber mit dem Stuhl in Franziskas Richtung und zog sie auf seinen Schoß. "Gib mir einen Kuss, Froschprinzessin!"

Sie tat es und stand sofort wieder auf. "Ich brauche einen Tee und dann erzähle ich dir, wie es gelaufen ist."

"Mach doch bitte zwei. Ich komme gleich nach", rief er ihr noch hinterher und klappte das Display wieder nach oben. Er las den Brief, den er gerade geschrieben hatte, noch einmal durch und druckte ihn aus. Dann ging er in die Küche zu Franziska, die gerade kochendes Wasser auf die Minzeblätter goss und anschließend in jedes Glas eine Zitronenscheibe gab. Sie nahm das kleine Tablett und lächelte Tobias an. "Lass uns ins Wohnzimmer gehen!"

Dort machte sie es sich auf der Couch bequem und lehnte sich bei Tobias an, der sofort seinen Arm um ihre Schulter legte. "Reichst du mir bitte Hubert rüber!" Tobias fasste Hubert am Ohr und zog ihn schwungvoll vom Sessel. "Du sollst ihn nicht immer am Ohr ziehen", monierte Franziska liebevoll und drückte ihrem Teddy zärtlich einen Kuss auf seine Stupsnase. Dann drückte sie Hubert an ihre Brust und schloss kurz die Augen. Die erhoffte innere Ruhe stellte sich ein, und obwohl sie nur von kurzer Dauer sein würde, gab sie ihr doch die Kraft, die sie brauchte, um all das tun zu können, was getan werden musste.

Auch Tobias wusste das und stellte nicht die sonst üblichen Fragen nach ihrem Tag oder wie dieses und jenes gelaufen sei. Er gab ihr einfach das, was jetzt für sie wichtig war, und das war Geborgenheit. In solchen Momenten schweifte er mit seinen Gedanken oft in die Vergangenheit ab, zurück in die Zeit, als er Franziska kennengelernt hatte. Damals war er 15 Jahre alt. Obwohl das bereits eine Ewigkeit her war, kam es ihm immer so vor, als wäre es erst gestern gewesen. Er wusste, es ging ihr genauso, und er wusste auch, dass ihre Verbindung durch ein ganz besonderes Band zusammengehalten wurde. Ein Band, das scheinbar ewig, aber wenigstens ein Leben lang hielt, sie zu einer Einheit machte, sie beide wie einen Organismus denken und handeln ließ.

"Dein Tee wird kalt", sagte Tobias leise.

Franziska nickte, setzte Hubert neben sich und nahm das immer noch angenehm warme Glas in ihre Hände. Sie wärmte kurz ihre Finger daran und trank den ersten Schluck.

"Ich soll dich von Papa grüßen."

"Geht's ihm gut?", erkundigte sich Tobias.

"Das tut es. Er hat gesagt, dass er es kaum noch erwarten kann, mich zum Altar zu führen."

Tobias schmunzelte. "So oder so, es wird nur noch ein oder zwei Jahre dauern."

"Das weiß er, und wir sollen uns seinetwegen keine Sorgen machen." Franziska sah zu Tobias, lächelte und machte einen Kussmund. "Na los, Herr Anwalt. Sie dürfen die Braut jetzt küssen", sagte sie nuschelnd und schloss die Augen. Tobias kam ihrer Aufforderung gern nach.

Nach dem Kuss räkelte sich Franziska leicht und befreite sich so aus seiner Umarmung. "Ich leg mich etwas hin. Ich bin hundemüde. Weckst du mich spätestens um acht?"

"Mach ich. Dann komme ich noch zum Arbeiten."

"Dann bis nachher." Franziska schnappte sich Hubert und stand auf. Sie ging ins Schlafzimmer und es dauerte nur wenige Minuten, bis sie, mit dem großen Teddy im Arm, eingeschlafen war.

Tobias saß noch einige Minuten auf der Couch. Das, was Franziska ihm erzählen wollte, hatte sie noch nicht berichtet. Aus seiner Sicht ein gutes Zeichen. Es würde auch reichen, wenn sie es beim Abendessen täte.

3

"Dieses Licht macht mich wahnsinnig", tobte Rolf und schlug mehrmals mit der flachen Hand gegen die Wand.

"Bleib mal ruhig oder wäre es dir lieber, im Dunkeln zu sitzen?"

"Wieso sitzen wir überhaupt hier?" Rolf ließ sich auf die Pritsche fallen und strich mit den Händen über sein Gesicht. Ein leichtes Kratzen war zu hören. "Wir dürften jetzt etwa einen Tag hier sein", bemerkte er, die Länge seiner Bartstoppeln interpretierend. "Die Mandantin heißt Özdemir", sagte er plötzlich und sah zu seinem Freund. "Sagt dir der Name irgendwas von früher?"

Ronald schüttelte den Kopf. "Gar nichts. Ansonsten ist es in Berlin fast normal, dass italienische Restaurants von Türken oder Albanern betrieben werden."

"Das weiß ich selbst", antwortete Rolf gereizt. "Wie alt mag die wohl gewesen sein?", sinnierte er einen Moment später deutlich leiser.

"Um die dreißig vielleicht. Auf jeden Fall war sie attraktiv, wenn man auf lange schwarze Haare steht. Meinst du, die hat uns entführen lassen. Das wäre bescheuert, denn wir kennen das Restaurant und könnten jederzeit …" Abrupt beendete Ronald den Satz.

"Angaben machen und sie so identifizieren", beendete Rolf ihn.

"Es sei denn, …"

"Wir kommen hier nicht mehr lebend raus." Die Stimme, die ihm das geflüstert hatte, zog sich wieder in den Abgrund zurück.

Die beiden Männer sahen sich mit weit aufgerissenen Augen an. Die Erkenntnis hatte schlagartig neues Adrenalin in ihre Adern gepumpt. "Lass uns weiter um Hilfe rufen! Wir ziehen unsere Schuhe aus und hauen mit den Absätzen gegen die Wand. Es ist lauter und tut nicht so weh."

"Dann los!", antwortete Ronald und zog an der Schleife des Schuhs, den er ausziehen wollte. Unwillkürlich machten sich ungute Gefühle in ihm breit, die bewirkten, dass er den Schuh mit voller Wucht gegen die Wand drosch. Dabei brüllte er aus voller Kehle, aber schielte auch immer wieder zu Rolf, der es ihm gleichtat. Das verscheuchte das ungute Gefühl zwar nicht, half jedoch, es vorübergehend zu verdrängen.

Nach einigen Minuten setzten sich die Männer wieder. Sie keuchten lautstark und Schweißperlen liefen auf ihren Gesichtern herab.

"Lass es uns in einer Stunde noch mal probieren", schlug Ronald, immer noch schwer atmend, vor.

Rolf nickte. "Wenn Nacht ist, hört man uns bestimmt besser."

"Vielleicht ist es schon nachts."

"In einer Stunde wissen wir mehr. Ich könnte jetzt meine Medizin gebrauchen."

"Nimmst du die immer noch? Ich dachte, du hättest sie schon vor Jahren abgesetzt."

"Hab ich probiert. Ging nicht."

"Heißt das, du bist noch bei einem Psychiater in Behandlung?"

"Mehr oder weniger. Er besorgt mir die Pillen, falls ich sie brauche. Ich muss ihn nur anrufen, wenn es mir schlecht geht. Außerdem sehe ich ihn gelegentlich bei Gericht oder im Knast in Moabit."

"Dann bist du Patient bei Winterbauer?", schlussfolgerte Ronald erstaunt.

"Wenn du es so nennen willst. Ich habe die Praxis nur einmal von innen gesehen. Das ist Jahre her. Die Rezepte kommen per Post. Was der Typ abrechnet, ist mir so was von egal. Eine Hand wäscht die andere." Rolf grinste süffisant.

"Das mit dem Gutachter ist mir die ganzen Jahre über gar nicht aufgefallen. Ich meine, dass er dein behandelnder Arzt ist."

"Schon klar. Behalt es für dich, wenn wir hier wieder raus sind." "Ansonsten wirst du mich kennenlernen, Freundchen", flüsterte die Stimme in Rolfs Kopf.

"Ja was denn sonst. Schließlich schlagen wir ihn oft genug als Sachverständigen vor", erwiderte Ronald, der wirklich erstaunt war, wie sein Freund und Geschäftspartner es geschafft hatte, das all die Jahre vor ihm zu verbergen. Aber letztlich war es egal, woher Rolf seine Pillen – die kleinen Muntermacher, wie er sie selbst früher immer nannte – herbekam. Beim Koks war das anders gewesen. Wenn ihr libanesischer Stammdealer die abgepackten Portionen in die Kanzlei brachte, nahm Ronald sie auch des Öfteren entgegen, bezahlte mit dem Geld, das im Tresor lag und freute sich schon auf einen feuchtfröhlichen Abend. In der Regel wurde eine Nacht daraus, in der sie nicht nur mehrere Flaschen, sondern auch einen Teil der kleinen Päckchen aufgebraucht hatten. In letzter Zeit war das nur noch selten vorgekommen, aber die großen, die wirklich rentablen Fälle, würden sich schon wieder einstellen. Sie mussten nur auf das Glück vertrauen, so wie sie es die ganzen Jahre über getan hatten. Durststrecken gab es immer und zwischendurch galt es, die Kanzlei, und damit ihr Leben, durch kleine, unbedeutende und wenig rentable Mandate über Wasser zu halten. Jeder Ebbe folgte eine neue Flut, und wenn die Ebbe in der Kasse zu lang wurde, konnte die eine oder andere Lieferung des Libanesen im Knast zu Höchstpreisen verkauft werden. Als Anwälte wurden sie schließlich nicht ernsthaft kontrolliert, und die Lieferungen erfolgten sowieso erst, wenn die Vorkasse durch einen Freund oder Verwandten des Inhaftierten bar in die Kanzlei gebracht worden war. Die Liefergarantie hatte ihren Preis. Allein deshalb lohnte es sich, die Kanzlei am Leben zu erhalten. Einmal hatten sie sogar ausgerechnet, was es ihnen bringen würde, nur noch dieses Geschäftsmodell zu betreiben. Doch wenig später hatten sie das verworfen. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis es auffliegen würde, und so begnügten sie sich mit gelegentlichen, mehr oder weniger unplanbaren Lieferungen. Das auch nur, wenn der Empfänger zugleich ihr Mandant und am besten eines Drogendelikts wegen in Untersuchungshaft saß. Wem glaubte man mehr, falls etwas schiefging? Natürlich ihnen, wenn sie sagen würden, der Mandant habe versucht, sie zu erpressen und die angebliche Geldübergabe frei erfunden. Was waren solche Zeugen schon wert? Nichts! Das Wort ehrbarer Anwälte gegen das eines Kriminellen und seiner Sippe, eines Drogendealers, der alles tun würde, um seiner gerechten Strafe zu entgehen, und der das abscheulichste aller Register zog: Den eigenen Verteidiger bezichtigen, um vor Gericht einen Deal machen zu können. Die Mischpoke hielt zusammen. 'So war es schon immer und so wird es immer bleiben', dachte Ronald und kehrte ins Jetzt zurück. Zurück auf die harte Pritsche und zu seinem Freund, der ihn ansah und meinte: "Lass es uns wieder versuchen. Die Stunde dürfte um sein."

4

Thomas Weinert schaltete den Fernseher an und zappte sich durch die Programme. Nichts interessierte ihn. Er hoffte, dass wenigstens der Film, für den er sich im Abendprogramm entschieden hatte, seinen Erwartungen entspräche. Bis dahin war noch Zeit, und deshalb beschloss er, sein bereits vor Wochen begonnenes Buch weiterzulesen. Bevor er damit begann, wollte er sich einen Kaffee machen. Er öffnete die Tür seines Schranks, um das Glas Kaffeegranulat herauszunehmen. Er schüttete etwas davon in die Tasse und übergoss es mit heißem Wasser, das in seiner Thermoskanne auf dem Tisch stand. Er musste sparsam damit umgehen, denn das Wasser langte nur noch für drei Tassen. Nicht viel, um bis zum nächsten Morgen damit auszureichen, aber genug, wenn man wie er gewohnt war, mit wenig auszukommen.

Mechanisch rührte er den Kaffee um. Er schien mit seinen Gedanken nicht bei der Sache zu sein. Ein störendes Geräusch, welches durchs geöffnete Fenster vom nicht weit entfernten Flughafen Tegel zu ihm drang, holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Er trank einen Schluck und schob die Tasse dann nach hinten. Auf dem Tisch war jetzt genug Platz für sein Buch.

Thomas Weinert begann zu lesen. Seite für Seite blätterte er um. Als er wieder nach seiner Tasse griff, fragte er sich, was er gerade gelesen hatte? Er wusste es nicht. Die Augen waren zwar über die Buchstaben und Zeilen gehuscht, aber der Text nicht in seinem Gehirn angekommen. Wie auch? Er war mit seinen Gedanken gerade ganz woanders. Jetzt stand für ihn auch fest, er brauchte den Fernseher heute nicht mehr einschalten. Beim Film, wie spannend er auch wäre, würde es ihm genauso gehen. Innerlich haderte er mit sich, dem Plan nicht nur zugestimmt, sondern ihn auch aktiv unterstützt zu haben. 'Hoffentlich läuft alles so weiter, wie wir's geplant haben', dachte er, genoss jedoch gleichzeitig die Angst, die die beiden Männer gerade durchleiden mussten. Vorsichtig führte er die Tasse zum Mund und trank einen Schluck. Der Kaffee war bereits kalt.

Angewidert stellte er die Tasse wieder an ihren angestammten Platz, sah auf seine Hände und bereute in dem Moment einmal mehr, damals nicht verheiratet gewesen zu sein. Wahrscheinlich wäre dann alles nicht passiert, aber das war nicht sicher. "Wir machen das für dich, mein Schatz", flüsterte er, wohl wissend, es würde Patricia nicht mehr lebendig machen. Das junge Leben, welches sie damals in sich trug, genauso wenig. 'Du wärst jetzt sechzehn', dachte er und stellte sich einmal mehr vor, wie er oder sie ausgesehen haben könnte. 'Als Mädchen wärst du bestimmt genauso hübsch geworden, wie deine Mutter oder deine Schwester', schloss er den Gedanken ab, der zu nichts führte.

Thomas Weinert klappte das Buch zu. Dann trank er den kalten Kaffee in einem Zug aus und legte sich aufs Bett. Sein Kopf ruhte auf den Händen und lange starrte er zur Decke. Er dachte an seinen alten Freund Cem, der vor zwei Monaten in seine Heimat zurückgekehrt war, aber als Familienoberhaupt die Fäden stets in der Hand behalten hatte. Das galt auch für den Teil der Großfamilie, der weiterhin in Berlin lebte und das Restaurant in der Reichsstraße betrieb. Als die Urlaubskarte aus Antalya bei ihm eingetroffen war, sie war das vereinbarte Zeichen, welches sie kurz vor Cems Abschiebung vereinbart hatten, war Thomas Weinert nicht nur gerührt gewesen. Er hatte es gerade noch in die Abgeschiedenheit seines Raumes geschafft, als ihm bereits die ersten Tränen an den Wangen herabgeflossen waren. Es waren Tränen des Glücks. Immerhin gab es drei Menschen, auf die er sich blind verlassen konnte. Das war mehr, als er jemals zu hoffen gewagt hatte. Die letzten knapp siebzehn Jahre jedenfalls.

Er schob diese Gedanken beiseite und stellte sich erneut vor, wie es den beiden Männern gerade ging. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Auch wenn sich die Situation nicht mit seinem damaligen Erwachen im Krankenhaus vergleichen ließ, so gab es doch genug Parallelen, die er jetzt auskosten durfte. Das Gefühl der Ohnmacht hatte er nicht vergessen. Er wusste genau, wie die beiden es gerade durchlitten und gönnte ihnen diese Erfahrung von ganzem Herzen. Manchmal heilte die Zeit eben nicht alle Wunden.

5

Tobias sah auf die kleine Uhr des Monitors. Es war kurz nach sechs. Franziska schlief noch und deshalb entschloss er sich, ihr Abendessen vorzubereiten. Der Blick in den Kühlschrank war ernüchternd. Ein weiterer auf die Straße half nicht, die Stimmung aufzuhellen. Es goss mittlerweile in Strömen. "Was soll's? Dann kann sie etwas länger schlafen", murmelte er und zog seine Regensachen an. Zum Schluss nahm er das Smartphone, das Franziska vor wenigen Tagen in einem Neuköllner An- und Verkauf erworben hatte und verließ die Wohnung.

Entgegen der Gewohnheit, den Händler in der Turmstraße aufzusuchen, um frisches Gemüse zu kaufen, setzte sich Tobias in seinen VW Golf und fuhr zum Leopoldplatz. Er hatte noch etwas Wichtiges zu erledigen. Von hier aus ging das am Unauffälligsten. Das lag vor allem daran, dass es – genau wie am Görlitzer Park – vor verdeckten Ermittlern, die kleinen Drogendealern auf den Fersen waren, nur so wimmelte.

6

"Hör mal auf! Ich hab was gehört", schrie Rolf aufgeregt und hätte Ronald den Schuh am liebsten auf den Kopf gehauen, um das verzweifelte Hämmern und Brüllen seines Freundes zu unterbinden. Endlich hielt Ronald inne. Beide brauchten einen Moment, um sich an die Stille zu gewöhnen.

Nach einigen Sekunden war sich Rolf nicht mehr sicher, ob er sich getäuscht hatte. Doch dann hörten sie beide ein atmosphärisches Knistern. Das Geräusch war jedoch so leise, es konnte unmöglich zu hören gewesen sein, während Ronald noch um Hilfe gerufen hatte.

"Was war das?", fragte Rolf irritiert. "Ich bin mir ganz sicher, eine Stimme gehört zu haben", fügte er fast entschuldigend hinzu und sah seinen Freund an.

Auch Ronald konnte dieses leise Knistern, es hörte sich mehr wie ein dumpfes Hintergrundrauschen an, nicht lokalisieren. "Es klingt fast so, als käme es von oben", flüsterte er verunsichert.

Rolf nickte. Er hielt den Kopf seitlich geneigt, um jedes noch so kleine Signal besser wahrnehmen zu können. Einige Sekunden vergingen, und auf einmal war deutlich ein stärker werdendes Geräusch zu hören. Es wurde schnell lauter. "Was ist denn das?", fragte er irritiert und sah zu Ronald.

"Es hört sich wie ein vorbeifahrender Zug an", meinte sein Freund, und als das Geräusch wieder schwächer wurde, bestätigte Rolf seine Vermutung.

"Befindet sich der Raum unter einem Gleis? Es klingt zumindest so, aber dann wäre das der erste Zug seit Stunden, der hier lang gefahren ist", überlegte Ronald laut.

"Wenn wir hier unten den Zug hören können, dann kann man auch unser Klopfen da oben hören. Lass uns weitermachen!", schlug Rolf energisch vor. Neue Zuversicht durchströmte ihn gerade, und sie riss auch seinen Leidensgenossen mit.

Gemeinsam begannen sie erneut, mit ihren Schuhen gegen die Wände zu schlagen und zu brüllen. Alle paar Minuten unterbrachen sie ihre Anstrengungen kurz und lauschten, ob eine Reaktion zu hören war. Ein rettendes Klopfen von außen, ein Hoffnungsschimmer, der ihnen verriet, es wäre bald vorbei. Doch genau dieser Lichtblick blieb jedes Mal aus. Mit der Hoffnung schwand auch ihre Kraft. Nach einer halben Stunde ließen sie sich erschöpft auf dem Boden nieder.

"Irgendwie macht das alles keinen Sinn", japste Ronald und lehnte sich an die Wand ihres Verlieses.

"Oh doch, das macht es."

Die beiden Männer sahen sich mit weit aufgerissenen Augen an. "Wer war das?", fragte Rolf spontan und stand auf. Er sah nach oben. "Wer sind Sie?", brüllte er gegen die Decke.

"Ihr schlimmster Alptraum", antwortete die metallisch klingende Stimme.

"Sie müssen uns mit jemandem verwechseln. Wir sind Anwälte", schrie Rolf.

"Ich weiß."

"Was wollen Sie von uns?", fragte Rolf deutlich leiser.

"Die Wahrheit."

"Wie meinen Sie das? Wer sind Sie überhaupt?"

"Denken Sie nach!"

"Sagen Sie, wer Sie sind!"

Eine Antwort blieb aus. Auch das atmosphärische Knistern war nicht mehr zu hören. "Kommen Sie zurück!", schrie Rolf; aber es blieb still. "Sie sollen zurückkommen!", schrie er noch einmal, dann unterbrach ihn Ronald.

"Der Typ spielt mit uns. Wir können nur warten, bis er sich wieder meldet." Seine Stimme klang äußerlich gefasst, auch wenn er es innerlich nicht war. Aber die Gänsehaut, die gerade über seine Oberarme und Beine kribbelte, konnte sein Freund nicht sehen.

"Du willst warten? Worauf denn? Lass uns wieder Alarm schlagen!"

"Uns hört niemand", erwiderte Ronald und versuchte, die Fassung zu bewahren.

"Aber der Zug", schrie Rolf völlig außer sich.

"Er spielt mit uns. Wir sollten überlegen, wer er sein könnte und was er will."

7

"Franzi, aufwachen!" Tobias streichelte ihre Wange. "Das Essen ist fertig."

Franziska räkelte sich und schob Hubert dabei etwas zur Seite. "Ich komme gleich."

Zwei Minuten später setzte sie sich an den Küchentisch. Tobias hatte auf sie gewartet, und gemeinsam begannen sie zu essen. "Wie ist es gestern gelaufen?", fragte er nach einer Weile und sah Franziska kauend an.

"Wie am Schnürchen. Unfassbar, wie einfach alles war."

"Vergiss nicht, das Meiste liegt noch vor uns."

"Ich weiß. Wie fühlst du dich dabei?"

"Gut. Falls du meinen Job meinst, dann solltest gerade du wissen, dass Rechtsprechung nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat."

Franziska nickte bedächtig. "Leider", sagte sie leise und schob sich den nächsten Happen in den Mund.

"Ich habe die beiden Typen vorhin das erste Mal kontaktiert. Du hättest sie sehen sollen."

"War die Bild –und Tonqualität gut?"

"Hervorragend. Gehst du heute Nacht noch in das Forum?"

Franziska nickte. "Ich denke schon, aber vorher schaue ich nach, wie es diesen Schweinen geht. Ich hoffe, dass sie richtig leiden." Franziskas Augen wurden zu engen Schlitzen, als sie den letzten Satz sagte.

"Hoffen wir lieber, dass sie bald nachgeben und die Erklärungen schreiben. Wir können sie nicht wochenlang einsperren."

Franziska zuckte nur mit den Schultern. "Meinetwegen können sie da verrotten. Die bekommen, was sie verdienen."

"Das bekommen sie so oder so. Je schneller die beiden wieder auftauchen, desto besser ist es für alle Seiten", sagte Tobias sehr ruhig.

"Ja, ich weiß, Herr Anwalt. Geständnisse unter Zwang sind nichts wert. Ich hab nicht vergessen, was mit Howak passiert ist."

"Das war nicht unter Zwang."

"Die Bullen haben mir trotzdem die Hölle heiß gemacht und mit Konsequenzen gedroht." Franziskas Blick ließ erahnen, wie sehr dieses Thema sie heute noch belastete.

"Sie haben dich eingeschüchtert. Das Ganze ist Jahre her. Daran denkt heute niemand mehr. Zumal Howak schon lange tot und mit ihm auch der Fall gestorben ist."

"Und die Bullen sind glücklich", sagte Franziska mit sarkastischem Unterton.

"Nicht nur die Bullen. Auch der Staatsanwalt und die Richter. Die ganze Mischpoke halt."

"Hoffentlich klappt diesmal alles."