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Während des 30 Jährigen Krieges in den Irrungen und Wirrungen von Zeit und Region gerät Ginevra als deutsche Protestantin im Spanien des 17. Jahrhunderts zwischen alle Fronten.Ihr adliger spanischer Geliebter liefert sie den Schergen der Regierung aus und sie wird in das Schloss eines entfernten Onkels im streng katholischen Sauerland verschleppt.Dort wird sie eingekerkert und von ihrem sehr vergeistigten Onkel vergessen.Jahrhunderte nach ihrem Hungertod, in denen sie als Gespenst die Entwicklung des Schlosses beobachtete, trifft die den Nachfahren ihres Geliebten in eben diesem Schloss.Erneut verfällt sie dem spanischen Charme, wie bereits in der Vergangenheit. Doch, wie sollen sie aus zwei verschiedenen Welten zusammen kommen? Wird er sie überhaupt wahrnehmen? Wie wird sich ihre Zukunft gestalten?
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Alejandro übersäte Ginevras erschaudernden Körper mit unzähligen Küssen. Wie so oft hatte sie sich ihm völlig hingegeben.
Ach, wie er sie liebte!
Aber diese Liebe war verboten.
Seit die Spanier sich mit den deutschsprachigen Ländern im Krieg befanden, war ihre Liebe gefährlich, ja möglicherweise sogar tödlich.
Dazu kam noch der Glaubenskrieg zwischen Papstanhängern und den Gruppen, die sich abgespalten hatten.
Für ihn, den Duquen Alvarez de Salandra, streng katholisch, mit dem angesehenen Namen, der seit Jahrhunderten Ehrfurcht und Gehorsam seiner Untertanen garantierte, war eine Liebesbeziehung mit der calvinistisch abtrünnigen Nichte eines Droste aus dem sauerländischen Oberhundem im deutschsprachigen Westfalen, mehr als verboten.
Für ihn würde es unmöglich sein, diese Beziehung weiterzuführen.
Er musste seinen Vorgesetzten gegenüber preisgeben, wo sich Ginevra verbarg, sonst würde ihn Folter und Tod erwarten.
Morgen würde Ginevra im Morgengrauen, hier in ihren Gemächern, überrascht und entführt werden. Sie würde aus Spanien verbannt und zurück in ihre Heimat gebracht.
Was ihr dort widerfahren würde mochte sich Alejandro nicht vorstellen. Denn das Sauerland war katholisch. Er wusste nicht, wie dort mit Menschen anderen Glaubens verfahren wurde.
Aber er musste sich selbst und seine Familie schützen.
Deshalb musste er sie opfern!
Unter einem Vorwand verließ er ihre Gemächer noch vor dem Morgengrauen, wohl wissend, dass er sie nie wieder sehen würde.
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
Till:
Plötzlich wurde Till aufgeschreckt. Zunächst wusste er gar nicht, wo er war.
Es war so still, so düster.
Ganz anders als in der Innenstadt von Mülheim an der Ruhr, wo sich sein eigentlicher Wohnsitz befand.
Im Grunde war Mülheim im Gegensatz zu den anderen, umliegenden Städten des Ruhrgebiets recht provinziell.
Aber mitten in einer zwar kleinen, aber immerhin doch noch Großstadt mit 170.000 Einwohnern, nur einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt zu wohnen, war akustisch durchaus eine Herausforderung. Es grenzte quasi an Lärmbelästigung.
Mittlerweile gab es die ersten Bewegungen einige Straßen zumindest am Abend durch Geschwindigkeitsbegrenzungen zu beruhigen. Aber, wer hielt sich schon daran?
Er hoffte auf mehr Elektroautos, die nicht so viel Lärm machen würden. Das allerdings war Zukunftsmusik.
Denn es gab ja noch nicht einmal genügend Ladesäulen.
Was hatte Till denn jetzt geweckt?
War es das leise Knacken im Gebälk? Dazu vernahm er das Rauschen von Wasser, welches irgendwo hineinfloss! War es ein Teich? ein See? eine Gräfte?
Plötzlich wusste Till es wieder.
Er befand sich in seiner neuen Ferienwohnung. Hier verbrachte er seine erste Nacht.
Er war im Sauerland in einem Wasserschloss. Das Geräusch, welches er hörte, war tatsächlich ein Wassereinlauf. Nämlich der Bachzulauf, in die Gräfte des Schlosses Adolfsburg in Oberhundem.
Es handelte sich um das höchstgelegene Wasserschloss in Nordrhein-Westfalen und wurde im 17ten Jahrhundert erbaut. Als er es entdeckte, war er sofort in die barocke Bauweise verliebt und konnte es kaum erwarten, nach dem Kauf zum ersten Mal dort zu übernachten.
Aufgrund der Tatsache, dass diese Wohnung noch nicht komplett eingerichtet war, ging er an seinem ersten Abend im Sauerland in die renommierteste Dorfkneipe von Oberhundem, den „Gasthof zu den Linden“.
Er konnte in seiner Wohnung zurzeit noch nicht kochen, weil die Wohnung beim Kauf zwar möbliert, aber bedauerlicherweise nicht mit Küchenzubehör ausgestattet war.
In „der Linde“ nahm er sein erstes sauerländisches, gutbürgerliches, durchaus schmackhaftes Abendessen zu sich und traf auf George.
George war ein Lebemann aus Düsseldorf, der ebenfalls hier im Ort ein Wochenend-Domizil besaß.
Vor nicht allzu langer Zeit, hatte er eines der zur Schlossanlage Adolfsburg gehörenden Lusthäuschen erworben.
Dieses Häuschen hatte nach seiner Erbauung dazu gedient, für den Fürsten, in der Nacht vor der Hochzeit eines Dorfmädchens, das Liebesnest zu bilden.
Der Fürst durfte der jungfräulichen Braut, vor ihrer Hochzeitsnacht „beiliegen“.
Dort mussten sich die bedauernswerten Frauen dem „Hausherrn des Schlosses“, vor ihrer Vermählung hingeben.
George war durchaus eine imposante Erscheinung und hatte eine sehr bewegte Vergangenheit.
Früher bei der GSG9 gewesen, besaß er jetzt eine Headhunter-Firma, die von der Krankenschwester bis zu einem Serien-Killer alle beruflichen Professionen vermitteln konnte.
George war sehr wortgewandt und wusste die Menschen zu unterhalten.
Er hatte soviel in seinem bewegten Leben gesehen, dass er sein Publikum mit seinen Geschichten, mehr als einen Abend lang amüsieren konnte.
Als der Abend in „der Linde“ weiter fortschritt, dünnte sich die Zahl der Gäste aus.
George jedoch drehte immer weiter auf. Er holte letztendlich sogar sein Grammophon aus dem Kofferraum seines Geländewagens.
Die nostalgisch anmutenden Klänge hallten bis auf die Hauptstraße.
Georges Auto, ein alter Landrover mit Blattfedern und direkter Lenkung ohne jeden Schnickschnack, war mit einem grünen Kennzeichen bestückt, weil er es für seine Jagdgesellschaften nutzte.
Zu Hause fuhr er einen standesgemäßen S-Klasse-Mercedes, den er aber in Oberhundem direkt am Lusthäuschen stehen ließ.
Er wechselte dort auch unmittelbar seine Garderobe, ließ seinen maßgeschneiderten Anzug im Schrank und zog eine legere Landhaus-Kluft an.
Gaby Brüggemann, die Besitzerin der „Linde“ kannte George offensichtlich gut und zog sich irgendwann auf ihr Zimmer zurück, nachdem sie George die Hausgewalt zugesprochen hatte.
Jetzt wurde es erst richtig gemütlich.
Es wurden Schellack-Platten aus dem letzten Jahrhundert aufgelegt, die mit ihrem Timbre, alte, längst vergessene Gefühle aufleben ließen.
Als Apherdita, die Ziehtochter von Gaby Brüggemann, dem Gelage, nicht zuletzt aus dem Grunde ein Ende bereitete, weil die Übernachtungsgäste, die in den oberen Etagen versuchten zu schlafen, sich beschwerten, lud George noch alle verbliebenen Gäste in sein Lusthäuschen ein.
Till war noch nicht in der Stimmung, sich schlafen zu legen und ging deshalb mit.
Das Lusthäuschen, der nördliche Eckpunkt der ehemaligen Schlossanlage, angrenzend an den vermutlich vor 350 Jahren bestandenen Schlossgarten, auf dem jedoch mittlerweile ein Hallenbad stand, gehörte juristisch gesehen nicht mehr zum Schlossensemble.
Es war vom Hauptgebäude abgekoppelt und gehörte auch nicht zur Eigentümergemeinschaft des Schlosses.
Trotzdem unterstand es dem Denkmalschutz und war in seiner historischen Schönheit erhalten.
Das Gebäude war von einer schulterhohen Hecke umrundet, in deren Mitte sich, dank Georges Lebensgefährtin, ein wunderschöner Garten mit lauschigen Sitzplätzen, Rosenbüschen und sehr vielen Stauden, die liebevoll gepflanzt und hingebungsvoll gepflegt wurden, befand.
Angekommen im Lusthäuschen, ging die Feier unmittelbar mit Champagner weiter.
Till bestaunte das Innere des Häuschens. Es war wohnlich und hochherrschaftlich zugleich. Prunk und urige Gemütlichkeit hatten sich gepaart. Unter hohen Stuckdecken fand sich der heimelige Wohnbereich, an dessen Seitenwand ein offener Kamin den Blickfang bildete. Dieser war schnell entzündet und das feine Knistern der brennenden Holzscheite erzeugte eine ganz andere Art von wohliger Atmosphäre.
Till sah die ausgestopften Auerhähne und Wildschweinköpfe, die an den Wänden des passionierten Jägers hingen, schon doppelt, so viel Alkohol hatte er getrunken.
Georg zielte mit den Korken der Champagnerflaschen auf eben diese toten Tiere.
Auch er hatte jedoch schon zu viel Zielwasser getrunken, um auch nur eines der Tiere zu treffen.
Till empfand es als eine glückliche, schicksalhafte Entwicklung, George begegnet zu sein.
Nach noch einigen weiteren Gläsern des besagten Champagners, verabschiedete sich Till von seinem neuen Freund, um in dieser Nacht endlich und zum ersten Mal in seiner neuen Schloss-Wohnung, zu schlafen.
Sein kurviger Heimweg führte vorbei am Schwimmbad, über den Parkplatz durch das Schlosstor in den Vorhof.
Von dort hatte man einen atemberaubenden Blick auf den angeleuchteten Uhrenturm. Die kleinen Fenster in der Dachhaube waren noch erleuchtet. Man sah die Umrisse der Feuerglocke, die bereits unmittelbar nach der Erbauung des Schlosses in der Dachhaube des Glockenturms gehangen hatte. Sie wurde zur damaligen Zeit bei Feuer und anderen Gefahren geläutet, um die Schlossbewohner und Dorfmitglieder zu warnen.
Till schritt mit schwankendem Schritt über die Brücke, unter der die Gräfte floss, über den Ehrenhof Er fand kaum das Schlüsselloch der Eingangstür zum Südflügel und stolperte letztendlich die Treppe hinauf in die erste Etage, wo sich seine Wohnung befand.
In der Wohnung angekommen fiel er schnell ins Bett und unmittelbar in einen vom Alkohol umnebelten, komatösen Schlaf.
Jetzt jedoch, war er durch irgendetwas aufgeschreckt worden. Er schaute auf die Uhr. Es war erst vier Uhr in der Früh.
Genau genommen hatte er erst 2 Stunden geschlafen.
Er hörte ein Knarzen und Knacken im Gebälk. Dann ertönten Schritte in der unbewohnten Wohnung über ihm. Seine geschlossene Badezimmertür sprang auf!
Was war das für ein Spuk?
Das alles war doch sicherlich rational erklärbar in einem Schloss, welches zwar aus dem 17ten Jahrhundert stammte, aber mittlerweile im 21. Jahrhundert angekommen war?
Spannung in der Türzarge, wodurch die Tür nicht richtig schloss?
Ein später Heimkehrer, der nur kurz in der oberen Wohnung weilte?
Er zog sich die Bettdecke über den Kopf. Nach und nach beruhigte sich sein Atem.
Es war ohnehin seit langem wieder still.
Sehr still!
Man hörte von fern noch den Wasserlauf, der die Gräfte des Schlosses speiste, ansonsten war alles ruhig.
Till verfiel erneut in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Till :
Am nächsten Morgen wachte Till recht verkatert auf. Er wusste nicht mehr so recht, was er am letzten Abend im Detail erlebt hatte.
Jetzt galt es ohnehin zunächst wieder nach Hause, nach Mülheim zu fahren, denn er plante in den nächsten Wochen die ersten Verschönerungen in seiner neuen Wohnung vorzunehmen. Dass erforderte Vorbereitungen und Recherche, die er nur zu Hause am Computer erledigen konnte.
Außerdem musste er sich unbedingt einige neue Küchenutensilien zulegen, um sich wenigstens einige Kleinigkeiten zum Essen zubereiten zu können.
Till hatte Zeit für seine Renovierung eingeplant. Der März hatte gerade erst begonnen.
Im Sauerland hatte sich die Vegetation wegen der schlechten Wetterlage ohnehin ziemlich verzögert entwickelt.
Eigentlich machte es noch gar keinen Spaß, hier seine Freizeit zu verbringen. Die Natur war gegenüber dem Ruhrgebiet noch sehr weit zurück.
Trotzdem fieberte er schon dem nächsten Wochenende, wenn er wieder im Schloss übernachten würde, entgegen.
Kurz dachte er an die Zeit zurück, als er erstmals auf die Idee gekommen war, sich eine Wochenendimmobilie zuzulegen.
Er war ein erfolgreicher Unternehmer im Ruhrgebiet. In Saarbrücken geboren, war er nach dem Studium den beruflichen Möglichkeiten gefolgt und im Ruhrpott gelandet. Als Bauunternehmer hatte er einige große Projekte erschaffen, die sein Geschäft an die Spitze einer Insiderbranche gebracht hatte.
Er hatte sich auf alte Baumaterialien spezialisiert.
Fliesen aus Delft, alte, gelagerte Eichendielen, handgeformte alte Lehmziegel, er konnte alles besorgen und kannte sogar Handwerker, die nach alter Kunst, nicht mehr zu beschaffene Kostbarkeiten neu herstellten.
Natürlich brauchte er seine Kontakte im Ruhrgebiet, damit sein Unternehmen weiterhin florierte.
Er fühlte sich dort durchaus wohl im Pott.
Kam mit dem geraden, ehrlichen Menschenschlag gut zurecht. Deshalb lebte er als „Wahlruhri“ dort gerne und gut.
Till besaß eine schöne Penthauswohnung mitten in der City von Mülheim an der Ruhr mit Blick auf den Rathausturm.
Es war ein Mehr-Generationen-Haus mit Consierge im Parterre und einem barrierefreien Zugang zu allen Wohnungen. Das Gebäude hatte vor einigen Jahren bei deiner Erbauung sogar einen Innovationspreis erlangt.
Tills Wohnung erstreckte sich über drei Etagen, mit zwei offenen Galerien, die den freien Blick auf den hölzernen Dachstuhl lenkten.
Zur Parkseite erstreckte sich eine ausladende Terrasse.
Darauf stand ein Strandkorb, der sogar schon im frühsten Frühjahr die Möglichkeit bot, sich mit einem heißen Tee oder Kakao, in eine Decke gemummelt, nach draußen zu setzen.
Mülheim war nicht der Nabel des Ruhrgebiets. Im Gegenteil war es durch seine beschauliche Zahl an Einwohnern eher ruhig. Die Stadt war eher gesellig, hatte trotzdem Kultur und sämtliche größeren Städte, wie Düsseldorf, Essen oder Duisburg waren schnell zu erreichen.
Genau diese Mischung aus provinzlerischer Übersichtlichkeit und der trotzdem vorhandenen Möglichkeit, alles in greifbarer Nähe zu haben, was man sich gerade wünschte, machte Tills Heimatstadt für ihn so liebenswert.
Wenn man nicht gerade in Berlin leben wollte, war das Ruhrgebiet eine ideale Alternative. Die „Ruhris“ mit einer subtilen Art, ihren Humor zum Ausdruck zu bringen und ihrer Schlagfertigkeit, waren Till ans Herz gewachsen.
In seiner neuen Wahlheimat fühlte Till sich niemals überrannt, und wenn er wollte, traf er immer jemanden, den kannte und mit dem er einen netten Abend verbringen konnte.
Wie seine Geburtsstadt Saarbrücken war auch Mülheim von einem Fluss durchzogen und leicht hügelig.
Trotz allem sah Till auch die Nachteile seiner Wahlheimat.
Sein Wohnsitz lag mitten in der City. An den Wochenenden feierten die Menschen dort. Vor allem der Park wurde oft bis spät in die Nacht von Mitbürgern genutzt, die keinen eigenen Garten hatten.
Manchmal gab es gab sogar Kämpfe zwischen verfeindeten Clans ausländischer Mitbürger. Dann musste man sich aus allem heraushalten. Es war kein Kampf, der die Nachbarschaft betraf, auch wenn er sich unmittelbar vor der Haustür abspielte. Es ging um Geld, Macht, Drogen und Gebietsansprüche für weitere illegale Geschäfte.
Sehr selten fielen sogar Schüsse.
Till hatte für sich ausgemacht, niemals zwischen verfeindete Clans zu kommen.
Er hätte auch in die Peripherie, den Grüngürtel Mülheims ziehen können, aber das wollte er nicht.
Die City war authentisch und pulsierte innerlich, mehr als die Villengegenden, wo die „Who is Who“ der Stadt versuchten, immer ein bisschen mehr den Protz nach außen zu tragen und sich gegenseitig zu übertrumpfen.
Ein großer Nachteil, im Stadtkern zu leben, war der Verkehrslärm. Jeden Morgen begann sich der Verkehr ab 4:00 Uhr zu verdichten. Die Stadt pumpte das Leben in seine Straßen.
Je nachdem, aus welcher Richtung der Wind wehte, hörte Till sogar die Züge in den Bahnhof einfahren und Bahnhofsansagen waren zumindest in Fetzen wahrzunehmen.
Till sehnte sich nach Ausgleich, wollte aber andererseits seinen aktuellen Standort nicht aufgeben.
Also fasste er den Entschluss, sich gleichzeitig seine quirlige Stadtwohnung in Mülheim zu gönnen, und sich zusätzlich eine ruhige Landwohnung zuzulegen.
Er begab sich auf die Suche nach einem zweiten Wohnsitz.
Zunächst suchte er nach einer Immobilie am Niederrhein, weil es schön nah gelegen war und schnell zu erreichen. Allerdings gab es dort nur Anwesen mit einer recht langweiligen Architektur.
Eine Windmühle, die zum Verkauf stand, wurde ihm vor der Nase weggeschnappt und so erweiterte er den Radius seiner Suche bis zum Bergischen Land. Er träumte von einem verlassenen Fachwerkhaus.
Im Bergischen waren wunderschöne Hügel und Stauseen, aber sie alle waren umzäunt und man durfte kaum ans Wasser, die Seen durften zum Schutz der Wasserqualität nicht besucht werden.
Ein „No-Go“ für Till.
In einer Immobilienzeitung, die Till seit geraumer Zeit abboniert hatte, wurde neben vielen interessanten ausländischen Immobilien, eine Wohnung in einem Schloss im Sauerland angeboten.
Die einzelne Wohneinheit umfasste mehr als 300 qm.
Die Photos waren atemberaubend. Der aktuelle Besitzer hatte die Wohnung, die sich im Parterre befand, mehr als geschmackvoll eingerichtet. Die Decke bestand aus einem Tonnengewölbe und die Wände waren in dem natürlichen roten Porphyr, aus dem das gesamte Schloss erbaut war, belassen.
Kleine LED-Strahler beleuchteten die Nischen und Winkel des geräumigen Hauptraums mit offener Feuerstelle.
Ein riesiger Eichentisch mit 10 rustikalen Stühlen bildete den Blickfang des Essbereichs.
Chesterfield Clubmöbel standen vor dem Kamin, flankiert von seitlichen Beistelltischchen im englischen Stil.
Till war begeistert, allerdings waren selbst für ihn diese 300 qm ein wenig zu überdimensioniert.
In einem winzigen Anhang stand der Verweis auf andere Wohnungen, die von demselben Makler angeboten wurden.
Diese konnte man sich unter der nachfolgenden Internetadresse ansehen.
Till gab die Adresse in die Suchmaschine ein.
Und da war sie! Seine Traumwohnung! 60 qm, zwei Zimmer, wie für ihn gemacht.
Allein der Preis war suspekt, denn er war die Immobilienpreise des Ruhrgebiets gewöhnt und dachte sich, dass Preise einer Schlossimmobilie durchaus ähnlich oder sogar höher angesiedelt sein würden.
Diese Wohnung erschien ihm sehr günstig im Preis.
Zusätzlich schreckte ihn der Standort Sauerland ab.
Von Menschen, die im Ruhrgebiet aufgewachsen waren, hatte er immer nur abfällige Bemerkungen über das Sauerland gehört.
Stur seien die Sauerländer, spießig seien ihre Unterkünfte.
Also war auch er gegenüber dem Sauerland mehr als voreingenommen.
Er hatte von seinen Freunden schreckliche Erinnerungen über Familienausflüge gehört.
Im Frühling wo es bitterkalt war, unternahmen sie mit der Familie Osterausflüge, wo sie, bekleidet mit der neuen Oster-Garderobe, bei niedrigen Temperaturen ins Sauerland gefahren waren.
Eigentlich hatte niemand es genossen, aber es gehörte zur Tradition.
All dieses hatten die Freunde in ihrer Kindheit erlebt.
Dazu kamen die unzähligen Schulausflügen nach Winterberg zum Rodeln, in die Attahöhle oder zu irgendwelchen Wanderungen durch die sauerländische Natur.
Für die Ruhrgebieter war das Sauerland das Pendant von Tills Kindheitserlebnissen in den Vogesen.
Immer fuhr man aus Saarbrücken dorthin zum Essen.
Immer wurde dort gewandert. Oft hatte er auch dort gefroren.
Till zögerte lange, bis er Kontakt mit der Maklerfirma aufnahm.
Als er dann aber den Besichtigungstermin vereinbart hatte, und sich nach Oberhundem begab, verspürte er ein leichtes Kribbeln im Bauch.
Unmittelbar nachdem er den Innenhof des Barockschlosses betreten hatte, war er wie verzaubert.
Es war wie ein Traum.
Wie viel Geschichte steckte in diesen Mauern?
Es handelte sich um das höchst gelegene Wasserschloss Deutschlands.
Damals, vor mehr als 350 Jahren, war es selten der feste Wohnsitz der Fürstenberger Familie gewesen, sondern wurde eher als Jagdschoss genutzt.
Nach dem Auszug des letzten Grafen wurde es zum Internat, im 2. Weltkrieg, wurde es von evakuierten Menschen bewohnt und schließlich drohte es zu verfallen.
Erst durch einen Investor in den 1980er Jahren, der investierte, sich allerdings verspekuliert hatte, wurde das Schloss wieder bewohnbar gemacht.
Nach dem Bankrott des Herrn von Meesebach, benötige man weitere Investoren, um das Schloss nach vielen Irrungen und Wirrungen letztendlich zu renovieren. Mittlerweile erstrahlte es im neuen Glanz.
Aber auch diese Renovierung lag mehr als 40 Jahre zurück und das Schloss bedurfte bereits neuer Renovierungen. So standen zum Beispiel umfangreiche Dachsanierungen an.
Obwohl der Makler ihm das alles bereits mitgeteilt hatte, wusste Till unmittelbar nach betreten des Grundstücks, dass er sich in dieses Anwesen mehr als verliebt hatte.
Bisher hatte Till Deborah, seiner aktuellen Freundin, noch nicht allzu viel von seiner Immobiliensuche erzählt.
Sie hatten sich erst vor 4 Monaten kennengelernt und da beide viel arbeiteten, verbrachten sie nicht allzu viel Zeit miteinander.
Deborah war Köchin, eine Starköchin, die erst vor Kurzem das Angebot von einem Fernsehsender bekommen hatte, die bekannteste Kochsendung Deutschlands in Hamburg zu moderieren.
Gleichzeitig betrieb sie die „Zuckerschote“, ein Sternerestaurant in Düsseldorf, welches für seine kleinen, aber außergewöhnlichen kulinarischen Highlights, auf Löffeln serviert, in Form eines „Flying Buffets“ und begleitet von komplementären Weinen, berühmt war.
Neben der Jagd nach den Michelin - Sternen, die sie in ihrem eigenen Restaurant betrieb, war das Angebot aus Hamburg eine zusätzliche Herausforderung.
Das Engagement war sehr verlockend für sie gewesen.
Diese Chance auf eine bezahlte, internationale Werbung im Fernsehen, wollte sie sich nicht entgehen lassen.
Also pendelte sie nunmehr oft zwischen Hamburg und Düsseldorf, wo sich ihr Restaurant und auch ihre Wohnung befanden.
Für solch ein turbulentes Leben schlug Deborahs Herz.
Immer am Puls der Zeit, immer begehrt, gebraucht und bejubelt.
Till plante, sie mit seiner neuen Immobilie erst dann zu überraschen, wenn er alles renoviert und geschmackvoll eingerichtet hatte.
Bis dahin würden allerdings noch einige Monate ins Land gehen.
Till :
Vier Wochen nach dem Erwerb seiner Schlosswohnung war die Eigentümerversammlung im Haus des Gastes anberaumt.
Er war sehr gespannt, alle Nachbarn kennenzulernen und wollte sich als neues Mitglied der Gemeinschaft vorstellen.
Er kannte die Agenda quasi auswendig, hatte aber bedauerlicherweise nicht genau auf den Beginn der Sitzung geachtet.
Um 15:00 Uhr setzte er sich in Bewegung. Erst da sah er bei einem schnellen Blick auf die Einladung, dass die ganze Veranstaltung bereits um 14:00 Uhr begonnen hatte.
Eine Stunde nach Beginn würde doch sicherlich alles gelaufen sein?
Wie schade war das denn?
Warum hatte er nicht näher hingesehen? Geknickt zog er auf halber Strecke wieder zurück ins Schloss.
Er wusste damals nicht, dass er durchaus noch zu dem Treffen hätte dazu stoßen können, denn Eigentümerversammlungen der Schlossgemeinschaft dauern regelhaft länger als eine Stunde. Meist verbrachte man in diesen Sitzungen 4-5 Stunden seiner Lebenszeit.
Es ging immer darum, notwendige Instandsetzungen oder auch Verschönerungen zu verabreden und es ging um viel Geld.
Das Schloss brauchte Pflege und es drohte Unsummen zu verschlingen. Der Vorteil dieser Gemeinschaft war, dass alle die Liebe zum Schloss verband.
Die meisten Wohnungsbesitzer waren nicht arm und waren sich einig, dass Investitionen zum Erhalt des Schlosses nicht aufgeschoben werden durften.
Tills Schloss-Domizil war immerhin mittlerweile mit einigen Basics ausgestattet. So besaß er eine stattliche Ausrüstung an Kochgeschirr und auch die Gewürze waren sicherlich an Zahl und Vielfalt derer eines durchschnittlichen Haushalts überlegen.
Dank Deborah, die er durch eine Dating-Plattform kennengelernt hatte, kannte er einige gute Rezepte und er kreierte sich ein schmackhaftes Abendessen.
Deborah hatte ihm die Grundlagen des Kochens beigebracht, um zu verhindern, dass er ohne sie verhungerte.
Er hatte es sich im Küchenbereich gemütlich gemacht.
Seine Penne a la Arrabiata hatten eine angenehme Schärfe und er spülte sie sie mit einem sehr ausgewogenen Luganer-Wein herunter.
Plötzlich wurde es dunkel. Der Strom war ausgefallen.
Till hatte eine Kerze angezündet. Der Kamin war befeuert und er hatte sein Essen bereits zu sich genommen.
Deshalb war nicht allzu sehr beunruhigt.
Plötzlich begann die Kerze aus dem Nichts heraus, zu flackern.
Es war eine Luftbewegung zu verspüren, die nicht mit einer Turbulenz am Kamin zu erklären war.
Till verspürte Gänsehaut!
Das Kaminfeuer knisterte, obwohl er kein neues harziges Holz zugelegt hatte.
Es gab einen Funkenflug, ohne erkennbaren Grund.
Was war hier los?
Als das elektrische Licht wieder aufflackerte, verflog das befremdliche Gefühl.
Till räumte die Reste seines Abendessens ab, spülte das Geschirr und ging zu Bett.
In der Ruhe seiner Umgebung lauschte Till dem Einlauf der Gräfte.
Der Einlauf wurde von der Hundem gespeist. Durch diesen Frischwasserzufluss wurde die Gräfte niemals mit Algen überwuchert.
In der Gräfte gab es eine variantenreiche Fauna, bestehend aus Karpfen, Forellen, Moderlieschen und Flusskrebsen, die ein Nachbar zu Zeiten einer drohenden Algenüberwucherung eingesetzt hatte.
Das Plätschern des Wassers lullte ihn ein, es beruhigte seinen Herzschlag, langsam verfiel er in einen wohligen Schlummer.
Am nächsten Morgen packte er all die Dinge zusammen, die er wieder zurück ins Ruhrgebiet nehmen musste.
So wollte er einige abgeschraubte Schrankknöpfe mit ein wenig Goldfarbe aufpeppen und die mitgekauften Spitzendeckchen aus dem Inventar seiner möblierten Wohnung mussten unbedingt gewaschen werden.
