Glashausmenschen - Eva Russ - E-Book

Glashausmenschen E-Book

Eva Russ

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Beschreibung

Folgen Sie den Menschen in ihr Glashaus, oder begleiten Sie Mr. Murphy auf Zeitreise. Vielleicht beobachten Sie auch Bernhard T. bei seiner Verwandlung, oder Sie werfen einen Blick in die Zukunft. Spannung und schräge Unterhaltung sind jedenfalls garantiert.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Eva Russ

Glashausmenschen

Phantastische Geschichten

für Lisa, David und PaulBookRix GmbH & Co. KG81371 München

Glashausmenschen

Es war ein schöner Sonntagmorgen, als sie auf der großen Gemeindewiese mit dem Bau begannen. Die Alten, die gerade aus der Kirche kamen, sahen als erste den Bagger, der mit seinen stählernen Zähnen braune Erdschollen aus dem Boden riss. Einige blieben stehen und starrten verwundert, die faltigen Münder bewegend, als sprächen sie rasch ein Gebet. Gerade so als wollten sie etwaiges Unheil, das ihnen durch dieses Neue drohen könnte, welches hier auf der Gemeindewiese vor sich ging, abwenden.

Den ganzen Sonntag über arbeiteten sich die Greifarme der Maschine in den weichen, warmen Grund und zerrten und rissen ein großes Loch in den Boden. Die Buben des Ortes wollten schon einen Aufstand organisieren, da sie sich auf die ungerechteste Art und Weise ihres Sportplatzes beraubt sahen, doch die Eltern konnten das Schlimmste verhindern. Am Abend fuhr der Bagger schnaufend und müde die Hauptstraße hinauf und zum Ort hinaus. Die Sonne verschwand und ihre letzten Strahlen beleuchteten die Innereien der aufgewühlten Erde auf dem Gemeindeplatz.

 

Es war eine sehr ruhige Woche, die diesem ungewöhnlichen Sonntag gefolgt war. Die Menschen des Ortes hatten sich schon an den Anblick der Erdhaufen auf dem Platz in der Mitte ihrer Gemeinde gewöhnt. Ihr Leben lief in gewohnten Bahnen und nachdem der Bagger nicht mehr aufgetaucht war, beruhigten sich auch die erhitzten Gemüter der fußballfreudigen Jugend.

Als jedoch an diesem Sonntag die Alten aus der Kirche kamen und nun statt des Baggers viele andere Maschinen sahen, die eifrig stampften, hämmerten, klopften und bohrten, vergaßen sie sogar die Lippen in stummem Gebet zu bewegen und hoben fragend den Blick zum Himmel, der jedoch abweisend verhangen war und keineswegs für die Beantwortung der Frage bereit zu sein schien. Die Knaben waren bereits dabei einige Plakate und eine Protestschrift zu verfertigen und es waren nun auch die Leute, die sich bis jetzt noch keine Sorgen gemacht hatten etwas beunruhigt.

Die Maschinen jedoch verrichteten ihren Dienst und ließen den Tag des Herrn außer Acht. Auch an diesem Abend verstummte ihr Getöse noch bevor die Sonne ganz untergegangen war und ihre letzten Strahlen spiegelten sich in einer riesigen Glaswand die hoch in den sich verdunkelnden Himmel ragte.

 

Da die Arbeiten an dem Glashaus sich über mehrere Sonntage hinzogen, gewöhnten sich die Menschen auch an diesen neuen Umstand und lebten so weiter wie bisher. Sogar die Knaben hatten einen neuen Platz für ihre sportliche Tätigkeit gefunden und die Alten trotteten blicklos an dem Glasbau vorbei wenn sie aus der Kirche kamen.

 

Eines Sonntags war das Haus fertig und es stand in den Strahlen der untergehenden Sonne in seiner durchsichtigen Pracht und funkelte und glänzte wie ein Diamant Gottes.

So stand es viele Wochen hindurch, ohne dass sich an ihm etwas verändert hätte, doch eines Sonntags fuhr ein großer Möbelwagen vor das Haus aus Glas. Es war jener Sonntag an dem der Mann in den Ort zog, der seine Frau immer schlug.

Er schaffte all seine Möbel in das Haus aus Glas und stellte sie wahllos auf. Es schien nur, als wäre er bei ihrer Anordnung stets darauf bedacht, den Menschen, die von draußen in sein Haus sehen konnten, den Blick nicht zu versperren.

Es war eine sehr erfreuliche Tatsache für die Menschen in dem Ort, dass der Mann der seine Frau immer schlug, in das Glashaus gezogen war. Er machte ihnen auch gleich am ersten Abend in den Strahlen der untergehenden Sonne die Freude und hieb mit seinen harten Händen auf ihren wehrlosen Körper ein. Wären die Fernsehgebühren die der Staat von diesem Ort bezog, erheblich, so wäre das Glashaus sicher ein Defizit gewesen, doch die Fernsehgebühren, die der Staat von diesem Ort bezog, waren verschwindend gering und so fiel es nirgendwo in der Welt auf, welch ergötzlichen Zeitvertreib die Menschen in dem Ort neuerdings hatten.

Wann immer sie nun Zeit finden konnten, standen und saßen sie um das gläserne Haus und beobachteten die zwei Menschen die darin lebten, gerade so als könne man sie nicht sehen. Besonders spannend wurde es am Abend wenn der Mann sich daran machte, seine Frau zu schlagen. Zu solcher Zeit konnte es geschehen, dass die Bewohner des Ortes sogar vergaßen, die Kinder ins Bett zu bringen, so herrlich hieben seine Hände auf die Frau ein und es war immer ein besonderes Vergnügen, wenn er zur Peitsche griff und unter dem zerfetzten Kleiderstoff die zarte Haut der Frau sichtbar wurde. Manchmal passierte es sogar, dass die Haut platzte und hellrotes Blut in trägen Tropfen an ihrem Körper herab perlte.

Es war schon dunkel in dem Schlafzimmer über dem Gemischtwarenladen des Ortes. Trotzdem lag der Kaufmann Anton Schimmler mit weit geöffneten Augen in seinem Bett und lauschte auf die ruhigen Atemzüge seiner Gattin. Er starrte in die Dunkelheit und hoffte endlich den erlösenden Einfall zu haben, der ihm dann den verdienten Schlaf bringen würde. „Ich will…“ dachte er, „ich will….“ und immer wieder dachte er „ich will…“ und als er es schon zum zwanzigsten Mal dachte, wusste er noch immer nicht was er denn nun eigentlich wollte.

Seufzend warf er sich in seinem Bett von einer Seite auf die andere. Seine Frau murmelte im Halbschlaf und zog sich die Decke über die Ohren. „ Ich will…“ dachte Anton Schimmler nochmals „ ich will…“ und endlich, endlich erhellte sich sein Bewusstsein und er wusste nun was er wollte.

„Du!“ rief er und schüttelte seine Frau, „ Du Anne, weißt du was ich will? Ich will einen Stand aufmachen, mit Würsteln und Semmeln und Süßigkeiten und all dem!“

„Was willst du?“ fragte sie mit belegter Stimme. „ Einen Würstelstand will ich aufmachen, am Platz, du weißt schon.“

„ Jaaaa!“ langsam sickerten seine Worte in ihr vom Schlaf benommenes Hirn, langsam begriff sie. Das was ihr Mann wollte, bedeutete Geld. Lüstern lachte sie auf und schob sich zu ihm hin, „Natürlich Anton, die Idee ist gut, wo jetzt immer so viele Leute auf dem Platz sind, wird das ein prima Geschäft.“

 

Für die Bewohner des Ortes war es ein sehr angenehmer Umstand, dass Anton Schimmler einen Würstelstand eröffnet hatte. Es gab ja oft langweilige Stellen im Zusammenleben des Mannes und der Frau im Glashaus. Dann war es wirklich bequem, am Stand beim Kaufmann eine kleine Erfrischung zu sich zu nehmen. Auch war manchmal die Anspannung so groß, dass es sehr angenehm war, irgend etwas zwischen den Zähnen zu zermahlen. Machte sich nun der Mann daran seine Frau zu schlagen, griffen alle wie auf einen geheimen Befehl in ihre Tütchen und Säckchen und kauten mechanisch und gespannt. Anton Schimmler hatte gewusst was er wollte und er hatte erreicht was er wollte. Sein Stand war ein gutes Geschäft geworden.

Es war Sonntag, die Sonne war, nachdem sie den ganzen Tag unermüdlich vom Himmel geschienen hatte und alle Bewohner mit ihrer Wärme erfreut hatte, nun doch untergegangen. Die Menschen hatten sich wieder um das Glashaus versammelt und beobachteten gespannt die Vorgänge in seinem Inneren. Die Frau hatte wieder durch eine kleine Unachtsamkeit den Ärger ihres Mannes erregt. Nun saß sie zitternd auf einem Stuhl, während er vor ihr stand und sie anschrie. Offensichtlich erboste ihn ihre demütige Haltung noch mehr, denn plötzlich packte er sie am Arm und riss sie vom Stuhl hoch. Gleich darauf versetzte er ihr zwei heftige Ohrfeigen, sodass ihr Kopf erst von links nach rechts und dann von rechts nach links flog.