Glück trifft Liebe - Rachael Sommers - E-Book

Glück trifft Liebe E-Book

Rachael Sommers

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Beschreibung

Ein Roman, der zeigt, dass die Liebe manchmal nur eine zweite Chance braucht. Nach dem Tod ihres Vaters hat Chloe Roberts nur ein Ziel: das alte Haus der Familie so schnell wie möglich zu renovieren und zu verkaufen, damit sie nie wieder in ihre alte Heimat zurückkehren muss. Das Letzte, womit sie rechnet, ist auf Amy Edwards zu treffen, ihre ehemals beste Freundin und erste große Liebe. Amy ist von Chloes plötzlichem Auftauchen mehr als überrascht. Sie bedauert immer noch, wie ihre Freundschaft damals zerbrochen ist. Gerne würde sie sich mit Chloe aussprechen. Aber ist das nach allem, was passiert ist, überhaupt möglich? Als sich die Jugendfreundinnen wieder näherkommen, erwachen auch die alten Gefühle wieder zum Leben. Werden beide die Fehler der Vergangenheit wiederholen? Oder wird Glück diesmal auf Liebe treffen?

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Seitenzahl: 466

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Von Rachael Sommers außerdem lieferbar

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen

Über Rachael Sommers

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Von Rachael Sommers außerdem lieferbar

Sag niemals »Nein« zum Glück

Kapitel 1

Ein Wolkenmeer aus Schwarz und Weiß braute sich am Horizont zusammen. Chloe nahm den Fuß vom Gaspedal und zuckte, als es ihr nicht gelang, eines der vielen Schlaglöcher auf der schlecht asphaltierten Landstraße zu umfahren.

Auf dem Beifahrersitz schreckte Naomi ruckartig von dem Fenster weg, an dessen Glas sie den größten Teil der letzten Stunde gedöst hatte. »Sind wir …«

»… schon da?«, beendete Chloe die Frage, die ihr schon mindestens zehnmal gestellt worden war, seit sie die Londoner Stadtgrenze verlassen hatten. »Fast. Es gibt eine kleine Verzögerung.« Sie deutete in Richtung der Tierherde, die vor ihnen über die Straße trottete, und brachte ihren Wagen ein paar Meter weiter zum Stehen.

Bei dem Anblick der Tiere hellte sich Naomis Gesicht auf. »Wie süß!«

»Die sind verdammt gefährlich«, gab Chloe zurück. Sie hatte in ihrer Jugend mehr als einen Zusammenstoß mit einer Kuh gehabt.

»Aber sieh dir ihre Gesichter an.« Naomi beugte sich in ihrem Sitz nach vorn und stützte sich dabei mit den Ellbogen auf dem Armaturenbrett ab, um einen besseren Blick zu erhaschen.

Ihre Bewegung irritierte den Labrador, der zu ihren Füßen saß. Bella legte ihren Kopf auf den Sitz zwischen Naomi und Chloe und starrte Letztere mit großen braunen Augen an.

Chloe streckte die Hand aus, um ihre Hündin hinter den Ohren zu kraulen. »Nicht mehr lange«, sagte sie. »Wie geht es dir, meine Hübsche?«

»Ging schon schlechter, aber danke«, antwortete Naomi.

Chloe gab ihr einen Klaps auf den Arm.

»Au! Behandelt man so seine beste Freundin, die einem einen großen Gefallen tut?«

»Ach komm schon, das hat doch überhaupt nicht wehgetan.«

»Hat es doch. Du hast meine Gefühle verletzt«, sagte Naomi ernst.

Chloe rollte mit den Augen.

»Und wie lange braucht eine Kuhherde bitte, um eine Straße zu überqueren?«

Chloe gluckste. »Ist der Reiz des Neuen schon verflogen?«

»Wir sind schon seit Stunden unterwegs, Chloe.« Geduld war noch nie eine von Naomis Stärken gewesen. »Ich muss mal.«

»Ich habe dir doch gesagt, du sollst gehen, als wir an der Tankstelle angehalten haben.«

»Da musste ich noch nicht.«

»Also, da drüben ist ein Busch, wenn du ganz verzweifelt bist.« Chloe deutete nach draußen und musste grinsen, als Naomi die Nase rümpfte. »Es ist ja nicht so, als ob irgendjemand in der Nähe wäre«, fügte sie hinzu.

»Äh, doch. Da drüben ist doch jemand.«

Sie hatte recht. Eine Frau ritt auf einem Pferd hinter den Nachzüglern der Kuhherde. Ihre Jeans steckten in roten Gummistiefeln, die mit Schlamm bedeckt waren, und ihr blondes Haar kräuselte sich um den Kragen ihrer schwarzen Thermoweste.

Als sie an der Vorderseite des Wagens vorbeiritt, holte Chloe tief Luft. Sicher, das Gesicht der Frau war älter geworden und um die Mundwinkel und die Augen zeichneten sich Lachfalten ab. Aber sie war dennoch sofort wiederzuerkennen: Amy Edwards.

Chloe hatte halb gehofft, halb befürchtet, dass sie sie während ihres Aufenthalts hier zu Gesicht bekommen würde.

Amy drehte sich um und hob eine Hand, als wollte sie sich für das Warten bedanken. Als Reaktion duckte sich Chloe in ihrem Sitz, so dass sie halb vom Lenkrad verdeckt war.

»Ähm, was zum Teufel machst du da?« Naomi starrte sie an, als wäre ihr ein zweiter Kopf gewachsen.

»Nichts.«

»Nichts?« Naomis Augenbrauen zuckten. »Es sieht aber nicht nach nichts aus.«

»Es hat mich gejuckt.« Chloe kratzte sich an der Außenseite ihres Knies und versuchte gleichzeitig durch die Windschutzscheibe zu sehen, ohne dabei entdeckt zu werden. Glücklicherweise war Amy bereits in das andere Feld weitergeritten.

»Ja, alles klar.« Naomi hob die Augenbrauen.

Chloe richtete sich in ihrem Sitz auf und trat auf das Gaspedal.

»Kennst du sie etwa?«

Chloe antwortete nicht sofort. Ihre Kehle schnürte sich zu, lang verdrängte Emotionen stiegen in ihr auf und sie umklammerte das Lenkrad so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Was machte Amy hier? Sie hatte damals geschworen nie wieder zurückzukommen, sollte sie Corthwaite einmal verlassen haben. Aber das Gleiche hatte sich Chloe auch geschworen. Und nun war sie hier und fuhr die einzige Straße, die sich durch das Dorfzentrum schlängelte, hinunter, während sie innerlich gegen eine Flut von Erinnerungen ankämpfte.

»Chloe?«

»Ja. Das ist Amy.«

»Amy?«

Aus den Augenwinkeln sah Chloe, wie Naomi die Nase rümpfte.

»Warum kenne ich diesen Namen? Warte.« Ihre Hand griff nach Chloes Ellbogen. »Die Amy? Die, der du immer noch nachgetrauert hast, als wir uns das erste Mal getroffen haben? Die, die dir das Herz gebrochen hat?«

Das ist noch milde ausgedrückt, dachte Chloe und biss die Zähne zusammen. Die erste Liebe hinterlässt immer tiefe Spuren, und ihre Erfahrung als traumatisch zu bezeichnen, wäre noch eine Untertreibung.

»Wusstest du, dass sie noch hier sein würde?«

»Nein.« Hätte Chloe das gewusst, hätte sie vielleicht gezögert, zurückzukommen.

»Geht es dir gut?«

Chloe atmete lange aus. »Ja.« Amys Anwesenheit änderte nichts. Wenn es nach Chloe ginge, würde sie Amy – oder den Rest des Dorfes – während ihres Aufenthalts gar nicht zu Gesicht bekommen. Rein und raus, so schnell wie nur möglich. Das war der Plan und Chloe war fest entschlossen ihn durchzuziehen.

Das Dorf hatte sich nicht verändert und sah immer noch genauso aus, wie sie es in Erinnerung hatte. Eine Handvoll Gebäude lagen an der Hauptstraße. Dazu gehörte unter anderem der Blumenladen, in dem Chloes Mutter gearbeitet hatte. Er befand sich gleich neben dem Kiosk, dem einzigen Ort im Umkreis von vier Meilen, an dem man Milch kaufen konnte. Der Friseur gegenüber war neu und hatte den Metzger ersetzt. Das King’s Head, der einzige Pub des Dorfes, stand immer noch stolz an der Straßenecke. Sein Schild schwang stolz im Rhythmus des Windes hin und her.

Sie fuhren an der Kirche vorbei und Chloe bog von der Hauptstraße auf einen Feldweg ab, der einen steilen Hügel hinaufführte. In der Ferne erstreckten sich grüne Felder, gesprenkelt mit Schafen und Kühen am Horizont, während die Berge dahinter staubig braun zum Vorschein kamen. In ein paar Monaten würden sie mit Schnee bedeckt sein, der See, der sich zu ihren Füßen befand, würde vereisen und die Aussicht würde wie eine Fotografie für eine winterliche Schneekugel wirken.

»Wow«, sagte Naomi und nahm den Anblick mit großen Augen auf. »Das ist wunderschön.«

Trotz ihrer Bedenken, nach Hause zurückzukehren, musste Chloe ihr zustimmen. Sosehr sie auch die Londoner Skyline liebte, bei einer Aussicht wieder dieser konnte London nicht mithalten.

Der Feldweg endete in einer Kiesauffahrt. Chloes Elternhaus erhob sich vor ihnen. Es war seit fast drei Jahren nicht mehr bewohnt und das sah man ihm an – die Einfahrt war von Unkraut gesäumt und der Efeu, der sich an der Vorderseite des Hauses emporschlängelte, wucherte wild und bedeckte bereits teilweise die Bogenfenster. Durch den zerbrochenen Holzzaun, der zum hinteren Garten führte, konnte Chloe das Gras sehen, das so hoch gewachsen war, dass sie mit ihren fast 1,73 m vermutlich darin verschwinden würde.

Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie es erst im Haus aussehen musste.

Chloe brachte den Wagen zum Stehen.

Naomi stieß einen leisen Pfiff aus. »Mein Gott, Chloe, ich wusste ja, dass deine Familie stinkreich ist, aber das hier? Dieser Ort ist heftig. Hattet ihr … hattet ihr Diener?«

Chloe musste sich beherrschen, um nicht laut loszuprusten. »Nein. Wir hatten eine Haushälterin, als ich noch jünger war. Irgendwann auch mal einen Hausmeister. Er würde einen Herzinfarkt bekommen, wenn er wüsste, dass ich das Haus und alles drumherum habe so verwahrlosen lassen.«

»Also, es sieht so aus, als hättest du hier einiges zu tun. Bist du dir sicher, dass du dafür bereit bist?«

»Du weißt doch, ich mag Herausforderungen.«

* * *

Als Chloe wenig später über die Türschwelle trat, wirbelte Staub von dem Teppich im Flur auf, der sie in ihrem Hals kitzelte. Sie rümpfte die Nase, um ein Niesen zu unterdrücken.

»Ich weiß, was wir als Erstes zu tun haben«, sagte Naomi, die mit ihrer Hand über das hölzerne Treppengeländer fuhr. Sie zeigte Chloe ihre dreckigen Finger. »Das Haus von oben bis unten schrubben.«

»Jap. Bist du nicht froh, dass du mit mir mitgekommen bist?«

»Oh, und wie.« Naomis Stimme triefte vor Sarkasmus, aber sie lächelte dabei.

Chloe stieß sie mit der Hüfte an, als sie an ihr vorbeiging. Dann öffnete sie die Wohnzimmertür. Bella folgte ihr laut schnüffelnd.

Das Wohnzimmer war klein und gemütlich. So, wie sie es in Erinnerung hatte. Seit Chloes letztem Besuch vor drei Jahren, als sie ihren Vater in ein Altersheim in der Nähe von London gebracht hatte, hatte sich hier nichts verändert. Damals hatte sie in weiser Voraussicht die beiden Ledersofas – und einen Großteil der anderen Möbel im Haus – mit großen Laken zum Schutz abgedeckt. Jetzt war sie wirklich froh darüber.

Sie betätigte den Lichtschalter an der Wand und atmete erleichtert auf, als die Glühbirne über ihr aufflackerte. Vor drei Wochen hatte sie das Elektrizitätswerk angerufen und darum gebeten, die Stromversorgung im Haus wieder anzuschalten.

Sie verließ das Zimmer und folgte dem Geräusch klappender Schranktüren bis in die Küche, wo sie Naomi auf den Zehenspitzen stehend vorfand.

»Versteh mich nicht falsch, Chlo, aber ich glaube, dein Vater hat ganz schön gehamstert.«

Chloe stöhnte beim Anblick der stapelweise aufgetürmten Küchenutensilien und des Geschirrs. Weit mehr als ein Mann jemals hätte verwenden können. »Es wird sechs Monate dauern, bis wir alles ausgeräumt haben.«

»Ach was.« Naomi klopfte ihr tröstend auf den Rücken. »Du schaffst das schon.«

Chloe war sich da nicht so sicher, aber sie hatte vorhin auch nicht gelogen – sie liebte Herausforderungen wirklich.

Und ihre erste? Dafür zu sorgen, dass sie nicht bei jedem Einatmen das Gefühl hatte, ihre Lunge aushusten zu müssen. Sie sperrte Bella mit ein paar Spielsachen in der Küche ein, damit der Hund beschäftigt und abgelenkt war. Naomi verschwand mit Bleichmittel, einem Schwamm und Gummihandschuhen nach oben, um die Badezimmer in Angriff zu nehmen, während Chloe sich dem Staub widmete.

Als das Erdgeschoss wieder bewohnbar war und der Staubsauger seinen Dienst getan hatte, befreite Chloe Bella aus der Küche und fuhr mit ihrer Arbeit an der Treppe fort. Sie begann mit den Bilderrahmen an der Wand, wischte vorsichtig die dicke Schmutzschicht auf den Glasscheiben weg und musste über die Szenen, die darunter abgebildet waren, lächeln.

Das erste Bild zeigte ihre Eltern an ihrem Hochzeitstag. Sie starrten sich gegenseitig im Schein der untergehenden Sonne an, als hätten sie selbst den Himmel mit Mond und Sternen geschmückt.

Chloe war mit dem Wunsch aufgewachsen, eine Person zu finden, die sie genauso ansah; die ihr ein so breites Lächeln schenken konnte, dass ihre Wangen schmerzten. Aber heute, mit sechsunddreißig, wartete sie immer noch auf die perfekte Frau.

Seufzend sah sie sich das nächste Foto an, das am Tag von Chloes Geburt geschossen worden war. Sie war in viele Decken gehüllt und ihre Eltern sahen sie an, als bedeutete sie ihnen die ganze Welt.

Das dritte Foto zeigte Chloe und ihre Mutter, die Chloe auf einer Schaukel anschubste. Es war eines der letzten Fotos, die ihr Vater gemacht hatte, bevor ihre Mutter abgemagert und blass war und schließlich der Krankheit, die in ihr wütete, erlag.

Naomi erschien am oberen Ende der Treppe, als Chloe gerade einen weiteren Bilderrahmen säuberte. Diesmal war es ein Foto von Chloe bei ihrer Abschlussfeier mit schwarzem Abschlusshut und Talar. Ihr Vater hatte den Arm um ihre Schulter gelegt und strahlte über das ganze Gesicht.

Chloe fuhr mit der Fingerspitze über das Gesicht ihres Vaters. Tränen stiegen ihr in die Augen.

»Alles in Ordnung?«, fragte Naomi und legte ihr eine Hand auf den Rücken.

»Ja. Manchmal vergesse ich nur, dass er nicht mehr da ist, weißt du?«

»Ich weiß.« Naomi umarmte sie. »Sieht professionell aus, das Foto.«

Chloe lächelte – Naomi, die selbsternannte »Fotografin«, wusste immer genau, was sie sagen musste, um sie aufzuheitern. »Geht so.«

»Unhöflich.«

* * *

Klirrend fiel ein Teller aus Amys Händen in die Spüle und bespritzte die Vorderseite ihres T-Shirts mit Abwaschwasser.

Gabi, die gerade abtrocknete, drehte sich mit einem Stirnrunzeln zu ihr um. »Alles okay bei dir, Amy? Du siehst aus, als hättest du heute einen Geist gesehen.«

Den Geist meiner Vergangenheit, vielleicht. »Ich wohne schon fast mein ganzes Leben hier. Ich denke, wenn es hier spuken würde, wüsste ich davon.« Sie fischte den Teller aus dem Wasser und schrubbte ihn sauber, wobei sie versuchte, nicht auf die Lichter in der Ferne zu schauen, die sie durch das Fenster sehen konnte.

»Ich weiß nicht«, sagte Gabi, als Amy ihr den Teller reichte. »Geister können heimtückisch sein. Sie tauchen auf, wenn man sie am wenigsten erwartet.«

»Da bin ich mir nicht so sicher.« Als der Abwasch erledigt war, trocknete Amy ihre Hände an dem Handtuch, das Gabi ihr reichte.

»Also?«, fragte Gabi und lehnte sich mit ihrer Hüfte an den Tresen. »Wirst du mir sagen, was los ist?«

Amy wusste, dass Gabi es ihr irgendwann sowieso aus der Nase ziehen würde. Sie seufzte und deutete mit dem Kopf in Richtung des Hauses am Horizont, dessen helle Fenster sich deutlich vom dunklen Himmel der Landschaft abhoben. »Sieht aus, als ob jemand im Haus der Roberts ist. Das hat mich nur überrascht.«

»Ah ja.« Gabi blinzelte, um durch das Küchenfenster sehen zu können. »Ist er nicht vor ein paar Monaten verstorben?«

Amy nickte und erinnerte sich an die traurige Meldung in der Lokalzeitung. Chris Roberts hatte sich größtenteils zurückgezogen, nachdem seine Tochter das Nest verlassen hatte, aber Amy hatte wirklich gute Erinnerungen an den Mann.

»Vielleicht verkaufen sie das Haus. Oder vielleicht zieht jemand ein. Hatte er nicht eine Tochter?«

»Äh, ja, hatte er. Aber sie würde auf keinen Fall wieder zurückkommen.«

»Warum?«

»Sie würde es nicht wollen.« Amy war sich sicher. Warum sollte Chloe in eine Stadt zurückkehren wollen, die sie so schlecht behandelt hatte? Etwas, woran Amy ihren Teil dazu beigetragen hatte. Schuldgefühle breiteten sich in ihrem Bauch aus, so wie es manchmal passierte, wenn sie auf das leere Haus der Roberts blickte.

»Das hast du auch einmal über diesen Ort gesagt.«

»Ja, bevor mein idiotischer Bruder sich die halbe Hand abgehackt hat.«

In diesem Moment schlenderte Danny mit einem sich windenden Dreijährigen auf der Hüfte in die Küche und zeigte ihr mit seiner gesunden Hand, hinter dem Kopf seines Sohnes, den Mittelfinger. »Ich glaube, Sam möchte, dass seine Tía Amy ihn heute Abend badet.«

»Ist das so?«, fragte Amy und blickte in ein Paar große grüne Augen. Als Sam nickte, hob sie ihn aus den Armen ihres Bruders. »Komm schon her, Stinker.«

Sie stapfte die Treppe hinauf und war dankbar, dass sie durch ihren Job ausreichend Muskeln entwickelt hatte. Ihr Neffe wurde wirklich immer schwerer.

Als sie fast oben angekommen waren, wurde die Badezimmertür aufgestoßen und Amys zweiter Neffe, Adam, stürmte heraus und prallte mit ihr zusammen. »Pass auf, Kleiner.«

»Entschuldigung, Tía Amy.« Er sah sie mit seinem patentiert frechen Grinsen an. Sein Grinsen zeigte eine Zahnlücke. Vor einigen Tagen hatte er einen Schneidezahn verloren.

»Hast du es eilig, ins Bett zu kommen, oder was ist los?«

»Abuela hat gesagt, wenn ich brav bin, kann ich vor dem Schlafengehen noch Comics lesen!«

»Hat sie das, ja?« Amy lächelte, als ihre Mutter in einem viel ange­messeneren Tempo als Adam durch die Badezimmertür schlüpfte. »Und warst du brav?«, fragte Amy ihn.

»Ich bin immer brav!«

»Da bin ich mir nicht so sicher.« Sie zerzauste sein feuchtes Haar mit ihrer freien Hand.

»Ich war brav, nicht wahr, Abuela?«

»Das warst du«, sagte Leanne und sah ihn mit liebevollen Augen an.

»Na, dann auf.« Amy trat zur Seite, um ihn vorbeizulassen.

Er eilte den Flur entlang zu dem Schlafzimmer, das er sich mit Sam teilte.

Das Zimmer der Jungs war Amys altes Zimmer. Als sie nach Corthwaite zurückgezogen war, war sie in die alte Scheune umgezogen, die zu einer netten kleinen Wohnung umgebaut worden war. Sie und ihr Bruder Danny hatten es achtzehn Jahre lang unter einem Dach ausgehalten – noch länger wäre einfach zu viel gewesen.

»Ich habe das Wasser für dich eingelassen. Es ist noch heiß«, sagte Leanne.

»Danke, Mum.« Amy trat ins Bad und setzte Sam auf den weißen Fliesen ab. Die Badewanne quoll fast über vor Seifenblasen – was, wie Amy vermutete, weniger mit ihrer Mutter und mehr mit Adam zu tun hatte. Sam kicherte, als sie eine dicke Seifenblase herausfischte und sie sich auf die Nase setzte.

»Brauchst du Hilfe mit den Knöpfen, Kleiner?«, fragte sie, als er mit dem Verschluss seiner Jeans kämpfte. Sie wartete, bis er einen Schritt auf sie zukam, bevor sie ihn von seiner Jeans befreite. Dann hob er die Hände in die Luft und sie zog ihm das Dinosauriershirt über den Kopf.

Amys Knie protestierten, als sie sich neben der Badewanne niederließ, um Sam die Haare zu waschen. Auch sie wurde nicht jünger. Amy dachte an die Arthritis ihrer Mutter, die sich von Jahr zu Jahr verschlimmerte, und wusste, dass ihr ein ähnliches Schicksal bevorstand. Das Leben eines Farmers eben, dachte sie und neigte Sams Kopf vorsichtig nach hinten, als sie ihm das Shampoo aus dem Haar wusch. Er hasste es, Wasser in die Augen zu bekommen, und sie wollte um jeden Preis Tränen und Geschrei vermeiden.

Auch den Föhn hasste er und so trocknete sie am Schluss seinen braunen Lockenschopf vorsichtig mit einem Handtuch. Sams Blick blieb dabei auf das Wasser gerichtet, das den Abfluss hinunterwirbelte. Sein Lieblings-PAW-Patrol-Schlafanzug lag schon bereit und als er ihn angezogen hatte, ließ sie sich von ihm an die Hand nehmen und in sein Schlafzimmer ziehen.

Adam war bereits in ein Comic-Heft vertieft und ihre Mutter saß gemütlich in dem Sessel, der zwischen den beiden Betten der Kinder stand.

»Soll ich dir eine Gutenachtgeschichte vorlesen, oder lieber Abuela?«, fragte Amy, nachdem Sam ins Bett geklettert war und sich unter die Decke gelegt hatte.

Eine kleine Hand zeigte in Richtung ihrer Mutter und Amy beugte sich vor, um ihm einen Kuss auf den Kopf zu geben. »In Ordnung, wir sehen uns morgen, Chiquito.« Sie drehte sich zu Adam um und lächelte, als er sich von Supermans Abenteuern losriss, um seine Arme um ihren Hals zu legen. »Buenas noches, Adam. Bleib nicht zu lange auf.«

»Buenas noches.« Obwohl Gabi ihnen beiden ihre Muttersprache beibrachte, hatte Adam den Akzent perfekt drauf, während Amy … nun ja. Sie konnte ihren nordenglischen Akzent nicht loswerden, egal wie sehr sie sich auch anstrengte. Gabi versicherte ihr immer wieder, dass es der Gedanke war, der zählte.

Unten war die Küche bereits dunkel, aber im Wohnzimmer, in dem Danny und Gabi zusammen auf der Couch saßen, lief noch der Fernseher.

»Gute Nacht«, sagte Amy.

»Du kannst dich zu uns setzen, wenn du willst«, entgegnete Gabi und drehte sich zu ihr um.

»Schon okay.« Amy wollte sich nicht aufdrängen. Die beiden hatten ohnehin nicht genug gemeinsame Zeit für sich allein.

Sie schlüpfte aus der Haustür und sofort stieg ihr der unverwechselbare Geruch von Kühen und Dung in die Nase. Der Himmel war ungewöhnlich klar und der Mond und die Sterne erhellten den steinernen Weg zu ihrem Haus.

In der Ferne erregte das Haus der Roberts noch einmal ihre Aufmerksam­keit. Wer war da drin, und warum? Und hatte es etwas mit dem unbekannten weißen Lieferwagen zu tun, den sie heute gesehen hatte und dessen Fahrer so verzweifelt darum bemüht gewesen war, nicht gesehen zu werden?

* * *

Chloe schlief nicht besonders gut in ihrer ersten Nacht zu Hause.

Sie war an ein Kingsize-Bett mit einer Memory-Foam-Matratze gewöhnt und das Bett, in dem sie gerade lag, ihr altes Bett, hatte eine klumpige Matratze mit gebrochenen Federn, das jedes Mal knarrte, wenn sie sich umdrehte.

Die Stille im und um das Haus herum war geradezu ohrenbetäubend. Chloe hatte nicht den Luxus, sich eine Wohnung in Londons pulsierendem Stadtzentrum leisten zu können, aber selbst am Rande von Twickenham waren die Nächte nie ruhig. Laute Stimmen, wenn die Leute aus Bars und Kneipen strömten, wiegten sie normalerweise in den Schlaf, zusammen mit dem Quietschen von Autoreifen oder dem Dröhnen von Motorrädern.

Aber hier?

Hier gab es nichts außer dem gelegentlichen Schrei einer Eule.

Um fünf Uhr morgens gab sie endgültig auf und griff halb blind nach ihrer Brille auf dem Nachttisch. Für Kontaktlinsen war sie noch nicht wach genug. Bei dem Versuch, diese jetzt einzusetzen, würde sie sich vermutlich eher mit dem eigenen Finger ins Auge stechen.

Bella, die am Fußende des Bettes auf dem Boden ausgestreckt lag, schnarchte in aller Seelenruhe vor sich hin.

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne drangen durch die dünnen Vorhänge hindurch und trafen auf das vollgepackte Bücherregal. Vielleicht war Lesen eine gute Möglichkeit, um sich die Zeit zu vertreiben. Chloe stand auf und griff nach einem alten Lieblingsbuch, bevor sie sich auf die große hölzerne Fensterbank setzte. So, wie sie es als Kind auch schon immer getan hatte.

»Das ist nicht gut für deine Augen, wenn du so liest«, hörte sie die Stimme ihres Vaters in ihrem Kopf.

Mit einem bittersüßen Lächeln erinnerte sie sich an sein schiefes Kopfschütteln, wenn er sie wieder einmal dabei erwischt hatte, wie sie, in eine Decke eingewickelt, am Fenster stand, während sie eigentlich schlafen sollte. Natürlich hatte er recht gehabt. Ihre erste Brille hatte sie bereits mit zwölf Jahren bekommen und seitdem hatte sich ihr Sehvermögen mit jedem Jahr verschlechtert.

Irgendwo im Haus wurde knarrend eine Tür geöffnet.

Chloe schaute auf ihre Uhr. Es war erst halb sieben und Naomi war wach und wuselte bereits herum? Das war höchst ungewöhnlich.

Chloe legte das Buch wieder weg und ging hinunter in die Küche. Dort fand sie in der Tat Naomi vor. Verschlafen, die Haare immer noch in das Tuch gewickelt, mit dem sie eingeschlafen war, und mit den Nägeln ungeduldig auf den Tresen klopfend, wartete diese darauf, dass die Nespresso-Kaffeemaschine ihre Arbeit tat.

»Guten Morgen«, sagte Chloe.

Naomi funkelte sie an. »Wieso klingst du so wach?«

»Weil ich schon seit«, Chloe schaute auf die Uhr, »zwei Stunden wach bin.«

»Es ist zu verdammt ruhig hier. Ich komme damit nicht klar.«

»Ich weiß. Du musst nicht bleiben, weißt du. Du könntest zurück in die Stadt fahren.«

»Und dich hier allein zurücklassen? Wirklich nicht.«

»Ich komme schon zurecht. Es ist doch nur für ein paar Wochen.« Sie war nicht undankbar für Naomis Anwesenheit – im Gegenteil –, aber sie wusste, dass zwei Wochen Abwesenheit vom Büro eine lange Zeit waren. »Und ich werde hier sowieso bald allein sein. Wenigstens an den Wochenenden.«

»Ja, aber so kann ich dir wenigstens etwas Arbeit abnehmen. Es macht mir nichts aus, Chlo, ehrlich.«

»Kann ich das schriftlich haben, damit ich in etwa zwölf Stunden, wenn du mürrisch bist und mich verfluchst, einen Beweis dafür habe, dass du das hier aus freien Stücken tust?«

»Es ist noch zu früh für lange Reden.« Naomi seufzte glücklich, als die Kaffeemaschine piepte. Sie füllte zwei Tassen und schob eine über den Tresen zu Chloe. »Wie sieht der Plan für heute aus?«

»Als Erstes werden wir wahrscheinlich mehr Milch besorgen müssen«, sagte Chloe und schüttelte die halbleere Packung, die sie aus dem Kühlschrank geholt hatte. »Dann sollten wir uns daranmachen, die ganzen Sachen zu sortieren.« Sie hatte gehofft, dass diese Arbeit nicht lange dauern würde, aber nach dem, was sie bisher gesehen hatte, war sie nicht mehr sehr optimistisch. »Den Container vollmachen, den ich bestellt habe.«

»Ich denke, du hättest sechs bestellen sollen.«

»Wahrscheinlich.« Chloe seufzte und schaute in einen Schrank, der vor Gerümpel nur so überquoll. »Ich weiß nicht mal, wo die Hälfte von dem Zeug herkommt.«

»Ich werde erst einmal duschen, bevor wir hier irgendetwas tun«, beschloss Naomi und leerte ihre Kaffeetasse. »Wir haben doch heißes Wasser, oder?«

»Ich schätze, das wirst du gleich herausfinden.«

Kapitel 2

Amy stieß die Tür zum Dorfladen mit der Hüfte auf, in den Händen eine große Kiste mit Milch und Eiern.

»Was ist das?«, hörte sie eine Frau aus einem der kleinen Gänge fragen.

Der Cockney-Akzent ließ sie stutzig werden – Touristen waren in Corthwaite zwar nicht völlig ungewöhnlich, aber doch eher selten. Es war nicht so, dass das Dorf viel zu bieten hatte, jedenfalls nicht im Vergleich zu den größeren Städten des Lake Districts, die von Touristen überrannt wurden.

»Was ist was?«, fragte eine andere Stimme.

Als Amy sich der Theke näherte, erhaschte sie einen Blick auf eine hübsche Schwarze Frau, die eine Packung aus einem der Regale nahm.

»Kendal-Minz-Kuchen«, sagte diese und wedelte mit der Packung herum. »Das klingt interessant.«

»Im Grunde ist es reiner Zucker.«

»Gekauft.«

»Wirklich, Naomi? Das Letzte, was ich brauche, ist, dass du einen Zuckerrausch hast. Oder noch schlimmer, einen Zuckercrash.« Die zweite Frau kam um die Ecke.

Amy ließ beinah die Kiste fallen.

Sie hatte ihr Haar dunkel gefärbt und kurz geschnitten. Durch eine Augenbraue verlief eine Narbe, die bei ihrer letzten Begegnung noch nicht da gewesen war. Aber das breite, schiefe Lächeln würde Amy überall erkennen: Chloe Roberts war zurück.

Die Jahre hatten es gut mit ihr gemeint. Sie wirkte nicht mehr unbeholfen und schlaksig. Ihr Körper war schlank und wirkte sehr erwachsen.

Chloe lehnte sich zu Naomi hinüber und riss ihr den Minzkuchen aus den Händen. »Ich lege ein Veto ein.«

»Muss ich dich daran erinnern, dass keine von uns beiden letzte Nacht viel Schlaf bekommen hat?«, fragte Naomi.

Amy wandte sich hastig ab und zwang sich zu einem Lächeln, während sie die Kiste auf den Tresen hievte und versuchte, das Gespräch hinter sich zu ignorieren.

»Zucker könnte genau das sein, was wir brauchen«, hörte sie Naomi noch sagen.

»Hey, Amy.« Alex sprang auf – von den drei Mitarbeitern des Ladens war er bei weitem der Jüngste und freute sich immer am meisten, sie zu sehen. »Wie …«

Etwas krachte hinter ihnen auf den Boden. Amy drehte sich um.

Chloe kniete auf dem Boden und versuchte verzweifelt die Wasserflaschen aufzusammeln, die sie aus den Regalen gestoßen hatte. »Es tut mir leid«, sagte sie mit feuerroten Wangen, die Arme voll mit so vielen Flaschen, dass es ein Wunder war, dass sie sie nicht alle direkt wieder fallen ließ.

»Ist schon in Ordnung.« Alex sah amüsiert zu, wie Chloe das Regal wieder auffüllte.

Naomi starrte Amy mit zusammengekniffenen Augen an.

Amy wurde ganz flau im Magen. Ich weiß, was du getan hast, schien der Blick zu sagen.

»Ich muss gehen«, murmelte Chloe und drückte Naomi die Milchtüte in die Hand, bevor sie zum Ausgang stürmte.

Amy nahm es ihr nicht übel.

»Wie viel macht das?«, fragte Naomi. »Oh, und das hier«, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu und griff nach der Packung Minzkuchen, die Chloe ihr abgenommen hatte.

»3,30 Pfund«, sagte Alex.

Naomi griff mit einer Hand in ihre Tasche.

Ihre Doc Martens waren kaum getragen und ihr langer roter Mantel wirkte teuer. Amy fühlte sich in ihrer mit Schlamm bespritzten Jeans und den abgenutzten Turnschuhen auf einmal ziemlich unelegant. Naomi und Chloe hatten sich mit einer gewissen Vertrautheit unterhalten und die Bemerkung über die schlaflose Nacht ließ Amy darüber grübeln, ob sie vielleicht ein Paar waren. Allerdings bemerkte sie auch den fehlenden Ehering an Naomis linker Hand, als sie ihr Wechselgeld entgegennahm.

»Danke.«

Mit einem letzten verächtlichen Blick in Amys Richtung verließ Naomi den Laden.

Amy atmete einmal tief durch, als sie gegangen war.

»Alles in Ordnung?«, fragte Alex mit hochgezogenen Augenbrauen.

Amy nickte.

Es stimmte also. Chloe war wirklich zurück. War es für immer? Oder nur für einige Zeit? Und würde Amy weiterhin mit ihr zusammenstoßen und Chloe dazu bringen, sich hinter ihrem Lenkrad zu verstecken oder aus der Tür zu stürmen?

Sie hoffte für sie beide, dass die Antwort Nein lautete, aber irgendetwas sagte ihr, dass sie nicht so viel Glück haben würden.

* * *

»Herrgott, Chloe, würdest du bitte mal warten?« Naomi holte sie ein, als sie den King’s Head erreicht hatte, und hielt sie am Ellbogen fest. »Du bist nicht mehr in London.«

»Tut mir leid.« Chloe wurde langsamer und zog sanft an Bellas Leine, damit diese wieder bei Fuß ging. »Ich weiß, du wolltest dich noch etwas umsehen, aber ich musste da einfach raus.«

»Ich weiß. Aber sie folgt dir nicht.«

Chloe verzichtete darauf, über ihre Schulter zurückzuschauen. »Richtig. Willst du immer noch eine Tour?«

»Nein, ist schon okay. Ich glaube, ich habe schon alles gesehen. Lebensmittelladen, Tierärzte, Blumenladen, Kneipe.« Naomi deutete abwechselnd auf die Gebäude hinter ihnen und dann auf das eine vor ihnen. »Kirche.«

»Macht es dir etwas aus, wenn wir hier einen Stopp machen?«, fragte Chloe und warf einen Blick auf das Tor, das zu dem angeschlossenen Friedhof führte. »Ich möchte etwas überprüfen.«

»Sicher.« Naomi folgte Chloe, als sie einen Weg einschlug, den sie schon lange nicht mehr gegangen war. Schließlich hielten sie vor einem Grabstein mit der Aufschrift Annie Roberts. Geliebte Ehefrau, Mutter und Freundin.

Chloe war überrascht, dort einen frischen Blumenstrauß vorzufinden. Sie hatte erwartet, dass der Grabstein bereits zugewachsen war, und war gerührt, ihn stattdessen in nahezu perfekt gepflegtem Zustand vorzufinden.

»Deine Mum?«, fragte Naomi leise.

»Ja. Sie wurde eingeäschert, aber mein Vater wollte, dass wir einen Ort haben, den wir besuchen können, um uns an sie zu erinnern. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich für meinen Dad einen Platz daneben finden kann.«

»Das würde ihm sicher gefallen.«

Chloe dachte an die wenigen Erinnerungen, die sie an ihre Mutter hatte. Sie war zu jung gewesen, um sich an viel zu erinnern, aber ihr Vater hatte sie mit seinen Geschichten am Leben erhalten, und Chloe konnte sich noch an ihr Lächeln erinnern, an den Trost ihrer Arme, wenn Chloe sich das Knie aufgeschürft hatte.

»Lass uns zurückgehen«, sagte sie schließlich, wandte sich vom Grabstein ab und hakte sich bei Naomi unter. Der Hügel, der zum Haus führte, war steiler, als sie es in Erinnerung hatte und so waren sie beide außer Atem, als sie oben ankamen.

»Okay. Wo brauchst du mich heute?«, fragte Naomi, trat in das Haus und zog ihre Schuhe aus.

Chloe schürzte ihre Lippen. »In der Küche? Es sei denn, du willst hier unten anfangen.« Sie öffnete die Tür des Schranks unter der Treppe und brachte Stapel von Kisten zum Vorschein. Jede von ihnen musste umgelagert werden, bevor der Klempner am Dienstag kam, um zu sehen, ob Chloe eine Toilette unter der Treppe einbauen konnte.

»Und dir vorenthalten, welche Schätze dein Vater dir hinterlassen hat? Das könnte ich nie.« Mit diesen Worten verschwand Naomi in der Küche. Kurz darauf war das Geräusch von klapperndem Geschirr zu hören.

»Von wegen Schätze«, murmelte Chloe, als sie in der ersten Kiste Dutzende von Fotoalben fand.

Das Gleiche konnte man von den meisten Kisten sagen – sehr zu Naomis Freude, als sie einige Zeit später wieder auftauchte.

»O mein Gott, sind da Fotos von dir drin?«, fragte sie, griff nach einem der Alben und blätterte darin, bevor Chloe sie aufhalten konnte. »Das bist du!« Sie drehte es um, damit Chloe sehen konnte, wie sie damals in die Kamera gegrinst hatte. Drei ihrer Schneidezähne fehlten. »Du warst hinreißend.«

Sie blätterte noch ein paar Seiten weiter und ihr Lächeln wurde mit jeder Seite breiter.

Chloe musste aufpassen, dass Naomi nichts einsteckte, um ihren Freunden zu Hause irgendwelche alten Fotos zu zeigen.

»Was sind das für Haare?«

»Das war Ende der achtziger Jahre in Mode, ganz klar.« Auf dem Bild konnte sie nicht älter als vier oder fünf sein. Man sah den armseligen Versuch ihres Vaters, Zöpfe zu machen, die dann sehr schief von Chloes Kopf abgestanden hatten.

Sie griff nach einem anderen Album. In diesem war sie älter, vielleicht zwölf oder dreizehn. Sie hatte die Hauptrolle in der Schulaufführung gespielt und es gab mindestens zwanzig Fotos von der kläglichen Inszenierung; sie erinnerte sich an ihren Vater, der in der ersten Reihe gesessen hatte, vor Stolz platzend, und dessen Lächeln im Bühnenlicht aufgeblitzt war, wann immer Chloe ins Publikum geblickt hatte.

»Sieht aus, als hättest du eine Karriere auf der Bühne haben können.« Naomi hielt ein Foto von Chloe in der Hand; dieses Mal war es ein Krippenspiel. »Warst du Joseph?«

»Jep.« Sie erinnerte sich an ihre Klassenlehrerin, Miss Wolfe, die ihr mit Eyeliner einen Schnurrbart auf die Oberlippe gemalt hatte. »In diesem Jahr hatten wir nur einen Jungen in der Klasse und der hat sich geweigert, die Rolle zu spielen.«

»Und da bist du natürlich eingesprungen. In der Hoffnung, dass du ein Mädchen küssen darfst?«, fragte Naomi und zog spielerisch die Augenbrauen hoch.

Chloe schnaubte. »Ich glaube, das wäre ein Skandal für das Dorf gewesen.«

»Wer war deine Maria?«

Chloe musste das Foto nicht sehen, um sich darin erinnern zu können. »Amy.«

»Ah. Ihr, äh, ihr standet euch nahe, hm?«

Chloe wusste, dass Amy auf vielen der Fotos war. Sie waren von ihrem vierten bis zu ihrem siebzehnten Lebensjahr praktisch unzertrennlich gewesen. Chloe würde wetten, dass mindestens eines dieser Alben mit Bildern gefüllt war, die Amy mit der Kamera aufgenommen hatte, die Chloes Vater ihr zu Weihnachten geschenkt hatte.

»Wir waren unzertrennlich«, sagte Chloe und blickte auf ein Bild von ihr und Amy auf einem Pferd in einem der Felder der Edwards. Es gab noch viel mehr gemeinsame Fotos: Sie und Amy in der Küche des Bauernhauses, im Baumhaus im Garten, beim Monopoly-Spiel an Chloes Esstisch. Amys Mutter, die einen Arm um Chloes Schulter gelegt hatte, Amys Vater, der ihr beibrachte mit dem Traktor zu fahren. »Ihre Familie hat sich um mich gekümmert. Ich habe meine Mutter verloren und mein Vater war oft geschäftlich unterwegs, also war ich immer bei ihr. Oder sie war hier drüben.«

»Kein Wunder, dass es schwer ist, wieder hier zu sein.«

»Ja.« Chloe legte das Album zurück in die Schachtel – sich in Erinnerungen zu verlieren, würde den Schrank nicht von allein ausräumen und sie hatte einen strikten Zeitplan. »Aber wenigstens ist es nicht für lange.«

Kapitel 3

Chloe summte zu der Musik aus dem Radio, während sie mit dem Spachtel die letzten hartnäckigen Papierfetzen entfernte, die an der Wand klebten. Es war eine befriedigende Arbeit – das Design im Wohnzimmer hatte ihr noch nie gefallen. Eine weiße Tapete, die mit einem Mischmasch aus bunten, grellen Blumen bedeckt war, kollidierte mit der kränklichen grünen Farbe an der Decke. Es sollte eine Hommage an die Blumenkunst ihrer Mutter sein, aber für Chloe war es immer zu … überladen gewesen.

Hoffentlich würde ihr Vater ihr verzeihen, dass sie die Tapete abgerissen hatte.

Ihre Eltern hatten das Haus beim Einzug gemeinsam dekoriert und ihr Vater hatte nach dem Tod ihrer Mutter keine größeren Veränderungen vorgenommen. Es so zu belassen, wie es war, als sie es gemeinsam bewohnt hatten, war Teil seines Bewältigungsmechanismus gewesen.

Aber leider würde Chloe keinen guten Preis für das Haus bekommen, wenn sie die Relikte des fragwürdigen Einrichtungsgeschmacks ihrer Eltern nicht verschwinden ließ.

»Ähm, Chloe?«

Sie drehte sich um.

Naomi sah stirnrunzelnd aus dem Fenster. »Da ist eine Frau auf einem Pferd, die in unsere Richtung reitet.«

Chloe stellte sich neben sie und sah, wie ein prächtiges braunes Shire-Horse in der Einfahrt neben ihrem Wagen zum Stehen kam. Als sie ihr Gesicht näher an die Scheibe drückte, erkannte sie die Frau, die rittlings auf dem Tier saß. »Das ist Amys Mutter.«

»Soll ich sie verjagen?«, fragte Naomi, als Leanne abstieg. »Sagen, dass du ausgegangen bist?«

»Nein, ist schon okay.« Chloe schlüpfte aus dem Zimmer und ging vorsichtig um den Klempner herum, dessen Beine unter der Treppe herausragten. Als sie aus dem Haus trat, traf sie auf Leanne, die sie sofort in eine herzliche Umarmung zog.

»Chloe, du bist es wirklich.« Leanne klang, als ob sie mit den Tränen kämpfte. Sie roch nach Leder, Pferden und Kindheit.

Chloe drückte sie fest an sich.

»Lass mich dich ansehen.« Sie trat einen Schritt zurück und umfasste Chloes Wangen mit ihren Händen. »Du bist zu dünn«, sagte sie und klang dabei so sehr wie Naomis Mutter, dass Chloe unwillkürlich ein Lachen ausstieß. »Aber du siehst gut aus. Das mit deinem Vater tut mir so leid. Er war ein guter Mann.«

»Danke.«

»Oh, es ist so schön, dich zu sehen. Bleibst du länger hier?«

»Äh, nein. Ich bin hier, um zu renovieren und das Haus zu verkaufen. Ich würde dich ja einladen, es dir anzusehen, aber …« Sie warf einen Blick auf das Pferd, dessen Kopf auf Leannes Schulter ruhte.

»Ja, ich nehme an, er würde nicht durch die Tür passen. Das ist Thor.«

»Er ist wunderschön.« Chloe streckte eine Hand aus und ließ Thor an ihr schnuppern, bevor sie seinen Kopf sanft streichelte.

»Reitest du noch?«

»Ich bin seit Jahren nicht mehr geritten.«

»Nun, wir haben immer noch Pferde. Du kannst gern jederzeit vorbeikommen. Es wäre schön, ein wenig zu plaudern und herauszufinden, was du in all den Jahren gemacht hast. Oder besser noch!« Ihre Augen leuchteten auf. »Komm heute zum Abendessen.«

»Oh, ich, äh …« Sie brach ab und versuchte verzweifelt, einen höflichen Weg zu finden, um zu sagen: »Das ist buchstäblich meine Vorstellung von der Hölle auf Erden, nein danke.«

»Deine … Freundin? Ehefrau?« Leannes Blick huschte zum Fenster hinüber.

Chloe drehte sich um und sah, wie der Vorhang wieder an seinen Platz fiel.

»Sie kann auch gern mitkommen.«

»Wir möchten nicht stören …«

»Unsinn, wir würden uns freuen, wenn ihr kommt.«

Wer ist »wir«? Amy und Danny, falls er noch da ist, sind es ganz sicher nicht.

»Ich –«

»Wir essen um sechs«, sagte Leanne und entschied damit einfach, dass Chloe das Angebot annahm. Sie drehte sich wieder zu Thor um und stieg mit einen Fuß in den Steigbügel. »Komm heute Abend vorbei. Gibt es etwas, was du nicht isst?«

»Ich … nein, aber …«

»Ausgezeichnet.« Sie schwang sich mit einer faszinierenden Anmut auf Thors Rücken. »Ich sehe euch beide später.« Ein Zungenschnalzen und sie ritten die Gasse hinunter.

Chloe starrte ihnen hinterher. Was zum Teufel ist da gerade passiert?

»Was sollte das denn?«, fragte Naomi, als Chloe ins Wohnzimmer zurückkehrte.

Chloe fühlte sich, als wäre sie in einem Albtraum aufgewacht.

»Hey. Bist du in Ordnung?« Naomi legte ihre Hände auf Chloes Schultern und lenkte sie zu der Couch, die sie in die Mitte des Raumes geschoben hatten. Das Staubtuch warf Falten, als sie sich setzte. »Du siehst nicht so gut aus.«

»Sie hat uns zum Essen eingeladen.«

»Du hast Nein gesagt, oder?«

»Sie hätte ein Nein nicht akzeptiert.« Chloe ließ ihren Kopf in die Hände sinken.

Naomi drückte ihre Schulter. »Hey, ist schon okay.« Dann setzte sie sich neben Chloe und legte einen Arm um ihre Schulter. »Wir müssen nicht gehen. Wir können das Licht ausmachen, den Van in der Garage verstecken und so tun, als wären wir überhaupt nicht hier. Oder wir können umdrehen und nach Hause fahren.«

»Das kann ich nicht tun.« Chloe war vieles, aber ganz sicher kein Feigling. Vor achtzehn Jahren war sie vor ihren Problemen davongelaufen und sie hatte nicht vor, das Gleiche noch einmal zu tun. »Nein, wir sollten gehen. Wie schlimm kann es schon werden?«

»Ich weiß es nicht. Aber was auch immer passiert, du bist nicht allein. Ich bin bei dir, okay?«

Chloe zog Naomi in eine Umarmung und legte ihre Arme um ihren Hals. »Ich bin so froh, dass du hier bist.«

»Werd jetzt nicht weich«, sagte Naomi und drückte sie. »Du weißt, dass ich nicht mit weinenden Frauen umgehen kann.«

Chloe lachte. »Ich gebe mein Bestes«, versprach sie und lehnte sich zurück. »Okay, diese Tapete verschwindet nicht von allein.« Sie stupste Naomi in die Seite. »Lass uns weitermachen.«

* * *

»Warum hast du nicht Bescheid gesagt? Ich wäre gern mit dir ausgeritten«, sagte Amy, als ihre Mutter mit Thor im Schlepptau in den Stall schritt.

»Du hättest nicht mitkommen wollen, wenn ich dir gesagt hätte, wohin es geht.«

»Und wohin war das?«

»Zum Haus der Roberts. Ich wollte Chloe sehen.«

Amy erstarrte, die Bürste in ihrer Hand schwebte ein paar Zentimeter über Reginas Rücken.

Ihre Mutter sattelte Thor ab.

»Du warst wo?«

»Ich habe sie für heute Abend zum Essen eingeladen«, fuhr Leanne fort.

Amy wurde flau im Magen.

»Du hast was getan?«

»Bist du taub geworden, Liebes?« Sie sagte es sehr freundlich, aber ihr Blick verriet, dass sie sich für eine Antwort wappnete, die ihr nicht gefallen würde.

Amy atmete einmal tief ein und wieder aus, nicht sicher, wie sie auf die Nachricht reagieren sollte.

»Ich dachte, es wäre schön. Es ist schon so lange her, dass wir alle zusammengesessen haben.«

»Hast du vergessen, dass es dafür einen Grund gibt?« Amy konnte erst gar nicht glauben, dass Chloe so eine Einladung annehmen würde. Aber ihre Mutter konnte sehr überzeugend sein, wenn sie wollte. Wahrscheinlich hatte sie Chloe vehement dazu überredet, Ja zu sagen.

»Natürlich habe ich das nicht.« Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Aber vielleicht ist es an der Zeit, das, was damals vorgefallen ist, wiedergutzumachen.«

Amy hatte ihr nie die ganze Geschichte erzählt – um genau zu sein, hatte sie ihr kaum etwas von der Geschichte erzählt –, aber Amy hatte immer vermutet, dass ihre Mutter mehr wusste, als sie zugab. Und sie wusste, dass ihre Mutter ihr die Schuld dafür gab, dass Chloe sich von der ganzen Familie zurückgezogen hatte.

»Wiedergutmachen?« Amy sah sie stirnrunzelnd an. »Nach achtzehn Jahren?«

»Warum nicht? Sie kommt heute Abend und ich erwarte, dass du auch kommst. Es ist ein Familienessen.«

»Und hast du Gabi und Danny Bescheid gesagt?« Amy konnte sich den säuerlichen Gesichtsausdruck von Danny vorstellen, wenn er die Neuigkeit hörte. Er war nie Chloes größter Fan gewesen und nach den schrecklichen Dingen, die er zu ihr gesagt hatte, war Chloe ganz sicher auch nicht seiner.

»Noch nicht, aber das werde ich und sie werden auch dort sein. Genauso wie die Frau, mit der Chloe zusammen ist.«

»Großartig.« Der Sarkasmus brachte ihr einen bösen Blick ein, aber das war Amy egal.

Ihre Mutter ging mit Thor auf die Wiese und ließ Amy mit ihrem eigenen Pferd allein. Regina spürte ihre Aufregung und stampfte mit einem ihrer Hufe auf, woraufhin Amy ihr einen sanften Klaps verpasste. »Warum bist du immer so mürrisch?«

Ein Schnauben war die Antwort.

Kurz drauf trieb Amy ihre Stute an. Sie brauchte jetzt dieses Glücksgefühl, das sie immer beim Galoppieren über die Felder bekam. Jetzt mehr denn je. Reiten war schon immer ihre Fluchtmöglichkeit gewesen, ihr sicherer Ort. Sie sog die frische Luft tief in ihre Lunge ein, als sie Regina zu einem der vielen Feldwege trieb, die das Ackerland durchzogen.

Der Himmel war mit dunkelgrauen Wolken bedeckt, die heftigen Regen ankündigten. Aber das machte Amy nichts aus. Der Wind peitschte durch ihr Haar, als sie in einen zügigen Trab übergingen. Obwohl in Reginas Pferdepass Irish Sports Horse stand, hatte sie das Temperament eines Vollblüters.

Der Wind, der durch Amys Haare rauschte, ihre Wangen kühlte und ihre Augen zum Tränen brachte, reichte leider nicht aus, um ihre aufgewühlten Gedanken zu vertreiben. Dank des Hügels, auf dem es lag, war Chloes verdammtes Haus von überall zu sehen. Egal, wohin Amy auch ritt, das Anwesen zeichnete sich immer am Horizont ab.

Warum hatte sie zurückkommen müssen? Nein. Das war nicht fair. Chloe hatte überhaupt keine Schuld an irgendetwas. Amy allerdings schon. Sie schuldete Chloe eine verdammt gute Entschuldigung. Aber wie sollte sie das anstellen? Entschuldigung, dass ich mich nicht für dich eingesetzt habe? Entschuldigung, dass ich mich von dir distanziert habe, als die Beschimpfungen anfingen? Entschuldigung, dass ich mit dir hinter verschlossenen Türen rumgeknutscht und dann so getan habe, als hätte es nie etwas bedeutet? Entschuldigung, dass ich dir das Herz gebrochen habe? Dass ich alles versaut habe?

Damals hatte sie gewusst, dass das, was sie tat, falsch war. Ihr Verhalten war unverzeihlich gewesen.

Amy wusste nicht, wie Chloe es ertragen konnte, mit ihr in einem Raum zu sein. Wären ihre Rollen vertauscht – sie könnte es nicht.

Amy seufzte, verkürzte die Zügel, drehte Regina in einem weiten Kreis und lenkte sie auf den Weg nach Hause. Sie waren beide außer Atem. Amy standen Schweißperlen auf der Stirn und sie wusste, dass sich unter Reginas Sattel Abdrücke finden würden. Trotzdem hatte die Stute immer noch viel Energie, als sie den Weg zurückgaloppierten. Sie hatte die Ohren nach vorn gerichtet, in einer ungewöhnlichen Demonstration von Freude.

Vielleicht wird der heutige Abend gar nicht so schrecklich, dachte Amy und verlangsamte Regina zum Schritt, als das Bauernhaus in Sichtweite kam. Wenn es ihr gelang, sich zu entschuldigen, wäre das vielleicht die Gelegenheit, die Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen und neu anzufangen.

Aber nur, wenn Chloe das auch wollte.

Amy hatte nicht vor, sie dazu zu zwingen.

So viel war sie ihr zumindest schuldig.

Kapitel 4

Gegen halb sechs brach die Wolkendecke auf und Regen prasselte gegen die Fenster. Das Wetter passte hervorragend zu Chloes Stimmung. Seit dem Morgen war ihr flau im Magen und ihre Stimmung hatte sich von Stunde zu Stunde verschlechtert.

Das einzig Gute war, dass sie sich in ihre Arbeit hatte stürzen können, um nicht weiter nachdenken zu müssen, und jetzt alle Wände im Erdgeschoss von Tapete befreit waren. Dadurch sah die Wohnung zwar trostlos aus – das Wetter trug nicht gerade zu einer besseren Stimmung bei –, aber nun sie konnte die Wände auf beschädigte Stellen untersuchen. Wie sie vermutet hatte, musste mehr als eine Wand neu verputzt werden. An einigen Stellen fehlte der Putz völlig, so dass der darunterliegende Stein zu sehen war.

Aber das war eine Aufgabe für einen anderen Tag.

»Es ist immer noch Zeit, auszusteigen«, sagte Naomi, als sie ihren Kopf in Chloes Zimmer steckte. »Wenn du das willst.«

Ein verlockendes Angebot, ganz bestimmt, aber Chloe hatte sich ihr bestes Paar schwarzer Röhrenjeans angezogen und war entschlossen, wirklich aus dem Haus zu gehen. »Nein, ist schon okay. Ich schaffe das.«

Naomi sah nicht wirklich überzeugt aus, aber sie widersprach nicht, als sie Chloe die Treppe hinunter folgte. Bella stand schwanzwedelnd an der Tür. Als Chloe nach ihren Stiefeln griff, setzte sie ihren besten Hundeblick auf.

»Es wird nicht lange dauern«, versprach Chloe und krabbelte Bellas Kopf.

Zu Fuß würden sie fünf Minuten benötigen, aber bei dem Regen war das Auto das Transportmittel ihrer Wahl.

»Wir sollten ein Code-Wort vereinbaren«, sagte Naomi, als sie den Weg zur Haustür der Edwards hinaufgingen. »Wenn du dich jemals unwohl fühlst, sag … Gurke, und ich überlege mir eine Ausrede, um zu gehen.«

»Gurke?«, fragte Chloe. Trotz des flauen Gefühls in ihrer Magengegend musste sie lächeln. »Ernsthaft?«

»Was ist falsch an Gurke?«

»Wie soll ich das Wort Gurke in ein lockeres Gespräch einfließen lassen?«

»Du bist eine kluge Frau. Dir wird schon was einfallen.«

»Ich –«

Die Tür öffnete sich und Chloes Worte blieben ihr im Hals stecken.

»Dachte ich mir doch, dass ich Stimmen gehört habe«, sagte Amys Mutter mit einem Lächeln auf dem Gesicht. »Kommt rein, kommt rein.«

Chloe fühlte sich in die Vergangenheit zurückversetzt. In den Jahren seit ihrem letzten Besuch hatte sich hier nur wenig verändert: derselbe Holzboden, die gleiche cremefarbene Tapete im Flur, die große Kommode neben der Tür gefüllt mit verschiedenen Trophäen, die Bilderrahmen an den Wänden verstreut. Auf eine gewisse Art und Weise fühlte es sich immer noch so an, als würde sie nach Hause kommen. Chloe zog ihre Jacke aus und versuchte, all diese Gefühle, die in ihr tobten, zu beruhigen.

»Wir sind uns noch nicht vorgestellt worden«, sagte Amys Mutter zu Naomi. »Ich bin Leanne.«

»Naomi«, antwortete sie und streckte Amys Mutter die Hand hin.

Ihre Augen wurden groß, als Leanne sie stattdessen in eine Umarmung zog.

»Ihr zwei seid also …« Leanne brach ab, nachdem sie Naomi losgelassen hatte, und sah mit hochgezogenen Augenbrauen zwischen ihr und Chloe hin und her.

»Freunde«, antwortete Chloe.

Leanne nickte. »Das Essen ist gleich fertig.« Sie ging den Flur entlang, in die Richtung, aus der der fantastische Essensgeruch kam.

Chloe und Naomi folgten ihr.

»Vergiss nicht«, sagte Naomi mit leiser Stimme, als sie dicht an Chloe herantrat und ihre Hand drückte. »Gurke ist alles, was du sagen musst, wenn du willst, dass ich meine spektakulären schauspielerischen Fähigkeiten zum Einsatz bringe.«

»Da wären wir«, sagte Leanne und führte sie in den größten Raum des Bauernhauses.

Drei Plätze am runden Tisch waren besetzt: einer von Danny. Er hatte immer noch dasselbe zottelige blonde Haar, seine Nase war noch immer krumm von der Schlägerei, in die er mit fünfzehn mit einem der Jungs in der Schule geraten war. Und als er ihr einen Blick zuwarf, waren seine Augen genauso kalt, wie Chloe sie in Erinnerung hatte.

Auf den anderen beiden Plätzen saßen zwei kleinen Jungen mit dunklem Haar. Der ältere der beiden spielte mit Danny Karten und stupste ihn ungeduldig an, damit er weitermachte. Der Jüngere malte auf einem Blatt Papier, übergroße Kopfhörer auf den Ohren.

Eine schlanke Brünette stand an der Arbeitsplatte und lächelte freundlich. Aber dann sah Chloe Amy, die neben der Frau stand und eine Bierflasche in der Hand hielt.

Atmen, ermahnte sich Chloe streng. Du musst nur ein Abendessen überleben.

»Das ist Gabi«, sagte Leanne und wies mit einer Handbewegung auf die Brünette. »Dannys Frau.«

»Freut mich, dich kennenzulernen«, sagte Chloe und fragte sich, was man Gabi wohl von ihr erzählt hatte. Wenn man überhaupt von ihr gesprochen hatte.

»Schnapp!«, rief der ältere Junge mit leuchtenden Augen. Seine Hand lag flach auf dem Kartenstapel.

»Das ist Adam«, führte Leanne die Vorstellung fort. »Und sein Bruder Sam.«

Sam sah nicht hoch und Chloe konnte es ihm nicht verübeln. Sie wünschte sich, sie könnte ihren Kopf in einem Buch vergraben und sich nicht an dieser Heuchelei beteiligen.

»Und das ist Chloes Freundin Naomi«, beendete Amys Mutter die Vorstellungsrunde. »Bitte, setzt euch.«

Chloe warf einen Blick in Richtung Tisch und überlegte, wo sie sich am besten hinsetzen sollte. Sie entschied sich schließlich für den Platz neben Adam. Naomi setzte sich neben sie. Die Stühle standen so eng beieinander, dass ihre Schultern sich berührten.

»Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?«, fragte Gabi mit einem leichten Akzent, den Chloe nicht einordnen konnte. »Wir haben Wein, Bier und Limonade.«

»Wasser für mich, bitte«, sagte Chloe. Alkohol und Stress zu kombinieren, auf der dunklen, kurvenreichen Straße nach Hause, war wahrscheinlich keine gute Idee.

»Ich nehme ein Bier«, antwortete Naomi.

»Ich hoffe, ihr beide habt nichts gegen Cottage Pie«, sagte Leanne und holte eine Backform aus dem Ofen. »Chloe, ich weiß, das war früher dein Lieblingsessen.«

Das meiste, was Amys Mutter gekocht hatte, war ihr Lieblingsessen gewesen. Chloe hatte ihre begrenzten Kochkünste von ihrem Vater geerbt, der zwar sein Bestes gegeben hatte, aber dessen Essen nie an die selbstgekochten Mahlzeiten der Edwards heranreichen konnte.

»Aber falls nicht, gibt es auch ein paar Chicken Nuggets«, sagte Gabi und zog ein Backblech heraus. Dann schüttete sie die Nuggets zusammen mit etwas Gemüse auf einen PAW-Patrol-Plastikteller. »Sam überlässt dir vielleicht ein paar, wenn du nett fragst.«

»Cottage Pie ist mehr als okay für mich«, sagte Naomi. »Er riecht fantastisch.«

»Danke, Liebes.«

»Sollen wir die Karten weglegen, Mijo?«, fragte Danny, wobei die Anrede mit seinem Akzent ein wenig klobig klang.

Chloe versuchte nicht zweimal hinzuschauen, als er nach dem Kartenspiel griff, denn an seiner rechten Hand fehlten zwei Finger und die Hälfte seines Daumens.

»Kannst du das Sam geben?« Gabi reichte Amy den PAW-Patrol-Teller.

Amy beugte sich über Adams Schulter und klopfte mit den Fingerknöcheln sanft auf den Tisch. Sam blickte auf und nahm einen der Kopfhörer von seinen Ohren. »Essenszeit, Chiquito. Du kannst später weitermalen.«

Er ließ seinen Buntstift zugunsten einer Gabel fallen und setzte seine Kopfhörer wieder auf, als Amy den Teller vor ihn schob.

»Da wären wir.« Leanne und Gabi stellten die vollen Teller nach und nach auf den Tisch. »Guten Appetit.«

Das Essen war so gut, wie Chloe es in Erinnerung hatte – das Fleisch war perfekt gegart und der Geschmack weckte Erinnerungen an gemeinsame Essen in ihrer Kindheit – und als sie Leanne das sagte, strahlte sie.

»Also, Chloe, erzähl uns, was du die ganze Zeit getrieben hast. Was machst du so?«

Chloe konnte geradezu spüren, wie sich ein paar neugierige Augenpaare auf sie richteten. »Ich bin Bauunternehmerin in London.«

»Wie dein Vater?«

»So ähnlich. Er hat mich gefragt, ob ich seine Firma übernehmen will, wenn er in den Ruhestand geht, aber … sie war zu groß für mich. Mehr Business und Planung von Hochhäusern, weniger praktische Arbeit.« Sich die Hände schmutzig zu machen, war der beste Teil des Jobs. »Also half er mir, mein eigenes Unternehmen zu gründen. Wir konzentrieren uns auf kleinere Gebäude. Viele Renovierungen, aber wir haben in letzter Zeit auch einige größere Aufträge bekommen.«

»Wow. Und arbeitet ihr beide zusammen?«

»Ja, aber nicht in der gleichen Firma.«

»Ich habe meine eigene«, sagte Naomi. »Ein Architekturbüro. Und ich bin die Einzige, die Chloe kennt, also kommt sie natürlich zu mir gekrochen, wenn sie die Expertise einer Architektin braucht.«

»Beide Geschäftsführerinnen«, sagte Leanne. »Beeindruckend.«

»Ich möchte aber klarstellen, dass sie mich nachgemacht hat«, sagte Naomi und nahm einen Schluck von ihrem Bier. »Ich habe mich zuerst selbstständig gemacht.«

»Nur etwa einen Monat früher.«

»Hey, es zählt trotzdem.«

Chloe ließ sich trotz ihrer Umgebung auf das vertraute Geplänkel ein. »Und du erinnerst mich immer wieder daran.«

»Und wie habt ihr euch kennengelernt?«

»An der Universität. Naomi war Präsidentin eines der Clubs, dem ich in meiner ersten Woche beigetreten bin. Sie hat mich unter ihre Fittiche genommen.«

»Ich konnte nicht anders. Sie kam zu unserem ersten Treffen, dieses Mädchen vom Land, das sich in die große Stadt verirrt und Angst vor ihrem eigenen Schatten hatte.«

»Hatte ich nicht«, murmelte Chloe, aber es war eine Lüge. Damals waren gerade erst vier Wochen vergangen, seit sie Corthwaite verlassen hatte. Ihr Liebeskummer war noch sehr frisch gewesen und das Schild für den LGBT-Club war ihr sofort ins Auge gefallen. Sie war kaum in der Lage gewesen, ihre eigene Sexualität laut auszusprechen, als sie beitrat, aber Naomi hatte sie schnell aus ihrem Schneckenhaus herausgelockt und Chloe hatte sich sehr schnell in ihrer eigenen Haut wohlgefühlt, umgeben von Gleichgesinnten.

»Hattest du. Und du hast dich ständig verlaufen.«

»London ist eine große Stadt!«

»Das kann ich sehr gut nachvollziehen, Chloe«, sagte Leanne, die sie und Naomi mit einem liebevollen Lächeln betrachtete. »Als Stephen und ich Amy dort besucht haben, haben wir uns auch ständig verlaufen.«

Chloes Blick wanderte zu Amy. »Du warst in London?«

»Ich … ja. Ich habe dort eine Ausbildung in einem Fotostudio gemacht.«

»Wann?« Chloe war so darauf fixiert gewesen, dass sie jetzt beide wieder am selben Ort waren und nun erfuhr sie, dass das schon einmal der Fall gewesen war? Konnten sich damals ihre Wege gekreuzt haben, ohne dass eine von ihnen es bemerkt hatte?

»Vor elf, zwölf Jahren. Ich habe dort ein paar Jahre gelebt, bevor ich hierher zurückgekommen bin.«

Zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen sie in derselben Stadt gelebt hatten und Chloe hatte keine Ahnung davon gehabt.

»Hat es dir nicht gefallen?«, erkundigte sich Naomi. »Bist du deshalb zurückgezogen?«

»Nein, ich habe London geliebt. Aber nachdem Dad gestorben war …« Amy brach ab, und der Schmerz über das, was damals passiert war, war in ihren Augen zu sehen.

»Es tat mir leid, das zu hören«, sagte Chloe. In ihrer Kindheit war Stephen immer nett zu ihr gewesen und als ihr Vater ihr von Stephens Tod erzählt hatte, hatte Chloe den Verlust eines guten Mannes betrauert, der zu früh verstorben war.

»Wir vermissen ihn immer noch.« Leanne drehte den Ehering, der an einer Kette um ihren Hals hing, zwischen ihren Fingern. »Aber das weißt du sicher besser als die meisten.«

Chloes Kehle schnürte sich zusammen, als sie an ihren eigenen Verlust erinnert wurde. »Ja, das stimmt wohl.«

»Nach der Beerdigung bin ich zurück nach London gegangen«, fuhr Amy fort und betrachtete das Etikett ihrer Bierflasche. »Aber dann hatte Danny einen Unfall und ich wurde hier mehr gebraucht als dort.«

Das war es also gewesen, was Amy an diesen Ort zurückgezogen hatte, zu dem Job, von dem sie geschworen hatte, dass sie ihn nie wollte.

»Und jetzt denkt sie, dass ihr der Laden gehört«, sagte Danny.