Globale Verantwortung -  - E-Book

Globale Verantwortung E-Book

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Beschreibung

Marktwirtschaft und Wettbewerb haben sich weltweit als Erfolgsmodell etabliert. Über globale Wertschöpfungsketten sind Unternehmen und Konsumenten eng mit der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Situation in anderen Ländern verbunden. An Unternehmen, Konsumenten und letztlich an die Politik ergeht häufig der Vorwurf, zu wenig für Ökologie, Menschenrechte und soziale Sicherheit bzw. gegen Ausbeutungsverhältnisse und andere Missstände zu tun. Das Buch zeigt eine Vielfalt von Themen und Perspektiven zu globaler Verantwortung von Wirtschaft und Unternehmen und gibt verschiedenen relevanten Akteuren Gelegenheit, ihre Standpunkte darzulegen.

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Seitenzahl: 523

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Denkanstöße herausgegeben von Rainer Völker

Kai Thürbach/Rainer Völker (Hrsg.)

Globale Verantwortung

Wert und Werte in Marktwirtschaft und Unternehmen

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

1. Aufl. 2023

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-041118-0

E-Book-Formate:

pdf:       ISBN 978-3-17-041119-7

epub:    ISBN 978-3-17-041120-3

mobi:    ISBN 978-3-17-041121-0

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Inhalt

1            Marktwirtschaft und Verantwortung – Leitlinien und Regelungen in einer globalen Welt

1.1        Einleitung

Kai Thürbach/Rainer Völker

1.1.1    Zur Fragestellung

1.1.2    Grundlegende Gedanken zur Beantwortung der Fragestellungen

1.1.3    Aufbau des Buches

2            Ethik und Wirtschaft – einige grundlegende Zusammenhänge

2.1        Globalisierung: Chancen und Herausforderungen in einer zunehmend konfrontativen Welt – eine wirtschaftswissenschaftliche Perspektive

Jürgen Meckl/Jarom Görts

2.1.1    Einleitung

2.1.2    Außenhandelstheorie: Effizienz- und Verteilungseffekte der Globalisierung

2.1.2.1    Effizienzeffekte: gesamtgesellschaftliche Wohlfahrtsgewinne durch Handelsintegration

2.1.2.2    Quantifizierung der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtsgewinne

2.1.2.3    Verteilungseffekte: individuelle Wohlfahrtseffekte und Kompensationsprinzip

2.1.3    Handelspolitik: Anreize für bzw. gegen Integration

2.1.3.1    Wohlfahrtseffekte von Zöllen und Dilemma der Handelspolitik

2.1.3.2    Alternative Begründungen für protektionistische Handelspolitiken

2.1.4    Herausforderungen für die Globalisierung

2.1.4.1    Ein Zielkonflikt zwischen Globalisierung, nationaler Souveränität und Demokratie?

2.1.4.2    Wachsende Unsicherheit und Resilienz von Lieferketten

2.1.4.3    Verteilungskonflikte und Migration

2.1.4.4    Ausblick

2.2        Pflichten und Tugenden in einer globalisierten Wirtschaft: Zur ethischen Verantwortung von Unternehmen und Konsument:innen

Christian Neuhäuser/Laura Opolka

2.2.1    Unternehmen und Konsumentinnen als verantwortungsfähige Akteure

2.2.2    Grenzen der Verantwortung von Unternehmen und Konsumentinnen

2.2.3    Tugenden von Unternehmen und Konsumentinnen

2.2.4    Strukturelle Maßnahmen zur Umsetzung von Tugendhaftigkeit

2.2.5    Schlussbemerkungen

2.3        Unkenntnis in Sachen Wirtschaft und mangelhafte ethische Konzepte – Plädoyer für konsistente(re) Debatten über Wirtschafts- und Unternehmensethik

Rainer Völker

2.3.1    Anspruch und Wirklichkeit

2.3.2    Unkenntnis in Sachen Wirtschaft

2.3.2.1    Mangelnde Bildung bezüglich unseres Wirtschaftssystems

2.3.2.2    Marktwirtschaften sind effizient, aber nicht gerecht

2.3.2.3    Umweltzerstörung und Klimaproblematik lassen sich nur bedingt marktwirtschaftlich regeln

2.3.2.4    Marktwirtschaften verteilen nach Knappheit, nicht prinzipiell nach Leistung

2.3.2.5    Macht – eine wenig diskutierte Frage

2.3.2.6    Über »unverschämte« Renditen und »zu hohe« Managergehälter

2.3.2.7    Shareholder versus Stakeholder – wem steht was zu?

2.3.3    Unklare und inkonsistente ethische Vorstellungen

2.3.3.1    Wenig Bezug zu grundlegenden ethischen Konzepten

2.3.3.2    Fehlende Konkretisierungen

2.3.3.3    Inkonsistente Zielsysteme

2.3.3.4    Versteckte Zielsetzungen

2.3.3.5    Worte statt Taten

2.3.4    Unzureichende Berücksichtigung von Wirkungszusammenhängen

2.3.4.1    Hehre Ziele allein reichen nicht

2.3.4.2    Heimisches Energiesparen kann den CO

2

-Verbauch weltweit steigern

2.3.4.3    Unser Müll in Afrika und Asien

2.3.5    Fazit

3            Marktwirtschaft, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit

3.1        Wachstum, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit

Dominik Enste/Hans-Peter Klös

3.1.1    Einleitung

3.1.2    Dimensionen von Gerechtigkeit

3.1.3    Wachstum, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit

3.1.4    Soziale Marktwirtschaft und Nachhaltigkeit

3.1.5    Ausblick

3.2        Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft

Mauricio Vargas

3.2.1    Planetare Grenzen als bindende Leitplanken eines neuen Wirtschaftsmodells

3.2.2    Änderungsbedarf für die Fiskalpolitik

3.2.3    Auswirkungen auf die Geldpolitik

3.2.4    Auswirkungen der planetaren Grenzen auf die Regulierungsbehörden – das Beispiel der Bankenaufsicht

3.2.5    Reform der Offenlegungspflichten für nichtfinanzielle Unternehmen

3.2.6    Fazit

3.3        Dem sozialen Auftrag gerecht werden: Zur Gestaltung der Märkte sozialer Dienstleistungen

Georg Cremer

3.3.1    Zu viel Markt? Zu wenig Markt?

3.3.2    Es fehlt eine substantielle ordnungspolitische Debatte

3.3.3    Sozialrechtliches Dreiecksverhältnis als Marktordnungsmodell

3.3.4    Soziale Dienstleistungsmärkte im Sozialstaat müssen Quasi-Märkte sein

3.3.5    Gutseigenschaften sozialer Dienstleistungen

3.3.6    Dienende Funktion des sozialrechtlichen Dreiecksverhältnisses

3.3.7    Zur Notwendigkeit staatlicher Steuerung

3.3.8    Markt und Kooperation: Wie viel Korporatismus ist erforderlich?

4            Management und Nachhaltigkeit

4.1        Managementkompetenzen für nachhaltige Wertschöpfung – Anregungen aus ordonomischer Sicht

Ingo Pies

4.1.1    Ordonomische Wirtschaftsethik

4.1.2    Ordonomische Unternehmensethik

4.1.3    Managementkompetenzen

4.1.4    Fazit

4.2        Herausforderungen annehmen! – Reflexionen zum Einsatz des Leipziger Führungsmodells in der akademischen Lehre

Manfred Kirchgeorg/Timo Meynhardt/Andreas Suchanek

4.2.1    Herausforderung der Führung in Krisenzeiten

4.2.2    Grunddimensionen des Leipziger Führungsmodells

4.2.3    Anwendung des Leipziger Führungsmodells in der akademischen Lehre

4.2.4    Schlussbemerkung

4.3        »Führung und Ethik« als Pflichtfach in der Managementausbildung

Christian Rennert/Kai Thürbach

4.3.1    Die Rolle von Hochschulen in einer komplexen, globalisierten Welt

4.3.2    »Soziale Innovation« und »Global Citizenship« – Aus dem Leitbild der TH Köln

4.3.3    Betriebswirtschaftliche Management-Ausbildung in einer komplexen, globalisierten Welt

4.3.4    »Führung und Ethik« als Pflichtfach – wertebasierte Management-Ausbildung am Beispiel des Bachelorstudiengangs Betriebswirtschaftslehre der TH Köln

4.3.5    Fazit

5            Sichtweisen aus der Wirtschaftspraxis

5.1        Corporate Sustainability – globale Verantwortung von Konzernen

Interview mit Michael Berkei

5.2        Wirtschaftspolitik für Familienunternehmen im globalen Wettbewerb

David Lehmann

5.2.1    Einleitung

5.2.2    Kontrolle über das Unternehmen

5.2.3    Erneuerung durch dynastische Nachfolge

5.2.4    Identifikation von Familienmitgliedern mit dem Unternehmen

5.2.5    Vertrauensvolle Beziehungen zu Mitarbeitern und Partnern

5.2.6    Emotionale Bindung der Familienmitglieder im Unternehmen

5.2.7    Die negative Seite von sozio-emotionalem Vermögen

5.2.8    Wirtschaftspolitik für Familienunternehmen

5.3        Die Werte der Familienunternehmer – Wie Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam die großen Herausforderungen unserer Zeit meistern

Gerd Maas/Kai Thürbach

5.3.1    Einleitung

5.3.2    Aktuelle Herausforderungen

5.3.3    Soziale Marktwirtschaft

5.3.4    Werte

5.3.5    Schlussfolgerungen

6            Positionen politischer Akteure

6.1        Soziale und wirtschaftliche Teilhabe weltweit – Die Rolle internationaler Investitionen, der EU und Deutschlands in der MONA-Region

Thomas Claes

6.1.1    Einleitung und Bestandsaufnahme

6.1.2    Soziale Ungleichheit und informelle Arbeit

6.1.3    Handel bringt kaum Entwicklung und verschärft Ungleichgewichte

6.1.4    Austerität und steigende Schulden verschlimmern die soziale und wirtschaftliche Lage

6.1.5    Ziellose Reformen und gescheiterte Strukturanpassung bringen keinen Fortschritt

6.1.6    Entwicklung und Zukunft peripherer Wirtschaften

6.2        Verantwortung im globalen Wertschöpfungssystem

Interview mit Jan Cernicky/Martin Schebesta

6.3        Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen, zum Wohle aller Menschen

Interview mit Katharina Beck

6.4        Freihandel und Marktwirtschaft: Der Weg zur Achtung der Menschenrechte

Justus Lenz/Michaela Lissowsky

6.4.1    Die Welt in Aufruhr: Wirtschaftliche und politische Krisen

6.4.2    Spannungsfeld zwischen Wert und Werten

6.4.3    Wohlstand und Freiheit: Zwei Seiten einer Medaille

6.4.4    Kein Handel ist auch keine Lösung – Kooperation und Austausch sind gefragt

6.5        Zeitenwende zu werteorientierter Unternehmenspolitik

Michael Vassiliadis

6.5.1    Multiple Zeitenwenden

6.5.2    Klare Haltung zu Sanktionen

6.5.3    Alles wird umgekrempelt

6.5.4    Partizipation ist ein Muss

6.5.5    Nur resilient ist nachhaltig

6.5.6    Transformation im Schulterschluss

6.5.7    Fazit

6.6        Marktwirtschaft und Verantwortung – eine evangelische Perspektive

Wolfgang Huber

7            Regelungen und Leitlinien in der Praxis

7.1        ESG-Richtlinien – die Regulierung von Nachhaltigkeit als Chance für Unternehmen und die Gesellschaft

Simon Fahrenholz

7.1.1    »Die zunehmende Regulierung von Nachhaltigkeit hilft allen und kann auch eine Chance sein«

7.1.2    Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD)

7.1.2.1    Inhaltliche Stoßrichtung der CSRD

7.1.2.2    Wirkungen der CSRD

7.1.2.3    Fazit zur CSRD

7.1.3    Die EU-Taxonomie

7.1.3.1    Inhaltliche Stoßrichtung der EU-Taxonomie

7.1.3.2    Wirkungen der EU-Taxonomie

7.1.3.3    Fazit zur EU-Taxonomie

7.1.4    Die Eröffnungsbilanz Klimaschutz

7.1.4.1    Inhaltliche Stoßrichtung der Eröffnungsbilanz Klimaschutz

7.1.4.2    Wirkungen der Eröffnungsbilanz Klimaschutz

7.1.4.3    Fazit zur Eröffnungsbilanz Klimaschutz

7.1.5    Gesamtfazit

7.2        Wandel durch Handel: Mit dem Food Security Standard das Recht auf Nahrung in globalen Lieferketten verwirklichen

Lisa Heinemann/Rafaël Schneider

7.2.1    Menschenrechte – ein kostbares, aber rares Gut

7.2.2    Globaler Konsum und der Hunger in Agrarlieferketten

7.2.3    Der Nachhaltigkeitszertifizierung auf den Zahn gefühlt

7.2.4    Ein gerechter Lohn erfüllt noch lange nicht das Recht auf Nahrung

7.2.5    Hunger in Agrarlieferketten erkennen und adressieren

7.2.6    Der Food Security Standard konkret

7.2.7    Klare Ansage an Unternehmen

7.2.8    Verantwortungsvoller Konsum in einer globalisierten Welt

7.2.9    Verantwortung im System übernehmen

7.2.10  Fazit

7.3        Impact Investing – Freiwillige Investitionen in Nachhaltigkeit

Sarah Huwyler

7.3.1    Nachhaltiges Investieren liegt im Trend

7.3.2    Was ist Impact Investing?

7.3.3    Empirische Untersuchung

7.3.4    Resultate

7.3.4.1    Verständnis und Verbreitung von Impact Investing

7.3.4.2    Motivationstreiber für Impact Investing

7.3.4.3    Hindernisse für Impact Investing

7.3.5    Handlungsempfehlungen

7.3.6    Wie geht es weiter?

8            Schlussbetrachtungen

1        Marktwirtschaft und Verantwortung – Leitlinien und Regelungen in einer globalen Welt

1.1        Einleitung

Kai Thürbach/Rainer Völker

1.1.1      Zur Fragestellung

Marktwirtschaften mit Unternehmen in Privateigentum haben sich weltweit als Erfolgsmodell für wirtschaftlichen Wohlstand und effiziente Güterversorgung etabliert. Eigeninteresse von Konsumenten auf der einen Seite und von Unternehmen, die Gewinn und Shareholder-Value optimieren wollen, auf der anderen Seite gelten seit Adam Smith als zentrale Triebfeder des Systems. Ein rein marktwirtschaftliches System würde in Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der ökologischen Nachhaltigkeit jedoch versagen. Um eine Balance zwischen wirtschaftlichen und sozialen Zielen zu ermöglichen, wurde in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die Soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsordnung etabliert.

Alle nationalen Ordnungssysteme mit ihren Regeln und Gesetzen sind das Ergebnis politischer Prozesse, bei denen Parteien, Verbände und andere Gruppen versuchen, die Interessen ihrer Zielgruppen einzubringen. In einer globalen vernetzten Wirtschaft sind aber nicht nur nationale Zielgruppen zu betrachten. Über globale Wertschöpfungsketten sind Unternehmen und Konsumenten eng mit der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Lage in anderen Ländern verbunden. Hinzu kommt, dass in vielen anderen Staaten die Regularien oft weniger streng sind als in Europa oder den USA. Menschenrechtsverletzungen sowie Ausbeutung finden sich in vielen Ländern und bei dortigen Zulieferunternehmen. An Unternehmen, Konsumenten und letztlich an die Politik ergeht oft der Vorwurf, zu wenig für Ökologie, Menschenrechte und soziale Sicherheit bzw. gegen Ausbeutungsverhältnisse und andere Missstände in anderen Ländern zu tun. Zwischen dem erhobenen Anspruch, globale Verantwortung zu übernehmen, und realem Verhalten klafft aus Sicht vieler Betrachter eine Lücke.

Was kann getan werden? In der Praxis findet man viele Unternehmen, die sich über die gesetzlichen Anforderungen hinaus an ihren ausländischen Standorten, z. B. durch Lieferantenauswahl und entsprechende Vereinbarungen, für soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit einsetzen. Neben der Verfolgung von ökonomischen Werten treten sie global für ethische Werte ein. Allerdings gibt es Hürden und Grenzen des Engagements. In einem marktwirtschaftlichen System bildet ein Engagement über das Geforderte hinaus für Unternehmen eine inhärente Dilemma-Situation. Unternehmen, die im harten globalen Wettbewerb stehen, können nicht ohne weiteres die »Extrameile« gehen. Insofern können solche Vorreiterunternehmen nicht generell als Vorbild dienen.

Auch für die Politik gilt es, nicht nur auf nationaler Ebene einen Ausgleich zwischen Ökonomie, Ökologie und sozialer Gerechtigkeit durch sinnvolle Regelungen zu finden. Globale Vernetzungen über die verschiedensten Handelsbeziehungen und Wertketten müssen mitgedacht werden. Je nach Positionen und Interessen der Akteure wird man allerdings zu unterschiedlichen Vorschlägen für Regulation und andere Vorgaben gelangen; Diskussionen wie z. B. über das Lieferkettengesetz offenbaren die verschiedenen Sichtweisen und führen zu entsprechenden Auseinandersetzungen.

Die Notwendigkeit für gesetzliche Regelungen im weiteren Sinne, die einen Rahmen für unternehmerisches Handeln geben, ist nicht unbestritten. Dennoch werden nicht wenige Personen – egal ob Politiker, Konsumenten oder Unternehmensverantwortliche wie Eigentümer oder Manager – für verantwortungsvolles Handeln von Unternehmen über den gesetzlichen Rahmen hinaus plädieren. Die früher oft vorgetragene Position von Milton Friedman (1970) und anderen Ökonomen, die dafür eintraten, dass Unternehmen über die gesetzlichen Vorgaben hinaus keine Verpflichtungen haben sollten, wird in der aktuellen öffentlichen Debatte nur noch selten vertreten.

Aufgrund wachsender globaler Verpflichtungen und immer weitreichender Anforderungen an ökologisch und sozial nachhaltiges Verhalten stellen sich verstärkt Fragen nach sinnvollen Regelungen, die der Staat vorgibt, bzw. nach entsprechenden ethischen Leitlinien, die sich Unternehmen, Branchenverbände oder andere Institutionen geben sollten. Welche Rahmenbedingungen und Vorgaben sind für die Wirtschaft und Unternehmen zu wählen, damit globale Ziele wie materieller Wohlstand, soziale Gerechtigkeit, Schutz der Umwelt und andere wichtige Ziele erreicht werden? Zum anderen: Welche Verantwortung über generelle Vorgaben hinaus wird bei Unternehmen gesehen? Offensichtlich kann es kaum eindeutige und allgemeingültige Antworten geben. Zunächst sind eigene normative Positionen die Voraussetzung für die Beantwortung entsprechender Fragen. Je nachdem, welche Verteilung von Einkommen und Gütern man als gerecht empfindet, welchen Stellenwert man Menschen in anderen Ländern beimisst usw., wird man zu unterschiedlichen Aussagen gelangen. Darüber hinaus hängen die Antworten natürlich von den konkreten Problemstellungen und jeweiligen Umständen ab. So kann z. B. gefragt werden, welche Produkte und Dienstleistungen an autoritäre Regime ausgeführt werden sollten. Oder es ist festzulegen, bis zu welcher Stufe einer Wertschöpfungskette welche Kontrollfunktion durch ein Unternehmen ausgeübt werden muss. Diese Fragen können theoretisch entweder über verpflichtende gesetzliche Vorschriften oder über von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden freiwillig definierte Vereinbarungen geregelt werden.

Im Rahmen des Buches sollen verschiedene Aspekte aus dem Komplex Ethik und Marktwirtschaft angesprochen werden. Wissenschaftler, Vertreter von Unternehmen, Verbänden, Nonprofit-Organisationen, politischen Institutionen und Kirchen kommen mit ihrer jeweiligen Sichtweise bei den einzelnen Themen zu Wort. Jeder Autor hat explizit oder implizit ein eigenes ethisches Zielsystem, das notwendigerweise bestimmte Empfehlungen, Leitlinien und/ oder Regelungsmechanismen für die jeweiligen Fragestellungen nahelegt. Im Kern geht es jedoch immer um die Frage, ob und wie die Schaffung von ökonomischem Wert auf der einen Seite sowie die Realisierung von ethischen Werten auf der anderen Seite einen Konflikt darstellt. Wenn ja, welche Lösungen lassen sich finden? Wie sollen insbesondere Anforderungen an ökonomische, soziale und ökologische Nachhaltigkeit gleichermaßen und zufriedenstellend in einer global vernetzen Welt erreicht werden?

1.1.2      Grundlegende Gedanken zur Beantwortung der Fragestellungen

Im Rahmen des Buches geht es um soziale und globale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, die Einhaltung von Menschenrechten entlang der Lieferketten und viele andere wertgeleitete Themen. An dieser Stelle soll zunächst kurz skizziert werden, welche Aspekte prinzipiell bei allen Antworten, die zu solchen Fragestellungen gegeben werden, explizit oder zumindest implizit vorhanden sein sollten. Um auf jeweils aufgerufene Fragestellungen konsistente Antworten zu geben, sollten folgende Aspekte durchdacht werden:

a)  Zielsetzungen und entsprechende Beurteilungssysteme

      Es sollte dargelegt werden, welche ökonomischen, sozialen, ökologischen und sonstigen Ziele aus Sicht der Vorschlagenden im Mittelpunkt der Betrachtung stehen bzw. verfolgt werden sollen. Hilfreich und meist unabdingbar ist die Konkretisierung der entsprechenden Ziele. Welche Arten von Gerechtigkeit werden angesprochen? Was genau wird unter Nachhaltigkeit verstanden? Wird unter Wohlstand tatsächlich nur die Steigerung des BIP verstanden oder bezieht man sich auf andere, verbesserte Indikatoren? Gerade die Debatte zum Klimawandel mit Begriffen wie »klimaneutral«, »net zero« oder »CO2-neutral« zeigt die Problematik unklarer bzw. diffuser Begrifflichkeiten (o. V., 2021); leider werden solche Unklarheiten auch für »Green Washing«-Zwecke missbraucht (Fischer & Knuth, 2023). Neben der Konkretisierung der einzelnen Ziele sollten Vorstellungen darüber existieren, wie die einzelnen Ziele gegeneinander abgewogen werden sollen. Oft findet ein eher implizites Abwägen bei den Entscheidern in Politik und Wirtschaft statt. Um ein Beispiel zu nennen (o. V., 2018): In einem früheren Koalitionsvertrag wurde festgehalten, künftig keine Waffen mehr an die am Jemen-Konflikt beteiligten Kriegsparteien zu exportieren. Dies erfolgte dann doch; für Saudi-Arabien, die Arabischen Emirate und Jordanien – allesamt Konfliktbeteiligte – wurden entsprechende Ausnahmegenehmigungen erteilt. Bei solchen Debatten um Genehmigungen finden letztlich Abwägungen zwischen heimischem Wohlstand auf der einen Seite und möglichen Risiken der Konflikteskalation oder von Weiterlieferungen der Waffen an islamistische Terrororganisationen auf der anderen Seite statt. Analog werden bei der Vergabe von Entwicklungsgeldern – oft wenig bekannt oder explizit formuliert – nicht unbedingt die Länder am meisten unterstützt, in denen die größte Not herrscht, sondern solche, die strategisch oder auch wirtschaftlich für das Geberland wichtig sind (Zapf, 2021). An dieser Stelle geht es uns nicht darum, solche Entscheidungen zu beurteilen. Wichtig erscheint allerdings, dass gerade im Sinne moralischer Ansprüche, die mit Schlagworten wie Nachhaltigkeit, globaler Verantwortung etc. erhoben werden, die relevanten Aspekte explizit thematisiert werden. Wir werden den Aspekt, ob und mit welchem »Gewicht« die Menschen aus anderen Ländern in die Betrachtung eingehen, unter b) nochmals aufgreifen. Um konsistent zu argumentieren, ist es hilfreich, wenn sich ethische Ziele auf entsprechende Theoriegebäude (zu einem Überblick über grundlegende Theorien vgl. z. B. Sandel, 2013) beziehen. Eine perfekte ethische Theoriewelt wird es gemäß Nobelpreisträger Amartya Sen (2010) allerdings nicht geben. Dennoch basieren auch die Vorgehensweisen, die er empfiehlt, auf konsistenten theoretischen Überlegungen.

b)  Umfang der Betrachtung

      Der nächste Aspekt betrifft die Frage, für welche Personen(-gruppen) die vorgeschlagenen Regelungen und Leitlinien »Relevanz« haben sollen. Hier lässt sich eine Fallunterscheidung treffen. Zunächst gilt es, die Frage zu beantworten, wer die Leitlinien, Vorschriften und Vorschläge befolgen sollte. Unter den Beiträgen finden sich solche, die sich explizit an Entscheidungsträger in Unternehmen richten. Möglich ist aber auch, dass Mitarbeiter oder Konsumenten weitere Adressaten sind. Darüber hinaus kann und sollte – im Sinne der unter Punkt a) genannten Zielsetzungen – geklärt werden, wer die »Nutznießer« der Regelungen sind. Sollen bestimmte ethische Leitlinien nur im Inland gelten und damit z. B. vor allem heimische Mitarbeiter oder die unmittelbare Umwelt geschützt werden? Oder sollen z. B. per globaler Unternehmensleitlinien gleichermaßen an allen Standorten bestimmte Standards gelten?

      Der Frage nach dem Umfang liegt letztlich ein grundsätzlicher ethischer Diskurs zugrunde. Auf der einen Seite kann es partikularistische und auf der anderen Seite eher kosmopolitische Sichtweisen in Sachen Gerechtigkeit geben (vgl. Broszies/Hahn, 2010). Bei einer partikularistischen Sicht stehen innerstaatliche, nationale Betrachtungen und Regelungsvorschläge im Mittelpunkt. Kosmopolitische Sichtweisen gehen eher von universalen Gerechtigkeitsvorstellungen aus. Im Sinne eines moralischen Universalismus werden Gerechtigkeitsansprüche und -konzepte definiert, bei denen in moralischer Hinsicht alle Menschen auf der Welt gleichermaßen wichtig sind. Die beiden Sichtweisen finden ihren Niederschlag sowohl in Praxisdebatten als auch in der Theoriediskussion. So hat John Rawls, der mit seinem Werk »Theory of Justice« (Rawls, 2004) Gerechtigkeitsprinzipien prägte, welche die Politik nachhaltig beeinflussten, seine Ausführungen partikularistisch vor dem Hintergrund innerstaatlicher Regelungen verstanden. Auch bei seinen späteren Schriften über internationale Regelungen sieht er souveräne Staaten, für die keine universellen Prinzipien erhoben werden. Kosmopolitische Positionen wie der effektive Altruismus (Singer, 2016) formulieren universelle Prinzipien. Nach solchen Sichtweisen sind wir gehalten, Menschenleben sowohl in Asien, Afrika und anderswo als auch im unmittelbaren Umfeld zu retten. Nationale Regelungen, die z. B. bestimmte Flüchtende privilegieren, »nur weil sie in der Lage waren, für eine Überfahrt zu zahlen« (Klatzer, 2016) werden in Frage gestellt; ebenso wie solche Regelungen, die zwar »Gutes« tun – wie Unterstützung von Kultur, Gendergerechtigkeit –, aber mit Blick auf das globale Elend zweitrangig sind.

      An dieser Stelle kann das Für und Wider der beiden unterschiedlichen Sichtweisen nicht weiter ausgeführt werden. Allerdings ist darauf aufmerksam zu machen, dass der Scope – gerade bei globalen ethischen Fragen – idealerweise klar darzulegen wäre, um die eigene Position – im Kontext partikularistischer bzw. kosmopolitischer Ansichten – erkennbar zu machen. Um zu erkennen, welche Menschen überhaupt von vorgeschlagenen Regelungen betroffen sind, bedarf es zudem der Kenntnis über teilweise recht komplexe Wirkungszusammenhänge, die im Folgenden behandelt werden.

c)  Ursache-Wirkungszusammenhänge

      Die Erreichung von Zielen ist an Ursache-Wirkungszusammenhänge gekoppelt. In unserem Kontext lässt sich Harari (2018, S. 347f.) zitieren: »Gerechtigkeit erfordert nicht einfach nur ein Gefüge abstrakter Werte, sondern auch ein Verständnis konkreter Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge […]. Leider zeichnet sich unsere moderne globale Welt unter anderem dadurch aus, dass ihre Kausalbeziehungen hochgradig verzweigt und komplex sind […]. Glaubt man den Sozialisten, so beruht mein komfortables Leben auf Kinderarbeit in üblen Sweatshops in der Dritten Welt.« Die Einführung bestimmter ethisch motivierter Regelungen wie etwa des Lieferkettengesetzes hat ebenso ökonomische Auswirkungen wie eine Besteuerung von CO2. Die Besteuerung von Kapitalvermögen im Inland führt vielleicht kurzfristig zu einer Umverteilung, die Entscheider anstreben, aber vielleicht auch zu einem Rückgang von Investitionen: Der Kuchen, der zur Verteilung steht, wird finanziell kleiner. Im Kontext der Umweltgesetzgebung stellen sich die Ursache-Wirkungszusammenhänge unter Umständen noch komplexer dar. Hier ein Beispiel: Durch die in der Politik getroffenen Entscheidungen werden möglicherweise Treibhausgase in Deutschland bzw. der EU reduziert. Das muss jedoch nicht zu einem Rückgang der globalen Emissionen führen. Die Energieproduktion wird nun in anderen Ländern übernommen; wenn diese Länder weniger umweltfreundlich Energie erzeugen (z. B. durch Kohlekraftwerke), entsteht die paradoxe Situation, dass der CO2-Ausstoß weltweit steigt (Sinn, 2008).

      Gerade weil wir hier Fragestellungen aus dem Kontext Wirtschaft und Ethik behandeln wollen, ist ein Verständnis der Funktionsweise wirtschaftlicher Systeme unerlässlich. Ohne die Kenntnis der Möglichkeiten und Grenzen von Marktwirtschaften sind Debatten über staatliche Eingriffe oder wirtschaftsbezogene ethische Leitlinien wenig zielführend. Das Wissen um Fakten und Ursache-Wirkungszusammenhänge ist letztlich wichtig, damit nicht auf Basis einer reinen Gesinnungsethik argumentiert wird; Verantwortungsethik benötigt Fachwissen, Gesinnungsethik nicht unbedingt. Verantwortungsethik und Gesinnungsethik sind, wie Kaesler (2020) feststellt, jedoch nicht unbedingt Gegensätze.

d)  Verantwortung für Einführung und Umsetzung

      Regelungen und ethische Leitlinien kann man entwerfen und über ihre Einführung nachdenken. Zusätzlich ist die Frage zu beantworten, wer für die Einführung und Umsetzung zuständig ist. Auch bei unseren Beiträgen wird teilweise explizit erläutert, dass entweder der Gesetzgeber die Regeln schaffen und deren Einhaltung kontrollieren muss oder eben, dass »die Wirtschaft« bzw. einzelne Unternehmen auf eher freiwilliger Basis (Selbstverpflichtung) z. B. ihre Wertketten überwachen, energiesparende Maßnahmen umsetzen. Auch bei diesem Aspekt wird es keine generellen Antworten geben. Während in puncto Waffenlieferungen an andere Staaten wohl eine sehr große Mehrheit von Personen die Notwendigkeit von gesetzlichen Regelungen einsehen würde, wird eine solche Mehrheit für die Frage der Kontrolle des ethisch korrekten Verhaltens von Lieferanten und Vorlieferanten nicht zu finden sein. Für die unterschiedlichen Positionen – eher Verantwortung bei Politik und Gesetzgeber oder bei Wirtschaft und Unternehmen – kann es jeweils gute Gründe geben. Hier geht es nicht nur darum, welche Akteure man aus einer politischen oder anderweitig begründeten Überlegung heraus in der Pflicht sieht. Auch die Effizienz und die prinzipielle Realisierbarkeit von Maßnahmen muss in den Blick genommen werden. Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich, Gegebenheiten, die letztlich aufgrund unserer evolutionären Prägung existieren, in Betracht zu ziehen. Evolutionspsychologen oder Sozialpsychologen machen darauf aufmerksam, dass Moral nicht »in die Köpfe gehämmert« werden kann (Haidt, 2014, S. 38). Insofern gilt es bei neuen Regelungen, die auf Verhaltensänderungen von Managern, Marktakteuren oder Konsumenten zielen, entsprechende Erkenntnisse zu nutzen. Hier werden Möglichkeiten des Nudging (Thaler/Sunstein, 2009) diskutiert.

1.1.3      Aufbau des Buches

In Kapitel 2 werden zunächst einige Aspekte aus dem Kontext Ethik und Wirtschaft dargelegt, die für die zu behandelnden Fragestellungen wichtige Grundlagen bieten. Begriffe und Konzepte zu hier relevanten Themenbereichen Globalisierung, Freihandel, Marktwirtschaft, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Verantwortung von Unternehmen und Konsumenten etc. werden eingeführt und erläutert. Im Sinne der oben genannten Aspekte a) – d) dient das Kapitel dazu, die expliziten oder impliziten Positionen der Autoren besser einordnen zu können.

Kapitel 3 beinhaltet Beiträge, die das Themenfeld Marktwirtschaft, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit behandeln. Wissenschaftler greifen bestimmte Fragestellungen auf und stellen aus ihrer Sicht dar, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um wirtschaftliche, ökologische und ethische Ziele (besser) zu erreichen.

Entscheidungsträgern in Unternehmen kommt eine zentrale Rolle bei der Einführung und Umsetzung nachhaltiger und ethischer Konzepte zu. Kapitel 4 greift dahingehend zwei wichtige Aspekte auf: Welche Anreize sollten gesetzt werden, damit Manager im Sinne von Nachhaltigkeitszielen agieren? Wie sollte eine Managementausbildung gestaltet sein, welche die Themen Nachhaltigkeit und Ethik sinnvoll und passend in das Curriculum integriert?

Kapitel 5 stellt die Sicht der Wirtschaftspraxis in den Mittelpunkt. So wird etwa dargelegt, welche Aufgaben und welche Verantwortung z. B. im Rahmen von globalen Lieferketten gesehen werden.

In Kapitel 6 werden im Hinblick auf die Herausforderungen der Globalisierung und des Klimawandels Positionen und Vorschläge von Autoren vorgetragen, die politischen und gesellschaftlichen Institutionen zu zuordnen sind.

Kapitel 7 schließlich zeigt exemplarische konkrete Regelungen und Leitlinien aus der Praxis: So wird das Thema ESG aufgegriffen, welches wohl in den nächsten Jahren zu einem Reporting-Standard für europäische Unternehmen werden wird. Ebenso wird das noch wenig verbreitete Konzept des Food Security Standard dargestellt. Impact Investing ist ein Konzept, das neben Renditezielen auch ökologische und soziale Ziele verfolgt.

Die Beiträge können verdeutlichen, welche Vor- und Nachteile entsprechende Konzepte mit sich bringen und welche Faktoren in Marktwirtschaften mit Privateigentum eine Rolle spielen, damit entsprechende Konzepte im Hinblick auf die erhofften Wirkungen erfolgreich sind.

Die Auswahl der Beiträge erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, weder mit Blick auf die Themenauswahl noch mit Blick auf die vertretenen Positionen. Gleichwohl haben die Herausgeber sich bemüht, eine Vielfalt von Themen und Positionen zur globalen Verantwortung von Wirtschaft und Unternehmen zusammen zu stellen, um damit ein Angebot zum offenen, konstruktiven und hoffentlich fruchtbaren Diskurs zu liefern.

Literatur

Broszies, C., Hahn, H. (2010): Globale Gerechtigkeit: Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus und Kosmopolitismus, Berlin: Suhrkamp.

Fischer, T., Knuth, H. (2023): Grün getarnt, ZEIT ONLINE, URL: https://www.zeit.de/2023/04/co2-zertifikate-betrug-emissionshandel-klimaschutz, Abruf am 26.01.2023.

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Zu den Herausgebern

Prof. Dr. Kai Thürbach ist Inhaber der Professur für Unternehmensführung und Entrepreneurship an der TH Köln. Er hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Harvard University Betriebswirtschaftslehre studiert sowie an der HHL Leipzig Graduate School of Management promoviert.

Prof. Dr. Rainer Völker ist Leiter des Instituts für Management und Innovation (IMI) und lehrt Management an der Hochschule in Ludwigshafen am Rhein. Vor seiner Hochschultätigkeit hatte er verschiedene Führungsfunktionen in der Wirtschaft inne. Er studierte Volkswirtschaftslehre in Heidelberg, promovierte an der Universität Konstanz und habilitierte an der Universität St. Gallen.

2        Ethik und Wirtschaft – einige grundlegende Zusammenhänge

2.1       Globalisierung: Chancen und Herausforderungen in einer zunehmend konfrontativen Welt – eine wirtschaftswissenschaftliche Perspektive

Jürgen Meckl/Jarom Görts

2.1.1      Einleitung

Internationaler Güterhandel hat eine lange Historie von über mehreren tausend Jahren und verbindet seither Menschen, Kulturen und Länder (McCormick, 2001; Findlay & O’Rourke, 2007). Bereits im Mittelalter existierte auf der nördlichen Hemisphäre ein dichtes Netz von Handelswegen, welche die Länder Europas mit denen Ostasiens sowie Nord- und Ostafrikas verbanden und einen regen Handel vornehmlich mit Rohstoffen beförderten. Mit der Industrialisierung und der Erfindung der Dampfmaschine, die durch Senkung der Transportkosten ein längeres und engmaschigeres Netz von Handelsrouten schufen (vgl. Baldwin, 2018), intensivierte sich auch Handel mit industriell erzeugten Fertigprodukten. Durch den Fall des Eisernen Vorhangs und der Handelsintegration des globalen Ostens wurden Milliarden Menschen in China und Indien mittels Realeinkommenszuwächsen aus einem Zustand extremer Armut und Hungersnot in die vergleichsweise stabile Mittelschicht gehoben. Heute findet Handel global statt und das nicht nur auf Ebene von Rohstoffen und Endprodukten, sondern auch verstärkt im Zwischenprodukt- und Dienstleistungsbereich sowie auf Aufgaben- und Informationsebene. Doch die Vorteile aus internationalem Handel werden seit mehreren Jahren von komplexen, dynamischen Krisen von z. T. globalem Ausmaß überschattet, welche die Nachteile global integrierter Märkte – insbesondere der damit verbundenen Risiken – in den Vordergrund rücken und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft herausfordern.

Wenig überraschend herrschen in den Wirtschaftswissenschaften wie auch in der öffentlichen Debatte durchaus geteilte Auffassungen über die Vorteile der globalen wirtschaftlichen Integration und über die Notwendigkeit gezielter staatlicher Lenkungs- und Unterstützungseingriffe in den Globalisierungsprozess. Das Spektrum der Ansichten reicht dabei von einer praktisch uneingeschränkten Freihandelsposition über insbesondere einer nicht regulierten Globalisierung eher skeptisch gegenüberstehenden Personengruppe bis hin zu mehr oder weniger radikalen Globalisierungsgegnern.1 So lehnt die Position liberaler Befürworter des Freihandels jegliche handelsregulierenden Eingriffe nationaler Regierungen, die über eine Sicherung der Rahmenbedingungen des wirtschaftlichen Agierens – die Sicherung von Eigentumsrechten und Vertragsfreiheit – hinausgehen, weitgehend ab. Globalisierungsskeptiker fordern eine ausgeprägte Steuerung und sozialverträgliche Begleitung der Globalisierung und mahnen diese als unverzichtbar für eine erfolgreiche und von der Gesellschaft akzeptierte Integration an. Globalisierungsgegner sehen vornehmlich multinationale Großkonzerne als die alleinigen Profiteure der Globalisierung und halten jegliche flankierenden Maßnahmen einer sozialverträglichen Gestaltung für utopisch oder zumindest praktisch nicht hinreichend umsetzbar. Diese unterschiedlichen Haltungen zur Globalisierung lassen sich im Kern auf eine deutlich unterschiedliche Einschätzung über die Leistungsfähigkeit von marktwirtschaftlich organisierten Ordnungen und über die spezifische Gewichtung der Effizienz und Verteilungswirkungen der Globalisierung zurückführen. Globalisierungsbefürworter betonen die Funktionsfähigkeit von Märkten und messen Effizienzeffekten einen besonderen Stellenwert bei; Verteilungseffekte spielen nach deren Dafürhalten lediglich eine sekundäre Rolle und insbesondere handelspolitische Eingriffe werden als ungeeignet gesehen, ursächlich binnenwirtschaftlich bedingte Marktunvollkommenheiten wie Arbeitslosigkeit zu kompensieren und werden daher als vornehmlich schädlich eingestuft. Globalisierungsskeptiker verweisen auf die sozialen Konfliktpotenziale von integrationsinduzierten Verteilungseffekten, die sich insbesondere bei Unvollkommenheiten auf den Faktormärkten als extrem nachteilig für die Einkommens- und Beschäftigungschancen bestimmter Bevölkerungsgruppen auswirken; dabei wird die besondere Verantwortung der Politik betont, einen sozialen Ausgleich der integrationsbedingten Anpassungslasten herzustellen. Globalisierungsgegner stellen hingegen nicht selten die Basis einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung generell in Frage und reden fundamentalen Reformen das Wort.

Wir geben in diesem Beitrag einen Überblick über einige zentrale wirtschaftswissenschaftliche Einsichten zu den Chancen und Risiken der Globalisierung und arbeiten die unterschiedlichen Kernaussagen von Befürwortern und Kritikern der Globalisierung heraus. Abschnitt 2 befasst sich dazu grundsätzlich mit den Effizienz- und Verteilungswirkungen der Globalisierung, wobei wir uns auf die realwirtschaftliche Integration der Gütermärkte konzentrieren – eine zusätzliche Berücksichtigung der monetären Integration der Finanzmärkte würde den Rahmen des Beitrags sprengen. Abschnitt 3 widmet sich den Herausforderungen der Handelspolitik und stellt insbesondere auf die institutionellen Grundbedingungen für eine funktionsfähige Integration ab. In Abschnitt 4 werden Herausforderungen für die Globalisierung diskutiert und Lösungsansätze, wie etwa der Reformbedarf erforderlicher institutioneller Rahmenbedingungen, formuliert und bewertet. Dies erfolgt insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten Krisen im internationalen Güterhandel, die durch die Covid-19-Pandemie ausgelöst wurden, und einer Renaissance geopolitischer Interessen wichtiger Nationalstaaten und dem damit verbundenen Zusammenbruchs der Illusion, dass mit dem Fall des Eisernen Vorhangs auch ein Ende größerer nationalstaatlicher Konflikte verbunden sei. Wichtige Parallelen bestehen dabei zu den Herausforderungen im Bereich der Welt-Klimapolitik.

2.1.2      Außenhandelstheorie: Effizienz- und Verteilungseffekte der Globalisierung

2.1.2.1    Effizienzeffekte: gesamtgesellschaftliche Wohlfahrtsgewinne durch Handelsintegration

Gesamtgesellschaftliche Wohlfahrtsgewinne der Globalisierung resultieren ganz allgemein aus der Reduktion von Knappheiten bei Gütern und Produktionsfaktoren durch die internationale Integration der Gütermärkte. Generell werden physische Knappheiten durch entsprechende Preise signalisiert – knappe Güter und Faktoren weisen üblicherweise hohe Preise auf, reichlich vorhandene Güter und Faktoren dagegen geringe Preise. Ein Potenzial für Wohlfahrtsgewinne durch internationale Marktintegration liegt dann vor, wenn sich die Knappheiten und damit Preise für identische Güter oder Faktoren zwischen Ländern vor der Integration unterscheiden.

Die Außenhandelstheorie stellt auf unterschiedliche Ursachen für gesamtgesellschaftliche Wohlfahrtsgewinne durch Handelsintegration ab. Die klassischen bzw. neoklassischen Erklärungsansätze, welche die Außenhandelstheorie bis Ende der 1970er Jahre dominiert haben, identifizieren zwei Quellen von Handelsgewinnen: (i) die pure Option des Tausches gegebener Produktionsmengen (Güterausstattungen) und (ii) die Anpassung von Produktionsstrukturen gemäß komparativer Vorteile der einzelnen Länder in der Produktion und der damit verbundenen zusätzlichen Handelsmöglichkeiten.

In integrierten Märkten sind die Nachfrager in einem Land nicht darauf beschränkt, exakt die in ihrem Heimatland auch produzierten Mengen zu konsumieren; allein schon die Option, Teile der eigenen Produktion mit Handelspartnern über Importe und Exporte zu tauschen, stellt einen potenziellen Wohlfahrtsgewinn gegenüber der Autarkiesituation mit nicht integrierten Märkten dar. Weichen die relativen Güterpreise (= Tauschverhältnisse der Güter) in Autarkie von denen der Handelsintegration ab, wird es bereits bei gegebenen Produktionsstrukturen zu Gütertausch mit Vorteilen für alle beteiligten Handelspartner kommen. Die Unterschiede in den Preisverhältnissen vor Handelsintegration selbst lassen sich dabei auf drei Ursachen zurückführen: (i) unterschiedliche Konsumentenpräferenzen bei ansonsten identischen Produktionsbedingungen, (ii) die Nutzung unterschiedlicher Technologien in den einzelnen Ländern in der Produktion der gleichen Güter (Ricardo, 1817) und (iii) unterschiedliche Knappheiten an Produktionsfaktoren in den einzelnen Ländern (Heckscher, 1919; Ohlin, 1924, 1933). Während Unterschiede in den Präferenzen häufig als Trivialerklärung von internationalen Tauschvorgängen angesehen werden2, begründen Unterschiede in den Technologien und Faktorausstattungen komparative Kostenvorteile einzelner Länder in der Produktion bestimmter Güter und damit unterschiedliche relative Güterpreise vor Handelsintegration. Infolgedessen eröffnet Handelsintegration schon bei unveränderter Produktion Optionen des Gütertausches für die beteiligten Länder und ist mit positiven gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtsgewinnen für die beteiligten Länder verbunden, da eine Option aufgrund des fehlenden Zwangs zur Ausübung der Option keinen negativen Wert haben kann.

Veränderte relative Güterpreise infolge einer Handelsintegration lösen zusätzlich Anpassungen der Produktionsstrukturen in den einzelnen Ländern gemäß ihrer komparativen Vorteile aus. Unternehmen in Sektoren, die sich steigenden Güterpreisen gegenübersehen, werden (zumindest im Durchschnitt) ihre Produktion ausweiten, während Unternehmen in denjenigen Sektoren, die mit fallenden Güterpreisen konfrontiert sind, ihre Produktion (im Durchschnitt) verringern. Bewerkstelligt wird diese Anpassung der Produktionsstrukturen durch die Reallokation von Produktionsfaktoren: expandierende Sektoren attrahieren über ihre Fähigkeit, infolge der relativen Preiserhöhung auch ansteigende Faktorentgelte zahlen zu können, Produktionsfaktoren, die in schrumpfenden Sektoren zum Ausgleich des Kostendrucks infolge steigender Faktorpreise entsprechend freigesetzt werden. Insgesamt erzeugen diese Umstrukturierungen der Produktion einen höheren aggregierten Produktionswert und damit ein höheres gesamtwirtschaftliches Einkommen, also einen zweiten positiven Wohlfahrtseffekt. Vereinfachend kann man also zusammenfassen: aus (neo-)klassischer Sicht ist Handelsintegration mit Gewinnen für alle beteiligten Länder verbunden, weil sie für alle Handelspartner zusätzliche Optionen eröffnet und in jedem einzelnen Land eine Spezialisierung der Produktion in Richtung der Exportsektoren ermöglicht.3

Darstellung 2-1 illustriert die Wohlfahrtsgewinne durch Handelsintegration am Beispiel einer einfachen 2-Güter-Ökonomie. Nehmen wir dazu an, dass die Ausgangssituation vor der Handelsintegration durch die dem Punkt A entsprechenden Konsum- und Produktionsmengen der beiden Güter gegeben ist; wie diese Mengen konkret bestimmt sind, ist für die nachfolgende Analyse unerheblich. Für die Güterpreise p1 und p2 in der Ausgangssituation lässt sich dann die blaue Linie als »Budgetgerade« eines repräsentativen Konsumenten dieser Ökonomie darstellen, die alle Kombinationen von Konsummengen c1 und c2 umfasst, die zu identischen Gesamtausgaben p1c1+p2c2 führen oder zu einer gleichen objektiven Bewertung alternativer Güterkombinationen durch den Markt bzw. die Marktpreise führt. Die Tatsache, dass die Konsumenten die Kombination in Punkt A gewählt haben, obwohl alle anderen Kombinationen entlang der Budgetgeraden mit den gleichen Gesamtausgaben verbunden sind, ist ein Indiz dafür, dass die Kombination in A eine höhere (bzw. zumindest nicht geringere) Wertschätzung in den Augen der Konsumenten erfährt als alle anderen Kombinationen entlang der Budgetgeraden. Folglich liegen sämtliche alternative Kombinationen von Konsummengen, die in den Augen der Konsumenten eine identische subjektive Wertschätzung erfahren wie die Kombination in Punkt A oberhalb der Budgetgeraden.

Dar. 2-1:  Wohlfahrtsgewinne durch Handelsintegration im 2-Güter-Fall.

Werden die Konsumenten in der Handelssituation mit anderen relativen Güterpreisen konfrontiert, so ändern sich die für sie möglichen Konsummöglichkeiten selbst bei noch unveränderten Produktionsmengen in Punkt A. Für den in Darstellung 2-1 illustrierten Fall eines Anstiegs des Relativpreises von Gut 1 durch Handelsintegration sind die Konsumenten mit einer steileren neuen Budgetgerade konfrontiert (die gestrichelte grüne Linie), die aber immer noch die gegebene Produktion in Punkt A mit umfasst, denn die Konsumenten eines Landes können noch immer die im eigenen Land produzierten Gütermengen konsumieren. Handelsintegration eröffnet für die Konsumenten die Option, durch Tausch gegebener Produktionsmengen mit den Handelspartnern Konsumkombinationen entsprechend der grün schraffierten Fläche zu realisieren, die ohne Integration nicht erreichbar waren. Eine Teilmenge dieser jetzt erreichbaren Kombinationen liegt oberhalb der ursprünglichen Indifferenzkurve, d. h. ist mit Nutzengewinnen seitens der Konsumenten verbunden. Diese Nutzengewinne entsprechen den gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtsgewinnen, die alleine aus der Möglichkeit resultieren, infolge Handelsintegration mit veränderten objektiven Bewertungen von Güterkombinationen (veränderten Marktpreisen) Güter zu im- und exportieren.

Weitere Integrationsgewinne entstehen infolge einer zusätzlichen Anpassung der Produktionsstruktur gemäß der komparativen Vorteile in der Produktion. In Darstellung 2-1 lässt sich diese durch eine Produktionsmengenkombination beispielsweise in Punkt B illustrieren. Mit der Anpassung der Produktionsstruktur ändern sich nun auch die Einkommen der Konsumenten und damit deren Budgetrestriktion: Da die selbstproduzierte Gütermengenkombination in Punkt B einen Punkt dieser Restriktion darstellt und mit dem Handelspartner zu Preisen des Handelsgleichgewichts getauscht werden kann, sind nach Integration und Anpassung der Produktionsstruktur alle Konsumkombinationen entlang der grünen Budgetgerade, welche durch Punkt B verläuft, möglich. Die gelbe Fläche (welche das lila Dreieck miteinschließt) illustriert die zusätzlichen Konsummöglichkeiten, die durch die Anpassung der Produktionsstruktur nach Handelsintegration eröffnet werden. Das lila Dreieck veranschaulicht am deutlichsten die möglichen Gewinne durch Handelsintegration und Anpassung der Produktionsstruktur, da alle Kombinationen von Gut 1 und Gut 2 innerhalb des Dreiecks eine größere Konsummenge beider Güter liefern als sie vor der Integration realisierbar waren. Welche Kombination auf der neuen Budgetlinie letztlich gewählt wird, lässt sich dann mit der höchstmöglichen Indifferenzkurve bestimmen, die noch mit der neuen Budgetlinie vereinbar ist: In Darstellung 2-1 ist dies die Indifferenzkurve zum Niveau uf mit Konsummengenkombination in Punkt C. Da höhere Niveaulinien mit höherem Nutzen (Wertschätzungen) verbunden sind, ist offensichtlich, dass gilt: uf > ua.

Die klassische bzw. neoklassische Handelstheorie basiert auf der stilisierten Vorstellung perfekt funktionierender Güter- und Faktormärkte. In der Realität funktionieren durchaus etliche Märkte mehr oder weniger nach diesem Prinzip, jedoch beileibe nicht sämtliche Märkte. Insbesondere in Industrien, in denen die verwendeten Produktionstechnologien Größenvorteile in der Produktion aufweisen (und damit fallende Durchschnittskosten der Produktion im relevanten Outputbereich) oder in Märkten, in denen kein freier Zutritt auf der Produzentenseite gegeben ist, stellen sich typischerweise keine wettbewerblichen Preise ein. Diesen Punkt greift die Neue Handelstheorie auf, die sich Anfang der 1980er Jahre etabliert hat und zusätzliche Quellen von Handelsintegrationsvorteilen herausarbeitet. Die von Krugman (1979, 1980) entwickelten Ansätze thematisieren Größenvorteile einzelner Anbieter bei der Produktion (steigende Skalenerträge bzw. fallende Durchschnittskosten infolge von substanziellen Fixkostenbestandteilen auf Unternehmensebene) und kombinieren diese Annahme an die Produktionstechnologien mit der Annahme einer Präferenz für Produktvielfalt auf der Nachfrageseite. Konkret unterstellt man plausiblerweise in der Theorie der Konsumentennachfrage, dass es für Konsumenten vorteilhaft ist, kleinere Mengen von einem möglichst breiten Spektrum an verschiedenen, unvollkommen untereinander substituierbaren Gütern zu konsumieren, als eine große Menge von nur einem Gut, da der Nutzenzuwachs bei Erhöhung des Konsums eines Gutes umso höher ist, je weniger man von diesem Gut bereits konsumiert; dies ist eine Implikation der oben genannten abnehmenden Grenznutzen (d. h. das erste Bier liefert einen höheren Nutzenzuwachs als das fünfte oder zehnte…). Folglich zeichnen sich Konsumentenpräferenzen durch eine Vorliebe für Produktvielfalt aus: Konsumenten ziehen einen Konsum möglichst vieler verschiedener Güter in jeweils geringen Mengen einem Konsum möglichst großer Mengen über ein vergleichsweise eingeschränktes Güterspektrum vor; oder kurz formuliert: Vielfalt dominiert Menge. Kombiniert man nun sinkende Durchschnittskosten in der Produktion und eine Vorliebe für Produktvielfalt auf der Nachfrageseite, so werden sich einzelne Unternehmen auf die Produktion jeweils einer Produktvariante konzentrieren und als einziger Anbieter dieser Variante (Monopolist) agieren; ein solcher Produzent kann jedoch seine Marktmacht als monopolistischer Anbieter nur bedingt ausnutzen, da er in einer gewissen Konkurrenz mit Produzenten anderer Produktvarianten steht.

Unter diesen Bedingungen von Größenvorteilen in der Produktion und Vorliebe für Produktdifferenzierung steht eine Gesellschaft vor einem Zielkonflikt: Eine breitere Produktdifferenzierung beschränkt das Ausnutzen von Größenvorteilen der Produktion, ein stärkeres Nutzen von Größenvorteilen reduziert jedoch die mögliche Produktdifferenzierung. Eine optimale Lösung dieses Zielkonflikts hängt offensichtlich von der Größe des Marktes ab, denn je größer der Markt, desto größer können gleichzeitig der Grad an Produktdifferenzierung und die Nutzung von Größenvorteilen ausfallen. Handelsintegration ist nun nichts anderes als eine Vergrößerung des Marktes und reduziert damit die Intensität des genannten Zielkonflikts: Selbst die Integration zweier strukturell vollkommen identischer Länder4 führt dazu, dass zum einen das Ausnutzen von Größenvorteilen in der Produktion – Produzenten produzieren für den heimischen und den ausländischen Markt – die gegebenen Produktionsfaktoren in eine im Durchschnitt produktivere Verwendung realloziert (fallende Durchschnittskosten der Produktion) und damit höhere Einkommen erzielt werden5, während der Grad der Produktdifferenzierung insgesamt steigt. Nachfrager erhalten schließlich auch Zugang zu im Ausland hergestellten Produktvarianten, der typischerweise die Reduktion der Anzahl im Inland hergestellter Varianten mehr als kompensiert. Das Aufweichen des Zielkonfliktes zwischen Größenvorteilen und Produktvielfalt stellt also eine zusätzliche Quelle von Integrationsgewinnen dar.

Eine Verstärkung dieser Gewinne durch Marktintegration bei einer Präferenz für Produktdifferenzierung auf der Nachfrageseite und Skalenerträgen in der Produktion stellt sich zudem ein, wenn die einzelnen Hersteller differenzierter Produktvarianten hinsichtlich ihrer Produktivität heterogen sind (Melitz, 2003). Zunächst einmal verstärken Produktivitätsunterschiede bei einzelnen Herstellern den genannten Zielkonflikt: Ein hoher Grad an Produktdifferenzierung ist nur möglich, wenn die Marktbedingungen es zulassen, dass vergleichsweise viele – also auch vergleichsweise unproduktive – Unternehmungen am Markt überleben (also ohne Verluste produzieren können). Neben einem beschränkten Ausnutzen von Größenvorteilen der Produktion ist eine hohe Produktdifferenzierung zusätzlich damit verbunden, knappe Ressourcen in vergleichsweise wenig produktiven Unternehmen zu beschäftigen. Marktintegration führt in diesem Kontext zu einer Selbstselektion der Produzenten: In dem Maße wie vergleichsweise produktive Unternehmen ihre Produktion erhöhen, um ihre Produkte auch auf den ausländischen Märkten abzusetzen, werden inländische Produktionsfaktoren verknappt und damit verteuert. Dies hat zur Folge, dass vergleichsweise unproduktive Unternehmen keine kostendeckenden Preise mehr erzielen können und daher aus dem Markt ausscheiden. Knappe Ressourcen werden also in Richtung produktiverer Aktivitäten realloziert, was insgesamt den aggregierten Wert der Produktion und damit das gesamtgesellschaftliche Einkommen erhöht. Ein insgesamt höherer Grad an Produktdifferenzierung wird auch in diesem Kontext durch Importe gesichert.

Vorteile einer höheren Produktdifferenzierung können nicht nur auf der Endproduktebene (und damit direkt bei den Endkonsumenten) auftreten, sondern auch bei der Herstellung von Endprodukten durch die Kombination unterschiedlicher Zwischenprodukte bzw. Komponenten mit Produktionsfaktoren (Ethier, 1982). Vorteile aus der Produktdifferenzierung auf der Zwischenprodukt- bzw. Komponentenebene resultieren dabei aufgrund der überaus plausiblen Annahme abnehmender Grenzproduktivitäten von Inputfaktoren in der Endproduktherstellung: Der Einsatz eines breiteren Spektrums von Inputfaktoren in jeweils kleineren Mengen ist mit einer höheren Endproduktmenge verbunden als der Einsatz eines eng begrenzten Spektrums von Inputfaktoren in jeweils hohen Mengen. Analog zum Fall differenzierter Endprodukte erlaubt internationale Marktintegration eine zunehmende Fragmentierung der Produktion mit der Konsequenz, dass die Herstellung bestimmter Zwischenprodukte und Komponenten über International Outsourcing und Offshoring in andere Länder verlagert wird.6 Auch über diesen Kanal ist letztlich die steigende Marktgröße infolge der Globalisierung entscheidend für die gegenseitigen Vorteile aus der Integration. Gemäß der nachstehenden Quantifizierungen von Handelsgewinnen ( Dar. 2-2) macht der Handel in Zwischenprodukten und Komponenten einen überaus bedeutenden Teil der empirisch gemessenen Gewinne aus.

Eine weitere Quelle von gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtsgewinnen resultiert gemäß der Neuen Handelstheorie aus der Zunahme der Wettbewerbsintensität unter den einzelnen Produzenten. In oligopolistischen Marktstrukturen impliziert die strategische Interaktion zwischen den einzelnen Anbietern, dass jeder Anbieter einen Anreiz hat, sich durch entsprechend aggressive Preissetzung Marktanteile auf ausländischen Märkten anzueignen. Brander (1981) belegt die Dominanz dieser Strategie des »Stealing market shares on the rival’s home market« anhand einer einfachen 2-Länder-Struktur mit jeweils nur einem einzigen Unternehmen in einem bestimmten Markt. Für jedes einzelne Unternehmen ist es aus strategischen Überlegungen heraus die gewinnmaximierende Strategie, seine Aktivitäten nicht auf den eigenen Heimatmarkt zu beschränken, sondern sein Produkt zusätzlich am Heimatmarkt des Rivalen anzubieten. Das »Stehlen von Marktanteilen auf dem Heimatmarkt des Rivalen« ist für beide Produzenten die dominante Strategie7 und wenn beide Konkurrenten diese Strategie anwenden, steigt die Wettbewerbsintensität auf beiden Produktmärkten. Diese Steigerung der Wettbewerbsintensität resultiert dann, wenn die einzelnen Anbieter vollkommen identische Produkte anbieten und internationaler Handel mit zusätzlichen, aber hinreichend geringen Kosten (Transportkosten) verbunden ist. Die Intensivierung des Wettbewerbs durch Handelsintegration erzeugt Wohlfahrtsgewinne durch höhere Produktions- und Absatzmengen bei geringeren Güterpreisen. Liegen zudem Größenvorteile der Produktion vor, dann werden diese positiven gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtseffekte durch gestiegene Wettbewerbsintensität noch verstärkt.

Alle diese verschiedenen Quellen gesamtgesellschaftlicher Wohlfahrtsgewinne durch Handelsintegration sind für unterschiedliche Märkte bzw. Güter unterschiedlich bedeutsam, denn schließlich liegen in diversen Industrien auch unterschiedliche Produktionstechnologien und/oder Wettbewerbsformen vor. Gesamtwirtschaftlich sind diese Quellen von Handelsgewinnen weniger als substitutiv zu verstehen, sondern als komplementär. Dies reflektiert auch die Synthese von neoklassischen und neuen Handelstheorien wieder, wie sie von Helpman & Krugman (1985) entwickelt wurde. Dabei werden Elemente der neoklassischen Theorie mit vollkommenem Wettbewerb auf einer bestimmten Teilmenge von Märkten mit den Ansätzen oligopolistischen Wettbewerbs oder der monopolistischen Konkurrenz auf anderen Märkten kombiniert. Diese Synthese neoklassischer und Neuer Handelstheorien erlaubt Analysen in einem vereinheitlichten Modellrahmen.

2.1.2.2    Quantifizierung der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtsgewinne

Alle bisherigen Aussagen zu Effizienzeffekten der Integration sind rein qualitativer Natur. In der Außenhandelsliteratur existieren eine Reihe von Studien, die eine konkrete Quantifizierung der Gewinne der Handelsintegration vornehmen. Als besonders leistungsfähiger Ansatz hat sich dabei der sog. Gravitationsansatz erwiesen, der vergleichbar zur Newton’schen Gravitationstheorie formalisiert wird und eine Quantifizierung von Handelsgewinnen mit relativ einfach ermittelbaren makroökonomischen Kenngrößen erlaubt. Ohne an dieser Stelle näher auf die Methode selbst eingehen zu können, konzentrieren wir uns im Folgenden auf ausgewählte Ergebnisse einer Studie von Costinot & Rodriguez-Clare (2014). Die Autoren schätzen Gewinne durch internationale Marktintegration gegenüber der kontrafaktischen Situation vollkommener Desintegration (Autarkie) für unterschiedliche Modellvarianten. Die Ergebnisse der Quantifikationen sind in Darstellung 2-2 zusammengefasst, in der die eingetragenen Prozentwerte in den Spalten 1 bis 6 die gesamtgesellschaftlichen Realeinkommensgewinne durch Handelsintegration gegenüber einer fiktiven Autarkiesituation für die einzelnen Länder – und in der letzten Zeile für den Durchschnitt aller Länder – darstellen. Spalte 1 liefert die Handelsgewinne in einer reinen Tauschwirtschaft, also die Gewinne infolge der Option, mit den Handelspartnern Güter tauschen zu können, ohne die Produktionsstrukturen in irgendeiner Form anzupassen. Spalte 2 erfasst die Ergebnisse in einer neoklassischen Welt vollkommen kompetitiver Märkte mit Anpassung der Produktionsstrukturen infolge der Handelsintegration, Spalte 3 die Ergebnisse mit Produktdifferenzierung und monopolistischem Wettbewerb auf der Endproduktebene (Krugman-Modell). Die Spalten 4 und 5 erweitern das Modell vollkommenen Wettbewerbs aus Spalte 2 um Möglichkeiten des Handels mit Zwischenprodukten bzw. erweitern die Produktdifferenzierung auf der Endproduktebene (Spalte 3) auf analoge Weise für die Zwischenproduktebene. Spalte 6 schließlich berücksichtigt zusätzlich noch Heterogenitäten auf der Produzentenseite (Melitz-Modell) mit Handel in Zwischen- und Endprodukten. Die Ergebnisse für Deutschland (Zeile 8) belegen deutlich die Komplementarität der einzelnen Quellen für die Handelsgewinne: Die reine Tauschoption erhöht das Realeinkommen GDEU um 4,5 %, mit Anpassung der Produktionsstrukturen erhöht sich GDEU um 12,7 %, mit Gewinnen aus der Produktdifferenzierung erhöht sich GDEU um 17,6 % bzw. 41,4 % und mit Einbeziehung der Selbstselektionseffekte unterschiedlich produktiver Unternehmen erhöht sich GDEU um 52,9 %. Vergleicht man die Werte über die verschiedenen Länder und Modellvarianten hinweg, so fällt auf, dass (i) die Werte für Deutschland recht nahe an den Durchschnittswerten über alle Länder liegen, dass (ii) kleinere Länder im Durchschnitt höhere Handelsgewinne realisieren und (iii) dass insbesondere der Handel in Zwischenprodukten (Fragmentierung der Produktion; Spalten 2 und 3 vs. 4 und 5) deutliche Wohlfahrtsbeiträge erzeugt. Insgesamt belegen die ermittelten Werte substanzielle quantitative Realeinkommenszuwächse durch Handelsintegration.

Dar. 2-2:  Quantifizierte Wohlfahrtgewinne durch Handelsintegration (Costinot & Rodriguez-Clare, 2014: 206).

Vergleiche zwischen einer aktuellen internationalen Marktintegration mit der fiktiven Autarkiesituation sind zugegebenermaßen recht drastisch, denn derartig extreme Desintegrationsprozesse stellen bestenfalls wenig realistische Ausnahmefälle dar und sind für die praktische Politik von vergleichsweise geringem Interesse. In Darstellung 2-3 sind daher für die verschiedenen Modellansätze Ergebnisse aus einer Analyse einer umfassenden weltweiten 40 %-igen Zollerhöhung für aggregierte Ländergruppen angeführt. Auch hier bestätigen sich substanzielle Realeinkommensverluste insbesondere bei Berücksichtigung von Produktdifferenzierungs- und Selbstselektionseffekten.

Die hier präsentierten, selektiven Ergebnisse werden durch eine Vielzahl von empirischen Studien unterstützt (vgl. Costinot & Rodriguez-Clare, 2014; Head & Mayer, 2014) und belegen substanzielle Integrationsgewinne durch Globalisierung für die beteiligten Handelspartner. Die Anpassungen der Produktionsstruktur infolge Integration und insbesondere der Handel in Zwischenprodukten liefert einen quantitativ deutlichen Wohlfahrtsbeitrag. Unbestreitbar ist jedoch, dass Länder insbesondere durch eine starke Fragmentierung der Produktion bedeutenden Risiken ausgesetzt sind, wenn beispielsweise internationale Transportketten nur eingeschränkt funktionieren oder handelspolitische Maßnahmen als Instrumente zur Verfolgung außenpolitischer oder geostrategischer Interessen eingesetzt werden ( Kap. 2.1.4).

Dar. 2-3:  Quantifizierte Wohlfahrtsverluste durch 40-prozentige Zollerhöhung (Costinot & Rodriguez-Clare, 2014: 232).

2.1.2.3    Verteilungseffekte: individuelle Wohlfahrtseffekte und Kompensationsprinzip

Gesamtgesellschaftliche Wohlfahrtsgewinne implizieren nun nicht notwendigerweise, dass auch jeder Einzelne in einer Gesellschaft von der Handelsintegration profitiert. Auch wenn die Größe eines zu verteilenden Kuchens wächst (= gesamtgesellschaftliche Wohlfahrtsgewinne), ist nicht ausgeschlossen, dass ein Teil der Bevölkerung nach Integration ein kleineres Stück abbekommt als vorher. Werden manche Faktoren infolge der handelsinduzierten Produktionsumstrukturierungen weniger knapp, so sollten die Preise dieser Faktoren sowohl relativ zu den Preisen der knapper werdenden Faktoren als auch absolut sinken. Gruppierungen in einer Gesellschaft, deren Haupteinkommensquelle aus durch Handelsintegration weniger knapp werdenden Faktoren stammt, sollten also Einkommensverluste erfahren und trotz gesamtgesellschaftlich größerer Wohlfahrt letztlich einen kleineren Anteil als vor der Integration erhalten. Umgekehrt werden diejenigen, deren primäre Einkommensquelle die knapper werdenden Faktoren sind, überproportionale Einkommens- und Wohlfahrtsgewinne realisieren. Faktorbesitzer, deren hauptsächliche Einkommensquelle vergleichsweise knappe Faktoren sind, werden durch die Reduktion der Knappheiten infolge Handelsintegration Einkommensverluste erleiden und sich gegen eine Handelsintegration positionieren, während die Eigner vergleichsweise weniger knapper Faktoren sich dafür einsetzen.

Konkret auf den Handel zwischen Industrieländern sowie Schwellen- und Entwicklungsländern angewandt, für den unterschiedliche Faktorknappheiten bedeutsam sind, in einem neoklassischen Kontext gilt Folgendes: Industrieländer sind im Vergleich zu Entwicklungsländern relativ gut mit Kapital – Sach- und Humankapital bzw. gut ausgebildete Arbeitskräfte – ausgestattet, Schwellen- und Entwicklungsländer dagegen relativ gut mit vergleichsweise geringqualifizierter Arbeit. Industrieländer sollten daher einen komparativen Vorteil in der Produktion kapitalintensiver High-tech-Güter aufweisen und infolge von Handelsintegration diese Produktion ausweiten – mit entsprechend positiven Einkommenseffekten für Eigner von Sachkapital und für qualifizierte Arbeit, aber negativen Einkommenseffekten für die geringqualifizierten Arbeitskräfte (Stolper-Samuelson-Effekt). Entsprechend umgekehrte Einkommensanpassungen werden sich in den Schwellen- und Entwicklungsländern einstellen, deren komparativer Vorteil in der Produktion arbeitsintensiver Low-tech-Güter besteht. In Industrieländern sollte die Zustimmung zu Handelsintegration daher aus der Gruppe der Kapitaleigner und der Hochqualifizierten kommen, eine ablehnende Haltung dagegen aus der Gruppe der Geringqualifizierten. In Schwellen- und Entwicklungsländern sollten vor allem die geringqualifizierten Arbeitskräfte profitieren, während Kapitaleigner und Hochqualifizierte verlieren. Insgesamt sollten die internationalen Faktorpreisdifferenzen infolge der Marktintegration reduziert werden.8

Globale Marktintegration ist jedoch nicht zwangsläufig mit gegenläufigen Entwicklungen der relativen Faktorknappheiten und damit deren Preisen bei den Handelspartnern verbunden. Dies belegen Analysen in verallgemeinerten und damit realistischeren Versionen von Handelsmodellen, insbesondere auch von Modellen eines ansonsten neoklassischen Typs. Die einfachen Basismodelle unterstellen eine vergleichsweise hochaggregierte Sektorenstruktur, in der alle Exportsektoren und alle importkonkurrierenden Sektoren zu jeweils einem einzigen Sektor zusammengefasst werden. Reichhaltigere Modellierungen differenzieren unterschiedliche Export- und Importsektoren und eröffnen damit die Möglichkeit, dass sich Handelspartner in ihrer Produktion auf unterschiedliche und überwiegend disjunkte Paletten von Gütern spezialisieren. Handelsgleichgewichte sind dann dadurch charakterisiert, dass die vergleichsweise kapitalreichen Industrieländer sich auf die Produktion eines Spektrums vergleichsweise kapitalintensiv produzierter Güter spezialisieren, während vergleichsweise arbeitsreiche Schwellen- und Entwicklungsländer sich auf die Produktion eines Spektrums arbeitsintensiv produzierter Güter spezialisieren. Der Schwellenwert der Faktorintensität, der die Spezialisierungsgrenzen im gesamten Güterspektrum bestimmt, hängt entscheidend vom Grad der internationalen Marktintegration ab (vgl. dazu Feenstra und Hanson, 1996, 1997). Zunehmende Marktintegration verschiebt diesen Schwellenwert in der Form, dass die Industrieländer die Produktion von Gütern am unteren Rand ihres über die Faktorintensitäten definierten Güterspektrums über Offshoring- und International-Outsourcing-Prozesse in Entwicklungsländer verlagern, was die durchschnittliche Kapitalintensität der weiterhin in den Industrieländern produzierten Güterpalette und damit die Knappheit von Kapital erhöht. Aus der Perspektive der Schwellen- und Entwicklungsländer führen derartige Produktionsverlagerungen jedoch zu einer Ausweitung der Produktion am oberen Rand der Kapitalintensitäten der bislang produzierten Produktpalette und verschärfen ebenfalls die Knappheit des Faktors Kapital. Marktintegration treibt in diesem überaus realistischen Szenario internationaler Produktionsverlagerungen die relativen Faktorknappheiten in beiden Ländergruppen in die gleiche Richtung und somit auch die relativen Faktorpreise. Je nach spezifischer Ausgangslage und konkreter Form der weiteren Marktintegration lassen sich unterschiedliche Verteilungseffekte rationalisieren.

Im Gegensatz zur Quantifizierung gesamtgesellschaftlicher Wohlfahrtsgewinne erweist sich die Quantifizierung der Faktorpreiseffekte der Globalisierung als komplexe Herausforderung. Faktorknappheiten ändern sich nämlich typischerweise nicht nur infolge internationaler Marktintegration, sondern auch in substanziellem Ausmaß infolge technologischer Entwicklungen. Die reflektiert die sog. Wage-Gap-Debatte, eine sehr kontrovers geführte Auseinandersetzung um die Erklärung der Verschiebung der Einkommens- und Beschäftigungsperspektiven von hoch- und geringqualifizierten Arbeitskräften. Ausgehend von der Beobachtung einer Verschiebung der Lohnstruktur zugunsten der Hochqualifizierten in Industrieländern sowie in Schwellen- und Entwicklungsländern (wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß in den einzelnen Ländern bzw. Ländergruppen) können aus Perspektive der Theorie internationale Produktionsverlagerungen bei Spezialisierung auf disjunkte Güterspektren für diese Entwicklungen verantwortlich gemacht werden oder aber spezifische Formen des technologischen Fortschritts, der Hochqualifizierte gegenüber Geringqualifizierten begünstigt. Letzteres thematisiert die sog. Skill-Biased-Technological-Change (SBTC)-Hypothese, die vornehmlich von Wachstumstheoretikern wie Acemoglu (1998, 2002) oder Arbeitsmarktökonomen wie Krueger (1993) oder Machin und Van Reenen (1998) ins Feld geführt wird.9 Es erweist sich als empirisch überaus komplex, die Einflüsse von Globalisierung und technischem Fortschritt zu differenzieren, so dass eine Quantifizierung der rein globalisierungsbedingten Faktorpreiseffekte recht unscharf ausfällt. Helpman (2016) betont in diesem Kontext, dass Globalisierungseffekte einen nachweisbaren, aber eher moderaten Teil der Entwicklung der Lohnstruktur ausmachen, wohingegen der spezifische technische Fortschritt weitaus stärker auf die Lohnstruktur wirkt.

Unabhängig von den praktischen Quantifizierungsproblemen der Verteilungswirkungen internationaler Marktintegration können gesamtgesellschaftliche Wohlfahrtsgewinne grundsätzlich über entsprechende staatliche Umverteilungsmechanismen so genutzt werden, dass alle Verlierer der Handelsintegration durch ein Abschöpfen sämtlicher Gewinne von den Gewinnern vollkommen kompensiert werden können. Dabei kann der Staat einen Budgetüberschuss erzielen, welcher bei Verteilung über die Gesellschaftsmitglieder zu weiteren Wohlfahrtszuwächsen für alle führt.10 Jedoch ist die Implementierung derartiger Umverteilungsmechanismen nicht kostenlos. Eine korrekte Ermittlung entsprechender individueller Gewinnabschöpfungen bzw. individueller Kompensationsbeiträge und die entsprechende Umsetzung umverteilender Maßnahmen erfordert den Einsatz institutioneller Ressourcen und zehrt damit Teile der Integrationsgewinne auf. Möglicherweise lassen sich auch nur solche Umverteilungsmechanismen praktisch umsetzen, die zusätzlich zu den institutionellen Kosten von ihrer Konstruktion her nur Teile der Integrationsgewinne realisieren lassen.11 Und letztlich kann eine Implementierung eines erforderlichen Umverteilungsmechanismus auch daran scheitern, dass in der Realität typischerweise Schocks nicht isoliert auftreten, sondern dass eine Ökonomie sich häufig mehreren gleichzeitig auftretenden Schocks ausgesetzt sieht und es daher – wie oben gesehen – alles andere als trivial ist, die Auswirkungen einer Handelsintegration auf die Faktorpreise quantitativ von anderen Einflüssen exakt abzugrenzen. Letzteres wäre aber essentiell für die Umsetzung eines Umverteilungsmechanismus der Integrationsgewinne, da gesamtwirtschaftliche Gewinne aus der Handelsintegration nur die integrationsbedingten einzelwirtschaftlichen Verluste kompensieren kann, nicht aber zusätzlich mögliche konjunkturell bedingte und gleichzeitig auftretende Einkommensverluste.

Vermuten könnte man aber auch, dass die Politik möglicherweise keinerlei Erfordernisse sieht, die integrationsbedingten Einkommensumverteilungen zu korrigieren. Insgesamt bleibt zu konstatieren, dass derartige Kompensationsmöglichkeiten praktisch kaum umgesetzt werden. Die orthodoxe Handelstheorie geht recht pragmatisch mit diesem Problem um: Man spricht typischerweise von einer Pareto-Verbesserung durch Handelsintegration, wenn es prinzipiell möglich ist, sämtliche Verluste durch Umverteilung zu kompensieren – das ist der Kern des sog. Compensation Principle (vgl. Chipman, 1987). Praktisch dürfte jedoch Handelsintegration, die mit deutlichen personellen Einkommensumverteilungen einhergeht, ein bedeutendes Potenzial für sozialpolitische Spannungen beinhalten.

Noch drängendere Umverteilungsprobleme der Integrationsgewinne resultieren, wenn die strukturelle Anpassung der Produktion mit zusätzlichen Anpassungskosten verbunden ist – z. B. wenn die Beschäftigung von Arbeitskräften in den expandierenden Exportsektoren nur über zusätzliche qualifikatorische Maßnahmen möglich ist oder eine hohe regionale Mobilität der Arbeitskräfte erfordern – und daher zumindest in einer Übergangsphase keine umfassende Realisierung der Integrationsgewinne möglich ist. In diesem Kontext sind auch nicht wettbewerbliche Situationen an den Faktormärkten relevant, infolge derer sich Veränderungen der Arbeitskräftenachfrage weniger in Anpassungen der Lohnentgelte niederschlagen, sondern vornehmlich in Arbeitslosigkeit mit einer besonderen Last für die betroffene Arbeitnehmergruppe. Die Außenhandelstheorie geht mit diesem Problem eher stiefmütterlich um, die meisten Modelle gehen von vollkommen kompetitiven Faktormärkten aus, und verweist darauf, dass die Ursache von Verzerrungen an den Faktormärkten typischerweise in den Regulierungen oder Fehlfunktionen auf diesen Märkten liegt und nicht durch Handelsintegration per se bedingt ist. Es ist jedoch nicht zu ignorieren, dass in der Realpolitik protektionistische Handelspolitik regelmäßig mit dem Erfordernis begründet wird, Arbeitsplätze in der importkonkurrierenden heimischen Industrie zu schützen, um damit die Beschäftigten nicht in die Arbeitslosigkeit abgleiten zu lassen. Dass im Gegenzug einer strukturellen Anpassung zusätzliche Arbeitsplätze in den Exportindustrien eines Landes entstehen, wird häufig geflissentlich übersehen.

2.1.3      Handelspolitik: Anreize für bzw. gegen Integration

Vor dem Hintergrund der positiven und quantitativ bedeutenden Effizienzeffekte einerseits und der zumindest prinzipiell lösbaren Verteilungswirkungen von Handelsintegration andererseits stellt sich die Frage: Warum beobachten wir dennoch derart viele protektionistische Eingriffe in den internationalen Handel? Dafür bietet die Literatur eine Reihe von Erklärungen an, wobei die nachfolgend angeführten die wichtigsten sind:

•  Unsere bisherigen theoretischen Analysen zeigen lediglich, dass Handelsintegration gegenüber der Autarkiesituation vorteilhaft für sämtliche beteiligten Handelspartner ist. Analysen im Bereich der Handelspolitik zeigen jedoch, dass die Implementierung protektionistischer Maßnahmen unter bestimmten Bedingungen vorteilhaft gegenüber einer vollständigen Integration ist.

•  Handelsbeschränkungen zur Finanzierung des Staatshaushalts.

•  Politische Mehrheiten in den einzelnen Ländern verhindern möglicherweise umfassende handelsliberalisierende Maßnahmen.

•  Protektionistische Maßnahmen können als politisches Druckmittel benutzt werden, um bestimmte außen- oder geopolitische Ziele zu erreichen.

Der letzte Punkt ist weitgehend selbsterklärend, wenngleich die Wirksamkeit solcher handelspolitischer Druckmittel kontrovers diskutiert wird.

2.1.3.1    Wohlfahrtseffekte von Zöllen und Dilemma der Handelspolitik

Die Analyse einer einseitigen protektionistischen Handelspolitik – also eine aktive Handelspolitik eines Landes, die keinerlei Gegenmaßnahmen der Handelspartner nach sich zieht – zeigt zunächst einmal, dass Protektion über 3 Kanäle auf die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt des aktiven Landes wirkt:12 (i) ein Handelsvolumeneffekt, der über Einschränkungen der realisierten Transaktionen infolge von Zollerhebungen wirkt; (ii) ein Preiseffekt – der sog. Terms-of-Trade-Effekt –, der eine Verbesserung der Austauschverhältnisse von Gütern zugunsten eines zolleinführenden Landes beschreibt; und (iii) möglicherweise Produktionsausweitungen von importkonkurrierenden heimischen Unternehmen in Märkten, in denen Produzenten ökonomische Gewinne erzielen. Der Handelsvolumeneffekt einer Zollerhebung wirkt stets dahingehend, dass Transaktionen, die prinzipiell zum gegenseitigen Vorteil aller Beteiligten sind, durch protektionistische Maßnahmen unattraktiv gemacht werden und daher nicht zustande kommen; der Handelsvolumeneffekt ist damit stets wohlfahrtsmindernd für alle beteiligten Handelspartner. Asymmetrisch wirkt dagegen der Terms-of-Trade-Effekt, denn die Terms of Trade des einen Landes entsprechen dem Kehrwert der Terms of Trade seiner Handelspartner. Ein zollerhebendes Land kann nun seine Terms of Trade verbessern, wenn infolge dieser Zollerhebung auf dem Weltmarkt ein Überschussangebot bei seinen Importgütern zu entsprechenden Weltmarkt-Preisreduktionen für diese Importgüter führt; das zollerhebende Land kann damit für jede Exportmenge eine höhere Importmenge realisieren und damit gesamtwirtschaftliche Wohlfahrtsgewinne.

In der Literatur wurde in einer Vielzahl von Analysen mit unterschiedlichen Wettbewerbsformen auf den Märkten gezeigt, dass ein Land, das Einfluss auf die Weltmarktpreise hat, typischerweise einen Anreiz für eine protektionistische Politik hat.13 Konkret wurden für eine Reihe von Modellvarianten optimale protektionistische Maßnahmen herausgearbeitet, deren praktische Implementierung zwar auf vielfach exorbitante Informationsprobleme stößt (erforderlich dazu ist eine genaue Kenntnis sämtlicher Angebots- und Nachfragebedingungen auf sämtlichen in- und ausländischen Märkten), die jedoch zumindest die Vorteilhaftigkeit einer Politik einer schrittweisen Einführung bzw. Verschärfung von Protektion rechtfertigt. Ganz unabhängig von den praktischen Umsetzungsproblemen protektionistischer Maßnahmen zeigen diese Analysen aber ein grundsätzliches Problem der Handelspolitik auf, das in der spieltheoretischen Literatur von Analysen strategischer Interaktion als sog. Gefangenen-Dilemma bekannt ist. Für jedes Land, welches Einfluss auf Weltmarktpreise hat, ist die Implementierung einer protektionistischen Handelspolitik eine dominante Strategie, d. h. jedes Land wird als seine bestmögliche handelspolitische Strategie eine protektionistische Strategie wählen. Wenn jedoch alle Handelspartner gleichzeitig diese dominante Strategie umsetzen, dann sind insgesamt zwar deutliche Reduktionen des Handelsvolumens zu erwarten, aber nicht alle Handelspartner können gleichzeitig eine Verbesserung ihrer Terms of Trade erzielen. Bei hinreichender Symmetrie der Handelspartner werden sich die Terms-of-Trade-Effekte gerade neutralisieren und die negativen Handelsvolumeneffekte sind die einzigen Wohlfahrtseffekte der handelspolitischen Maßnahmen. Letztlich wären alle Handelspartner bessergestellt, wenn sie eine Freihandelsposition einnehmen würden, da aber Protektion eine dominante Strategie darstellt, wird man ohne weitere Maßnahmen in einem Gleichgewicht mit Implementierung protektionistischer Maßnahmen von Seiten aller Handelspartner landen – eine Situation, die in der Literatur häufig als Handelskrieg bezeichnet wird.14

Das folgende stilisierte 2-Länder Beispiel illustriert das handelspolitische Dilemma. Wir betrachten eine Welt bestehend aus 2 Ländern von vergleichbarer wirtschaftlicher Größe, denen zur Vereinfachung lediglich 2 handelspolitische Strategien zur Verfügung stehen: Protektion oder Freihandel. Die Auszahlungsmatrix in Darstellung 2-4 liefert die möglichen Auszahlungen der Länder für die unterschiedlichen Strategiekombinationen, wobei die absolute Höhe dieser Auszahlungen vollkommen arbiträr ist. Entscheidend für die Wahl der Strategien ist die Relation der Auszahlungen untereinander. Die Auszahlungen in Darstellung 2-4 reflektieren, dass bei symmetrischer Strategiewahl beide Länder jeweils identische Auszahlungen realisieren (vergleichbare Ländergröße), aber die Auszahlungen bei simultaner Wahl der Freihandelsstrategie (20,20) die Auszahlungen bei simultaner Wahl der protektionistischen Strategie (17,17) aufgrund des negativen Handelsvolumenseffekts für beide Länder übersteigen. Bei asymmetrischer Strategiewahl erhält das protektionistische Land eine höhere Auszahlung als im symmetrischen Freihandelsgleichgewicht, während das passive Land, das keine protektionistischen Gegenmaßnahmen ergreift, aufgrund des negativen Handelsvolumenseffekts und der Verschlechterung seiner Terms of Trade schlechter als in der Handelskriegssituation dasteht: (25,15) bzw. (15,25). Darstellung 2-4 zeigt offensichtlich, dass »Freihandel« eine dominante Strategie ist: Egal, welche Strategie der Handelspartner wählt, Protektion ist immer die bessere Strategie für das betrachtete Land (25 > 20 und 17 > 15).

Dar. 2-4:  Auszahlungsmatrix für unterschiedliche handelspolitische Strategien im 2-Länder-Modell. Die erste Zahl gibt jeweils die Auszahlung für Land 1 an, die zweite die für Land 2.

Das Grundproblem eines Gefangenendilemmas liegt letztlich darin, dass kein Akteur sich glaubhaft an die Wahl einer dominierten Strategie (in vorliegenden Fall: Freihandel) binden kann. Folglich werden alle Akteure die dominante Strategie »Protektion« wählen und die Welt landet in einem inferioren Protektionsgleichgewicht. Aber gibt es dennoch Mechanismen, die eine glaubhafte Selbstbindung an eine dominierte Strategie ermöglichen? In diesem Sinne lassen sich internationale Handelsverträge auf Ebene der World Trade Organization (WTO) oder der Vorgängerinstitution General Agreement on Tariffs and Trade (GATT) interpretieren. Im Rahmen von WTO bzw. GATT wurden prinzipiell einklagbare Verträge zwischen den beteiligten Ländern vereinbart15