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Fulminanter Auftakt der erfolgreichen Kindred´s Curse Saga von Penn Cole Wenn alte Geheimnisse in Flammen aufgehen, wird alles brennen. In einer sterblichen Welt, die von den Göttern kolonisiert und von ihren grausamen Nachkommen, den Descended, regiert wird, sehnt sich Diem Bellator danach, dem isolierten Leben ihres armen Dorfes zu entkommen. Das plötzliche Verschwinden ihrer Mutter - und die Entdeckung eines gefährlichen Geheimnisses über ihre Vergangenheit - bieten Diem eine unerwartete Gelegenheit, in die dunkle Welt der adeligen Descended einzutreten und das Netz der Rätsel zu entschlüsseln, das ihre Mutter hinterlassen hat. Mit dem attraktiven, geheimnisvollen Erben des sterbenden Königs, der jeden ihrer Schritte beobachtet, und einem rücksichtslosen sterblichen Bündnis, das sie rekrutiert, um sich dem wachsenden Bürgerkrieg anzuschließen, muss Diem die ungeschriebenen Regeln von Liebe, Macht und Politik navigieren, um ihre Familie - und alle Sterblichen - zu retten. Spark of the Everflame ist der erste Band in der Kindred's Curse Saga, einer vierteiligen epischen Fantasy-Reihe. Diese slowburn enemies-to-lovers Romantasy ist perfekt für Fans einzigartiger Magiesysteme, Drachen, romantischer Spannung und witziger Wortgefechte. #Slowburn #EnemiestoLovers #ShadowMMC #SassyDragon #StrongHeroine #WhoDidThisToYou #GrumpyLoveinterest #DemigodsVSMortals #FightagainstInjustice #FoundFamily
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Seitenzahl: 584
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Penn Cole
Die Kindred‘s Curse Saga
Spark of the Everflame
Glow of the Everflame
Heat of the Everflame
Burn of the Everflame
PENN COLE
BAND 1 DER KINDRED‘S CURSE SAGA
Romantic Fantasy Ins Deutsche übersetzt von Nina Bellem
Ausführliche Informationen über unsere Autorinnen und Autoren und ihre Bücher www.leaf-verlag.de
1. Auflage 2024
Originalausgabe:
Copyright © 2024 by LEAF Verlag, Bücherbüchse OHG, Siebenbürger Straße 15a, 82538 Geretsried, Deutschland
Copyright © 2024 by Penn Cole
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Textredaktion: Tino Falke, Übersetzung ins Deutsche: Nina Bellem
Coveranpassungen: Francis Eden, Kim Leopold
Coverillustration: Francis Eden
Innengestaltung: LEAF Verlag unter Verwendung von Motiven von © KatyaKatya, ©Penn Cole ©Francis Eden
Gesetzt aus der der Adobe Caslon, Satz: LEAF Verlag
ISBN 978-3-911244-23-7
Für alle, denen gesagt wurde,
dass sie ihren Funken dämpfen sollen,
und für all die Menschen, die sie genau dafür lieben,
dass sie ihren Funken so hell strahlen lassen.
PROLOG
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
KAPITEL 27
KAPITEL 28
KAPITEL 29
KAPITEL 30
KAPITEL 31
KAPITEL 32
EPILOG
DANKSAGUNGEN
Ob es ein Segen oder ein Fluch war, ist bis heute ein umstrittenes Thema.
Hätte ich den Mut gehabt, an jenem Tag in die dunkle Gasse zu treten und die Worte zu hören, die der gut aussehende, narbenübersäte Fremde meiner Mutter ins Ohr flüsterte, wäre vielleicht einer von uns – oder wir alle – sehr viel früher gestorben.
Vielleicht wären die Geheimnisse, die meine Mutter hütete, auch um meiner willen, für immer in der Erde Emarions begraben geblieben, und so viele Leben hätten niemals ihren Platz einnehmen müssen, wenn ich nur ein paar Minuten früher gekommen wäre, die Hand meiner Mutter genommen und sie überredet hätte, mir aus der Stadt zu folgen und den Waldweg hinunter zu unserem kleinen Haus im Sumpf zu gehen.
Nur eines ist sicher: Das Verschwinden meiner Mutter an jenem heißen, verfluchten Nachmittag setzte eine Kette von Ereignissen in Gang, die so unvorhersehbar und weitreichend waren, dass selbst die Götter nicht in der Lage waren, die Folgen vorherzusehen.
Und genau dort beginnt meine Geschichte.
Dank des toten Patienten, der betrunkenen Männer und der Blutsonne begann mein Tag nicht gerade vielversprechend. Ein Strom betrunkener Feiernder stolperte durch die staubigen Gassen von Mortal City, lallten und pfiffen mir nach – ein unwillkommener Refrain auf meinem Weg nach Hause. Obwohl ich einen großen Bogen um ihre wild grabschenden Hände machte, konnte ich den Blicken aus verhangenen rot geränderten Augen nicht ausweichen, die mir mit zu viel Interesse folgten.
Die Blutsonne war auch nicht gerade hilfreich. Im Morgengrauen hatte sich ein dichter Dunst über den Himmel gelegt, der die Stadt in ein unheimliches scharlachrotes Licht tauchte. Als die Sonne zum Mittag ihren Zenit erreichte, schien sie die frühsommerliche Hitze damit nur noch heißer, stickiger, wütender zu machen.
»Ich hasse solche Tage«, murmelte Maura.
Ich warf einen Blick auf die ältere kleine Frau mit dem geröteten Gesicht neben mir. Sie hielt inne und stützte sich auf ihrem Stock ab, während ihre honigbraunen Augen sich gen Himmel richteten. Ihre Mundwinkel verzogen sich, und sie runzelte die Stirn.
»Der Forging Day ist schon schlimm genug ohne diese höllische Hitze«, sagte sie.
Ich brummte zustimmend. Hitzigere Temperaturen brachten hitzigere Gemüter mit sich, und das bedeutete mehr Prügeleien, mehr Verletzungen und mehr Patienten.
»Das Zentrum der Heiler wird heute Abend ein Tollhaus sein«, sagte ich. »Ich kann mit dir zurückkommen, wenn du willst. Die Heilerlehrlinge wissen ein paar zusätzliche Hände sicherlich zu schätzen.«
»Deine Mutter und ich schaffen das schon allein. Geh nach Hause und ruh dich aus, du hattest eine harte Morgenschicht.«
Bei der Erinnerung daran zuckte ich zusammen.
Maura legte ihre vom Alter gezeichnete Hand auf meinen Unterarm und drückte ihn leicht. »Es war nicht deine Schuld, Diem.«
»Ich weiß«, log ich.
Ein Patient war während meiner Schicht gestorben.
Er war jung gewesen – viel jünger, als seine wettergegerbten Gesichtszüge hatten ahnen lassen, dazu Waise, jemand, den die Slums von Mortal City einfach verschluckt hatten. Er war kurz vor dem Verhungern gewesen, hatte darum versucht, eine gebratene Ente vom Wagen eines Händlers zu klauen, und dafür ein Messer zwischen die Rippen bekommen. Bei meinem Eintreffen hatte er schon zu viel Blut verloren, sein Atem ging röchelnd und klang feucht, weil seine Lunge kollabiert war.
Ich konnte nichts anderes tun, als seine Hand zu halten und leise die Abschiedsriten aufzusagen. Das Leben war aus seinen braunen Augen geschwunden, während die Ausgelassenheit um uns herum ungestört weiterging. Niemand hielt inne, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, nicht einmal, als ich mich damit abmühte, seinen Leichnam in den Wald zu schleppen, der unser Dorf umgab, damit er in Frieden verwesen konnte, auf ewig schlummernd unter einer Decke aus gefallenen Blättern, die ich später für ihn sammeln würde.
Die unnötige Grausamkeit seines Ablebens hatte meinen Zorn entfacht. Der Tod jedes Patienten lag mir schwer auf der Seele, aber dieser Junge war so jung gewesen, sein Tod so vermeidbar, dass ich nicht anders konnte, als das Gewicht seines Verlustes auf meinen Schultern zu spüren. Er hatte tief in mir einen Funken entzündet, einen Wunsch nach Gerechtigkeit, den ich nur mit Mühe ignorieren konnte.
»Seltsam, eine Blutsonne am Forging Day zu haben«, warf ich ein, begierig darauf, das Thema zu wechseln. Ich strich mir eine Strähne meines weißen Haares hinter mein Ohr. Der unnatürliche Farbton fiel immer auf, mehr noch, da er sich deutlich von der dunklen Bräune meiner von der sonnenverwöhnten Haut abhob. Mein Blick richtete sich auf die karminrote Kugel, die auf uns herabstarrte. »Fühlt sich an wie ein schlechtes Omen.«
In den alten Religionen der Mortals galt eine Blutsonne als Warnung der Götter, als Vorbote großer Veränderungen. Vor einigen Generationen erschien eine Blutsonne am Vorabend eines Bürgerkriegs – ein Konflikt, den wir heute ihr zu Ehren den Blutkrieg nannten –, was ihren unheilvollen Ruf noch verstärkte. Ihr erneutes Auftauchen, und noch dazu am Forging Day, gab einen Anlass für Spekulationen.
»Unsinn«, sagte Maura und wedelte mit der Hand. »Ein alberner Aberglaube, nichts weiter. Wir hatten vor zwei Jahrzehnten auch eine, und es ist nichts Schlimmes geschehen.«
»Mein lieber kleiner Bruder würde dir womöglich widersprechen«, erwiderte ich. »Diese Blutsonne war der Tag meiner Geburt.«
Ihre Augenbrauen hoben sich. »Wirklich?«
Ich nickte. »Seine größte Freude ist es, mich bei jeder Gelegenheit daran zu erinnern.«
Selbst die Götter wussten, dass du eine Nervensäge sein würdest, sagte Teller immer grinsend, bevor er sich schnell vor mir in Sicherheit brachte.
Ich lächelte bei der Erinnerung, doch ein wachsendes Unbehagen begann, in meine Gedanken zu kriechen. Selbst Maura konnte die tiefe Falte auf ihrer Stirn nicht verbergen, als sie meinem Blick zum Himmel folgte, und das, obwohl sie gerade noch so gleichgültig getan hatte.
»Haben du und Henri etwas Besonderes zur Feier des Tages geplant?«, fragte sie.
Röte breitete sich auf meinen Wangen aus. Henri war mein ältester und liebster Freund – und in letzter Zeit war er sogar mehr geworden.
»Er weigert sich aus Prinzip, den Forging Day zu feiern«, antwortete ich und seufzte. »Er sagt, es sei der deprimierendste Tag des Jahres.«
»Ein junger Mann, der die Chance ausschlägt, sich mit kostenlosem Wein zu betrinken und ohne Konsequenzen in der Stadt herumzutanzen, ist selten.«
»Glaube mir, Maura, wenn der Wein von Mortals gemacht wäre, wäre Henri einer der Ersten, die herumtanzen. Er würde in ganz Mortal City herumtanzen. Er würde im Gebüsch herumtanzen, in den Hinterhöfen, er würde auf seinen Kleidern herumtanzen …«
Sie schnaubte leise. »Er hat etwas gegen den Wein der Descended?«
»Er hat etwas gegen die Descended.«
»Das erklärt zumindest, warum er den Forging Day deprimierend findet.«
»Ganz genau.«
Obwohl der Forging Day unser ausgelassenster Feiertag war, war er nicht unbedingt der liebste Tag der meisten Mortals. Vor vielen Jahrtausenden schlossen an diesem Tag neun unsterbliche Geschwister, die als die Kindred bekannt sind, einen magischen Pakt – die Verschmelzung –, nachdem sie nach der gewaltsamen Zerstörung ihrer eigenen Welt Zuflucht in unserer Welt gesucht hatten. Jeder der Kindred verliebte sich in ein Mitglied unserer Nation Emarion. Anstatt zuzusehen, wie ihre Geliebten im Alter verkümmern und starben, erklärten sich die Kindred bereit, ihre ewige Jugend aufzugeben und ihr Leben an ihre sterblichen Geliebten zu binden.
Durch den Verschmelzungszauber wurde Emarion in neun Reiche aufgeteilt, von denen jedes nach einem der Kindred benannt wurde und bis heute mit der jeweiligen Magie des Schutzgottes oder der Schutzgöttin durchdrungen ist.
Die Kindred nahmen sich vor, dass die Sprösslinge ihrer Vereinigung, die Wesen, die wir heute die Descended nennen, über diese Reiche herrschen und eine Ära des Friedens und des Wohlstands einleiten sollten, in der beide Gruppen in Harmonie zusammenleben. Der Forging Day sollte uns Sterbliche und Descended gleichermaßen an dieses hehre Ziel erinnern.
Wie so oft, wenn Eltern sich Hoffnungen für ihre Kinder machen, verlief die Sache nicht ganz nach Plan.
»Ich frage mich, wie die Descended wohl feiern«, sinnierte ich und ließ meinen Blick über die Dächer schweifen. In der Ferne konnte ich gerade noch schwach die schimmernden Umrisse der imposanten Türme des Königspalastes ausmachen.
»Meine Cousine arbeitet in einem der prächtigen Häuser dort und sagt, es sei eine wahre Augenweide. Den Tag verbringt man damit, Wimpel im Wind flattern zu lassen und Früchte in den Wildblumenfeldern zu naschen, und abends tanzt man in prächtigen Kleidern und mit Juwelen geschmückt auf dem Verschmelzungsball. Büfetts, so weit das Auge reicht, und Musiker, die von der Dämmerung bis zum Morgengrauen spielen.«
»Klingt irgendwie passend«, sagte ich. »Es ist schließlich ihr Tag.«
Der Tag, an dem die Kontrolle über unsere Welt auf sie überging, als eines von vielen Geschenken, die ihre göttlichen Vorfahren ihnen vermacht hatten. Unsere sterblichen Vorfahren waren nicht ganz so großzügig zu uns gewesen.
»Es ist beschämend, wenn du mich fragst«, sagte Maura. »Heute sollten die Descended und die Mortals zusammenkommen, aber sie tun alles, um uns auszuschließen.«
»Was für eine Überraschung«, erwiderte ich trocken. »Normalerweise sind sie doch so freundlich und einladend.«
Trotz meines Sarkasmus hatte ich selbst noch nie einen Descended getroffen. Obwohl ich nur einen Katzensprung von Lumnos City entfernt aufgewachsen war, der wohlhabenden Hauptstadt unseres Reiches und Heimat der herrschenden Elite, konnte ich genauso gut in einer ganz anderen Welt leben. Als Kind hatte mir meine Mutter jeglichen Umgang mit ihnen verboten: Ich durfte weder ihr Essen noch ihren Wein zu mir nehmen noch mich nach Lumnos City wagen. Es war mir nicht einmal erlaubt, einen der Descended zu behandeln.
Der einzige Kontakt, vor dem sie mich nicht schützen konnte, war die gelegentliche Begegnung mit den brutalen, kaltherzigen Soldaten der Königlichen Garde, die in den Straßen von Mortal City patrouillierten. Heute jedoch waren selbst sie abwesend. Nachdem der König uns mit den morgendlichen Weinlieferungen besänftigt hatte, zog er seine Wachen ab und überließ uns den Tag über uns selbst.
»Ich mache mich dann mal auf den Weg zum Zentrum der Heiler.« Wir näherten uns einer vertrauten Kreuzung, und Maura blieb stehen. Sie rieb sich das Bein und ließ ihren Blick über die überfüllten Straßen gleiten, die Augenbrauen sorgenvoll zusammengezogen. »Schaffst du es allein nach Hause?«
»Geh nur, ich komme schon zurecht.« Ich streichelte über die Zwillingsdolche, die tief an meiner Hüfte hingen. »Ich kann auf mich selbst aufpassen. Außerdem bezweifle ich, dass die Leute es wagen werden, sich an der Tochter des mächtigen Andrei Bellator zu vergreifen und damit seinen Zorn auf sich zu ziehen.«
Sie lächelte, ein warmer Ausdruck breitete sich auf ihrem Gesicht aus. »Er ist ein guter Mann, dein Vater. Sein Rücktritt war ein großer Verlust für die Armee von Emarion.«
»Das sagt er auch jeden Tag«, antwortete ich und zwinkerte.
Sie lachte und wandte sich mit einem kurzen Winken ab. »Blessed Forging, Diem!«
Ich erwiderte ihr Winken und drehte mich auf dem Absatz meines Stiefels in Richtung des zwielichtigeren südlichen Teils der Stadt um. Ohne Mauras Anwesenheit, die mich ablenkte, war ich mir nun sehr bewusst, wie angespannt die Atmosphäre geworden war.
Trotz der schwülen Hitze schlang ich meinen Umhang fester um meine Schultern. Das war ebenso ein Abwehrmechanismus wie mein finsterer Gesichtsausdruck und die verkniffenen Lippen.
Ich sehnte mich danach, in die Sicherheit des Hauses meiner Familie zurückzukehren. Aggressive Trunkenbolde, die durch die Straßen streiften, waren nichts Neues, aber heute fühlte es sich … anders an. Mortal City wirkte wie ein Pulverfass, das nur einen Funken von der Explosion entfernt war.
Der Wein der Descended, den die Königliche Garde gebracht hatte, war mit Magie versetzt, die die gute Laune der Trinkenden stundenlang aufrechterhielt, während sie Welle um Welle der Glückseligkeit ritten. Bei einem Mortal war die Wirkung sogar noch verstärkt. Zum Leidwesen der Frauen von Mortal City würden manche dieser Männer erst in einigen Tagen wieder nüchtern werden.
Und es waren viele von ihnen – zu viele. So viele, dass ich mich durch die Menschenmassen schlängeln musste, die an jeder Ecke standen und deren Gemurmel von flirtend über lüstern bis hin zu offen gewalttätig reichte.
Nach außen hin ignorierte ich sie, doch meine Hände legte ich lässig auf die Griffe meiner Dolche, die sich mit jedem Schwung meiner Hüften hoben und senkten. Eine stumme Warnung.
Hinter verschlossenen Fenstern und zugezogenen Vorhängen konnte ich Frauen entdecken, die sich klugerweise dafür entschieden hatten, den Tag im Haus zu verbringen, und mit nervösen Blicken hinaussahen.
»Was für ein hübsches Ding«, lallte jemand mir hinterher.
Zwei Männer stolperten in meine Richtung, so nah, dass ich den stechenden Geruch von Alkohol in ihrem Atem wahrnehmen konnte. Bernsteinfarbene Flüssigkeit schwappte aus den Krügen, die sie bei sich trugen.
Leise fluchte ich vor mich hin. Ich war zu sehr in meinen eigenen Gedanken versunken gewesen, um zu bemerken, dass sie sich mir genähert hatten. Mein Vater wäre enttäuscht von mir – er hatte mir beigebracht, nicht unvorsichtig zu sein, vor allem nicht in diesen von Verbrechen geprägten Gassen.
Es ist nie der Feind, der direkt angreift, der dir den Todesstoß versetzen wird. Es ist derjenige, der sich im Schatten versteckt und abwartet. Derjenige, der zuschlägt, wenn du nicht hinsiehst. Das sind die wahren Raubtiere, die man fürchten muss. Das hatte er mir beigebracht.
Ich war mir ziemlich sicher, diese Dreckskerle waren eher ein Ärgernis als ein Raubtier, dennoch umfasste ich die Griffe meiner Dolche fester.
»Schau mal, wir haben hier eine ganz Wilde gefunden«, sagte der Größere und deutete mit dem Kinn in Richtung meiner Klingen.
»Ich mag es, wenn sie sich wehren«, spottete der Kleinere. Er nahm einen Schluck Wein, fuhr sich mit der Zunge über die schmutzigen Zähne, und mir kam fast mein Mittagessen wieder hoch.
Der große Mann zog ein Kampfmesser und drehte es in seiner Handfläche. »Das sind ein paar schwere Klingen, die du da hast. Zu schwer für eine kleine Lady wie dich. Ich denke, du solltest sie lieber uns geben.«
»Zusammen mit allen Münzen, die du bei dir hast«, fügte der Kleinere hinzu. Er löste sich von seinem Freund und umrundete mich, wollte sich hinter mich stellen.
Ich wich zur Seite aus, um ihm den Weg abzuschneiden, obwohl ich dadurch mit dem Rücken zu einer schattigen Gasse stand, die mir ein ungutes Gefühl bereitete. »Habt ihr Jungs nichts Besseres zu tun, als Frauen auf ihrem Heimweg zu belästigen?«
»Belästigung?« Der Kleinere fasste sich mit gespieltem Entsetzen an die Brust. »Wir feiern einfach nur diesen schönen Forging Day.«
Ich zog eine Augenbraue hoch. »Ich bezweifle, dass die Gesegnete Mutter Lumnos diese Art von Feier gutheißen würde.«
Seine Miene wurde finster. »Dann kann die Gesegnete Mutter Lumnos in den Gletschern der Hölle mit dem Rest ihrer Sippe erfrieren.«
Mir sträubten sich die Haare im Nacken. Auf Blasphemie gegen die Kindred stand die Todesstrafe, und die Descended zahlten Mortals, die bereit waren, sich gegen ihre eigenen Leute zu wenden und Ketzer anzuzeigen, viel Geld. Wenn dieser Mann so dreist war, die Göttin Lumnos vor meinen Augen zu beleidigen, dann hatte er nicht die Absicht, mich gehen zu lassen.
Das bedeutete, ich musste verdammt nochmal von hier verschwinden.
Ich machte noch ein paar Schritte zurück und wagte einen kurzen Blick über meine Schulter. Zu spät erkannte ich, dass die Gasse, in die ich zurückgewichen war, in einer hohen Backsteinmauer endete.
Der Große runzelte die Stirn und beugte sich vor. »Was ist mit deinen Augen los, Mädchen?«
Ich blinzelte, versuchte, sie zu verbergen, aber der Schaden war bereits angerichtet.
»Bei Fortos’ Eiern, sie ist eine von ihnen.«
»Du bist eine Descended?«, zischte der Kleine. Er versuchte, sein Messer zu ziehen, erstarrte dann aber und überlegte es sich anders.
Ich rollte mit den Augen. »Meinst du, ich würde in diesem Drecksloch leben, wenn ich es wäre?«
Der große Mann trat noch einen Schritt näher. »Warum sind sie dann nicht braun?«
Mortals konnten nur braune Augen tragen, eine weitere Folge des Verschmelzungszaubers. Natürlich beanspruchten die Descended die fantasievolleren Farben des Regenbogens für sich selbst, so wie sie es auch mit so vielen anderen schönen Dingen in Emarion getan hatten. Die Descended jedes Reiches hatten andere Augenfarben, wobei die Descended von Lumnos alle verschiedene Blautöne aufwiesen. Ungeachtet der Augenfarbe konnte ich mir sowieso nicht vorstellen, wie jemals jemand einen Descended mit einem Mortal verwechseln könnte, da sie so stark und von makelloser Schönheit waren.
Das war meine Rettung gewesen. Als die braunen Augen und das kastanienbraune Haar, mit denen ich geboren wurde, zu Beginn der Pubertät unerwartet farblos wurden, waren es mein unscheinbares Gesicht, mein schlaksiger Körper und meine allgemeine Mittelmäßigkeit, die alle davon überzeugten, dass ich kein verkapptes Descended-Kind war.
»Ich habe meine Augenfarbe während meiner Kindheit durch eine Krankheit verloren«, sagte ich schnell. »Wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet …« Ich wich ihnen aus, aber sie blieben einfach stehen und gaben den Weg nicht frei.
»Wenn du kein Descended bist, beweise es.« Der Kleine zog sein Messer und hielt es mir mit der Klinge voran entgegen. »Zeig uns, dass du bluten kannst.«
Leider war das eine ziemlich clevere Aufforderung. Erwachsene Descended besaßen eine stahlharte Haut, sie war unempfindlich gegen tödliche Waffen. Wenn ich eine von ihnen wäre, würde seine Klinge mir nichts anhaben können. Aber wenn ich sterblich wäre …
Er bewegte sich auf mich zu und stieß mit der scharfen Spitze der Klinge in die Luft. Das Metall war mir nah genug, dass ich das getrocknete Blut sehen konnte, das am Rand klebte.
»Komm schon, Mädchen. Streck einfach deine Hände aus.« Er grinste. »Ich werde dir nicht sehr wehtun.«
Meine Finger zuckten, verspürten den Drang, meine Dolche zu ziehen. Ich könnte das Training meines Vaters nutzen, um ihre Hände, ihre Wangen und ihre Leisten aufzuschlitzen. Das würde eine einfache Flucht ermöglichen, ohne dass irgendjemand dabei ums Leben käme.
Aber wenn ich das täte, würden sie unweigerlich im Zentrum der Heiler landen. Meinem Zentrum der Heiler.
Mir drehte sich der Magen um bei dem Gedanken, unsere jungen Lehrlinge diesen Rohlingen auszusetzen. Ich hatte als Lehrling zu viele meiner eigenen Tage der Verschmelzung damit verbracht, schwingenden Fäusten und grabschenden Händen auszuweichen.
Eine kalte Art von Taubheit lauerte am Rande meiner Gedanken. Ich könnte die Schnitte meiner Dolche ein wenig fester setzen, genau auf die richtige Ader zielen. Ich könnte dafür sorgen, dass sie nie wieder aus dieser oder einer anderen dunklen Gasse herausstolperten. Vielleicht würde ich damit sogar helfen, die Welt ein wenig besser zu machen?
Ich hatte noch nie ein Leben genommen. Als Heilerin hatte ich geschworen, zu helfen, nicht zu schaden. Und ich wollte nicht wie die grausamen Descended Gott spielen und den Tod wie eine Karte bei einem Spiel austeilen.
Aber wenn mein eigenes Leben auf dem Spiel stand …
Überlebe, hallten die Worte meines Vaters in meinen Ohren wider. Egal, was es kostet, egal, wohin es dich führt. Überlebe zuerst, kümmere dich später um die Konsequenzen.
Es geschah so schnell, dass man es fast nicht sehen konnte. Gerade noch stürzte der Mann sich auf mich, ein kühler Luftzug streifte meine Rippen, als die Spitze seines Dolches in meine Tunika eindrang und ein Loch in den Stoff riss. Und im nächsten Moment bewegten sich meine Glieder in einer einstudierten Kriegshymne, die mein Körper selbst im Schlaf singen könnte.
Es war nur allzu leicht, ihren wütenden, vom Alkohol wackligen Schlägen auszuweichen und selbst einen Treffer nach dem anderen zu landen. Ein Knie in die Leiste. Den Handballen an die Kehle. Eine Handvoll Dreck in ihre Augen. Jeder Angriff zielte darauf ab, sie gerade so außer Gefecht zu setzen.
Der Große kreischte und ging in die Knie. Tränen liefen ihm über die Wangen, während er versuchte, den groben Sand aus den Augen zu bekommen.
Sein Freund lag neben ihm auf dem Rücken, hielt seine Kehle umklammert und rang nach Luft. »Du bist tot! Tot!«
»Du sagtest doch selbst, du hast es gern, wenn eine Frau sich wehrt.« Ich stieg über ihre sich windenden Körper, hob ihre Dolche auf, die auf den Boden gefallen waren, und zog ihnen die Breitschwerter von den Hüften. Ich hatte vielleicht nicht den Mut, sie zu töten, aber ich konnte sie zumindest davon abhalten, ihre Wut an der nächsten Frau auszulassen, der sie begegneten.
Dann trat ich ihnen noch mehr Dreck in die Augen, was ein erneutes Heulen auslöste. »Denkt an mich, wenn ihr das nächste Mal eine Frau angreifen wollt.«
»Das wirst du büßen!«
»Wenn ich dich finde …«
»Blessed Forging!«, sagte ich zuckersüß. Als ich aus der Gasse auf die breitere Hauptstraße zurückkehrte, folgte mir ein Schwall aus wüsten Beschimpfungen.
Der Aufruhr lenkte die ersten Blicke in meine Richtung. Hälse streckten sich, um zu sehen, wer ich war und was ich da gerade getan hatte. Vier bewaffnete Männer bewegten sich in meine Richtung.
»Du, Weib«, rief einer von ihnen. »Was ist hier los?«
Großartig. Wenn es etwas gab, das ich weniger brauchen konnte als zwei wütende Männer mit Messern, die mir Fragen stellten, dann waren es sechs wütende Männer mit Messern, die mir Fragen stellten.
Ganz in der Nähe entdeckte ich einen Durchgang, der zu einer mir nur allzu vertrauten Gasse führte. Ich schlich darauf zu, während ich mir die Kapuze über den Kopf zog.
»Du da«, rief der Mann erneut. Seine Schritte beschleunigten sich. »Bleib stehen.«
»Diese Schlampe hat mich angegriffen und meine Waffen gestohlen!«
Ich zuckte zusammen. Oh, Scheiße.
Der Große taumelte aus der Gasse, hatte den Finger in meine Richtung ausgestreckt. Weiß glühende Wut loderte in seinen Augen. »Haltet sie auf!«
Adrenalin schoss heiß durch meine Adern.
Ich kannte diese Gassen gut. Dies war nicht das ärmste Viertel von Mortal City, aber es war der verkommenste Teil der Stadt, der, an dem man jede Art von Sünde finden konnte. Man nannte ihn Paradise Row – ironisch oder treffend, je nachdem, was man hier finden wollte.
Als Heilerin fühlte ich mich schon immer zu den verletzlichsten Patienten hingezogen: eine Kurtisane, die von ihrem Freier blutig geprügelt worden war, ein verzweifelter Süchtiger mit einer Überdosis magischer Drogen, ein ausgehungerter Taschendieb, der eine Hand verloren hatte, als er den falschen Laden bestahl. Meine Bereitschaft, jeden noch so gefährlichen oder unappetitlichen Auftrag anzunehmen, machte mich zu einer regelmäßigen Besucherin des dunklen Labyrinths von Paradise Row.
Hinter mir erklangen weiter Schreie, noch weit entfernt, aber sie wurden immer lauter.Ich war zu langsam, die gestohlenen Klingen waren schwer. Wahllos schlug ich irgendwelche Seitengassen ein – links, dann rechts, dann wieder links – und entdeckte schließlich eine Frau, die mit gerafftem Rock und tiefem Dekolleté an einer offenen Tür lehnte.
»Kostenlose Waffen«, keuchte ich, während ich auf sie zurannte. »Willst du sie?«
Sie beäugte mich misstrauisch. »Hier ist nichts umsonst.«
Die Stimmen hinter mir wurden lauter.
»Na schön.« Mit dem Kinn deutete ich über meine Schulter. »Die Bezahlung besteht darin, ihnen nicht zu sagen, dass du mich gesehen hast.«
Mit einem kurzen Achselzucken nahm sie mir die Klingen aus den Händen und warf sie in eine Holztruhe hinter der Tür.
»Zeigen Sie ihnen auch nicht die Dolche«, warnte ich sie. »Anscheinend mögen es betrunkene Männer nicht, von einer Frau entwaffnet zu werden.«
Sie lächelte wissend und deutete mit einem Nicken in Richtung einer Gasse auf der linken Seite. »Geh da lang.«
Ich schenkte ihr ein dankbares Lächeln und sprintete in die Richtung, in die sie gezeigt hatte. Hinter mir rief eine Frauenstimme: »Diese kleine Göre hat auch meine Dolche gestohlen! Sie ist nach rechts gelaufen – fangt sie und bringt sie hierher zurück, und ich werde dafür sorgen, dass es sich für euch lohnt, Jungs.«
Man kann über die Frauen von Paradise Row sagen, was man will, aber sie waren auf jeden Fall loyal.
Dunkelheit umfing mich, als ich tiefer in die Gassen huschte und das scharlachrote Sonnenlicht hinter einem Baldachin aus zerschlissenen Markisen verschwand. Ich spürte die Blicke der neugierigen Augen, die aus den schattigen Türöffnungen lugten und mich betrachteten, mich beurteilten. Einige der verfallenen Gebäude weckten Erinnerungen an frühere Besuche in diesem Viertel, aber ich wagte es nicht, zu zeigen, dass ich schon einmal hier gewesen war.
Weitere Stimmen drangen aus der Gasse zu mir. Ich drückte mich gegen die Wand, um den wenigen Lichtstrahlen auszuweichen, die auf mich fielen. Als Kind hatte ich mir einmal vorgestellt, die Schatten seien etwas Greifbares, eine große Decke, die ich um mich wickeln konnte, um mich vor der Welt zu verstecken. Jetzt ertappte ich mich dabei, wie ich meinen alten Freund, die Dunkelheit, im Stillen anflehte, mich zu verhüllen.
Ein roter Schimmer fiel mir ins Auge. Ein Rot, das ich kannte – leuchtend, kupferfarben, geschmeidig wie flüssige Seide. Es war, wie immer, zu einem Knoten im Nacken gebunden.
Ich hätte das markante Haar meiner Mutter selbst unter Tausenden von Menschen entdecken können, aber in dieser Gasse war es besonders schwer, einen so lebhaften Farbtupfer in einem trüben Meer von Braun- und Grautönen zu übersehen.
Sie hatte mir den Rücken zugewandt, ihr Gesicht war mir dadurch verborgen, und über ihren schmalen Schultern lag der mir so vertraute Umhang. Die Risse und Flecken darauf erzählten die Geschichte meiner Kindheit – winzige Brandlöcher von unserem Familienherd, ein Fleck von Tellers beerenverschmierten Händen, als er noch klein gewesen war, ein geflickter Riss, als ein erschrockenes Pferd sie direkt in Vaters schützende Arme geschleudert hatte.
Ich erstarrte, ein überraschter Schrei blieb mir im Hals stecken.
Sie hier zu sehen, war keine Überraschung, denn sie behandelte auch Patienten aus der Paradise Row. Es war der Mann, der ihr gegenübersaß, der mich so sehr aus der Fassung gebracht hatte.
Er war alles, was sie nicht war. Während meine Mutter zierlich, schlicht und in einfache Stoffe gehüllt war, war dieser Mann ein Halbgott, der sich stolz präsentierte.
Selbst aus der Ferne war es offensichtlich, dass seine Kleidung aus den feinsten Materialien bestand. Der schwarze Brokat seines bodenlangen Mantels, gesäumt von kunstvollen Stickereien aus golddurchwirkten Fäden, schimmerte trotz des trüben Lichts.Die eng anliegenden Kleider waren perfekt auf jede Wölbung seiner Muskeln zugeschnitten, wovon er reichlich hatte. Seine Stiefel waren auf Hochglanz poliert und irgendwie immun gegen den Schmutz von Mortal City, der an allem haftete, was ich besaß.
Er überragte sie um mehr als einen Kopf, eine Tatsache, die er wie eine Waffe gegen meine Mutter gerichtet hatte, bereit, jederzeit zuzustoßen. Er schien ein paar Jahre älter zu sein als ich, und sein Gesicht war auffallend gut aussehend, wenn auch kantig und streng, was durch das rabenschwarze Haar, das er in einem niedrigen, straffen Zopf trug, und die Narbe, die sich über seine olivfarbene Haut zog, noch verstärkt wurde. Die blassen, gezackten Linien zogen sich wie Blitze vom Kragen über die vollen Lippen und die zusammengekniffenen Augen.
Kalte, emotionslose Augen. Blaugraue Augen.
Descended-Augen.
Warum war sie hier, mit ihm? Sie behandelte Descended-Patienten, aber niemals in Mortal City. Abgesehen von der Königlichen Garde bekam man keine Descended in dieser Gegend zu Gesicht – es sei denn, sie waren auf der Suche nach Ärger. Hatte er sie aufgespürt? Hatte sie etwas gesehen, was sie nicht hätte sehen sollen?
Steckte sie in Schwierigkeiten?
Das Training meines Vaters meldete sich wieder. Ich musterte den Mann, suchte nach möglichen Bedrohungen. Seine Gesichtszüge waren angespannt – ruhig, aber nicht wütend –, und seine kräftigen, verschränkten Arme ruhten auf einer unfassbar breiten Brust. Keine Wachen oder Gefährten in Sicht. Seine einzige Waffe war ein Schwert, das er unpraktischerweise auf den Rücken geschnallt hatte und dessen juwelenbesetzter Griff über seiner Schulter hervorlugte. Nur die Descended würden etwas so Auffälliges tragen, etwas, das besser als Schmuck geeignet war denn als eine Klinge, die dazu bestimmt war, durch Muskeln und Knochen zu schneiden.
Die Anspannung in meiner Brust ließ nach. Vielleicht war er keine Bedrohung – abgesehen von seiner Magie. Bei den Descended wusste man nie. Manche konnten kaum einen Spark heraufbeschwören. Andere waren in der Lage, das ganze Reich in Dunkelheit tauchen.
Die beiden stritten sich. Ich konnte die Worte nicht verstehen, aber ich kannte die Körpersprache meiner Mutter gut genug. Schon zu oft hatte ich auf der falschen Seite dieses spitzen Fingers gestanden, der in die Luft stach. Sie und ich hatten etwas gemeinsam, was die Männer in unserer Familie nicht hatten – ein hitziges Temperament, das explodieren konnte, wenn man es provozierte.
Ich drückte mich an die Wand und schlich auf Zehenspitzen so nah heran, wie ich mich traute, dann duckte ich mich hinter einen Stapel leerer Holzkisten. Ihr Streit wurde intensiver ihre Stimmen lauter und hallten durch die Gasse.
»Kommt nicht infrage«, grollte der Mann mit rauer Stimme, tief und leise. Etwas in mir regte sich bei diesem Klang, wie ein gähnender Drache, der aus seinem Schlaf erwacht.
»Das war keine Bitte«, erwiderte meine Mutter.
»Du erteilst mir keine Befehle, Auralie.«
»Muss ich dich daran erinnern, dass ein einziges Wort von mir genügt, und das gesamte Reich wird wissen, dass du …«
»Nein«, fauchte er.»Ich habe deiner Erpressung bereits nachgegeben, habe dir sogar das Zehnfache gezahlt.«
»Und du wirst weiter bezahlen, so lange, bis keine Leben mehr in Gefahr sind.«
Erpressung? Was könnte meine Mutter gegen einen Descended in der Hand haben, um ihn zwingen zu können, sich ihrem Willen zu beugen? Sie behandelte sie schon seit Jahren, aber die Verschwiegenheit zwischen Heiler und Patient war heilig, und sie war ein Vorbild für alle Heiler in Lumnos. Sie würde sicherlich niemals …
Ich beugte mich so weit vor, wie ich mich traute, und blinzelte durch die Ritzen der Kisten. Der Mann löste seine verschränkten Arme und beugte sich herunter, bis ihre Gesichter auf einer Höhe waren.
»Nenn mir einen guten Grund, warum ich dich nicht an Ort und Stelle töten sollte, damit das alles ein Ende hat.«
Mein Herz schlug mir bis zum Hals, aber meine Mutter blieb unbeeindruckt. In offener Verachtung hob sie das Kinn an. »Wenn ich sterbe, wird jeder dein Geheimnis erfahren. Dafür habe ich gesorgt.«
Das Gesicht des Mannes blieb gelassen, aber seine blasse Iris – schieferblau mit einem Hauch von Stahl darin – glühte vor eisiger Wut. Ich schauderte und umklammerte reflexartig meinen Dolch.
Meine Mutter sprach weiter, ihre Stimme wurde sanfter. »Und weil du genauso gut wie ich weißt, dass es schlimmer wird. Und du weißt, dass die einzige Möglichkeit, es aufzuhalten, möglicherweise darin besteht, mir zu helfen.«
Sie schwiegen einen langen Moment lang. Die Narbe in seinem Mundwinkel zuckte, und er runzelte die Stirn. »Wenn ich das mache, dann muss es heute Nacht geschehen. Es wird keine weitere Gelegenheit geben, bevor …« Er blickte sich um, dann senkte er seine Stimme zu einem Flüstern.
Ich streckte den Hals und versuchte, ihre gemurmelten Worte zu verstehen. Wenn ich nur ein bisschen näher kommen könnte …
»Lauschen könnte noch deinen Tod bedeuten, Kind.«
Die unerwartete Stimme ließ mich aufschrecken. Ich drehte mich und starrte in das faltige, grinsende Gesicht einer alten Frau. Sie lehnte lässig am Rahmen einer nahen Tür, ihre Augen waren so dunkel, dass sie schwarz erschienen, und ihre Schultern waren vom Alter gebeugt. Sie war in bunte Lumpen gehüllt, von denen abgewetzte Streifen aus grünem und rotem Stoff herabhingen, und sie deutete über meine Schulter.
»Wenn du schon lauscht, dann sorge wenigstens dafür, dass niemand auf der anderen Seite dich sehen kann.« Ihre Stimme hob und senkte sich in einem lässigen Tonfall, und hatte einen Akzent, den ich nicht zuordnen konnte.
Mein Mund begann sich zu bewegen, bevor mein Verstand überhaupt begriff, was los war. »Ich war nicht … ich meine, ich habe nicht …«
»Es hat keinen Sinn, mich zu belügen.« Die Falten um ihre Augen zogen sich zusammen, als sie zwinkerte. »Wenn die Gründe für deine Spionage interessant wären, wüsste ich sie bereits.«
»Ich dachte, die Leute in der Paradise Row stellen keine Fragen.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Fragen ist nicht schlimm. Es sind die Antworten, die dich fertig machen.« Ihr trockenes Lachen prallte an den Wänden ab und hallte in jeder dunklen Ecke wider.
Ich zuckte zusammen, weil ich wusste, dass meine Mutter und der geheimnisvolle Fremde es hören würden. Ein verstohlener Blick bestätigte es – sie waren aus meinem Blickfeld verschwunden.
»Und das war es mit meinen Antworten«, murmelte ich.
Ein Schimmern glitzerte in den dunklen Tiefen ihrer Augen. »Das sind nicht die Antworten, die du brauchst. Jedenfalls noch nicht. Aber ich habe andere Antworten für dich. Antworten, die du weder von einem Mortal noch von einem Descended erhalten wirst.«
»Für einen angemessenen Preis, da bin ich sicher.« Es fiel mir schwer, nicht mit den Augen zu rollen. Gauner wie sie hatte ich auf dem Markt schon gesehen. Sie versprachen einem ein großes Vermögen, wenn man ihnen jetzt ein kleines Vermögen zahlte. Ich hatte auch gehört, wie sie bei ihrem abendlichen Bier in der Taverne über ihre leichtgläubigen Kunden lachten. »Lass mich raten – ich bin meiner wahren Liebe bereits begegnet, ich werde einen Stall voller Kinder haben und ein langes, glückliches Leben führen, bis ich schließlich sterbe.«
»Nein, Kind. Ich fürchte, nichts davon ist dir vergönnt.« In ihrem Tonfall lag Traurigkeit, und Mitleid huschte über ihre Züge, das in mir einen Hauch von Unsicherheit hervorrief.
Ich schimpfte im Stillen mit mir selbst. Sei nicht dumm. Es ist ein Schwindel, und du fällst darauf herein.
»Ich versuche, das im Hinterkopf zu behalten.« Ich lächelte knapp, bevor ich mich zum Gehen wandte. »Blessed Forging.«
»Diese Augen – sie sind ein Geschenk deines Vaters, nicht wahr? Deines wahren Vaters.«
Ich erstarrte.
»Und das ist nicht das Einzige, was er dir geschenkt hat, nicht wahr?«
Ruckartig riss ich den Kopf wieder zu ihr herum. »Wovon redest du?«
»Deine Mutter dachte, sie könnte es vor der Welt verbergen. Sie dachte, sie könnte es mit ihrem kleinen Pulver vor dir verbergen. Aber Geheimnisse wie diese kann man nicht für immer behalten.« Ihr Blick wandte sich gen Himmel, richtete sich auf die verstreuten Strahlen des blutigen Sonnenlichts um uns herum. »Und es scheint, als hätten die Kindred das Warten satt.«
Eine Armada von Alarmglocken begann in meinem Kopf zu schrillen. Sie durfte auf keinen Fall von dem Pulver und dem Grund, warum ich es genommen hatte, erfahren. Niemand außerhalb meiner Familie wusste es – und niemand in meiner Familie würde es wagen, davon zu erzählen. Es sei denn …
Es sei denn, diese Frau kannte den Mann, der mich gezeugt hatte.
Aber auch das war unmöglich.Meine Mutter sagte, er sei vor meiner Geburt gestorben, bevor er überhaupt wusste, dass sie schwanger war. Selbst der Mann, den ich jetzt meinen Vater nannte, kannte seinen Namen nicht.
Als Kind hatte ich um mehr Antworten gebettelt, mich bemitleidenswert und unbedeutend gefühlt und mir vorgestellt, ich sei die lange verschollene Erbin eines fernen Königreichs, aber wenn meine Mutter einmal für sich entschied, ein Geheimnis zu bewahren, glich ihre Entschlossenheit eine Mauer aus fortosianischem Stahl.
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, warf mir die Alte einen amüsierten Blick zu. »Er weiß von dir, dein Vater. Er wartet auf dich.«
»Mein Erzeuger, nicht mein Vater«, korrigierte ich sie mit zusammengebissenen Zähnen. »Und er ist tot.«
»Sollte er eigentlich sein. Aber er ist ein Überlebenskünstler.« Sie gluckste. »Noch ein Charakterzug, den du geerbt hast, nehme ich an.«
Mein Dolch glitt mit einem leisen Zischen aus seiner Scheide. Ich richtete ihn auf sie und zwang meine Hand, ruhig zu bleiben, während ich den Abstand zwischen uns verringerte. »Wer bist du?«
Sie schnalzte missbilligend mit der Zunge.
»In diesem traurigen Zustand bist du so leicht zu lesen. Und auch so leicht zu kontrollieren. Ich könnte dich jetzt einfach schnappen – dafür sorgen, dass du mir gehörst.« Ihre blutleeren Lippen kräuselten sich, und ihr Kopf neigte sich leicht. »Wie würde es dir gefallen, mein zu sein, Kind? Wir könnten zusammen so schreckliche Dinge tun, du und ich. Das wäre es möglicherweise sogar wert, den Zorn der Gesegneten Kindred auf sich zu ziehen.« Ihr knorriger Finger hob sich und streichelte über meinen Wangenknochen. »Oh, Diem Bellator, was ich alles mit dir alles anstellen könnte.«
Ich versuchte zu protestieren, versuchte, ihre Hand wegzuschlagen, versuchte, vor ihrer kalten Berührung zurückzuweichen. Aber ich konnte sie nur entsetzt mit weit aufgerissenen Augen anstarren.
Mein Körper befand sich nicht mehr unter meiner Kontrolle.
Jetzt bist du nicht mehr so mutig, was? Ihre Stimme hallte in meinem Kopf wider – nur war sie irgendwie anders, klarer. Glatt wie geschmolzenes Platin, strahlend vor Kraft.
In meinem Kopf brüllte ich gegen ihren Griff an, krümmte mich und kratzte nach ihr, aber mein Kampf war vergeblich. Ich war ihr völlig ausgeliefert, durch ihren dunklen Befehl gefangen in meinem eigenen Kopf.
Ihr spitzer Fingernagel wanderte an meinem Kiefer hinab und an der Form meines Halses entlang, folgte der Linie meines Schlüsselbeins. Verführerisch, so verführerisch, schnurrte sie.
Unwillkürlich wölbte sich mein Rücken bei ihrer Berührung. Sogar mein Atem war an sie gebunden, jeder Atemzug wartete auf ihre wortlose Zustimmung.
Sie blickte noch einmal zu dem karminroten Himmel hinauf, dann seufzte sie tief und rollte mit den Augen, bevor sie meinen Blick erwiderte. Wenn wir uns wiedersehen, erinnere dich an diesen Moment, Kind. Wie ich dich hätte auf die Knie zwingen können. Wie ich dich dazu hätte bringen können zu betteln.
Sie drehte ihr knochiges Handgelenk, und die kalten Finger ihrer Kontrolle lösten sich aus meinen Adern, ließen meine Knochen los. Mein zitternder Körper gehörte endlich wieder mir.
Ich machte einen hastigen Schritt zurück und fasste mir an die Kehle. »Wer bist du? Wie hast du das gemacht?«
»Hör mir zu, und hör ganz genau zu, Tochter der Vergessenen.« Sie beugte sich vor und stieß mir mit dem Finger gegen die Schulter. »Hör auf, vor dem wegzulaufen, was du bist. Hör auf, dich zu verstecken.«
»Ich verstecke mich vor ni…«
»Und hör auf, dieses verfluchte Flammwurz-Pulver zu nehmen.«
Wieder erstarrte ich. Sie konnte das nicht wissen. Sie durfte es nicht wissen. Sie …
Ich schüttelte den Kopf, um die Gedanken beiseitezuschieben. Das war nicht wichtig. Es war schmerzlich klar, dass meine Mutter mehr vor mir verheimlichte, als ich mir je hätte vorstellen können. Ich musste hier weg und sie finden – und ihrer Geheimniskrämerei ein für alle Mal ein Ende setzen.
Ich machte ein paar stolpernde Schritte zurück, dann drehte ich mich um und rannte los. Und währenddessen verfolgte mich die spöttische Stimme der Frau und ihr Singsang die Gasse hinunter.
»Wenn das vergessene Blut auf den Herzstein fällt, dann werden die Ketten entzweit«, rief sie. »Leben für Leben, verlangt die alte Schuld, sonst büßt er in Ewigkeit.«
Ich wagte nicht, mich umzudrehen, während ich vor ihrer nervenzermürbenden Anwesenheit floh.
»Blessed Forging, Diem Bellator!«, rief sie. »Hoffen wir, dass es nicht deine letzte ist.«
Stunden vergingen, aber meine Mutter kam nicht nach Hause.
Ich erzählte meinem Vater und meinem Bruder nichts von dem, was an diesem Tag geschehen war. Ich dachte nur an meine Mutter, und mit jedem Herzschlag fielen mir mehr Fragen ein, die ich ihr stellen musste. Ich saß auf den Stufen vor unserem Cottage und wartete darauf, ihr Gesicht auf dem Waldweg auftauchen zu sehen, wartete darauf, sie mit meiner mittlerweile unbändigen Neugier zu überfallen
Aber noch immer kam sie nicht nach Hause.
Wir aßen vor der Feuerstelle zu Abend und zwangen uns zu lächeln, während wir darüber spekulierten, was sie wohl aufgehalten haben könnte, wobei unsere Köpfe sich bei jedem Knarren zur Tür drehten.
Als die Nacht hereinbrach, wanderten wir durch den Wald vor unserem Haus und riefen ihren Namen. Mein Bruder suchte den Weg zum Zentrum der Heiler ab, hin und zurück, immer wieder, während mein Vater die wilderen Gegenden des Waldes durchkämmte. Ich ging am Ufer entlang und hielt an den Stellen inne, an denen sie und ich oft Efeu für Medizin sammelten.
In der Ferne blieb mein Blick am Glitzern einer Laterne hängen, die an einem Boot hing. Das Licht wurde immer heller, je näher es kam, offenbar kehrte es zu den Ufern von Lumnos zurück. Eine seltsame Sache, wenn man bedenkt, dass die Überfahrt über die Heilige See am Forging Day verboten war, aber da die Königliche Garde derzeit im Palast schlemmte, nutzen alle möglichen zwielichtigen Gestalten die laxe Durchsetzung der Gesetze heute aus.
Dieser Gedanke lag mir schwer im Magen, als ich in das leere Haus zurückkehrte. Schließlich gesellten sich mein Vater und mein Bruder zu mir, und ihre Gesichter verfinsterten sich, als nur ich da war, um sie zu begrüßen.
Und noch immer kam sie nicht nach Hause.
Am nächsten Tag fragten wir bei all unseren Freunden und Nachbarn nach, in der Hoffnung, dass einer von ihnen sie für die Nacht bei sich aufgenommen hatte.Wir besuchten die Patienten, die sie behandelt hatte, aber von denen hatte keiner etwas bemerkt. Wir durchwühlten ihre Sachen und suchten vergeblich nach Hinweisen darauf, ob sie eine Reise geplant hatte. Wir durchkämmten die Straßen von Mortal City und hielten uns gegenseitig fest an den Händen, während wir nach irgendeiner Spur von ihr suchten – ob sie nun tot war oder lebendig.
Weitere Tage vergingen, ohne dass wir etwas von ihr hörten. Dann Wochen.
Dann Monate.
Und noch immer … kam sie nicht nach Hause.
Sechs Monate später
»Diem.«
Das klang weniger wie mein Name als ein Befehl– eine unnachgiebige Aufforderung, bei der ich nicht anders konnte, als sofort zu gehorchen.
Meine Schultern strafften sich. Das war nicht die Stimme des sanften Mannes, den ich sonst kannte, dessen freundliche Augen mich nach einem harten Tag empfingen und dessen schwielige Hände mich immer in eine Umarmung zogen, bei der all meine Knochen knackten. Der Mann, der, obwohl wir kein Blut teilten, der beste Vater war, den ich mir je hätte wünschen können.
Das war die Stimme des Mannes, der er früher gewesen war.
Des Soldaten, der sich in der Armee von Emarion hochgekämpft und den höchsten Rang errungen hat, der je an einen Mortal vergeben worden war, sowohl für seine Tapferkeit auf dem Schlachtfeld als auch für seine Führungsqualitäten außerhalb des Feldes. Der Krieger, dessen Name in die Legende eingegangen wäre, hätte er nicht alles hinter sich gelassen, um ein ruhiges Leben mit einer mittellosen jungen Mutter und ihrem temperamentvollen Säugling zu führen.
Das war die Stimme des Kommandanten – und sie bedeutete nie etwas Gutes.
Teller sah von seinem Buch auf und grinste auf diese provozierende Weise, wie nur jüngere Geschwister sie draufhaben. »Was hast du jetzt wieder angestellt?«
Ich verdrehte die Augen, während ich meine Stiefel schnürte. »Was auch immer es ist, ich bin sicher, es ist eigentlich deine Schuld.«
Sein Grinsen wurde noch breiter. Er wusste, dass ich nur Unsinn im Kopf hatte. Mein Bruder war der gehorsamste Soldat unseres Vaters. Wenn Teller jemals vom Kommandanten gescholten wurde, dann nur, weil er aus Mitleid den Kopf für mich hingehalten hatte, um mir einen weiteren Vortrag zu ersparen.
»Di-em«, brüllte mein Vater erneut, wobei sich die beiden Silben zu einem bedrohlichen Gesang ausdehnten. »Komm hier raus, sofort.«
»Du bist tot«, stichelte Teller.
»Versuch doch mal, ein bisschen weniger begeistert zu klingen, ja?« Ich nahm mein weißes, leicht gewelltes Haar, das mir bis zur Hüfte reichte, zu einem nachlässigen Zopf zusammen und schlang mir dann meinen Waffengürtel um die Hüfte. Die ledernen Scheiden meiner Dolche schlugen leicht gegen meine Beine, während ich die Messingschnalle schloss. »Beeil dich, ich bin heute Morgen noch mit Maura verabredet.«
Ich lief eilig den kurzen Flur hinunter in die holzgetäfelte Kammer, die als Gemeinschaftsraum unseres kleinen Hauses diente. Während ich den wackelnden Bücherstapeln auswich, die in jeder Ecke zu stehen schienen, ging ich in Gedanken die letzten Tage durch und versuchten zu erahnen, wofür ich dieses Mal gescholten werden sollte.
Ehrlich gesagt, gab es so viele Gründe, dass ich sie kaum zählen konnte.
Ich kam vor meinem Vater zum Stehen und strahlte ihn mit meinem glaubhaftesten unschuldigen Lächeln an. In einem spöttischen Salut schlug ich mir mit der Faust gegen die Brust. »Anwesend, Kommandant.«
Seine Augen verengten sich, als ich seinen früheren Titel aussprach. Es war immer Glückssache, ob der Kosename seine Wut besänftigte oder schürte. Heute schien mein Glück nicht zu funktionieren.
»Hast du dein Flammwurz-Pulver genommen?«
Ich versuchte, nicht zusammenzuzucken.
»Ja«, sagte ich langsam und sehr vorsichtig.
»Jeden Tag?«
Ich verlagerte mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Das würde hässlich werden.
»Ich … habe vielleicht ein paar Tage verpasst.«
»Wie viele Tage?«
»Es war so viel los. Ich hatte hier eine Menge zu tun, das Zentrum ist ein einziges Chaos und …«
»Wie viele Tage, Diem.« Keine Frage, ein Befehl.
Ich seufzte, dann zuckte ich mit den Schultern. »Ich bin mir nicht sicher.«
Er verschränkte die Arme und runzelte die Stirn. Trotz der Falten, die sich tief auf seinem Gesicht abzeichneten, sah er immer noch wie ein furchterregender Krieger aus – die gebräunte Haut glich nach Jahren unter der Sonne Emarions gegerbtem Leder, und seine Schultern waren bepackt mit Muskeln. »Nun, ich weiß das sehr sicher. Weißt du, warum ich das so sicher weiß?«
Ich schluckte meine freche Antwort hinunter und schaffte es stattdessen, seinen Blick zu halten, während ich den Kopf schüttelte.
»Weil ich das hier gefunden habe.« Er hielt ein kleines, halbmondförmiges Gefäß hoch, das ein Pulver enthielt, dessen Farbe der von warmem Blut auf frischem Schnee glich. »Es war in meinem Angelkasten. Den, den ich nicht mehr aufgemacht habe, seit ich vor zehn Tagen rausgefahren bin.«
Vor meinem inneren Auge spielte sich der drohende Streit wie von selbst ab. Ich würde mich darüber beklagen, dass ich das Pulver nicht mehr nehmen konnte, weil es mein Gehirn benebelte und meine Gefühle dämpfte. Er würde sagen, dass dies notwendige Nebenwirkungen seien. Dass die Halluzinationen – die Symptome der Krankheit, die ich von meinem leiblichen Vater geerbt hatte und die meine Augen grau und meine Haare weiß werden ließen, als ich zehn Jahre alt war – viel schlimmer waren als ein benebelter Kopf.
Ich würde ganz nebenbei erwähnen, dass ich die Flammwurz schon vor Wochen abgesetzt hatte und die Visionen nicht zurückgekehrt waren. Er würde mir sagen, dass ich leichtsinnig und unreif sei und dass meine Mutter von mir enttäuscht wäre.
Meine Mutter.
Das war ein Spinnennetz, in dem ich mich nicht verheddern wollte.
Die Erfahrung sagte mir, ich solle mich zurückhalten und nachgeben. Aber obwohl ich den Kopf hängen ließ und einen Ausdruck von Reue auf mein Gesicht malte, ertönte eine beharrliche Stimme tief in meinem Inneren – mein unbändiges Temperament.
Kämpfe.
»Danke«, sagte ich, und versuchte, es wie eine Entschuldigung klingen zu lassen. »Ich habe schon überall danach gesucht.« Ich wollte sie schon nehmen, aber seine andere Hand schloss sich um mein Handgelenk.
»Diem, ich muss dir vertrauen können.«
Wellen der Scham und der Wut kämpften in mir und wollten herausbrechen. Ich wandte den Blick ab und schob beide Emotionen beiseite.
»Ich weiß, es ist schwierig, seit deine Mutter …« Er brach ab, und ich wusste, dass er um die richtigen Worte rang. Verschwunden war? Uns verlassen hatte? Entführt wurde?
Wir hatten nie eine Trauerfeier für sie abgehalten. Wir haben nicht einmal zugegeben, dass sie tot sein könnte.
Aus Verleugnung, Naivität oder einfach nur aus dummer, blinder Hoffnung haben wir uns eingeredet, dass sie einfach nur weg war. Auf einer Reise, die sie vergessen hatte zu erwähnen. Sie besuchte einen weit entfernt lebenden Patienten, der vielleicht mehr Hilfe brauchte, als sie erwartet hatte. Wir waren sicher, bald würde ein Brief von ihr bei uns ankommen, in dem sie sich entschuldigte und alles erklärte. Wir waren sicher, jeden Moment würde sie durch die Tür kommen.
In den ersten paar Wochen war ich sogar kurz davor, das zu glauben. Aber nach so langer Zeit …
Jetzt sprachen wir nicht mehr darüber. Nach Monaten des Schweigens war die Wahrheit zu schmerzhaft geworden, um sie auszusprechen.
»Seit sie nicht mehr bei uns ist, ist es für uns alle schwer«, sagte er.
Kämpfe.
Da war sie wieder, diese Stimme, die mich ständig plagte. Eine harsche Erwiderung formte sich auf meiner Zunge, und ich biss die Zähne zusammen, um sie zurückzuhalten.
Die Miene meines Vaters wurde weicher. »Du hast hier zu Hause so viel geholfen, und Maura hat mir erzählt, wie unschätzbar wertvoll du für das Zentrum bist. Ich merke, wie viel Mühe du dir gibst, und ich weiß das zu schätzen.«
Das war der Kommandant. Der Mann, der erkannte, wenn ein Soldat kurz davor war, hinzuschmeißen, und der ihn mit freundlichen Worten und Anerkennung wieder zur Besinnung bringen konnte.
Normalerweise war die Leichtigkeit, mit der er mit Egos umging, inspirierend. Doch zu sehen, wie er es jetzt so einfach gegen mich einsetzte, zerrte an meiner ohnehin schon dünnen Beherrschung.
»Ich sorge mich nur um deine Gesundheit, mein Schatz. Wenn die Krankheit wieder ausbricht …«
»Es geht mir gut«, schnitt ich ihm angespannt das Wort ab. »Es tut mir leid. Heute nehme ich sie.«
»Gibt es einen Grund, warum du sie nicht genommen hast?«
Meine Gedanken wanderten zu der schwarzäugigen Frau in der dämmrigen Gasse.
»Es ist nur … Ich hatte viel um die Ohren.«
»Wie ist das Glas überhaupt in meinen Angelkasten gekommen?«
Weil ich vorhabe, mit unserem Ruderboot rauszufahren, sobald ich endlich den Mut dazu gefunden habe, und das Glas auf dem Grund der Heiligen See zu versenken.
»Ich habe den Kasten letzte Woche aufs Boot gebracht. Dabei muss das Glas hineingefallen sein.« Ich setzte ein unbekümmertes Lächeln auf. »Ich muss jetzt wirklich los, sonst kommen Teller und ich zu spät.«
Sein tiefes Einatmen machte deutlich, dass er sich nicht von meinem Ablenkungsmanöver täuschen ließ, aber er ließ mein Handgelenk los.
Ich war schon fast an der Tür, als er noch etwas sagte. »Diem?«
Ich zuckte zusammen und blickte mit hochgezogenen Augenbrauen über meine Schulter.
»Ich hab dich lieb.«
Seine sanften Worte ließen mich aufatmen. Dieser großzügige, rücksichtsvolle Mann, der vor all den Jahren alles für mich und meine Mutter aufgegeben hatte – dieser Mann war nicht der wahre Grund für meine Wut. Ich versuchte verzweifelt, das nicht zu vergessen.
»Hab dich auch lieb.« Ich hielt inne und fügte dann mit einem Augenzwinkern hinzu: »Sir.«
Er lachte schallend und scheuchte mich hinaus. Ich schnappte mir meinen Beutel und lief aus der Haustür, bevor er es sich anders überlegen konnte.
Unser Haus war ein einfacher kleiner Bau, versteckt in einer sumpfigen Bucht, die sich westlich vom Meer im Zentrum des Atolls von Emarion befand. Mein Vater hatte es mit eigenen Händen gebaut, denn er wollte ein ruhiges Heim, weit entfernt von den neugierigen Augen der Stadt. Es hatte Monate gedauert, die sumpfige Vegetation zu beseitigen, aber im Laufe der Zeit hatten er und meine Mutter dieses Haus zu der ruhigen Oase gemacht, die es jetzt war – ein schimmernder Diamant inmitten einer Schlammpfütze.
Dieses Haus war immer mein sicherer Hafen gewesen. Es steckte voller Erinnerungen: wie ich mit meiner Mutter auf der Veranda saß und Tinkturen herstellte, wie ich mit meinem Vater fischte und wie ich Teller durch den Wald jagte, der das Haus wie ein Schutzschild umgab.
Aber in den letzten Monaten hatten diese Mauern begonnen, sich leer anzufühlen. Als würde etwas fehlen.
»Er hat also herausgefunden, dass du das Pulver nicht mehr nimmst. Wie lange schon, einen Monat?«
Ich bedeutete meinem Bruder, still zu sein, und vergewisserte mich, dass Vater nicht in Hörweite war. »Ich weiß nicht, wovon du sprichst.«
Teller verdrehte die Augen und ging mit mir gemeinsam den Waldweg entlang.
Ich beäugte ihn misstrauisch. »Du wusstest es?«
»Natürlich wusste ich es. Du bist ein anderer Mensch, seit du aufgehört hast.«
»Bin ich das wirklich?«
»Ja«, sagte er, wobei sein Tonfall vermuten ließ, dass das Wort eine grobe Untertreibung war. »Ich bin überrascht, dass er so lange gebraucht hat, bis er es bemerkt hat.«
Ein paar Minuten gingen wir einfach schweigend weiter und lauschten dem Knirschen von auf dem Boden liegenden Zweigen und totem Herbstlaub unter unseren Stiefeln, bevor ich wieder sprach.
»Inwiefern anders?«
»Wenn ich es dir sage, versprichst du mir dann, dass du mir nicht böse bist?«
»Nein.«
Er schnaubte. »Genau das meine ich.«
Ich blieb stehen und drehte mich zu ihm um, starrte ihn an. »Was meinst du damit?!«
»Du bist wütend. Launisch. Polterst herum, fauchst einen an, wenn man es wagt, dir eine einfache Frage zu stellen, und tust so, als wäre jedermann dein Feind.«
Er hatte nicht ganz unrecht. In letzter Zeit spürte ich ständig, wie eine Wut in mir heranwuchs, die sich anfühlte wie glühendes Eisen in meinem Innern und die meinen Geduldsfaden erschreckend kurz werden ließ.
Anfangs schob ich es noch auf das Verschwinden meiner Mutter, aber das war jetzt Monate her und konnte nicht der Grund sein.
Wirklich verändert hatte ich mich erst in den Wochen, die folgten, seit ich die Flammwurz nicht mehr nahm. Da mein Verstand nun klar und meine Emotionen nicht mehr abgestumpft waren, fielen mir die Ungerechtigkeiten der Welt immer deutlicher auf, und zwar auf eine Weise, die ich immer schwerer ignorieren konnte.
Die abfälligen Kommentare von Tellers Klassenkameraden. Die geflüsterte Lästereien der Stadtbewohner. Die Gewalt und Gefühllosigkeit der Descended-Wachen.
Mein ganzes Leben lang hatte ich versucht, mir einzureden, dass es mir egal war, was andere dachten oder taten, aber als sich der Nebel in meinem Kopf zu lichten begann, erkannte ich, dass es mir absolut nicht egal war. Und ich hatte es satt, mir etwas anderes vorzumachen.
Ich runzelte die Stirn, als wir wieder im Gleichschritt über den ausgetretenen Pfad gingen. »Willst du mir jetzt auch noch einen Vortrag halten? Willst du, dass ich wieder die schweigsame, gehorsame Diem bin?«
»Du warst noch nicht einen Tag in deinem Leben schweigsam oder gehorsam.« Er stupste mich mit seiner Schulter in die Seite. »Und ich vertraue deinem Urteilsvermögen. Du bist eine der besten Heilerinnen des Reiches. Dafür hat Mutter gesorgt. Wenn du glaubst, dass du die Flammwurz nicht brauchst, dann wird das stimmen.«
Ich gab ein abfälliges Brummen von mir, obwohl mir warm in der Brust wurde. »Wenigstens ein Mitglied meiner Familie vertraut mir.«
»Vater vertraut dir. Er macht sich nur Sorgen um dich. Wir beide tun das.«
»Ich schwöre, es geht mir gut.Sollten die Symptome wiederkommen, nehme ich es wieder.« Ich seufzte, hakte mich bei ihm unter und zog ihn an mich. »Und du hast recht. Ich werde in letzter Zeit schneller wütend. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob es an der Flammwurz liegt oder …« Ich machte eine vage Geste, deutete auf die Welt um uns herum. »Allem.«
»Ich weiß.« Er wurde leiser. »Glaubst du, wir werden sie jemals wiedersehen?«
Ich wollte Ja sagen. Ich wollte ihm versichern, dass alles gut werden würde, und dass dies nur ein kurzer Aufreger in unserem ansonsten langweiligen Leben war.
Mehr noch, ich wollte es selbst glauben.
Aber Teller war schon immer die einzige Person, die ich nie anlügen konnte, selbst wenn die Wahrheit zu schmerzhaft war, um sie zu ertragen.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte ich ehrlich. »Ich dachte, ich würde irgendwie in meinem Herzen spüren, ob sie wirklich weg ist. Und Vater scheint überzeugt zu sein, dass sie noch irgendwo da draußen ist. Aber dass sie einfach so verschwindet, ohne sich zu verabschieden oder uns einen Brief zu schicken …« Ich kniff die Augen zusammen, um das Grauen zurückzudrängen, das in meine Gedanken sickerte. »Sie hatte schon immer Geheimnisse, aber das hier sehr ungewöhnlich, selbst für sie.«
»Und deine Nachforschungen haben nichts ergeben?«
Ich versteifte mich. »Es ist nicht nichts. Ich habe herausgefunden, dass sie in der Woche vor ihrem Verschwinden häufiger in den Palast gegangen ist. Einem der Royals ging es nicht gut, und sie haben sie fast jeden Tag rufen lassen. Seit ihrem Verschwinden geht Maura an ihrer Stelle hin, aber sie schwört, dass sie nichts Ungewöhnliches gesehen oder gehört hat.«
»Was ist mit dem Descended, mit dem du sie hast reden sehen?«
Die Erinnerung an ihn blitzte vor meinem inneren Auge auf – dunkle, von einer Narbe gezeichnete Züge, durchdringende Augen, diese fesselnde Stimme. Ich sah sein Gesicht jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, hörte sein leises Timbre in meinen Ohren flüstern, sobald meine Gedanken abschweiften. In den letzten Monaten, seit ich die beiden gesehen hatte, hatte ich nach irgendeiner Spur von ihm Ausschau gehalten, in der Hoffnung, er könnte etwas wissen, irgendetwas, das mir helfen könnte, sie zu finden.
Ich hatte den Fehler gemacht, ein paar Leute aus der Stadt zu fragen, aber sobald ich ihnen erzählte, dass meine Mutter einem gut aussehenden Descended in die Paradise Row gefolgt war, konnte ich förmlich in ihrem Blick sehen, dass sie mich innerlich auslachten. Kurz darauf begann sich das Gerücht, sie sei außerehelich schwanger geworden und aus Scham weggelaufen, zu verbreiteten wie ein Lauffeuer.
Der Gedanke daran brachte meinen Zorn wieder zum Brodeln. In Mortal City gerieten viele naive sterbliche Frauen in den Bann charmanter Descended, nur um schlussendlich mit gebrochenem Herzen und in Schande zu enden. Aber das würde meine Mutter nie und nimmer passieren – aus tausend Gründen nicht.
»Ich suche immer noch nach ihm«, antwortete ich mit fester Stimme. »Und ich werde nicht aufgeben. Ich werde sie finden, Teller.«
»Ich glaube dir. Wenn es jemand schafft, dann du.«
Wieder gingen wir schweigend weiter, ihre Abwesenheit lag wie ein Gewicht auf uns und machte die Luft um uns herum dick und schwer zu atmen.
»Du musst mich nicht zur Schule bringen, weißt du.« In Tellers sonst so sanfter Stimme schwang eine Schärfe mit, und ich fragte mich, ob meine neu entdeckte Reizbarkeit auf ihn abfärbte. »Ich bin kein Kind. Würde ich unter anderen Mortals leben, müsste ich nicht einmal mehr in die Schule gehen.«
»Was wäre ich für eine Schwester, wenn ich mein Lieblingsgeschwisterchen …«
»Dein einziges Geschwisterchen.
»Mein klügstes Geschwisterchen allein in die Höhle des Löwen gehen ließe? Es ist schon schlimm genug, dass du der einzige Mortal an einer Schule für Descended bist, aber du bist auch noch zehnmal klüger als diese blauäugigen Gören. Und sie wissen es. Wenn sie nur einen Funken Verstand haben, werden sie dich nach deinem Abschluss nächstes Jahr rekrutieren und dich über das Meer zu diesen schicken Forschungsinstituten in Sophos schicken.«
»Wenn sie mich überhaupt meinen Abschluss machen lassen«, murmelte er.
»Warum sollten sie nicht?«
Er drehte den Kopf weg und wich meinem Blick aus.
Ich packte ihn am Arm und zwang ihn, mich anzusehen. »Teller, was ist los?«
»Komm schon, D«, schnaubte er. »Du kennst die Vereinbarung.
Mutter dient der Krone als Palastheilerin, und ich darf die Schule für Descended besuchen.«
»Und?«
»Und sie dient der Krone nicht mehr.«
»Maura hat ihren Platz eingenommen. Sie haben immer noch eine Heilerin. Warum sollte es sie interessieren, wer es ist?«
Er zuckte mit den Schultern, seine dunkelbraunen Augen blickten zum Horizont.
»Vielleicht ist es ihnen wirklich egal. Aber dient Maura dem Palast ohne Bezahlung? Sie hat selbst eine Frau und Familie, für die sie sorgen muss, Diem. Ich kann sie nicht ständig bitten, das weiter für mich zu tun.«
Meine Schultern sackten herab. Ich war so in meine eigene Wut und Selbstmitleid vertieft gewesen, dass ich nicht einmal daran gedacht hatte, wie weit Mauras Großzügigkeit reichte.
Teller erwiderte endlich meinen Blick, seine Züge zeigten Entschlossenheit. »Vielleicht ist es so am besten. Ich hasse diesen Ort sowieso, und da Mutter weg ist, sollte ich arbeiten, damit ich …«
»Nein«, unterbrach ich ihn. »Falls – wenn – sie zurückkommt, wird sie mich köpfen, sollte ich jetzt zulassen, dass du hinschmeißt.«
»Aber …«
»Es ist nur noch ein Jahr. Lass das bis dahin meine Sorge sein.«
»Diem …«
