Giftgrüner Bodensee - Manfred Braunger - E-Book

Giftgrüner Bodensee E-Book

Manfred Braunger

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Beschreibung

Ein Mitarbeiter des Bodenseeinstituts für Biotechnologie wird in Bodman auf dem Apfelhof von Moritz Stark, ausgerechnet in der Schnapsstube, erschlagen aufgefunden. Kommissar Paul Zoffinger findet schnell heraus, dass der Wissenschaftler Dr. Linnemann an der Entwicklung der neuen, revolutionären Apfelsorte "Bofi" beteiligt war. Der Superapfel sollte den Apfelmarkt am Bodensee und weit über die EU-Grenzen aufmischen. War das bereits das Mordmotiv? Jedenfalls ist es nicht das einzige Rätsel, welches Zoffinger zu lösen hat. Nachdem der Transplantationspatient Robert Abel die Niere des Mörders Walter Wohlleb erhalten hat, glaubt er, dass mit dem Organ auch die kriminelle Veranlagung des Spenders auf ihn übertragen worden sei. Als vor dem Konstanzer Casino eine weitere Leiche entdeckt wird, traut Kommissar Zoffinger seinen Sinnen nicht: die Tat gleicht der von Walter Wohlleb, schon vor Jahren begangenen, bis ins Detail. Wie ist das möglich, wo doch dieses Täterwissen nie an die Öffentlichkeit drang? Nicht nur Robert Abel gerät schnell in den Kreis der Verdächtigen. Auch dessen behandelnder Arzt, Dr. Kranz, scheint mehr im Sinne zu haben als das Wohlergehen seiner Patienten. Außerdem weckt der arrogante Medizinstudent Tom Sattler, der sich verdächtig weit über seine Pflicht hinaus für Obduktionen interessiert, Kommissar Zoffingers scharfsinnigen Ermittlerinstinkt.

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Seitenzahl: 383

Veröffentlichungsjahr: 2025

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MANFRED BRAUNGER

GIFTGRÜNER BODENSEE

Grafik/Umschlag: Manuel Pollanka – Irgendwas mit Grafik, Deizisau

Satz: Satzteam Dieter Stöckler, Konstanz

Gesamtherstellung: Florjančič tisk d.o.o., Maribor (SI)

Bildnachweis:

U1 sowie U2-U3; Foto © Landschaftsfotografie Holger Spiering/Konstanz – Silhouette im Abendrot

U4/Illustration; © Adobe Stock

Verlag und Vertrieb:

Stadler Verlagsgesellschaft mbH

Max-Stromeyer-Straße 172

78467 Konstanz

www.verlag-stadler.de

1. Auflage 2021

© Copyright by

Verlag Friedr. Stadler GmbH & Co. KG, Konstanz

Die Wiedergabe oder die Veröffentlichung der Texte und Bilder des Buches, ist nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Herausgebers oder des Verlages gestattet. Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

isbn978-3-7977-0762-8

eisbn978-3-7977-5104-1

Inhalt

1 EINE LEICHE IN DER BRENNSTUBE

2 KEIN FALL WIE JEDER ANDERE

3 UNVERHOFF TES WIEDERSEHEN

4 EIN MORD OHNE MOTIV

5 EINE NACHT ZUM VERGESSEN

6 OPERATION POSEIDON

7 KEIN MOTIV, KEIN VERDÄCHTIGER

8 EINE LEICHE AUF REISEN

9 ROYAL FLUSH

10 EIN GEFÄHRLICHER ALLEINGANG

11 EIN UNFALL MIT FOLGEN

12 ÜBERFALL MIT FOLGEN

13 HARTE LANDUNG

14 EIN SCHWERWIEGENDER VERDACHT

15 ENDE SCHLECHT, ALLES GUT

»Neben Geruchssinn, Geschmackssinn, Blödsinn, Irrsinn und Frohsinn ist Spürsinn mein ausgeprägtester Instinkt.«

Kommissar Paul Zoffinger

1EINE LEICHE IN DER BRENNSTUBE

Weder Mord noch Totschlag. Kein Enkeltrick, keine Brandstiftung, keine Geiselnahme, kein Banküberfall, nicht einmal eine Urkundenfälschung. Stattdessen Friede, Freude, Eierkuchen. Für Kriminalkommissar Paul Zoffinger ein eher ungewöhnlicher Zustand. Falls es keine Kröten hagelte, Samstag für Samstag das gleiche Prozedere: Drahtesel aus dem Carport schieben, Sturzhelm festschnallen, Einkaufskorb mit der Gummispinne auf dem Gepäckträger befestigen – und ab nach Petershausen.

Bei der Sankt-Gebhard-Kirche lehnte er sein Rad an die übliche Mauerstelle, um ein paar Schritte weiter über den quirligen Wochenmarkt zu bummeln, sich von den Duftschwaden reifer Äpfel und taufrischem Gemüse das Hirn einnebeln zu lassen und sich für das Wochenende mit dem einzudecken, was der Mensch so braucht oder auch nur meint, es haben zu müssen. Natürlich hätte er seine kulinarischen Gelüste auch in gut sortierten Supermärkten und Feinkostgeschäften zufriedenstellen können. Aber auf dem wuseligen Bauerntreff mit seinen knalligen Farben und knackigen Verlockungen einzukaufen, war für den Genussmenschen Paul Zoffinger ein geradezu sinnliches Shoppingabenteuer.

Nicht in das beschauliche Marktbild passte an diesem Vormittag ein sonderbarer Vorfall, den der Konstanzer Kriminalkommissar mitbekam, als ihm ein Händler eben zwei Lauchstangen und sechs Äpfel in seinen Einkaufskorb fallen ließ. Ein Steinwurf entfernt stürzte sich ein wildwütiger Kerl in Kapuzenjacke auf einen Obst- und Gemüsestand, warf im hohen Bogen zwei, drei Obstkisten auf den Boden und riss eine Markisenstütze so um, dass der Sonnenschutz herunterfiel und der Marktfrau auf den Kopf knallte. Bevor die Leute registrierten, was passiert war, hatte sich der Tunichtgut in der Menge verdünnisiert. Die Marktfrau ließ sich auf einen Schemel fallen und presste sich ihre zusammengeballte Schürze an den blutenden Hinterkopf.

»Haben Sie dem Idioten Erbsen statt Wassermelonen verkauft?«, versuchte Zoffinger die Situation aufzuheitern.

»Reden Sie doch keinen solchen Stuss«, blökte ihn eine junge Frau von der Seite an, die sich an einem Jutebeutel festklammerte wie an einer Rettungsweste. »Haben Sie eigentlich noch nicht mitbekommen, dass in unserer Gesellschaft langsam alles auseinanderfällt? Mordanschläge auf Politiker, Hasskommentare im Internet, Klimawandelleugner, Mobbing in den Schulen und sinnlose Gewalttaten wie diese.«

Mit ihrem giftigen Zeigefinger zeigte sie auf den am Boden liegenden Markisenträger, der die Marktfrau attackiert hatte.

»Sie haben in Ihrer Gesellschaftskritik Gletscherschmelze und Meteoriteneinschläge vergessen«, scherzte Zoffinger gut gelaunt.

»Halten Sie mal die Luft an!«, blaffte ein älterer Marktgänger die Frau an. »Was hat denn ein Vollpfosten, der einen Marktstand umschmeißt, mit dem Klimawandel oder dem Sittenverfall im Internet zu tun?«

»Vielleicht ist zu Ihnen in Ihrem Wolkenkuckucksheim noch nicht durchgedrungen, dass bei uns langsam, aber sicher alles in die Brüche geht. Mobbing ...«

»Stooooop!«, bremste die burschikose Marktfrau das Palaver lautstark. »Himmel, Arsch und Zwirn. Ihr seid wohl verrückt geworden. Das ist MEIN Stand. Dieses blöde Ding hat MEINEN Kopf getroffen, also ist das MEINE und nicht eure Sache. Hört auf mit der unsinnigen Streiterei. Habt ihr eigentlich nichts Besseres zu tun?«

Wer der Kerl in der Kapuzenjacke gewesen war, wusste niemand. Auch war keine Auseinandersetzung zwischen ihm und der Marktfrau vorausgegangen. Ohne ersichtlichen Grund hatte er die Auslegewaren auf den Boden geschmissen und die Markise heruntergerissen. Einfach so.

Zoffinger trollte sich und kam mit einem Bauern ins Gespräch, den er kannte.

»Ich tippe auf einen Verrückten. Oder einen von diesen ausgeflippten Junkies im Drogenrausch. Von diesen Typen laufen heute jede Menge herum«, meinte der Landwirt und wienerte ein paar Äpfel in seiner Auslage blank. »Vielleicht aber auch ein Denkzettel. Oder, um im Bild zu bleiben, ein Wink nicht mit dem Zaunpfahl, sondern dem Markisenständer.«

Zoffinger wurde hellhörig.

»Ein Denkzettel? Die Marktfrau hat zwar ein ziemlich loses Mundwerk. Aber als Ziel einer Vendetta kann ich sie mir nicht vorstellen.«

Der Bauer trat einen Schritt näher an seinen Kunden heran und fing an zu tuscheln.

»Jeder auf dem Markt weiß, dass die Lady in einer Grauzone wirtschaftet. Sie verkauft Apfelsorten, für die sie keine Genehmigung hat. Könnte ja sein, dass der Kerl deswegen ihren Stand umgeschmissen hat. Quasi auf Anweisung von höherer Stelle.«

»Seit wann brauchen Äpfel eine amtliche Zulassung?«, staunte Zoffinger.

»Der Amtsschimmel hat schon vor Jahren gewiehert. Damals hat sich die EU gesetzliche Auflagen für Züchter und Einschränkungen für den Obsthandel einfallen lassen. Eine neue Richtlinie im Saatgutverkehrsgesetz verpflichtet jeden, der eine neue Sorte auf den Markt bringen will, diese bei einem europäischen Sortenamt zuzulassen. Und zwar kostenpflichtig! Ohne Bürokratie läuft gar nichts. Weder im Kuhstall noch auf der Obstplantage.«

»Hört sich an, als ginge es der biologischen Vielfalt an den Kragen.«

»Sie bringen es auf den Punkt!«, jubilierte der Bauer. »Mittlerweile schreiben uns der Staat und große Konzerne vor, was wir anpflanzen und was wir essen dürfen. Qualitätssicherung? Dass ich nicht lache! Darf ich mal sehen, was Sie sonst noch eingekauft haben?«

Zoffinger hielt ihm seinen Korb hin.

»Aha! Drei Boskop und drei Pink Ladys. Die passen zueinander wie der Teufel und das Weihwasser.«

»Warum sollten die Äpfel auch zueinanderpassen? Ich will sie ja nicht ausstellen, sondern essen.«

»Zusammenpassen ist vielleicht der falsche Ausdruck. Ich wollte damit eigentlich nur sagen, dass der Boskop am Bodensee eine Traditionssorte ist. Die Pink-Lady-Äpfel in Ihrem Korb werden aus Südafrika oder Südeuropa importiert. Dabei handelt es sich um eine Clubsorte, die nur von zahlenden Clubmitgliedern angebaut und an bestimmte Abnehmer verkauft werden darf.«

Zoffinger stutzte, weil er davon noch nie gehört hatte.

»Neben Pink Lady gibt es andere Clubsorten«, fuhr der Bauer fort, »die immer mehr den Absatzmarkt dominieren und Produzenten traditioneller Sorten das Leben schwer machen. So gesehen haben Sie mit dem Angriff auf den Marktstand unter Umständen eine Vergeltungsaktion in einem hochkochenden Verdrängungswettbewerb mitbekommen.«

Die Attacke auf den Marktstand auf dem Sankt-Gebhard-Platz kam Zoffinger in den Sinn, als er zu Beginn seiner Arbeitswoche im Kommissariat in den hausinternen Mitteilungen überflog, was am Wochenende alles passiert war. Zwei, drei Leute hatten nach dem Vorfall auf dem Wochenmarkt von einem dunkel gekleideten Täter mit langen Koteletten gesprochen, der eine Jacke mit orangeroten Streifen an den Ärmeln und eine Baseballmütze getragen hatte. Und das war nicht das erste Mal gewesen, dass derselbe Kerl aggressiv in Erscheinung getreten war.

Eine Stunde später humpelte Zoffinger auf dem Flur des Kommissariats aus der Toilette und lief dummerweise dem Staatsanwalt in die Hände – mit einem Schuh am linken Fuß und dem zweiten in der Hand.

»Gütiger Himmel! Was ist denn mit Ihnen los? Sind Sie verletzt?«

»Innerlich schon«, stotterte der Kommissar. »Und zwar durch meine eigene Dämlichkeit.«

»Was ist denn passiert?«

»Meine Socke hat mich auf provokante Weise gequält. Ich zog im Büro den Schuh aus und stellte ihn neben den Schreibtisch. Dann fiel mir ein, dass ich schon mal mein Frühstück auspacken könnte. Ich schlug das Einwickelpapier auseinander – und schon landete mein Vesper mit der Leberwurstseite voran genau dort, wo es nicht hinfallen durfte – in den Schuh.«

Der Staatsanwalt starrte den Kommissar an, als sei er einem Kindergartenclown begegnet.

»Sie nehmen mich doch auf den Arm, oder?«

Zoffinger schüttelte den Kopf.

»Mitnichten. Ich habe den Schuh gerade ausgeputzt und muss ihn nur noch trocknen lassen. Übrigens: Wenn Sie mein blödes Missgeschick weitererzählen, bringe ich Sie um.«

»Apropos umbringen«, antwortete der Staatsanwalt ungerührt. »Ich wollte Sie gerade in Ihrem Büro aufsuchen. Wir haben einen neuen Mordfall. Am besten ziehen Sie ihren zweiten Schuh wieder an. Der trocknet auch am Fuß.«

Zoffinger ahnte nicht, dass ihn Bodenseeäpfel nach dem Malheur auf dem Wochenmarkt auch in der neuen Arbeitswoche beschäftigen würden. In der Nähe von Bodman am westlichsten Zipfel des Bodensees lag zwischen Streuobstwiesen der Hof von Moritz Stark. Zoffinger kannte den Bauern, weil er von ihm seit Jahren sein Leib- und Magengetränk bezog: vergorenen Apfelmost. Die Fässer standen in einem ziemlich verratzten Nebengebäude, in dem sich durstige Kunden selbst bedienen und den Obolus auf Treu und Glauben in einen Schuhkarton werfen konnten. Meistens blieb er, nachdem er seinen Kanister befüllt hatte, noch ein, zwei Minuten im Schuppen, schloss die Augen und zog den unnachahmlichen, säuerlich-fruchtigen Duft in die Nase, der seit Generationen aus den alten Holzfässern über den gestampften Boden kroch und den Schuppen bis unters Dach parfümierte.

»Diesen Tag werde ich mein Leben lang nicht vergessen«, jammerte Moritz Stark. »Meine Familie bewirtschaftet den Hof seit sechs Generationen. Und jetzt so etwas! Einer meiner Gäste tot, nicht nur tot, sondern ermordet! Das macht mich fassungslos.«

»Daraus schließe ich, dass Sie den Toten kennen«, meinte der Kommissar.

»Er heißt Dr. Uwe Linnemann und arbeitete am Biotechnologischen Institut in Konstanz.«

»Was haben Sie eigentlich gefeiert? Geburtstag, Hochzeitstag, ein sonstiges Jubiläum, einen Geschäftsabschluss?«

Der Bauer erzählte, dass er jedes Jahr ein- oder zweimal ein gutes Dutzend Leute einlud, um Kontakte zu pflegen. Die Gäste zählten entweder zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis oder hatten geschäftlich mit ihm zu tun. Ort des Treffens war traditionell Moritz Starks Brennstube, in der man Biertische und -bänke aufgestellt hatte. Zoffinger sah die Destille zum ersten Mal von innen, weil Obstler, Zwetschgenwasser, Kirschwasser und Williams nicht auf seiner Favoritenliste standen.

Der Tote lag auf dem Rücken zwischen kupfernen Behältern, aus denen Schläuche und Röhren herausragten wie aus lebenserhaltenden medizinischen Apparaturen. Das Erste, was Zoffinger durch den Kopf schoss, waren TV-Nachrichten über indische Hochzeitsgesellschaften, die sich durch gepanschten Methylalkohol in die ewigen Jagdgründe verabschiedet hatten.

»Das können Sie getrost vergessen«, maulte Stark, als der Kommissar darauf anspielte. »Erstens war die Anlage das letzte Mal vor über einer Woche in Betrieb, und meinen Schnaps habe ich seither mehrmals selbst probiert, ohne dass ich blind geworden oder tot umgefallen wäre. Zweitens: gepanschter Alkohol! Glauben Sie vielleicht, Sie hätten es hier mit einem Stümper zu tun?«

Zoffinger winkte ab.

»Keine Aufregung! Ist mir nur so eingefallen. Solange ich nicht genau weiß, wie dieser Mensch umgekommen ist, beschuldige ich niemanden. Sie schon gar nicht.«

Dann sah er sich die Leiche genauer von der Seite an.

Schräg über dem linken Auge befand sich eine fast schwarze, blutverkrustete Riesenschramme, die vermutlich durch einen heftigen Schlag mit einem harten Gegenstand verursacht worden war. Der Mann war schätzungsweise in den Vierzigern und sah in seiner braunen Cordjacke und einer graugrünen Cargohose aus, als hätte er sich auf legere Weise für eine zwanglose Fete hergerichtet. Von der Verletzung an der Schläfe war eine Blutspur bis in seinen Fünf-Tage-Bart gesickert und hatte sich am linken Mundwinkel zu einem hässlichen Fleck gestaut.

Draußen luden die Kriminaltechniker ihr Handwerkszeug aus den Autos. Es würde eine Weile dauern, bis die Kollegen den Fall einschätzen konnten. Mit den Händen in den Hosentaschen stromerte Zoffinger über den Hof, um mit Moritz Stark zu reden, der ziemlich deprimiert an einem Traktor lehnte.

»Kannten Sie Dr. Linnemann gut?«

»Gut kennen? Was heißt das schon. Wir haben regelmäßig über meine Arbeit gesprochen und alles, was damit zusammenhängt.«

»Das hört sich an, als sei dieser Linnemann vom Fach gewesen.«

»Das kann man so sagen. Er kannte sich in Obstbaufragen hervorragend aus. Ich habe von ihm so manchen guten Tipp bekommen.«

»Haben Sie eine Idee, wer ihn umgebracht haben könnte? Hatte er Feinde?«

Moritz Stark schüttelte den Kopf.

»Wie gesagt. So richtig nahe standen wir uns nicht. Ob er Feinde hatte? Keine Ahnung!«

»Ich müsste dann noch eine Liste mit den Namen Ihrer Gäste haben«, bat Zoffinger. »Wir müssen natürlich mit allen reden.«

Die Spurensicherung überprüfte eine Schubkarre, die vor der Brennerei stand und an der ein paar blutverklebte Haare hingen. Dass der Tote mit ihr über den Hof in die Brennerei gekarrt und dort abgelegt worden war, hätte ein Blinder mit Krückstock erkannt. Den tatsächlichen Tatort entdeckten die Beamten in einer Apfelplantage etwa 100 Meter von der Brennerei entfernt, nachdem sie der Radspur der Schubkarre gefolgt waren. Als Tatwerkzeug wurde ein zugespitzter Holzpfahl identifiziert, der am Beginn einer Baumreihe aus dem Boden gerissen worden war.

Zoffinger ging ins Haus, um mit der Bäuerin zu reden.

»Ich habe am späteren Abend noch aufgeräumt«, erzählte sie. »Ob ich die Tür zur Brennerei hinterher abgeschlossen habe, weiß ich nicht mehr.«

»Aufgebrochen wurde sie jedenfalls nicht«, stellte Zoffinger fest. »Können Sie sich an die Uhrzeit erinnern, als Sie fertig waren?«

»Ich schätze gegen ein Uhr, vielleicht ein bisschen früher.«

»Die Gäste waren zu diesem Zeitpunkt schon gegangen?«

»Die waren alle weg.«

»Haben Sie jemanden gesehen oder gehört, als Sie von der Brennerei ins Haus gingen?«

»Nein, niemanden. Unser Hoflicht sorgt allerdings nur für eine trübe Beleuchtung und das bloß vor dem Haus. Außerdem fielen mir schon beim Aufräumen fast die Augen zu. Ich war todmüde und wollte mich endlich hinlegen.«

»War Ihr Mann schon im Bett?«

»Nein, er saß in der Wohnstube und sortierte die Schnapsbestellungen seiner Gäste.«

»Hat es am Abend zwischen den Besuchern Reibereien oder irgendwelche Unstimmigkeiten gegeben?«

»Absolut nicht. Das hätte mich auch gewundert. Alle waren gut drauf. Allerdings war ich nicht die ganze Zeit in der Brennerei. Ich musste mich in der Küche um die Häppchen kümmern.«

Zoffinger überlegte. Warum machte sich ein Mörder die Mühe, einen Toten von der Plantage mit einer Schubkarre in die Brennerei zu fahren? Selbst ein kräftiger Mann wie Moritz Stark hätte richtig zulangen müssen. So wie Linnemann aussah, war er mindestens 1,85 groß und wog schätzungsweise um die 90 Kilo. Warum hatte man die Leiche nicht einfach am Tatort liegen gelassen? Ein raffiniertes Versteck war die Brennerei ohnehin nicht. Also war dem Täter egal, dass Linnemann schnell gefunden wurde. Oder hatte er es sogar auf den Demonstrationseffekt abgesehen?

»Und? Schon irgendwelche Erkenntnisse?«, erkundigte sich der Kommissar, als er zurück in der Brennerei war.

»Allerdings!«, antwortete der Kollege. »Gestorben ist der Kandidat vermutlich an seiner Kopfverletzung. Da hat aber die Rechtsmedizin noch das letzte Wort. Aber nicht der Schlag an die Schläfe allein hat ihn ins Jenseits befördert. Zur Sicherheit wurde er auch noch vergiftet.«

»Er wurde waaaas?«, entfuhr es Zoffinger.

»Vergiftet. Ohne jeden Zweifel. Die auf dem Boden liegende Flasche war ursprünglich nicht mit Obstler gefüllt, sondern mit Vorlauf.«

»In Sachen Schnapsbrennerei bin ich nicht sonderlich bewandert. Aber Vorlauf ist meines Wissens ein giftiges Produkt, das in der ersten Phase des Brennprozesses anfällt.«

Der Kollege nickte.

»Vermutlich wollte der Täter mit der Obstlerflasche eine falsche Spur legen. Als ich an ihr roch, fiel mir sofort der unangenehme, stechend-scharfe Geruch auf, der an Chemie und Klebstoff erinnert. Typisch für Vorlauf, weil er außer Alkohol verschiedene leichtflüchtige Substanzen enthält, darunter einen hohen Anteil an giftigem Methanol, Acetaldehyd und Ethylacetat.«

»Dieses höllische Gemisch soll ein Schwerverletzter zu sich genommen haben?«

»Freiwillig bestimmt nicht. Ich vermute, dass es in der Obstplantage zu einem Streit gekommen ist. Im Zuge von Handgreiflichkeiten hat der Täter Linnemann mit dem Holzpfahl niedergeschlagen und auf der Schubkarre in die Brennerei geschafft. Dort hat er den Verletzten auf einen Stuhl gehievt. Linnemann muss zu diesem Zeitpunkt bereits schwer mitgenommen, aber bei Bewusstsein gewesen sein. Dann flößte er ihm zwangsweise den giftigen Fusel ein. Dafür sprechen die Flecken auf Hemd und Jacke des Toten.«

»Das ist ja ekelhaft!« Zoffinger schüttelte sich. »Hat der Täter versucht, den Tod als extreme Sufftat aussehen zu lassen? Da spricht jedoch die Kopfverletzung dagegen. Außerdem hat mir die Frau von Moritz Stark erzählt, dass Linnemann ein eher zurückhaltender Schluckspecht war. Was hat ihn eigentlich am Ende umgebracht? Der giftige Vorlauf oder der Schlag auf den Kopf?«

Der Kollege winkte ab.

»Nach einer Vergiftung mit Methylalkohol können erste Symptome schon nach einer Stunde auftreten, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen etwa. Dauerhafte Organschäden sind erst nach etwa zwei bis drei Tagen zu befürchten. Wenn eine Methanolvergiftung nicht schnell behandelt wird, kann das durch Herz- und Atemstillstand zum Tod führen. Linnemann ist nicht am Vorlauf, sondern an den Folgen seiner Kopfwunde gestorben.«

»Dachte der Mörder, doppelt genäht hält besser?«

»Mag sein«, meinte der Mann im Schutzanzug. »Aber wer kann schon nachvollziehen, was im Kopf eines Täters vorgeht, der eine solche Wahnsinnstat begeht?«

Zeugen für das Verbrechen gab es nicht. Zwei Tage lang grasten Zoffingers Hilfstruppen die umliegenden Höfe ab, aber niemand hatte in der betreffenden Nacht etwas Außergewöhnliches beobachtet. Einzige Erkenntnis: Moritz Stark war bei seinen Nachbarn nicht sonderlich gut gelitten.

»Der Kerl ist ein grobklotziger Choleriker, hat sich nicht richtig im Griff«, erzählte einer.

»Wie kommen Sie darauf?«, wollte Zoffinger wissen.

»Na ja, das hat er schon mehr als einmal bewiesen. Wir alle haben Probleme mit immer neuen Auflagen und Forderungen, vom Agrar-Umweltpaket, der Düngeverordnung und dem Klimagesetz bis zum Insektenschutz und Glyphosatverbot. Stark wollte mit dem Schädel durch die Wand, weil er sich durch Politik, Gesellschaft und Medien an den Rand gedrängt fühlte. Schauen Sie sich bloß mal seine Facebook-Einträge an.«

»Klären Sie mich auf. Was hat er dort gepostet?«

»Stiller Protest war für ihn gar kein Protest. Total frustriert hat er seinen aufgestauten Ärger losgelassen und für drastische Maßnahmen geworben.«

»Was für drastische Maßnahmen?«

»Nicht nur Demos, sondern auch Straßensperren, Abfackeln von Reifen und Paletten, Blockieren von Bahnlinien und Ähnliches. Für viele von uns ging das entschieden zu weit.«

»Hatten Sie selbst auch mit Moritz Stark zu tun?«

»Gelegentlich. Aber ich konnte ihn nicht leiden und habe mich deshalb von ihm ferngehalten. Von Ausnahmen abgesehen.«

»Ausnahmen?«, bohrte Zoffinger nach.

»Letzte Woche war ich auf seinem Hof, um ausgeliehenes Werkzeug zurückzuholen. Ich habe mich aber schnell verdünnisiert, weil er gerade diesen Typen von der Universität am Wickel hatte, mit dem er seit geraumer Zeit klüngelt.«

»Dr. Linnemann?«

»Wenn der so heißt – ja.«

»Haben Sie mitbekommen, um was es bei diesem Streit ging?«

»Nein. Hat mich auch nicht interessiert. Aber ich nehme an, dass es um die Frage aller Fragen ging: den Einsatz von Pestiziden.«

Zoffinger nahm sich vor, mehr über diesen Dr. Linnemann herauszufinden. Auf den Internetseiten des Biotechnologischen Instituts wurde er in den höchsten Tönen als wegweisender Wissenschaftler in den Fachbereichen Immunologie und Zellbiologie gelobt. Er stand in Kontakt auch mit ausländischen Forschungseinrichtungen und hatte in mehreren wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Offenbar existierte zwischen unterschiedlichen Forschungseinrichtungen ein Ideenwettbewerb über das Potenzial der Biotechnologie. Der Kommissar wählte aus einer Liste einen Artikel über die Frage aus, wie die Biotechnologie unseren Alltag in der Zukunft mitgestalten kann. Nach den ersten beiden Absätzen wurde ihm das Thema aber zu kompliziert und zu spezifisch. Kurz entschlossen machte er sich auf den Weg in die Uni, um vor Ort zu recherchieren.

Am Weg lag in einem Testgarten für alte und neue Baumsorten ein obstbauliches Schulungszentrum, vor dem zwei Streifenwagen und drei Feuerwehrfahrzeuge geparkt waren. Zoffinger sprang aus dem Wagen und hielt einem Beamten, der eben ein Absperrband ausrollte, seinen Dienstausweis unter die Nase.

»Was ist denn hier passiert?«

»Das wissen wir selbst noch nicht genau. In einem der Räume hat es gebrannt. Damit nicht genug. Im Garten haben sich anscheinend ein paar Volltrottel ausgetobt.«

In einem Eckzimmer des zweigeschossigen Gebäudes waren zwei Fenster zerstört. Die Außenwand zeigte deutliche Spuren des Brandes. Feuerwehrleute waren dabei, die Löschschläuche zusammenzurollen. Ein Steinwurf vom Schulungszentrum entfernt führte ein Kiesweg in den Garten, in dem es aussah wie nach einem Hurrikan: abgeknickte, zum Teil auch entwurzelte Bäume, zerstörte Infoschilder, zerwühlte Blumenbeete, Sträucher und Hecken. Im hintersten Winkel des Gartens stand eine Baumaschine in der Nähe eines niedergewalzten Begrenzungszaunes.

»Was für ein Chaos!«, entfuhr es Zoffinger, der auf eine Gruppe von Leuten zusteuerte.

»Man mag es nicht glauben!«, jammerte ein Gummistiefelträger, der Zoffinger die Hand entgegenstreckte.

»Bernhard Reichenbach. Ich bin der Leiter des Gartens.«

»Zoffinger, Paul Zoffinger, Kriminalkommissar. Ich bin auf dem Weg zum Biotechnologischen Institut und komme nur zufällig vorbei. Wer hat sich denn hier ausgetobt?«

Reichenbach langte in die Jackentasche und zog einen Zettel heraus.

»Ein Bekennerschreiben mit der Forderung ›Letzte Warnung! Keine Experimente! Lasst die Natur Natur sein‹ hing dort drüben an der Baumaschine. Die Raupe wurde auf der anderen Seite des Gartens von einer Baustelle geklaut. Der Anschlag auf unseren Garten könnte ein Werk militanter Umweltschützer sein. Manche dieser fehlgeleiteten Naturfreaks verdächtigen uns, widerrechtlich an Mutter Natur herumzuschrauben.«

»Und? Schrauben Sie?«

Zoffinger erntete einen verächtlichen Blick.

»Wir schauen, welche Pflanzen miteinander harmonieren. Wie sich die Sonnen- und Schatteneinfälle auf das Wachstum auswirken. Aber in erster Linie geht es uns nicht um Sträucher, Kräuter oder Jostabeeren. Unser Fokus liegt auf alten Apfelsorten. Die Goldparmäne kannten unsere Vorfahren schon vor über 500 Jahren. Bereits im 17. Jahrhundert ließen sich die Menschen den Gravensteiner schmecken. Auch der Glockenapfel ist eine alte Sorte und außerdem mein persönlicher Favorit.«

»Das Bekennerschreiben lässt vermuten, dass Sie es sich mit einigen Zeitgenossen gründlich verdorben haben.«

»Spinner hat es vermutlich schon immer gegeben. Auffallend ist aber, dass manche ihr Missfallen über Menschen oder Situationen nicht mehr nur verbal ausdrücken, sondern drastische Taten folgen lassen. Wie schwachsinnig ist es eigentlich, einen solchen Versuchsgarten in eine Müllkippe zu verwandeln!«

»Die zweibeinigen Wühlmäuse, die den Garten verwüstet haben, sind wohl auch für den Brandanschlag auf das Schulungszentrum verantwortlich«, vermutete Zoffinger.

»Davon gehe ich auch aus«, antwortete Reichenbach. »Wir hatten Glück im Unglück. In dem ausgebrannten Eckzimmer standen nur aussortierte Möbel. Außerdem hatte unser Hausmeister schon Lunte gerochen, kurz nachdem der Molotowcocktail durchs Fenster geschmissen wurde.«

Zoffinger rief seine Kollegen von der Kriminaltechnik an und schilderte kurz, was er wusste und gesehen hatte.

»Die Spurensicherung ist schon auf dem Weg«, sagte er und verabschiedete sich von Bernhard Reichenbach. »Ich muss weiter ins Biotechnologische Institut.«

»Schöne Grüße an Uwe Linnemann, falls Sie ihm über den Weg laufen.«

Zoffinger hielt einen Augenblick inne.

»Daraus wird nichts«, antwortete er. »Dr. Linnemann ist am Wochenende einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Tut mir leid, dass Sie die schlechte Nachricht auf diese Weise erfahren.«

Im Institut herrschte gedrückte Stimmung. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen schlichen geknickt durch die Flure oder verschanzten sich niedergeschlagen hinter Bildschirmen und Aktenbergen. Auf Linnemanns Arbeitsplatz flankierten zwei weiße Liliensträuße ein Porträtfoto mit Trauerflor. Im Zimmer gegenüber saß ein jüngerer Mitarbeiter an seinem Schreibtisch und starrte aus dem Fenster.

»Paul Zoffinger vom Konstanzer Morddezernat«, stellte sich der Kommissar vor. »Ich würde gerne mit jemandem reden, der im Institut mit Dr. Linnemann zu tun hatte.«

Der Typ am Fenster drehte sich um.

»Ich bin Andy Reck. Manche sagen, ich sei die rechte Hand von Uwe Linnemann.«

»Und? Waren Sie die rechte Hand?«

»Wenn Sie so wollen. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Herzliches Beileid zum Tod Ihres Kollegen. Es muss hart sein, auf diese Weise einen Menschen zu verlieren.«

Andy Reck nickte gedankenverloren.

»Uwe war nicht nur ein prima Mensch, sondern auch ein überaus geschätzter, kompetenter Kollege. Wir alle werden ihn vermissen.«

Nach dem üblichen Small Talk kam Zoffinger auf sein Anliegen zu sprechen.

»Wie Sie sich vielleicht vorstellen können, ermitteln wir mit Hochdruck in diesem Mordfall. Gibt es im Institut jemanden, mit dem er Ärger hatte?«

»Unter uns Kollegen und Kolleginnen finden Sie weder Feinde noch Neider. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Wir sind ein eingeschworenes Team mit einer präzisen Mission. Natürlich gibt es hin und wieder unterschiedliche Auffassungen über Verfahren und Methoden. Das ist der Normalzustand bei wissenschaftlicher Tätigkeit. Der Mord hat uns alle entsetzt – ausnahmslos.«

»Dass in Ihrer Nachbarschaft der Versuchsgarten verwüstet wurde, wissen Sie sicher schon. Könnte es einen Zusammenhang zwischen dem Gewaltverbrechen an Dr. Linnemann und der Gartenrandale geben? Fällt Ihnen zu möglichen Tätern etwas ein?«

»Ohne zu sehr in die Details zu gehen: Mit Biotechnologie lassen sich beispielsweise neue Medikamente entwickeln, neue Pflanzensorten züchten oder alltägliche Produkte von Waschmittel bis Kosmetika auf effiziente Art und Weise herstellen. Da braucht man sich nicht zu wundern, dass es kritische Geister bzw. schräge, fortschrittsfeindliche Vögel gibt, die unsere Arbeit für Teufelszeug halten. Bislang ist es aber bei Farbbeutelattacken, Schmähschriften und erbosten Drohbriefen geblieben.«

»Haben Sie einen konkreten Verdacht, wer Ihr Institut angreift?«

Andy Reck schüttelte den Kopf und zog ein Blatt Papier aus einer Schublade.

»Hier! Das war der letzte Liebesbrief.«

Zoffinger las halblaut vor. »Finger weg von der Natur!«

»Wir nehmen so etwas nicht ernst«, meinte der Wissenschaftler. »Heute passiert so gut wie nichts, ohne dass sich manche Individuen oder Gruppen dagegen wehren. Mit sensiblen Wissenschaften wie der Biotechnologie können Laien in der Regel nichts anfangen, wissen nicht einmal, um was es uns eigentlich geht, protestieren aber dagegen und organisieren sich über das Internet.«

»Können Sie sich erklären, warum Dr. Linnemann auf dem Hof von Moritz Stark umgekommen ist?«

»Na ja«, antwortete Andy Reck, »Linnemann war häufig auf dem Hof von Moritz Stark. Er wollte ihm bei seinem Projekt ›Smart Farming‹ helfen, weil ...«

Zoffinger unterbrach seinen Gesprächspartner.

»Entschuldigen Sie meine Unkenntnis. Was versteht man unter Smart Farming? Ich kann mir nichts darunter vorstellen.«

»Es geht um eine Digitalisierung in der Landwirtschaft, um die Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen unter Einsatz intelligenter Elektronik.«

Der Kommissar blickte Andy Reck immer noch ziemlich hilflos an.

»Könnten Sie das vielleicht an einem Beispiel erläutern?«

»Mit Wärmebildkameras ausgestattete Drohnen können frühzeitig Krankheiten erkennen. Pflanzenschutzmittel lassen sich daraufhin gezielt und nachhaltig einsetzen. Ein anderes Beispiel. Mit GPS ausgestattete Schlepper fahren autonom durch Obstplantagen und machen Fahrer überflüssig.«

»Das kommt mir vor wie der Beginn einer Agrarrevolution. In konservativen Bauernkreisen sind solche Neuerungen vermutlich willkommen wie ein Hagelgewitter mitten in der Blütezeit«, vermutete Zoffinger.

»Manche Holzköpfe befürchten tatsächlich, dass mit ›dem modischen Kram‹ Pest und Cholera einziehen werden und die Landwirtschaft durch die fortschreitende Technisierung entmenschlicht wird. Unser Institut ist schon mehr als einmal mit solchen Vorwürfen konfrontiert worden.«

»Wie haben Sie darauf reagiert?«

»Wie soll man schon darauf reagieren? Manchmal ignorieren wir verbale Attacken. Wir haben Zweifler und Gegner aber auch schon eingeladen, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Linnemann hat sich dabei für unsere Einrichtung ganz besonders verdient gemacht.«

»Hatte er dabei jemanden oder bestimmte Gruppen im Fokus?«

»An Andersdenkenden oder Provokateuren herrscht kein Mangel. Ich weiß, dass er einige Male bei einer Ökosekte auf dem Bodanrück war. Ob er die Mitglieder zu modernen landwirtschaftlichen Methoden bekehren wollte oder ob ihm deren mittelalterliches Leben gefiel, kann ich nicht sagen.«

»Wissen Sie, wie die Gruppe heißt?«

»Die Yoder-Sippe glaubt weder an UFOs noch an den bevorstehenden Weltuntergang. Die Mitglieder lehnen jede Art von Gewalt strikt ab, tragen keine buntgefärbte Kleidung, verzichten auf elektrischen Strom und bewirtschaften die Felder von Hand oder mit echten Pferdestärken. Vorbild sind die in den amerikanischen Bundesstaaten Pennsylvania und Ohio lebenden Amish, die der Yoder-Guru auf einem Amerikaurlaub kennengelernt hat. Im Unterschied zu der täuferisch-protestantischen Glaubensgemeinschaft in den USA haben die Yoders auf dem Bodanrück aber keinen religiösen Hintergrund.«

»Bedeutet Yoder etwas Bestimmtes?«

»Wenn ich mich recht erinnere, handelt es sich um einen bei den Amish geläufigen Familiennamen.«

»Da fällt mir ein Oscar-prämierter Hollywoodstreifen mit dem Titel ›Der einzige Zeuge‹ ein«, erinnerte sich Zoffinger. »Da ging es doch um einen Amish-Jungen, der zufällig Zeuge eines Mordes wurde.«

»Ich kenne den Film und habe ihn zweimal gesehen, weil mir das harmonische rückwärtsgewandte Landleben der Amish imponiert hat. Ich glaube, Uwe Linnemann ging es ähnlich.«

Zoffinger wechselte das Thema.

»Hatten Sie als Mitarbeiter von Dr. Linnemann auch privat mit ihm zu tun?«

»Ich will mal so sagen. Wir waren Freunde, sind manchmal gemeinsam zu Veranstaltungen gegangen und haben uns hin und wieder am Tresen ein paar Biere einverleibt.«

»Nach ersten Ermittlungen wissen wir, dass er keine Familie hatte und alleine wohnte.«

»Er war mit Haut und Haaren mit seinem Job verbandelt«, erzählte Reck. »Vor drei oder vier Jahren war er ein paar Monate lang liiert. Die Beziehung ging aber schnell in die Brüche. Seit damals war er solo.«

Während sich Zoffinger auf den Weg zur Ökosekte machte, krempelten die Kollegen von der Kriminaltechnik Dr. Linnemanns Wohnung um. Genauso gut hätten sie in einer Pferdemetzgerei nach italienischen Herrendüften suchen können. Nichts, absolut gar nichts wies darauf hin, dass er bedroht wurde. Aufschluss erhofften sie sich von zwei Ordnern mit geschäftlichen Schriftstücken, die neben einer stattlichen Sammlung von Videos in einem Regal standen. Ein Privatleben schien der Hausherr nicht geführt zu haben. Grinsend kramte ein Spurensicherer eine Packung Kondome aus einem Badezimmerschrank. Das Haltbarkeitsdatum war schon vor zwei Jahren abgelaufen.

Zoffinger kurvte eine Stunde lang auf dem Bodanrück zwischen Bodman, Güttingen und Liggeringen herum und kam mit jeder falschen Abzweigung und mit jedem im Nichts endenden Feldweg der Überzeugung näher, dass ein Navi doch kein gänzlich überflüssiges Hilfsmittel war. Kein einziges Hinweisschild wies den Weg zur Yoder-Sippe, die er schließlich auf einer kleinen Waldlichtung zufällig entdeckte. Die Minikommune bestand aus ein paar Blockhütten und Schuppen, zwischen denen akkurate Gemüsebeete angelegt worden waren. Der Kommissar ließ sein Auto am Ende eines holprigen Waldweges stehen und machte sich zu Fuß auf den Weg. Ein alter Mann mit zerzaustem Haar und verfilztem Bart flickte einen aus Ästen improvisierten Zaun und hob die Hand, als er den Besucher wahrnahm.

»Friede sei mit dir!«, grüßte er. »Kann ich dir helfen?«

»Ich wollte eigentlich nach Liggeringen, muss mich aber verfahren haben«, schwindelte Zoffinger. »Ist das hier ein Museumsdorf?«

Der Alte nahm seinen breitkrempigen weißen Strohhut ab und fuhr mit dem Hemdärmel über die Stirn.

»Wir sind die Yoder-Sippe. Unsere kleine Gemeinde mag aussehen wie ein Museumsdorf. Aber wir leben hier ein ganz normales Leben, vielleicht ein bisschen anders, als du es als Städter gewohnt bist.«

»Gefällt mir, gefällt mir gut«, antwortete der Kommissar. »Ich will niemanden stören, aber darf ich mir euer Dorf kurz ansehen?«

Der Alte nickte.

»Schau dich um. Die Hütten selbst sind tabu, wenn du nicht eingeladen bist.«

Eine Straße gab es im Dorf nicht, auch keinen Fahrweg. Nur ausgetretene Trampelpfade führten zu den einzelnen schindelgedeckten Hütten. In einer schien jemand herumzuwerkeln. Gegenüber saß ein etwa acht Jahre altes Mädchen auf einer Bank und versuchte sich an einer Strickliesel. Als Zoffinger näherkam, sprang sie auf.

»Wir machen Käse. Wenn du willst, kannst du zusehen.«

Sie stemmte sich mit der Schulter gegen die Hüttentür und drückte sie auf. Drinnen war es so finster, dass Zoffinger kaum etwas sehen konnte. Beißender Rauch schlug ihm entgegen und machte das Atmen schwer. Es dauerte eine Weile, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Nur durch eine fast blinde Glasplatte im Dach drang Tageslicht in den Raum, in dessen Mitte ein uralter eiserner Küchenherd, so groß wie eine Tischtennisplatte, stand. In mehreren Pfannen und Töpfen köchelte Undefinierbares. In einer Ecke rührte eine Frau an einer offenen Feuerstelle mit einem riesigen Holzlöffel in einem von der Balkendecke hängenden Kupferbottich, über dem sich Dampfschwaden mit dem Qualm des Feuers vermengten.

Hätte man Zoffinger vor seinem Besuch bei der Yoder-Sippe von solchen Lebensbedingungen erzählt, hätte er sein letztes Hemd verwettet, dass es dermaßen vorsintflutliche Verhältnisse in Mitteleuropa längst nicht mehr gibt. Vollkommen entgeistert starrte er auf die mittelalterlich anmutende Szene. Erst jetzt nahm er wahr, dass an der hinteren Längswand der Hexenküche ein Mann an einem mächtigen Schwenkarm aus grobem Holz begann, den Kupferkessel von der Feuerstelle an seinen Arbeitsplatz zu manövrieren. Als er den Inhalt in bereitstehende Formen kippte, ergoss sich ein Schwall warmer Molke über den gestampften Küchenboden und schwappte um die Schuhe des Kommissars.

Das Mädchen zeigte in einen offenen Topf auf dem Herd, in dem hübsche bunte Blümchen schwammen.

»Willst du einen Tee haben?«, fragte die Kleine und ließ ihre Zöpfe schaukeln.

Zoffinger schüttelte den Kopf.

»Nein, danke. Aber das ist der schönste Tee, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.«

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie die Spitze des Zeigefingers durch die Blumendecke in den Topf stippte, schnell wieder herauszog und ableckte.

Der mit der Käsemasse beschäftigte Mann drückte das weiche Material in hölzerne Formen.

»Verkaufen Sie den Käse auch?«

»Wir versorgen uns selbst«, antwortete er. »Bleibt etwas übrig, gehen wir damit auf den Markt. Wenn du willst, schneidet dir meine Tochter ein Stück ab.«

Von den hygienischen Zuständen in der Käseküche war Zoffinger zwar nicht begeistert. Aber er wollte nicht unhöflich sein und ließ die niedliche Zopfträgerin ein Stück von einem Laib heruntersäbeln und in ein Papier packen. Hinten an der Wand öffnete der Käser die Tür eines Schränkchens und nahm ein Tuch heraus, um seine Hände abzutrocknen. Zoffinger traute seinen Augen nicht, als er hinter einem Stapel fein säuberlich gefalteter Handtücher zwei Gewehre entdeckte.

»Geht die Yoder-Sippe manchmal auf die Jagd?«, wollte er wissen.

»Nein, aber wir wehren uns gegen Wildschweine, die manchmal unsere Felder verwüsten«, antwortete der Käser. » Wir lehnen Waffen grundsätzlich ab. Aber der Schutz unserer Gärten mit Zäunen hat nichts gebracht. Man wollte uns schon Elektrozäune empfehlen. Elektrozäune! Was für ein Irrsinn! Hier gibt es keinen Strom.«

»Haben Sie noch nie über moderne Errungenschaften nachgedacht?«

»Wir helfen uns selbst. Hin und wieder taucht ein Wissenschaftler von der Universität auf, der sich offenbar für unsere Lebensart interessiert.«

»Sie reden vermutlich von Dr. Linnemann.«

Er verlor kein Wort darüber, dass Linnemann umgebracht worden war.

»Ich weiß nicht, wie er heißt. Wahrscheinlich ist er ein hilfsbereiter Mensch. Aber mit dem neumodischen Plunder, mit dem er sich beschäftigt, wollen wir nichts zu tun haben. Wir leben nach unseren eigenen Regeln. Dass man uns für schrullige Außenseiter hält, stört uns nicht.«

Der alte Mann am Rande des Dorfes war immer noch bei der Arbeit, als sich Zoffinger auf den Weg zu seinem Auto machte.

»Gegen Wildschweine wird der Zaun nicht viel helfen«, meine der Kommissar.

»Um uns vor den Schwarzkitteln zu schützen, haben wir andere Maßnahmen«, antwortete der Zausel und tat so, als lege er ein Gewehr an.

»Ich denke, die Yoder-Sippe hat sich der Gewaltfreiheit verschrieben«, hielt ihm der Kommissar entgegen.

Der Alte spuckte auf den Boden und machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Wir sind einfache Menschen, aber keine Idioten, die man herumschubsen kann. In der heutigen Zeit muss man sich notfalls wehren können.«

Der Satz gab Zoffinger zu denken, als er dem Dorf den Rücken kehrte. Ein einträchtiger Verein von rückwärtsgewandten harmlosen Sozialromantikern schien die Yoder-Sippe nicht zu sein. Dass die Mitglieder mit dem Tod von Dr. Linnemann etwas zu tun hatten, hielt der Kommissar allerdings für wenig wahrscheinlich.

In der Rechtsmedizin hatte der Chef Dr. Herrlinger die Leiche von Dr. Linnemann auf dem Tisch.

»Dem Mann wurde mit einem schweren hölzernen Gegenstand die Schädeldecke zertrümmert. Kommen Sie. Ich zeige Ihnen die tödliche Verletzung.«

Zoffinger winkte ab.

»Ich habe mir die Wunde schon am Tatort angesehen. Haben Sie sonst noch Einzelheiten für mich?«

»Das war kein Mord im Affekt. Ich tippe eher auf eine geplante Gewalttat. Vermutlich ist der Tote mit seinem Mörder in Streit geraten, hat sich vielleicht nach vorne gebeugt, um etwas vom Boden aufzuheben, als ihn der Hieb mit dem Kantholz traf. Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, müssen Sie sich an Ihre Kollegen wenden.«

»War das Opfer nach dem Schlag Ihrer Meinung nach sofort tot?«

»Kann sein. Aber ich nehme an, dass er eher stark benommen war. Darauf weist ja auch der weitere Tathergang hin. Bei einer Bewusstlosigkeit hätte ihm der Täter den giftigen Vorlauf nicht so ohne Weiteres einflößen können.«

Ein mögliches Mordmotiv hätte ein aus dem Ruder gelaufener Streit zwischen Moritz Stark und Uwe Linnemann sein können. Bei seinen Nachbarn war der Bauer wegen seiner kurz angebundenen Art nicht sonderlich gut gelitten. Zoffinger bezog zwar seinen Most von ihm, weil die Qualität stimmte und man nicht schon nach dem dritten Glas wegen einer Schwefelüberdosis einen Brummschädel bekam. Aber Stark war ein allgemein bekannter Stinkstiefel, der sich selbst aus nichtigen Gründen mit jedem anlegte. Vor einem Jahr hätte er einen Nachbarn bei einem Streit mit seinem Traktor fast an einer Hauswand erdrückt. Nur durch einen Sprung zur Seite habe der sich retten können. Der Bauer erstattete Anzeige, zog sie einen Tag später aber zurück. Man munkelte, Stark habe ihm eine finanzielle Entschädigung angeboten. Zoffingers Hilfstruppe klapperte sämtliche Nachbarhöfe ab und bekam fast überall die gleichen Geschichten über den pampigen, rüpelhaften Landwirt zu hören. Ein Mordmotiv ließ sich jedoch nicht finden.

Für Zoffinger lag auf der Hand, dass Dr. Linnemanns gewaltsamer Tod etwas mit seinem Beruf zu tun haben musste. Dass militante Ökoaktivisten, krankhafte Umweltmissionare oder reaktionäre Bauern als Täter infrage kamen, war denkbar. In diese Richtung wies jedenfalls ein neuer Vorfall auf dem Obsthof von Moritz Stark.

»Das können nur vollkommene Idioten gewesen sein«, zeterte der Bauer. »Wer richtet denn so etwas an? Mir fallen nur gehirnamputierte Naturschänder ein!«

Er stand mit in die Hüften gestemmten Armen am Rande seiner Apfelplantage, in der die beiden äußersten Reihen von Jungbäumen fehlten. Beim näheren Hinschauen stellte der Kommissar fest, dass sie nicht gänzlich fehlten, sondern eine Handbreit über dem Boden abgesägt worden waren. Der oder die Täter hatten nicht einmal die Mühe gescheut, die gekappten Baumleichen auf einem Haufen aufzuschichten.

»Ich habe den Kahlschlag auf Ihrem Kommissariat gemeldet, weil ich mir vorstellen könnte, dass es mit dem Mord an Dr. Linnemann irgendwie zu tun hat«, erklärte Moritz Stark. »Es kann doch kein Zufall sein, dass so etwas wenige Tage später passiert.«

Wütend kickte er ein paar abgebrochene Ästchen durch die Gegend.

»Dass in Streuobstwiesen jahrzehntealte Obstbäume gefällt werden, um Ackerland zu gewinnen, ging vor einiger Zeit durch die Medien«, erinnerte sich Zoffinger. »Aber hier scheint der Fall anders zu liegen. Was waren das denn für Exemplare? Von den ausgewachsenen Bäumen nebenan ist kein einziger zu Schaden gekommen.«

»Dr. Linnemann hat mir vor längerer Zeit Setzlinge einer neue Apfelsorte aus seinem Institut gebracht. Zwei Reihen habe ich zu Testzwecken gepflanzt. Und jetzt das hier! Wer einen solchen Schaden anrichtet, kann sich offenbar nicht vorstellen, mit wie viel Arbeit das verbunden ist.«

»Ein Kavaliersdelikt ist das nicht, sondern schwere Sachbeschädigung«, urteilte der Kommissar. »Dass Ihnen Baumfrevler und Vandalen nur Schaden zufügen wollten, glaube ich nicht.«

Er erinnerte sich, was ihm der Bauer auf dem Wochenmarkt in Petershausen kürzlich über die Vermarktung neuer Apfelsorten erzählt hatte.

»Waren das spezielle Bäumchen, die vielleicht nicht in das am Bodensee übliche Anbaumuster gepasst haben? Könnte ja sein, dass man ihnen deshalb den Garaus machen und verhindern wollte, dass sie jemals Früchte tragen. Konkurrenz belebt nicht nur das Geschäft, sondern schafft manchmal auch Neider.«

Moritz Stark dachte laut nach.

»Es handelte sich tatsächlich um eine neue Sorte, die wir testen wollten. Ein experimenteller Freilandversuch. Außer mir und Linnemann wusste niemand davon. Wir wollten den Testlauf für uns behalten, bis die Ergebnisse abzusehen waren. Jetzt ist alles im Eimer.«

Zoffinger ahnte, dass er noch eine Weile in diesem Sumpf herumstochern würde. Erst der Mord an Linnemann, dann die Attacke auf die Apfelplantage: Die zeitliche Nähe zwischen beiden Vorfällen ließ vermuten, dass derselbe Beweggrund dahintersteckte. Aber eine neue Apfelsorte als Mordmotiv? Der Kommissar war schon lange genug an vorderster Front der Verbrechensbekämpfung tätig und wusste, dass es Anlässe für Gewalttaten gab, die nicht im Bereich des Möglichen zu liegen schienen. Auszuschließen war gar nichts.

2KEIN FALL WIE JEDER ANDERE

»Welch Glanz in meiner Hütte!«

Zoffinger schüttelte seinem Freund die Hand und begleitete ihn ins Wohnzimmer. In letzter Zeit hatte sich Florian Faller rar gemacht. Bei der Tageszeitung Seekurier hatte der Journalist ein Sabbatjahr genommen, um sich einen Lebenstraum zu erfüllen: einen Roman zu schreiben. Die Hälfte der Auszeit war schon verstrichen, doch die literarische Ausbeute war bislang mehr als mager. Außer einer riesigen, unübersichtlichen Materialsammlung hatte er noch kaum etwas zustande gebracht.

Auf dem Boden in Zoffingers Wohnzimmer lagen akkurate Stapel von Hemden, Hosen, T-Shirts und anderen Klamotten.

»Gehst du ins Kloster, wo du nur noch eine Kutte brauchst?«, flachste Florian.

Der Kommissar überhörte die Bemerkung.

»Ausmisten ist angesagt. Was ich seit fünf Jahren nicht mehr getragen habe, brauche ich nicht mehr.«

»Oder es passt nicht mehr, weil Kleidung durch lange Liegezeiten im Schrank erfahrungsgemäß um ein, zwei Größen schrumpfen«, provozierte Florian weiter. »Wie kommst du mit deinen Ermittlungen im Falle der Schnapsleiche vom Obsthof voran?«

»Von wegen Schnapsleiche!«, wehrte sich Zoffinger. »Linnemann hatte kaum Schnaps im Blut, sondern toxischen Vorlauf. Also keine Schnapsleiche, sondern ein Giftopfer. Totgesoffen hat er sich erwiesenermaßen nicht. Nachweislich wurde ihm die tödliche Brühe gewaltsam eingeflößt. Sowohl der Tatort als auch die Tatumstände geben mir aber immer noch Rätsel auf. Warum gerade der Obsthof von Moritz Stark? Warum ein eingeschlagener Schädel und zusätzlich noch eine Vergiftung? Wenn ich über ein Tatmotiv nachdenke, kommt mir nur eines in den Sinn: blanker Hass. Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass einer von Starks Gästen ausgerastet ist.«

»Ein Rätsel habe ich auch parat.«

»Du auch? Was liegt an? Brauchst du für deinen Roman einen rätselhaften Fall aus dem Zauberkasten der Kriminalpolizei oder ein paar Beziehungstipps von einem Frauenversteher?«

»Weder noch«, gestand Florian. »Die Sache ist etwas komplizierter.«

»Dann mal los!«, forderte Zoffinger ihn auf. »Könntest du einen kühlen Schluck Most als Lockerungsmittel für dein Gehirn vertragen?«

Was Florian erzählte, hörte sich an wie eine Fantasystory. Robert Abel, ein ehemaliger Journalistenkollege, hatte Kontakt zu ihm aufgenommen. Vor zirka zwei Jahren war er aus gesundheitlichen Gründen aus der Redaktion ausgeschieden. Jetzt hatte ihm ein Bauernverband angeboten, an einer Dokumentation über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft im Bodenseeraum mitzuarbeiten.

»Wir haben uns lang und breit über das Jobangebot unterhalten. Robert Abel wollte wissen, was ich als erfahrener Schreiber und Rechercheur von der Offerte hielt.«

»Da hat er sich ja den Richtigen ausgesucht«, lästerte Zoffinger. »Wenn ich richtig informiert bin, kommst du mit deinem Roman mehr schlecht als recht voran.«

Florian nahm einen tiefen Schluck.

»Im Laufe unserer Unterhaltung stellte sich heraus, dass es ihm um meine Meinung zu dem Jobangebot gar nicht ging. Ich merkte relativ schnell, dass er mit seinem eigentlichen Anliegen hinter dem Berg hielt und ihm etwas ganz anderes auf der Seele lag. Er hatte gesundheitlich stark abgebaut, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Mit eingefallenen Wangen und hängenden Schultern hockte er auf meiner Couch und starrte Löcher in den Teppich. Schließlich kam er auf den wahren Grund seines Besuchs zu sprechen.«

»Jetzt bin ich aber gespannt«, meinte Zoffinger.

»Mein ehemaliger Kollege hat nach langer Wartezeit endlich eine neue Niere bekommen. Medizinisch gibt es nach der Operation nichts zu kritisieren. Aber seit der Transplantation treibt ihn ein Problem um: Ist er eigentlich noch derselbe wie zuvor, oder hat er durch das fremde Organ seine ursprüngliche Identität verloren? Die Frage scheint ihn im Laufe der Zeit umso mehr zu beschäftigen, als er glaubt, dass sich sein Wesen und sein Verhalten im Unterschied zu früheren Zeiten verändert hat.«

»Kann ich mir vorstellen. Schließlich muss er mit seiner neuen Niere vermutlich nicht mehr regelmäßig zur Dialyse.«

Florian winkte ab.

»Darum geht es ihm nicht. Er wundert sich, dass er als ehemaliger Vegetarier plötzlich ein geradezu unstillbares Verlangen nach jedweder Art von Fleisch und Wurst hat. Innerhalb von vier Monaten nahm er 11 Kilo zu, was er unter anderem auf seine neue Vorliebe für Erdnussflips und Kartoffelchips zurückführt – Junkfood, das er früher nicht einmal mit der Kohlenzange angefasst hätte.«

»Das Problem ist mir bekannt«, grinste Zoffinger und strich sich über seine Bauchbeule. »Ich schaffe das auch ohne Nierentransplantation.«

»Das ist nicht Robert Abels einzige Veränderung«, fuhr Florian fort. »Vor seiner Operation ein beinharter Nichtraucher, lechzt er plötzlich nach blauem Qualm, hortet Zigaretten kartonweise und scheut nicht einmal vor Zigarillos zurück. Damit nicht genug. Von seiner früheren Flugangst ist auf magische Art und Weise nichts mehr übrig. Er hat sich sogar bei einem Paraglidingclub angemeldet.«

»Das alles führt dieser Robert Abel auf die neue Niere zurück? Er könnte doch zufrieden sein, dass das Ding überhaupt funktioniert.«

»Das denke ich auch«, antwortete Florian. »Andererseits kann man natürlich nicht nachvollziehen, was einen Menschen in so einer Situation umtreibt.«

Zoffinger legte seine Denkerstirn in Falten.

»Ich verstehe nicht, warum er mit seinem Problem gerade zu dir kommt. Hat er keinen Arzt oder Psychiater, an den er sich wenden könnte? Ich will dir nicht zu nahe treten. Aber als Psychoonkel oder Medizinmann hast du dich noch nie hervorgetan.«

»Das ist ja das Verrückte. Genauso fiel meine erste Reaktion aus. Bis Robert Abel die Katze aus dem Sack ließ.«

Der frühere Kollege wurde nach der Operation offenbar von unerklärlichen Stimmungsschwankungen geplagt, durchlebte depressive Phasen und hatte oft das Gefühl, mit seinen Gedanken in einem Nebelkosmos herumzuirren.

»Ziemlich schräge Geschichte«, meinte Zoffinger. »Aber Menschen ändern im Laufe ihres Lebens ihre Gewohnheiten. Ich frage mich allerdings, warum du gerade mir das alles erzählst.«

Florian langte wieder nach seinem Glas, als wollte er die Spannung in die Länge ziehen.

»Der Clou kommt erst noch. Mit den seltsamen Veränderungen lernte Abel, wie er mir erzählte, zu leben. Aber Nacht für Nacht plagt ihn ein widerwärtiger Albtraum, in dem er zum Mörder wird. Immer wieder erlebt er im Schlaf die grauenhafte Tat in allen Einzelheiten, und jedes Mal handelt es sich um dasselbe Mordopfer.«

»Täusche ich mich oder wäre dein Bekannter in der Klapse am besten aufgehoben?«, meinte Zoffinger.

Florian wiegelte ab.

»Auf mich macht er hin und wieder einen zerstreuten Eindruck und pendelt schnell zwischen Euphorie und Depression. Aber für durchgeknallt oder plemplem halte ich ihn eigentlich nicht.«

»Du bist genauso wenig wie ich ein Seelenklempner. Vielleicht sollte er sich wegen seiner Wahnvorstellungen in professionelle Hände begeben. Irgendeinen Grund für seine Albträume wird es wohl geben.«

»Logisch, dass er sich den Kopf darüber zerbrochen hat, wo die Horrorträume herkommen. Sein verändertes Verhalten brachte ihn schließlich auf die abstruse Vermutung, dass sie etwas mit der Organtransplantation zu tun hat.«

»Was für ein Blödsinn!«, urteilte Zoffinger. »Dem Kerl wurde die Niere und nicht das Gehirn verpflanzt.«

»Das sehe ich genauso. Aber er hat die fixe Idee entwickelt, dass seine Niere von einem Geistesgestörten, einem Psychopathen oder einem Gewaltverbrecher stammt, dessen Veranlagungen durch das transplantierte Organ auf ihn übergegangen sind.«