Glück in Wien (eBook) - Christine Grän - E-Book

Glück in Wien (eBook) E-Book

Christine Grän

4,7

Beschreibung

Nach einer handfesten privaten Auseinandersetzung mit seinem Vorgesetzten fristet Chefinspektor Martin Glück in einem Kammerl des Wiener Polizeipräsidiums ein fades Dasein. Zu seiner Freude reißt ihn seine alte Wörthersee-Freundin Romana aus der beruflichen Lethargie, die in Wien ihre verstorbene Cousine Sissy, eine Juwelierswitwe und reiche Hausbesitzerin im vornehmen Ersten Bezirk, beerbt. Doch Romana ist nur eine von mehreren Erben: Da sind noch Sissys Liebhaber Edgar von Siebers-Adelmaus-Eder, Apothekerin Karin Kirchhofer, der Hausarzt der Verstorbenen sowie Alma Zoppot, Sissys Busenfreundin. Schon bei der Testamentseröffnung kommt es zum Eklat. Auch die langjährige Haushälterin Maria Burgstaller erbt mit dem halben Mietshaus einen großen Batzen Geld. Pech nur, dass sie auf dem Weg ins Notariat buchstäblich unter die Räder kommt. Unfall? Mord? Romana äußert den Verdacht, dass auch bei Sissys Tod nachgeholfen wurde. Martin Glück heftet sich an die Fersen von Leutnant "Fassl" Faßbender, der sowieso keine Lust auf den Fall hat, und stößt bei seinen Ermittlungen in den Kreisen der Erbschleicher auf allerlei Abgründe ...

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Grän & Mezei

 

Glück in Wien

 

Kriminalroman

 

 

 

 

 

ars vivendi

 

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (Erste Auflage Januar 2018)

 

© 2018 by ars vivendi verlag GmbH & Co. KG, Bauhof 1, 90556 Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

 

Lektorat: Dr. Felicitas Igel

Umschlaggestaltung: FYFF, Nürnberg

Motivauswahl: ars vivendi

Coverfoto: © Don Espresso/photocase.de

Foto Rückseite: © HerrSpecht/photocase.de

 

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

 

eISBN 978-3-86913-884-8

 

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Die Autorinnen

 

Kapitel 1

Mozarts Requiem und ein zartes Quietschen begleiten den Sarg auf dem Weg ins Feuer. Diskretes Schluchzen. Ein schreiendes Kind. Dann öffnen sich schwere Türen, und der Sarg gleitet gemächlich in das ewige Nichts. Letzter Akt. Vorhang fällt.

»Na wer, bittschön, nimmt a Kind zu so wos mit? Is doch a Kulturschock.«

Romana Petuschnigg erkennt die Stimme und dreht sich zur Frau mit Hut. Er ist schwarz mit einem kleinen Schleier dran, überhaupt ist die ganze füllige Person in penetrante Trauerfarbe gehüllt. Romana nickt Maria hochmütig zu, der Zugehfrau der Verstorbenen. Der Nachname fällt ihr nicht ein, Dienstboten sind nun mal Leut, an die man sich nur per Rufnamen erinnert. Was pudelt die sich auf? Romana denkt, dass Maria schon immer was Impertinentes an sich hatte, auch wenn sie noch so devot daherkam. Nona, muss aber auch nicht leicht gewesen sein, für Cousine Sissy zu hackeln. Die war ein schöner Drachen. Geld wie Heu, geerbt von ihrem Gott-hab-ihn-selig Erich Wallner, der ein Juweliergeschäft in der Kärntner Straße und ein Zinshaus im ersten Bezirk besaß. Mit Seitenblick auf die Oper, mon dieu.

Elisabeth »Sissy« Wallner überlebte ihren Erich um fünfzehn Jahre. Aber jetzt ist sie tot, gleich nur noch Asche. Romana, die ihr Alter mit »um die sechzig« angibt (und das will sie noch mindestens zehn Jahre so halten), findet es traurig, in diesem Jahr schon beim vierten Begräbnis zu sein. Die Leut sterben einem unter der Hand weg. Dass die Cousine mit fünfundachtzig plötzlich und unerwartet dahinschied, wie es im Partezettel heißt, tangiert sie nur ­peripher. Man sah sich selten und teilte eine oberflächliche Abneigung gegen die jeweils andere »arrogante Trutschn«: Romana mit ihrer Playboy-Vergangenheit und der altersschwachen Villa am Wörthersee – und Sissy, die Juwelierswitwe mit ihrem picobello Haus in Opernähe, denn genau genommen sieht man die Oper nur von einem Eckbalkon, während Sissy immer so tat, als ob sie nur rüberspucken müsst …

Aber die Cousine war eine G’stopfte, während Romana vornehm arm ist. Weshalb der Todesfall durchaus eine Bereicherung sein könnte. Denn Sissy und Erich hatten keine Kinder, die nächsten Verwandten sind Romana und Erichs Nichte Karin Kirchhofer, die Ehemann und Tochter nebst Baby zur Trauerfeier mitgebracht hat. Wenn die Familie vollzählig anrückt, wird sie auf fette Beute hoffen. Romana tut dies ebenfalls, obwohl sie weder Mann noch Kind hat, allenfalls den Martin Glück hätte sie mitnehmen wollen, aber der lehnte kategorisch ab. Ein Begräbnishasser.

Aber es sei doch nur eine Abschiedsfeier in der Simmeringer Feuerhalle, hatte Romana zu Martin gesagt. Weil die Sissy sich doch einen Aufenthalt in der Nähe von Udo Jürgens gewünscht habe. Im Urnenhain. Half nix. Martin meinte, dass er allerhöchstens zu Romanas Begräbnis erscheinen werde, was ihr nicht so charmant vorkam. Hat sie doch nicht vor, so bald die Seiten zu wechseln. Und wenn, dann möge man ihre Asche in den Wörthersee streuen. Und beim Leichenschmaus ganz viel Schampus trinken und lachen und lustig sein.

Die Sissy hat für ihr letztes Fest genaue Anweisungen gegeben. Ihr Notar Otto Baron Keltenbach, der sich Romana gleich vorstellte (schaut sie vielleicht aus, als würde sie schon ein Testament brauchen?), überwacht die Inszenierung. »Merci Cherie« am Anfang, dann die Trauerrede des Bischofs (gegen eine gewaltige Spende, davon ist Romana überzeugt, weil für Sissy der gewöhnliche Pfarrer nicht gut genug war), lang und belanglos, danach Mozart, und ab die Post in den Ofen. Die Gestecke und Kränze blieben draußen. Die kommen später in den Urnenhain, aber beim Versenken der Urne wollte Sissy niemanden mehr dabeihaben. Vielleicht, weil sie sich genierte, doch nicht direkt neben Udo Jürgens zu ruhen, sondern ein paar Ecken weiter.

Der größte Kranz mit weißen Lilien und Orchideen stammt natürlich von Edgar. Edgar von Siebers-Adelmaus­eder, Sissys langjähriger Freund. In ewiger Liebe … Sie hatte einen Hang zum Blaublütigen, die Gute, ein Wunder eigentlich, dass sie Edgar in all den Jahren nie geheiratet hat. Andererseits günstig für die Erben, denkt Romana, Sissy wird doch diesem Falotten nicht viel vermacht haben? Blut ist dicker als sonst was: Romana hofft, dass sie und die Nichte Haupterbinnen sind – mit ein paar Legaten für die Maria und Edgar und den Hausarzt und Sissys Busenfreundin Alma Zoppot, die am Sarg so schluchzte, als habe sie ihre Mutter verloren, das verlogene G’fraßt.

Am Ende verabschieden sich alle von dem mit Blumen umrankten Bild von Sissy, auf dem sie wie fünfzig ausschaut und nicht wie fünfundachtzig. Photoshop. Romana ist sich ganz sicher, dass Sissy auch das Bild ausgesucht hat, sie war so was von eitel, dagegen war selbst die Kaiserin ein Schmarrn. Sissy Wallner ging zweimal die Woche zum Frisör, zur Kosmetikerin, Pediküre, Maniküre, und ihr Gewand war immer nur vom Feinsten. Pelzmäntel bis zum Abwinken, und Schmuck hatte sie wie eine Königin. Hochhackige Schuhe mit roter Sohle, obwohl sie kaum noch krauchen konnte nach der letzten Hüft-OP. Oh ja, die ­Sissy war ­eingefroren »in den besten Jahren«, und das Wort »alt« war mit einem Bann belegt, der zu Enterbung führen konnte.

Edgar muss mindestens zwanzig Jahre jünger sein, denkt Romana, und dass er irgendwie schon edel ausschaut. Nadelstreifenanzug, weiße Orchidee im Revers, schwarzes Mascherl, die silbrigen Haare nach hinten gegelt. Ein bisserl unseriös aber auch. Ist nie einer ernsthaften Arbeit nachgegangen, soweit Romana weiß. Polospielen, Pferdewetten, Autorennen, in der Art, und die Familie besitzt nur noch ein verlottertes Anwesen in der bayerischen Pampa. Stark verarmter Adel. Und jetzt fängt er ihren kritischen Blick ein und grinst sie frech an. Denkt der vielleicht, sie hat’s nötig? Schleich di, Strizzi, sagt ihr strenger Blick, bevor sie sich abwendet und den Trauergästen nach draußen folgt in den strahlend schönen Frühlingstag. Keine Wolke am Himmel, als ob die Sissy auch noch Gott bestochen hätt, damit ihr letztes Fest perfekt wird.

 

***

 

»Wir sehen uns zum Leichenschmaus im Vestibül im Burgtheater, Universitätsring zwei«, ruft der Notar den Leuten zu, die zu ihren Autos gehen. Romana, die mit dem Zug aus Kärnten gekommen ist, sieht sich nach einem Taxi um, als Baron Keltenbach sie anspricht: »Wollen S’ nicht mit mir mitfahren, gnädige Frau? Ich transportier auch die Maria Burgstaller, die Perle unserer teuren Verstorbenen.«

Romana nickt gnädig. Es ist genügend Platz in seinem Mercedes, und sie sitzt selbstverständlich vorne, auf dem Beifahrersitz. Passt schon, denkt sie, weil sie Geld fürs Taxi gespart hat. Von der Simmeringer Hauptstraße bis in die Innenstadt ist’s ein gutes Stück. Sie fragt, ob die Sissy das alles verfügt habe?

»Aber sicher, gnä’ Frau, bis ins Detail. Das Sissy-Menü, das der Domschitz für uns zaubert, hat sie mit ihm besprochen.«

»Es war ihr Stammlokal«, sagt Maria von hinten. »Die Frau Wallner ging zweimal die Woche hin, mindestens, sie hatte dort ihren Tisch, und alle sind gesprungen, wenn sie kam, obwohl sie keine Burgschauspielerin war.«

»Aber eine sehr vermögende und großzügige Frau.« Der Baron erinnert sich an seine Mittagessen mit Sissy. Sie hatte ihren Stammtisch in der Loge, in der sich einst der Geheimaufgang zum Burgtheater befand, natürlich nur der kaiserlichen Familie vorbehalten.

Aber mir hat sie kein Geld geliehen, denkt Romana. Ein hassenswertes Gespräch war das damals, und sie hat es Sissy nie verziehen. Aber sich natürlich nichts anmerken lassen, schließlich war an das Erbe zu denken. Der Notar neben ihr weiß schon, wer was kriegt. Natürlich kann sie ihn jetzt nicht fragen mit Maria Burgstaller auf dem Rücksitz. Die macht sich bestimmt auch Hoffnungen. Aber die Sissy war nicht blöd. Zwar auf die Maria angewiesen, besonders nach ihrer Hüft-OP, aber selbst den Edgar hat sie auf Distanz gehalten. Ihm hier und da was bezahlt oder auch geschenkt, aber an das große Geld ist er nicht rangekommen. Da hat sie die Hand drauf g’habt. Sie wollte ja hundert werden. Mindestens.

»Wie ist sie eigentlich genau gestorben?«, fragt Romana den Notar.

Die Antwort gibt Maria: »Ich war dabei. Ich hab sie an dem Tag ins Bett gebracht, zum Mittagsschlaf. Nach der Operation hat sie sich immer von drei bis fünf hingelegt. Und ich hab sie dann mit einem Kaffee aufgeweckt. Nur eine ganz kleine Schaumrolle dazu, sie hat sehr auf ihre Figur aufgepasst. Öffentlich hat sie nie was Süßes gegessen.«

Du kanntest sie besser als wir alle. Und gut möglich, dass du sie gehasst hast, die Königinmutter. Romana dreht sich um: »Ja und dann?«

»Na, als ich um Punkt fünf an die Tür geklopft hab, hat sie nicht geantwortet. Da bin ich mit dem Tablett rein und dachte, sie schläft halt fest. So friedlich ist sie dagelegen, die gnä’ Frau. Der Mund a bisserl offen, aber gelächelt hat sie wie ein Engerl. Ich hab das Tablett abgestellt und gesagt: Jetzt ist’s aber Zeit zum Aufstehen. Nix. Da hab ich sie ein bisserl gerüttelt. Auch nix. Danach hab ich ihr einen Spiegel vor den Mund gehalten, den von der Kommode. Wieder nix. Na, und dann hab ich den Dr. Huber angerufen. Der war noch in der Ordination, und sie haben mich gleich durchgestellt, weil ich sagte, dass es um die gnä’ Frau geht und dass es ein Notfall wär.«

»Ihr Hausarzt«, ergänzt der Baron. »Dr. Huber ist dann gleich in die Wohnung, er ordiniert ja ums Eck, und er hat Sissy untersucht und den Totenbeschauarzt angerufen. Der hat dann den Totenschein ausgestellt. Herzversagen. Möglicherweise eine Spätfolge der ja doch schweren Operation. Sie war außerdem nicht mehr die Jüngste.«

»Das hätten Sie sich zu ihren Lebzeiten aber nicht sagen trauen.« Romana lacht pietätlos, und im Hintergrund schnaubt Maria, die über die Kärntner Cousine nur Anrüchiges gehört hat.

»Bis auf die Hüfte war sie pumperlg’sund, die gnä’ Frau.«

»Ja, weil Sie sie so gut versorgt haben, liebe Maria.«

Romana sieht den Notar von der Seite an. Was schmeichelt der sich denn bei der Perle ein? Erbt die vielleicht mehr, als man denkt? Ein furchtbarer Gedanke! Romana hat nicht nur ein paar Spielschulden, sondern auch offene Rechnungen von Lieferanten. Die Villa Romana ist ein Fass ohne Boden, und die paar Sommergäst bringen nicht so viel ein, dass sie davon gut leben könnt. Die Erbschaft erscheint ihr wie ein unverhoffter Segen, dass sie Gott oder wem auch immer jeden Tag dafür danken könnt. Dafür hat sie auch ein paar Tage in Wien in Kauf genommen, obwohl die Stadt sie nervös macht. Zu voll, zu laut, Staus ohne Ende. Romanas Pension in der Josefstadt ist zwar billig und zentral gelegen, aber schon ein schäbiges Etablissement, das wohl auch stundenweise Zimmer anbietet. So hört es sich jedenfalls an in der Nacht. Sobald sie weiß, dass sie geerbt hat, wird sie ins Imperial umziehen!

Der Baron jubelt innerlich, weil er einen Parkplatz in der Nähe der Burg gefunden hat. Er öffnet den Damen die Türen und geht voraus ins Restaurant, das Sissy für ihr Abschiedsessen ausgesucht hat.

»Nach der Operation«, sagt Maria, »bin ich oft mit ihr hergegangen. Sie hat mir dann Geld für den Würstelstand gegeben, damit ich mir die Zeit vertreib, bis ich sie wieder abhol.« Ihre Stimme klingt triumphierend: »Aber jetzt ess ich selber da. Im Vestibül. Die gnä’ Frau hat schon gewusst, wer ihr bis zuletzt beigestanden hat!«

Na ich sicher nicht, denkt Romana. Aber wir waren Cousinen. Blut ist dicker als Dienstleistung. »Sie hat Sie ja auch anständig dafür bezahlt, net wahr?«

»Nona. Die gnä’ Frau hat ihr Geld net zum Fenster rausg’schmissn.« Maria deutet mit einer Handbewegung an, dass sie der Cousine den Vortritt ins Lokal lässt. Aber da ist was in ihrem Blick, das Romana missfällt. Spott vielleicht? Oder bildet sie sich das nur ein, weil sie nervös ist wegen der Erbschaft? Sie lächelt Karin Kirchhofer zu, die sie von einer Geburtstagsfeier bei Sissy kennt. Magister Kirchhofer, Apothekerin, verheiratet, zwei Töchter, ein Enkelkind, das plärrende. Die Oma schält sich gerade aus einem Lodenmantel, den ein Kellner einsammelt. Eine recht fesche Person, denkt Romana, auch wenn die Haare in einem furchtbaren Rot gefärbt sind. Der Mann neben ihr wirkt fad und farblos, ein ÖVP-Nationalrat, der wie ein Buchhalter aussieht. Blass. Sehr hübsche Tochter, das Baby soll ein Bankert sein von irgendeinem verheirateten Industriellen. Den Klatsch hat sie noch von Sissy bei ihrem letzten Besuch in Wien. Da hat die Cousine sie auch in ihr »Stammbeisl« eingeladen, und natürlich war Romana beeindruckt von der Pracht – und den Preisen. Und dem Essen. Sie hat sich aber nichts anmerken lassen, schon um die Sissy zu ärgern. Da war immer eine Art Rivalität zwischen ihnen: Wer hat’s besser gemacht? Ich, denkt Romana. Weil ich noch leb!

 

***

 

Sie haben im Vestibül einen Tisch für zwölf Personen gedeckt und Tische zusammengerückt in der Nähe der Loge, wo Sissy immer saß. Darauf weist der Notar hin, der die Anwesenden auf ihre Plätze verteilt. »So eine schöne Tafel«, sagt Maria Burgstaller laut, sie wird zwischen den Hausmeister und Taxifahrer platziert, der Sissy immer chauffiert hat. Romana bekommt den Stuhl zwischen Hausarzt Huber und Alma Zoppot zugewiesen, Sissys Busenfreundin. Die sagt gleich: »Wir waren ja so oft hier, die Sissy und ich. War fast wie ihr Speiszimmer, das Vestibül. Und ich mag den Stallgeruch von der Burg …«

»Ach ja«, sagt Romana. »Sie sind die Schauspielerin. Sissy hat Sie mal erwähnt. Spielen Sie auch in der Burg?«

Das war gemein. Alma schluckt und setzt dann ihr arrogantestes Gesicht auf. »Ach, nein. Und Sie müssen die entfernte Verwandte aus der Provinz sein. So ungewöhnlich – diese orangeroten Haare.«

Touché. Romana lächelt sauer, inständig hoffend, dass diese Bissgurn keinen Groschen erben wird, und wendet sich linker Hand dem Hausarzt zu. Dr. Stefan Huber schaut aus wie ein Fernsehdoktor: grau meliert, braun gebrannt, mit blauen Augen, Lachfalten und sehr weißen Zähnen. Kein Wunder, dass die Sissy nie den Arzt gewechselt hat. Sie hatte ein Faible für gut aussehende Männer, und fand sich bis zuletzt jung genug, mit ihnen zu flirten.

»Das muss ja ein furchtbarer Schock für Sie gewesen sein – dieser plötzliche Tod«, sagt Romana.

Das verhaltene Lächeln, er weiß um sein Aussehen und die Superzähne: »Ja, damit hat keiner gerechnet. Sissy war pumperlgesund, na ja, das Herz war ein bisserl gestresst nach der langen Narkose. So eine Operation in dem Alter ist ja nicht ohne. Aber ich hab ihr herzstärkende Mittel verschrieben und viel frische Luft verordnet – und na ja, sie fühlte sich so jung, man möcht fast sagen – unsterblich.«

Am Ende der Tafel ist ihr Foto aufgebaut, umrankt von Lilien und Orchideen. Schaut fast so aus, als säße sie selbst dort, nur dreißig Jahre jünger statt tot.

»So fesch sieht sie aus«, flüstert Dr. Huber. »Und es gibt ihr Lieblingsessen, von Küchenchef Domschitz eigenhändig zubereitet.«

Romana greift nach der Menükarte: Frittatensuppe, Hummerkrautfleisch, Kalbsfilet mit Morcheln, Marillensorbet, Veilchenparfait mit kandierten Veilchen – das Lieblingsdessert der kaiserlichen Sisi. Als Begleitung Champagner, Riesling aus der Wachau, Rotwein aus dem Burgenland, und zum Dessert eine Trockenbeerenauslese.

Edgar von Siebers-Adelmauseder hat sich mit Sektglas erhoben und die Trauergäste begrüßt. Dann hebt er sein Glas in Richtung des Fotos: »Meine liebste Sissy! Auch wenn du physisch nicht mehr unter uns weilst, wirst du doch immer in unseren Herzen bleiben. So liebenswert und attraktiv wie du warst …«

»… und vor allem reich …«, flüstert Romana.

Das hat der Redner gehört und sieht sie strafend an. Dann fährt er fort: »Eine schöne Seele hattest du, liebste Sissy. Einen scharfen Verstand. Den wahrhaft aufrechten Charakter. Die Fähigkeit, das Leben zu genießen. Wir hatten wundervolle Jahre miteinander … und ich werde dich nie-niemals vergessen. Meine große Liebe in alle Ewigkeit!«

Er setzt das Glas an die Lippen und trinkt, die anderen machen es ihm nach. Eher erschlagen als beeindruckt von so viel Pathos. Dann setzt sich Sissys Quasi-Witwer wieder auf seinen Stuhl. Weint er? Romana kann es auf die Distanz nicht erkennen, und jetzt setzt er eine Brille auf, als müsse er Tränen verbergen. Burgschauspieler!

»Er hat ein gutes Gehör, der Edgar«, sagt Alma Zoppot. Ihr anderer Tischnachbar, der ÖVP-Abgeordnete, unterhält sich mit Sissys Steuerberater, sodass sie mit Romana reden muss. Flüsternd: »Fragt sich nur, was aus der ewigen Liebe wird, wenn er nicht so viel erbt, wie er glaubt.«

»Die Sissy hat doch jedem was versprochen«, meint Karin Kirchhofer, die gegenübersitzt. »Angeblich soll der Edgar ihre Wohnung bekommen, sagt er jedenfalls. Und auf Bargeld hofft er auch. Wo der doch noch nie im Leben was Anständiges gearbeitet hat.«

Alma Zoppot hebt ihr Glas, auf dass es nachgefüllt werde. »Na, mir hat sie auch die Wohnung versprochen. Und Schmuck. Und ein paar Pelze. Mein Lieblingsstück war der weiße Zobel.«

Darin sähe die Schwarzhaarige sicher bombenmäßig aus, denkt Romana. So ein südländischer Typ, das Alter ist schwer zu schätzen, müsste aber gut unter fünfzig liegen. Die Busenfreundin. Alma hat Sissy oft auf Reisen begleitet und sich durchgeschnorrt. Sagte Sissy. Sie hatte ein böses Maul, das mochte Romana an ihr.

»Ich wär schon mit ein bisserl Geld zufrieden«, lügt sie. Den Zobel hat ihr Sissy auch versprochen bei ihrem letzten Treffen. Weil Romana den so zärtlich gestreichelt hatte. So verlangend. Und etwas von den kühlen, feuchten Wintern am Wörthersee gemurmelt hatte.

»Aber wer weiß«, hatte Sissy dann zum Abschied gesagt: »Du bist ja auch nicht mehr die Jüngste, Romana. Vielleicht stirbst vor mir – zobellos.«

Falsch gedacht, meine liebe Sissy! Romana lächelt in sich hinein, während sie die Suppe löffelt. Guter Stoff, auch wenn sie die exotische Küche bevorzugt.

Magister Kirchhofer kann die Suppe gar nicht schätzen, weil sie daran denken muss, was dieser Leichenschmaus kosten wird. Geht ja schließlich vom Erbe ab. Man kann nicht grad sagen, dass Sissy das Geld zum Fenster rausgeschmissen hat. Aber ganz schön verschwenderisch war sie schon. All der Schmuck und die Pelze und immer die teuersten Schuhe und Anziehsachen. Und dann dieses Edelbeisl! Na ja, wenn sie das Haus erbt, will sie sich nicht aufpudeln. Den Zweikaräter will sie aber auch – und den Zobel und den blauen Nerz! Wird schließlich auch Bargeld im Safe sein, und nicht zu wenig. Sissy hat den Banken nicht getraut. Und ihrem adeligen Freund auch nicht, dem Herrgott sei Dank. Den Edgar hat sie in den letzten zwei Jahren ganz schön schlecht behandelt, aber er war anhänglich wie ein Zeck – na, warum wohl?

Andererseits: Warum haben sie die Sissy denn immer wieder eingeladen? Zum Kaffee und zum Abendessen, ins Konzert und zum Heurigen … die Erbtante war ein ständiger Streitpunkt zwischen Karin und ihrem Mann Ludwig. Denn der konnte Sissy nicht leiden und hielt die »Erbschleicherei« der Familie für degoutant. Weil Ludwig der Meinung ist, dass eine Apothekerin und ein Nationalrat zusammen genug Geld verdienen, um gut zu leben. Das Argument, dass man niemals genug haben könne, hat Ludwig nicht verstanden. Außerdem müssen sie die beiden Töchter durchfüttern und den Enkel. Und Karin träumt von einem Haus in Kitzbühel, neben den Swarowskis am besten. Weil das nämlich reich wäre. Und dann würden die Töchter in der Hautevolee verkehren und sich entsprechende Ehemänner angeln. Für so was fehlt dem Ludwig total die Fantasie. Und genauso fad ist er im Ehebett. Ach, besser nicht daran denken, sonst vergeht ihr noch der Appetit. Und das Essen ist schon gut, auf die Idee mit dem Hummerszegediner muss man erst einmal kommen. Karin wendet sich dem Notar zu ihrer Rechten zu: »Ein köstliches Mahl, und wie schad, dass Sissy es nicht mehr genießen kann.«

Baron Keltenbach prostet ihr zu: »Wie wahr, gnä’ Frau. Aber vielleicht gibt’s im Himmel ein Vestibül für alte Engerl? Oh, jetzt hab ich das Unwort ausgesprochen! Kreuzigen tät sie mich. Auf ihren Urnengrabstein kommt übrigens nur der Name und das Sterbedatum. Sie will nicht, dass jemand ihr Alter erfährt.«

»Aber wir wissen es doch.«

»Nicht alle. Der von Siebers-Adelmauseder zum Beispiel nicht. Vielleicht war das der Grund, warum sie ihn nicht heiraten wollte. Dann hätt er ja ihr Geburtsdatum erfahren.«

Karin greift nach dem Weinglas und flüstert: »Was für ein Glück! Sonst hätt der Erbschleicher womöglich alles gekriegt. Ich nehme an, dass Sie uns umgehend über die Erbmodalitäten informieren. Man will ja nicht allzu lang im Ungewissen bleiben.«

Er lächelt fein und wendet sich der Hauptspeise zu, die gerade aufgetragen wurde. Die Runde der Erbschleicher ist jetzt mit dem Fleisch beschäftigt, das wahrhaft herrlich ist. Nur schad, dass sie es nicht richtig genießen können, weil sie einander belauern. Lediglich Maria Burgstaller, die dralle Zugehfrau, isst mit konzentriertem Appetit. Und der Taxler und der Hauswart, alle, die der Verstorbenen zu Diensten waren. Die Adelmaus unterhält sich angeregt mit der hübschen Kirchhofer-Tochter, deren Baby jetzt Gott sei Dank schläft. Und was für eine Hybris ist das denn, Visitenkarten mit seinem vollen Titel zu verteilen? In Österreich sind Adelstitel immer noch verboten, man hat sie, man weiß es, die anderen auch, aber schwarz auf weiß geht gar nicht. Weshalb auf seiner schlicht »Otto Keltenbach – Notar« steht.

Alma Zoppot unterhält sich mit ihrer Nachbarin über Klatsch am Wörthersee und Klatsch in Wien. Man hat ein gemeinsames Thema gefunden und die Anfangsschwierigkeiten überwunden. Eigentlich findet sie die Rothaarige recht amüsant. Und eine Konkurrenz ist Romana ja grad nicht. Alma ist fünfundvierzig geworden und auf der Suche nach einem sicheren Lebensabend in Form eines Ehemannes. Schönheit vergeht, auch die eigene. Schiach darf er sein, aber auf keinen Fall arm. Wer von kleinen Ersparnissen leben muss, die sich außerdem bald dem Ende ­zuneigen, kriegt großen Respekt vor Geld. Ihr neuester Verehrer Eduard wäre ein passender Kandidat. Ministerialrat im Vorruhestand mit familiärem Vermögen und schlichtem, freundlichem Charakter. Ein bisserl schüchtern ist er, aber das wird schon noch. Wertkonservativ, was spricht dagegen? Alma wäre nicht arbeitslose Schauspielerin, wenn sie sich nicht mit falschem Enthusiasmus auf ihn und seine Familie gestürzt hätte. Man muss sie einzeln umgarnen, um sie im Rudel auf die eigene Seite zu ziehen.

Eduard, denkt sie manchmal, ist ihre letzte Chance auf ein sorgloses Leben. Schon möglich, dass Sissy ihr was vermacht hat, aber sicher nicht das Haus, eher Schmuck und Kleidung und Pelze. Vielleicht Bargeld, das wär zu schön! Sie wär ja schon mit Hunderttausend zufrieden. Oder Zwei…

»Wissen Sie, wer der Mensch mit den großen Ohren ist?«, flüstert sie Romana zu.

»Wer?«

»Na, der neben dem Taxler sitzt! Der ausschaut wie eine Fledermaus.«

Romana taucht ihren Löffel ins Dessert. »Ach der, der hat sich mir vorgestellt am Friedhof. Das ist Elvis Hudlicka.«

»A geh?«

»Ja, so an Namen merkt man sich.«

»Und was macht der hier?«

»Ich denk, die Sissy hat ihn eingeladen zu ihrer Abschiedsparty. Elvis leitet ein Hundeheim, das sie unterstützt hat.«

Alma stochert im Nachtisch. »Und jetzt will er noch mehr Geld für die Hunderl!«

Romana muss im Stillen zugeben, dass der Domschitz besser kocht als sie. »Sissy hatte halt ein Herz für Tiere.«

Alma denkt an den toten Mops, und ihr wird schlecht. Sie schiebt den Teller zur Seite.

Romana schielt darauf, sagt aber nichts. »Sissy hatte doch auch lang einen Hund.«

Alma bekämpft den Würgereiz der Reue: »Ja. Einen Mops. Casanova ist in ein Auto gelaufen, der blöde Hund.« Sie verschweigt, dass sie am Tatort war.

Genau genommen war er ihr entwischt, als sie mit ihm Gassi ging. Wetten könnte sie darauf, dass Sissy ihr das nie verziehen hat, auch wenn sie es behauptete. Sie hat sie danach nie wieder zu einem gemeinsamen Urlaub eingeladen, nur zum Essen oder Einkaufen oder zu den Bridge-Abenden. Und was, wenn der Fledermaus-Hudlicka alles erbt? EINFACH ALLES???!!!

 

Kapitel 2

»A Schrebergarten am Küniglberg is wira Lottogwinn«, gibt ihr der Taxler zum Abschied mit. Der Küniglberg liegt oberhalb von Hietzing und ist mehr oder weniger ORF-Terrain, Intrigantenstadl auf hoher Ebene. Zwischen ORF und dem Villenviertel hinter Schloß Schönbrunn stehen Wiener Gemeindebauten, von den Sozis einst hingestellt, um den Bezirk nicht allein den natürlichen Gegnern der Arbeiterschaft zu überlassen. Ganz oben am Berg, der eher ein Hügel ist, wohnt jetzt Martin Glück in einer Kleingartenanlage. An der Klingel steht der Name »Kubischek«, das ist der Freund, der ihm sein Häuschen überließ gegen Bezahlung der laufenden Kosten und Pflege des Gartens. Martin Glück konnte seins kaum fassen, als er das Angebot bekam, und zog sofort ein, als Kubischek für ein Jahr nach London ging.

All das weiß Romana von ihren Telefongesprächen zwischen Kärnten und Wien, und Martin schien sich zu freuen, als sie ihm ihren Besuch ankündigte. Nur zog er damals gerade ein und sagte nichts von Übernachtungsmöglichkeiten. Deshalb die Pension, die schäbige, aber jetzt, da sie ihn auf dem schmalen Weg auf sich zukommen sieht, freut sie sich sehr, ihn zu sehen, den Buben, der auch schon gut über vierzig ist. Magerer sieht er aus als damals in Velden. Durchtrainierter. Der Achillessehnenriss scheint komplett verheilt zu sein.

»Ich freu mich sehr, dich wiederzusehen«, sagt er, während er sie umarmt. Kuss links und rechts auf die Wangen, und sie spürt Bartstoppeln und riecht Aftershave, irgendwas zwischen Zitrone und Zeder. Auf beiden Seiten des Weges sind kleine Häuser in kleine Gärten gebaut, alles picobello gepflegt und ein bisserl spießig, wie Romana findet. Sagt sie aber nicht, sondern bewundert das Haus, das in vorderster Reihe liegt und einen herrlichen Blick auf Wien hat. »Mei schön hast du’s hier, Martin. Fast wie am Wörthersee, nur anders.«

Er lacht. »Du bist ein See-Snob, Romana. Schau, für meine bescheidenen Verhältnisse ist es perfekt. Und ich hab einen Garten, in dem ich mich austoben kann! Bei Lotte in der WG hab ich es keine vier Wochen ausg’halten. Dann haben sie mich eh in die Pampa versetzt, und als ich zurück in Wien war, da hat mir der Freund sein Haus angeboten. Komm doch rein. Es ist klein, aber fein. Und meines – für ein Jahr.«

Ein Holzhaus, umrankt von immergrünem Efeu und Weinlaub, noch im Frühlingskokon. Sehr romantisch, denkt Romana, und ist überrascht, wie geräumig es innen ist. Ein großer Raum mit einem alten Herd und Bauernschränken und einem Holztisch mit antiken Stühlen. Zwei gemütliche Sessel in der Ecke, Regale mit Büchern und CDs. Ein Plattenspieler. Eine antike Standuhr. Teppiche auf Holzboden. »Sauber«, sagt sie, und diesmal ist es aufrichtig.

»Oben sind Schlafzimmer und Bad, hier unten noch eine Speiskammer und das Klo. Im Keller hat der Kubischek eine Sauna und einen Fitnessraum eingerichtet und einen kleinen Weinkeller. Was braucht der Mensch mehr?«

Romana denkt an ihre Riesenvilla, dieses alte Sparschwein, dabei würd ihr so was auch genügen, aber es müsst halt am Wörthersee liegen. Sie besichtigt noch oben und unten und setzt sich dann an den großen Tisch, den Martin fürs späte Frühstück gedeckt hat. Schinken, Kren und Eier, Käse, Gurkerln, Paradeiser und Liptauer, Honig und Marmelade und Brot und Semmeln …

»Mei Martin, da hast dich aber schwer ins Zeug g’legt.«

»Sonntagsbrunch.« Er schenkt ihr Kaffee ein, weiß noch, dass sie weder Milch noch Zucker nimmt.

Martin mustert Romana mit Zuneigung: rot lackierte Fingernägel, passend zu den roten Haaren, die sie zu einem Knoten gesteckt hat, sodass sie fast seriös aussieht. Grüner Hosenanzug mit blauem Pullover, das sind ihre Lieblingsfarben, und für ihre Verhältnisse trägt sie wenig Schmuck. Sein Jugendschwarm ist graziös gealtert.

»Was schaust?«

»Du wirst nie älter. Nur schöner. Was macht der Wörthersee?«

Romana nimmt sich ein Brot und streicht Liptauer drauf. Geschmeichelt ist sie schon, will mehr hören. »A geh, ich komm langsam in die Jahre. Merk’s daran, wie es hier und da zwickt. Man muss sich halt zusammenreißen im Alter! Aber der See hat jetzt die schönste Zeit, wo er noch uns Kärntnern gehört. Ich soll dich von Alex grüßen und von der Maresa, die zwei sind wieder zusammen, glaubt man’s? Davor hat sie ihrem Andy noch an Haufn Geld abg’nommen bei der Scheidung. Sie hat einfach zu viel von seinen Mauscheleien g’wusst.«

Soso, die betrogene Ehefrau und der Schönling. Na wenn’s passt! Martin schaut durch das Panoramafenster auf die Silhouette Wiens, die sich gerade aus dem Frühnebel befreit. Sein Haus auf Zeit ist klein, aber er fühlt sich heimatlich hier. Doch dass Romana ihn nicht von Lily grüßt, enttäuscht ihn. Er wagt nicht nach ihr zu fragen.

»Und wie war die Einäscherung gestern? Von der … wie hieß sie noch mal …?«

»Sissy Wallner. Meine Cousine. Wir ham uns nie recht leiden können. Aber sie war halt reich.«

»Oh. Dann war das sicher eine pompöse Verabschiedung. Nimm doch von dem anderen Schinken. Der geräucherte ist einmalig.«

Romana lässt sich nicht zweimal bitten. »Die Sissy hat ihren Abgang generalstabsmäßig vorgeplant. Simmeringer Feuerhalle. Merci Cherie am Anfang und Requiem am Schluss. Urnennische in der Nähe von Udo Jürgens. Leichenschmaus im Vestibül mit einem Sissy-Menü. Sie hat sich nicht lumpen lassen zu guter Letzt.« Da hätt sie mir auch den Kredit geben können, denkt Romana. Aber so was sagt man nicht.

Martin pfeift anerkennend. »Man möcht halt auch den Übergang irgendwie nett gestalten.«

Ironie? Romana ist sich nicht sicher. »Oder am Ende noch einmal protzen. Na, ist ja auch wurscht, jetzt geht es ums Erbe. Die Magister Kirchhofer und ich sind die einzigen näheren Verwandten. Aber die Sissy hat einen festen Freund g’habt und ein paar Aasgeier von Bekannten und Bediensteten. Meiner Meinung nach müsst aber genug für alle da sein. Morgen wiss ma mehr. Da will uns der Notar Keltenbach aufklären. Und es gibt a Wohnungsbegehung. Und ihr Safe wird aufgemacht.«

»Spannend«, sagt Martin kauend. »Woran ist sie denn g’storben?«

»Herzversagen. Sie war fünfundachtzig, ich bitt dich, da stirbt man halt so langsam an irgendwas.«

Er ist ein Kriminaler, das kann er nicht unterdrücken: »Seid ihr sicher, dass da nicht jemand nachgeholfen hat? Ich mein, die Leichenbeschauärzte schauen ja bei alten Leuten nicht so genau hin, wenn der Hausarzt schon vor Ort ist und keine Einschusswunde oder Würgemale zu sehen sind. Die werfen einen Blick auf die Leich und unterschreiben dann. Ich möcht zu gern wissen, wie viele perfekte Morde es gibt.«

Romana sieht ihn entgeistert an. »Was meinst? Dass jemand sie vergiftet hat, die Sissy?«

»Oder ihr ein Kissen aufs Gesicht gedrückt. Ersticken geht recht schnell bei älteren Leuten, wenn man weiß, wie man’s macht.«

Romana fühlt sich überhaupt nicht betroffen, die Älteren sind immer die anderen. Sie denkt an Maria Burgstaller und Dr. Huber, verdrängt das Bild und sieht Martin strafend an. »Jetzt hörst aber auf damit. Ein Mord! Ich bitt dich! Mir san doch nit in aner Krimiserie. Auch wenn die Sissy ewig leben wollt. So was passiert halt.«

»Lotte möchte auch hundert werden«, sagt Martin. Er meint seine Mutter, die zu einem spätberufenen Hippie und einer ambitionierten Computer-Hackerin wurde. Imagewandel um hundertachtzig Grad. Sie lebt jetzt in einer Wohngemeinschaft, in der viel gekifft und wenig Fleisch gegessen wird. Schlechter Wein und endlose Grundsatzdiskussionen. Das war nichts für ihn. Da ist er schnell wieder ausgezogen.

Romana will sich nicht weiter zu Lebenserwartungen äußern, ihr scheint ein Themenwechsel angebracht. »Und du? Was machst jetzt immer? Wie war’s in Bad Gastein?«

Nach seinem Ausraster und einer Beurlaubung setzen sie Chefinspektor Martin Glück jetzt als Springer ein. Eine Bestrafungsaktion auf Zeit. Für den ersten Einsatz ging’s nach Bad Gastein, um die dortigen Kollegen zu unterstützen. Ein russischer Kurgast war tot aufgefunden worden. Hatte sich beim Sturz über eine der steilen Treppen das Genick gebrochen. Russische Mafia? Die Ehefrau? Die Ermittlungen kamen zu keinem eindeutigen Ergebnis, sodass der Tod als Unfall zu den Akten gelegt wurde. »Gruslig-schön war’s. Der Ort ist entrisch, warst mal dort?«

»In jüngeren Jahren«, sagt Romana und lässt offen, wann genau das war. »Damals waren’s grad wieder am aufsteigenden Ast. Haben das Grand Hotel renoviert und neu aufgemacht …«

»… und gingen dann pleite. Inzwischen besteht Bad Gastein überwiegend aus leer stehenden Hotels. Und die Gäste reden überwiegend russisch.«

»Eine schöne Sprach«, sagt Romana. Sie war einmal in einen hinreißenden Russen verliebt. Leider ein Hochstapler.

»Für mich war es jedenfalls wie Urlaub, verstehst? Nur im Moment, da haben s’ mich in eine Kammer im Keller vom Landeskriminalamt gesetzt und geben mir Akten zum Lesen. Wartezeit bis zum nächsten Einsatz. Ich könnt sterben, so fad isses.«

»Du armer, armer Bub.« Romana streicht mit der Hand über seine Wange. »Du könntest dich auch mal rasieren, oder wächst der Bart schneller im Keller?«

»Ich überlege, mir einen stehen zu lassen, Romana. Ist zurzeit in. Die Frauen mögen’s.«

»A geh. Willst wie Rasputin ausschaun?« Sie nimmt sich mehr vom Schinken, belegt ihn mit Kren und rollt ihn um ein Essiggurkerl. »Und – was machen die Frauen so?«

Martin hebt seine Schultern in einer Geste der Unschuld. »Nichts. Mit Larissa telefonier ich ab und zu. Beim letzten Mal hat sie zart das Wort Scheidung eingeworfen. Vielleicht hat sie jemanden kennengelernt. Oder will klare Verhältnisse schaffen. Mir ist es wurscht mittlerweile. Wir hatten unsere schöne Zeit, und jetzt ist sie halt vorbei.«

Das sah in Kärnten noch ganz anders aus, denkt Romana. »Willst zum Einsiedler werden hier oben?«

Martin mag sie sehr, aber ihre Neugierde kann penetrant sein. »Na, ich bin ja erst seit drei Wochen wieder in Wien. Ob du’s glaubst oder nicht: Ich bin ganz gern allein. Weit weg von der Stadt und trotzdem nah. Hier kann man herrlich joggen.«

Pfui Teufel, denkt Romana. Außer Schwimmen hat sie zeitlebens jeden Sport verabscheut. Sie überlegt, ob Martin gar der Kontrollinspektorin Lily Prokopp nachtrauert? Zuzutrauen wär es ihm, er ist in der Romantik stecken geblieben. »Hast noch einen Kaffee für mich? Übrigens hab ich die Lily in Velden gesehen vor einer Woche. Mit so einem Typen.«

Er schaut sie irritiert an. »Was für einem Typen?«

Sie ziert sich, trinkt erst den Kaffee, den er ihr eingeschenkt hat. »Nona, so ein Kerl halt. Groß, schlank, fesch. Mit Bart.« Das Letzte ist ihr rausgerutscht, stimmt aber.

»Da hast du’s. Frauen stehen auf Bärte.« Martin sagt es leichthin, meint es aber schwer. Dieser blöde Satz von ihr wird ihn jetzt eine Weile beschäftigen. Er ignoriert Romanas forschenden Blick. »Und du? Irgendwelche G’schichten am Wörthersee? Wie geht’s dem Flock? Wie laufen die Bauarbeiten?«

»Die laufen ruckizucki, wirst sehen, Anfang Sommer steht die Villa. Hugo kommt jeden Tag mit dem Boot, um die Fortschritte zu kontrollieren. Und seine Frau soll ihn mit einem seiner Leibwächter betrügen. Heißt es, aber du weißt ja, wie am See getratscht wird.«

Sie hofft immer noch, dass Flock sich scheiden lässt und sie heiratet.

Martin betrachtet Romana im harten Licht des Mittags. Spuren von Schönheit, Spuren von Resignation, von Erfülltem und Unerfülltem. Aber da ist immer noch ein Glanz, ein fast kindlicher, in ihrem Gesicht. »Und was wirst du mit dem vielen Geld machen, wenn du erbst? Hast schon einen Plan?«

»Als Erstes zieh ich ins Imperial