Sag niemals »Nein« zum Glück - Rachael Sommers - E-Book + Hörbuch

Sag niemals »Nein« zum Glück E-Book und Hörbuch

Rachael Sommers

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Beschreibung

Zwischen Glanz, Glamour und Chaos im Kinderzimmer – Liebe findet ihren Weg. Ein Liebesroman, der beweist, dass Gegensätze sich manchmal wirklich anziehen. Mit ihrem Collegeabschluss frisch in der Tasche freut sich Emily auf New York – ein bisschen unbeschwerte Zeit genießen und dabei Geld sparen, um anschließend weiter zu studieren. Womit sie allerdings nie gerechnet hätte? Gleich in der ersten Woche ein Jobangebot als Nanny zu bekommen. Der einzige Haken: Ihre neue Chefin ist Camila, erfolgreiche Geschäftsführerin eines Fernseh-Imperiums, offen bisexuell und Emilys Idol und Promi-Schwarm. Doch Camilas kleiner Sohn Jaime erobert Emilys Herz im Sturm und schon bald kommen sich die beiden Frauen auch auf privater Ebene sehr viel näher, als gut für Emilys Seelenheil ist. Denn eine echte Beziehung kommt für Camila mit jemandem wie Emily nicht infrage … oder?

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Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Zeit:7 Std. 59 min

Veröffentlichungsjahr: 2022

Sprecher:Kamila Bucko

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Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Epilog

Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen

Über Rachael Sommers

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Danksagung

Ein Riesendankeschön geht an Astrid und das Ylva-Team, weil sie mir eine Chance gegeben und das hier überhaupt erst möglich gemacht haben. Ich weiß das mehr zu schätzen, als Worte je ausdrücken könnten.

Danke auch an meine Lektorinnen Michelle und Julie, die mir so viel beigebracht und dem Manuskript den letzten Schliff verliehen haben.

Amanda: Ohne dich gäbe es dieses Buch nicht. Danke, dass du immer für mich da warst und mich darin bestärkt hast, es zu schreiben.

Und schlussendlich, vielen Dank von Herzen an Laura, meine große Liebe. Danke, dass du mich ertragen hast, dass du mich immer unterstützt und so geduldig mit mir bist. Ich kann es nicht erwarten, den Rest meines Lebens mit dir zu verbringen.

El mayarah

Kapitel 1

Camila Evans lehnte die Stirn gegen das kühle Glas des Seitenfensters ihrer Limousine. Von den Wolkenkratzern New Yorks, an denen sie vorbeifuhren, bekam sie kaum etwas mit; ihre Gedanken drehten sich um Pitches für neue Serien.

Auch heute war es im Studio wieder spät geworden. Als sie vor ihrem Apartmentgebäude aus dem Auto stieg, war es bereits neun Uhr. Camila nahm sich nicht die Zeit, tief durchzuatmen und die laue Sommerluft zu genießen, ehe sie die Lobby betrat. Ihre Absätze klackerten auf dem Marmorfußboden und im Aufzug angekommen, drückte sie den Knopf, der sie auf direktem Weg in ihr Penthouse bringen würde.

Wie immer konnte sie es kaum erwarten, zu Hause und bei ihrem Sohn zu sein. Auch wenn sie ihn wohl kaum noch wach vorfinden würde; um diese Uhrzeit lag er schon im Bett und schlief. Nur ungern ließ sie sich die Gelegenheit entgehen, ihn selbst ins Bett zu bringen und sie versuchte, ihre späten Arbeitssessions auf ein Minimum zu reduzieren. Das war jedoch leichter gesagt als getan, wenn man eine Fernsehsender leitete. Mehr als einmal hatte sie schon zu hören bekommen, dass man unmöglich gleichzeitig eine gute Mutter und erfolgreich in seinem Beruf sein konnte.

Jaime war nicht geplant gewesen, aber er war ein zauberhafter Junge. Ein perfektes, kleines Wesen in einer Welt, die gefüllt war mit Bitterkeit und Hass. Camila liebte ihn von ganzem Herzen. Jedes Mal, wenn sie ihn anschaute; jedes Mal, wenn er lachte, bestärkte das ihren Entschluss, dass sie alles miteinander vereinbaren konnte und würde.

Allein schaffte sie das allerdings nicht, weswegen Camila heilfroh war, eine Nanny beschäftigen zu können, die auf Jaime aufpasste. So war er nicht gezwungen, lange Tage mit seiner Mutter im Büro zu verbringen. Camila versuchte wirklich, sich keine Sorgen zu machen, aber das fiel ihr schwer. Amelia war die beste Nanny, die sie engagiert hatte, seit Eleanor gekündigt hatte, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern. Aber Amelia war noch ziemlich unerfahren und Camila war nun gespannt darauf, wie sie sich heute geschlagen hatte.

Das Licht in ihrer Wohnung war gedimmt und aus dem Wohnzimmer drangen Fernsehgeräusche. Camila streifte sich die High Heels von den Füßen, doch als sie Amelia ein Hallo zurufen wollte, entfuhr ihr ein entsetzter Schrei. Nicht das Gesicht ihrer Nanny begrüßte sie auf der Couch, sondern ein nackter Hintern, der sich rhythmisch auf und ab bewegte.

»Was zum Teufel geht hier vor?!«, brauste sie wütend auf. Ihre Stimme war laut genug, um das Paar auf der Couch aufzuscheuchen. Der Eigentümer des Hinterns rollte sich hastig von der Frau runter, die Camila mit der Fürsorge ihres Sohns betraut hatte.

»Hast du nicht daran gedacht, die Tür abzuschließen?«, fragte Amelias Freund und ignorierte Camila komplett, während er rasch seine Jeans hochzerrte.

»Ich dachte nicht, dass es nötig wäre!« Amelias Stimme kletterte ein paar Oktaven in die Höhe. Ihre Wangen waren gerötet. Eilig zog sie den Rock ihres Kleids nach unten. »Und außerdem hättest auch du das machen können, als du …«

Camila konnte nicht glauben, was sie da hörte. Sie kochte vor Wut und schnippte mit den Fingern, um die Aufmerksamkeit der beiden zu erregen. »Seid ihr fertig?«

»Es … es tut mir leid, Miss Evans.« Amelia besaß immerhin so viel Anstand, beschämt auszusehen. »Ich hatte nicht erwartet, dass Sie so früh zurückkommen.«

»Offensichtlich«, erwiderte Camila, die immer noch nicht glauben konnte, was sie da gesehen hatte. »Raus hier, alle beide.«

Der Freund leistete dem Befehl nur zu gerne Folge und eilte zur Wohnungstür.

»Miss Evans …«, setzte Amelia zum Sprechen an.

Camila unterbrach sie mit erhobener Hand. »Sparen Sie sich das«, fauchte sie.

Amelia zuckte unter ihrem finsteren Blick zusammen.

»Ist das das erste Mal, dass Sie ihn hierher eingeladen haben? Wobei, antworten Sie bitte nicht darauf.«

»Ich habe gewartet, bis Jaime im Bett ist …«

»Und das macht es besser?«, wollte Camila aufgebracht wissen. »Was, wenn er aufgewacht und reingekommen wäre?« Noch nie war sie derart froh darüber gewesen, dass ihr Sohn so fest schlief. »Machen Sie, dass Sie verschwinden, Amelia. Und ich muss Ihnen wohl nicht sagen, dass Sie gefeuert sind.«

Amelia ließ den Kopf hängen und machte auf ihrem Weg zur Tür einen weiten Bogen um Camila.

»Und die Kosten für die Reinigung des Sofas ziehe ich Ihnen vom Lohn ab!«, rief Camila ihr hinterher, während sie das weiße Leder angewidert betrachtete – darauf würde sie sicher eine ganze Weile nicht mehr sitzen.

Es war leider nicht das erste Mal, dass sie in ihre Wohnung kam und jemanden mit heruntergelassener Hose vorfand.

Seufzend drehte sie sich um und ging den Flur entlang zu Jaimes Zimmer, dessen Tür sie vorsichtig öffnete. Seine blonden Locken breiteten sich um seinen Kopf herum auf dem Kissen aus und er schlief friedlich. Von dem Drama im Wohnzimmer hatte er nichts mitbekommen. Auf Zehenspitzen schlich Camila sich zu seinem Bett und gab ihm einen Kuss auf die Stirn, wobei sie den Duft seines Shampoos tief einatmete. Dieser Geruch beruhigte ihre Nerven immer, selbst an stressigen Tagen. Eine ganze Weile beobachtete sie ihn, bevor sie schließlich in ihr Arbeitszimmer ging.

Der Feierabend war für sie in weite Ferne gerückt. Sie musste eine neue Nanny finden.

~ ~ ~

Gerade als Emily sich den letzten Bissen ihres Frühstückscroissants in den Mund stecken wollte, klingelte ihr Handy. Hastig griff sie nach dem vibrierenden Gerät und fluchte leise, als sie dabei Krümel auf dem Display verteilte.

Eine unbekannte Nummer. Kurz überlegte Emily, dann nahm sie den Anruf an. »Hallo?«

»Emily Walker?«

Die Stimme war ihr unbekannt und halb erwartete Emily, wieder jemanden in der Leitung zu haben, der ihr eine Autoversicherung verkaufen wollte. Ihr Daumen schwebte bereits über der Taste zum Auflegen. »Ja, ist dran.«

»Ich rufe an, weil ich Sie zu einem Bewerbungsgespräch für den Job als Nanny einladen möchte.«

Überrascht schnappte Emily nach Luft – sie war erst seit zwei Wochen in New York City und hatte noch nicht mit Jobangeboten gerechnet.

»Sie haben uns eine Bewerbung geschickt. Meine Vorgesetzte würde gerne mit Ihnen sprechen, da wir eine offene Stelle zu besetzen haben.«

»Im Ernst?« Das klang zu gut, um wahr zu sein. Sie lebte in ihrer Traumstadt nur zwei Straßen von ihrer Schwester entfernt und sie war in der Auswahl für einen Job, den sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht hassen würde. Vielleicht hätte sie ihren Collegeabschluss früher gemacht, wenn sie gewusst hätte, dass die Zukunft so rosig aussah.

»Im Ernst.«

Emily hörte das Lächeln in der Stimme der Frau.

»Könnten Sie morgen zu einem Vorstellungsgespräch zu uns kommen? Um elf Uhr?«

»Natürlich«, erwiderte Emily. »Geben Sie mir die Adresse?«

»Im Hauptgebäude von CEBC, dreißigster Stock.«

Emilys Magen schlug einen Purzelbaum. »CEBC? Wie in dem CEBC-Gebäude? Wie in Camila –«

»Evans?«, ergänzte die Frau. »Ja, genau. Sie wird das Gespräch mit Ihnen führen.«

»In der Jobanzeige stand nichts davon!« Das hätte Emily mit Sicherheit bemerkt – Camila Evans war der Schwarm ihrer Teeniejahre gewesen.

»Eine Vorsichtsmaßnahme«, erklärte die Frau. »Ist das ein Problem?«

»N-nein, ganz und gar nicht.«

»Hervorragend. Melden Sie sich bei Ihrer Ankunft am Empfang. Bei Unklarheiten können Sie mich unter dieser Nummer zurückrufen.«

»O-okay.«

»Bis morgen.«

Und damit war der Anruf beendet.

Emily nahm das Handy vom Ohr und starrte es ungläubig an. War das alles ein Traum? Ganz bestimmt hatte Camila Evans nicht ihre Bewerbung gelesen – eine von sicher unzähligen, die diese auf die Anzeige erhalten hatte – und persönlich entschieden, dass sie die geeignete Person für den Job war.

Sie.

Emily Walker.

Camila Evans konnte sich die teuerste, erfahrenste Nanny der ganzen Stadt leisten, warum also lud sie Emily ein? Und morgen würde sie die Frau kennenlernen – um vielleicht für sie zu arbeiten. Diese Frau war seit Jahren ihr Idol. Und sie hatte praktisch im Alleingang dafür gesorgt, dass Emily sich mit vierzehn ihrer Homosexualität bewusst geworden war. Damals hatte Camila sich als bisexuell geoutet. Und das zu einer Zeit, in der das nur wenige Personen, die in der Öffentlichkeit standen, wagten. O Gott, Emily wurde schlecht.

Camilas Talkshow war Emilys Tageshighlight gewesen, als sie noch jünger gewesen war. Eigentlich hatte es niemanden großartig überrascht, als die Frau später ihre eigene Fernsehsender gegründet hatte, die sie immer noch leitete.

Emily entschied, dass es nicht schaden konnte, etwas Recherche für das Gespräch am nächsten Tag zu betreiben. Mit zittrigen Fingern klappte sie ihren Laptop auf und tippte Camilas Namen in die Suchleiste. Beinahe jeder Artikel, der aufpoppte, drehte sich um die schmutzige Scheidung von ihrem dritten Ehemann. Drei Ehemänner in zwanzig Jahren. Emily seufzte. Camila managte ein Fernsehimperium, doch alles, was die Presse interessierte, waren ihre gescheiterten Beziehungen zu Männern.

Emily klickte auf eine Meldung, in der davon berichtet wurde, dass Camila eine Auszeichnung gewonnen hatte. Eingehend betrachtete sie das Foto, auf dem Camila ein schwarzes Kleid trug, das jede ihrer Kurven betonte. Ihre blonden Haare waren in kunstvollen Locken um ihre Schultern drapiert und ihre grünen Augen funkelten im Licht der hellen Scheinwerfer. Sie war wirklich attraktiv und Emily war sich ziemlich sicher, dass sie sich morgen bis auf die Knochen blamieren würde.

In diesem Moment öffnete sich die Wohnungstür und ihre Grübeleien wurden unterbrochen. Emily drehte sich um und grinste ihre Schwester Cassie und deren Freundin Maia breit an. Die beiden traten Händchen haltend ein.

»Du isst Croissants zum Frühstück?«, fragte Maia mit einem Blick auf das Gebäckstück, das Emily am Esstisch zurückgelassen hatte. »Und bist trotzdem so schlank? Das ist nicht fair.«

»Ich warte noch darauf, dass sie dieses Essverhalten in ein paar Jahren einholt«, scherzte Cassie und stieß Emily mit der Hüfte an. »Eines Tages wird sie dick aufwachen.«

»Gar nicht wahr.« Emily verdrehte die Augen, doch ihr Lächeln verschwand nicht. Es tat immer gut, die beiden zu sehen. Cassie hatte so viele Jahre lang zurückgezogen gelebt, bis Maia Sonnenschein in ihr Leben gebracht hatte. Emily freute sich unendlich für die beiden.

»O doch«, gab Cassie zurück und warf einen Blick auf den Bildschirm von Emilys Laptop. »Warum stalkst du Camila Evans?«

Emilys Wangen wurden warm. Auf frischer Tat ertappt.

»Schreiben wir noch das Jahr 2010?«

»Ach, halt die Klappe«, murmelte Emily und klappte den Laptop zu.

»Rechnest du dir Chancen aus, weil sie wieder geschieden ist?«

»Nein!« Inzwischen waren Emilys Wangen glühend heiß und als sie aufschaute, sah sie, dass Maia ihr Geplänkel amüsiert beobachtete. »Wenn du es genau wissen willst … Erinnerst du dich an die Bewerbungen, die ich letzte Woche für verschiedene Nanny-Jobs rausgeschickt habe? Tja, gerade habe ich einen Anruf von einer Frau bekommen, die offenbar Camilas Assistentin ist. Morgen habe ich ein Vorstellungsgespräch bei ihr.«

»Wie bitte? Du hast ein Vorstellungsgespräch bei der Frau, in die du seit einer Ewigkeit verknallt bist?« Cassie war ganz aus dem Häuschen. »Das kann sich doch keiner ausdenken. O mein Gott. Du gehst hin, oder?«

»Natürlich.«

»Du schaffst es doch nie im Leben, in ihrer Gegenwart ruhig zu bleiben.« Cassies Grinsen wurde deutlich frecher. »Nicht, ohne alle fünf Sekunden zu stottern und rot zu werden.«

»Kann ich wohl.«

Cassie zog skeptisch eine Augenbraue nach oben.

Emily griff mit einem empörten Schnauben nach ihrem Kaffee, den sie ganz vergessen hatte. Inzwischen war er nur noch lauwarm, weswegen sie die Tasse wieder wegstellte.

»Aber es ist schon verrückt. Du hast ihre Talkshow jeden Tag geschaut.« Verschwörerisch schaute Cassie zu Maia. »Und ich meine wirklich jeden Tag. Emily hat über nichts anderes gesprochen. ›Hast du gehört, was Camila gestern gesagt hat?‹ oder ›Camila ist so klug‹ und ›Camila sah so gut aus und …‹«

»Cassie!« Emily hielt ihrer Schwester den Mund zu. »Hör auf, mich vor deiner Freundin zu blamieren.«

»Aber das macht so viel Spaß«, erwiderte Cassie, als Emily die Hand wieder weggenommen hatte. »Das ist doch die halbe Miete, jetzt, wo ich eine Freundin habe, die mir helfen kann, dich aufzuziehen.«

»Tut mir leid, Cass.« Maia warf ihr einen liebevollen Blick zu. »In diesem Fall bin ich ganz bei Emily. Camila Evans ist heiß.«

Cassie schlug sich gespielt schockiert eine Hand vor den Mund.

Emily kicherte und rutschte dann von ihrem Barhocker, um einen frischen Kaffee aufzusetzen. Cassie hatte ihr eine High-End-Kaffeemaschine vermacht – zusammen mit dem ganzen Apartment –, als sie mit Maia zusammengezogen war.

Emily hatte diese kleine Einzimmerwohnung schon immer geliebt. Der offene Grundriss und die minimalistische Einrichtung ließen sie größer wirken und der Parkettboden glänzte im warmen Sonnenlicht, das durch die großen Fenster fiel. Von hier aus hatte man einen tollen Blick auf den Hudson River und Emily konnte sich wirklich glücklich schätzen, diesen Ort ihr Zuhause zu nennen.

»Du findest Camila heiß?«, fragte Cassie.

»Natürlich nicht so heiß wie dich.« Maia legte ihrer Freundin einen Arm um die Schultern und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Aber ich habe Augen. Und ich war in meiner Teenagerzeit auch in sie verknallt, Emily. Ich kann dich also verstehen.«

»Ich kann nicht glauben, dass du dich auf Emilys Seite schlägst, anstatt sie gnadenlos zu piesacken.«

»Hey, ich bin noch nicht lange Teil der Familie. Ich muss mich bei deiner kleinen Schwester noch ein bisschen beliebt machen.«

»Willst du wissen, in wen Cassie damals verknallt war?« Es war schließlich nur fair, dass Emily sich rächte.

Sie lachte, als ihre Schwester erschrocken die Augen aufriss.

»Glaub mir, das lohnt sich.«

»Wag es ja nicht, Emily …«

»Und ich habe sechs Jahre voller peinlicher Kindheitsgeschichten, wenn die dich interessieren, Maia. Oh!« Emily schaute zu dem Kistenstapel, der noch aufs Auspacken wartete. »Und ich habe da drüben ein Fotoalbum.« Grinsend nahm sie drei Kaffeetassen aus dem Schrank.

»Also das würde ich wirklich gerne sehen«, entgegnete Maia und sie kicherten beide, als Cassie gequält aufstöhnte und die Stirn dramatisch auf die Theke sinken ließ.

~ ~ ~

»Miss Evans?« Jessica klopfte leise an Camilas offene Bürotür, blieb aber im Rahmen stehen.

Camila war keine einfache Chefin und sie feuerte ihr Assistenzpersonal sogar schneller als die meisten Nannys. Bisher hatte Jessica sich jedoch tapfer geschlagen.

»Ja?«

»Zwei Dinge. Ich habe die Bewerbungen gesichtet, mit denen Sie mich beauftragt haben, und für morgen vier Vorstellungsgespräche vereinbart.«

»Danke, Jessica.« Camila wartete. Sie ahnte, dass ihr der zweite Punkt nicht gefallen würde.

»Und außerdem …« Jessica wich Camilas Blick aus. »… ist Sophie am Telefon und möchte sofort mit Ihnen sprechen.«

Camila gab ein widerwilliges Seufzen von sich. Ein Anruf von der Leiterin der Personalabteilung war nie gut. »Die interne Ermittlung?«

Sie hatte die Produktion einer der neuesten Serien auf Eis gelegt, nachdem Vorwürfe wegen übergriffigen Verhaltens gegen den Hauptdarsteller laut geworden waren. Seitdem wartete sie auf die Ergebnisse dieser Ermittlung.

»Ich denke schon.«

»Großartig.« Camila rieb sich über die Schläfen. Eine PR-Katastrophe war das Letzte, was sich gerade gebrauchen konnte.

Jessicas Blick fiel auf Jaime. »Soll ich mich eine Weile um den Kleinen kümmern?«

Jaime hatte sich den Großteil des Morgens mit Cartoons beschäftigt. Er war alt genug, dass man ihn nicht mehr ständig im Auge behalten musste. Aber hier mit seiner Mutter im Büro festzusitzen, während sie arbeitete, war sicher nicht besonders spannend für ihn. Jessica war da eine willkommene Abwechslung.

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht?«

»Keineswegs.«

Jaime folgte Jessica aus dem Büro und Camila sah ihnen kurz hinterher, bevor sie den durchgestellten Anruf annahm. »Sophie. Gibt es Ergebnisse?«

Angespannt lauschte Camila den Ausführungen. Wie befürchtet, waren die Vorwürfe berechtigt. Das wiederum bedeutete, dass sie noch jemanden feuern, außerdem eine Umbesetzung der Rolle, wahrscheinlich neue Dreharbeiten organisieren und einen Entwurf für die Pressemitteilung aufsetzen musste. Ihr Tag war soeben um einiges arbeitsreicher geworden.

Jaime kicherte gerade wegen etwas, das Jessica machte, doch Camila wusste, dass sie ihre Assistentin nicht bitten konnte, ihn für den Rest des Nachmittags zu beaufsichtigen. Zögerlich wählte sie die Nummer ihres Ex-Mannes und tippte mit dem Fuß auf den Boden, während sie ungeduldig darauf wartete, dass er abhob.

»Camila. Was für eine unangenehme Überraschung.«

Inzwischen hatte sie sich an seinen ätzenden Tonfall gewöhnt – ihre Beziehung war nicht gerade freundschaftlich auseinandergegangen, nachdem Camila ihn in flagranti dabei erwischt hatte, wie er seine Sekretärin vögelte.

»Was willst du?«

»Kannst du heute Nachmittag auf deinen Sohn aufpassen?«

Jaime war nicht geplant gewesen. Camila war sich sogar ziemlich sicher, dass Chris sie unter anderem deswegen geheiratet hatte, weil sie keine Kinder gewollt hatte. Als sie ihm damals ihre Schwangerschaft gebeichtet hatte, war seine Reaktion alles andere als positiv ausgefallen. Was nicht hieß, dass er nicht wenigstens versuchte, Jaime ein guter Vater zu sein. Chris war ein Arschloch, aber er bemühte sich. Trotzdem wunderte es Camila nach wie vor, dass er nicht direkt nach Jaimes Geburt abgehauen war.

»Das ist ziemlich spontan, selbst für dich. Und es ist schon das zweite Mal diese Woche.«

»Ja, weil es auch so schrecklich ist, Zeit mit deinem Sohn zu verbringen«, entgegnete sie genervt. Sie hatte heute keine Geduld für sein Getue. »Kannst du nun oder nicht?«

»Ja«, erwiderte Chris zögernd. »Ich nehme ihn. Aber so kann das nicht weitergehen, Camila.«

»Ich führe morgen Vorstellungsgespräche mit potenziellen Nannys. Das wird also geregelt.«

»Ich habe dir angeboten, dass ich dir bei der Suche helfen kann …«

Camila unterbrach ihn mit einem spöttischen Schnauben. Wenn sie Chris auch nur in die Nähe der Bewerberinnen ließ, würde er sich die Erstbeste unter fünfundzwanzig aussuchen, die seinem Beuteschema entsprach. »Damit du als Nächstes die Nanny vögeln kannst, nachdem deine Sekretärin gekündigt hat?«

»Sie hat nicht gekündigt.« Chris’ Tonfall wurde eiskalt. »Du hast sie rausgeekelt.«

»Tja, dann hättest du sie vielleicht nicht auf dem Küchentisch ficken sollen«, konterte Camila.

»Lassen wir das«, entgegnete Chris resigniert. »Ich schicke meinen Assistenten in der nächsten Stunde vorbei, um ihn abzuholen. Wenn du willst, arbeite ich von deiner Wohnung aus.«

Die Sorgerechtsklärung war der einfachste Teil ihrer Scheidung gewesen: Jaime lebte bei Camila und sah seinen Vater ab und zu an den Wochenenden. Bislang hatte er nie Zeit mit Chris außerhalb des Penthouse-Apartments verbracht, in dem sie früher gemeinsam gewohnt hatten, aber das war Camila auch ganz recht.

»Okay. Ich weiß noch nicht, wann ich nach Hause komme.«

»Ich kann bleiben, bis du da bist.«

»Danke«, erwiderte sie knapp.

»Aber ich meine es ernst. Das ist das letzte Mal.« Damit legte Chris auf, ohne ihr Zeit für eine Antwort zu geben.

Camila steckte das Telefon zurück in die Halterung.

Die Aufgaben des Tages schienen sich ewig lang vor ihr auszudehnen. Camila holte ihren Sohn zu sich, denn eine Kuschelrunde mit ihm hatte sie noch immer beruhigt.

~ ~ ~

Als Camila kurz nach sieben endlich ihre Arbeit beendet hatte, war sie extrem schlecht gelaunt. Vor ihrem Apartmentgebäude stieg sie aus der Limousine und schaute zum wolkenlosen Himmel hinauf. Die Sonne ging gerade unter und so wie es aussah, würde es eine sternenklare Nacht geben. Eine perfekte Nacht zum Sterneschauen also; ein Zeitvertreib, den Jaime sehr liebte. Spontan entschied sie, ihn heute mit auf den Balkon zu nehmen und den Himmel zu beobachten, bis es Zeit für ihn war, ins Bett zu gehen. Der Gedanke an sein begeistertes Gesicht, wenn er die Sterne beobachtete, als sähe er sie zum ersten Mal, erwärmte ihr Herz. Diese kindliche Unschuld machte Camila immer wieder aufs Neue bewusst, wie sehr sie ihren Sohn liebte. Jaime brachte sie dazu, mehr sein zu wollen, besser als die zynische, verbitterte Frau, zu der sie geworden war.

Ungeduldig wippte sie im Aufzug auf dem Weg nach oben mit den Füßen auf und ab. Sie konnte es kaum erwarten, Jaime wieder in die Arme zu schließen. Als der Aufzug sie endlich freigab, schritt Camila schnell zur Wohnungstür. Bevor sie jedoch den Schlüssel ins Schloss steckte, nahm sie sich einen Moment Zeit, um tief durchzuatmen. Das war eine ihrer allabendlichen Routinen, um die gelassene, kühle – manche würden auch sagen kaltherzige – Frau zurückzulassen, die alleine ein Fernsehimperium aufgebaut hatte. Das Ziel war es, sich in die Mutter zu verwandeln, die Jaime brauchte.

Heute bereitete sie sich aber vor allem mental darauf vor, den Mann zu sehen, mit dem sie einst ihr Leben hatte verbringen wollen und der sie jetzt nur noch anekelte. Sie hatten eine glückliche Beziehung geführt, doch Camilas Arbeitswut hatte ihn schließlich vertrieben. Chris hatte nie akzeptieren können, dass er nicht der alleinige Fokus in ihrem Leben war, und sie viel Zeit auf der Arbeit verbrachte. Ein Problem, das sich nach Jaimes Geburt nur noch verstärkt hatte – und sie wusste, dass er sie dafür verantwortlich machte, Trost in den Armen einer anderen Frau gesucht zu haben.

In schwachen Momenten konnte Camila sogar nachvollziehen, dass er Probleme mit ihrem Verhalten gehabt hatte.

Während sie die Tür öffnete, erinnerte sie sich daran, dass sie weder Chris noch einen anderen Partner brauchte. Sie hatte ihre Arbeit, ihren Sohn und das war genug für sie.

Kaum hatte sie ihren Mantel abgelegt, rannte auch schon ihr Sohn mit einem breiten Grinsen und seiner Lieblingsactionfigur in der Hand auf sie zu.

»Mama!«

»Hi, mein Schatz«, begrüßte sie ihn und hob ihn hoch, um ihm einen Kuss auf den Kopf zu geben. »Warst du lieb zu deinem Vater?«

»Er war sehr brav«, rief Chris aus dem Wohnzimmer.

Camila trat sich die Schuhe von den Füßen und ging dann zu ihm hinüber. Chris saß auf der Couch und schaute ein Footballspiel im Fernsehen an, stand jedoch auf, als sie hereinkam und wuschelte Jaime durch die Haare.

»Nicht wahr, Großer?«

Die Zuneigung zu ihrem Sohn war nicht zu übersehen. Ja, Chris hatte Jaime ursprünglich nicht haben wollen, aber er tat sein Bestes und dafür war Camila sehr dankbar.

In diesen Momenten sah sie auch den Mann in ihm, in den sie sich vor sieben Jahren verliebt hatte. Aber sobald sich ihre Blicke trafen, veränderte sich der Ausdruck in seinen Augen, wurde härter und er verwandelte sich in den Mann, den sie auf den Tod nicht ausstehen konnte.

»Danke für deine Hilfe heute.« Sie konnte nur hoffen, dass er merkte, wie ernst es ihr war.

»Kein Problem«, erwiderte er und holte seinen Mantel. »Aber …«

»… das war das letzte Mal«, beendete Camila den Satz für ihn. »Ich weiß.«

Sie schwor sich, dass sie sich daran halten würde. Es musste eine zeitnahe Lösung her – eine, die gut für sie beide war. »Du kannst zum Essen bleiben, wenn du willst.« Das war ein halbherziges Angebot, weil sie wusste, dass Chris ablehnen würde, aber sie fragte um Jaimes willen trotzdem. Camila machte sich durchaus Sorgen, welche Auswirkungen die kaputte Beziehung seiner Eltern auf ihn hatte.

»Ich habe schon gegessen«, sagte Chris zu Camilas Erleichterung. »Und ich sollte wirklich los.«

Sie fragte nicht nach dem Warum. Auch wenn sie ihn nicht mehr liebte, wollte sie sich Chris nicht mit einer anderen vorstellen.

Er gab Jaime einen Kuss und verließ die Wohnung, die plötzlich viel zu still, zu leer war.

Camila versuchte, dieses Gefühl zu ignorieren, und spielte mit ihrem Sohn, bis es dunkel genug war, um draußen die Sterne betrachten zu können. Wie erwartet, war Jaime Feuer und Flamme und das wärmte Camilas Herz.

Nachdem sie ihn ins Bett gebracht hatte, setzte sie sich an die Theke in der Küche, wo sie lustlos in ihrem aufgewärmten Essen herumstocherte. Der Fernseher dröhnte viel zu laut, doch nicht einmal das konnte das Gefühl der Einsamkeit vertreiben.

Kapitel 2

Emily nahm sich kurz Zeit, um an dem beeindruckenden Wolkenkratzer von CEBC hochzuschauen, auf dessen Seite das Logo des Unternehmens über mehrere der oberen Stockwerke prangte. In ihrem Magen breitete sich Nervosität aus und sie schluckte hart. So wie sie sich gerade fühlte, fragte sie sich ernsthaft, ob sie wirklich die Richtige für diesen Job war.

Wie sollte sie denn eine Frau wie Camila Evans beeindrucken? Eine Frau, die in diesem Gebäude arbeitete und wahrscheinlich in einem Penthouse lebte, das an einem Tag mehr Miete kostete als Emilys Apartment im ganzen Jahr. Schon jetzt fühlte sie sich wie ein Fisch auf dem Trockenen und dabei hatte sie den Komplex noch nicht einmal betreten.

»Wow.« Cassie, die sie begleitet hatte, damit sie sich nicht verlief, blieb neben ihr stehen und stieß einen leisen Pfiff aus. »Man sieht das Ding ja von überall in der Stadt, aber so aus der Nähe ist es noch beeindruckender. Bist du dir sicher, dass du für so jemanden arbeiten willst?«

»Ziemlich sicher«, erwiderte Emily in dem Versuch, sich selbst davon zu überzeugen. »Ich schaffe das. Oder?«

»Ja, wirst du.« Cassie stieß sie mit dem Ellbogen an. »Du rockst das.«

»Meinst du?«

»Ganz sicher. Aber … denk einfach nicht darüber nach, wie heiß sie ist.«

»Toll, das beruhigt mich doch gleich total«, entgegnete Emily verzweifelt.

»Sorry.« Cassie schlang einen Arm um ihre Schultern und drückte sie fest. »Aber ganz im Ernst: Es wird alles gut gehen. Sie wäre verrückt, wenn sie dich nicht einstellt. Kinder lieben dich.«

Das stimmte. Emily hatte sich das Geld für ihr erstes eigenes Auto in der Highschool mit Babysitten verdient und auch während ihrer Collegezeit war diese Beschäftigung ihre Haupteinnahmequelle gewesen.

»Keine Ahnung, wie du das machst.« Cassie rümpfte die Nase. Unwillkürlich musste Emily kichern – sie und ihre Schwester hatten sehr unterschiedliche Meinungen darüber, ob man Zeit mit Kindern verbringen sollte oder nicht.

»Kinder sind toll.«

»Kinder machen Dreck. Sie machen Dreck und schreien rum und ich …« Cassie erschauderte dramatisch. »Ich weiß nicht, wie du das aushältst.«

»Du arbeitest beim CSI«, merkte Emily an. »Du siehst ständig tote Menschen und analysierst Körperflüssigkeiten.«

»Und dabei trage ich Schutzkleidung. Und apropos Arbeit …« Cassie schaute auf ihre Armbanduhr. »Ich sollte mal wieder zurück ins Labor. Kommst du hier klar?«

»Alles gut«, versicherte Emily ihr, auch wenn ihr Magen schon wieder einen Purzelbaum schlug. Bei dem Gedanken, gleich Camila Evans persönlich kennenzulernen, bekam sie weiche Knie.

»Wollen wir uns zum Mittagessen treffen? Dann kannst du erzählen, wie es gelaufen ist.«

»Ja, gerne.« So hatte Emily wenigstens etwas, auf das sie sich freuen konnte, wenn das Vorstellungsgespräch in einer Katastrophe enden sollte.

»In dem Restaurant bei der U-Bahn-Station die Straße runter?« Das war einer von Cassies Lieblingsläden in der Nähe ihrer Arbeitsstelle.

»Machen wir. Passt dir halb zwei?«

»Klar.« Cassie zog Emily in eine feste Umarmung und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Viel Glück.«

»Danke.« Emily erwiderte die Geste ebenso kräftig. »Bis nachher.« Sie blickte Cassie, die zu ihrem Moped zurückging, das sie vorhin ein Stück weiter entfernt geparkt hatte, einen Moment lang nach. Emily winkte ihr noch einmal zu, bevor sie losfuhr.

Das war ihr Stichwort, sich ebenfalls in Bewegung zu setzen. Erneut wandte sie sich dem imposanten Gebäude zu, atmete tief durch und zwang sich dann, durch die Drehtür zu gehen.

In der riesigen Lobby herrschte reger Betrieb. Emily fühlte sich fehl am Platz, aber sie nahm all ihren Mut zusammen und suchte sich einen Weg durch die hektisch umhereilenden Menschen zum Empfang. Insgeheim erwartete sie fast, dass der Empfangsmitarbeiter sie in ihrem hellblauen Kleid mustern und sie fragen würde, ob sie sich verlaufen hätte. Doch der Mann lächelte sie nur freundlich an. Emily legte die Hände auf den hohen Tresen und hielt sich nur mit Mühe davon ab, unruhig auf den Fußballen zu wippen.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich habe ein Vorstellungsgespräch bei Camila Evans.«

War das Mitleid, das über das Gesicht ihres Gegenübers huschte?

»Die Stelle als Nanny? Ich hoffe, Sie schlagen sich besser als die letzte Bewerberin. Die kam heulend wieder raus.«

Na, das waren ja Aussichten!

»Die Aufzüge finden Sie dort drüben.« Er deutete mit einer ausladenden Geste auf die linke Seite der Lobby. »Dreißigster Stock. Melden Sie sich dort am Empfang, dann bringt man Sie zu Miss Evans’ Büro«, erklärte er lächelnd.

Beinahe hätte Emily nachgehakt, ob er ihr noch mehr über die weinende Frau sagen konnte, entschied dann aber, dass sie es gar nicht wissen wollte. Sie quetschte sich in einen bereits vollen Aufzug und verschränkte die Hände vor ihrem Körper, während die Stockwerke an ihnen vorbeizogen und Menschen bei jedem Halt aus- oder einstiegen. Schließlich war sie für den letzten Abschnitt bis zum dreißigsten Stock ganz allein in der Kabine.

Beim Aussteigen sah sie erneut einen langen Empfangstresen vor sich. Die gelangweilt wirkende Mitarbeiterin deutete den Gang hinunter, als Emily den Grund für ihr Kommen erklärte. Die Wände entlang der Büros bestanden komplett aus Glas, was ihr einen Einblick in die Räume der Geschäftsleitung ermöglichte.

Emily schaute sich mit großen Augen um. Das hier war unglaublich weit von der Laborwelt ihrer Collegezeit entfernt. Sie hielt auf die Tür am Ende des Flurs zu und wich dabei immer wieder Leuten aus, die in beide Richtungen hasteten. Als sie das Schild mit dem Namen Camila Evans an der Wand neben der Tür sah, wusste sie, dass sie den richtigen Ort gefunden hatte.

Auch die Wände von Camilas Büro bestanden aus Glas. Es war allerdings mattiert, wahrscheinlich um die Illusion von Privatsphäre zu schaffen. Die Tür stand offen und Emily konnte zwei schwarze Ledercouchen sowie einen gläsernen Tisch nebst einem dicken, weißen Teppich in der Mitte des Raums erkennen.

Der riesige Schreibtisch aus Holz wurde von gleich vier Computerbildschirmen dominiert, hinter denen Camila saß. Sie trug ein Kleid in verschiedenen Rottönen und darüber eine Statementkette. Ihre Haare waren wie immer perfekt frisiert und, oh, sie war in Person sogar noch attraktiver, als es für einen einzelnen Menschen erlaubt sein sollte.

Emilys Knie wurden wieder weich und in ihrem Bauch explodierte ein Schwarm Schmetterlinge.

»Wo bleibt mein Elf-Uhr-Termin?«, rief Camila.

Emilys Mund wurde trocken. Sie klang genervt. Fast so, als wäre es bereits eine Verspätung, zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit einzutreffen.

Vielleicht war das Ganze wirklich keine gute Idee.

Beinahe hätte Emily auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre wieder gegangen, stattdessen straffte sie die Schultern und betrat Camilas Büro.

~ ~ ~

»Wo bleibt mein Elf-Uhr-Termin?«, fragte Camila erneut, auch wenn ihr sehr wohl bewusst war, dass es noch gar nicht elf war. Sie hatte jedoch vor, die nächste Bewerberin direkt mit Blicken zu erdolchen und ihr vorzuhalten, dass zu früh pünktlich und pünktlich zu spät war.

Die letzten drei Gespräche waren katastrophal verlaufen und Camila dementsprechend schlecht gelaunt. Beinahe verspürte sie Mitleid mit der letzten armen Seele, die vor ihr Tribunal treten musste. So langsam fragte sie sich auch, ob sie die Suche nicht einfach aufgeben und Jaime dauerhaft mit zur Arbeit nehmen sollte. Immerhin ging er ab dem kommenden Jahr in die Schule. Ein überschaubarer Zeitraum, der sich irgendwie überbrücken ließ.

Natürlich wäre das nicht die beste Lösung. Allerdings wollte sie nicht noch mehr Zeit damit verschwenden, Gespräche mit schrecklichen Bewerbern zu führen. Gerade wollte sie Jessica fragen, was sie sich bei der Auswahl dieser Hohlköpfe gedacht hatte, als eine junge, blonde Frau zur Tür hereinkam.

»Miss Evans?« Ihre Stimme klang unglaublich fröhlich, sie lächelte Camila strahlend an und wirkte regelrecht beschwingt. Und sie sah aus, als hätte sie gerade erst die Schule beendet.

Camila starrte sie an und war versucht, sie direkt wieder loszuwerden. Ihr war durchaus bewusst, wie kindisch das war, aber sie war so müde und diese Frau nie im Leben die richtige Nanny für Jaime.

»Das Casting für die nächste Staffel von Love Island ist zwei Stockwerke tiefer.« Camila bedeutete der Frau zu gehen und griff nach ihrem Tablet, um ihre E-Mails zu checken.

»Des…deswegen bin ich nicht hier.«

Camila schaute erneut auf. Das Mädchen wirkte ein bisschen unsicher, ihr Lächeln verblasste und Camila fragte sich, ob das wohl die zweite Kandidatin war, die heute innerhalb von zehn Minuten in Tränen aufgelöst aus dem Raum flüchten würde. Überrascht hätte es sie nicht. Die Kleine schien ein wahrer Sonnenschein zu sein, also würde es nicht besonders schwer werden, ihre Hoffnungen und Träume zu zerstören. Danach konnte Camila sich dem Rest ihres Tags widmen.

»Ich bin wegen des Vorstellungsgesprächs hier. Für die Stelle als Nanny.«

Camila musterte ihr Gegenüber einen Moment lang. Zumindest hatte sie sich noch nicht verschrecken lassen. Also würde Camila ihr noch eine Chance geben. Und immerhin war sie tatsächlich zu früh. »Na schön«, erwiderte sie langsam, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und setzte einen gelangweilten Gesichtsausdruck auf. »Erzählen Sie mir, warum Sie diesen Job haben wollen. Was haben Sie zu bieten?«

»Ich bin fleißig, zuverlässig und …«

»Sehr nett und langweilig«, unterbrach Camila sie und verschränkte die Arme vor der Brust, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. Die Bewerberin hielt allem, was Camila ihr bisher hingeworfen hatte, tatsächlich stand, das musste sie ihr lassen. »Aber ich habe nicht nach Ihrem Bewerbungsschreiben gefragt. Das liegt mir vor. Warum sind Sie hier?«

»Ich … ich möchte helfen, Miss Evans.« Die junge Frau verschränkte die Finger miteinander, als müsste sie ein Zittern unterdrücken.

Sie wirkte ängstlich. Etwas, das Camila bei normalen Angestellten durchaus forcierte, nicht aber bei der Person sehen wollte, die sich zukünftig möglicherweise um ihren Sohn kümmerte. Sie brauchte jemanden mit Selbstbewusstsein, der mit ihr kommunizierte, kein scheues Reh, das sie mied.

»Und ich denke, dass ich Ihnen helfen könnte. Ich würde Ihnen gerne helfen. Ich bin neu in der Stadt, habe die Jobanzeige gesehen und mir gedacht, dass ein Job als Nanny genau das Richtige ist, während ich Geld für meinen Master anspare. Ich kann das, und zwar gut, wenn Sie mir eine Chance geben.«

Die Ehrlichkeit weckte Camilas Interesse, aber so leicht wollte sie es ihr doch nicht machen. »Hören Sie …« Mit zusammengekniffenen Augen suchte sie nach dem Namen auf den Bewerbungsunterlagen. »Emma, ich …«

»Ich heiße Emily, Miss Evans.«

Die Korrektur war schüchtern, aber sie war da. Camila musste ihre erste Einschätzung revidieren – vielleicht hatte das Mädchen doch Rückgrat. Sie betrachtete Emily genauer, versuchte dabei aber gleichzeitig ihr scheußliches Kleid zu ignorieren. Emily war wirklich attraktiv. Was Camila nicht unbedingt gelegen kam, denn das konnte wirklich gefährlich werden.

»O mein Gott!« Emily zuckte unter Camilas prüfendem Blick zurück. »Das war so unhöflich. Es tut mir leid …«

Camila stoppte mit einer erhobenen Hand das Geplapper. Nun war ihr Interesse erst recht geweckt. »Vielleicht habe ich Sie unterschätzt, Emily.« Für gewöhnlich wagte es niemand, Camila zu unterbrechen oder ihr zu widersprechen, und das war … nun, irgendwie erfrischend. »Ich werde Ihnen nichts vormachen. Ich erwarte, dass Sie sich mit vollem Einsatz Ihrem Job und meinem Sohn widmen. Ich bin eine viel beschäftigte Frau mit langen und unberechenbaren Arbeitszeiten. Von Ihnen erwarte ich Flexibilität. Wie Sie sicher schon gemerkt haben, bin ich auch keine einfache Arbeitgeberin. Denken Sie gut nach, ob Sie meine Anforderungen erfüllen können, bevor wir hier weitermachen.«

»Das habe ich bereits«, sagte Emily mit Nachdruck. »Ich wusste, wer Sie sind, bevor ich hergekommen bin, Miss Evans. Ich weiß, was Sie tun, und ich weiß, wie beschäftigt Sie sind. Ich kann mir kaum vorstellen, wie groß Ihr Arbeitspensum sein muss. Aber ich bin bereit, mich daran anzupassen, wenn Sie mir eine Chance geben.«

»Selbst wenn das bedeutet, deswegen kein eigenes Leben zu haben?«, fragte Camila. »Sie sind noch jung – wie alt sind Sie noch mal?« Emily sah nicht so aus, als hätte sie das College bereits abgeschlossen.

»Dreiundzwanzig. Ich habe meinen Abschluss vor ein paar Monaten gemacht und habe mir vor meinem letzten Jahr zwölf Monate Auszeit genommen, um für eine Hilfsorganisation in Afrika zu arbeiten.«

Natürlich hatte sie das – Emily war praktisch eine Pfadfinderin.

»Und wie ich schon sagte: Ich bin neu in der Stadt. Im Moment habe ich quasi kein Leben. Ich will diesen Job, Miss Evans.«

»Was bringen Sie an Erfahrung mit?«

»Ich war noch nie Nanny in Vollzeit«, gab Emily zu. »Aber ich … ich habe einige Zeit als Pflegekind hinter mir …« Sie schaute flüchtig zur Seite. »… und mich dabei sehr viel um die jüngeren Kinder gekümmert. Habe auf sie aufgepasst und dafür gesorgt, dass sie nicht in Schwierigkeiten geraten. Während meiner Highschool- und College-Zeit habe ich oft babygesittet.«

»Hm.« Camila rieb sich nachdenklich übers Kinn, hatte ihre Entscheidung aber bereits getroffen. »Na schön, ich werde Ihnen eine Chance geben, Emily. Allerdings nur diese eine.«

Ihre Warnung drang zu Emily durch, die erleichtert aufatmete.

»Nutzen Sie sie weise.«

»Ich werde Sie nicht enttäuschen, Miss Evans«, versicherte Emily ihr prompt.

Camila winkte ab. »Freuen Sie sich nicht zu früh«, sagte sie und griff nach einem Notizzettel, auf dem sie ihre Privatadresse notierte. »Sie müssen erst noch meinen Sohn kennenlernen. Aktuell wird er von meiner Assistentin betreut, aber mir wäre es lieber, wenn er Ihnen das erste Mal in vertrauter Umgebung begegnet. Ich will Sie auch besser kennenlernen, um sicher zu sein, dass Sie der richtige Mensch dafür sind. Können Sie heute Abend zum Essen kommen?«

»Sehr … sehr gerne.«

»Das ist meine Adresse.« Camila reichte Emily den Zettel. »Ich gebe am Empfang Bescheid, dass Sie kommen. Seien Sie pünktlich um sieben da.«

»Ja, Miss Evans«, erwiderte sie und wandte sich zum Gehen.

»Ach, und Emily?«

Emily wandte sich noch einmal zu Camila um.

»Nur damit eins klar ist: Wenn mein Sohn Sie nicht mag, sind Sie raus. Verstanden?«

»Ja, Miss Evans.« Emily nickte zurückhaltend und eilte dann hastig aus dem Raum.

Camila sah ihr mit nachdenklicher Miene hinterher. Was sollte sie davon halten?

Emily brannte darauf, sich zu beweisen, eine Eigenschaft, die Camila bei neuem Personal schätzte. Außerdem hatte sie gezeigt, dass sie keine Angst davor hatte, ihr Widerworte zu geben und für sich selbst einzustehen, wenn es darauf ankam. Aber sie war auch so quirlig und so, so jung. Camila wäre nicht überrascht, wenn Emily nach ein paar Tagen unter dem Druck zusammenbrach. Allerdings blieb da immer noch die Hoffnung, dass das nicht der Fall sein würde. Irgendetwas an Emilys Art weckte in Camila die Hoffnung, dass sie durchhielt.

Dass Emily überaus attraktiv war, schadete nicht. Wenn man sie aus dem grauenvollen Kleid herausbekam, könnte sie durchaus als Wäschemodel Erfolg haben.

Entsetzt über sich selbst schüttelte Camila den Kopf – es war nicht in Ordnung, dass sie so über Emily dachte. Nicht, wenn sie sie möglicherweise einstellen wollte. Ganz abgesehen davon, dass sie nur halb so alt war wie Camila selbst.

Zufrieden mit ihrer Entscheidung machte Camila sich auf die Suche nach ihrem Sohn und hoffte, dass die Tage, an denen sie ihn mit zur Arbeit nehmen musste, bald vorbei sein würden.

~ ~ ~

»Und?«, fragte Cassie, nachdem sie Emily gegenüber Platz genommen hatte. »Wie ist es gelaufen?«

»Keine Maia heute?

Cassie arbeitete für die Spurensicherung des NYPD und Maia als Detective. Die beiden verbrachten in der Regel ihre Mittagspause zusammen. Emily wollte ihrer Schwester nicht von dem Gespräch erzählen, nur um dann gleich noch mal von vorne anfangen zu müssen, sobald deren Freundin zu ihnen stieß.

»Nope. Sie arbeitet an einem Fall. Komm schon, Em, lass mich nicht so zappeln. Wie war’s?«

»Hm … Okay.« Emilys Stimme zitterte noch immer ein wenig. Und sie hatte wirklich keine Ahnung, welchen Eindruck sie hinterlassen hatte. »Glaube ich.«

»Glaubst du?« Cassie wirkte amüsiert. »Wie geht das?«

»Weil Camila Evans schwer einzuschätzen und verdammt furchteinflößend ist.«

Cassie lachte leise. »Dann bist du jetzt nicht mehr in sie verknallt?«

Emily schüttelte vehement den Kopf. »O doch, natürlich.« Sie musste wieder an Camila in diesem Kleid denken und seufzte leise. »Sie kann gleichzeitig furchteinflößend und heiß sein. Fürchterlich heiß. Egal. Wir haben uns direkt auf dem falschen Fuß erwischt. Ich bin mir sicher, dass sie mich schon abgeschrieben hat, bevor ich überhaupt den Mund aufgemacht habe.«

»Autsch.«

»Ja«, erwiderte Emily und trank einen Schluck Eistee. »Dann hat sie mich mit dem falschen Namen angesprochen, was ich korrigiert habe …«

»Du hast Camila Evans korrigiert?« Cassies weit aufgerissene Augen sprachen Bände. »Und du lebst noch? Heilige Scheiße.«

»Ich glaube, das hat sie beeindruckt.« Emily hatten den Anflug von Interesse in Camilas Augen gesehen, als sie sich verteidigt hatte. »Zumindest sowas in der Art. Sie gibt mir immerhin eine Chance.«

Cassie zog fragend eine Augenbraue nach oben.

»Ich bin heute bei ihr zum Abendessen eingeladen, damit ich ihren Sohn kennenlernen kann. Wenn er mich mag, bin ich eingestellt.« Sie hielt kurz inne. »Glaube ich zumindest.«

»Was?! Herzlichen Glückwunsch!«, rief Cassie grinsend. »Warum freust du dich denn nicht mehr? Du bist zum Abendessen bei der Frau eingeladen, in die du schon ewig verknallt bist.«

»Ich weiß. Aber es ist … Ich muss sie immer noch beeindrucken. Camila Evans. Wie soll ich das denn anstellen?«

»Sei einfach du selbst«, sagte Cassie und griff nach Emilys Hand, um sie zu drücken. »Das ist alles. Du gehst dahin, wickelst sie um den Finger. Dann sorgst du dafür, dass dich der kleine Junge gar nicht mehr gehen lassen will. Sie wird gar nicht die Möglichkeit bekommen, dich abzulehnen.«

Wenn Emilys Selbstvertrauen doch nur so groß wäre. Wenigstens hatte sie sich vorhin nicht blamiert, jetzt musste sie nur noch das Essen mit Camila hinter sich bringen.

Allein. In Camilas Wohnung.

Ihr wurde speiübel.

Kapitel 3

Emily hatte das CEBC-Gebäude schon für einschüchternd gehalten, doch das war nichts gegen den Wohnkomplex, in dem Camila lebte. Mit zusammengekniffenen Augen blickte sie nach oben in Richtung Penthouse. Dort würde sie den Abend verbringen. Langsam atmete sie aus, um sich zu beruhigen. Wann war es für sie normal geworden, in Wolkenkratzern ein und aus zu gehen?

In dieser Lobby herrschte kein reges Treiben. Dennoch war Emily immer noch schwer beeindruckt, als sie sich dem Pförtnertresen zögerlich näherte.

»Emily Walker?«

Emily beäugte den Wachmann misstrauisch. Woher wusste er, wer sie war?

»Miss Evans hat mir eine Beschreibung Ihrer Person hinterlegt«, erklärte er sofort. Unwillkürlich fragte Emily sich, wie diese Beschreibung ausgesehen hatte – wahrscheinlich nicht sehr schmeichelhaft. »Sie brauchen eine Schlüsselkarte, um Zugang zur Penthouse-Etage zu bekommen. Ich übernehme das heute für Sie. Wenn alles gut läuft, erhalten Sie Ihre eigene. Folgen Sie mir bitte.«

Emily betrat den Aufzug und beobachtete, wie der Mann auf den Knopf mit der Aufschrift PH drückte. Er wünschte ihr noch viel Glück, bevor sich die Türen wieder schlossen.

Innerhalb kürzester Zeit war sie oben angekommen und sah sich mit zwei Türen auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs konfrontiert. Kurz schaute Emily auf die Uhr. Sie war zehn Minuten zu früh, aber so wie sie Camila einschätzte, war das genau richtig. Also klopfte sie an die Tür mit der Nummer, die ihr genannt worden war.

Camila öffnete sofort. Sie trug heute schwarze Jeans und einen eng anliegenden, roten Pullover. Emily hielt den Atem an. Die legere Version von Camila raubte ihr beinahe den Verstand.

»Emily. Kommen Sie rein.« Camila trat zur Seite, damit sie eintreten konnte.

Unsicher betrat Emily die Wohnung, versuchte aber, sich gelassen zu geben, während sie sich umschaute.

Camilas Apartment wurde von einem offenen Wohn-, Ess- und Küchenbereich mit bodentiefen Fenstern dominiert, von denen aus man den Betondschungel der Stadt überblicken konnte. Die Sonne versank gerade hinter dem Horizont und tauchte die ganze Stadt in ein orangefarbenes Licht. Der Anblick war ebenso wunderschön wie die Frau, die nun neben sie trat.

Emily hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen. »Die Wohnung ist wirklich toll.« Sie glaubte, einen zustimmenden Laut zu hören, war sich aber nicht sicher. Vielleicht lernte sie die Frau besser einzuschätzen, wenn sie mehr Zeit miteinander verbrachten.

Als Emily sich umdrehte, um den Rest der Wohnung zu betrachten, fiel ihr Blick auf Camilas Sohn. Er saß im Schneidersitz in einer Ecke des Raums und trug einen Schlafanzug, auf dem kleine Raumschiffe abgebildet waren. Er starrte Emily unverwandt an.

»Sie können sich mit Jaime anfreunden, während ich das Essen für uns vorbereite. Jaime hat schon gegessen. Mögen Sie Carbonara?«

»Ja, sehr gerne.«

»Jaime«, wandte Camila sich an ihren Sohn, der sofort zu ihr schaute. »Das ist Emily. Ihr könnt ein bisschen Zeit miteinander verbringen, ja?«

Schüchtern blickte Jaime zu Emily. In diesem Moment wurde ihr klar, dass es einiges an Einsatz erfordern würde, um ihn aus seinem Schneckenhaus zu locken.

»Neue Nanny?«, fragte er Camila. Seine Stimme war leise, aber er sprach sehr klar.

»Ja, Schatz.«

Emily ging zu Jaime hinüber und setzte sich ihm gegenüber auf den Boden. Die Spielecke war mit einem kleinen Stuhl und einem passenden Tisch ausgestattet, auf dem Papier und Buntstifte lagen. Daneben befand sich ein Stapel Bücher. Im Umkreis lagen ein Dutzend Spielsachen verstreut.

»Ich bin in der Küche, wenn Sie etwas brauchen«, sagte Camila, gab Emily jedoch mit einem Blick zu verstehen, dass sie sie genau im Auge behalten würde.

Jaime musterte Emily zurückhaltend, ohne ihr Lächeln zu erwidern. Er war jedoch nicht das erste Kind, das sie für sich gewinnen musste.

»Hey, Kumpel. Ich bin Emily. Dein Name ist Jaime, richtig?«

Schweigen.

»Okay.« Aufgabe Nummer eins: ihn zum Sprechen bringen. »Ich freue mich wirklich sehr, dich kennenzulernen, Jaime. Und das ist ein toller Schlafanzug.«

Emily erhielt immer noch keine Antwort, nur einen finsteren Blick, der dem seiner Mutter frappierend ähnelte.

»Darf ich mir deine Bilder anschauen?« Sie deutete mit dem Kopf in Richtung des Papiers auf dem Tisch, doch er schüttelte den Kopf. »Nein? Alles klar.«

Jaime war wirklich eine harte Nuss, aber etwas anderes hatte sie von Camila Evans’ Sohn auch nicht erwartet. Jaime drehte sich um und krabbelte zu einer offenen Truhe voller Spielsachen in der Ecke. Ein Blick ins Innere offenbarte Emily ein paar vertraute Figuren. Der Kleine hatte ihr gerade einen Rettungsring zugeworfen.

»Oh, du magst Dinosaurier, hm?«

Jaime griff nach einem T-Rex und schaute sie erwartungsvoll an. Er war interessiert.

»Die finde ich auch toll. Welchen magst du am liebsten?«

Stille.

»Mein Liebling ist der Stegosaurus. Hast du so einen?«

Wieder keine Antwort, also schaute Emily über seine Schulter in die Truhe und griff dann hinein. Jaime beobachtete sie die ganze Zeit über aufmerksam.

»Das ist ein Stegosaurus«, erklärte sie, als sie die richtige Figur gefunden hatte.

»Ich weiß.« Die Worte verließen seinen Mund so unerwartet und klangen so überheblich, dass Emily breit grinste. Er klang eins zu eins wie seine Mutter.

»Das weißt du, hm?«

Er nickte.

»Weißt du auch, dass die zwar riesengroß waren, aber nur ganz kleine Gehirne hatten?« Sie sah, wie Jaime mit sich rang – auf der einen Seite wollte er sie ignorieren und nicht hier haben, auf der anderen gierte er geradezu nach mehr Details über Dinosaurier.

»Wirklich?«, fragte er schließlich.

»Ja. Weißt du denn, was sie gefressen haben?«

»Pflanzen.« Diese Antwort kam schneller als zuvor.

»Das stimmt, sie waren Herbivoren.«

»Herb-vohen«, wiederholte Jaime und klang dabei so unglaublich niedlich, dass Emily beinahe dahinschmolz. »Der da auch.« Er deutete auf die Figur eines Diplodocus, der neben ihrem Knie lag.

»Ja, stimmt. Du weißt wirklich viel.«

Jaime schenkte ihr ein unsicheres Lächeln.

»Sie haben ihren Schwanz als Waffe benutzt.« Emily machte es vor, indem sie einen anderen Dinosaurier mit dem Schwanz des Diplodocus umwarf. Das brachte Jaime zum Kichern. »Und auch ihre Gehirne waren ziemlich klein.«

Jaime deutete auf einen weiteren Dinosaurier und dann noch einen. Wahrscheinlich testete er sie damit, und Emily war froh, dass ihre Kindheitsobsession mit den Urzeitgiganten sie auf diesen Moment vorbereitet hatte. Nachdem sie Jaimes komplette Sammlung durchgegangen waren, musterte er sie nachdenklich, bevor er näher zu Emily krabbelte und ihr den Dinosaurier hinhielt, den er umklammerte, seit sie sich zu ihm gesetzt hatte.

Emily nahm die Figur vorsichtig entgegen, als würde Jaime ihr eine große Ehre erweisen.