Glorious Rivals – Ein Inheritance-Games-Roman - Jennifer Lynn Barnes - E-Book

Glorious Rivals – Ein Inheritance-Games-Roman E-Book

Jennifer Lynn Barnes

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Beschreibung

Millionen – Herzen – Leben: Alles steht auf dem Spiel

Das Spiel geht in die nächste Runde: Nachdem Avery Grambs das milliardenschwere Erbe der Familie Hawthorne angetreten hatte, rief sie einen jährlichen Wettbewerb der besonderen Art aus. Jeder der geladenen Teilnehmer soll die Chance bekommen, Millionen zu gewinnen. Sieben Spieler sind auf Hawthorne Island angetreten. Nun beginnt der Endspurt im Rennen um den Sieg, die verbliebenen Teilnehmer müssen zahllose Rätsel lösen und sich gegen ihre Rivalen durchsetzen, denn: Millionen stehen auf dem Spiel, aber auch ihre Herzen und Leben!
Der atemberaubende zweite Band der Spin-off-Serie der weltweiten Bestsellersensation »The Inheritance Games«!

Die »The Inheritance Games«-Reihe:
The Inheritance Games (Band 1)
The Inheritance Games – Das Spiel geht weiter (Band 2)
The Inheritance Games – Der letzte Schachzug (Band 3)
The Brothers Hawthorne (Band 4)
Games Untold (Stories, Band 5)
The Grandest Game (Spin-Off Band 1)
Glorious Rivals (Spin-Off Band 2)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jennifer Lynn Barnes

Aus dem Amerikanischen von Ivana Marinović

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Erstmals als cbt Taschenbuch August 2025 

© 2025 Jennifer Lynn Barnes

Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Glorious Rivals«

bei Little, Brown and Company, einem Verlag der Verlagsgruppe Hachette, New York

© 2025 für die deutschsprachige Ausgabe

cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

www.cbj-verlag.de

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Ivana Marinović

Lektorat: Katja Hildebrandt

Umschlaggestaltung: Carolin Liepins, München

unter Verwendung des Originalumschlags: © 2025 Hachette Book Group, Inc.,

Illustration © Katt Phatt, Gestaltung: © Karina Granda

Vignetten © Adobe Stock (Daniel Berkmann; PixMarket; riz)

MP · Herstellung: DiMo

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-30965-7V002

FÜR LISA YOSKOWITZ

Prolog

Das Grandest Game musste die Möglichkeit erhalten, zu seinem Abschluss zu kommen. Davon war sie überzeugt. Sorgfältig ausgeklügelte Pläne hingen davon ab.

Wie dieser Abschluss aussah, war selbstverständlich von immenser Bedeutung.

Es war ein heikler Balanceakt, den Verlauf zu lenken, ohne ihre Karten offenzulegen. Aber andrerseits war heikel ihr Spezialgebiet.

Dafür hatte Alice schon gesorgt.

Kapitel 1 

Lyra

Grayson Hawthorne zu küssen, fühlte sich an wie aus Raum und Zeit hinauszutreten. Nichts anderes existierte noch. Nicht der Boden unter Lyras Füßen. Nicht die Ruine, nicht die Klippe. Nur das hier. Sämtliche Stellen, an denen ihre Körper sich berührten. Seine Lippen und ihre. Ein abgehackter Atemzug … Das hier.

Genau die Art von Katastrophe, die nur darauf wartet zu geschehen, flüsterte Odettes Stimme in Lyras Erinnerung. Ein Hawthorne und ein Mädchen, das allen Grund hat, sich von Hawthornes fernzuhalten.

Als habe er Lyras Gedanken gehört, löste Grayson seine Lippen langsam von ihren. »Normalerweise verfüge ich über mehr Selbstbeherrschung«, sagte er mit schmerzhaft tiefer Stimme.

»Normalerweise verfüge ich über mehr Verstand«, erwiderte Lyra, wobei sie sich allzu bewusst war, wie nah ihre Lippen den seinen immer noch waren – und wie nah sie davor waren, diese Vorstellung zu wiederholen. Dieser Kuss, ihr erster, ihr einziger, war welterschütternd gewesen.

Und mit großer Sicherheit auch ein Fehler.

Hinter Lyra frischte der Wind vom Meer her auf und wehte ihr den Pferdeschwanz ins Gesicht – und ihm in seins. Grayson bändigte ihr langes Haar, strich es zurück, und als er das tat, flaute der Wind so plötzlich und unvermittelt ab, dass Lyra den widersinnigen Gedanken nicht loswurde, dass er ihn durch schiere Willenskraft bezähmt hatte.

Irgendwo in Lyras Kopf schrillte ein Alarm los. Das hier war Grayson Hawthorne.

Und auch wenn er nicht das unterkühlte, überhebliche Reicher-Junge-Arschloch war, für das sie ihn vierundzwanzig Stunden zuvor noch gehalten hatte, blieb er immer noch ein Hawthorne. Sein Blut war nicht nur blau – nein, es war praktisch himmelblau. Und schon bald wäre das Grandest Game vorbei, und – Versprechen hin oder her – Lyra und Grayson Hawthorne würden wieder das sein, was sie immer gewesen waren: kaum mehr als Fremde … mit allem Grund, sich voneinander fernzuhalten.

Keiner von Ihnen beiden weiß, was Sie meinen zu wissen, hallte eine andere von Odettes Warnungen durch Lyras Erinnerung, aber selbst die konnte sie nicht davon ablenken, dass sie immer noch nah genug bei Grayson stand, um jeden seiner Atemzüge auf ihrer Haut zu spüren.

»Wir sollten versuchen, vor Phase zwei etwas Schlaf zu bekommen«, sagte Lyra. Die Worte entfuhren ihr tief und kehlig. Dabei hatte sie auf pragmatisch abgezielt. Man hatte ihnen zwölf Stunden gegeben, um sich von der ersten Phase des Spiels zu erholen. Bisher hatte Lyra nicht mal ansatzweise so etwas wie Ruhe hingekriegt.

»Das sollten wir«, bestätigte Grayson, doch anstatt auch nur ein Quäntchen Abstand zwischen sie zu bringen, strich er mit den Knöcheln seiner rechten Hand ganz leicht über ihre Wange und raubte ihr damit den nächsten Atemzug wie ein geborener Dieb. »Ich meinte ernst, was ich gesagt habe, Lyra. Wir werden das hier hinkriegen – das Spiel und auch den ganzen Rest.«

Den Rest. Das war die Untertreibung des Jahrhunderts, und allein die Worte zu denken, ließ eine Reihe anderer in Lyras Kopf losschrillen. Ein Hawthorne hat das hier getan.

A Hawthorne did this.

A Hawthorne.

Omega.

Es gibt immer drei.

Lyra machte einen Schritt zurück. Vielleicht wäre sie ja mit etwas mehr Abstand in der Lage zu atmen, zu denken, sich auf das Kommende zu konzentrieren. Sie standen zu zweit auf der Klippenterrasse einer einst herrschaftlichen Villa, die heute bloß noch eine Ruine war. Eine verkohlte, sichtbare Erinnerung daran, dass selbst die prachtvollsten Dinge zu Asche zerfallen konnten.

»Jemand hat mich hergeschickt.« Lyra konzentrierte sich zunächst darauf. »Jemand hat mich in dieses Spiel geschleust, und wer auch immer dieser Jemand ist – er oder sie weiß von meinem Vater. Ich bin jemandes Schachfigur.« Lyra wandte den Blick von Graysons hellen, durchdringenden Augen ab. »Oder eine Waffe. Eine Bombe.«

Das war doch die logische Schlussfolgerung, oder nicht? Dass die Person, die ihr das Ticket geschickt hatte, Lyra wegen ihrer Verstrickung mit der Hawthorne-Familie in das Grandest Game geschleust hatte? Wegen der Art, wie ihr Vater gestorben war.

Wegen der Rolle, die A. Hawthorne dabei gespielt hatte.

»Du bist niemandes Waffe, Lyra«, sagte Grayson. Sein Tonfall machte mehr als deutlich, wie selten er Diskussionen jedweder Art verlor. »Keine Bombe oder sonst was. Und erst recht keine Schachfigur.«

»Was bin ich dann?« Lyras Blick zuckte zu ihm zurück wie ein Geschoss.

»Du bist tödlich«, erwiderte Grayson ruhig, »auf die bestmögliche Art und Weise.«

Wie um alles in der Welt kam er dazu, so etwas zu sagen, und dabei auch noch so zu klingen, als würde er es ernst meinen? Lyra wollte einen weiteren Schritt zurücktreten, aber Grayson griff ihre Schultern, und bevor sie sichs versah, hatten sie ihre Positionen getauscht. Jetzt war es Grayson, der mit dem Rücken zum Klippenrand stand, und Lyra, die dem herrlichen Meerblick zugewandt war.

Er hatte sich gerade zwischen sie und den Abgrund gestellt. »Ich brauche deinen Schutz nicht, Hawthorne.«

Grayson hob eine Augenbraue. »Darüber lässt sich streiten.«

Die Meeresbrise frischte wieder auf. Eine heranrollende Gewitterfront. Ein leises Frösteln überzog Lyras Körper. Den Blick prüfend auf sie gerichtet, öffnete Grayson den obersten Knopf seiner wie angegossen sitzenden Anzugjacke. Der mittlere Knopf war als nächster dran.

»Was tust du da?«, wollte Lyra wissen. Sie sprach nicht nur von seinem Jackett, und er war scharfsinnig genug, das zu wissen. Was tun wir hier?

»Ich würde meinen, die Antwort liegt auf der Hand.« Grayson öffnete den letzten Knopf seines Jacketts und dann …

Das Jackett wurde abgestreift, und Lyras Körper erinnerte sich: Meine Lippen und deine. Ein abgehackter Atemzug.

Lyra stählte ihre Stimme. »Ich hoffe stark, du hast nicht vor, mir dieses Jackett anzubieten.«

»Dir ist kalt.« Graysons Lippen verzogen sich. »Und ich denke, ich habe mich dahingehend bereits klar ausgedrückt: Wenn ich ein Problem sehe, löse ich es.«

Hier ging es um so viel mehr als das verdammte Jackett. Es ging um seine Familie und ihre Familie und eine unbekannte Bedrohung. Es ging um die Tatsache, dass Odette Morales – die eine Person, die womöglich einen Ausschnitt des großen Ganzen kannte – ihren Platz im Grandest Game, samt der Chance auf Millionen, aufgegeben hatte, und zwar wegen der Gefahr, die Lyra und Grayson aus irgendeinem Grund darstellten.

Genau die Art von Katastrophe, die nur darauf wartet, zu geschehen.

»Ich brauche deine Jacke nicht«, erklärte Lyra.

»Vielleicht brauche ich es aber, sie dir zu geben«, entgegnete Grayson. »Aus Ritterlichkeit. Als Bewältigungsstrategie.«

»Ich warne dich, Hawthorne. Wenn du auch nur versuchst, mir diese Jacke um die Schultern zu legen, ziehe ich meine aus und gebe sie dir.« Um ihre Aussage zu unterstreichen, hob Lyra die Hand an den Reißverschluss ihrer eigenen Trainingsjacke – die mehr so was wie ein besseres Hemd war.

Grayson nahm sich einen Moment, um abzuschätzen, ob sie bluffte.

Lyra bluffte nicht.

»Warnung angekommen«, erwiderte Grayson neckisch. Er schlüpfte in sein Jackett zurück.

Lyra verengte die Augen zu Schlitzen. »Und warum hab ich dann das Gefühl, als hätte ich trotzdem verloren?«

»Weil«, antwortete Grayson, »ich immer noch zwischen dir und dem Klippenrand stehe.«

Kapitel 2 

Lyra

Vor langer Zeit einmal wäre Lyra bereit gewesen, sich von einem anderen Menschen beschützen zu lassen, aber das war davor. Bevor die Träume anfingen. Bevor ihr klar wurde, dass ihr ganzes Leben eine Lüge gewesen war.

Jahrelang hatten ihre Eltern sie in dem Glauben gelassen, dass sie normal wäre. Sie ließen sie einfach durchs Leben gehen, so als ob das bestimmende Trauma ihrer Existenz nie geschehen wäre, so als ob ihr leiblicher Vater sie an ihrem vierten Geburtstag nicht aus dem Kindergarten entführt hätte, so als ob sie nicht Zeugin seines Suizids geworden wäre. Doch sobald Lyra sich daran erinnert hatte, war es, als würde nichts an diesem Leben, das sie gelebt hatte, noch passen, als hätte die Person, die sie mal gewesen war, nie existiert. Sie hatte nicht gewollt, dass irgendwer erfuhr, warum sie plötzlich anders war, also hatte sie so getan, als wäre sie es nicht. Sie hatte Normalität vorgetäuscht, solange es ging.

Aber bei Grayson Hawthorne gab es kein Vortäuschen. Außerdem musste Lyra sich mittlerweile einer Sache direkt stellen, sobald auch nur die Möglichkeit aufkam, auf irgendeine Art und Weise verletzt zu werden. Sie musste sich selbst beschützen, doch Grayson machte das so wahnsinnig schwer. Er war die Hand in ihrem Nacken, die sie aus der Finsternis emporzog, er war die Stimme, die ihr sagte, dass es ihr nicht gut gehen müsse.

Aber das musste es.

Statt sich also von Grayson zu der vor Rätseln nur so wimmelnden Villa an der Nordspitze der Insel begleiten zu lassen, um etwas Schlaf abzubekommen, ermahnte Lyra ihn, ihr ja nicht zu folgen, und schlug einen anderen Weg ein.

Obwohl sie ihren Körper bereits bis an ihre Grenzen gepusht hatte.

Obwohl sie eigentlich einen klaren Verstand brauchte für das, was noch kam.

Lyra rannte, weil ihre Gedanken ein einziges Chaos waren. Sie rannte, um ihren Körper davon abzuhalten, sich an seinen zu erinnern. Sie rannte, weil sie es konnte.

Grayson musste gespürt haben, dass es wirklich nicht klug wäre, ihr zu folgen, denn er tat es nicht; und irgendwann, als Lyra sich hart genug und lang genug vorangetrieben hatte, fiel der Nachhall seiner Berührungen von ihr ab, und das Einzige, was neben dem Brennen ihrer Muskeln und ihrer Lunge noch existierte, war die Insel.

Lyra konnte sie spüren wie eine Erweiterung ihrer selbst: wild und frei, vernarbt und zerstört, schön und harsch. Hawthorne Island war voller steiniger Strände und steiler Felswände, urwüchsigem Gras und hoch aufragender Bäume; es folgte Klippe um Klippe, hier und da durchbrochen von einem schmalen Streifen Sand, das Ganze umgeben vom weiten Ozean.

Am Vortag hatte es Lyra immer wieder zu dem abgebrannten Wäldchen gezogen. Heute hielt sie sich an das südliche und östliche Ufer – das bei Weitem unwirtlichste Gelände. Unebenes Terrain. Dornen. Ansonsten kaum etwas anderes. Rein objektiv betrachtet ähnelte es nicht wirklich dem Ort, an dem Lyra aufgewachsen war, aber irgendwie fühlten sich Mile’s End und diese unberührteren Teile von Hawthorne Island für sie genau gleich an: immerwährend und auf eine Art real, wie es kein erschlossenerer Ort je war.

Während sie rannte, ließ Lyra sich von diesem Gefühl ausfüllen, und ihr eigentliches Ziel rückte wieder in den Fokus: Sie war in das Grandest Game eingetreten, um Mile’s End zu retten. Alles andere – und jeder andere – konnte warten.

Als Lyra endlich den Punkt erreichte, an dem sie es wagen konnte, langsamer zu werden, an dem sie sich erlauben durfte anzuhalten, blickte sie an einem einsamen, atemberaubenden Bau vor dem südöstlichen Ufer hoch. Massive Steinbögen, die aussahen, als wären sie direkt dem Alten Rom entnommen worden, warfen ihre überdimensionierten Schatten auf das blaugrüne Wasser. Unter den Bögen befand sich eine Bootsanlegestelle.

Schwer atmend ging Lyra zu dem größeren der Liegeplätze rüber, der sich im rechten Winkel zu zwei kleineren befand, mit einer Plattform dazwischen. Ihr Körper war beinahe komplett ausgebrannt, als sie ans Ende des Stegs schritt. Und während sie so aufs Meer hinausblickte, überkam sie ein merkwürdiges Gefühl – wie schwielige Finger, die ihr über die Schulterblätter strichen. Lyra drehte sich um, ließ den Blick zurück zur Insel schweifen.

Nichts. Sie war allein.

Während sie ausatmete, wandte Lyra sich wieder dem Wasser zu. Sie versuchte, das Festland in der Ferne auszumachen, schaffte es aber nicht. Die echte Welt war irgendwo da draußen, aber Lyra konnte sie nicht erkennen. Sie sah nichts als Wasser und Schatten und einen leichten Dunst über dem Meer.

Und doch …

Und doch. Als Lyra dort stand und auf den Pazifik hinausblickte, hatte sie das seltsame Gefühl, beobachtet zu werden.

Kapitel 3 

Grayson

Grayson warf einen Blick auf die Smartwatch an seinem Handgelenk. Da jeder der verbliebenen Spieler im Grandest Game eine erhalten hatte, tat sie zweifellos mehr, als nur die Uhrzeit anzuzeigen. Eine eingehende Inspektion jedoch ergab, dass Grayson momentan nur eine einzige Sache damit anstellen konnte: zwischen der Zeitanzeige und einem weiteren Symbol hin- und herschalten.

Einem Pik.

In Phase eins des Spiels waren die Spieler in Teams unterteilt worden: Herzen, Karos und Kreuze. Graysons Gehirn entschlüsselte blitzschnell das vierte Symbol: Die Piks stehen für die Leute hinter den Kulissen. Von Anfang an hatte Grayson in jedem Detail des Grandest Game die Hand von Avery und die seiner Brüder erkennen können – einschließlich der Tatsache, dass sie ihn zum Spieler gemacht hatten. Grayson war mehr als entschlossen, diesbezüglich noch ein Gespräch mit allen vier Spielemachern zu führen, aber gerade gab es Wichtigeres zu besprechen.

Grayson tippte das Pik-Symbol an. Ein Nachrichtenfeld samt Tastatur ploppte auf, ein Weg, um den Spielemachern eine Nachricht zu schicken. Grayson wählte seine Worte mit Bedacht, ein einfaches Anagramm, das Avery und seine Brüder als Hawthorne’sche Bitte erkennen würden – was bedeutete, dass es keineswegs eine Bitte war.

ZUVOR SENDE.

Grayson wartete die Antwort ab, und schließlich erhielt er sie: NORDUFER.

Grayson wusste aus Erfahrung, dass ein RENDEZVOUS diverse Formen annehmen konnte, wenn seine Brüder gefragt waren. Manche beinhalteten Explosionen. Andere Helikopter. Auch Schwertkämpfe, Schlammcatchen, Karaoke und fliegende Fäuste waren nicht auszuschließen. Aber der Bruder, der am Nordufer von Hawthorne Island zu Grayson stieß, konnte den meisten davon nicht viel abgewinnen.

»Nash.« Grayson hielt den Blick auf das Meer gerichtet und begrüßte seinen Bruder Sekunden, bevor der in sein peripheres Sichtfeld trat.

»Na, Lust auf eine Runde schwimmen?« Der älteste der vier Hawthorne-Brüder nickte zum Wasser.

»Ein bisschen zu kalt dafür«, erwiderte Grayson.

»Hat dich doch sonst nie abgehalten.«

»Hausaufgabe von meinem Therapeuten«, entgegnete Grayson gleichmütig. »Angeblich ist mein Schwimmen eine perfektionistische Strafübung mit dem Ziel, mich so weit auszupowern, dass ich nichts mehr fühlen kann. Dabei ist es, angeblich, gesünder, die Gedanken und Gefühle kommen zu lassen.«

Gedanken wie: Manche Fehler sind es wert, gemacht zu werden.

Gedanken wie: Warum nicht ich? Bei ihr, genau jetzt – warum nicht ich?

Aber Grayson hatte dieses Treffen nicht einberufen, um über seine Gefühle zu reden. »Es gibt da eine Bedrohung«, erklärte er Nash. »Oder zumindest das Potenzial dafür. Lyra Kane hat ihr Ticket von einem anonymen Dritten erhalten. Jemand hat sie hergeschickt.«

Nash verdaute das. »Nun, warum sollte ein anonymer Dritter das tun?«

Ganz genau. »Wie der Zufall es will, war unsere Familie in den Tod von Lyras Vater verstrickt.« Graysons Stimme klang selbst für seine eigenen Ohren weit ruhiger, als ihm zumute war. »Suizid. Sie war vier. Sie war dort.« Allein der Gedanke daran, was die Erinnerung an jene Nacht mit Lyra anrichtete, weckte in Grayson den Wunsch, in die Schlacht zu ziehen für das Kind, das sie einst gewesen war – und dabei ging es noch nicht einmal um die Frau, die sie heute war.

In seinem ganzen Leben hatte Grayson vier Menschen geküsst, Lyra mitgezählt. Und bei dem Kuss mit ihr hatte er das erste Mal in seinem Leben die Gefühle kommen lassen. Alle Gefühle.

Lyra Kane küsste so, wie sie sich bewegte: mit einem gesteigerten Körperbewusstsein, mit Anmut, so als sei Küssen eine Angelegenheit der gesamten Körperkoordination.

»Wie groß ist die Bedrohung, die sie darstellt?«, fragte Nash in beiläufigem Tonfall. Grayson ließ sich nicht täuschen. Eine Bedrohung für einen von ihnen war eine Bedrohung für sie alle, und Nash war ein Mann, der beschützte, was er liebte.

»Lyra ist nicht die Bedrohung.« Grayson hatte die Aussage nicht als Warnung aussprechen wollen, aber hier war sie.

Nash legte den Kopf zur Seite. »Wie weit bist du schon, kleiner Bruder?«

»Es war nur ein Tag«, kam die Antwort automatisch.

Nash wippte auf den Absätzen seiner Cowboyboots zurück. »Bei Lib habe ich es praktisch gleich gewusst.«

Libby Grambs – mittlerweile Libby Hawthorne – war Nashs Frau. Graysons Mundwinkel zuckten nach oben bei dem Gedanken an seine Schwägerin und die Babys, die sie unter dem Herzen trug. »Wie geht es Libby?«

»Ständig irgendwelche Gelüste. Ein bisschen launisch.« Nash grinste. »Absolut strahlend.« Er drehte den Kopf und warf Grayson einen wissenden Blick zu. »Ich werde dich noch einmal fragen, Gray: Wie weit bist du mit diesem Mädchen, das keine Bedrohung darstellt?«

Grayson sah wieder zum Horizont. Lass alles kommen. »Weit genug.«

Nash stieß einen leisen Pfiff aus. »Jamie hatte recht. Das wird ein Spaß.«

»Freut mich, dass ihr euch amüsiert«, erwiderte Grayson trocken. »Aber ich habe dich nicht aus Spaß hergerufen. Was wissen wir über den technischen Zwischenfall gestern Nacht?«

Während Phase eins war der Strom ausgefallen – sowohl der Haupt- als auch der Notfallgenerator.

»Laut Xander scheint es sich bei den Schuldigen um ein paar Eichhörnchen zu handeln«, erwiderte Nash. »Er besteht im Übrigen darauf, dass der Fachbegriff für ein ganzes Rudel Eichhörnchen ebenfalls Hörnchen lautet.«

»Ein Hörnchen Eichhörnchen?« Graysons Tonfall machte deutlich: Seine Skepsis galt nicht nur Xanders steiler linguistischer These.

»Die Insel ist streng abgeriegelt«, sagte Nash.

»Entweder nicht so streng, wie ihr denkt, oder Lyras Sponsor hat noch einen anderen Kandidaten im Spiel.« Mit seiner typischen Effizienz berichtete er Nash von den Zetteln, die jemand für Lyra im verbrannten Wald aufgehängt hatte und auf denen die Namen ihres Vaters standen – seine Pseudonyme. »Ihr solltet auch Odette Morales im Blick behalten, nun, da sie das Spiel verlassen hat. Sie weiß etwas.«

»Welche Art von etwas?«

Grayson sah keinen Grund, um den heißen Brei herumzureden. »Die Art, die besagt, dass unsere Großmutter nicht annähernd so tot ist, wie gern behauptet wird.«

Nash reagierte auf diese bombastische Enthüllung mit seiner typischen Ruhe, indem er seinen abgewetzten Cowboyhut abnahm und mit dem Daumen langsam den Rand seiner Krempe entlangfuhr. Genau das Gleiche hatte er getan bei dem einzigen Mal, als Grayson die Faust gegen ihn erhoben hatte.

»Du schaltest jetzt besser ganz schnell in deine redselige Laune um, kleiner Bruder.«

Grayson kniff die Augen zusammen, beschloss dann aber, Nash durchgehen zu lassen, dass er den Ältesten raushängen ließ. »Vor gut fünfzehn Jahren – mehrere Jahre nach dem vermeintlichen Tod unserer Großmutter – tauchte Alice Hawthorne offenbar quicklebendig wieder auf. Sie kam zum alten Herrn, gab sich zu erkennen und bat ihn um einen Gefallen.« Grayson hielt inne, wobei er an den Großvater zurückdachte, den er gekannt hatte – an den Tobias Hawthorne, der aus jeder Herausforderung, aus jeder Auseinandersetzung als Sieger hervorgetreten war. An den Mann, der sie dazu trainiert hatte, das Gleiche zu leisten. »Ebenfalls vor fünfzehn Jahren«, fuhr Grayson fort, »lautete einer der letzten Sätze, die Lyras Vater zu ihr sagte, bevor er sich eine Kugel in den Kopf jagte: A Hawthorne did this.«

»A. Hawthorne. Alice.«

»Du erzählt es den anderen.« Grayson formulierte das nicht als Frage. »Womöglich wird auf dieser Insel gerade mehr als nur ein Spiel gespielt.«

»Brechen wir es ab?«, erwiderte Nash so unerschütterlich wie immer. »Das diesjährige Grandest Game?«

»Nein.« Grayson zögerte nicht mal. »Entweder es gibt keine echte Gefahr, dann wäre ein Abbruch verfrüht, oder aber es gibt sie – dann müssen wir die Gelegenheit nutzen und die Quelle identifizieren.«

Um einen Gegner auszuschalten, musste man ihn als Erstes dazu bringen, seine Karten auf den Tisch zu legen.

»Also spielst du Phase zwei«, sagte Nash.

»Ich spiele«, bestätigte Grayson. Nicht um zu gewinnen – sondern für sie.

Nash fuhr mit dem Handrücken über den Bartschatten an seinem Kiefer und zeigte ein kleines Lächeln. »Wofür braucht sie das Geld?«

Schon immer waren Graysons Brüder zu scharfsichtig gewesen, als gut für sie war. »Sie will das Zuhause ihrer Familie retten.« Grayson dachte daran, wie Lyra seine Jacke abgelehnt und damit gedroht hatte, ihm ihre zu geben. »Es erübrigt sich wohl zu sagen, dass sie nicht daran denkt, auch nur einen Heller von mir anzunehmen.«

Lyra musste das Geld gewinnen. Und Grayson musste tun, was in seiner Macht stand, um ihr dabei zu helfen.

»Hat sie denn schon einen Spitznamen für dich?« Nash wackelte mit einer Augenbraue.

Graysons Mundwinkel zuckten. »Bin mir ziemlich sicher, er lautet Arschloch.«

»Ich mag sie jetzt schon.« Grinsend setzte Nash seinen Hut wieder auf. »Und wo wir schon bei Familie sind: Ich habe dir etwas zu sagen und es wird dir nicht gefallen. Als wir los sind, um die ausgeschiedenen Spieler von der Insel zu verabschieden, ist Gigi nicht aufgetaucht. Dein kleines Schwesterchen ist spurlos verschwunden – genau wie Xanders Boot. Scheint, als hätte Gigi es genommen und eine Nachricht hinterlassen. Samt einem Päckchen Entschuldigungs-Twinkies.«

Grayson runzelte die Brauen. »Wir sind hier auf einer Insel. Wo hat Gigi die Süßigkeiten her?«

»Wie ich Xan verstanden habe, handelt es sich mehr um so eine Art Schuldschein.«

Grayson knetete seine Stirn. Das klang ganz nach seiner Schwester, und auch ohne Nash hatte Grayson gewusst, dass Gigi das Ausscheiden aus dem Grandest Game nicht gut weggesteckt hatte. »Ich hätte nach ihr sehen sollen.«

»Alisa hat sich bereits dahintergeklemmt, das Boot aufzuspüren. Wir werden dein Schwesterchen finden. In der Zwischenzeit hast du ein Spiel zu spielen – und eine andere Schwester, auf die es aufzupassen gilt.«

Savannah. Bei Nashs Worten musste Grayson an das kurz geschnittene Haar seiner Schwester denken – Haar, das aussah, als wäre es grob mit einem Messer abgesäbelt worden. Dann dachte Grayson an den Spieler, mit dem sich Savannah im Grandest Game verbündet zu haben schien.

An den Kerl, der, aller Wahrscheinlichkeit nach, das Messer geführt hatte.

»Savannah will nicht, dass ich auf sie aufpasse«, bemerkte Grayson mit so viel Ruhe, wie er aufbringen konnte.

»Die, die es am meisten nötig haben, wollen das nie.« Nash klopfte Grayson auf den Rücken. »In diesem Sinne haben wir dir im Haus ein Zimmer hergerichtet.« Er hielt ihm einen großen bronzenen Schlüssel hin. »Finde es und hau dich ein bisschen aufs Ohr, kleiner Bruder. Phase zwei ist nichts für schwache Gemüter.«

Kapitel 4 

Rohan

Rohan schlief nie tief. Seit er ein Kind war, hatte er das nicht mehr getan. Im Tiefschlaf lauerten Erinnerungen wie Schatten mit einem eigenen Willen, einem eigenen Hunger. Und so hatte Rohan einen leichten Schlaf – immer gegenwärtig, immer lauschend, immer auf der Hut.

Und doch …

Er erwachte in Savannah Graysons Bett, nur um festzustellen, dass er allein war. Bist unachtsam geworden, nicht wahr, Junge?, meldete sich die Stimme des Eigners irgendwo in seinem Kopf. Die beeindruckende Miss Grayson war nirgends zu sehen, genauso wenig wie der Schlüssel zu seinem Zimmer.

Er wusste sofort, worauf Savannah es abgesehen hatte. Das Schwert.

Bei besagter Waffe handelte es sich um ein Langschwert, in dessen silberne Klinge Worte eingraviert waren: From every trap be free, for every lock a key. Jedes Team in Phase eins hatte ein eigenes Schwert erhalten – nur eines. Rohan hatte in der Nacht zuvor klargestellt, dass dasjenige, das er und Savannah ergattert hatten, in seinem Besitz verbleiben würde. Sie mochten zwar Verbündete sein, aber ihr Bündnis basierte auf einer tickenden Uhr.

Letzten Endes konnte das Grandest Game nur einen Sieger haben und für Rohan stand alles auf dem Spiel. Er würde gewinnen. Savannah hatte das nur noch nicht begriffen. Zweifelsohne hatte sie seinen Schlüssel gestohlen, um sein Zimmer nach dem Schwert abzusuchen und es für sich zu beanspruchen.

Rohan stützte sich auf seine Ellbogen und lächelte ein wölfisches Lächeln. Viel Glück dabei, Schätzchen. Er beschloss, sich zu revanchieren, indem er in Savannahs Abwesenheit ihr Zimmer durchsuchte. Mit geübten Händen tastete er jede Bodendiele einzeln ab, drückte mit flinken und kräftigen Fingern jede Zierleiste, zog die Kissen aus ihren Bezügen, das Laken vom Bett. Er drehte die Matratze um, suchte sie nach Schlitzen und Spalten ab. Als dabei nichts rumkam, ging Rohan ins Badezimmer.

Auf dem marmornen Waschtisch lag eine Maske aus verschlungenem silbrig-blauen Metall. Jeweils drei tränenförmige Diamanten hingen an den äußeren Augenwinkeln. Das Design hatte Savannah auf dem Maskenball am Vorabend unglaublich gut gestanden. Rohan fuhr mit der Kuppe seines Zeigefingers über die zarten Diamantanhänger. Kostbare Edelsteine, gefrorene Tränen.

Doch Rohan wusste: Savannah Grayson weinte nicht.

Während er sich fragte, wie lange es wohl dauern würde, bis sie sich in seinem Zimmer geschlagen gab, drehte er in Savannahs Bad die Dusche auf. Solange das Wasser aufheizte, las er seine Klamotten vom Schlafzimmerboden auf und ließ zwei gläserne Würfel aus seiner Tasche gleiten.

Die unbezwingbare Miss Grayson hatte noch einiges zu lernen. Hätte sie so viele Jahre Spiele gespielt wie Rohan, hätte sie seine Würfel gestohlen und sich dann erst auf die Suche nach dem Schwert begeben.

Als er die Dusche betrat, legte Rohan seine roten Würfel auf einem Marmorsims ab und lieferte seinen Körper dem kochend heißen Strahl aus. Hitze hatte Rohan noch nie was ausgemacht. Im Gegensatz zu Kälte – insbesondere kaltem Wasser.

Die Vergangenheit wird dich ertränken, wenn du sie lässt, Junge, hallte die Stimme des Eigners durch die gewundenen Gänge von Rohans Geist. Wie Steine, die an deinen Knöcheln zerren.

Rohan trat tiefer unter den siedend heißen Wasserstrahl, zog seine ganz eigene Lust daraus. In Momenten wie diesen war sein Fokus am schärfsten. Ich werde das Grandest Game gewinnen.

Für Macht galt es einen Preis zu zahlen, immer. Schmerz war eine Erinnerung daran. Und Hitze rief Rohan in Erinnerung: Ich wurde nicht dazu gemacht, zu frösteln oder zu ertrinken.

Was auch immer er tun musste, um zu gewinnen, er würde es tun.

Schritte. Rohan registrierte ihren Klang, ihre Länge – Savannah im Anmarsch. Und schon stand sie vor dem Duschvorhang.

»Ich habe nicht gesagt, dass du meine Dusche benutzen darfst.« Savannahs Tonfall war einer der feinen Gesellschaft, ihre Schärfe war die Schärfe von Diamanten, nicht von Glas.

»Und ich habe nicht gesagt, dass du versuchen darfst, mein Schwert zu stehlen«, erwiderte Rohan gedehnt. Es war wirklich zu schade, dass die Dusche einen Vorhang hatte, keine Glastür. Er hätte gerne den Ausdruck auf ihren herrlich geschliffenen Zügen gesehen, als er sie gerade entlarvt hatte.

»Es ist nicht dein Schwert.«

Hast es nicht gefunden, was, Schätzchen? Rohans Lächeln wurde breiter. »Das ist wohl Ansichtssache.«

»Raus aus meiner Dusche«, befahl Savannah.

Rohan, als der ausgezeichnete Bastard, der er nun mal war, gehorchte nur allzu gern. Er drehte das Wasser aus, schnappte sich mit der linken Hand die roten Glaswürfel vom Marmorsims und schloss die Finger seiner rechten Hand um den Vorhang. »Sei vorsichtig, was du dir wünschst, Schätzchen.«

Savannah schleuderte ein Handtuch über die Stange. Mit Wucht. Rohan nahm es, um sich abzutrocknen und es dann um die Hüften zu schlingen, bevor er hinter dem Vorhang hervortrat. »Ich hoffe nur, du hast mein Zimmer so hinterlassen, wie du es vorgefunden hast, nachdem du bei deiner Suche gescheitert bist.«

Savannahs Blick wanderte über seinen Körper – Brust, Bauchmuskeln, bis hinab zu der Stelle, wo das Handtuch sich um seine Hüften schmiegte. »Ich hoffe, du hast nicht erwartet, dass letzte Nacht was zu bedeuten hätte«, erwiderte sie.

Schonungslos. Rohan wusste diese Qualität bei Frauen zu schätzen – eigentlich bei jedem. »Ich erwarte, dass du dich in dieser Phase des Spiels an deinen Teil der Vereinbarung hältst, Savvy, das ist auch schon alles.«

Den Bedingungen zufolge, auf die sie sich geeinigt hatten, würden die beiden das Grandest Game als Team fortsetzen, bis die Konkurrenz erfolgreich ausgeschaltet war – und nur bis dahin.

»Kein Grund zur Sorge.« Savannah wölbte eine ihrer hellblonden Augenbrauen. »Als ich versprochen habe, mit dir zusammenzuarbeiten und dich erst dann zu zerstören, war das mein voller Ernst.« Sie drehte sich zum Spiegel, um sich selbst darin zu mustern – ihr Versuch, sich davon abzuhalten, ihn weiter zu mustern, da war Rohan sich sicher.

Er legte eine Hand auf das Handtuch um seine Hüften und bedachte sie mit einem Grinsen.

»Grayson wird ein Problem sein«, bemerkte Savannah kühl.

Ganz geschäftsmäßig. »Welch Glück nur«, sagte Rohan, »dass ich ganz ausgezeichnet im Lösen von Problemen bin.« Und welch Glück, dass fraglicher Hawthorne-Bruder eine Schwäche entwickelt hat.

Savannah hob ihr Kinn. Ihr neues kurzes Haar ließ ihre Augen so viel größer, ihre Wangenknochen so viel schärfer erscheinen. »Was weißt du über das Mädchen?«, fragte sie.

Lyra Kane. Auch Savannah hatte Graysons Schwachpunkt mit beeindruckender Schnelligkeit identifiziert.

»Was weißt du«, gab Rohan zurück, »darüber, wie der Name von Lyra Kanes Vater an den Bäumen im verbrannten Wald gelandet ist?«

»Worauf spielst du an?« Savannah mimte die Eiskönigin bis zur Perfektion.

»Du hast einen Sponsor, Schätzchen.« Rohan hielt nicht hinterm Berg. »Es ist sehr wahrscheinlich, dass du damit nicht die Einzige bist, und ich bezweifle, dass irgendeiner von diesen Sponsoren sich zu schade dafür ist, zu schmutzigen Mitteln zu greifen.« Er bedachte sie mit einem bezeichnenden Blick. »Jetzt sag mir, dass ich falschliege.«

»Würde ich dich auf jeden deiner Irrtümer hinweisen, bliebe uns kaum noch Zeit, uns eine Strategie zu überlegen.« Savannah ließ ein tödlich-anmutiges kleines Schulterzucken sehen. »Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass du besser aufgestellt bist, was die Geheimnisse der anderen Spieler angeht – angenommen natürlich, das Mercy ist wirklich so mächtig, wie du behauptest.«

Ein achtzehnjähriges amerikanisches Mädchen konnte nicht ansatzweise die Macht, den Reichtum und die Reichweite des Devil’s Mercy begreifen – jener Organisation, die Rohan großgezogen hatte, jener Organisation, deren Führung er entschlossen war zu übernehmen. Er hatte ein Jahr bekommen, um die Gebühr dafür aufzubringen, ein Jahr, um die zehn Millionen Pfund zu besorgen und seinen rechtmäßigen Platz als künftiger Eigner einzunehmen.

Bis es so weit war, war Rohan, was das Mercy betraf, ein Nichts.

»Du behauptest, du willst dieses Spiel noch unbedingter gewinnen als ich.« Savannah richtete den Blick wieder auf ihn. »Du hast mir nie gesagt, warum.«

»Stell dir nur vor«, erwiderte Rohan.

Savannah kniff die Augen zusammen. »Du weißt, warum ich hier bin.«

Rohan trat vor, sein Körper streifte ihren. »Nie will ich wieder ruhn«, rezitierte er, »nie stille stehn, bis Tod die Augen mir geschlossen, oder das Glück mein Maß von … Rache mir geschafft.«

Rohan registrierte Savannahs Reaktion auf das kleine Wörtchen »Rache« nach der Pause anhand des langsamen Hebens und Senkens ihrer Brust.

»Heinrich der Sechste, Teil drei«, klärte er sie auf.

»Das ist mir bekannt«, erwiderte Savannah. Sie biss nicht an, verlor kein Wort über ihre Motivation, dieses Spiel zu spielen – oder über ihren Racheplan. »Vielleicht solltest du jetzt besser gehen.« Sie hob Rohans Klamotten auf und warf sie ihm zu. »Wir haben nur noch wenige Stunden bis Phase zwei, und es gibt keinen Grund, dass du sie hier verbringst.«

Keinen Grund. Wirklich wahr, Schätzchen? »Du hast was von einer Strategie erwähnt.« Rohan senkte die Stimme – ein Zug, um sie dazu zu bringen, sich eine Spur zu ihm vorzulehnen. »Hier ein Tipp, Savvy: Herrsche und teile.« Jetzt war es an Rohan, sich eine winzige Spur vorzulehnen. »Und hier noch einer: Je weniger Figuren in einem Spiel übrig sind, desto wichtiger wird es, das Spielbrett zu kontrollieren.«

»Das Spielbrett«, wiederholte Savannah mit Intensität in ihrer Stimme. »Die Insel.«

»Die Insel. Das Haus. Die Gegenstände.« Rohan hielt Savannahs Blick noch einen Moment länger fest, bevor er an ihr vorbeistrich und ins Schlafzimmer ging. »Denk schnell, Schätzchen.« Über die Schulter warf er ihr etwas zu.

Er hörte, wie sie die Glaswürfel auffing – die weißen Würfel, ihre Würfel –, die er ihr, zusammen mit seinem Zimmerschlüssel, im Vorbeigehen aus der Tasche entwendet hatte.

»Und das«, rief Rohan nach hinten, während er aus dem Zimmer schlenderte, »ist der Grund, warum ich für die Sicherheit unseres Schwerts zuständig bin.«

Kapitel 5 

Gigi

Gut. Du wachst auf. Du warst Stunden weg.«

Das Erste, was Gigi registrierte, war die Stimme – männlich, leise, ein bisschen rau.

Das Zweite war das Gefühl einer Felldecke unter ihrem Körper, weich und warm.

Und das Dritte war ABSOLUT ALLES ANDERE, einschließlich und vor allem die Tatsache, dass es gut möglich war, dass sie entführt wurde.

Gigi blinzelte rasch. Kein Grund zur Panik!, ermahnte sie sich streng. Ich bin sicher, es war eine total nette Entführung. Manischer Optimismus im Angesicht von Gefahr war eine von Gigis echten Stärken – genauso wie die, jedes noch so winzige Detail einer Situation in sich aufzunehmen.

Der Raum um sie herum war groß, rund und spärlich beleuchtet. Licht drang von draußen durch Ritzen in der Steinmauer, winzige Strahlenbündel, die in der Luft glimmten wie Sterne am Himmel. Irgendwo über ihr – das Gebäude war mindestens zwölf Meter hoch – mussten Fenster sein, aber Gigi konnte sie nicht sehen, nur das schwache Licht, das sie hereinließen und das Schatten auf eine steinerne Wendeltreppe warf.

Absolut nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste, versicherte sich Gigi selbst. Soweit sie das sagen konnte, war da niemand in dem Raum außer ihr selbst, der geradezu kriminell kuscheligen Decke unter ihr, der Treppe, einer Tür …

Und der Person, die besagte Tür versperrte.

»Ich werde dir nichts tun.« Er ließ die Aussage weniger wie einen Trost, mehr wie eine Tatsache klingen.

»Das ist mein Spruch«, erwiderte Gigi, die versuchte, sich Zeit zu verschaffen, um ihren Entführer in Augenschein zu nehmen. Blondes Haar hing ihm in die Stirn und verdeckte teilweise die braunen Augen, die so dunkel waren, dass sie beinahe schwarz wirkten. Sie wusste von ihrer letzten Begegnung, dass er eine Narbe hatte, die quer durch eine Augenbraue verlief, aber sie konnte sie gerade nicht sehen – nicht mit dem Haar in seinem Gesicht, nicht aus der Entfernung, nicht in diesem Licht. Stattdessen zog es Gigis Blick zu den Tattoos auf seinem Arm: dicke, schwarze, schartige Linien, die stark an Krallenspuren erinnerten.

»Ich werde dir nichts tun ist dein Spruch?« Vielleicht amüsierte es ihn, vielleicht aber auch nicht. Bei der steinernen, kühlen Miene und der absolut tonlosen Stimme war das schwer zu sagen. »Freut mich zu hören, dass ich keinen körperlichen Schaden zu befürchten habe.«

Oh, und wie du den zu befürchten hast. Gigi wog die Vor- und Nachteile einer unerwarteten Ganzkörperattacke ab, aber sie hatte beim Grandest Game eine Kopfverletzung abbekommen, und ihr Schädel brummte ein bisschen. So etwas konnte einem die Angriffsberechnungen ganz schön durcheinanderbringen.

»Eigentlich«, informierte Gigi ihn, wobei sie ihre Beine verlagerte, um sich im Schneidersitz hinzuhocken, »ist mein Spruch: Du wirst mir nichts tun – versehen mit einem Lächeln.«

»Du sagst alles mit einem Lächeln.«

»Nicht alles. Schau her.« Gigi stocherte mit ihrem Zeigefinger nachdrücklich in Richtung ihres Entführers. »Du hast mich bewusstlos gemacht! Und mich gekidnappt! Du grübelgesichtiger Muskel-Goblin!«

Dabei hatte sie echt nicht vorgehabt, etwas über seine Muskeln zu sagen.

Kann nicht behaupten, man hätte mich nicht gewarnt, dachte Gigi mit einem innerlichen Seufzer. Vor anderthalb Jahren hatte ihr Bruder genau das getan: sie gewarnt, dass dieser geheimnisvolle Fremde – Codename: Mimosas – gar nichts Gutes zu bedeuten hatte. Grayson hatte ihr eingeschärft, dass sie sich schleunigst aus dem Staub machen sollte, wenn sie den Typen auch nur sah. Und was hatte Gigi getan, als sie geschnallt hatte, das Mimosas auf Hawthorne Island war und sich ins Grandest Game einmischte?

Sie war ihn suchen gegangen.

»Gekidnappt ist ein bisschen hart, Sonnenschein. Ich betreibe nur Schadensbegrenzung. Sobald das Spiel vorbei ist, lasse ich dich gehen.«

»Was führst du im Schilde, Mimosas?« Gigi kniff die Augen zu Schlitzen. »Was führt Eve im Schilde?«

Gigi wusste nicht allzu viel über die Arbeitgeberin dieses Typen, aber sie wusste, dass Grayson sie für gefährlich hielt. Sie wusste, dass Eve Ressourcen hatte – und eine persönliche Verbindung zur Hawthorne-Familie.

»Mimosas?«, wiederholte ihr Entführer.

Gigi würdigte die Frage keiner Antwort. Stattdessen beschloss sie, dass Mister Gar-nicht-gut mit ihrer Entführung einen wesentlichen Fehler begangen hatte. Abgesehen davon, dass sie eine Optimistin auf Olympia-Niveau war, war Gigi nämlich äußerst geschickt in der Kunst des Verhörens.

Erst bösen Plan aufdecken, später umnieten, dachte sie. »Was will Eve von mir?« Gigi lächelte ihr einnehmendstes Lächeln. »Und auf einer Skala von eins bis zehn – wie niederträchtig sind ihre und/oder deine Absichten bezüglich des Spiels?«

Keine Antwort.

»Na schön«, sagte Gigi so liebenswürdig, wie es nur ging. »Auf einer Skala von eins bis zwölfeinhalb, wie …«

»Eve weiß nicht, dass ich dich habe.« Dunkle, dunkle Augen blickten sie hinter dem blonden Haar hervor an. »Ich habe es nicht für sie getan.«

Gigi dachte blitzartig an den Moment zurück, als er sie überwältigt hatte, an seine Stimme in ihrem Ohr. Schön ruhig, Sonnenschein. Gigi schluckte. »Hast du mich hergebracht, um mich vor Eve zu beschützen?«

Vielleicht war das übermäßig optimistisch. Vielleicht aber auch nicht.

Mimosas schwieg eine ganze Weile. Schließlich ging er vor ihr in die Hocke, brachte seine Augen auf die Höhe von ihren, die Unterarme locker auf seinen Oberschenkeln abgestützt. »Was macht dich so sicher, dass Eve die einzige Gefahr ist, vor der ich dich vielleicht beschütze?«

Kapitel 6 

Lyra

Der Traum begann wie immer, mit der Blume. Eine Calla-Lilie. Dann kam die Zuckerperlenkette. Mit nur drei Zuckerperlen dran. Irgendwo in Lyras Bewusstsein sprach Odette Morales: Es gibt immer drei. Doch in dem Traum war Lyra noch klein. In dem Traum gab es keine Odette. Es gab nur einen Schatten und eine Pistole und eine Männerstimme, die sagte: »A Hawthorne did this.«

Nur dass Lyra dieses Mal das Gesicht des Mannes sah. Sie sah seine Augen, die Augen ihres Vaters, bernsteingelb wie ihre eigenen.

Und dann war plötzlich alles dunkel.

Und dann klebten ihre Füße vom Blut.

Und dann rannte sie barfuß auf den Bürgersteig hinaus, raus in die Nacht.

Lyra riss die Augen auf. Sie zwang sich, die Luft auszuatmen, die in ihrer Brust festhing, zwang die Muskeln in ihrem Körper, sich nach und nach zu entspannen. Sie beschwor das Gefühl in sich herauf, das sie gehabt hatte, als sie vorhin über die Insel gelaufen war – die Klarheit. Dann rollte sie sich geschmeidig aus dem Bett und begann sich zu dehnen, indem sie ihr Knie an die Brust hob. Nach ein paar Sekunden rotierte sie ihre Hüfte und streckte ihr Bein wieder hoch – und höher und höher, bis sie einen vertrauten Schmerz in ihren Hüften und ihrem Rücken spüren konnte. Sie wechselte das Bein und hielt erst in der Bewegung inne, als die Uhr an ihrem linken Handgelenk vibrierte.

Eine Nachricht erschien auf dem kleinen Display: DON YOUR ARMOR.

Lege deine Rüstung an.

Am Abend zuvor hatte es Abendkleider und Masken geheißen. Heute hieß es Rüstung. Lyra kam nicht umhin, sich zu fragen, was das über Phase zwei verriet. Sie tippte einen roten Kreis an, der unter den Worten erschienen war, und als Reaktion darauf begann die Rückwand ihres Zimmers, sich zu teilen.

Innerhalb weniger Sekunden blickte Lyra einen verborgenen Wandschrank an – der nicht länger verborgen war.

An einer einzelnen Kleiderstange hingen zwei Outfits, die bis auf die Farbe identisch waren. Eines war weiß, das andere schwarz. Auf den ersten Blick meinte Lyra, Gymnastikanzüge vor sich zu sehen, aber eine nähere Betrachtung ergab drei separate Teile für jedes Outfit: Tanktop, Jacke zum Überziehen, Hose. Der Stoff sah beinahe aus wie Leder, aber als sie ihn betastete, schloss sie diese Möglichkeit aus. Was auch immer das für ein Material war, es war luftdurchlässig. Und dehnbar.

Lyra wusste instinktiv, dass man darin tanzen konnte – oder rennen oder klettern oder kämpfen.

Sie legte ihre Rüstung an – schwarz. Der Anzug fühlte sich an wie nichts, was sie je getragen hatte, der Stoff schmiegte sich nahtlos an ihren Körper. An der Außenseite der Jacke waren Taschen angebracht, weitere befanden sich an der Hose. Lyra beschloss, sie direkt zu benutzen. Zimmerschlüssel. Glaswürfel. Grayson hatte ihr Langschwert mitgenommen, dafür hatte Lyra das Opernglas behalten, das Odette ihr zum Abschied geschenkt hatte. Sie hob es auf und schob den diamantbesetzten Griff durch die Gürtelschlaufe ihrer Hose, sodass das Opernglas sicher über ihrem Hüftknochen saß. Dann nahm sie die Anstecknadel in Form eines Schlüssels, die sie in Phase eins des Spiels erhalten hatte, und befestigte sie an der Innenseite ihres linken Ärmels, knapp oberhalb des Handgelenks. Als sie damit fertig war, drehte sie ihr Handgelenk wieder um und warf einen Blick auf die Uhr.

Die Aufforderung zum Rüstunganlegen war durch einen Timer ersetzt worden – 2:17:08.

Lyra sah zu, wie er die Sekunden, eine nach der anderen, runterzählte. Im Vorfeld von Phase eins hatte es einen Maskenball gegeben – samt einer Challenge. Da es bis zum Start von Phase zwei noch gut zwei Stunden waren, musste Lyra davon ausgehen, dass dieser Abend einem ähnlichen Muster folgen würde.

Was also ist die Challenge?

Lyra hob den Zeigefinger an das Ziffernblatt ihrer Smartwatch und versuchte zu scrollen, merkte aber schnell, dass es nur zwei Ansichten gab: den Timer auf der einen und ein einzelnes Symbol auf der anderen. Ein Pik. Lyra tippte drauf und bekam eine Tastatur zu sehen.

»Fühlt sich an wie ein Test«, überlegte sie laut. Sie dachte an das einzige Informationshäppchen, das sie bekommen hatte: DON YOUR ARMOR. Und dann dachte sie an Grayson Hawthorne und wie er ihr sagte, dass sie niemandes Waffe sei.

Dass sie tödlich sei auf die bestmögliche Art und Weise.

Nicht zuletzt war Lyra eine Wettkämpferin. Sie entschied sich für ihre Antwort an die Spielemacher. READY FOR BATTLE.

Sie war bereit für den Kampf.

Lyra drückte auf Senden. Innerhalb einer Minute erhielt sie eine Nachricht zurück – eine Karte.

Kapitel 7 

Lyra

Die Karte führte Lyra zum Nordufer hinab und dann weiter den westlichen Küstenstreifen entlang. Wäre die Flut noch etwas höher gewesen, hätte sie durchs Meer waten müssen, um sich am Fuß der nächsten Klippe zu einem schmalen Sandstrand vorbeizuschieben. An den riesigen Felsformationen im Wasser brachen sich gewaltige Wellen, die von Westen herangerollt kamen – offener Ozean, so weit das Augen reichte.

Auf dem verborgenen Strand befand sich nur eine Person. Avery Grambs. Mit locker an den Seiten hängenden Armen stand die Hawthorne-Erbin da und blickte zum pazifischen Horizont und der untergehenden Sonne hinaus. Irgendwie sah sie überhaupt nicht aus wie das Mädchen von den Zeitschriftencovern – die Milliardärin, die Philanthropin, die wohltätige Investorin, die Schönheit. Diese Avery hier trug eine ausgeblichene Jeans mit Löchern an den Knien und dazu ein Sweatshirt. Ihr Haar war zu einem locker-chaotischen Zopf geflochten, was zu ihrem völlig ungeschminkten Gesicht passte.

Als Lyra hinüberging und neben Avery stehen blieb, kam ihr der Gedanke, dass diese Version der Hawthorne-Erbin sich real anfühlte, so wie auch bestimmte Teile dieser Insel.

»Scheint, ich bin die Erste hier«, sagte Lyra zur Begrüßung.

»Du warst die Erste, die auf unsere Nachricht geantwortet hat.« Avery lächelte leicht, wobei sie den Blick kein einziges Mal vom offenen Meer vor ihr löste. »Wunderschön, nicht wahr?«

»Das Meer oder der Sonnenuntergang?«, fragte Lyra, wobei sie wieder automatisch zu der mächtigen Felsformation hinübersah, die stark an einen uralten Steinkreis erinnerte, wie ein Stonehenge im Meer. »Oder die Felsen?«

»Alles. Schau mal dort.« Avery hob den Arm, und Lyras Blick folgte dem Fingerzeig der Erbin zu zwei Felsen, die, mit vielleicht dreißig Zentimeter Abstand zueinander, aus den Wellen ragten. »Siehst du den Spalt?«, fragte Avery. »Er heißt Sunset Gap. Zu dieser Zeit des Jahres geht nämlich die Sonne genau an dieser Stelle unter. Und wenn sie untergeht, wenn die Sonne das Wasser berührt, so wie es gleich jede Minute geschehen wird, und du direkt zwischen diese Felsen schaust, ist es wie sonst nichts auf der Welt.«

Ein Teil von Lyra wollte nichts lieber tun, als auf diesen magischen Moment zu warten, aber der größere Teil von ihr blieb unruhig – wegen Phase zwei und der Aufgaben, die sie erwarteten, wegen des mysteriösen Wohltäters, der sie hierhergebracht hatte.

Wegen Alice und dem Omega.

Manche Menschen waren einfach nicht darauf gepolt, herumzustehen und darauf zu warten, dass etwas Wunderbares geschieht. Lyra wandte den Blick vom Sunset Gap ab und konzentrierte sich stattdessen auf die Umgebung. In einer Höhlung unterhalb der Klippe lag ein nachlässig aufgeschichteter Haufen Äste.

»Machen wir ein Lagerfeuer?«, fragte Lyra. Ein Feuer. Und das auf Hawthorne Island. Das war ein bewusster Akt.

Avery stahl einen Blick in Lyras Richtung. »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du eine sehr expressive Stimme hast?«

Verlegenheit lag nicht in Lyras Naturell. »Wenn man die Vergangenheit bedenkt – warum überhaupt ein Spiel hier abhalten?«

Die Erbin schien sich nicht an der Frage zu stören. Wenn überhaupt, wurde ihr Gesichtsausdruck weicher. »Meine Tante ist auf dieser Insel gestorben. In dem Feuer.«

Das hatte Lyra nicht gewusst.

»Ich selbst habe sie natürlich nicht gekannt«, fuhr Avery fort, »doch meine Mom trauerte wegen dem, was hier geschehen war. Sehr sogar.« Avery schlang die Arme um ihre Taille. »Die Sache ist nur, ich habe nicht einmal geahnt, dass sie trauerte, weil Mom diese unglaublich absurde Art an sich hatte, Freude noch unter den widrigsten Umständen zu finden. Alles konnte ein Spiel sein. Es gab immer einen Grund zu lachen. Und wenn sie jemanden liebte, dann mit Inbrunst. Ohne Vorbehalte. Ohne Reue.«

Und jetzt ist sie fort. Lyras Hals schnürte sich zusammen. Trauer erkannte Trauer, immer und an viel tieferen Orten, als Lyra je klar gewesen war, damals, als sie noch normal war.

»Freude unter widrigsten Umständen«, wiederholte Lyra leise. »Und alles kann ein Spiel sein.« Lyra hatte die letzten Jahre viel über die Hawthornes und die Hawthorne-Erbin gelesen, aber nichts davon hatte das Mysterium der Person Avery Kylie Grambs auch nur halb so gut erklärt wie das, was die Erbin ihr gerade erzählt hatte.

Avery neben ihr richtete den Blick wieder auf den Sunset Gap. Lyra gab sich gar nicht erst die Mühe, zu widerstehen, und tat es ihr gleich. Die Sonne berührte mittlerweile beinahe das Wasser und der Anblick war jetzt schon atemberaubend.

»Hast du eigentlich darüber nachgedacht, was ich dir gestern gesagt habe?«, fragte Avery. »Über das Spiel?«

Lyra wagte es nicht einmal zu blinzeln, aus Angst, den Moment zu verpassen, in dem die Sonne den Spalt zwischen den Steinen voll ausfüllte. »Manchmal«, wiederholte sie das, was Avery ihr am Vorabend gesagt hatte, »vor allem in den Spielen, die die wichtigsten sind, ist der einzige Weg, zu spielen, der, zu leben.«

Die Sonne sank tiefer, und auf einmal wurde die Luft in tausend Orange-, Gelb- und Rosatöne getaucht, die sich auf der Meeresoberfläche spiegelten und den Sunset Gap ausfüllten. Wie sonst nichts in der Welt.

Eine ganze Minute verstrich, bevor Avery wieder sprach. »Tu mir einen Gefallen. Tu ihm nicht weh.«

Grayson. Bevor Lyra antworten, bevor sie auch nur sagen konnte Das könnte ich nicht mal, wenn ich es wollte, warf Avery einen Blick über ihre Schulter – und dann nach oben.

»Sie kommen«, warnte die Erbin.

Lyra drehte sich um und erblickte drei Gestalten, die ohne jegliche Sicherheitsausrüstung die felsige Klippenwand herabgeklettert kamen. Wie auch Avery war das Hawthorne-Dreiergespann mit Jeans und Sweatshirts bekleidet, aber noch nie in der Geschichte der Menschheit hatten Jeans und Sweatshirts so ausgesehen.

»Ich würde dir ja sagen, dass man sich daran gewöhnt«, meldete sich Avery neben ihr, »aber das wäre gelogen.« Die Erbin fing ein letztes Mal Lyras Blick auf. »Viel Glück, Lyra.«

Und damit schritt Avery auf den Fuß der Klippe zu. Jameson Hawthorne ließ sich aus gut zweieinhalb Metern fallen, um neben ihr zu landen. Nash und Xander folgten, und Lyra musste zugeben, dass die vier irgendwas an sich hatten.

Sie alle.

Das Gleiche, was Lyra vorhin dazu gebracht hatte, vom Sunset Gap wegzuschauen, ließ sie auch jetzt den Blick davon lösen. Sie drehte sich zu dem Weg, den sie gekommen war, und plötzlich, als hätte sie ihn träumend zum Leben erweckt, war Grayson da. Er betrat den verborgenen Strand ganz in Schwarz gekleidet, seine Rüstung perfekt auf ihre abgestimmt. Sie passte besser zu seinem Körper, als irgendein Anzug es hätte tun können, und betonte seine breiten Schultern, die Art, wie seine Taille schmaler wurde, sogar die Muskeln an seinen Oberschenkeln.

Lyra sah den exakten Moment, in dem er ihr Outfit registrierte. Er überquerte den Strand mit sechs langen Schritten. »Du hast geschlafen.« In typischer Grayson-Hawthorne-Manier war das nicht als Frage gemeint.

»Ich habe geträumt«, erwiderte Lyra.

Graysons Miene machte deutlich, dass er die Bedeutung begriff. »Wir werden Antworten finden«, versprach er. »Nach dem Spiel.«

Lyra konnte sich nicht erlauben, an ein Danach zu glauben. »Dieser Kuss.« Das Wort Kuss gab sich große Mühe, in Lyras Kehle stecken zu bleiben. »Das darf nicht wieder passieren.«

»Und dabei hatte ich dich als Realistin eingestuft.« Grayson bedachte sie mit einem Blick. »Aber falls es unsere Konzentrationsfähigkeit ist, die dir Sorgen macht: Die Logik besagt, dass wir nur warten müssen, bis das Spiel gewonnen ist – bis du es gewinnst.«

Er sprach so, als würde die Tatsache, dass sie beide einander wieder küssen würden, von vornherein feststehen – eine ausgemachte Sache, genauso unvermeidbar wie ihr Sieg in diesem Spiel –, und Lyra konnte ihm seine Arroganz nicht mal übel nehmen, da sie das wahnwitzige Gefühl nicht loswurde, dass Grayson Hawthorne mit Fakten handelte.

Dass bestimmte Dinge wirklich unvermeidbar waren. Dass manche Menschen unvermeidbar waren.

»Eigentlich ist es nicht fair.« Lyra bedachte ihn ihrerseits mit einem Blick. »Du bist ein Hawthorne. Du bist hier klar im Vorteil.« Sie sprach vom Grandest Game – aber nicht nur.

»Meine Brüder und ich wurden nicht dazu erzogen, fair zu spielen«, räumte Grayson ein. »Und wo wir schon dabei sind: Wie es scheint, ist unsere Konkurrenz eingetroffen.«

Lyra sah kein Anzeichen dafür, erst ein, zwei Sekunden später tauchten die verbliebenen drei Spieler auf, die sich nun, einer nach dem anderen, den Weg zum Strand bahnten. Savannah war die Einzige von den dreien in Weiß. Brady hielt sein Langschwert in der Hand. Und Rohan … Rohan bewegte sich über den Sand, als wäre Schwerkraft nur ein Problem für die Geringeren unter den Sterblichen.

»Nun, da die ganze Gang versammelt ist …« Xander Hawthorne schob sich jubilierend zwischen Lyra und Grayson. »Dürfte ich mir dich wohl kurz ausleihen, Lyra?«

Lyra hatte genug Verstand, um beunruhigt zu sein. »Mich ausleihen wofür?«

Graysons jüngster – und größter – Bruder grinste: »Gallus Gallus Domesticus En Garde.«

Lyra blickte zu Grayson. »Will ich’s überhaupt wissen?«

»GGDEG«, klärte Xander sie freundlich auf. »Das ist eine altehrwürdige Hawthorne’sche Tradition und bestimmt kein Weg, dich kennenzulernen, während unser Gray hier anderweitig beschäftigt ist.«

Grayson kniff die Augen zusammen. Da er gerade nicht beschäftigt war, konnte Lyra es ihm nicht verdenken.

»Gallus gallus domesticus«, informierte Grayson sie, »ist der wissenschaftliche Name für Huhn.«

»Huhn«, wiederholte Lyra. »Huhn … en garde …« Sie drehte sich zu Xander und sah ihn ungläubig an. »Ein Hühnerduell?«

»Chicken-Fight! Wenn ich wohl dürfte!« Xander verschwendete keine Zeit, sondern nahm Lyra kurzerhand huckepack, und sie beschloss ziemlich schnell, dass Widerstand zwecklos war. Als Xander sich gerade zu seiner vollen Größe aufrichtete, flog Grayson der Nase lang hin. Lyra brauchte von ihrer Position auf Xanders Schultern aus einen kleinen Moment, um zu kapieren, was da über ihn gekommen war – oder, besser gesagt, wer. Jameson. Er hatte Grayson umgenietet.

Und jetzt, dachte Lyra trocken, ist Grayson anderweitig beschäftigt. »Ist ein Flying Tackle das, was in eurer Familie unter einer Begrüßung läuft?«, rief sie zu Xander runter.

»Falls man es denn einen Flying Tackle nennen kann«, schnaubte Xander. Dann stieß er einen Ruf aus, der nur als Kriegsschrei beschrieben werden konnte. »Wer unter euch will sich dem mächtigen Zusammenschluss XanLyras entgegensetzen? Nash? Avery? Du!« Xander zeigte auf Rohan. »Kriegst du den da huckepack?«

Lyra schnaubte. Bei fraglichem den da handelte es sich um Brady Daniels. Xander schien selbstverständlich davon auszugehen, dass Savannah sich niemals gegen irgendwen in einen Chicken-Fight begeben würde, doch sie machte einen Schritt nach vorn, dann noch einen.

»Ich sag euch was«, rief Savannah, das Kinn gereckt. »Ich bin dabei, wenn Avery es auch ist.«

Kapitel 8 

Lyra

Nach einem ausgiebigen Chicken-Fight mit Meerblick – bei dem erstaunlicherweise niemand nass wurde oder sich verletzte – folgte das Anzünden des Lagerfeuers. Zu diesem Zeitpunkt waren Grayson und Jameson nirgends mehr zu sehen, und Lyra vermutete allmählich, dass es heute Abend an diesem Strand weder eine Challenge noch einen Hinweis gab, den es für das kommende Spiel zu gewinnen galt.

Das hier war lediglich Teil der Erfahrung – eine Erinnerung, die im Begriff war zu entstehen.

Während die ersten Flammen emporzüngelten, bezog Savannah Stellung neben Lyra. Die Ähnlichkeit zwischen Grayson und seiner Halbschwester war wirklich bemerkenswert, und als das Lagerfeuer hoch aufloderte, begann Savannah im gleichmäßigen Tonfall ihres Bruders zu sprechen: »Er wird nicht dich wählen.«

»Wie bitte?«, sagte Lyra.

»Grayson«, erwiderte Savannah, ihre Stimme hoch, klar und absolut sicher. »Ein Teil von dir ist schon dabei, in die Hawthorne-Falle zu tappen, all das hier zu glauben, zu überlegen, wie es wäre, Teil davon zu sein, eine von ihnen zu sein.« Savannah hielt inne, um Lyra vermeintlich die Gelegenheit zu geben, es abzustreiten. »Aber du musst wissen, wenn es hart auf hart kommt, wenn es am meisten darauf ankommt … wird Grayson nicht dich wählen.«

»Darum bitte ich ihn auch nicht«, entgegnete Lyra.

»Noch. Du bittest ihn noch nicht, dich zu wählen.« Savannah blickte durch die Flammen hindurch zu Avery, die gerade mit Xander und Nash lachte. »Du würdest dir einiges an Herzschmerz ersparen, wenn du vorab begreifst, dass er immer seine Brüder wählen wird. Dass er sie wählen wird.«

Avery. Lyra dachte an das, was die Erbin zu ihr gesagt hatte – dass sie Grayson nicht wehtun sollte.

»Sie ist nicht, was du denkst«, warnte Savannah, und ohne eine Antwort abzuwarten, ohne ihr auch nur die Gelegenheit dazu zu geben, drehte Graysons Schwester sich um und ging davon.

Lyra stand einen Moment nur da und blinzelte. Was zur Hölle war das?

»Ich an deiner Stelle wäre bei Savannah vorsichtig.«

Lyra drehte sich zum Besitzer der Stimme um – Brady. Seine Dreadlocks waren zusammengebunden, und seine dick gerahmte Brille hätte ihn unscheinbar aussehen lassen, wäre da nicht die Rüstung gewesen, die seine kräftige, muskulöse Statur betonte.

»Es ist ein Wettkampf«, erwiderte Lyra. »Bin mir ziemlich sicher, ich sollte bei jedem hier vorsichtig sein.« Spiel und Spaß mal beiseite – Lagerfeuer, Chicken-Fights und Sonnenuntergang beiseite –, sie alle waren hier, um zu gewinnen. Sie kam direkt zum Punkt. »Ich bin Lyra. Du bist Brady. Wir haben uns noch nicht wirklich kennengelernt.«

»Lyra«, sprach Brady ihren Namen falsch aus. Auf die gleiche Art, wie ihr entfremdeter Vater es bei ihrem einzigen Treffen getan hatte: Lei-rah. »Wie die Leier. Das ist ein Sternbild, weißt du.« Brady musterte sie, als würde er irgend so ein esoterisches Buch lesen. »Das Sternbild Lyra enthält einen der hellsten Sterne, der je für unsereins auf der Erde sichtbar war – selbst von der südlichen Hemisphäre aus am nördlichen Himmel.«

Südliche Hemisphäre. Lyra wusste praktisch nichts über ihren leiblichen Vater, nur dass er jede Herkunft für sich beansprucht hatte, die ihm gerade passte, die meisten davon südamerikanisch.

»Mein Name ist Lyra«, erklärte sie tonlos. Lieh-ra.

»Gut möglich, dass ich zu viel über Sternbilder weiß«, räumte Brady ein. Er hob das Gesicht zum nächtlichen Himmel, und Lyra erwischte sich dabei, wie sie das Gleiche tat. »Ich weiß viel über viele Dinge«, fuhr er fort. »Ich könnte dir in Phase zwei ein nützlicher Verbündeter sein.«

»Vorsicht bei dem da, Miss Kane.« Rohan tauchte wie aus dem Nichts auf. »Er hat Gigi Grayson blutend auf den Felsen zurückgelassen. Alles im Namen des Sieges, stimmt’s nicht, Mr Daniels?«

»Teile und herrsche.« Brady sah Rohan in die Augen. »Eine absehbare Strategie.« Mit einem letzten Blick zu Lyra ging er auf die andere Seite des Feuers hinüber.

Lyra kam Rohan zuvor, ehe der auch nur versuchen konnte, ihr irgendwelche Ideen in den Kopf zu pflanzen. »Tu’s nicht.«

»Hatte ich nicht vor.« Rohan zeigte das Lächeln eines Charmeurs. »Jedoch wirst du dich vielleicht fragen: Wo ist eigentlich dein Mr Hawthorne?«

Kapitel 9 

Grayson

Das Follow-the-Leader-Spiel, bei dem alle nachmachen mussten, was der Anführer tat, hatte wegen der Art, wie Grayson und seine Brüder es als Kinder gespielt hatten, zu zahlreichen Gehirnerschütterungen und zweieinhalb gebrochenen Armen geführt. Aber als Jameson die Herausforderung ausgesprochen hatte – in Form eines Flying Tackle, gefolgt von dem erforderlichen Handzeichen –, hatte Grayson sie akzeptiert.

Er war Jameson die steile Klippenwand bis ganz nach oben gefolgt – außerhalb der Sichtweite aller unter ihnen –, in dem vollen Bewusstsein, dass sein Bruder was im Schilde führte. Grayson kannte Jameson, besser womöglich als irgendwer sonst auf diesem Planeten. Sie waren mit einem Abstand von dreihundertvierundsechzig Tagen zur Welt gekommen, nur einen Tag weniger als ein Jahr. Ihre gesamte Kindheit über waren sie im Gegensatz zueinander geformt worden, im Wettstreit miteinander.

Jameson war der Großmeister der riskanten Moves, ständig auf Nervenkitzel und Gefahren aus. Je mehr Grayson sich dazu gepeitscht hatte, das zu sein, was ihr Großvater von ihm verlangte – perfekt –, desto mehr Risiken hatte sein Bruder eingehen müssen; und je besser Jameson darin wurde, seine Risiken zu wählen, desto respekteinflößender musste Grayson werden.

Doch irgendwie, trotz alldem, reichte diese ureigene Rivalität nicht halb so tief wie das Band zwischen ihnen. Es war diese Verbindung, die Grayson verriet – lange bevor sie die Kletterpartie beendeten und Jameson sich am äußersten Rand der Klippe hinstellte, die sie gerade erklommen hatten –, dass etwas nicht stimmte.

Sobald es um seine Familie ging, ging Grayson keine Risiken ein. »Sprich.«

»Ich liebe es, wenn du mir Befehle gibst, Gray. Da fühle ich mich gleich so gesehen und geliebt. Ich sag ja immer, ein Befehl ist das, was Kuscheln am nächsten kommt.«

Grayson war absolut unempfindlich gegenüber Jamesons Sarkasmus. »Jamie? Sprich.« Sag mir, was los ist.

»Ich hab da was Besseres: Neik Trow.« Jameson spielte den Ausdruck wie die Trumpfkarte aus, die sie war.

Es gab eine Reihe von Regeln, auf die Grayson und seine Brüder sich von Kindesbeinen an geeinigt hatten, Traditionen, die keiner von ihnen brechen durfte, zumindest nicht ohne empfindliche Strafen. Neik Trow – ein Anagramm für Kein Wort – war eine davon. Von der Sekunde an, in der Jameson den Spruch geäußert hatte, durfte Grayson keinen Laut von sich geben, nicht, bis Jameson das Wort abgab; dann läge es bei Grayson, ob die Sache in einem handfesten Kampf ausarten würde oder nicht.

Die Frage war, wieso Jameson das, was er gleich zu sagen hatte, als kampfeswürdige Worte erachtete, die es erforderten, sich auf Neik Trow zu berufen.

»Lyra Kane ist eine Bedrohung«, sagte Jameson, »ob du es nun siehst oder nicht.«

Diese Behauptung konnte so nicht stehen bleiben. Nur seine lebenslange Selbstbeherrschung hielt Grayson davon ab, seinen Standpunkt laut zu äußern. Stattdessen verließ er sich darauf, dass sein Gesichtsausdruck das für ihn erledigte. Schön vorsichtig, Bruder.