Glück in Kitz (eBook) - Christine Grän - E-Book

Glück in Kitz (eBook) E-Book

Christine Grän

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Beschreibung

Die Erfolgsreihe geht weiter: Martin Glück ermittelt in der beliebtesten Urlaubsregion Österreichs Christoph Moshammer, Schulkollege von Martin Glück und inzwischen Immobilienmogul in Tirol, lädt zum 30-jährigen Matura-Jubiläum in sein Chalet in Kitzbühel. Mit Corona-Impfnachweis natürlich. Martin sagt nur zu, weil er sich aufs Skifahren freut, und findet vor Ort so ziemlich alle Klischees bestätigt: Schampus, Schnee und Schickimickis. Aber schön ist es schon auch. Doch dann muss die ganze Gruppe in Quarantäne, und am nächsten Morgen wird Christoph tot aufgefunden – in seinem Hals steckt ein Dartpfeil. Verdächtige gibt es reihenweise. Ermittlerin Helga Kirchberger tappt im Dunkeln, sehnt die Pensionierung herbei und lässt sich, sobald Martins Quarantäne beendet ist, vom »Burschi aus Wean« bei der Mördersuche helfen ...

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Grän & Mezei

Glück in Kitz

Kriminalroman

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (Erste Auflage 2022)

© 2022 by ars vivendi verlag GmbH & Co. KG,

Bauhof 1, 90556 Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

www.arsvivendi.com

Lektorat: Dr. Felicitas Igel

Umschlaggestaltung: FYFF, Nürnberg

Motivauswahl: ars vivendi

Coverfoto: © timotheus-wolf/unsplash.com

eISBN 978-3-7472-0431-3

Inhalt

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GLOSSAR

Die Autorinnen

1

Eine Entscheidung über Leben und Tod? Du übertreibst, sagt sich Martin. Er, der sonst keinen Hang zur Dramatik hat (obwohl einige Frauen vielleicht anderer Meinung wären), steht auf seinen Skiern in 1.665 Höhenmetern über Kitzbühel. Bergstation Hahnenkammbahn. So wie vor einem Vierteljahrhundert. Damals ist er die berühmt-berüchtigte Streif ohne Zögern runtergefahren, nicht im Traum hätte er daran gedacht, die rot markierte Familienabfahrt zu wählen. Die Schneeverhältnisse sind gut heute, doch jeder weiß, dass die Steilstücke der Streif heftig sind. Ein Fahrfehler, und du fliegst und rutschst noch ein paar Hundert Meter. Die Abfahrt der spektakulären Stürze. Wann hat er begonnen, sich vor dem Hinfallen zu fürchten? Als er sich auf dem Idiotenhügel einen Achillessehnenriss zuzog? Weiß doch jeder, dass die simplen Stürze die größten Schäden anrichten. Aber ein Gefälle von 85 Prozent kann dich schon das Fürchten lehren …

Die anderen haben ihm respektvoll »Ski Heil« gewünscht, als er am Morgen das Chalet verließ. Keiner wollte mitkommen. Christoph entschuldigte sich mit einem dringenden Termin, seine Frau klagte über Kopfschmerzen, der Rest hatte ebenfalls mehr oder weniger gute Ausreden parat, und so ist Martin Glück allein zur Bahn gegangen, hat 22 Euro für eine einfache Fahrt bezahlt und ist nach oben gefahren. Die schwierigste Ski-Rennstrecke der Welt. 103 Stundenkilometer Durchschnittsgeschwindigkeit. Natürlich brettern die Amateure nicht in der Falllinie runter, und die 3,3 Kilometer lange Strecke auch nicht in einem Stück. Trotzdem … muss er eine Entscheidung treffen. Das Wetter ist gut für Anfang Jänner. Kalt und sonnig, kaum Wind. Klare Sicht. Eine Frage des Muts. Der einem Ende vierzig allmählich abhandenkommt. Worüber er sich hier und jetzt Gedanken macht. Seine Skier zeigen in Richtung Streif.

Neben ihm stehen drei junge Männer, wahrscheinlich Einheimische. Sie tragen keine Helme, in Tirol und Vorarlberg gibt es keine Pflicht wie im Rest Österreichs. Ein bisserl spöttisch schauen sie ihn an, den Touristen. Einer sagt: »Mogst nit vorausforn?« Martin sendet einen mörderischen Blick durch die Skibrille: »Ich lass euch den Vortritt. Jugend vor Schönheit.« Und damit ist es entschieden. Er wählt die Streif. Die drei stoßen eine Art Jodler aus und brettern talwärts, er sieht sie in die »Mausefalle« springen.

85 Prozent Gefälle, es kommt einem fast senkrecht vor. Und dann schaut er nach oben in den blassblauen Himmel, murmelt »auf geht’s« und fährt los. Nicht vertikal nach unten, sondern seitlich in den Hang. Mit Kurven links und rechts und unter Einsatz der Kanten. Breitbeinig außerdem, für die Ästhetik des Skifahrens gibt es auf der Streif keinen Preis. Für die Rennfahrer zählen die Zehntelsekunden – und für die Normalos, dass sie es möglichst sturzfrei bis ins Ziel schaffen.

Es sind nur wenige Skifahrer auf dieser Strecke unterwegs. Zwei Japaner stehen am Pistenrand und sehen verängstigt aus. Die drei Tiroler sind längst auf und davon. Die wurden quasi mit Skiern an den Füßen geboren, während die Wiener erst ein gutes Stück anreisen, um in die Berge zu kommen. Martin kann seinen Atem sehen und die Spitzen seiner Carvingskier, als er vom Karussell in den Steilhang einfährt. Stockeinsatz, um Geschwindigkeit rauszunehmen. Möglichst weite Kurven fahren. An nichts mehr denken, nur die Skier richtig belasten, nicht in Rückenlage geraten, die harten Buckel und Stöße mit den Knien abfangen. Vielleicht 50 Stundenkilometer hat er drauf, und im Rausch der Geschwindigkeit fühlt er so was wie Glück. Auf jeden Fall keine Angst mehr … Adrenalin lässt grüßen.

Hinein in den relativ flachen »Brückenschuss«, in dem er die Skier gleiten lässt, ein paar Wedelschwünge, dann geht es in die steile »Alte Schneise«, in der er wieder breitbeinig kurvt und kantet, um nicht zu schnell zu werden. Die Oberschenkelmuskeln melden sich mit schmerzhaftem Brennen, er hat sie lang nicht mehr so strapaziert. Ich werd morgen furchtbare Spatzn haben, denkt Martin, während er auf die Seidlalm zufährt. Er bremst ab und bleibt am Pistenrand stehen, beinah am Ende seiner Kräfte. Aber er hat schon fast die Hälfte der Strecke geschafft und kann die Seidlalm-Hütte sehen, die direkt an der Rennstrecke liegt und ihn aus drei Gründen anlockt: Erschöpfung, Durst, Hunger. Und so fährt er wieder los, um vor dem Gasthaus den besten von allen zu machen: den Einkehrschwung. Skier ab, gegen die Hauswand stellen, und hinein mit zitternden Knien. Man geht sowieso blöd mit Skischuhen, ein bisserl wie ein fußkranker Pinguin. Helm und Skibrille ab, Handschuhe aus, Maske auf. Er zeigt seinen Handycode mit Impfstatus am Eingang. Es ist kurz vor zwölf, noch wenige Gäste, und so bekommt er einen Tisch für sich allein. Alles Holz hier, urig bis hin zu den Kellnern in Lederhosen und Tiroler Wams. Martin zieht seinen Anorak aus und lockert die Schnallen der Skischuhe. Flatternde Hände, er ist echt fertig von dem für seine Verhältnisse wilden Ritt über die Streif. Halbzeit. Martin hat neun Minuten gebraucht, der Streckenrekord liegt bei 1:51,58 Minuten – für die Gesamtstrecke. Gefahren von seinem Landsmann Fritz Strobel. In Österreich sind Skirennfahrer Helden. Weil es sonst so wenige Helden gibt. »Wos mogst?« Auf den Almhütten wird geduzt. In dieser gibt es noch Bedienung am Tisch, im Gegensatz zu vielen Gasthäusern, die auf Selfservice umgestellt haben. Wo man in Skischuhen an der Theke entlangschlurft, das Tablett in der Hand, und darauf hofft, nicht auszurutschen. Schon gar nicht mit einem voll beladenen Tablett. Martin bestellt ein kleines Bier und eine Kaspressknödelsuppe. Die Maske hat er inzwischen abgelegt, der Kellner trägt eine mit dem Tiroler Wappen. An den Nebentisch setzt sich ein Ehepaar, das russisch spricht. Die Frau nimmt ihre Nerzkappe ab und schüttelt rotblonde Locken. Sie ist sehr hübsch. Der Mann ist ohne Helm kahl und stiernackig. Leibhaftiges Russenklischee. Martin erinnert sich an einen Artikel über Kitzbühel, in dem über angebliche Geheimabsprachen von Hoteliers berichtet wurde, die sich auf eine »Russenquote« von maximal zehn Prozent der Gäste einigten. Dieser Deal schlug hohe Wellen, als er rauskam, und wurde danach von allen Beteiligten heftigst dementiert.

Der Kellner bringt sein Bier, und Martin trinkt einen genussvollen Schluck. Nebenan wird Schampus bestellt. Die Oligarchen kaufen sich in immer noch größerem Rahmen in Kitz ein. Sagt Christoph, der in Tirol und vor allem Kitzbühel mit Immobilien reich geworden ist. Martins Klassenkamerad. Gastgeber des dreißigjährigen Maturatreffens, zu dem gestern Abend nur sieben Leute im Chalet in Aurach eintrafen. Bestlage. Neun Schlafzimmer. Ein riesiger Wohnraum mit gigantischem Kamin, Bibliothek, ein Spieleraum mit Billardtisch, Dartboard, Wuzzler und Co, eine Küche, die alle Stückl spielt – was der Mensch so braucht für ein gemütliches Zuhause.

Wenn mehr Leute gekommen wären, hätte er den Rest der Truppe in einem Hotel untergebracht, meinte Christoph. Aber Corona … viele haben abgesagt. Christoph Mosburger war kein beliebter Schüler, vielleicht auch das ein Grund, warum die Einladung nicht mehr Ehemalige angezogen hat. Für Martin bot sie einfach die Gelegenheit, wieder einmal Ski zu fahren. Normalerweise wär ihm der Ort, den die Eingeweihten Kitz nennen, zu teuer. Nix für ein Polizistengehalt. Und auch zu schickimicki für seinen Geschmack. Münchner und Wiener Geldadel, Societyhasen und reiche Russen. Seine Knödelsuppe kommt, und Martin bestellt noch ein Bier.

Wenn es nach Reichtum geht, hat Christoph es sicher am weitesten gebracht. Denkt Martin. In seiner Erinnerung war der alte Mosburger ein angesehener Architekt, der seinen Sohn ziemlich mies behandelte. Die Mutter starb bei einem Autounfall. Keine Geschwister. Christophs bester Freund war damals Thomas Böhm. Sie haben sich nach der Matura alle irgendwie aus den Augen verloren, doch die Freundschaft der beiden blieb wohl bestehen. Denn Thomas und Christoph begrüßten sich sehr vertraut. Umarmung. Schulterklopfen. Wangenküsse für Nicole, die zweite Frau des Gastgebers.

Die ist, soweit Martin das mitbekommen hat, Influencerin. Ein neuer Berufszweig, der sich ihm nie ganz erschlossen hat. Sie ist jung, dünn, hübsch und irgendwie mit ihrem Handy verwachsen. Gibt es nie aus der Hand und fotografiert vorwiegend sich selbst. Martin fand das schon am ersten Abend ziemlich nervig, obwohl sie wahnsinnig freundlich war zur kleinen Truppe von Ex-Maturanten. Zu der gehört außer Christoph, Thomas und ihm selbst auch Sandra Novak, Barbesitzerin im Ersten Bezirk in Wien. Sie trägt kupferrote Locken und betont ihre Figur mit engen Pullovern und glänzenden Leggings. Dann noch Marion Jelinek, die Zahnärztin, die Martin beim letzten Klassentreffen in Wien sehr nett fand, bis sie nach dem dritten Glas Wein nicht mehr aufhörte zu reden. Mit von der Partie ist zudem Stefan Draxler, der schon zu Schulzeiten der klassische Nerd war, der Klassenbeste in Mathe und Physik. Er studierte Biologie und ist ein leidenschaftlicher Umweltschützer, wie er sie alle schon ganz am Anfang wissen ließ. Mit einem Seitenblick auf den Gastgeber, den Martin seltsam fand. Schließlich Fritz alias Frederic Thalhammer, wie er sich als Krimiautor nennt. Seine Bücher sind nicht so wahnsinnig erfolgreich, aber nach eigenen Angaben kann er von seiner Kunst leben. »Natürlich nicht derart opulent wie du, Christoph«, fügte er hinzu. Der Gastgeber lächelte milde. Seine Frau zwitscherte. Manche Frauen lachen, andere zwitschern. Und zu guter Letzt Oliver Markovits, die Sportskanone der Klasse. Werkt während der Wintermonate als Promi-Skilehrer in Kitz und ist für die Zeit des Maturatreffens von seiner kleinen Wohnung gerne ins Mosburgersche Chalet übersiedelt.

Zum ersten gemeinsamen Abendessen ließ Nicole Platten mit Sushi und Sashimi auffahren. Dazu Winzersekt, Sake und japanisches Bier. Letzteres für Martin, der die Wahl der Speisen ziemlich abgefahren fand. In den Bergen bei Schnee und Minustemperaturen kalter Fisch mit und ohne Reis? Dazu erzählten Christoph und Nicole von ihrer letzten Japanreise und all den Köstlichkeiten, die sie während der zwei Wochen verspeist und für die sie ein kleines Vermögen ausgegeben hatten, wie Christoph einwarf. Für den Auftakt des Maturatreffens engagierten sie daher einen japanischen Koch aus Wien, den man tageweise buchen könne. »Aber morgen lad ich euch zum Stanglwirt ein, der Meister zieht weiter zu Signe Reisch, die im Rasmushof eine asiatische Party schmeißt.«

Gott sei Dank, dachte Martin, halt so ein Wiener Gourmet in Richtung Schnitzel und Backhendl. Zum Nachtisch gab es Wagashi und Yogashi, traditionelles und westlich inspiriertes Dessert. Kaki-Pudding, Matcha-Kokos-Schnitten, Hanami Dango, süße Reisbällchen am Spieß und noch einige Spezialitäten mehr, deren Namen er sich nicht gemerkt hat. Martin hielt sich an Bier und Sake. Redete nicht viel, das taten die anderen schon. Thomas über sein letztes Bauprojekt für einen Russen in Wien. Marion über ihren Ex-Mann, der auch Zahnarzt ist, aber trotzdem ein Schwein. Stefan sprach über seine Umweltaktivitäten, nicht aber seinen Beruf, und Fritz dozierte über sein neues Buchmanuskript – die Überraschung des Jahres. Er war schon in der Schule ein Angeber gewesen. Sandra klagte über die schweren Einbußen durch die Coronapolitik, wo ihre Bar doch bis 2020 soooo super im Geschäft war. Christoph blieb eher schweigsam und schenkte nach, während Nicole abwechselnd das Essen und sich fotografierte.

Alle am Tisch waren dreimal geimpft, eh klar. Nicht dass Christoph die Impfnachweise kontrolliert hätte, man kennt sich doch – und das seit fast vier Jahrzehnten. Zu späterer Stunde, nach dem Espresso und noch mehr Umdrehungen, wurden die alten Geschichten ausgepackt. Die paar Streiche, die sie den Lehrern gespielt hatten, und einiges mehr, das gar nicht so lustig war. Weißt du noch, wie …? Martin erinnerte sich, dass Christoph und Sandra was am Laufen hatten in der Maturaklasse, aber war da nicht auch was mit Marion? Nach ein paar Partien Billard und Darts im Spielezimmer verabschiedete sich Martin dann als Erster und wünschte den anderen eine gute Nacht, schließlich hatte er eine Entschuldigung: Er musste fit für die Streif sein.

Bin ich ja auch beinahe, denkt er in seiner Pause auf der Seidlalm-Hütte und bestellt noch einen Espresso und die Rechnung. Nicht mehr so wie früher, aber die erste Hälfte der Abfahrt hat er doch bravourös hinter sich gebracht. Mit diesem Gefühl geht er nach dem Zahlen zu seinen Skiern, schnallt sie an, greift nach den Stöcken und spürt das Adrenalin und den Schmerz in den Oberschenkeln, als er den Lärchenschuss fährt, den Hausberg, die Hausbergkante, die er nicht springt, sondern durch seitliches Abrutschen bewältigt. Beinhart der Untergrund, all die Wellen und Buckel und Schläge auf die Skier muss er abfedern, sodass er ein paarmal abschwingt und keuchend stehen bleibt, bis er wieder zu Kräften kommt. Und dann das letzte Stück, der Zielschuss, berüchtigt für furchtbare Stürze, weil viele Läufer Konzentration und Kondition verlassen. Martin auch, er bremst immer wieder ab und denkt: Jetzt nur nicht nachlassen auf den letzten Metern. Und als er unten ist, im Ziel, da lässt er sich einfach fallen. Vor Erschöpfung. Vor Freude. Ohne Sturz und ohne Bruch die Streif geschafft!

»Hast dir wehtan?«, fragt eine Stimme von oben.

Martin öffnet die Augen. »Na, ich bin nur fertig, steh gleich wieder auf.«

Ein Handschuh streckt sich ihm entgegen, eine Hand hilft ihm beim Hochkommen. Eine Sie, wie er feststellt. Unter Helm und Brille und dickem Anorak ist nicht viel zu erkennen. Sie ist schon älter und spricht tirolerisch. »Für Touristen isch die Streif nit zu empfehlen, junger Mann. Kannst froh sein, dassd no ganz bischt.«

Sagt’s und verlässt ihn in Richtung Seilbahn. Martin hingegen schnallt seine Skier ab, nimmt sie auf die Schulter und geht zum Auto. Er hat weiche Knie und fühlt sich, als hätte er einen Marathon gelaufen. Aber ein bisschen stolz ist er auch. Was soll jetzt noch passieren in den nächsten Tagen in Kitz?

2

Martin bildet das Schlusslicht. Also fast. Nur Nicole ist noch langsamer als er, sie bleibt ständig stehen, um (sich) zu fotografieren und zu filmen und das Ganze für ihre Follower zu kommentieren. Wie Christoph das aushält, fragt sich Martin. Für diese – zugegeben schöne und charmante – Social-Media-Queen, die im tiefsten Winter Sushi servieren lässt, hat der seine kluge und attraktive Frau samt Kind verlassen. Typisch hormongesteuert. Dazu ein Schuss Angst vor Alter und Tod, und fertig ist der Giftcocktail namens Scheidung.

Er spürt sämtliche Muskeln in den Oberschenkeln, sogar jene, deren Existenz ihm bisher unbekannt war. Sein gemächliches Tempo erlaubt ihm, sich nicht nur am Anblick der coronabedingt spärlich bevölkerten Altstadt zu erfreuen, er kann auch die Vorausgehenden genauer beobachten. Denn der Gang eines Menschen sagt einiges über seine Persönlichkeit aus – das hat er vor ein paar Jahren in einem Körperspracheseminar gelernt.

Sein Fazit damals: Es ist was dran. Zum Beispiel Fritz Thalhammer: wackelt beim Gehen unmerklich hin und her, was auf Entscheidungsschwäche hindeuten könnte. Tatsächlich ist Fritz seit Jahren verlobt, ohne sich für die Ehe entschließen zu können. Erzählte er zwischen zwei Sushis und schien auch noch stolz darauf.

Oder Thomas Böhm, der Architekt, der sich aus kleinen Verhältnissen emporgearbeitet hat: geht mit vorgeneigtem Oberkörper und offenbart einen Hang zum Perfektionismus. Perfekt auch sein Äußeres: gepflegter Dreitagebart, untadeliger Kurzhaarschnitt, schlanke Figur, sportlichelegantes Outfit, dem man den Preis ansieht, das aber trotzdem noch in die Kategorie Understatement fällt. Absolut stimmiges Bild eines erfolgreichen Mannes in den sogenannten besten Jahren.

Marion Jelinek, obwohl als Zahnärztin ebenfalls erfolgreich, scheint hingegen nicht vor Selbstbewusstsein zu strotzen. Der Gang mit den Fußspitzen leicht nach innen verrät es. Oder sie hat ein Problem mit diesem Maturatreffen. Aber dann hätte sie ja leicht absagen können, oder?

Christoph Mosburger und Stefan Draxler dürften beide eine gesunde Portion Aggressivität in sich tragen, was ja per se nichts Schlechtes ist. Denkt Martin, der sein leicht raschiges Wesen inzwischen gut im Griff hat. Glaubt er. Allerdings wundert ihn das bei Stefan, dem ruhigen, introvertierten Biologen, der noch genauso dürr ist wie als Maturant: Beide gehen schnell und bewegen Brustkorb und Becken dabei stärker als andere.

Sandra Novak mit etwas breiterem Gang und nach außen zeigenden Fußspitzen scheint es nicht so mit der Empathie zu haben und zu Übertreibungen zu neigen. Was sich mit seinen Erinnerungen an sie deckt. Schon in der Klasse galt sie zwar als beliebt, aber auch ganz schön hinterfotzig. Man musste sich vor ihr in Acht nehmen.

Oliver hingegen kann sein leichtes Schwanken, also die Entscheidungsschwäche, durch seinen sportlichen Gang ganz gut kaschieren. Mit den blonden Haaren, dem kantigen, gebräunten Gesicht und der betont coolen Art erinnert er Martin ein wenig an Alex, Dauermieter in Romanas Villa am Wörthersee. So ähnlich dürfte Alex in zwanzig Jahren aussehen.

Ihn selbst könnte man dank seines Muskelkaterhumpelns im Moment schwer einordnen. Aber er kennt sich gut genug, um zu diagnostizieren: Perfektionismus im Job, Entscheidungsschwäche im Privatleben. Nicole vermag er auf diesem Wege nicht zu beurteilen, weil sie ja hinter ihm geht. Außerdem wird ihr Gang durch ihren schwingenden, fast bodenlangen Zobel verdeckt. Ganz schön mutig von ihr, in diesen Zeiten echten Pelz zu tragen, denkt Martin noch. Aber vielleicht ist das in Kitz normal.

»Hast Muskelkater?« Marion gesellt sich zu ihm und passt sich seinem Tempo an. Martin freut sich über ihre Gesellschaft. Jetzt ist sie wieder mehr wie früher, als er sie beim Maturaball geküsst hat. Herzlich, lieb und immer noch sexy. Beim letzten Klassentreffen in Wien hat sie ihn mit übermäßiger Trinkfreudigkeit und daraus resultierendem Redefluss ja noch in die Flucht geschlagen. Aber das war wohl ihrer Scheidungskrise geschuldet. Jetzt dürfte sie sich wieder derappelt haben. Am Sushi-Abend hat sie zwar über ihren Ex geschimpft, aber moderat getrunken.

»Das kannst laut sagen!« Ein der Streif geschuldeter Muskelkater ist wahrlich nichts, wofür man sich schämen müsste. Die allgemeine Bewunderung war ihm denn auch garantiert, als er sich nach seinem Abenteuer über die Türschwelle ins elegante Chalet geschleppt hat. Kurzer Erlebnisbericht und ein Bier, danach Ausruhen, Sauna, Massage – das volle Programm. Oliver Markovits, der nach der Matura seine Nebenbeijobs als Tennis- und Skilehrer in Wien und Kitz zum Beruf gemacht hat, kennt sich aus mit lädierten Muskeln. Seine Behandlung hat echt gutgetan.

»Jetzt geht’s aber schon wieder halbwegs. Zumindest kann ich euch nachhumpeln.« Er lächelt Marion an. Die blonden Strähnen im schulterlangen brünetten Haar stehen ihr gut. Ob sie noch Single ist?

Sie lässt ihren Blick gerade links und rechts durch die Altstadt wandern. »Viel ist hier aber nicht los.«

»Die Angst vor Corona und die Auflagen für Restaurants und Hotels bremsen halt die allgemeine Reisefreudigkeit«, sagt Martin. »Versteh ich auch. Wenn Christoph uns nicht in sein Haus eingeladen und einen Impfnachweis verlangt hätte – also, ganz ehrlich, dann wär ich auch nicht hier.«

»Aber geh! Man muss eh überall geimpft und teilweise auch getestet sein«, meint Marion. »Sogar beim Hahnenkammrennen sind heuer nur tausend Zuschauer erlaubt.« Sie starrt plötzlich ins Narrenkastel, und ihre Augen werden verdächtig feucht. »Vor Jahren war ich einmal hier mit meinem Ex und unserer Tochter. Als wir noch eine Familie waren.«

Martin versucht abzulenken. »Sag, woher kommt eigentlich das blöde Wort ›Muskelkater‹?«

»Keine Ahnung«, erwidert sie, am Thema nicht sonderlich interessiert.

»Hier stinkt es irgendwie!«, beschwert sich Nicole hinter ihnen.

Ihr Mann ist stehen geblieben. »Vielleicht hat wer einen Kamin eingeheizt, und bei Tiefdruck riecht man den Rauch. Sei halt nicht so zickig!« Während von Nicole ein beleidigtes Schnauben zu hören ist, nimmt Martin das Ablenkungsthema wieder auf. Zu Marion: »Muskelkater, ich glaub, das kommt irgendwie von Katarrh oder so, hab ich einmal gelesen.« Lauter: »Wisstʼs ihr noch, wer das war in unserer Klasse, der ständig Wörter in einem etymologischen Wörterbuch nachgeschaut und damit alle genervt hat?« Gesagt, bereut. Denn noch bevor die anderen stehen bleiben und ihr betretenes Schweigen Bist deppert? signalisiert, fällt es ihm ein: Daniela.

Um Gottes willen, die arme Daniela! Er könnte sich ohrfeigen. »Entschuldige, Fritz, wie unsensibel von mir.«

»Ist ja auch schon lang her«, kommt es kalt und kurz von Fritz Thalhammer, der rasch weitergeht.

Thomas Böhm rettet die Situation. »Ist schon idyllisch, Kitzbühel bei Nacht, noch dazu fast menschenleer. Wisstʼs ihr eigentlich, wo es eine zweite Kitzbüheler Altstadt gibt?«

»Minimundus?« Erleichtertes Gelächter.

»Der Gestank ist ekelhaft!« Wieder Nicole, ihre Stimme klingt quengelnd.

»Blödsinn. Nein, in Südkorea«, will Thomas eine Erklärung beginnen und ignoriert Nicoles hypersensible Nase.

»Wieso Südkorea?«

Nicole: »Riecht ihr das nicht?«

»Nicole, jetzt nerv uns nicht!«, mischt sich Christoph ein. Mit einem Seitenblick auf Thomas: »Mein Freund weiß, wovon er spricht. Schließlich war er mit meinem Vater auf Dienstreise dort. Und um es gleich vorwegzunehmen – du gestattest, Thomas – ein verrückter koreanischer Geschäftsmann hat in einem Skigebiet dort die Altstadt von Kitzbühel und den Stanglwirt nachbauen lassen. Ist aber schon zwanzig Jahre her, und der Stanglwirt in Going schaut heut ganz anders aus. Werdetʼs später eh sehen. Aber da simma schon, da rechts is das Lokal, wo wir zuerst einen Aperitiv trinken werden, das Ursprungs-Beisl, von dem ich euch erzählt hab. Gemma rein.«

Das war jetzt aber wirklich nicht die feine englische Art, Thomas seine Geschichte wegzunehmen, denkt Martin. Ist da Eifersucht im Spiel? Die beiden waren doch immer wie Brüder, und Thomas ist die ganze Schulzeit bei den Mosburgers ein und aus gegangen, hat nach dem Studium sogar im Mosburgerschen Architekturbüro gearbeitet. Christoph dagegen hatte immer schon Probleme mit seinem Vater.

»Hier stinktʼs ja auch«, empört sich Nicole, als sie das Lokal betreten und ihre Handys mit dem grünen Pass vorweisen. Sandra – offenbar nicht besonders technikaffin – zeigt einen papierenen Impfpass.

Christoph scheint es nun endlich auch zu riechen. Kollektives Schnüffeln, da lacht Sandra plötzlich laut auf: »Dein Pelz brennt, Nicole! Ich glaub, ich spinn!« Ihr spontanes Kichern wird rasch von künstlichem Hüsteln erstickt.

Nicole schreit hysterisch auf und versucht, sich den Mantel vom Leib zu reißen, scheitert aber daran, dass sie ihr Handy nicht loslassen will. Die Reaktionen der anderen reichen von Entsetzen über kaum verhohlene Schadenfreude bis hin zu dilettantischen Versuchen, das glimmende Feuer zu löschen. Das gelingt schließlich zwei Kellnern mit Decken.

Nicole steht fassungslos neben ihrem zerstörten Zobel. Immerhin hat sie den Vorfall in einem Video festgehalten und kann ihn als »Mordversuch in Kitz« ins Netz stellen. Den Mantel allerdings kann sie vergessen. »Vielleicht lässt sich noch eine kurze Abendjacke daraus machen«, sagt sie. Weil sie doch so ungern Sachen wegwirft. Wegen der Umwelt und so.

Man führt sie zum reservierten Tisch unter dem alten Gewölbe. Christoph wird als Stammgast hofiert, Nicole spricht in ihr Handy und klagt, dass sie tatsächlich hätte verbrennen können! Oder vorher den Mantel ausziehen, denkt Martin, den jetzt alle ansehen, als müsste er den Fall stante pede lösen.

Bei Bier und Wein oder Schampus wird darüber diskutiert, wer es auf den Zobel abgesehen haben könnte. Militante Tierschützer? Oder war es nur eine fahrlässig weggeworfene Zigarette? Christoph ist sich sicher, dass es die örtlichen Umweltschützer waren, ein »ekelhaftes Pack«, wie er meint. »Drohungen hab ich von denen eh schon genug bekommen.«

»Was für Drohungen?«, fragt Martin interessiert.

»Ach, vergiss es! Trink ma aus und gemma zurück zum Auto. In fünfzehn Minuten müssen wir beim Stanglwirt sein.«

Sie sitzen in der Wirtsstube der sogenannten Stangl-Alm, einem von mehreren Restaurants des riesigen Hotels. Offener Kamin, zwei Zitherspieler, Blick durch ein Fenster auf Kühe im Stall – Bauernzoo für Touristen. »400 Jahre alt, unverfälschte Tiroler Tradition in historischem Ambiente« – so hat Christoph versucht, ihnen die gigantische Erlebniswelt Stanglwirt als urig schmackhaft zu machen, und mit staunenden Städtern gerechnet. Oliver ausgenommen, denn der geht als Skilehrer zahlreicher Promis in diesem Hotel ohnehin ein und aus.

Doch Martin hört nur mit einem Ohr zu. Seine Gedanken sind bei Tiroler Gröstl und ähnlich Deftigem, auf das er großen Appetit hat. Er wäre gerne neben Marion gesessen, das hat sich aber nicht ergeben. Stattdessen ist Sandra seine Sitznachbarin auf der einen Seite, und Stefan hat auf der anderen Platz genommen. Neben Sandra sitzt Fritz, der an diesem Abend eher schweigsam ist. Ihm gegenüber Marion zwischen Thomas und Oliver. An Kopf und gegenüberliegendem Ende der Tafel, wie es sich für formelle Gastgeber gehört, Christoph und Nicole.

Obwohl Nicole auch bei Tisch mit ihrem Handy beschäftigt ist, ist die Stimmung gut. Vielleicht gerade deshalb. Man ist quasi unter sich, erinnert einander an amüsante und weniger amüsante Schulzeiten, verhasste oder geliebte Lehrer.

»Der Holzer in Physik, ein echter Sadist!«

»Eh scho tot.«

»Physik war doch super«, wirft Stefan ein.

»Ja, für dich und den Rüdiger vielleicht. Wir anderen haben es verflucht«, spricht Oliver allen aus der Seele.

»Immer, wenn er Warum gefragt hat, war ich aufgeschmissen«, erinnert sich Marion.

»Und der Wichtigtuer, der Rüdiger, hat uns vernadert, wenn wer eingesagt hat.«

»Na, na«, meint Martin, der sich an Rüdigers gewaltsamem Tod in Salzburg immer noch mitschuldig fühlt. »Rüdiger war ein bisserl nervig, aber letztlich ein patenter Kerl. Er hat mit mir eine Bande von Medikamentenschmugglern zur Strecke gebracht.«

Fritz: »Ah ja, da stand was in der Zeitung. Wie war das damals?«

Doch Martin zuckt nur mit den Schultern. Er will nicht näher darauf eingehen. Zu schlimm sind die Erinnerungen an Salzburg und an Caro.

»Wieso ist eigentlich diese Handymaus ständig dabei? Die ghört doch nicht zu uns«, beschwert sich Sandra halblaut, als Nicole kurz für »Außenaufnahmen« den Raum verlässt und Christoph in ein Gespräch mit dem Geschäftsführer vertieft ist. Martin erinnert Sandra daran, dass Nicole als Christophs Frau ja die Gastgeberin ist.

»Seine Frau, ha!«, ätzt Sandra weiter. »Ich dachte ja, der Christoph ist geschieden.«

»Bist deswegen gekommen, Sandra?«, fragt Oliver mit einem Augenzwinkern. »Der hat dir doch schon immer gefallen, oder? Und ich hab nie eine Chance bei dir gehabt.«

»Was heißt gefallen!?« Sandra sieht Oliver empört an. »Wir waren sogar einmal ein Paar. Ist zwar lang her, aber geprickelt hatʼs noch jahrelang zwischen uns. Sag, ist euch auch so heiß? Ich schwitze regelrecht.«

Das Wort »Wallungen« hängt in der Luft, doch niemand spricht es aus. Hingegen zeigt sich Marion empathisch: »Du wusstest nicht, dass er nach seiner Scheidung wieder geheiratet hat?«

»Ach was, auch egal!«, schlüpft Sandra wieder in die Rolle des herben Vamps, schüttelt ihre roten Locken und beendet damit das Thema.

»Ich hab Gerüchte gehört, dass unser Gastgeber seine Influencerin wieder loswerden und zur ersten Frau zurückwill«, flüstert Oliver Martin ins Ohr. Meine Güte, Gerüchte! Andererseits würde es ihn für Anna, Christophs Ex, freuen. Er hat sie nicht besonders gut gekannt, aber sie schien ihm eine sehr sympathische Frau zu sein.

Am Nebentisch prosten zwei deutsche Eheleute einander zu: »Hat pfundig geklappt mit der Bauwidmung! Auf unser neues Zweitheim in Kitz!«

»Wetten, dass die aus München sind?«, sagt Thomas. »Kitzbühel ist mittlerweile ja ein Vorort der bayrischen Metropole.«

»Ich hoffe, ihr habt nichts gegen Münchner«, mischt sich jetzt Nicole ein, die gerade an den Tisch zurückkehrt und den letzten Satz gehört hat. »Ich komm schließlich von dort.«

»Nein, warum sollten wir?«, erwidert Oliver.

Und auch Christoph, der Wahltiroler, beteiligt sich wieder an der allgemeinen Unterhaltung: »Bayern und Kitzbühel verbindet ja schließlich mehr als die Kitzbüheler Ache, die in Tirol entspringt und in den Chiemsee fließt. Außerdem war Tirol lange Zeit Teil des Herzogtums Bayern, da dürfen die Münchner schon in ihre alte Heimat zurückkehren.«

»Wogegen du als Immobilienmakler sicher nichts hast«, grinst Martin.

»Vor allem, weil eh nur die Betuchten herkommen. Die Gamsstadt gilt immerhin als Alpenausgabe von Reich und Schön«, lacht Marion. »Und eins muss man den Kitzbühelern lassen: Sie nehmen großzügigerweise auch nicht-deutsche Häuslbauer auf, sofern sie in die Schar der Superreichen passen.«

Alle lachen. Außer Stefan. Er blickt böse in die Runde. »Wie könntʼs ihr darüber Witze machen? Diese reichen Pinkel kaufen sich Zweit-, Dritt- und Viertwohnsitze um zwanzigtausend Euro pro Quadratmeter, und die Einheimischen können sich hier das Wohnen nicht mehr leisten.«

Fritz nickt zustimmend.

»Aber geh, jetzt sei net so streng, Stefan. Immerhin bringen sie viel Geld nach Tirol«, versucht Christoph den Schulkollegen zu beruhigen.

»Geld, Geld, immer nur Geld. An die Umwelt denkt keiner, wenn da alles zugepflastert wird«, sudert Stefan vor sich hin. Doch dann werden Tiroler Gröstl, Kasspatzen, Schnitzel und Speckknödel serviert – Nicole nimmt einen kleinen Salat zu sich –, und mit jedem Bissen wird es friedlicher am Tisch. Gutes Essen, Wein und Bier beruhigen die Gemüter. Beim Nachtisch erzählt man sich von Familie und Beruf. Marion berichtet stolz von ihrer Tochter, die Medizin studiert und in der Zahnarztpraxis schon ein bisschen mithilft. Fritz erzählt, dass er seine Krimis vorerst ad acta gelegt hat und für seinen neuen Familienroman recherchiert, unter anderem in Kitzbühel, wo seine Großeltern herkommen. Sandra klagt über Umsatzverluste in ihrer Bar während der vielen Lockdowns und wischt sich zum x-ten Mal den Schweiß von der Stirn. Oliver gibt Anekdoten über seine Promi-Schüler zum Besten, und Stefan führt lang und breit seine Forschungen über Dikdiks aus, afrikanische Zwergantilopen, die kein Trinkwasser brauchen, weil sie genug Flüssigkeit von Früchten speichern können.

»Ich versuche, den Mechanismus dahinter zu erforschen, um ihn auf Menschen anwenden zu können. Wenn wir wegen der unglaublichen Umweltsünden eines Tages kein Wasser mehr haben, könnte das eine Lösung sein.«

Christoph stolz: »Und ich hab ein ganz besonderes Projekt in Arbeit, mit dem auch du als Umweltschützer sicher einverstanden bist, Stefan. Zeig ich euch morgen. Ein Chaletdorf am Schwarzsee, alles total nachhaltig gebaut.« Mit einem Seitenblick auf Thomas: »Umweltfreundlicher gehtʼs nicht mehr, nicht wahr?«

»Aber das ist doch Naturschutzgebiet!«, ruft Stefan entrüstet.

Christoph winkt ab. »Ich baue knapp außerhalb davon, am Rand. Nur ein bissel Grünfläche ragt hinein. Außerdem, wie gesagt, alles nachhaltig. Nur heimische Materialien. Ein Mega-Umwelt-Projekt ist das.«

»Wird der Boden eben mit einem nachhaltigen Geisterdorf zerstört. Kein Wunder, dass du Drohungen von Umweltschützern kriegst und der Pelz deiner Frau angezündet wird.« Der zurückhaltende Stefan ist derart in Rage geraten, dass er ganz rot im Gesicht wird. Gerade, als Martin intervenieren will, fällt Sandra neben ihm von ihrem Sessel zu Boden.

3

Das Kitzloch war coronabedingt geschlossen, daher sind sie gleich nach Hause gefahren. Jetzt sitzen sie um das Kaminfeuer und trinken Opus Eximium von Gesellmann, einen burgenländischen Roten, der nach Ansicht des Gastgebers zu den besten Weinen Österreichs gehört, und warten auf den Anruf aus dem Bezirkskrankenhaus St. Johann. Wohin Sandra gebracht wurde, nachdem der Notarzt ihr eine Kreislaufspritze gegeben hatte.

Sie wollte partout nicht, dass jemand mitkommt ins Hospital, wofür ihr insgeheim jeder dankbar war. Martin hasst Krankenhäuser, seit er denken kann. Ein Ort, an dem man wildfremden Menschen – Pflegern, Schwestern und Ärzten – hilflos ausgeliefert ist. Auf den Hospital-Blues kann er verzichten.

Aber auch in Christophs urgemütlichem riesigen Wohnzimmer, das seine erste Frau als Innenarchitektin eingerichtet hat, ist die Stimmung dahin.