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Zweiter Band der erfolgreichen Kindred´s Curse Saga von Penn Cole Ein unerwartetes Geschenk hat die Macht, alles zu verändern. Es zu behalten, könnte Diem das Leben kosten. Der drohende Krieg steht vor Diems Haustür, zusammen mit einer neuen Entdeckung, die ihr Volk retten könnte. Um sie zu nutzen, muss sie dreißig Tage überleben und dazu einen Pakt mit den Menschen schließen, die sie am meisten hasst: der königlichen Familie des Hauses Corbois. Doch als sie in die Welt der Elite der Descended eintaucht, stellt Diem schnell fest, dass Gut und Böse nicht so eindeutig sind, wie sie scheinen. Alte Vorurteile werden in Frage gestellt, und neue Loyalitäten lassen die Grenze zwischen Freund und Feind verschwimmen. Währenddessen wird ihre Mutter immer noch vermisst, und die Geheimnisse, die sie hinterlassen hat, können nicht länger ignoriert werden – ebenso wenig wie die Hüter und ihre Forderungen. Gefangen zwischen einer alten Flamme und einem neuen Funken muss Diem sich der Tatsache stellen, wer sie ist und was sie will, bevor die Zeit abläuft. Der Krieg steht vor der Tür, und auf allen Seiten warten gefährliche Feinde ... aber die tödlichste Schlacht, die Diem bevorsteht, könnte die um ihr Herz sein. #Slowburn #EnemiestoLovers #ShadowMMC #SassyDragon #StrongHeroine #WhoDidThisToYou #GrumpyLoveinterest #DemigodsVSMortals #FightagainstInjustice #FoundFamily
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Seitenzahl: 955
Veröffentlichungsjahr: 2025
Penn Cole
Die Kindred‘s Curse Saga
Spark of the Everflame
Glow of the Everflame
Heat of the Everflame
Burn of the Everflame
Penn Cole
Band 2 Der Kindred‘s Curse Saga
Romantic Fantasy
Ins Deutsche übersetzt von Nina Bellem
Ausführliche Informationen über unsere Autorinnen und Autoren und ihre Bücher
www.leaf-verlag.de
1. Auflage 2025
Originalausgabe:
Copyright © 2025 by LEAF Verlag, Bücherbüchse OHG, Siebenbürger Straße 15a, 82538 Geretsried, Deutschland
Copyright © 2022 by Penn Cole
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Textredaktion: Tino Falke, Übersetzung ins Deutsche: Nina Bellem
Covergestaltung: Kim Leopold und Caroline Keller
Coverillustration: Francis Eden
Kartengestaltung: Andrés Aguirre Jurado @aaguirreart,
Innengestaltung: LEAF Verlag unter Verwendung von Motiven von
©KatyaKatya, ©Penn Cole ©Francis Eden
Gesetzt aus der Adobe Caslon, Satz: LEAF Verlag
ISBN: 978-3-911244-24-4
Karte Emarion
Die Reiche Emarions
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Epilog
Danksagung
Zusammenfassung von Spark of the Everflame
Für jeden Funken, der sein Licht verloren hat und ein wenig Hilfe braucht, um sich daran zu erinnern, wie man leuchtet.
Lange Beschreibung für die Karte
In der Mitte der Karte liegt ein großes Binnenmeer mit der Aufschrift „Heilige See“, in dessen Zentrum eine Insel namens Courile mit dem Bauwerk „Kindreds Tempel“ liegt. Um das Meer herum sind neun Regionen kreisförmig angeordnet, jede mit einem eigenen Namen, einer Stadt und einzigartiger Architektur:
Montio (oben links) – mit Gebirgen und „Montios City“.
Sophos (oben Mitte) – bewaldete Region mit „Sophos City“.
Aeris (oben rechts) – mit „Aeris City“, nahe einer Küstenlinie.
Umbros (rechts unten) – dunklere, felsige Landschaft mit „Umbros City“.
Ignis (unten rechts) – wüstenartige Region mit „Ignis City“.
Arboros (ganz unten) – bewaldete, grüne Gegend mit „Arboros City“.
Fainros (unten Mitte) – hügelige Landschaft mit „Fainros City“.
Fortos (unten links) – flache Küstenregion mit „Fortos City“.
Lumnos (links) – bewaldete Region mit „Lumnos City“, sowie mehreren bezeichneten Orten, darunter „Königspalast“, „Mortal City“ "Arena" und „Diems Haus“.
Die Ringstraße zieht sich durch alle Königreiche und wird durch eine Pünktchenlinie dargestellt.
Weitere kleine dekorative Elemente auf der Karte sind: herabfallende Blätter, sternenähnliche Symbole, und ein Mond-Zeichen in der rechten unteren Ecke.
Auf Seite 702/703 befindet sich eine Zusammenfassung vom ersten Band.
Für Nonbinäre Personen werden die Pronomen they/them verwendet.
Lumnos, Reich des Lichts und Schattens
Ein Licht, das brennt, wo Schatten wacht
Ihr blauer Blick herrscht Tag und Nacht
Fortos, Reich der Kraft und Tapferkeit
Mit Schwert und Auge, ganz in Rot
Sie bringen Heilung oder Tod
Faunos, Reich der Bestien und Ungeheuer
Ob Fell, ob Feder, Kralle, Huf
Es folgt der gelben Augen Ruf
Arboros, Reich der Wurzeln und Dornen
Natur zürnt, wenn ihr Moosblick trifft
Die schönsten Blumen bergen Gift
Ignios, Reich des Sandes und Feuers
In Geist und Blick ein Brand entfacht
Die Wüste birgt des Feuers Macht
Umbros, Reich der Ideen und Geheimnisse
Iriden schwarz, den Herzen gleich
Ein Kuss raubt dein Gedankenreich
Meros, Reich des Meeres und Himmels
Wie See ihr Blick, tut Stürme kund
Dein Grab liegt still am Meeresgrund
Sophos, Reich des Gedankens und Funkens
Der Weisheit Funke bringt das Licht
Tod blickt dir rosig ins Gesicht
Montios, Reich des Steins und Eises
Die Augen violett, wie Stein
Ihr Eis stimmt auf das Ende ein
Eine Halluzination.
Es musste eine Halluzination sein.
Das war die einzige Erklärung. Die Visionen, die ich ein Jahrzehnt lang so sorgsam unterdrückt hatte, waren wieder da, und ich allein war schuld daran.
Jahrelang hatte ich eine Medizin mit einer seltenen Substanz namens Flammwurz genommen, um die wilden, absolut unmöglichen Wahnvorstellungen zu bekämpfen, die ich als junges Mädchen hatte – Wahnvorstellungen, die mich glauben machten, ich könnte Dinge fühlen, könnte Dinge tun, die Mortals wie ich nicht fühlen und tun können sollten.
Bevor meine Mutter vor fast sieben Monaten spurlos verschwand, hatte sie – die beste Heilerin in Lumnos, dem Reich des Lichts und Schattens, einem der neun Reiche von Emarion – immer wie besessen darauf geachtet, dass ich meine tägliche Ration der Medizin einnahm. Sie warnte mich davor, dass die Visionen wiederkommen könnten, wenn ich die Einnahme auch nur einen einzigen Tag versäumte.
Na ja, ich hatte eindeutig mehr als einen Tag verpasst.
Es waren einige Wochen vergangen, seit ich meinen gesamten Vorrat des einzigartigen roten Pulvers ins Meer geworfen hatte, und zwar aus Gründen, die ich mir bis heute nicht erklären konnte.
Vielleicht lag es daran, dass meine Gefühle dadurch abstumpften und ich mich durch sie hohl und kalt fühlte, oder vielleicht wegen der geheimnisvollen schwarzäugigen Frau, die mich in einer dunklen Gasse in die Enge getrieben und gedrängt hatte, die Flammwurz nicht mehr zu nehmen, nachdem sie mir Geheimnisse verraten hatte, die meine Familie betrafen, und von denen sie unmöglich wissen konnte.
Damals hatte die Flammwurz alles repräsentiert, was ich an meinem Leben hasste – jeden Verlust, jedes Geheimnis, jede unsichtbare Fessel, die mich in meinem behüteten, alltäglichen Leben festhielt. Sie wegzuwerfen, gab mir ein Gefühl von Freiheit, wie ich es in meinem ganzen Leben noch nie erlebt hatte.
Aber jetzt, wo ich auf Händen und Knien in einem Kreis aus schwelendem, gerade erst verbranntem Gras vor dem Haus meiner Familie kniete und mein jüngerer Halbbruder Teller schockiert auf die Stelle direkt über meinem Kopf starrte, fühlte ich mich alles andere als frei. Und die Flammwurz, meine einzige Chance, Erlösung von diesem Wahnsinn zu finden, den ich so leichtsinnig heraufbeschworen hatte, lag nun auf dem Grund der Heiligen See.
Tellers Worte hallten in meinen Gedanken wider und Panik schnürte mir die Kehle zu.
Diem – du trägst die Krone. Du wurdest auserwählt. Du bist die neue Königin von Lumnos.
»Ich werde verrückt«, sagte ich rau. »Ich habe den Verstand verloren und es gibt nichts, was ich tun kann, um es aufzuhalten.«
»Du wirst nicht verrückt«, sagte Teller, obwohl sein Gesichtsausdruck alles andere als überzeugt war. »Ich kann die Krone sehen – sie schwebt direkt über dir.«
Ich griff nach oben, um sie herunterzureißen, meine Finger suchten nach Widerstand, aber ich ertastete nur kalte, leere Luft.
Tellers Gesicht wurde immer heller, als er auf mich zukam, erleuchtet von einem Licht, das nicht von dieser Welt stammte. Ich wirbelte herum und suchte den schattigen Wald mit Blicken ab. Ich suchte nach der Quelle des Lichts, bevor ich merkte, dass es von mir ausging – von der Stelle über meinem Kopf und vom silbernen Schimmern meiner Haut.
Eine weitere Halluzination.
Ein hoffnungsloses Wimmern entkam meinen Lippen.
»Ich werde Vater holen«, sagte Teller. »Wenn er sie auch sehen kann, dann …«
»Nein!«, rief ich. Unser Vater, Andrei, war bereits wütend auf mich. Der Streit, den wir hatten – oh, Götter, die schrecklichen Dinge, die ich zu ihm gesagt hatte …
Du bist nicht mein Vater!
Wo ist unsere Mutter? Warum hast du aufgehört, nach ihr zu suchen? Warum hast du ihren Verlust nicht betrauert?
Vielleicht suchst du nicht mehr nach ihr, weil sie dir egal ist. Vielleicht bist du der wahre Grund, warum sie weg ist.
Ich bedauerte jedes einzelne Wort.
Obwohl er nicht mein leiblicher Vater war, hatte Andrei die Rolle mit Hingabe übernommen und ausgefüllt. Seine Liebe zu mir und meiner Mutter war unbestreitbar und obwohl ich nicht wirklich glaubte, dass er bei ihrem Verschwinden eine Rolle gespielt hatte, hatte meine Frustration über die nicht enden wollenden Geheimnisse in meiner Familie mein Temperament zum Ausrasten gebracht.
Gut möglich, dass er mir meine Grausamkeit niemals würde verzeihen können. Wenn er herausfand, dass ich ihn auch wegen der Flammwurz belogen hatte …
»Sag es ihm noch nicht«, flehte ich. »Bitte, Teller.«
»Wir müssen es jemandem sagen. Wenn das wirklich die Krone von Lumnos ist, bedeutet das, der König ist tot, und du musst …« Er schüttelte den Kopf, unfähig, die Worte herauszubringen.
Nein.
Das war alles Teil der Halluzination. So musste es sein. Vielleicht war Teller gar nicht hier. Vielleicht redete ich gerade mit mir selbst, verloren in meinem eigenen Wahnsinn. Mein Blick richtete sich auf das sumpfige Ufer, das sich vor dem Land unserer Familie erstreckte, auf genau die Stelle, an der ich die Fläschchen mit der Flammwurz ins Meer geschleudert hatte. Die Strömung war dort sehr stark, aber vielleicht …
Ich sprang auf die Füße und taumelte zum Ufer, zog mir dabei fahrig die Stiefel aus und legte meine Waffen beiseite. Ich trug noch immer Prinz Luthers Tunika und die gepanzerte Hosen, die zur Uniform der Königlichen Garde gehörten, die seine Cousine mir angezogen hatte, nachdem meine eigene Kleidung durch das Feuer in der Waffenkammer verbrannt war. Der Stoff saugte das eiskalte Wasser auf, wie ein Schwamm, der auf meiner Haut klebte und mich schwerer machte, sodass ich nur mühselig über den schlammigen Meeresboden komme.
»Bei den Flammen, Diem, was tust du da?«, protestierte Teller. »Komm zurück, das Wasser ist so kalt wie die Gletscher der Hölle.«
Ich antwortete nicht, war zu sehr auf meine Suche konzentriert. Ich tauchte unter und versuchte, irgendwo eine Spur der Gläser zu entdecken, aber das Wasser war zu trübe, um mehr als nur dreißig Zentimeter in die schlammigen Tiefen zu blicken.
Ich kam nach Luft schnappend wieder an die Oberfläche und entdeckte mein eigenes Spiegelbild darauf. Trotz der kleinen Wellen konnte ich sie über mir sehen, ihre verstreuten Lichtpunkte glitzerten wie Edelsteine.
Die Krone von Lumnos.
Nein, sagte ich mir selbst. Nicht die Krone – nur meine Einbildung. Meinen Wahnsinn.
Eine neue Welle des Schreckens ließ mich tiefer ins Wasser waten und ich begann, hektisch den Meeresboden zu durchpflügen.
»Diem, komm zurück ans Ufer«, rief Teller. »Wir überlegen uns etwas.«
»Ich kann nicht«, schrie ich zurück. »Ich kann nicht. Ich … ich muss …«
»Komm zurück oder ich hole Vater.«
»Nein!« Ich wirbelte herum und sah die Panik in Tellers karamellbraunen Augen. »Bitte, Diem«, flehte er. »Du machst mir Angst.«
»Die Flammwurz … Ich habe sie schon vor ein paar Wochen hier weggeworfen. Ich war wütend, und ich …« Ich watete weiter in das tintenschwarze Meer. »Ich muss sie finden. Ich kann das alles aufhalten, aber dafür muss ich sie wiederfinden.«
Der Gesichtsausdruck meines Bruders veränderte sich zu etwas, das wie Mitleid aussah, und seine Stimme wurde leiser. »Die Flammwurz wird es nicht aufhalten, D. Die Krone ist echt.«
»Nein«, krächzte ich und eine unsichtbare Schlinge zog sich um meinen Hals zusammen.
»Weißt du noch, als wir klein waren?«, fragt er sanft. »Damals hattest du solche Angst, dass die Flammwurz nicht funktionieren würde. Ich musste dir versprechen, dass ich es dir sage, falls dein Verstand sich langsam auflöst, und ich habe dir geschworen, dass ich das tun werde. Erinnerst du dich?«
Ich schaffte es zu nicken.
»Du musst mir vertrauen. Ich schwöre dir, bei meinem Leben, dass du dir das nicht einbildest. Ich weiß nicht, wie in den neun Reichen das passieren konnte, aber dieses Pulver wird das nicht verschwinden lassen.«
Sein Ton war so ernst, dass ich ihm vielleicht geglaubt hätte, wenn ich ihm zugehört hätte. Aber meine Aufmerksamkeit hatte sich verlagert – auf das dunkelhaarige, blauäugige, hübsch gekleidete Descended-Mädchen, das hinter ihm stand und einen Strauß weißer Rosen in den Händen hielt, deren Blütenblätter in leuchtendes Mondlicht getaucht zu sein schienen.
Die Blumen fielen zu Boden. »Gesegnete Kindred, du … du bist …«
Teller stolperte rückwärts. »Lily! Was macht Ihr denn hier?«
Ihr Blick fixierte mich – genauer gesagt, den Punkt über meinem Kopf. »Diem sagte, ich könnte zum Abendessen vorbeikommen, und ich dachte …« Sie schlug sich die Hände vor den Mund. »Ist … ist sie echt? Bist du …?«
Lilys unerwartetes Auftauchen riss mich aus meiner Benommenheit. Ich watete zurück zum Ufer und versuchte, die richtigen Worte zu finden, um ihr zu sagen, dass das nicht echt sein konnte, aus tausend verschiedenen Gründen nicht, aber die Worte wollten einfach nicht herauskommen. Im Moment war das Konzept echt viel zu kompliziert.
»Das bedeutet, dass unser König tot ist«, murmelte Lily. Sie sank auf ihre Knie und presste sich eine Faust aufs Herz. »Lang lebe unsere Königin.«
»Bitte, nicht«, protestierte ich und versuchte, das Wasser aus meinen durchnässten Kleidern zu wringen. »Ich bin nicht Eure Königin.«
Tellers Blicke huschten zwischen uns hin und her. Langsam sank er auf die Knie. »Lang lebe …«
»Oh, hör auf«, zischte ich, packte ihn am Arm und zog ihn wieder auf die Füße. »Nicht du auch noch.«
Lily senkte ihren Kopf. »Die Gesegnete Mutter Lumnos hat Euch erwählt.«
»Dann hat sie einen Fehler gemacht. Ich kann nicht die – würdet Ihr bitte aufstehen? – ich kann nicht die Königin sein. Ich bin nur eine Mortal.«
Während meiner Kindheit in der Armut von Mortal City wuchs ich isoliert von der luxuriösen Welt der Descended auf, den Nachkommen der neun Geschwistergötter und -göttinnen, bekannt als die Kindred, die vor langer Zeit unsere sterbliche Heimat kolonisierten. Ich wusste sehr wenig über die Regeln der königlichen Familie, aber so viel wusste ich: Wenn ein Monarch starb, ging sein Thron auf den mächtigsten Descended über. Nur diejenigen, in deren Adern das Blut von Lumnos floss, hatten jemals das Recht besessen, die Krone zu tragen.
Bis heute.
Lily erhob sich, ihr Gesicht leuchtete noch immer vor Ehrfurcht. »Vielleicht hat sie beschlossen, dass es an der Zeit für eine regierende Mortal ist.«
»Kam das schon einmal vor?«, wollte ich wissen.
Sie schüttelte den Kopf. »Keines der neun Reiche hatte jemals eine Mortal Crown. Aber man sagt, die Gesegnete Mutter Lumnos kann in die Zukunft sehen. Vielleicht glaubt sie, dass eine Veränderung nötig ist.«
»Oder vielleicht bist du keine Mortal«, sagte Teller leise.
Mein Blick richtete sich auf meinen Bruder. »Wie kannst du das sagen? Sehe ich etwa wie eine Descended für dich aus?«
Er fuhr sich mit einer Hand über den Nacken und musterte mich von Kopf bis Fuß, als würde er mich zum ersten Mal sehen. »Du bist groß, so wie sie. Du warst schon immer stark. Ich habe dich nicht mehr aus einer Wunde bluten sehen, seit …« Er versteifte sich. »Seit deine Visionen begonnen haben.«
»Natürlich hast du das«, widersprach ich, obwohl meine Gedanken durch ein Netz von Erinnerungen stolperten und mir auch keine Gelegenheit einfallen wollte, an der ich geblutet hätte.
Nur einmal – vor Wochen, im königlichen Palast, als eine Descended-Wache meine Kehle mit seiner Klinge angeritzt hatte. Aber das Messer war aus fortosianischem Stahl gefertigt gewesen, einem der wenigen Materialien, die in das Fleisch der Descended schneiden konnten. Ihre fast undurchdringliche Haut und ihre Fähigkeit, sich schnell zu heilen und Magie zu wirken, manifestierten sich bei den Descended bereits während ihrer Pubertät – die Zeit, in der auch meine Visionen das erste Mal erschienen waren.
Meine letzte Begegnung mit Prinz Luther spielte sich in meinem Kopf ab, ich sah seine eindringlichen blaugrauen Augen vor mir, die mich durch die blutigen Handabdrücke hindurch betrachteten, die ich auf seiner Haut hinterlassen hatte.
Ich weiß, dass Ihr meine Macht spürt. Weil ich Eure auch spüren kann. Ihr seid nicht sterblicher als ich es bin.
Nein. Nein, nein, nein, nein.
Ich musste eine Mortal sein. Meine Mutter musste gewusst haben, ob der Mann, der mich gezeugt hatte, ein Descended gewesen war, und so etwas hätte sie nie vor mir verheimlicht.
Oder doch?
»Was ist mit Euren Augen?«, fragte Lily und verengte ihre eigenen, suchte nach dem verräterischem Blau, das mich als Lumnos’ Nachfahrin ausweisen würde, im Gegensatz zum Braun der Mortals. »Das ist mir vorher nie aufgefallen. Sind sie …?«
»Grau«, antwortete ich. »Nicht wie die der Mortals oder der Descended. Aber ich wurde mit braunen Augen geboren. Sie haben sich verändert, als ich …«
Lilys Aufkeuchen ließ mich innehalten. »Grau? Eure Augen sind grau?«
»Warum? Hat das etwas zu bedeuten?«
»Zeigt sie mir«, drängte sie mich.
Meine Schultern spannten sich an. Ich hatte schon vor langer Zeit gelernt, mich vor der Aufmerksamkeit in Acht zu nehmen, die meine ungewöhnliche Augenfarbe auf sich zog. Die Existenz von Mischlingskindern, die sowohl einen Mortal- als auch einen Descended-Elternteil hatten, war per Gesetz verboten und jedes blauäugige Kind, das keine reinblütige Abstammung nachweisen konnte, wurde sofort hingerichtet.
Ein guter Grund für deine Mutter, dir zu verschweigen, was du wirklich bist, rief mir mein Gewissen ins Gedächtnis.
Lily stieß einen erstickten Schrei aus, als sie meine rauchfarbenen Iriden sah. Sie taumelte zurück und drehte sich dann um, als wolle sie fliehen. »Ich muss gehen. Das muss ich Luther sagen. Er …«
»Nein!« Ich sprang auf sie zu und packte sie an den Schultern. »Lily, Ihr dürft Eurem Bruder nichts verraten. Ihr müsst mir versprechen, dass Ihr kein Wort darüber verliert.«
»Ihr versteht nicht. Luther kann Euch helfen. Er hat gesehen, wie …«
»Ich will seine Hilfe nicht«, fauchte ich etwas zu barsch. Ich bedauerte die Verletzung, die über ihr Gesicht huschte, aber das war etwas, in dem Lily und ich nie einer Meinung sein würden.
Ihr Bruder war nach dem König der Anwärter auf den Thron gewesen, war schon von klein auf darauf vorbereitet worden, den Thron bereits als junger Mann zu besteigen. Seine Magie war so stark, dass niemand auch nur die Möglichkeit eines zweiten Anwärters in Betracht gezogen hatte. Luthers Name hätte genauso gut bereits auf der Krone eingraviert sein können.
Außerdem hatte ich erst vor ein paar Stunden seine Kehle mit einer Klinge angeritzt, als wir versucht haben, uns gegenseitig umzubringen – neben anderen zutiefst beunruhigenden Dingen –, und darum hatte ich es nicht eilig, ihm zu sagen, dass die Krone jetzt mir gehörte.
»Er darf nichts davon erfahren«, sagte ich. »Niemand darf das. Zumindest jetzt noch nicht. Bitte, Lily, ich flehe Euch an.«
»Aber Ihr seid unsere Königin«, flüsterte sie mit verletztem Gesichtsausdruck.
Ich packte sie fester. »Wenn ich Eure Königin bin, dann müsst Ihr gehorchen, richtig? Ihr müsst tun, was ich befehle?«
Sie biss sich auf die Unterlippe und nickte.
»Dann befehle ich Euch als Eure Königin, niemandem etwas davon zu erzählen. Vor allem nicht Prinz Luther.«
Sie stieß ein Wimmern aus, als sie merkte, dass ihr kein Ausweg blieb.
»Aber jeder wird es in dem Moment wissen, in dem er dich ansieht«, sagte Teller und deutete auf die Krone.
»Es muss einen Weg geben, sie zu verbergen oder abzunehmen.« Hoffnungsvoll sah ich Lily an. »Nicht wahr?«
»König Ulther trug sie nur zu besonderen Anlässen«, erwiderte sie, hielt dann aber kurz inne. »Aber vielleicht kann sie nicht abgenommen werden, bis Ihr nicht den Ritus vollzogen habt.«
»Sie meint den Krönungsritus. Es ist ein Ritual, das auf Coeurîle abgehalten wird«, erklärte er und deutete über die Heilige See zu der verbotenen Insel in ihrer Mitte. Ich war noch nie zuvor so dankbar gewesen wie heute, dass mein Bruder der einzige Mortal war, der Lumnos’ prestigeträchtige Descended-Schule besuchen durfte und dadurch bestens mit ihren arkanen Traditionen vertraut war.
»Wann findet das statt?«, fragte ich.
»Nach der Zeit der Herausforderung. Innerhalb von dreißig Tagen kann jeder Descended im Reich die neue Crown herausfordern, wenn er glaubt, dass diese Person …«, er warf mir einen mitfühlenden Blick zu, »… der Krone nicht würdig ist.«
»Gut.« Ich lachte kurz auf und die Anspannung fiel von mir ab »Das ist sogar perfekt. Luther kann mich herausfordern. Ihr Götter, ich werde sie ihm einfach geben. Von mir aus können Sie mich alle für unwürdig erachten.«
Teller und Lily tauschten einen düsteren Blick.
»So einfach ist das nicht«, sagte er langsam. »Wenn jemand die Herausforderung ausspricht, müssen beide so lange miteinander kämpfen, bis entweder der Herausforderer oder die Crown tot ist.« Teller sah aus, als würde ihm gleich schlecht werden. »Es ist ein Kampf auf Leben und Tod, D.«
»Es wird doch sicherlich noch einen anderen Weg geben …« Das Entsetzen auf dem Gesicht meines Bruders brachte mich zum Verstummen.
Meine Welt begann um mich herum zu zerbrechen. Wenn das alles stimmte, war das Leben, wie ich es kannte, vorbei. Die Mortals, mit ihrem berechtigten Misstrauen gegenüber den Descended, und ihr unverhohlener Hass auf den Adel würden mich aus dem Dorf vertreiben. Würde ich überhaupt lange genug überleben, um mit meinem Vater Frieden schließen zu können? Um meine vermisste Mutter finden zu können?
Und Henri. Oh, ihr Götter, Henri.
Meine Jugendliebe, der Mann, dessen Heiratsantrag ich noch immer unbeantwortet im Nacken spürte – und der Mann, der mich in den blutigen Schoß der Hüter der Everflame eingeführt hatte, den Rebellen der Mortals. Die Hüter hatten bewiesen, dass es nichts gab, was sie nicht tun würden, um die Descended zu vernichten. Wenn sie glaubten, ich sei eine von ihnen – und schlimmer noch, die Crown …
Ich begann unter dem Gewicht der ganzen Situation zusammenzubrechen. Vor einem Tag war ich noch ein unbedeutendes, sterbliches Mädchen gewesen, das ein unbedeutendes Leben geführt hatte, und jetzt war ich … was war ich überhaupt?
»Sag mir, dass das eine Halluzination ist«, flüsterte ich. »Sag mir, dass ich den Verstand verloren habe und das nur ein furchtbarer Traum ist.«
Tellers Arme legten sich um meine Schultern. »Was auch immer geschieht, du bist dabei nicht allein. Wir schaffen das, zusammen.«
Das raue Beben in seiner Stimme ließ mich fast auch noch das letzte bisschen Fassung verlieren. Dank seiner Ausbildung wusste er sehr viel besser als ich, was für Konsequenzen die Krone mit sich brachte. Wenn er schon so viel Angst hatte …
Scham durchströmte mich, kühlte die glühende Lava der Panik in mir. Ich war älter als Teller – ich sollte stark für ihn sein. Ihm versichern, dass alles gut wird. Mit seiner ruhigen, beständigen Art war er bereits seit dem Verschwinden unserer Mutter ein Fels in der Brandung gewesen. Ich konnte ihn nicht auch noch diese Last tragen lassen.
Ich atmete tief ein und drückte die Angst nieder, nieder, nieder, bis sie zu einer bleiernen Kugel wurde, die ich in die Schatten meines Herzens rollen konnte. Ich löste mich von Teller und legte ihm eine Handfläche auf die Wange. Das Licht der Krone erfüllte seine Augen mit einem strahlenden Glanz und brachte die Unsicherheit zum Vorschein, die er so tapfer zu verbergen suchte. »Morgen gehst du zu Vater und Henri. Sag ihnen, dass ich verreist bin, um einen Freund zu besuchen, und dass du nicht sicher bist, wann ich wieder zurückkomme.«
Er warf einen Blick in Richtung des Hauses unserer Familie. »Bist du sicher, dass wir es nicht gleich Vater erzählen sollten? Was, wenn Mutter ihm etwas gesagt hat, bevor sie …« Er brach ab.
»Noch nicht. Ich muss das erst für mich klären.«
Teller runzelte die Stirn, nickte aber. Ich sprach ein stilles Gebet des Dankes aus, weil ich einen solch treuen Bruder hatte – aber ob meine Gebete nun an die Kindred der Descended gerichtet waren oder die Alten Götter der Mortals, konnte ich nicht sagen.
»Wo sollen wir heute Nacht bleiben?«, wollte er wissen.
»Du bleibst hier. Ich möchte, dass du deine Schulbücher durchgehst. Finde so viel du kannst heraus über die Crown, den Krönungsritus, die Herausforderung – alles, das mir dabei helfen könnte, wie ich aus dieser Sache wieder herauskomme.«
»Was ist mit dir?«
Darauf hatte ich keine Antwort. Ich konnte nicht riskieren, von jemandem gesehen zu werden, bis ich gelernt hatte, dieses höllische Ding, das über meinem Kopf schwebte, zu verstecken.
»Da weiß ich was«, mischte Lily sich ein. »Es gibt eine Hütte im königlichen Jagdgebiet, nicht weit vom Palast. Keiner würde es wagen, sie ohne Erlaubnis der Crown zu benutzen, dort wird Euch also niemand stören. Außerdem seid Ihr ohnehin die wahre Besitzerin.« Sie zuckte mit den Schultern. »Alle königlichen Besitztümer gehören jetzt Euch.«
Mein Herz setzte einen Schlag aus bei der Vorstellung, dass all die Opulenz und der Überfluss, für den ich die Adligen einst verachtet hatte, nun mir gehörte. Wenn ich mir vorstellte, was ich mit all diesem Reichtum tun könnte – die Probleme, die ich lösen, die Menschen, denen ich helfen könnte …
Ich schüttelte den Kopf, um diese Gedanken zu vertreiben. Ich hatte nicht die Absicht, die Krone zu behalten, und hegte schon gar nicht den Wunsch, für sie gegen jemanden bis zum Tod zu kämpfen. Das alles war ein riesiger, unvorstellbarer Fehler. Ich brauchte nur noch etwas Zeit, um das zu beweisen.
Eine Stunde später fand ich mich allein in der königlichen Jagdhütte wieder, einem geräumigen Häuschen inmitten eines ruhigen Waldstücks. Das Innere war mit Holz verkleidet, was für eine warme Atmosphäre sorgte, und die Hütte war mit gemütlichen Möbeln und Tierfellen ausgestattet. Das Wohnzimmer roch schwach nach Tabak und Hickoryholz und an den Wänden hingen die ausgestopften Köpfe erlegter Tiere und Ölgemälde, auf denen Crowns vergangener Zeiten abgebildet waren.
Die Tür war mit einem Blutschloss gesichert, das sich nur mit »königlichem Blut, bereitwillig gegeben« öffnen ließ. Als ich mir in den Finger stach und ihn auf die glatte schwarze Scheibe drückte, fühlte sich das Klicken des Schlosses eher an, als würde sich eine Tür in meiner Seele öffnen, statt direkt vor meiner Nase.
Die Wahrheit war nicht mehr zu leugnen. Königliches Blut bedeutete mein Blut. Ich war tatsächlich die Königin – zumindest für den Moment.
Lily war bereits weg und hatte, trotz meiner Proteste, versprochen, mit Essen und trockener Kleidung zurückzukommen. Ihr plötzlicher Eifer, jedem meiner Wünsche nachzukommen, war verwirrend. Das unterschied sich sehr von der beiläufigen Verachtung, wenn nicht gar dem Hass, mit dem die meisten Mortals die Crown bedachten. Schätze, es war leichter, einen Thron zu respektieren, wenn man in dem Glauben erzogen wurde, dass der eigene geliebte Bruder ihn erben würde.
Ich hatte mich nicht getraut, sie zu fragen, wie Luther auf den Verlust der Krone reagieren würde, nachdem alle überzeugt davon gewesen waren, dass er sie bekommen würde. Ich fragte mich, ob sie dachte, er würde mich auf der Stelle töten oder doch erst auf die Herausforderung warten, um es standesgemäß zu tun.
Auch wenn er mir in letzter Zeit nicht mehr wie ein Feind vorkam. Er hatte mich aus einer eingestürzten Waffenkammer gezogen und mir damit das Leben gerettet. Und dann die Art, wie er mich angesehen hatte, als wir uns endgültig voneinander verabschiedeten, wie er mich geküsst hatte …
Ein Schauer lief mir über den Rücken.
Ich ging zu dem Herd aus massivem Stein und versuchte, mit meinen steifen, eiskalten Fingern ein Feuer zu machen. In diesen nassen Kleidern, die mir auf der Haut klebten, konnte mir unmöglich warm werden, egal, wie hoch die Flammen schlugen.
Ich zog mir die durchnässte Tunika über den Kopf und breitete sie neben dem Feuer aus, dann folgte der Rest meiner Sachen. Als ich die elegante Unterwäsche sah, die Luthers Cousine meinem ohnmächtigen Körper heute morgen angezogen hatte, entkam mir ein Schnauben. Die weinfarbene Spitze war mit Samtband eingefasst, und zwischen meinen Brüsten wurde das Ganze von einer Spange gehalten, die mit einem von Perlen umgebenen Saphir verziert war.
Wie könnte ich in eine Welt eintreten, in der sogar die Kleidungsstücke, die sie unter ihrer sonstigen Kleidung versteckten, mehr kosteten als alles, was ich je besessen hatte? Ich schlang mir eine Decke um die Schultern, warf einen frischen Holzscheit auf das Feuer und wirbelte damit eine Wolke aus Funken auf. Panik wallte plötzlich und schmerzhaft in mir auf, meine Muskeln spannten sich ruckartig an und ich war wieder in der Waffenkammer und hörte die schmerzerfüllten Schreie der Opfer. Die aufsteigenden Flammen schienen ihre Finger anklagend auf mich zu richten: Du warst das. Du hast sie getötet.
Meine Haut kribbelte noch immer von der Erinnerung an die glühende Asche, die auf mich herabgeregnet war, als das Gebäude zusammenbrach. Und doch … meine Haut hatte nicht die kleinste Wunde davongetragen. Auf mir gab es keine Spur von dem Feuer, das meine Kleider verbrannt hatte und wegen dem ich stundenlang bewusstlos gewesen war. Kein Mortal hätte das überleben sollen … aber wenn ich keine …
»Nein«, fauchte ich mich selbst zwischen zusammengebissenen Zähnen an. Ich schob diesen Gedanken beiseite, bevor er sich festsetzen konnte.
Die Erinnerung an das Inferno hatte die Kälte in meinem Körper endlich vertrieben, aber hinterließ eine unerträgliche Erschöpfung. Es fühlte sich an, als hätte ich während dieses furchtbaren Tages ein ganzes Leben gelebt. Ich war hoffnungslos verloren und wusste nicht, wo ich mit meiner Suche nach Antworten beginnen sollte.
»Wenn alles andere scheitert, bleib einfach in Bewegung«, sagte ich in das leere Zimmer hinein und wiederholte damit den Befehl, den mein Vater mir früher eingebläut hatte. »Wenn du nicht rennen kannst, dann lauf. Wenn du nicht laufen kannst, dann krieche.«
Seine Stimme erfüllte mein aufgewühltes Inneres. Wenn du in der Unterzahl bist oder dir alles zu viel wird oder alles verloren scheint, bleib einfach in Bewegung. Immer vorwärts, bis zum letzten Atemzug.
Mein Herz zog sich zusammen. Obwohl meine Wut über unseren Streit noch immer in mir kochte, schenkten seine Worte mir die dringend benötigte Klarheit. Ich konnte mich nicht für immer in dieser Hütte verstecken. Die Welt war keine umherstreifende Kreatur auf der Jagd, die irgendwann das Interesse verlor und wieder verschwand. Ich musste weitermachen, mehr darüber herausfinden, wer ich war und was es bedeutete, diese Krone zu tragen.
Königin oder nicht, ich war immer noch Diem Bellator – und eine Bellator floh nicht vor einer Herausforderung, nur weil sie Angst hatte. Draußen näherte sich das schwere getrappel von Hufen. Lily musste wieder zurück sein.
Kurz meldete sich mein schlechtes Gewissen, weil sie nachts unterwegs war, weil sie hoffte, damit meine Gunst zu gewinnen. Ich zog die Decke fester um meinen halbnackten Körper, ging zur Tür und riss sie auf, bevor sie klopfen konnte.
»Ehrlich, Lily, Ihr müsst wirklich nicht …«
Meine Stimme erstarb, als ich in Augen starrte, die so blass waren, dass sie fast silbern wirkten, und durch die sich eine gezackte Narbe wand.
Die Augen von Prinz Luther.
Lily hatte mich verraten.
Ich dachte, ich hätte Luthers feuriges Temperament schon einmal gesehen, aber das war nichts im Vergleich zu dem wütenden Mann, der mich jetzt gerade anstarrte.
Ich erkannte ihn kaum wieder. Sein Gesichtsausdruck war wild, die Augen weit aufgerissen und die Lippen blutleer. Seine Brust hob und senkte sich unter seinen flachen Atemzügen und jeder Muskel in seinem Körper war angespannt und zuckte. Er wirkte mehr wie ein Tier als der sonst immer so gelassene Prinz, den ich kennengelernt hatte. Das juwelenbesetzte Schwert, das er normalerweise auf dem Rücken trug, hatte er gezogen und hielt den Griff so fest umklammert, dass seine Knöchel bereits weiß wurden.
Er hatte offenbar nicht die Absicht, auf die Herausforderung zu warten, bevor er mein Blut vergoss.
Ich fluchte innerlich. Meine Mortal-Waffen waren nutzlos, konnten seine Descended-Haut nicht durchdringen, und die einzige Waffe, die mich retten könnte – die Klinge aus fortosianischem Stahl, ein Geschenk von Henris Freund Brecke –, war fort. Sie war in der Inbrunst unseres gestohlenen Kusses zu Luthers Füßen gefallen und dort vergessen worden.
Bei der Erinnerung daran begann mein Blut zu kochen.
Bänder aus Licht und Schatten, die Manifestation seiner Descended-Magie, wanden sich wie verschlungene Ranken um seine Arme. Die Narbe, die sein Gesicht in zwei Hälften spaltete, sah dunkler aus als je zuvor, ein Vorbote der Zerstörung, die er jederzeit entfesseln konnte.
Luther kam näher, trat in den Türrahmen. Ich musste meinen ganzen Mut zusammennehmen, um nicht zurückzuweichen.
Seltsamerweise begann etwas in meiner Brust zu schmerzen. Trotz der sehr unterschiedlichen Welten, aus denen wir kamen, und meinem Verdacht darüber, was für eine Rolle er beim Verschwinden meiner Mutter spielte, hatte ein naiver Teil von mir gespürt, wie sich zwischen uns ein unerklärliches Band gebildet hatte. Es war keine Freundschaft. Eher etwas … anderes.
Aber das Schwert in seiner Hand und seine glühend heiß pulsierende Aura zeigten deutlich, dass er nicht wegen so etwas wie Freundschaft hergekommen war.
Ich straffte die Schultern und reckte das Kinn, obwohl eisige Finger aus Angst über meine Haut krochen. Dann hatte ich eben Angst, aber ich würde eher sterben – und das vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes –, bevor ich vor Luther Corbois auf dem Boden kauern würde.
»Ich werde nicht kampflos untergehen«, warnte ich ihn. »Gebt mir wenigstens eine Klinge, um es fair zu machen – falls Ihr die Bedeutung dieses Wortes überhaupt kennt.«
Seine dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen und der harte Ausdruck auf seinem Gesicht wurde ein wenig weicher.
»Es ist wohl kaum meine Schuld, dass die Krone mich anstelle von Euch gewählt hat«, fuhr ich fort. »Sobald ich herausgefunden habe, wie ich sie wieder loswerden kann, könnt Ihr sie haben. Ich will nichts mit Euch oder Euresgleichen zu tun haben.«
Überraschung blitzte in seinem Gesicht auf. Ich fragte mich, ob ihm jemals die Möglichkeit in den Sinn gekommen war, dass jemand die Krone auch einfach ablehnen könnte.
Mein Blick wanderte misstrauisch zu seinem juwelenbesetzten Schwert. »Wenn Ihr mir keine Waffe geben wollt, dann tötet mich mit Magie. Ich weigere mich, durch das da zu sterben. Das wäre zu peinlich.«
Sein Blick folgte meinem. Er wurde stutzig und starrte auf seine eigene Klinge, als würde er sie jetzt erst bemerken.
»Wie lange wisst Ihr es schon?«, fragte er mit gefährlich sanfter Stimme. »Was Ihr seid. Was Ihr werden würdet.«
Mein Kiefer verkrampfte sich. »Ich habe es Euch schon gesagt. Ich bin nur eine Mortal. Ich habe nichts von alledem erwartet.«
»Es hat keinen Sinn zu lügen. Wir sind weit über den Punkt hinaus, an dem wir noch Geheimnisse voreinander haben können.«
Ich ließ die Decke fallen und stürmte vor, um den Abstand zwischen uns zu verringern. »Wie könnt Ihr es wagen, mich über Geheimnisse zu belehren?«, zischte ich. »Warum sagt Ihr mir nicht, was Ihr mit meiner Mutter gemacht habt?«
Er rührte keinen Muskel, betrachtete mich, und in seinen Augen konnte ich einen dunklen Gedanken sehen, während seine Blicke über meinen Körper wanderten.
»Meine Augen sind hier oben, Prinz«, schnauzte ich.
Er richtete seinen Blick wieder auf mich, seine Pupillen weiteten sich. Ich reckte abermals mein Kinn, deutete damit auf seine Waffe. »Und jetzt steckt dieses protzige Stück Blech weg, bevor ich es für Euch tue.«
Er starrte mich eine lange Minute schweigend an. Sein Kiefer spannte sich, als ringe er mit sich – vielleicht fragte er sich auch nur, welchen Körperteil er mir zuerst abschneiden sollte.
»Ist das der Grund, weswegen Ihr den König ermordet habt?«, fragte er schließlich. »Weil Ihr glaubt, ich hätte Eurer Mutter etwas angetan?«
»Den König ermordet?« Ich verschluckte mich fast an den Worten.
»Ihr wart allein mit ihm, bevor er starb.«
»Auf Euren Wunsch hin! Da war er schon kaum noch am Leben.«
»Die Wachen sagten, sie hätten einen Streit gehört. Es gab Anzeichen für einen Kampf.«
Ich sagte nichts. Ich versuchte immer noch, mir einen Reim auf meine bizarre letzte Begegnung mit dem König zu machen – seine überraschende Stärke, als er mich an seine Seite drückte, die Art und Weise, wie sein zerbrechlicher Körper in einem unheimlichen Licht erstrahlte.
Sie sagten, du würdest zu mir kommen, hatte er gesagt. Sie sagten, dein Blut würde unseren Stein zerschmettern und unsere Grenzen verwüsten. Verschlinger der Crowns. Verwüster der Reiche. Herold der Rache.
Besser, ich behielt diese kleine Interaktion für mich.
»Was ist mit meinem Onkel passiert?«, fragte Luther mich.
»Nichts«, murmelte ich.
»Hat er mit Euch gesprochen?«
»Das geht Euch nichts an.«
»Sagt es mir«, knurrte er.
Ich stemmte eine Hand in die Hüfte und erwiderte wütend seinen Blick. »Erst wenn Ihr mir verratet, wo meine Mutter ist.«
Er bemerkte meine Bewegung offensichtlich, denn seine Blick glitt zu der entblößten Haut meiner Taille.
Seine Nasenflügel blähten sich. »Hatte sie auch etwas damit zu tun? Ich wusste, dass ihr beide etwas geplant habt. Euer seltsames Verhalten im Palast, wie Ihr mit mir geflirtet habt, um mich abzulenken …«
»Mit Euch geflirtet?«, rief ich. »Mit Euch geflirtet? Wenn ich mich recht erinnere, Luther Corbois, wart Ihr schon immer derjenige, der die Finger nicht von mir lassen konnte.« Er öffnete den Mund, um zu antworten. Ich brachte ihn mit meinem Finger zum Schweigen, den ich ihm fest gegen die Brust stieß, und Hitze stieg mir in die Wangen. »Ich würde nicht mit Euch flirten, selbst wenn Ihr der letzte lebende Mann auf diesem elenden verfluchten Kontinent wärt.«
In seinen schieferblauen Augen sprühten Funken.
Lügnerin, schienen sie zu sagen.
Es war eine Patt-Situation. Während ich meine ganze Kraft darauf verwandte, meinen finsteren Blick aufrechtzuerhalten, schien Luther in der Betrachtung meines Gesichts verloren zu sein, als wären darin die Antworten versteckt, und er könnte sie dort finden. Seine Hand hob sich, kam auf mich zu. Ich zuckte zurück und er hielt inne, seine Finger krümmten sich und seine Hand … sackte einfach herab.
Sein Blick wanderte nach oben und betrachtete die substanzlose Krone. Der Anblick schien ihn zu beruhigen. Während sich sein Atem beruhigte, veränderte sich etwas in dem Ausdruck auf seinem Gesicht, was ich nicht einordnen konnte. »Ihr und Eure Mutter habt nichts mit dem Tod des Königs zu tun? Gebt Ihr mir Euer Wort darauf?«
»Nicht, dass ich Euch eine Erklärung schuldig wäre«, fauchte ich, »aber ja, ich habe nichts damit zu tun. Ich schwöre es. Und falls meine Mutter etwas damit zu tun hatte, weiß ich nichts davon.«
Er musterte mich abschätzend, trat dann einen Schritt zurück und schob sein Schwert wieder in die Scheide zurück. »Zieht Euch an. Ich werde Euch zum Palast bringen.«
»Tut mir leid, das muss ich ablehnen«, erwiderte ich trocken.
»Habt Ihr vor, über ganz Lumnos von einer Hütte im Wald aus zu herrschen?«
»Ich habe nicht vor, über irgendetwas zu herrschen. Ich habe Euch bereits gesagt, ich will Eure Krone nicht. Sobald ich einen Weg gefunden habe, sie loszuwerden, könnt Ihr und Eure Freunde euch darum streiten.«
Er runzelte die Stirn. »Der einzige Weg, die Krone weiterzugeben, ist der Tod.«
»Das werden wir noch sehen«, murmelte ich, schnappte mir meine Decke vom Boden und zog mich in die Hütte zurück. Ich schlich mich zurück zum Kamin und schnappte mir meine feuchten Kleider. Luther räusperte sich und wandte sich unbeholfen ab, während ich mich anzog, und ich verspürte so etwas wie Triumph, weil ich es schaffte, ihn so aus dem Konzept zu bringen.
»Selbst wenn Ihr darauf besteht, hier zu bleiben, werden sie Euch finden«, sagte er über seine Schulter hinweg. »Der Gryvern der Crown ist jetzt an Euch gebunden und Sorae wird es nicht dulden, von Euch getrennt zu sein. Sobald ich in den Palast zurückkehre, wird sie Euch an mir riechen und der Fährte folgen. Meine Familie weiß, dass sie ihr dann nur nachreiten müssen.«
»Dann sollte ich Euch vielleicht töten, damit Ihr nie wieder dorthin zurückkehrt.«
Er antwortete sofort. »Sorae wird Euch dennoch finden. Die Macht der Crown ruft nach ihr.«
Ich dachte an die atemberaubende Kreatur, die ich bei meinen früheren Besuchen im Palast bereits gesehen hatte – das legendäre Tier mit dem Kopf eines Seedrachen, den Flügeln und Krallen eines Adlers und dem Körper eines Löwen. Ein solch unglaubliches Tier zu haben, das auf jeden meiner Befehle hörte …
»Wenn Ihr jetzt mitkommt«, sagte er, »dann tut Ihr das wenigstens zu Euren eigenen Bedingungen. Ihr müsst nur preisgeben, was Ihr auch preisgeben wollt. In unserer Welt gibt es keinen größeren Vorteil als das.«
Es gefiel mir nicht, aber ich musste zugeben, dass er recht hatte. Und ich hatte gerade noch mit mir selbst geschimpft, weil ich mich meinen Problemen endlich stellen sollte. Mit einem Seufzer, der fast ein Stöhnen war, schnallte ich mir meinen Schwertgürtel um die Taille, schlüpfte dann wieder in meine Stiefel und rümpfte die Nase. Wasser hatte sich darin zu einer Pfütze gesammelt und es spritzte hoch, als ich meine Füße in die Stiefel steckte. Dann trat ich wieder vor Luthers Augen und verschränkte die Arme. »Ich nehme an, Lily hat Euch verraten, dass ich hier bin?«
Er erwiderte meinen Blick, antwortete aber nicht.
Ich zog eine Augenbraue hoch. »Es war abgesprochen, dass sie wieder zu dieser Hütte zurückkommt. Ich werde nicht gehen, wenn die Möglichkeit besteht, dass ein junges Mädchen allein mitten in der Nacht an einer leeren Hütte ankommt.«
Sein Kiefermuskel spannte sich an. »Sie wird nicht herkommen.«
»Also hat sie mich betrogen«, brummte ich.
»Seid ihr nicht böse. Sie hat geglaubt, sie würde Euch helfen.«
»Warum? Weil Ihr Lily versprochen habt, dass Ihr es an ihrer Stelle tun würdet?« Ich schnaubte. »Und dann seid Ihr hier aufgetaucht, habt Euer Schwert geschwungen und mich des Mordes bezichtigt. Schon wieder.«
Wenn ich nicht sicher wäre, dass er zu solchen Gefühlen gar nicht fähig ist, hätte ich fast geglaubt, hinter dem kühlen Blick des Prinzen so etwas wie Schuld zu entdecken.
Ich schnappte mir meine Sachen und forderte ihn auf, das Feuer zu löschen. Eine Bewegung seines Handgelenks reichte aus, und ein dunkler Nebel bildete sich um die Feuerstelle und begann zu zischen. Als sich die Schatten wieder auflösten, blieb nur eine Rauchfahne, wo das Feuer gewesen war.
Ich konnte nicht anders – ich starrte ihn an. Früher hatte ich bereits erlebt, was für eine schreckliche Gewalt die Descended-Magie bewirken konnte, aber zu sehen, wie einfach er sie benutzte, wie beiläufig … Ich war mir nicht sicher, ob ich mich jemals daran gewöhnen würde.
»Das könntet Ihr auch«, sagte er, als er meine Ehrfurcht bemerkte. Mit dem Kopf deutete er in Richtung der rauchenden Glut. »Wenn die Krone Euch erwählt hat, übersteigt die Macht Eurer Magie die meine.«
»Ich besitze keine Magie.«
»Wie ich sehe, belügt Ihr Euch immer noch selbst.«
Mein wütender Blick war heiß genug, um ihn auf der Stelle in Flammen aufgehen zu lassen.
»Das tue ich nicht.«
»Unmöglich. Und Ihr würdet gut daran tun, das niemandem im Palast gegenüber zu erwähnen.«
Ich verdrehte die Augen, ging an ihm vorbei und schritt nach draußen in den Garten. Kühle Abendluft empfing mich und ich entdeckte ein Pferd, das an einem nahen Baum angebunden war.
Ein Pferd.
Nur ein Pferd.
Ich blieb ruckartig stehen. »Auf keinen Fall«, sagte ich und schüttelte den Kopf. »Ich werde mir nicht ein Pferd mit Euch teilen.«
»Es ist nur ein kurzer Ritt.«
»Dann werde ich laufen. Wobei, ich bin ja die Crown. Ihr könnt laufen.«
»Ihr habt die Königinnenrolle aber schnell übernommen, für jemanden, der behauptet, sie überhaupt nicht zu wollen.«
Ich funkelte ihn so böse an, wie ich nur konnte, und erwischte ihn dabei, wie seine Mundwinkel zuckten. War das … grinste er mich an? »Hättet Ihr nicht zwei Pferde mitnehmen können?«
»Ich hatte nicht erwartet, dass ich mehr als eines brauche.«
»Weil Ihr dachtet, dass ich nicht mitkommen würde, oder weil Ihr vorhattet, mich gleich zu töten?«
Er ging an mir vorbei, ohne zu antworten.
Das Pferd war ein riesiges Tier, sein Rücken überragte mich fast um einen ganzen Kopf. Es hatte glänzendes weißes Fell, das wie Sternenlicht im schwindenden Licht des Abends schimmerte. Die Perfektion wurde nur durch eine schwarze Strähne auf seinem Kopf getrübt.
Während ich diese schöne Kreatur bewunderte, zupfte etwas aus meinen Erinnerungen an meiner Aufmerksamkeit. Irgendetwas an ihm kam mir bekannt vor. Aber das war unmöglich – so ein Pferd hatte ich noch nie zuvor gesehen.
Sein Sattel war – wie zu erwarten – protzig, bestickt mit leuchtendbunten Mustern und durchgehend mit Edelsteinen besetzt. Eine karmesinrote Satteldecke aus gesteppter Seide war behängt mit Quasten aus kleinen Perlen und die Steigbügel waren aus massivem Gold gefertigt. Wie so viele von den Descended gefertigte Gegenstände war der Sattel atemberaubend schön – und so unpraktisch, dass er fast schon absurd war.
Ich schluckte meinen spöttischen Kommentar herunter, wenn auch nur, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, Luthers Hand böse anzusehen, die er mir reichte, um mir beim Aufsteigen zu helfen. Mit einiger Anstrengung und einem peinlichen Grunzen gelang es mir, mich auf den Sattel zu hieven.
Als seine Hand über meine Hüften strich, um sich an dem Sattelhorn aus Elfenbein zwischen meinen gespreizten Schenkeln festzuhalten, versteifte ich mich. In einer fließenden, anmutigen Bewegung schwang er sich aufs Pferd und glitt hinter mich. Durch die Krümmung des Sattels rutschte ich dadurch näher zu ihm, bis unsere Körper aneinandergepresst waren. Seine Arme glitten um meine Taille, um nach den Zügeln zu greifen, und als er sich nach vorne lehnte, schmiegte sich sein Kinn an meine Schläfe.
Sein mir vertrauter Duft überwältigte mich. Er hätte nach Reichtum riechen müssen. Er hätte nach exotischem Weihrauch und Gewürzen stinken müssen, die sich kein Mortal jemals leisten könnte, nach Zeichen seines privilegierten Status.
Stattdessen erinnerte sein berauschender Duft an Zedernholz, Moschus, Leder und Moos. Er roch wie der Wald – mein Lieblingsort auf der Welt, der einzige Ort, an dem ich mich wirklich lebendig fühlte.
Er roch nach zu Hause.
Dadurch hasste ich ihn nur noch mehr.
»Ihr zittert.«
»Es geht mir gut.«
Dennoch legte er seine Arme um mich, und ich schaffte es kaum, ein Stöhnen zu unterdrücken, denn die sengende Hitze seines Körpers drang durch meine durchnässte Kleidung und fühlte sich einfach viel zu gut an.
Er trieb das Pferd an und es trottete los. Unsere Körper schaukelten durch die Bewegung in einem gleichmäßigen Rhythmus und es war unmöglich, auch nur das kleinste bisschen Abstand zwischen uns zu bringen. Seine Hüften rieben sich unerbittlich gegen meine und er schien mich immer enger, enger, enger an sich zu ziehen, was es nur noch schlimmer machte. Ich spürte jedes Heben seiner Brust, wenn er atmete, hörte jeden donnernden Schlag seines Herzens, das rasend schnell schlug, sogar noch schneller als mein eigenes.
Ich fragte mich, ob er, wie ich, von den Erinnerungen an unsere letzte Begegnung geplagt wurde: seine Hände an meiner Taille und meine Klinge an seiner Kehle – und dann seine Lippen auf meinem Mund und meine Finger in seinem Haar.
Schuldgefühle durchfluteten mich, weil ich an Henri denken musste. Auch wenn wir offiziell nie umeinander geworben hatten, ließ sein Heiratsantrag keinen Zweifel daran, dass er glaubte, wir seien mehr als nur ein flüchtiges Liebespaar. Wenn er von diesem Kuss wüsste …
Andererseits war das wahrscheinlich die geringste unserer Sorgen. Keiner hasste die Descended mehr als Henri. Möglicherweise würde er auf die Knie fallen und den Alten Göttern danken, dass mein monströses Wesen ans Licht gekommen war, bevor er sich auf eine Ehe mit mir eingelassen hatte.
Heiße Tränen stachen mir in die Augen. Trotz der Kluft, die sich zwischen uns gebildet hatte, war ich nicht bereit, Henri zu verlieren – und schon gar nicht für eine Krone, die ich noch dazu auf keinen Fall behalten wollte.
Ich war dankbar für den Wind, der mir ins Gesicht peitschte und die Beweise für meinen Gefühlsausbruch trocknete. Jeder Bereich meines Lebens war eine einzige Katastrophe, aber ich war entschlossen, vor Luther und den Leuten, die mich am Ende dieses Ritts erwarteten, meine selbstbewusste Fassade aufrechtzuerhalten.
Das Pferd schlug einen Haken und Luthers Hand glitt tiefer und umfasste meine Hüfte, um mich festzuhalten. Angesichts des Gefühls, das seine Lippen, die über meine Ohrmuschel strichen, auslösten, kam ich gar nicht dazu, laut zu protestieren.
Der Weg wurde gerade und das Pferd begann zu galoppieren. Mein Haar wehte im Wind, kitzelte Luther im Gesicht und er schob es sanft hinter mein Ohr. Seine Finger verschwanden nicht sofort wieder, sondern verweilten auf meiner Haut, fuhren die Rundung meines Halses entlang. Diesmal konnte ich den Schauer, der meinen Rücken entlanglief, nicht auf die Kälte schieben.
Als wir schneller wurden, fiel mir etwas Glitzerndes in der Mähne des Pferdes auf; in das seidige Haar waren goldene Bänder geflochten. Die Erinnerung an ein Gespräch drängte sich an die Oberfläche meiner Gedanken.
Das größte Pferd, das ich je gesehen habe. Ich werde es nie vergessen. Weiß wie Schnee, mit einem schwarzen Fleck zwischen den Augen, und so groß wie ein Haus. Es hatte eine goldene Schleife in der Mähne. Und es war so schnell. Zu schnell für eine viel befahrene Straße wie diese.
Die Erkenntnis traf mich. Ich wusste, warum mir dieses Pferd bekannt vorkam. Ich hatte es noch nie gesehen, aber Henri schon.
Er hatte gesehen, wie das Pferd und sein grausamer Reiter einen sterblichen Jungen in Lumnos City zu Tode getrampelt hatten, eine Tragödie, die ihn dazu inspiriert hatte, sich dem Krieg der Hüter gegen die Descended anzuschließen.
Als ich ihm sagte, dass der Junge tot sei, saß er in all seinem Prunk da und betrachtete den Leichnam des Jungen, als wäre er ein Nichts. Er bürstete einfach den Staub von seinem Pferd und ritt davon.
Luther – es war Luther, den Henri gesehen hatte, Luther, der den Jungen ohne auch nur die kleinste Gefühlsregung einfach abgeschlachtet hatte.
Mein Blut kochte, war so heiß, dass es wahrscheinlich dampfte. Ich starrte die Hufe des Pferdes an, die unter mir über den Kies flogen – Hufe, die das Leben eines unschuldigen Kindes zertreten hatten.
Wie hatte ich auch nur einen Moment lang glauben können, dass dieser Mann nicht mein Feind war? Ich hatte die Rücksichtslosigkeit gesehen, die er seinen eigenen Wachen gegenüber zeigte, gesehen, wie leicht es ihm fiel, Blut zu vergießen, wenn jemand nicht seinen Befehlen gehorchte, und er hatte kein Geheimnis aus seiner Bewunderung für den verstorbenen König gemacht, einen Mann, der für unzählige Gräueltaten an Mortals verantwortlich war.
Ich war so dumm, so naiv, mich von seinem hübschen Gesicht direkt in seine tödlichen Hände locken zu lassen.
Er musste bezahlen.
Sie alle mussten bezahlen.
Vielleicht war ich zu voreilig gewesen, als ich die Krone ablehnen wollte. Was, wenn ich die Waage zwischen Unterdrückern und Unterdrückten ins Gleichgewicht bringen könnte? Ich könnte dafür sorgen, dass ihnen endlich Gerechtigkeit widerfuhr – Luther und dem Rest der Descended. Ich könnte sie leiden lassen, so wie mein Volk gelitten hat, und den Mortals endlich, endlich die Chance geben, das zurückzuerobern, was man uns vor so langer Zeit gestohlen hat.
Kalte Entschlossenheit breitete sich tief in meiner Seele aus. Ich hatte immer davon geträumt, in meinem Leben einmal etwas Großes zu schaffen, und das hier war meine Chance. Mein Schicksal rief mich, klar und unmissverständlich.
Überlebe die Herausforderung.
Schließe den Krönungsritus ab.
Und vernichte die Descended.
Luthers Pferd hatte kaum einen Huf auf den Mosaiksteinweg gesetzt, der zu den Palasttüren führte, da schwang ich das Bein bereits über den Sattel und sprang zu Boden.
Ich hielt es keine Sekunde länger aus, gegen den Körper dieses Mörders gepresst zu werden. Mit jedem Hufschlag hatte ich seinen Untergang geplant.
Er rief etwas, aber seine Worte verhallten ungehört, denn ich ging einfach weiter in Richtung des Eingangs. Meine Blicke waren auf den hohen Landesteg auf der Veranda des Gryverns gerichtet. Obwohl es leer und das Tier nirgendwo zu sehen war, konnte ich es irgendwie spüren. Der Herzschlag des Gryverns war eine Stimme, die meinen
Namen summte, obwohl er meilenweit entfernt war.
Die Macht der Krone ruft nach ihr, hatte Luther gesagt. Vielleicht rief mich die Kraft des Gryverns auch zu sich. »Komm, Sorae«, flüsterte ich. Die Worte schienen nicht aus meiner Kehle zu kommen, sondern aus einer neuen Art von Macht in mir, die ich noch erforschen musste.
Ein entferntes Heulen durchschnitt die kühle Nachtluft.
»Ich bin hier«, murmelte ich und suchte den obsidianfarbenen Himmel ab.
Sekunden später flog Sorae in Sichtweite und umkreiste den Palast in weiten, geschwungenen Bögen. Ihr schriller Schrei schallte über das Gelände wie eine Trompetenfanfare, die die Ankunft der Königin ankündigte. Das Schlagen ihrer mächtigen Flügel schien synchron zu meinem pochenden Herzen zu sein.
Jede Chance, unbemerkt zu bleiben, löste sich in Luft auf, als sich vor den Fenstern des Palastes eine Schar dunkler Gestalten sammelte, deren Silhouetten sich vor dem goldenen Licht aus dem Inneren des Gebäudes abzeichneten und bis auf den Boden vor dem Palast heraus erstreckten. Die königliche Familie hatte sich versammelt, um zuzusehen.
Gut.
»Komm, Sorae«, rief ich. Sie zu mir zu befehlen, fühlte sich erstaunlich natürlich an, als ob wir schon immer zusammengehört hätten, verbunden durch dieses uralte Band zwischen unser beider Seelen.
Ihre Flugbahn änderte sich. Sie schoss blitzschnell auf mich zu, landete dann in einer Staubwolke auf dem Boden, und die Steinplatten knirschten unter der Wucht ihres Körpers. Sie spreizte ihre Flügel weit, die dunklen Federn bebten, bis sie sie wieder eng an ihren schlanken Löwenkörper anlegte.
Sie krümmte den Hals und stieß einen ohrenbetäubenden Schrei aus. Die kleine Gruppe von Wachen, die sich vor dem Eingang versammelt hatte, wich erschrocken ein paar Schritte zurück.
In meinen Ohren glich ihr Schrei eher einem Schnurren. Der Klang besänftigte eine Wildheit in meiner Seele, war die Antwort auf eine Frage, von der ich nicht einmal wusste, dass ich sie gestellt hatte.
Ich schritt vorwärts, die Hand ausgestreckt.
Luther rief mir erneut etwas zu – vielleicht eine Warnung. Ich war mir sicher, der Gryvern würde mir nichts antun. Sorae würde sich eher selbst die Kehle aufreißen, bevor sie mir auch nur ein Haar krümmen würde. Ich hatte keine Ahnung, woher ich das wusste, aber ich war mir dessen so sicher wie meines eigenen Namens.
Soraes schmale Schnauze senkte sich, um meine Hand zu berühren. Ich lächelte, als sie mit einem leisen Trillern zeigte, dass sie mich erkannte.
»Du wusstest es, nicht wahr?« Ich strich mit den Fingerspitzen über die raue, zerklüftete Haut unter ihrem Kiefer. »Du wusstest, was aus mir werden würde, schon bevor der König gestorben ist.«
Sorae schnaufte einmal und blinzelte langsam mit ihren goldenen, reptilienartigen Augen.
Sie überragte mich, dennoch machte ich einen Schritt nach vorn und umfasste ihren riesigen Kiefer. Mit den Fingern strich ich über ihre dunklen Schuppen, ihren langen, mit Stacheln besetzten Hals hinunter, bis sie schließlich in ihren mit Fell bedeckten, mächtigen Körper übergingen. Ihre angespannten Muskeln zuckten unter meiner Berührung.
Sie stieß ihren Kopf gegen meine Hüfte, als wollte sie auf meine Berührung antworten, und drückte mich dicht an ihre Seite. Mit einem tiefen, grollenden Knurren richtete sie ihren Blick auf Luther und die Wachen.
Eine Warnung an alle, die dumm genug waren, ihre Königin zu bedrohen.
»Unglaublich«, lachte ich atemlos und konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. »Du bist … außergewöhnlich.«
Ich spürte die vollkommene Hingabe, die sie mir entgegenbrachte, die ich allein der Krone auf meinem Kopf zu verdanken hatte. Ich fragte mich, wie tief ihre Loyalität wohl reichte. Würde sie mich vor den gesamten Descended verteidigen? Vor den anderen Crowns – vor deren eigenen Gryvern?
Würde sie noch weiter gehen – würde sie in den Krieg ziehen, um die Mortals zu verteidigen, wenn ich sie darum bitten würde?
Sie musste meine Gedanken ebenso gespürt haben, wie ich ihre spüren konnte. Mit einem durchdringenden Schrei warf sie ihre rasiermesserscharfen Klauen in die Luft. Ja, sie würde mich verteidigen. Ja, sie würde in den Kampf ziehen. Ich musste nur rufen, und Sorae würde antworten.
Angesichts der ernüchternden Realität fuhr mir ein Schauer über den Rücken.
Ich sah Luther an und war überrascht, einen Ausdruck von Neugier und Erstaunen auf seinem Gesicht zu sehen. Als er aufwuchs, hatte er den Gryvern immer an der Seite seines Onkels erlebt, und hatte von ihr wie von einem schrulligen Haustier gesprochen. Es musste seltsam für ihn sein zu sehen, wie schnell sie sich der nächsten Herrscherin unterwarf.
Vielleicht wünschte er sich, er hätte mich noch in der Hütte umgebracht, als ich noch schutzlos gewesen war. Mit Sorae als meiner Beschützerin war es wesentlich schwieriger geworden, mich umzubringen.
Sie schnaubte als Antwort.
Ich lächelte und streichelte ihr Kinn, dann wandte ich mich dem Palast zu. Ich schlenderte in Richtung des Eingangs, das Kinn hoch erhoben, die Augen auf die Menge der Silhouetten gerichtet, die jede meiner Bewegungen verfolgten. Luther verfiel in einen Laufschritt, blieb mir jedoch immer dicht auf den Fersen, während er mich zum Foyer begleitete.
Die Wachen, die mich einst angegriffen hatten, weil ich es gewagt hatte, Waffen im Palast zu tragen, hielten jetzt großen Abstand zu mir. Sie mieden meinen Blick, schlugen sich stattdessen ihre Fäuste zum förmlichen Gruß gegen die Brust.
Ich ging weiter in das Innere des Palastes, bevor ich gezwungen war zuzugeben, dass ich nicht wusste, wo ich hinsollte. Luther hatte mich gebeten zu kommen und ich hatte widerstrebend zugestimmt. Aber was nun?
Ich wirbelte zu ihm herum, die Hände in die Hüften gestemmt. »Also gut, ich bin jetzt hier«, sagte ich.
Ein Hauch von Belustigung erwärmte seinen sonst so kalten Blick. »Das war ein toller Auftritt.«
Ich grinste. »Ich glaube, Sorae und ich werden gute Freunde werden.«
»Seid dennoch vorsichtig. Die Gryvern sind ihrer Crown gegenüber loyal, aber sie handeln auch aus eigenem Willen. Falls Ihr jemanden fürchtet oder ihn sogar absolut nicht leiden könnt, könnte es sein, dass sie demjenigen das Leben nimmt, nur um Euch zu gefallen.«
Ich schlenderte auf ihn zu und beugte mich vor, dicht an ihn heran. »Klingt, als wäre nicht ich diejenige, die vorsichtig sein sollte.«
Seine Augen funkelten bei meiner Drohung. »Ich habe Lily gebeten, die Familie im Obergeschoss zu versammeln. Ich nahm an, dass Ihr sie lieber alle auf einmal treffen wollt, aber wenn Ihr es vorzieht, die nächsten Tage damit zu verbringen, sie alle in Privataudienzen kennenzulernen …«
Ich würde lieber auf den Grund der Heiligen See sinken, als auch nur eines von beiden tun zu müssen. »Eine einmalige Einführung für alle reicht mir.«
Er nickte, dann zögerte er und sah mich an. »Dieses Treffen ist sehr wichtig, sowohl für Euch als auch für meine Familie. Wenn Ihr es wünscht, sage ich ihnen, dass wir das Treffen morgen abhalten, und ich kann Euch beraten, wie Ihr weiter verf…«
»Euer Rat ist unnötig.«
Sein Kiefermuskel spannte sich an. »Nun gut, aber vielleicht wollt Ihr vorher etwas schlafen, und Eure Kleider we…«
»Es geht mir gut«, fauchte ich.
Ich wusste, dass ich vorschnell handelte. Wenn irgendjemand in den neun Reichen mich gut beraten konnte, dann war es Luther. Es war seine Familie und er hatte sicher Jahre damit verbracht zu planen, wie eine neue Crown vorgehen musste, um ihre Macht zu sichern.
Aber ich konnte ihm nicht trauen.
Nicht in dieser Sache, und auch sonst nicht.
»Wie Ihr wünscht«, erwiderte er kühl. »Folgt mir.«
Wir liefen schweigend durch den Palast, bis wir zu einem Türbogen kamen. In dessen massive Eichentür war eine Abbildung von Sorae geschnitzt, der elegante Körper des Gryvern wand sich über das Holz. Ihre Krallen und Flügel waren ausgestreckt und gespreizt, das Maul hatte sie zu einem stummen Brüllen aufgerissen und die Reißzähne gefletscht.
Luthers Haltung veränderte sich und er wurde zu der imposanten Gestalt, als die man ihn sonst so oft sah – Schultern gestrafft, Wirbelsäule gerade, Kopf erhoben. Die plötzliche Veränderung überraschte mich, mir war nicht klar gewesen, wie entspannt er in meiner Gegenwart gewesen war.
Er blickte auf mich herab. »Bereit?«
Ich versuchte, seine Haltung unauffällig nachzuahmen, indem ich die Schultern zurücknahm und mein Kinn abwehrend hob.
Ich nickte. »Ich bin bereit.«
Er legte seine Hand auf die Tür, dann hielt er inne.
»Ihr habt das Leben meiner Schwester gerettet, und dafür schulde ich Euch mehr, als ich jemals zurückzahlen kann. Erlaubt mir daher, Euch einen Rat zu geben, der Euer Leben retten könnte, auch wenn Ihr ihn wahrscheinlich nicht annehmen werdet.« Er verstummte für einen Augenblick, und als er weitersprach, wurde seine Stimme eindringlicher. »Erzählt ihnen so wenig wie möglich – über Euch, Eure Pläne, Eure Magie. Und vor allem über Eure Mutter.«
Bevor ich etwas erwidern konnte, winkte er mit der Hand, und ineinander verflochtene Bänder aus Licht und Schatten wanden sich an der Tür entlang und stießen sie weit auf.
Ich holte tief Luft und trat vor, um meinen Thron in Anspruch zu nehmen.
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