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It's Gin o'clock -Aktualisierte Ausgabe -Geschichte, Herstellung, Sorten und Rezepte - ein unverzichtbares Handbuch für alle Gin-Enthusiasten -Klassiker und Trendsetter: 60 großartige Gins aus aller Welt im Porträt -Mit mehr als 150 brillanten Fotos inspirierend illustriert Ob pur, on the Rocks, mit Tonic oder im Dry Martini: Gin feiert seit Jahren ein rauschendes Revival und ist der Star in jeder Bar. Reisen Sie mit diesem Handbuch durch die spannende Geschichte der Kultspirituose, lernen Sie die Geheimnisse des Gin-Brennens kennen und freuen Sie sich auf Rezeptklassiker, die den Gin zu einer Ikone der Cocktailkultur gemacht haben. Ein inspirierender Porträtteil stellt 60 der berühmtesten und interessantesten, traditionsreichsten und außergewöhnlichsten Gins aus aller Welt vor. Erfahren Sie alles Wissenswerte über Geschichte, Herstellung und Geschmack von legendären Klassikern und neuen Gin-Kreationen. Stöbern Sie in einer perfekten Kombination aus Handbuch und Bildband, lassen Sie sich anregen und informieren. Genießen Sie dieses Buch - am besten mit einem guten Gin. CHEERS!
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Seitenzahl: 122
Veröffentlichungsjahr: 2022
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GIN
Ob pur, on the Rocks, mit Tonic oder im Dry Martini: Gin feiert seit Jahren ein rauschendes Revival und ist der Star in jeder Bar. Reisen Sie mit diesem Handbuch durch die spannende Geschichte der Kultspirituose, lernen Sie die Geheimnisse des Gin-Brennens kennen und freuen Sie sich auf Rezeptklassiker, die den Gin zu einer Ikone der Cocktailkultur gemacht haben.
Ein inspirierender Porträtteil stellt 60 der berühmtesten und interessantesten, traditionsreichsten und außergewöhnlichsten Gins aus aller Welt vor: Erfahren Sie alles Wissenswerte über Geschichte, Herstellung und Geschmack von legendären Klassikern und neuen Gin-Kreationen. Ein unverzichtbares Handbuch für alle Gin-Liebhaber und all jene, die es werden wollen – CHEERS!
eISBN: 978-3-6251-6148-6
© Naumann & Göbel Verlagsgesellschaft mbH
Emil-Hoffmann-Straße 1, D-50996 Köln
Autor: Jens Dreisbach
Redaktion: Axel Gierke
Umschlagmotive:
© topvectors – stock.adobe.com [Emblemmuster]
Gesamtherstellung:
Naumann & Göbel Verlagsgesellschaft mbH, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Gin ist in
Gin-Wissen
Eine kurze Geschichte des Gins
Goldenes Zeitalter und Renaissance des Cocktails
Der Wacholder im Brennkessel – Gin-Herstellung
Botanicals – wie der Geist in die Flasche kommt
Das Universum der Gin-Sorten
Tonic Water – eine bittersüße Affäre
Gin-Porträts
Mixen mit Gin
Register
Adler
Aviation
Beefeater
Blackwood’s
Bloom
Blue
Boë
Bombay Sapphire
Boodles
Brecon
Brockmans
Broker’s
Bulldog
Cadenhead’s Old Raj
Caorunn
Citadelle
Corsair
Cotswolds
Damrak
Dutch Courage
Edinburgh
Elephant
Ferdinand’s
Filliers
Fords
Geranium
Gin Mare
Gin Sul
Glendalough
Gordon’s
Greenall’s
G’Vine Floraison
Hayman’s of London
Hendrick’s
Hernö
Jensen’s
Kyrö
Leopold’s
Martin Miller’s
Monkey 47
No. 3
No. 209
Nolet’s
Opihr
Pickering’s
Plymouth
Portobello Road
Roku
Saffron
Siegfried
Sipsmith
Tanqueray
The Botanist
The Duke
The London No. 1
Ungava
Whitley Neill
Williams • Chase
Windspiel
Z44
Gin ist in. Zweifellos und eindeutig. Die englische Nationalspirituose mit holländischen Wurzeln hat immer wieder bessere und schlechtere Zeiten erlebt. So führte der rasch zunehmende Gin-Konsum in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als billigster, giftiger Fusel die Britische Insel überschwemmte, in Großbritannien zu einer wahren Regierungskrise. Nachdem der Gin diese Talsohle durchschritten hatte, musste er immerhin noch knapp einhundert Jahre warten, bis Mitte des 19. Jahrhunderts seine erste glanzvolle Epoche begann: Bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs erlebte die Wacholderspirituose im goldenen Zeitalter der Cocktailkultur ihre erste große Blütezeit.
Die Qualität des Gins schnellte in diesen Jahren in bis dahin unbekannte Höhen, und Gin wurde vom Getränk der armen Leute zum Gaumenkitzler sowohl der bürgerlichen Mitte als auch der geschmäcklerischen Upperclass. Im Gin Tonic, Dry Martini und anderen Long- und Shortdrinks fand der Gin seine Bestimmung. Als aber in der Nachkriegszeit die Barkultur verkümmerte und der Wodka seinem Konkurrenten den Rang ablief, fiel die Gin-Aktie wieder in den Keller. Doch in den 1990er-Jahren entdeckten die Menschen nicht nur in England, sondern rund um den Globus die Cocktailkultur wieder, und seitdem feiert auch der Gin ein beispielloses Comeback. Nichts geht mehr ohne ihn, und insbesondere seit der Jahrtausendwende schießen deshalb in aller Welt unzählige neue Gin-Destillerien aus dem Boden, die für einen faszinierenden Geschmacksreichtum sorgen. Der Wacholder ist in den modernen New Western Gins nicht länger der alleinige Regent, vielmehr stellen ihm erfindungsreiche Meisterdestillateure andere Aromen entgegen oder zur Seite. Nie zuvor war das Universum des Gins so vielfältig und von Einfallsreichtum geprägt wie heute. Grund genug, den Gin, seine Geschichte, seine Kultur und einige seiner herausragenden Vertreter genauer unter die Lupe zu nehmen! Auf den folgenden Seiten führen wir Sie – ob Gin-Novize oder -Connaisseur – zunächst durch die spannende Geschichte des Gins: von den Anfängen der Destillation in Europa über die Entstehung des Genevers und seine Immigration nach England, die Gin-Krise und den Aufstieg der Cocktailkultur bis hin zur Renaissance des Gins in jüngster Zeit. Ein Blick auf die Herstellungsmethoden hilft zu verstehen, was den Gin eigentlich zum Gin macht. Anschließend werfen wir einen Blick auf die wichtigsten Zutaten der alchemistischen Kunst des Gin-Brennens, die aromagebenden sogenannten Botanicals. Durch sie wird Gin zu einem wacholdrigen Herbling, einer ozeanisch-frischen Zitrusbrise oder einer harmonisch-floralen Duftwolke – durch sie erhält er seinen Charakter, seine Tiefe und sein Aromenspiel. Freilich ist Gin nicht gleich Gin – das gilt nicht nur für einzelne Produkte, sondern ebenso für die historischen und aktuellen Unterscheidungen zwischen verschiedenen Sorten, die unter anderem auf unterschiedliche Destillationsmethoden zurückgehen: Wir erläutern den Stammbaum der gesamten Gin-Familie samt entfernterer Wacholder-Verwandter. Und wer Gin sagt, der sagt – nicht immer, aber immer wieder – auch Tonic. Das chininhaltige Sprudelwasser ist seit Ewigkeiten der treueste Begleiter des Gins, weshalb dem bittersüßen Erfrischer die Rolle als wichtigster Nebendarsteller gebührt. Die Hauptrolle ist jedoch eindeutig vergeben: Wir porträtieren 60 der berühmtesten und interessantesten, traditionsreichsten und außergewöhnlichsten Gin-Marken aus aller Welt – ein kleines Lexikon des Gins und seiner aromatischen Vielfalt. Abgerundet wird das Buch schließlich mit den wichtigsten Cocktailrezepten, die auf der feinherben Wacholdernote basieren.
High & Dry! Ob pur, on the Rocks, mit Tonic oder im Dry Martini: Gin feiert seit Jahren ein rauschendes Revival und ist der Star auf jeder Party.
Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre und stoßen an: Cheers!
Wie bei vielen alten Mythen verschwimmt auch der Ursprung der Geschichte des Gins im Dunkel der Vergangenheit. Kein Gin beispielsweise ohne die Technik der Destillation, deren Anfänge weit zurückreichen – im alten China, in Babylon und sogar schon in der Jungsteinzeit waren Formen und Vorformen des Alkoholbrennens bekannt. In der Spätantike und bis zum Frühmittelalter geriet das Wissen darum in Europa allerdings in Vergessenheit. An der Nahtstelle von Orient und Okzident, von islamischer und christlicher Welt, entstand es von Neuem: Im 8. und 9. Jahrhundert eroberten Araber weite Teile der iberischen Halbinsel sowie Sizilien. Durch Gelehrte und Wissenschaftler, wie den andalusisch-arabischen Arzt Abulcasis, der im maurischen Córdoba praktizierte und forschte, und über geistliche Zentren, wie das Benediktinerkloster Monte Cassino in Salerno, hielt die „alchemistische“ Kunst des Alkoholbrennens in Europa Einzug. Zunächst ging es freilich ausschließlich um medizinische Zwecke. Nachdem der Magister Salernus Aequivocus Mitte des 12. Jahrhunderts „aqua ardens“, das „brennende Wasser“, beschrieben hatte, ein noch ziemlich minderwertiges Destillat, verbesserte etwa ein Jahrhundert später der Bologneser Arzt Taddeo Alderotti die Technik erheblich, indem er eine Flüssigkühlapparatur einsetzte. Von nun an war das Brennen qualitativ höherwertigen Alkohols möglich, den Alderotti „aqua vitae“, „Wasser des Lebens“, nannte – denn schließlich schrieb er ihm erhebliche heilende, lebensspendende Kräfte zu.
Orient und Okzident – nicht nur in der Geschichte der Destillation, sondern auch in der Werbung für Gin vereint.
Der in Straßburg geborene deutsche Wundarzt Hieronymus Brunschwig veröffentlichte zwei wegweisende Werke über die Kunst des Destillierens: 1500 das „Kleine Destillierbuch“ mit dem Titel „Liber de arte distillandi de Simplicibus. Das buch der rechten kunst zü distilieren die einzigen ding“, 1512 das „Große Destillierbuch“ mit dem Titel „Liber de arte Distillandi de Compositis. Das büch der waren kunst zü distillieren die Composita und simplicia …“, aus dem dieser nachkolorierte Holzschnitt einer Destillieranlage stammt.
Kein Gin auch, um die Geschichte von der anderen Seite her aufzuzäumen, ohne Wacholder. Den Beeren des Wacholderbaums wurden schon seit der Antike heilende Wirkungen zugeschrieben. Der Brabanter Universalgelehrte Thomas von Cantimpré sowie der flämische Schriftsteller Jacob von Maerlant empfahlen im 13. Jahrhundert das Auskochen und Brennen für eine Vielzahl gesundheitlicher Zwecke, vor allem aber zur Heilung von Magen-Darmbeschwerden sowie bei Leber- und Nierenleiden.
Der Gemeine Wacholder enthält unter anderem Zitronensäure, Gerbsäure, Gerbstoff, Zink, Mangan, Menthol, Oxalsäure und ätherisches Öl. Ihm werden eine Vielzahl von Heilwirkungen zugeschrieben, in der Volksmedizin wird er unter anderem zur Behandlung von Magen-Darmbeschwerden und als harntreibendes Mittel eingesetzt.
Als zwischen 1330 und 1340 die Beulenpest in der zentralasiatischen Hochebene ausbrach, dauerte es nicht lange, bis die todbringende Krankheit auch in Europa ihren Tribut forderte. Über die Seidenstraße gekommen, wütete der „Schwarze Tod“ zunächst im Mittelmeerraum und breitete sich dann immer weiter bis hoch in den skandinavischen Norden aus. Zwischen 1347 und 1353 soll die Pest rund 25 Millionen Menschen dahingerafft haben, mindestens jeden dritten Einwohner des Kontinents.
Paul Fürsts Kupferstich „Doctor Schnabel von Rom“ aus dem Jahr 1656 zeigt die typische Schutzkleidung gegen den „Schwarzen Tod“. Der unheimlich anmutende Schnabel diente dem Schutz vor Ansteckung über die Atemwege.
Zwar nahm man seinerzeit nicht an, Wacholder könne die Pest heilen – wohl aber griffen die Menschen zu allen Strohhalmen, um sich vorbeugend gegen den gefürchteten „Schwarzen Tod“ zu wappnen. Zimmer wurden mit Wacholder ausgeräuchert, große Wacholderfeuer sollten die Luft klären und die Krankheit fernhalten, Wacholderbeeren wurden in jeder erdenklichen Form gegessen und getrunken, um sich innerlich zu reinigen. Die Gesichtsmasken, die Ärzte und andere Menschen, die täglich mit Pestkranken in Berührung kamen, trugen, wurden ebenfalls mit Wacholder bestückt: In einen schnabelartigen Fortsatz füllten die Pestbekämpfer neben Kräutern auch Wacholderbeeren, um die Träger vor der Infektion zu schützen – freilich mit überschaubarem Erfolg.
Als der Pestgeruch über dem europäischen Kontinent verflogen war und die Menschen aufatmen konnten, verlor die Kunst der Destillation zunehmend ihren medizinischen Zweck. Von nun an stellte man Alkohol immer mehr im Interesse des Genusses her. Ab dem frühen 16. Jahrhundert konnte man nicht mehr nur Wein destillieren, sondern auch Getreide – ein Quantensprung, denn Weintrauben waren rar gesät und stark vom Klima abhängig, während Getreide quasi überall, auch in kühleren und regnerischen Gegenden, in rauen Mengen vorhanden war. Damit entwickelten sich in vielen Ländern Europas nationale Traditionen der Branntweinherstellung: Whisky in Schottland, Wodka in Russland, Brandy in Spanien oder Cognac in Frankreich. Für die Geburt des Gins in England war jedoch ein Umweg über das Festland nötig: In den Niederlanden, Belgien und Nordfrankreich verbreitete sich um 1550 die Sitte, Kornbrände mit Wacholder zu aromatisieren. Daraus entstand der für die Niederlande typische Genever oder Jenever. 1575 gründete die Familie Bols in Amsterdam ihre Destillerie und brannte vermutlich schon damals eine mit Wacholder aromatisierte Spirituose. Das erste Rezept für „Aqua Juniper“ wurde 1622 ebenfalls in Amsterdam veröffentlicht, und zu jener Zeit gelangte der Genever in England zu sprichwörtlicher Berühmtheit.
1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus, in dessen Malstrom bald ganz Europa gezogen wurde. Drei Jahre später flammte zudem der Spanisch-Niederländische Krieg wieder auf, und bald kämpften auch englische Truppen auf niederländischer Seite. Die Legende besagt, dass die niederländischen Truppen sich mit Genever buchstäblich Mut antranken, was unter den englischen Soldaten als „Dutch Courage“ sprichwörtlich wurde und in der Folge in den Sprachschatz auf der Britischen Insel einging. Selbstverständlich konnten auch die englischen Kriegsmänner ein wenig Mut gut gebrauchen – und nahmen den Genever gleich mit nach Hause, wo er binnen kürzester Zeit bekannt wurde.
David Teniers der Jüngere, ein flämischer Bauernmaler, ist bekannt für seine Alltagsszenen. Auf diesem Gemälde aus den 1640er-Jahren wird im Hintergrund Gin destilliert, während der einarmige Mann vorn gerade eine Flasche desselben erwirbt.
Bald schon kopierte man in London und den südenglischen Hafenstädten den holländischen Schnaps, und aus Genever wurde durch angelsächsische Verkürzung der „einsilbige“ Gin. 1638 gründeten Théodore de Mayerne, gebürtiger Schweizer und Leibarzt sowohl des französischen als auch des englischen Königs, und einige andere die „Worshipful Company of Distillers“, die von König Karl I. exklusiv das Recht zugesprochen bekam, in London und Umgebung Alkohol und Essig herzustellen. Mit diesem Monopol ausgestattet, setzten Mayerne und Company eine Reihe von Qualitätsstandards durch, mit denen der englische Gin gewissermaßen das Laufen lernte.
Holland und England, Genever und Gin – das sollte eine beinahe endlose Geschichte werden. Mit der „Glorious Revolution“, der Glorreichen Revolution von 1688/89, endete in England die Herrschaft des Hauses Stuart und das Zeitalter des Absolutismus. Mit der „Bill of Rights“ wurde das aus Ober- und Unterhaus bestehende Parlament gegenüber der Monarchie deutlich gestärkt. Der katholische König Jakob II. floh nach Frankreich, und seine protestantische Tochter Maria II. und ihr Gemahl Wilhelm III. von Oranien-Nassau – als Statthalter der Niederlande selbstredend ein Freund des Genevers – bestiegen gemeinsam den englischen Thron. Zu den ersten Amtshandlungen von König Wilhelm III. gehörte das Einfuhrverbot französischer Waren, das dem Nachschub am beliebten französischen Branntwein einen Riegel vorschob. Zugleich wurde die Destillation auf Basis von heimischem Getreide gesetzlich gefördert und steuerlich so gut wie freigestellt. Dieser „Distilling Act“ von 1690 sowie weitere Gesetze und Erlasse in den folgenden Jahren räumten dem Gin in England einen historisch einmaligen Wettbewerbsvorteil gegenüber allen anderen Spirituosen ein. Mit weitreichenden Folgen, denn schon bald wurde Gin nicht mehr von manchen genossen, sondern von allen gesoffen …
Als Genever-Freund Wilhelm III. von Oranien-Nassau (1650–1702) 1689 den englischen Thron bestieg, wurde der Gin in England noch populärer.
Gin – privates Laster, öffentlicher Vorteil
Bernard Mandeville, ein gebürtiger Niederländer und Wahl-Londoner, veröffentlichte 1714 „Die Bienenfabel, oder Private Laster, öffentliche Vorteile“. Dieses Lehrgedicht ist eine moralphilosophische Provokation, denn sein Autor behauptet, dass tugendhaftes, maßvolles, friedfertiges Verhalten nichts als eine Bremse für Fortschritt und Wirtschaftswachstum sei, während Verschwendung und Ausschweifung, Ausbeutung und Krieg deren Tempo beschleunigten und den Reichtum vermehrten. Auf eine Formel gebracht: Private Laster sind von öffentlichem Nutzen.
Zum privaten Laster erster Güte war seinerzeit längst der maßlose Gin-Konsum geworden, zugleich war er jedoch ein beträchtlicher Wirtschaftsmotor und somit ein öffentlicher Vorteil. Es ist also vielleicht kein Zufall, dass Mandevilles Fabel einer der frühesten, wenn nicht der erste Text überhaupt ist, in dem das Wort „Gin“ schriftlich festgehalten und zum sozialphilosophischen Thema wird.
Privates Laster, öffentlicher Vorteil? Oder doch „Mother’s Ruin“, wie der Gin im 18. Jahrhundert auch genannt wurde? Während Mutter allerdings bereits abgeführt wird, bedient sich die Tochter am Krug, und auch der kleine Bruder möchte nicht unwissend bleiben.
Wilhelm III. hatte sich als edler Förderer des Gins gegeben, seine Nachfolgerin, Königin Anne, auch bekannt als „Brandy Nan“, die ihren Tee selten ohne Zusatz von Hochprozentigem geschlürft haben soll, öffnete die Schleusen zur Hölle, als sie den Gin-Markt weitestgehend deregulierte. Billiger Fusel überschwemmte in der Folge insbesondere die Londoner Armenviertel. Sittlicher Verfall und soziale Verwahrlosung nahmen bald das untere Drittel der englischen Bevölkerung in ihren Würgegriff. Die Verelendung ging so weit, dass in den 1720er-Jahren mehr gestorben als geboren wurde, weil der nicht selten giftige Fusel sowohl die Fruchtbarkeit einschränkte als auch die Kindersterblichkeit in schwindelerregende Höhen trieb. Schon bald war die Rede von „Mother’s Ruin“, und bis über die Mitte des Jahrhunderts hinaus hatte der „Gin Craze“, der Gin-Wahn, ganze Stadtviertel Londons fest im Griff. Die Politik sah sich zum Einschreiten genötigt und erließ zwischen 1729 und 1751 gleich fünf größere „Gin Acts“, fünf Gesetze zur Eindämmung des Gin-Konsums, um wieder Herr der Lage zu werden. Die Gin-Krise, die zugleich eine politische Sinnkrise war, ebbte in der Folge ab und endete 1757/58, als zweimal in Folge die Ernte fast völlig ausfiel und die Destillation von Getreide, das für das tägliche Brot dringender benötigt wurde, zeitweise gänzlich verboten wurde.
