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Alexa Franck ist neunzehn Jahre alt. Schlag auf Schlag treffen Schicksalsschläge ihr Leben hart: Vergewaltigung, Mobbing in der Schule, ihre Freundin, die selbstmordgefährdet ist und ihre Eltern, die nur von ihr wollen, dass sie wie eine Maschine funktioniert. Alexa wird es zu viel und so zieht sie daraufhin einen endgültigen Schlussstrich; so verbannt sie ihre Eltern aus ihrem Leben und beginnt ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Als ihr schließlich eines Tages der sympathische Millionär Robert de Pilar über den Weg läuft und ihr helfend zur Seite steht, werden plötzlich Geheimnisse offenbart und Türen zu einer anderen Welt geöffnet, die Alexa nie für möglich gehalten hätte. Auf einmal scheint es das Leben doch noch gut mit ihr zu meinen, bis weitere Schicksalsschläge ihr Leben treffen ...
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Veröffentlichungsjahr: 2016
GLÜHENDES EIS
Dieser Titel ist bereits 2014 im united p.c. Verlag in Taschenbuchformat erschienen (ISBN: 978-3-7103-1814-6)Die vorliegende Neuversion des Titels wurde leicht überarbeitet.
Die Autorin im Internet:www.melanieschmidtofficial.de.tl
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Verlag: Buchtalent - eine Verlagsmarke dertredition GmbH, Hamburg.Umschlagfoto: CCO Creative Commons, pixabay.comDeutsche Erstausgabe © Mel Mae Schmidt, 2016www.tredition.dewww.buchtalent.de
ISBN: 978-3-7323-8022-0 (Paperback)ISBN: 978-3-7323-8024-4 (e-Book)
Für Martin …
… und füreine ehemalige Freundin, die vergewaltigt worden ist und dadurch erst dieses Buch entstand.
Mit diesem Buch möchte ich mehr Aufmerksamkeit auf dieses sensible Thema lenken und allen Menschen (ich spreche hier extra nicht von „Opfern“) die Vergewaltigung, generell Missbrauch und/oder Mobbing haben erleiden müssen, meine Anteilnahme aussprechen und die Gesellschaft hierzu mehr sensibilisieren.
Dunkelheit. Draußen rauschte der Wind zwischen den Büschen und Bäumen. Menschen liefen betrunken aus Gaststätten und Kneipen am Haus vorbei, grölten und lachten laut.
Sie hielt sich die Ohren zu.
Alexa lag wach. Ihre Bettdecke hatte sie auf den Boden geworfen, den Bettbezug bereits völlig zerknautscht und das Kopfkissen schräg gelegt. Nichts konnte Alexa helfen einzuschlafen. Genervt und schweißnass lag sie in ihrem Bett. Angestrengt vom fehlgeschlagenen Einschlafen und Rumwälzen setzte sie sich nun atemlos im Bett auf, schaute im finsteren Zimmer umher und dachte nach.
Ihr spukten so viele Gedanken im Kopf herum, sodass sie sich Licht machte, ihr Tagebuch griff, es aufschlug, einen Stift nahm und alles was sie belastete dort hineinschrieb.
Als sie damit fertig war, las sie sich ihr Geschriebenes noch einmal durch, so, als ob sie vorhabe, es jemandem zu lesen zu geben.
Während sie las, kochten ihre Gefühle in ihr hoch und ohne dass sie es wollte, fing sie auch schon an zu weinen. Die Tränen tropften massenweise auf ihren Tagebucheintrag nieder.
Sie schlug daraufhin das Tagebuch zu, legte es beiseite, löschte das Licht, legte sich wieder zurück ins Bett – nicht bevor sie die Bettdecke wieder aufgehoben hatte – schlug die Bettdecke über ihren Kopf und weinte sich aus.
Bis sie einschlief.
4 Uhr. Alexa schreckte schweißgebadet aus ihrem Traum hoch. Es war ein Albtraum.
Hellwach saß sie stumm da und starrte in die Dunkelheit. Schließlich zog sie sich ihre Klamotten an, schlüpfte in ihre Schuhe und verließ das Haus ihrer Eltern.
Dieses Haus war einzig und allein dazu erbaut worden, um dem Ehepaar Franck und ihrem Nachwuchs ein Dach über dem Kopf zu bieten. Alexa hatte noch nie in ihrem Leben woanders gewohnt. Seit genau 19 Jahren war dieses Haus ihr einziges Haus geblieben. Dieses Haus mit den roten Backsteinen, dem blauen Dach und den großen breiten Fenstern, deren Zweck nur darin bestand, von Alexa genutzt zu werden, dass sie ihre Wut laut hinaus in die Welt schreien konnte.
Sie atmete tief durch. Die frische Morgenluft tat ihr in den Lungen weh. Doch, als sei dies das Normalste auf der Welt, ging sie weiter und konnte nicht aufhören, sich ständig um zu drehen.
Ihre Schritte wurden immer schneller. Alexa fühlte sich beobachtet. Irgendwas oder Irgendwer starrte sie an, lief ihr hinterher, verfolgte sie.
Auch wenn es nur Blicke waren die das taten.
Alexas Angst stieg. Nun begann sie zu laufen, schneller und schneller. Es schien, als käme sie nicht von der Stelle, so dachte sie. Jedoch hätte sie ohnehin keine Grund gehabt zu laufen, es war außer ihr keiner weit und breit zu sehen. Doch ihr Gefühl sagte ihr, jemand sei hinter ihr her.
Womöglich durch ihre Erfahrungen geprägt, bildete sie sich ein, sie würde verfolgt werden. Vom Wahnsinn getrieben, flüchtete sie in ein Waldstück. Atemlos und erschöpft ließ sie sich auf eine Bank plumpsen. Obwohl ein Wald ein noch viel weniger sicheres Versteck bot, hatte Alexa das Gefühl, sicher zu sein. Dennoch drehte sie sich mehrfach in alle Richtungen um, um wirklich sicher zu sein, dass ihr Gefühl sie nicht trog.
Endlich beruhigte sich ihr Atem und ihr Herzschlag wurde angenehmer. Sie schloss für einen kurzen Moment die Augen. Wie gemütlich!, dachte sie.
Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, wie die aufgehende Sonne als Reflektion glitzernd auf dem See lag. Alexas Gesichtsausdruck wurde weich. Sie lächelte glücklich, bis sie anfing zu weinen. Aber nicht aus Trauer, sondern aus Freude.
Sie glaubte, ihre Seele flöge vor Glückseligkeit den Himmel empor.
Knapp eine Stunde beobachtete sie das Schauspiel auf dem See. Als sich der rosa Schimmer verzog und ein gelber nachfolgte, geschah es; Alexa riss sich die Kleidung bis auf die Wäsche vom Leib und lief beherzt hinein ins Wasser.
Es störte sie nicht, dass das Wasser eiskalt und die Sonne nicht wärmend war. Als sie mitten im reflektierten Licht stand, breitete sie die Arme aus, schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und lächelte.
Sie lächelte die Sonne an und diese zurück.
Nichts und niemand hätte sie davon abbringen können, einen glücklichen Moment wie diesen erleben zu dürfen. Womöglich der erste und einzige dieser Momente ihres Lebens.
Auf einmal schrie jemand: „Hey Mädchen! Komm sofort da heraus, du holst dir noch den Tod! Komm!“ Alexa schreckte auf. Ein Schauer durch fuhr ihren Körper. Erst jetzt spürte sie die Eiseskälte des Wassers.
Zitternd starrte sie umher.
Wer hat da so geschrien?
Noch bevor sie realisieren konnte was geschehen war, packte sie jemand von hinten unter der Brust, riss sie hoch und trug sie aus dem Wasser.Es war ein älterer Herr. Etwa Anfang Fünfzig.
Alexa wurde rot. Das ein Mann, und dazu auch noch fremd, sie so halb nackt sah, war ihr sehr peinlich. Doch das was nun folgte, übertrumpfte ihren peinlichen Augenblick.
Denn schließlich legte der Mann sie auf den steinigen Boden des Waldes, riss ihr ihre nasse Wäsche vom Leib, zog sich seinen langen dunkelgrünen Mantel aus und trocknete sie damit ab. Alexa schauderte.
Was geschieht hier?, fragte sie sich.
Doch nun wickelte er sie in den Mantel ein und setzte sie zurück auf die Bank. Alexa fühlte sich wie eine Puppe.
Lange sah der Mann Alexa ins Gesicht. „Was hattest du vor, Mädchen?“, fragte er sie liebevoll. Dabei strich er ihr über das entblößte Bein. Alexa konnte nicht antworten, so verlegen war sie.
Der Mann kam näher und näher, bis er ihr zwischen den nackten Schenkeln hockte. Er legte seine beiden Hände auf ihre Schultern. „Sag´s mir, Mädchen! Ich werde dir nichts tun, wenn du es mir sagst. Warum wolltest du dich umbringen?“ Alexa verstand nicht. Umbringen? Wovon redet der? Noch immer kamen keine Worte über ihre Lippen. Sie fror zu sehr, als das sie einem fremden Mann Rede und Antwort stehen konnte. Schon bei dem Gedanken, dass sie unter diesem Mantel rein gar nichts trug, er sie zudem auch noch nackt gesehen hatte, war ihr Mund wie zugenagelt.
Da Alexa fror und keine Kraft hatte, wickelte sich der Mantel von selbst wieder auf. Nun waren nur noch die Arme und der Rücken vom Mantel bedeckt.
Der Mann besah sich amüsiert den nackten Körper Alexas.
Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis er seine Blicke wieder Alexas Gesicht zuwandte. „Komm“, sagte er schließlich, „ich werde dich mit meinem Auto nach Hause fahren.“
Wie geistesabwesend willigte Alexa kopfnickend ein und folgte dem Mann bis zu seinem Auto.
Während der Fahrt saß Alexa auf der Rückbank des Autos. Der Mantel noch immer geöffnet, bedeckte nun nur noch die Unterarme und den Rücken.
Der Mann blickte immer wieder durch den Rückspiegel auf Alexas Körper. Diese bemerkte davon nichts und starrte nur aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Häuser und Bäume.
Schließlich verlangsamte der Mann das Tempo des Wagens, bis er völlig zum Stehen kam.
Noch lange sah er in den Rückspiegel, öffnete den Gürtel seiner Hose und stieg aus. Er ging einmal halb um das Auto herum bis zu Alexas Türe, öffnete diese und zog Alexa gewaltsam aus dem Auto. „Das ist nicht mein Zuhause!“, sagte Alexa schroff. „Natürlich nicht! Es ist meins!“
Jetzt zog er sie noch brutaler am Arm zu seinem Haus, öffnete die Türe und trat mit Alexa herein. „Was soll ich hier?“, fragte Alexa den Mann. Dieser kam hämisch grinsend näher und riss ihr den Mantel herunter. Er rieb ihr angeregt mit beiden Händen über alle Teile ihres Körpers und hauchte ihr dabei ins Ohr: „Ich will Spaß haben ... großen Spaß!“
Kalt. Alexa fror, obwohl sie den langen Mantel des fremden Mannes trug. Eine Herrenhose und ein Herrenhemd. Keine Schuhe. Barfuß lief sie alleine umher. Niemand konnte es verhindern was ihr angetan wurde. Vergewaltigt.
Alexa würgte vor Ekel. Wie schamlos können Menschen sein?, fragte sie sich.
Ihre Würde und Ehre als Frau wurden für gemeine Zwecke ausgenutzt.
Männer sind verdammte Schweine!, dachte sie.Sie wusste nicht, wohin sie gehen sollte. Ihr Geist war verwirrt, musste erst verstehen was passiert war und es verarbeiten.
Von etwa halb sechs bis jetzt um zwanzig vor Acht hatte er sie festgehalten und für eigene Zwecke missbraucht. Nach getaner Arbeit gab er ihr seine alten, abgenutzten Klamotten und warf sie einfach aus seinem Haus.
Nun lief Alexa wie ein altes, kaputtes Spielzeug verwahrlost umher und fror bis auf die Knochen. Der Wald!, erinnerte sie sich plötzlich. Im Wald liegen meine Klamotten, Socken und Schuhe ... auch die nasse Wäsche! Doch zurück in den kalten, dunklen Wald wollte sie nicht gehen.
Wer weiß, was noch alles geschieht, wenn sie ein weiteres Mal dort hinein ginge!
Auf einmal blendeten sie Lichter. Es waren zwei Scheinwerfer eines Autos. Geblendet und nichts sehend hielt Alexa sich die Hände vor das Gesicht und blieb stehen.
Das Auto kam näher und blieb einige Meter neben ihr stehen. Jemand stieg aus. „Kind! Was ist mit dir? Warum bist du nicht auf dem Schulweg? Wieso treibst du dich in dieser Gegend herum?“
Noch immer die Hände vor dem Gesicht, erkannte Alexa nicht, wer sie ansprach. Nun riss diese Person ihr die Hände vom Gesicht und sah sie fragend an. Es war Alexas Mutter.
Ohne zu antworten, wurde Alexa auch schon von ihrer Mutter ins Auto gezogen. Auch achtete diese nicht darauf, was ihre Tochter für zerrissene und zu große Kleidung trug. Offenbar fiel es ihr nicht auf.
„Ich weiß zwar nicht was du hier wolltest, dennoch solltest du längst auf dem Weg zum Kolleg sein! Den Bus hast du verpasst. Dann werdeeben ich dich zur Schule fahren! Deine Schultasche liegt neben dir! Schnall dich bitte an!“ Ohne abzuwarten bis Alexa den Gurt zu fassen bekam, um sich damit anzuschnallen, trat ihre Mutter aufs Gaspedal und fuhr, wie vom Teufel gejagt, los.
Alexa hatte kaum Gelegenheit, das erste Geschehen zu verdauen, um dem Zweiten zu begegnen. Schlag auf Schlag drang alles auf sie ein. Pause!, dachte sie krampfhaft. Bitte eine Pause!
Doch, eine Pause gab es nicht. Alles und Jeder wollte was von ihr, egal wie es ihr ging. Sie musste funktionieren.
Am Berufskolleg angekommen, verließ Alexa nur langsam das Auto. Kaum draußen, schon fuhr Alexas Mutter wieder los, ohne auf ihre Tochter Rücksicht zu nehmen.
Es war kurz vor acht.
Noch pünktlich!, merkte Alexa, obwohl es ihr in gewisser Weise egal war.
Dann jedoch fiel ihr ein, dass sie später Schule hatte, erst um Zehn. Das wusste ihre Mutter jedoch nicht. Alexa hatte ohnehin keine Kraft dazu gehabt, nur wenige Minuten nach ihrem Missbrauch noch in die Schule gehen zu müssen. Ihr schwirrten Gedanken von Schuleschwänzen im Kopf herum. Zunächst tat sie diesen Gedanken für nicht so gut ab. Aber dann überlegte sie es sich noch einmal und entschloss sich, die Schule zu schwänzen. Dies jedoch tat sie nicht aus bösem Hintergrund, sondern nur aus eigenem Schutz.
Plötzlich schrie sie jemand von der Seite an: „Hallo, Zuckerpuppe! Warum bist du denn schon da? Hast du vergessen, dass wir erst um Zehn haben, Süße?“ Alexa drehte sich um.
Sie sah direkt in das Gesicht von Benjamin, genannt Benni, einem totalen Macho-Typen, der nur so vor Arroganz strotzte. Er machte jedes Mädchen mit seinen Macho-Sprüchen an. Besonders Alexa hat es ihm angetan, um sie in jeder Situation dumm anzumachen. Mit seinen Kumpanen grinste Benni sie frech an.
„Na ... bist du vom Müllcontainer aus bis zur Schule gelaufen oder wieso trägst du diese Gammel-Klamotten und keine Schuhe?“ Die Jungs lachten. „Wohl ein neuer Trend, was?“, grölte Benni und schlug seinem Freund vor Lachen auf die Schulter.
Alexa wusste nichts zu entgegnen. Sollte sie flüchten oder sitzen bleiben? Sie wusste es nicht.
„Zieh dich mal richtig an und eine neue Frisur wäre auch mal angebracht. Schminke täte dir auch mal gut!“, motzte ein Freund von Benni. „Ja echt!“, entgegnete Markus und sah Alexa nun angewidert an.
„Kommt, Jungs! Lasst uns gehen, sonst kommt mir die Galle hoch!“, sagte Benni und zog seine Freunde mit sich.
Sie ließen Alexa alleine. Besser alleine als misshandelt!, dachte sie sich.
Dennoch gab diese Aktion Alexa den Rest. Sie konnte und wollte nicht mehr. Ihr Leben gab keinen Sinn, tat es noch nie. Ihr fiel auf, dass man ihr bisher nur sehr selten Liebe und Geborgenheit gegeben hatte. Jeder zog und zerrte an ihr und wollte, dass sie funktionierte. Hauptsache, deren Bedürfnisse wurden befriedigt.
Alexa schloss gekränkt die Augen. Ihre Nasenflügel bebten vor Traurigkeit und Zorn.
Immer ich!, dachte sie. Immer bin ich diejenige, die gearscht ist! Was wollt ihr von mir, was wollt ihr?
Alexa senkte den Kopf, ballte die Hände zu Fäusten und weinte leise vor sich hin. Noch immer hämmerten ihr die harten Worte von Benni und seinen Freunden im Kopf und wollten nicht ins Unterbewusstsein verschwinden.
Schließlich war sie so voller Zorn, dass sie nicht mehr nur dastehen konnte und ging. Sie ging mehrere Kilometer zurück zum Wald. Dort, wo das Desaster erst begonnen hat.
Lange Zeit dauerte es, bis sie am Wald ankam. Ihre Füße taten weh und hatten Schürfwunden.
Kaputt und erledigt kam sie an der Bank an, auf welcher noch ihre Kleidung lag. Ihre Blicke ruhten auf dem See, der inzwischen den Gelbton verworfen und dafür einen Blauton angenommen hatte. Die Sonne war teilweise verschwunden und lag nur noch auf den Baumkronen und auf einigen Kieswegen des Waldes, auf welchen keine Bäume als Schutz dienten.
Alexas Uhr zeigte Viertel vor Neun an.
Sie legte ihren Mantel, der ihr eigentlich gar nicht gehörte, ab und ging auf den See zu. Als ihre Füße die Kälte des Wassers erfühlten, biss Alexa die Zähne zusammen und ging tapfer weiter hinein in das Wasser.
Sie stand nun mittendrin. Als sie sich ein wenig ans kalte Nass gewöhnt hatte, tauchte sie unter.
Ihr Leben hatte keinen Sinn mehr, sollte aufhören. Alexa hielt den Atem zwar an, jedoch war dieser nach Sekunden verbraucht. Nun wartete sie krampfhaft und ohne Atem auf den Tod.
Nach einigen Minuten wurde es ihr schwarz vor Augen. Sie wurde bewusstlos und trieb im Wasser. Alexa hoffte, dass der Tod schnell eintreten würde.
„Alexa, Alexa“, flüsterte jemand. Es roch wie beim Arzt, nach Geräten, Gummihandschuhen und Medikamenten.
Alexa öffnete angestrengt die Augen. Zuerst musste sie sich orientieren.
Als sie sich erinnerte, dass sie ja vorhatte sich umzubringen, trat bei ihr tiefe Enttäuschung ein.
„Alexa!“, sagte diese Stimme nun etwas lauter.
„Bin ich tot?“, fragte Alexa mit geschlossenen Augen, ohne zu wissen, mit wem sie sprach.
„Nein ... Gott sei Dank nicht!“, antwortete diese Stimme und ergriff nun Alexas Hand. Nun sah Alexa auf und blickte in das Gesicht ihrer Freundin Jenny.
„Jenny!“, rief Alexa aus. „Oh Jenny! Gott sei Dank bist du da!“
Alexa begann zu weinen und schluchzte bitterlich. Jenny blickte sie mitleidig an und versuchte sie zu beruhigen. Doch das gelang ihr nicht, stattdessen drückte Alexa Jennys Hand so fest, sodass Jenny vor Schmerz aufjaulte. „Was ist denn mit dir los, um Himmels Willen?“, fragte Jenny nervös. „Ich-ich ... ich“, schluchzte Alexa nur immer wieder und richtete sich auf. Sofort umarmte Jenny sie und ließ erst von ihr ab, als Alexa vor Erschöpfung keinen Laut mehr von sich gab. Alexa hatte sich müde geweint und war eingeschlafen. Langsam bettete Jenny ihre Freundin zurück ins weiche Kissen, deckte sie wieder zu und setzte sich zu ihr auf das Bett. Etwa eine Stunde schlief Alexa. Als sie aufwachte, saß Jenny immer noch neben ihr auf dem Bett und sah sie sanft lächelnd an. „Hast du etwa die ganze Zeit hier gesessen?“, fragte Alexa sie. Jenny nickte. „Wie viel Uhr ist es?“, fragte Alexa und rieb sich die Augen. Jenny sah auf ihre Armbanduhr und antwortete: „Es ist jetzt zwölf!“ Alexa sah Jenny an. „Warum bist du denn nicht in der Schule, Jenny?“ Jenny machte große Augen. „Na hör mal!“, begann sie. „Ich geh doch nicht wie ein Streber in die Schule, während meine beste Freundin nach einem fehlgeschlagenen Selbstmordversuch im Krankenhaus liegt und völlig aufgelöst ist!“ Sie grinste. Alexa musste lachen. „Ja, stimmt!“ Beide sahen sich lange schweigend an. Aber dann sagte Jenny: „Warum wolltest du dich umbringen, Alexa?“ Alexa atmete tief durch. Dann erzählte sie ihr die ganze Geschichte mit dem Wald, dem Mann, der Vergewaltigung, dem Macho Markus und schließlich dem versuchten Selbstmord.
Jenny schüttelte fassungslos den Kopf und hatte Tränen in den Augen. „Warum?“, sagte sie nur schluchzend. „Warum?“ Alexa senkte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Gottes Wille!“ Jenny wurde nun rasend. „Gottes Wille? Ich hör wohl nicht recht: Gottes Wille? Verdammt nochmal, das kann ja nicht wahr sein! Wie kann DAS denn bitte Gottes Wille sein? Dem vom Teufel doch wohl eher! Wie kannst du das so einfach hinnehmen verflucht und zugenäht? Wie kann man nur so grausam sein und jemanden vergewaltigen? Ich hasse, hasse, hasse Männer – alle!“ Jenny war atemlos nach dieser Ansprache und sah Alexa erwartungsvoll an. Alexa hatte die Hände gefaltet und die Augen geschlossen. Es sah so aus, als würde sie beten. „Wie du meinst!“ Jenny starrte sie nur an und konnte nichts sagen nach ihrer langen Ansprache von eben. Die Antwort von Alexa haute sie um. Wie du meinst? War das die gewohnte aufbrausende Antwort auf Jennys lange Ansprachen von der guten alten Alexa? - Nein, bestimmt nicht. Dies war nun eine ganz andere Alexa.
„Mensch, Alexa!“, begann dann Jenny. „Du hast dich ja völlig verändert!“ „Kann schon sein!“, antwortete Alexa müde. „Alexalein“, sagte Jenny nun liebevoll. „Das ist doch nicht die nette gute alte Alexa, die ich seit dem Kindergarten kenne! Diese ganze Sache hat dich ja total aus den Latschen gerissen! Wir müssen diesen Schweinekrüppel anzeigen und völlig neu anfangen!“
Alexa sah sie an. „Wir? Warum wir?“
Jenny grinste. „Na weil ich auch neu anfangen möchte!“
Alexa sah sie fragend an und bemerkte erst jetzt, dass Jenny etwas korpulenter geworden ist.
„Sag mal, hast du zugenommen oder warum bist du so dick?“, fragte Alexa scherzend.
„Nein“, sagte Jenny. „Ich bin schwanger, Alexa!“ Sie grinste und rieb sich sanft den kleinen Bauch.
„Was?“ Alexa sah sie ungläubig an. „Von wem denn?“
Jenny setzte sich langsam zu Alexa auf das Bett. „Vom Macho-Benni!“
Alexas Augen weiteten sich. „Ja ja, ich weiß, du magst ihn nicht. Ich ja eigentlich auch nicht. Aber wir waren auf so ´ner Party und da haben wir wohl zu viel getrunken und uns zudem auch noch etwas unterhalten. Und irgendwann ging es dann etwas zu weit!“
Alexa sah sie forschend an. „Etwas?“
Jenny zuckte mit den Schultern. „Behältst du´s?“, fragte Alexa.
„Was? Das Kind? Ja sicher das! Als ob ich eine Mörderin werden möchte – so seh ich aus!“ Sie lachte sarkastisch auf und sah zu Boden.
„War das Kind denn von dir geplant? Ich meine, du bist ja erst 19!“, bemerkte Alexa schließlich. Jenny überlegte. „Naja ... geplant vielleicht nicht, schon gar nicht vom Macho-Benni! Irgendwann wollte ich schon mal gerne Kinder haben. Weißt du was das Beste am jugendlichen Mutterwerden ist?“
Alexa schüttelte ratlos den Kopf. „Na, das man dann keine Ausbildung zu machen braucht!“ Alexas Augen weiteten sich schlagartig. „Jenny!“, rief sie. „Du hast das doch nicht etwa gemacht, um keine Ausbildung machen zu müssen!“
Jenny schwieg.
Alexa kannte die Antwort. Ja, sie hatte es deswegen gemacht. Egal, wer der Vater wird – Hauptsache, das Kind rettet einen vor der Ausbildung! Alexa konnte es nicht glauben. Diese Sache hatte für sie weder etwas mit Mutterglück, noch mit Liebe zu tun. Das Kind war einzig und allein Vorwand dafür, nichts machen zu müssen. Aber dennoch freute es Alexa, dass ihre Freundin nun ihr persönliches Glück gefunden hat, selbst wenn dies die größte Dummheit war, die Jenny je begangen hatte.
„Bist du jetzt böse auf mich?“, fragte Jenny kleinlaut.
„Ach wo!“, entgegnete Alexa sofort. „Zwar ist das schon ziemlich dumm was du da getan hattest ... doch böse bin ich nicht deswegen! Wie willst du denn dein Kind nennen?“
Jenny überlegte abermals. „Also, wenn´s ein Junge wird, dann heißt er Paul und wenn´s ein Mädchen wird, dann heißt es Maria.“
Alexa stand der Mund offen. „Noch altmodischer geht’s nicht mehr, oder? Paul ... wo hast du das denn her?“
„Na, so heißt doch mein Vater – schon vergessen?“
Alexa schwieg. Ihr gefiel der Name nicht sonderlich. „Warum nimmst du nicht Johnny?“ Jenny verzog das Gesicht. „Das erinnert mich zu sehr an Johnny Cash!“
Alexa lachte auf. „Ja und? Magst du den nicht?“
„Weiß nicht. Die Musik find ich doof!“
„Da wird sich der Ärmste ja im Grabe umdrehen, wenn er dich hört!“, sagte Alexa mitfühlend.
Jenny zuckte mit den Schultern. „Und wenn schon – soll er doch!“ Sie schaltete auf stur.
„Ich geh dann mal! Ich werde dich dann morgen besuchen ... schlaf noch etwas!“
Am nächsten Morgen kamen schon sehr früh Alexas Eltern zu Besuch. Sofort fragte Alexa sie, warum sie erst jetzt kommen und nicht schon am vorigen Tag, als sie eingeliefert wurde. Die Eltern erzählten, sie seien nicht benachrichtigt worden. „Wir waren in großer Sorge, Kind!“, sagte Alexas Vater besorgt.
