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Glauben zweifeln staunen E-Book

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Beschreibung

Glaube ist etwas höchst Persönliches. Darüber zu sprechen fällt schwer. Äußere Tabus hindern ebenso daran wie innere Hemmungen. Der Glaube aber sucht seinen Ausdruck. Finden sich Worte dafür? Und wenn Reden nicht geht: Geht es vielleicht mit Schreiben? Einunddreißig Menschen haben über ihren Glauben nachgedacht und beschrieben, was sich in ihrem Leben als wahr erwiesen hat. Entstanden sind Texte in bunter Vielfalt, die zum Glauben, Zweifeln und Staunen anregen.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Vorwort

Mein Glaube und ich

Katrin Frei, 1966

Frühe Begegnungen

Renate Menger, 1937

Ich lebe mein Leben gern mit Gott

Tirza Nievergelt, 1993

Rede Herr, dein Knecht rennt schon

Hansjürg Grogg, 1939

Sollte ich meinem Gott nicht singen und spielen?

Regula Wyss, 1946

Meine farbige Glaubensreise

Hans Hedinger, 1941

Himmlische Ehevermittlung

Ursi Nittnaus, 1940

Ein Gebet auf dem Dachboden und seine Folgen

Esther Binder, 1940

Ich suchte Veränderung – aber welche?

Marlena Konieczna, 1956

Der rote Faden

Doryn Pestalozzi, 1935

Bewahrt und geführt

Sara Nievergelt, 1991

Mit Risikobereitschaft und Gottvertrauen

Gerhard Krampf, 1929

Auch an einem krummen Baum wachsen Früchte

Anna-Rosa Järmann, 1938

Lebe dein Leben unbesorgt!

Ursula Schlatter, 1942

Worte finden

Beatrice Nieländer, 1962

Geborgen

Verena Hintermann, 1941

Ist man, was man glaubt?

Massimo Solida, 1962

Amazing grace

Maya Gasser, 1930

Mein Grossvater, ein Starez

Werner Gasser, 1930-2017

Was im Sterben trägt, trägt auch im Leben

Marianne Kurmann, 1940

Weichenstellungen

Luise Gull, 1937

Herr, ich glaube – hilf meinem Unglauben!

Rolf Jucker, 1929

Vom Umgang mit Verletzungen

Susanna Stoll, 1941

Gott vertraut mir

Verena Nussbaumer, 1947

Danke, dass ich danken kann

Szasa Schaefer, 1966

Mein Herzensglaubensbekenntnis

Lilian Jost, 1956

Mein brennendes Herz

Maja-Lina Gottier, 1953

Ich bin ein Wandermensch

Seraina Gilly, 1944

Lehrplätz

Esther Müller, 1931

Ich muss, ich will, ich kann!

Johannes Rüd, 1924

Da war etwas Neues!

Idi Cohen, 1919

Glossar

Mit Stern* gekennzeichnete Begriffe werden im Glossar erklärt.

Vorwort

Glaube ist etwas höchst Persönliches. Es fällt nicht leicht, davon zu sprechen. Äussere Tabus hindern ebenso daran wie innere Hemmungen.

Aber dieses Schweigen bekommt dem Glauben nicht immer gut. Kann ich überhaupt in Worte fassen, was in mir lebt, was mir wichtig ist und mich trägt? Und wenn es mir schwer fällt, darüber zu reden – geht es vielleicht mit Schreiben?

Anlass zu diesem Buch waren eine Predigtreihe und mehrere Gesprächsrunden zum Thema „Glauben“ in der Baptistengemeinde Zürich, einer evangelischen Freikirche. Die Teilnehmenden wurden angeregt, über ihren Glauben zu schreiben. Leitfragen waren etwa: Wer oder was hat deinen Glauben geprägt? – Gibt es Wendepunkte, Umbrüche, Weichenstellungen in deinem Leben? – Was ist für dich zentral wichtig? – Haben Zweifel deinen Glauben verändert / bedroht / weitergebracht?

Vierundzwanzig Frauen und sieben Männer sind der Einladung gefolgt, sich schreibend über ihren Glauben Rechenschaft zu geben. Sie haben es in erster Linie für sich selbst getan. Und auch wenn sie um die Worte gerungen haben – es gab Zweit-, Dritt- und Viertfassungen und Änderungen bis kurz vor Drucklegung –, sagten sie am Ende: Es hat gut getan, es hat Freude gemacht.

Sie haben die Aufgabe höchst unterschiedlich angegangen. Da gibt es ganz kurze Texte in dichter Sprache, Berichte von dramatischen Ereignissen, knappe Lebensläufe, farbig geschilderte Erinnerungen. Es kommt darin eine grosse Vielfalt an Erfahrungen und Einsichten zum Ausdruck. Den christlichen Glauben kann man durchaus unterschiedlich bedenken. Wir verstehen uns als eine Gemeinschaft von Glaubenden und nicht von Gleichdenkenden. Glaube hat mit Wahrheit zu tun, aber nicht im Sinne von Richtigkeit. Wahr ist und wird der Glaube, der sich als wahr erwiesen hat.

Davon berichten die Schreibenden. Dem gilt es mit Achtung zu begegnen.

Wir hoffen, dass das vorliegende Buch anregt, dankbar auf das eigene Leben zu schauen und Ausschau zu halten nach dem, was trägt. Immer wieder neu.

Dorothee Degen-Zimmermann

Gerhard Neumann, Pfr.

Katrin Frei, 1966

Mein Glaube und ich

Wann hat mein Glaube begonnen? Mit dem Wunsch, den meine Mutter zwei Tage nach meiner Geburt in ihr Tagebuch notierte: „...werde doch bald nicht nur unser Kind, sondern auch Gottes Kind“? Als in meinen Kinderzeichnungen alle Engel blonde Haare bekamen, so wie ich sie hatte?

Beides sind für mich wegweisende Zeichen. Glaube braucht Vorbilder, braucht Identifikationsfiguren. Meine Eltern waren das, sie sind es heute noch. Sie haben ihren Glauben für mich sichtbar gelebt. Wir haben gebetet, wir sind am Sonntag in den Gottesdienst gegangen, sie haben mir Bilderbücher mit Bibelgeschichten erzählt. Ich habe in unserer Wohnung Sonntagsschulvorbereitungen und Hauskreise* erlebt. Und irgendwann habe ich den Glauben zu meiner eigenen Sache gemacht. Ich habe etwas mit dem Glauben zu tun bekommen und der Glaube mit mir: Von da an haben die Engel blonde Haare getragen.

Die uralten Texte

Ich schöpfe viel Zuversicht aus den Worten der Bibel. Eigentlich erstaunlich, dass uns diese uralten Texte heute noch so viel zu sagen haben. In Jesaja 55,11 steht: ... so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Das habe ich immer wieder erlebt, sei es, wenn ich als Gottesdienstleitende die Texte und Lieder ausgesucht habe, sei es beim Lesen in der Bibel, sei es in der Bibelteilet*. Wenn ein Wort mich bewegt, dann geht es nicht leer zurück, dann (er)füllt es mich, nährt es mich, macht es mich gelassen. Ja, und zwischendurch ärgert es auch, befremdet. Es eckt an in meinem Kopf, in meinem Herzen. Aber auch dann geht es ja nicht leer zurück.

... in allem Leide

Mein Bruder ist mit dreiundzwanzig Jahren an einem Herzstillstand gestorben. Die Fragen in einem solchen Moment sind existenziell und bleiben eigentlich alle unbeantwortet. Gott habe ich diese Fragen nicht gestellt – oder sollte ich vielleicht besser sagen: Gott habe ich nicht in Frage gestellt?

Gott habe ich nicht in Frage gestellt, aber ich habe ihn in die Verantwortung genommen für die Trauerzeit und für unsere Restfamilie: „Lass uns an dem, was passiert ist, nicht zerbrechen.“ Mich hat der Glaube getragen. Ich habe seine Kraft manchmal fast physisch gespürt. Das war eine ganz eindrückliche Erfahrung. Die Tränen sind heute noch da, aber auch der, der mich behütet.

Vom Beten

In den Freikirchen hat das freie Gebet einen hohen Stellenwert. Andere können spontan wortreiche, alles umfassende Gebete formulieren und vor der Gemeinde vortragen. Ich kann das nicht. Lange Zeit habe ich mich dafür geschämt. Meine Gebete sind Stückwerk, gelegentlich sogar Wort-Rümpfe.

Darin gleichen sie meinem Gottesbild. Auch das ist vage, ist Stückwerk. Manchmal enthüllt sich mir etwas, und manchmal verhüllt es sich auch wieder. Seit mir dieser Zusammenhang bewusst geworden ist, fühle ich mich besser, viel besser. So wie mein Gottesbild ist, so gestaltet sich auch mein Reden mit Gott. Verstanden fühle ich mich allemal.

Wider allen Augenschein

Glaube bedeutet für mich, wider allen Augenschein daran zu glauben, dass es mehr als alles geben muss. Was ich sehe, was ich erlebe, was ich weiss, ist noch nicht alles: Es gibt einen Schatz im Acker, es gibt ein Senfkorn in der Erde, es gibt einen barmherzigen Samariter. Das macht das Leben nicht einfacher. Denn allzu oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir nicht gegeben wurde, worum ich gebeten habe, dass das Wunder ausblieb, dass der Sturm nicht von einem Augenblick zum anderen gestillt wurde.

Glauben heisst leben im Spagat zwischen Realität und Verheissung. Aber für die Verheissung zu leben, lohnt sich. Sich für eine bessere Welt einzusetzen, lohnt sich. Ich bin sicher, selbst wenn es Gott nicht gäbe, würde es sich lohnen, so zu leben, als gäbe es ihn.

Evangelium für die Gesättigten?

Jesus brachte seine frohe Botschaft den Armen, den Witwen und Waisen, den Unterdrückten, den Tauben, den Lahmen, den Blinden. Das bin ich alles nicht. Ich gehöre zu den Privilegierten, die kaum eine Chance haben, ins Himmelreich zu kommen (Stichwort: Kamel und Nadelöhr). Ich gehöre zu denen, die nicht alles verkaufen würden, um Jesus nachzufolgen. Ich gehöre zu denen, die nicht hungern und dürsten, nicht einmal nach Gerechtigkeit.

Manchmal sehne ich mich nach einem Wort für und nicht gegen die Privilegierten. Muss dafür die Bibel mit einem neuen Buch ergänzt werden?

Renate Menger, 1937

Frühe Begegnungen

Mein Glaube an Gott ist Leben mit einem verborgenen Gegenüber. Ich erzähle, wie ich ihm als Kind begegnet bin. Es war für mich nicht nur wichtig, wer er ist, sondern auch, wie er ist. Das ist mein Weg mit ihm.

Mein Zuhause war ein Dorf mit Tieren und Ställen in Südhessen. In einer Scheune schaute ich zu, wie die Katzen furchtlos über den schmalen Dachbalken spazierten. Aber wir Kinder? Hier konnte man sich die Angst vor der Tiefe abgewöhnen.

Wir standen in unseren schweren Schuhen zu dritt dort oben, ich als die Grösste war in der Mitte und hielt an jeder Hand einen der Zwillinge, ganz fest. Und gleich wollten wir springen – aber die Angst hielt eines von uns zurück.

Was machen? Beten? Gesagt, getan. Aus drei Mündern tönte es: „Müde bin ich, geh’ zur Ruh’, schliesse beide Äuglein zu“. Doch, doch, ich meinte es ernst. Was hätte ich anderes beten sollen? Ich kannte kein anderes Gebet. Und ich hatte grosse Angst, zumal ich die Kleinen zu diesem Abenteuer anstiftete. Beten, beide Äuglein schliessen und springen – das war mein Ernst.

Sechs schwer beschuhte Füsse flogen uns um die Köpfe. Wir landeten lachend im Heu, ich rieche es heute noch. Beim nächsten Mal war die Angst schon kleiner.

Glaubenslieder

Es war ein heisser Tag. Ich war ungefähr sechs oder sieben Jahre alt. Die Schulstunde fand im Freien unter den blühenden Linden statt, etwas ganz Aussergewöhnliches. Ich musste sehr gut hinhören, damit ich die Lehrerin verstand. Draussen tönt Unterricht anders. Es muss eine meiner ersten Religionsstunden gewesen sein.

„Weil ich Jesu Schäflein bin“, ein Kinderlied: Die Lehrerin sprach es uns langsam vor. Ich sog den Text in mich auf. Im Nu hatte ich ihn auswendig gelernt. Noch heute ist mir die Stimmung, die mich damals erfüllte, gegenwärtig. In mir blühte grosse Freude auf. So schöne Bilder! Für mich als Landkind ganz nachvollziehbar, sah ich doch oft die Hirten, die ihre Schafherden auf den Rheinauen weideten.

Dieses Lied habe ich nach Hause gebracht. Ich ging in die kühle Stube, die Fensterläden waren noch angelehnt. Ich zog einen Stuhl ans Fenster, kniete drauf und stützte mich auf die Fensterbank. „Weil ich Jesu Schäflein bin“ – ich sang es lauthals aus den leicht angelehnten Fensterläden hinaus. Nicht nur einmal. Ich sang es den heimkehrenden Fuhrwerken zu, den Leuten, die vom Bäcker kamen mit einem Brotlaib unterm Arm. Ich sang es aus lauter Freude einfach solange weiter, bis unsre Mutter uns zum Mittagstisch rief.

Winterabende

Gegen Ende 1945 fand man sich an den Abenden oft in der Stube der Grosseltern ein: Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins. Die jungen Männer kamen, nachdem sie das Vieh gefüttert hatten. Sie waren – bis auf einen – aus dem Krieg heimgekehrt. Es war gemütlich, ich ging gern mit meinem Vater dorthin. Es duftete nach Bratäpfeln. Ich war die Jüngste in der Runde. Ich spielte mit Knöpfen, die ich in die kleinen Karos der grün bedruckten Wachstischdecke legte, während die Grossen plauderten: Was gibt es Neues im Ort? Wie geht’s dem lieben Vieh? Wie fiel die Ernte aus? Und natürlich das unerschöpfliche Thema: „Beim Barras“ (bezeichnet in der Soldatensprache das Militär).

Als ich lange genug mit den Knöpfen gespielt hatte, bettelte ich: „Grossvater, hast du kein Bilderbuch für mich?“

„Wir haben doch keine Bilderbücher mehr!“

Er brachte mir aber die grosse, alte Bibel. Ich blätterte darin und fand den neunzigsten Psalm. Den las ich so, wie eine Achtjährige eben liest: Langsam, halblaut. Der Anfang gefiel mir: Herr, du bist unsre Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Das hat mir Eindruck gemacht. Die Worte wurden wie Bilder. Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre.

Alte Menschen kannte ich ja, bis ich selbst siebzig oder achtzig wäre, würde es noch sehr lange dauern.

Damals entschloss ich mich, diesen Psalm auswendig zu lernen, auch wenn ich vieles nicht verstand. Warum? Ich weiss es nicht. Immer, wenn ich mit dem Vater zu den Grosseltern gehen durfte, las und lernte ich in diesem Psalm weiter.

Inzwischen bin ich achtzig Jahre alt. Heute kommen mir diese Worte wie ein Vermächtnis ins Herz: Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang – so lautet der 14. Vers desselben Psalms. Ich danke Gott, dass er mich schon so früh in meinem Leben hineingenommen hat in sein Geheimnis. Erahnen konnte ich es damals noch nicht.

Adam und Eva – und Fragen über Fragen

An einem Sonntag nach dem Kindergottesdienst, ich war um die acht oder neun Jahre alt, kam ich auf den Gedanken, in der Bibel zu lesen. Es gab auch bei uns zu Hause keine grosse Auswahl an Büchern: einige Bilderbücher, das Gesangbuch, die Bibel und irgendwo versteckt „Mein Kampf“ und ein Ehebuch.

Ich begann auf der ersten Seite des Bibelbuches: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüst und leer, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.

Es war so spannend, diese Geschichte weckte Frage um Frage in mir. Aber da war niemand, dem ich sie hätte stellen können. Ich las laut weiter und weiter.

Und Gott sprach, das war das immer wiederkehrende Wort. Zu wem sprach Gott? Wer hat es gehört? Oh, war das ein Märchen? Gott setzte zwei Menschen in einen wunderbaren Garten. Alles, was sie brauchten, war da. Aber es gab eine Ausnahme: Vom Baum der Erkenntnis sollten sie nicht essen. Warum nicht? Was war das für ein geheimnisvoller Baum? – Dann die Drohung: An dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben. Furchtbar! Hat das eine Hexe gesagt? Noch mehr Fragen.

Und dann kam die Geschichte mit der Schlange. Sie machte mir richtig Angst. Die Schlange konnte reden: „Eva, du kannst doch von diesem Baum essen.“ Gleich lief Eva zu dem Baum und holte sich eine wunderschöne Frucht und brachte auch dem Adam davon.

Und Gott sagte zu der Frau: Warum hast du das getan?!

Gott und die Schlange, diese zwei gehören doch nicht zusammen! Ich spüre heute noch meine damalige Aufregung: Die Schlange muss weg! Was hat sie in dem schönen Garten zu suchen? Warum gehört den beiden Menschen nicht alles?

Und weil sie etwas Verbotenes taten, sollten sie aus dem Paradiesgarten hinausgetrieben werden? Es kommt noch schlimmer: Verflucht ist der Acker deinetwegen. Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang, Dornen und Disteln soll er dir tragen, sagt Gott zu Adam.

Die Disteln kannte ich. Sie wuchsen auf den Feldern und auch in unserem Garten. Dort war ich oft mit meiner Mutter, um Unkraut zu jäten. Bei der Gartenarbeit schrie ich einmal meiner Mutter zu: „Warum hat Gott die Menschen nicht so gemacht, dass sie einfach immer folgen? Ich bin doch nicht schuld! Wegen diesen beiden Menschen müssen wir alle sterben!“ Ich stellte mir oft vor, was wäre, wenn Eva und Adam Gott gehorcht hätten. Und wieder war niemand da, den ich fragen konnte.

In einer alten Bilderbibel* begegnete ich einem Holzstich „Die Austreibung aus dem Garten Eden“. Ein schlimmes Bild! Eva, gekrümmt, ein strenger Engel mit einem Schwert hinter ihr. Die Hand des Engels liegt schwer auf Evas Rücken. So wird sie aus dem schönen Paradies ausgestossen. Engel sind doch liebe Engel, warum tun sie das? Eva tat mir schrecklich leid.

Gott, „der liebe Gott“, straft seitdem – warum?

Wer hätte meine Fragen hören wollen? Ich blieb mit ihnen allein, und mit einer grossen Leere und Traurigkeit.

Diese Geschichte ging mit mir ins Leben und prägte sich tief in meiner Seele ein: Ist Gott gut?

Erst nach vielen Jahrzehnten gewann ich den Mut zu fragen, um in einem helfenden Gespräch der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Gott braucht das „Wort“ der Bildsprache, er will sich uns so nähern, wie anders könnten wir seine Schöpfung erahnen? Für mich entstand in jenem Erkennen ein neuer Pflanztrieb des Glaubens. Heute kann ich sagen, Gott gab mich dieser Verlorenheit nicht preis. Er schützte mich in der Unwissenheit. Das Trauma des jungen Kindes wurde überwunden.

Die Geschichten sind nachzulesen in 1. Mose, Kap. 1 bis 3

Wichtiger als Flötenstunden

Unsre neue Gemeindehelferin und Organistin hielt ihren ersten Jugendkreisabend. Ihre Vorgängerin hatte mir Flötenunterricht erteilt. Ich nahm mir vor, sie nach dem Abend zu fragen, ob sie Fortsetzung machen würde. Ich ging scheu auf sie zu und stellte meine Frage. Ich bekam keine befriedigende Antwort: Es gebe doch Wichtigeres als Flötenstunden. Wortlos sass ich da. Am liebsten wäre ich weggelaufen. Was sollte wichtiger sein?

Sie sprach vom „Zum Glauben kommen“. Glaubte ich denn nicht? Eben erst war ich konfirmiert worden.

„Hast du dein Leben Jesus schon übergeben?“, fragte mich Eva Maria weiter. Davon hatte ich noch nie gehört. Sie sprach von einer neuen Kreatur, dass das Alte vergangen sei, und Siehe, es ist alles neu geworden. Sie machte mir Mut, dies doch auszuprobieren. Ja, das könnte ich doch.

Wir sprachen sicher eine Stunde miteinander, da meinte sie, dass wir nun zusammen beten sollten. Auch das noch?! Ich hatte noch nie ein freies Gebet laut gebetet. Was sollte ich denn beten? Eva Maria sagte es mir vor, aber vor lauter Aufregung vergass ich ihre Worte. Was ich gebetet habe, weiss ich nicht mehr.

Bewegt lief ich nach Hause. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, stand das Erlebnis vom Vorabend vor meinen Augen: Siehe, es ist alles neu geworden. Ich fühlte nichts, rein nichts. Ich bin nicht „neu“ geworden. Ich war sehr enttäuscht.

Ich traute mich leider nicht, Fragen zu stellen. Ich las in der Bibel, einfach, weil das jetzt dazu gehörte, so sagte man mir. Eine Zeitlang besuchte ich die Bibelstunde der landeskirchlichen Gemeinschaft an den Sonntagnachmittagen. Ich war der einzige junge Mensch in einer Gruppe von alten Leuten. Sie schauten mich so verwundert an, als wäre ich gerade vom Himmel gefallen. Am liebsten sang ich die Heilslieder, die mir neu waren. Meine Eltern verstanden nicht, was mit mir los war. Es gab Auseinandersetzungen, die meistens mit einem Krach endeten. Das machte mich traurig.

Eva Maria lud mich zum gemeinsamen Bibellesen ein. Mein innerer Blick richtete sich auf das, was Jesus selber sagte. Das machte mir Freude – das war neu.

Was soll aus mir werden?

Die Berufswahl stand an. Ich wollte Kindergärtnerin werden, aber meine Eltern konnten mir nicht helfen. Manches Mal hörte ich den Vater sagen: „Aus dir wird nichts, du wirst sehen, dass ich dich noch ernähren muss.“ Er verschaffte mir einen Platz in seiner Firma. Ob ich Lust hätte, eine Bürolehre zu machen? Oder sonst was? Ich kam in verschiedene Abteilungen. Im chemischen Labor gefiel es mir, ich machte aber schlechte Erfahrungen mit Menschen, die mich ausnutzten. Das getraute ich mir daheim nicht zu sagen.

Der Lehrvertrag zur chemischen Laborantin lag bereit zum Unterschreiben. Ich war unentschlossen und brauchte unbedingt einen Rat. In der Mittagszeit fuhr ich mit dem Fahrrad zu Eva Maria und besprach mit ihr meine Erfahrungen mit den Übergriffen in jenem Labor. Sie sagte mir: „Tu es nicht!“

Dass ich den Lehrvertrag nicht unterschrieb, konnten meine Eltern überhaupt nicht verstehen. So musste ich halt alleine sehen, was ich machen sollte oder wollte. An meinem siebzehnten Geburtstag liefen mir nur die Tränen über meine Wangen. Wie würde mein Leben weitergehen? Es sah alles so schwarz aus. Kein Gegenüber und kein „Wir werden dir weiterhelfen.“ Und doch hörte ich in mir: Du bist nicht allein. Gott, wird dir nahe sein. Das war Hoffnung, die sich in mir regte, noch ehe ich einen Weg sah.

Eva Maria schlug vor, von zu Hause wegzugehen. Sie wusste von einem christlichen Haus. Zu meiner Erleichterung liessen mich meine Eltern ziehen. Dass ich fast ein Jahr in diesem Haus arbeiten durfte, war einfach schön. Die Arbeit war vielseitig, ich lernte in der Hauswirtschaft dazu und verstand mich sehr gut mit den Gleichaltrigen.