Gods in Love (2) - Mia Montague - E-Book

Gods in Love (2) E-Book

Mia Montague

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Beschreibung

Venus - die Göttin der Liebe - kennt die Liebe selbst nicht. Trotz ihrer strahlenden Fassade fühlt sie sich verloren und unsicher. Gefangen in einem Netz aus Selbstzweifeln, sucht sie verzweifelt nach ihrem Platz in der Welt und in ihrem eigenen Herzen. Doch damit nicht genug: Jupiter, der Herrscher der Götter, verlangt von Venus ihre längst vergessene Ehe mit dem stoischen Vulcanus, dem Gott des Feuers, wieder aufzunehmen. Der Grund? Die Menschen haben die Werte von Liebe und Treue verloren, und Venus und Vulcanus sollen als göttliches Vorbild dienen, um das Chaos auf der Erde zu beenden. Vulcanus ist alles, was Venus nie kannte: stark, loyal und fest im Leben. Und er ist der Einzige, der ihren Reizen widersteht. Im Spiel der Liebe glaubte Venus, die Regeln zu kennen - aber was passiert, wenn sie die Kontrolle verliert und selbst zur Spielfigur wird? Hat das Spiel der Liebe erst begonnen, kann es niemand aufhalten...

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Seitenzahl: 729

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Triggerwarnung

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Kapitel XIX

Kapitel XX

Triggerwarnung

Liebe Leser*innen, in diesem Buch werden herabwürdigende Kommentare und emotionale Manipulation thematisiert. Es gibt Szenen, die für Leser*innen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, belastend sein könnten.

Bereit, das Spiel der Herzen zu spielen und die strahlende Fassade der Götter zu durchschauen?

I

»Pink Passion oder Himbeertraum?« Voll Begeisterung hielt Aglaia zwei identische Farbkarten hoch und sah mich fragend an. Wäre ich zum ersten Mal in einer dieser Sitzungen und meine Assistentin würde mir diese Frage stellen, hätte ich sie für einen albernen Scherz gehalten und mir lachend auf die Knie geklopft. Mittlerweile machte ich dieses Spiel bereits seit einigen Jahrzehnten mit und wusste, sie meinte es todernst.

Die Köpfe der anwesenden Damen und Herren an dem langen, gläsernen Konferenztisch wandten sich schlagartig zu mir ans Kopfende um. Gespannt erwarteten sie meine Antwort.

Ich konnte einfach irgendeinem inneren Impuls folgen, um eine der Karten zu wählen, denn mit logischem Verstand war hier kein Unterschied auszumachen. Obwohl es einen geben musste. Für Aglaia, meine erste Assistentin, sahen diese beiden knallpinken Farben so verschieden aus wie rot und blau.

Also schürzte ich die Lippen, als würde ich eingehend überlegen und betrachtete einen Moment die Vase mit den frischen rosa Tulpen in der Mitte des langen stilvoll designten Glastisches.

»Wir müssen sicherstellen, dass diese Kollektion die Schönheit und Vielfalt jeder Frau unterstreicht. Eine Farbe, die die Sinnlichkeit und Leidenschaft der Liebe verkörpert, aber auch die Sanftheit und Zartheit, die uns alle ausmacht. Pink Passion scheint mir dafür die richtige Wahl zu sein«, sagte ich mit fester Entschlossenheit in der Stimme.

»Wunderbar! Dein Geschmack ist unbeirrbar. Dann steht damit unsere neue Kollektion.« Aglaia warf eine der Karten, die vermutlich Himbeertraum zeigte, zielsicher hinter sich in den Mülleimer, bevor das Team jubelnd zu klatschen begann. Ich applaudierte ebenso freudig mit. Immerhin würde nun innerhalb weniger Monate die neuste Lippenstiftkollektion von Goddess Glow Cosmetics auf den Markt kommen.

Darauf hatte die Welt gewartet.

Nicht!

Ich entließ meine aufgeregten Mitarbeiter, schlenderte hinüber an das bodentiefe Glasfenster und ließ meinen Blick über die Stadt streifen. Rom wirkte geschäftig wie eh und je. Lauter kleine Fahrzeuge bewegten sich durch die Straßen und die Fußwege waren hier im Zentrum überfüllt mit Menschen, die unbeirrt ihrem Terminplan folgten und dazwischen versuchten ein einigermaßen glückliches Leben zu führen. Leute wie ich, mit dem einzigen Unterschied, dass ich eine Göttin war, und diesen Prozess bereits weitaus länger durchhielt als sie. Entsprechend der göttlichen Bestimmung würde ich auch noch bedeutend länger nach seinen Zwängen weitermachen müssen.

Ich lehnte meine Stirn gegen die kühle Scheibe und betrachtete starr das Geschehen unter mir.

Seit gut siebzig Jahren leitete ich jetzt dieses Unternehmen, hatte es von klein an aufgebaut und unter großem Erfolg dramatisch vergrößert, bis wir überall auf der Welt vertreten waren. Offenbar brauchte die Welt nichts dringender als Make-Up und eine unüberschaubare Vielzahl weiterer Pflege- und Schönheitsprodukte.

Vor dreißig Jahren war das Unternehmen endgültig groß rausgekommen, und ich zu einem Idol der Schönheitsindustrie geworden. Nachdem ich mich die vorherigen Jahre im Hintergrund gehalten hatte und nur aus den Schatten heraus agiert hatte, wurde es nun ein weiteres Mal Zeit, mich langsam aus den alltäglichen Geschäften zurückzuziehen. Immerhin musste ich laut meines Lebenslaufes und der Sichtweise vieler langjähriger Mitarbeiter rund fünfzig Jahre alt sein. Doch mein Aussehen vermittelte eindeutig etwas anderes, das auch mit dem besten Make-Up einer Qualität, wie wir es entwickelten, nicht zu erreichen war. Ich wirkte keinen Tag älter als fünfundzwanzig und das würde auch für den Rest meines unendlichen Lebens so bleiben.

Bis auf Aglaia und ihre zwei Schwestern, Thalia und Euphrosyne, die mein Problem teilten, war niemand aus dem Kreis meiner Mitarbeiter in meine Göttlichkeit eingeweiht. Die drei Grazien waren bereits seit einer Ewigkeit an meiner Seite und unterstützten die Göttin der Liebe und Schönheit ebenso wie die private Person hinter diesem Titel.

Es klopfte an der Tür zum Konferenzraum und meine menschliche Sekretärin Paola steckte den Kopf herein. »Dein Bruder ist hier! Er wartet vorne am Empfang. Soll ich ihn reinschicken?« Ihre Wangen glühten rosa erhitzt auf und ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.

»Ja gern. Ich danke dir.« Ich pflegte einen freundschaftlichen Umgang mit meinen Mitarbeitern und hasste es grundsätzlich, wenn man mich siezte oder mir aufgrund meines Erfolges oder meines Aussehens unterwürfig gegenübertrat.

Schon öffnete sich die Tür ein weiters Mal und Amor trat mit seiner unverkennbar schwungvollen Art ein.

»Amor, mein Schatz!« Liebevoll breitete ich die Arme aus und winkte ihn erwartungsvoll herbei. Grinsend steuerte er zu mir ans Fenster und neigte seinen Kopf damit ich ihm einen dicken Kuss auf die Stirn drücken konnte. Anders hatte ich keine Chance, denn mein kleiner Junge war mittlerweile mindestens einen Kopf größer als ich. »Warum hast du mir nicht gesagt, dass du kommst?« Ich strich ihm über seine blonden Locken, die sich wild auf dem Kopf verteilten und ihn frech und ungezwungen erscheinen ließen.

»Du zerstörst meine Frisur«, murrte er und richtete sich auf, bevor er mir einen Kuss auf die Wange drückte. »Ich bin wegen des Gipfeltreffens morgen da. Jupiter verlangt meine Anwesenheit. Weißt du, worum es geht?« Er ließ sich genervt in einen der cremefarbenen Ledersessel fallen, die rund um den Tisch verteilt standen, und richtete seine Haarsträhnen.

»Nein. Ich denke nicht, dass es etwas Wichtiges ist. Das übliche sinnlose Geplänkel, während jeder versucht sich an Bedeutsamkeit zu überbieten. Du warst nur schon einige Jahre nicht mehr anwesend, vielleicht will er dich nur an deine Pflichten erinnern«, erwiderte ich und setzte mich in den Sessel neben ihn. Grundsätzlich war ich selten einer Meinung mit Jupiter. Doch diesmal war ich nicht unzufrieden mit seiner Entscheidung Amor seine Göttlichkeit und die damit verbundenen Pflichten in Erinnerung zu rufen.

Er machte ein zischendes Geräusch, als wäre er dieses Thema leid. »Ich bin noch dabei meine Aufgabe in der Welt zu finden. Diese Treffen triefen vor gähnender Langeweile. Weder habe ich einen Beitrag zu leisten noch interessieren mich die Befindlichkeiten der anderen Götter. Gerade komme ich aus einem herrlich entspannten Retreat in Bali. Dort würde es dir übrigens auch guttun. Du siehst erschöpft aus, Ven!«

Leider nahm mein Sohn seine göttliche Berufung nicht sonderlich ernst und tingelte bereits seit einem halben Jahrtausend ungezügelt durch die Weltgeschichte, ohne je ein Gefühl von Verantwortung zu empfinden. Ich rieb mir übers Gesicht, um die Anzeichen der Müdigkeit verschwinden zu lassen, von denen ich wusste, dass sie nicht wirklich sichtbar waren. Auch Amor konnte nichts außer einem perfekten Teint an mir feststellen, doch seine Andeutung bezog sich auch nicht auf mein Äußeres. Er spürte einfach, dass ich erschöpft war.

»Es ist gut, dass du da bist, ich wollte ohnehin etwas mit dir besprechen. Wollen wir zusammen Mittagessen?«, fragte ich und erhob mich so schwerfällig, als wäre ich eine alte Frau.

»Perfekt! Ich hatte gehofft, du würdest das vorschlagen.« Er sprang begeistert auf und folgte mir hinaus. Während er am Empfang wartete, holte ich schnell meinen Mantel aus meinem Büro.

Als ich zurückkehrte, lehnte er lässig am Tresen und unterhielt sich mit Paola, die mit glänzenden Augen jedes Wort aus seinem Mund in sich aufzusaugen schien. Auch ein paar andere junge Mitarbeiterinnen waren aus ihren Büros gekrochen, drängten sich nun auf dem Korridor und schmachteten aus einiger Entfernung vor sich hin. Er sah eben zugegebenermaßen überirdisch gut aus. Das hatte er von seiner Mutter.

Da wir rein optisch gesehen im gleichen Alter waren, stellte ich Amor nur noch als meinen Bruder vor, um für keine Verwirrung zu sorgen und ihn schien das nicht zu stören. Generell war er eine Spur zu unbekümmert und machte sich nichts aus den Meinungen anderer. Leider hatte er diesen Teil seines Verstandes von seinem Vater geerbt.

»Wollen wir dann?«, fragte ich und schnippte ihm im Vorbeigehen mit den Fingern gegen seinen Hinterkopf, um Paola aus seinem Bann zu befreien. Sie ließ ein ersticktes Seufzen ertönen, als er sich abwandte und ihr noch einmal verschwörerisch zuzwinkerte. Er war der geborene Verführer. Auch das hatte er eindeutig meinen Genen zu verdanken.

Mit einem selbstzufriedenen Grinsen folgte er mir in den Aufzug.

»Nun hat du den Mädels wieder den Kopf verdreht und ich habe für den Rest des Tages fehlerhafte Unterlagen vorliegen, weil keiner sich mehr konzentrieren kann.« Ich stöhnte vorwurfsvoll, während sein Grinsen unverwandt breit blieb. Es betonte seine Wangengrübchen und seine Sommersprossen. Ein wenig stolz war ich auf meinen Jungen, das musste ich zugeben. Wir traten durch den marmorgetäfelten Eingangsbereich ins Freie und liefen die Straße in der Innenstadt hinab, bevor wir ein kleines gemütliches Café anvisierten.

»Du musst damit aufhören, den Leuten den Kopf zu verdrehen, sonst wirst du noch massive Schwierigkeiten bekommen«, sagte ich ein wenig tadelnd, als wir den Gastraum betraten und der verführerische Duft von frischem Kaffee mir in die Nase stieg.

»Warum sollte ich? Ich komme bestens zurecht. Außerdem machst du es nicht anders.« Er bedachte mich mit einem charmanten Augenzwinkern. Völlig unrecht hatte er damit nicht, doch ich setzte diese Fähigkeit weitaus gezielter ein und sprühte mit meinem Charme nicht nur unkontrolliert um mich.

Wir suchten uns einen freien Tisch und ließen uns nieder, während ich die neugierigen Blicke um uns herum ausblendete. Die anderen Gäste flüsterten leise und versuchten nicht allzu offensichtlich zu starren. Längst hatte ich mich an diese Reaktionen gewöhnt, doch mit Amor an meiner Seite war dieses ungefilterte Verhalten um mich herum noch eine Stufe extremer. Immerhin sahen wir zusammen aus wie einem Modemagazin entsprungen. Geweitete Pupillen folgten uns und ich hatte beinahe den Eindruck, das gesamte Café hielt den Atem an. Alle Götter besaßen eine einzigartige Anziehungskraft für die Menschen, doch Amor und ich sorgten stets für eine besondere Faszination.

»Weißt du, ich habe mir Gedanken um deine Zukunft gemacht. Was hältst du davon Goddes Glow für einige Jahrzehnte zu führen?«, begann ich ein weit wichtigeres Thema aufzugreifen, dass mir bereits seit längerem Kopfzerbrechen bereitete.

»Ich? Nein, das ist nicht meine Welt.« Er schüttelte abwehrend den Kopf, sodass seine hellblonden Locken wippten. Seine zerzausten Haare verliehen ihm einen lässigen aber ebenso gepflegten Look, denn keine Strähne schien nicht an ihrem zugedachten Platz zu sitzen.

»Du wirst dich einleben. Außerdem ist es deine Welt. Du duftest wie eine Parfümerie und dein Haar bewegt sich kaum vor Festiger!« Ich klimperte ein paar Mal liebreizend mit den Wimpern und er rollte als Reaktion die Augen zum Himmel.

Ein Kellner, der gerade am Nebentisch eine Bestellung aufnahm, hielt einen Moment inne und lächelte versonnen, als er zu uns hinübersah. Selbst die so geschäftige Barista hinter der Theke schielte immer wieder in unsere Richtung, während sie dampfende Tassen Kaffee zubereitete.

Amor verzog gequält die Mundwinkel. »Ich kann die Verantwortung für solch ein großes Unternehmen nicht tragen. Es hängen eine Menge Arbeitsplätze daran.«

Meine Brust schwoll an. Das war mein Sohn. Ein Mensch, der sich Gedanken um seine Mitarbeiter machte.

»Außerdem bin ich nicht für so einen spießigen Alltag gemacht, ich kann nicht jeden Morgen um sieben Uhr aufstehen und dann bis zum Abend meine Zeit in einem stickigen Büro absitzen. Meine Seele braucht Freiheit, um zu wachsen und ihr volles Potenzial zu entfalten«, flötete er, lehnte sich entspannt zurück und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf.

Das wiederum war nicht mein Sohn. Das war der Sohn seines Vaters.

Ich konnte mir ein kurzes klangvolles Lachen nicht verkneifen und am Nebentisch fiel eine Gabel zu Boden. Schuldbewusst beugte ich mich hinab und reichte sie dem jungen Mann. Er lächelte verstört und Schweißperlen brachen auf seiner Stirn aus. Ich nickte ihm freundlich zu und wandte mich wieder dem Gott des Verliebens zu. »Du kannst es dir noch ein paar Monate überlegen, bis du eine endgültige Entscheidung triffst. Aber ich werde den Vorsitz vorübergehend abtreten müssen, um nicht wegen meines Alters aufzufallen. Übernimm die Führung offiziell für zwanzig oder dreißig Jahre. Ich kann weiterhin im Hintergrund die Entscheidungen treffen, während du dich in aller Ruhe einarbeitest, und werde dich in allen Belangen der Firma unterstützen. Das ist der perfekte Plan. Du erhältst einen leichten Eintritt in die Wirtschaft und ich kann mich etwas daraus zurückziehen, bis du mich in ein paar Jahrzehnten wieder als deine Nachfolgerin einsetzt. Es wäre ein richtiges Familienunternehmen«, versuchte ich ihn begeistert zu überzeugen. Tatsächlich gefiel mir diese Idee immer besser.

Er nickte emotionslos, als wäre seine Entscheidung längst gefallen. Es hatte nun keinen Sinn mehr weiter auf ihn einzureden, sonst blockte er ganz ab. Ich würde ein anderes Mal darauf zurückkommen müssen.

Eine hübsche Kellnerin kam zu uns und nahm unsere Bestellung mit zuckersüßem Lächeln auf. Mir schenkte sie nur einen neidvollen Blick, den ich milde abnickte. Ich machte mir nichts aus diesen Reaktionen. Amor hingegen erhielt nicht genug ihrer Aufmerksamkeit und badete regelrecht darin, während er sich gekonnt eine blonde Locke aus der Stirn strich.

Ich räusperte mich geräuschvoll. »Wirst du Mars besuchen, solange du in Rom bist?«

Damit lag seine gesamte Konzentration wieder schlagartig auf mir und die junge Dame verließ uns mit einem Seufzen.

Er ächzte genervt und rückte auf seinem Stuhl ein Stück zurück. »Nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Er wird mir nur wieder eine Stellung im Militär andrehen wollen.« Ein unfein würgender Laut entwich ihm und er erhielt von mir einen mahnenden Blick dafür, den ich gleich darauf bereute.

Liebevoll strich ich ihm über die Wange, als wäre er noch immer ein kleines Kind. »Du solltest mit deinem Vater sprechen. Es ist für uns alle belastend, wenn die Situation so angespannt zwischen euch ist.«

Mars war ein Krieger durch und durch und hatte nie Verständnis gehabt, dass sein Sohn nicht das geringste Interesse an Waffen oder militärischen Strategien und der Kriegsführung gezeigt hatte. Amor hatte einige hundert Jahre unter seinem strengen Drill und der militärischen Ausbildung leiden müssen, die Mars ihm auferlegt hatte und ich musste zugeben, es tat mir immer noch leid, dass ich meinen Sohn damals nicht vor seinem strengen Vater beschützt hatte. Vielleicht rührte daher meine jetzige Milde seinen beruflichen Ambitionen gegenüber.

Amor hatte sich nicht schlecht geschlagen und hatte besonders mit dem Bogen triumphieren können. Doch sein Herz schlug nicht für die Kriegsführung. Ich verstand ihn. Er ähnelte mir in dieser Hinsicht zu sehr und wünschte sich tief im Inneren Frieden und Ruhe, nicht nur für unsere Familie, sondern für die gesamte Menschheit. Ich konnte mit Streit, Gewalt und Ungerechtigkeiten nur schlecht umgehen und benötigte immer ein gewisses Maß an Harmonie um mich herum.

»Ich kann nicht fassen, dass du es immer noch mit ihm aushältst. Du hättest ihm schon längst den Laufpass geben sollen«, bemerkte er mit strengem Blick und sah nun nicht einmal auf, als die Bedienung ihm mit süßem Lächeln seinen Kaffee und seinen Teller reichte. Es fiel mir schwer die Besorgnis in seinen Augen zu ignorieren.

»Wir sind aufeinander eingespielt«, sagte ich ausweichend und nahm im Gegensatz zu ihm dankend den Teller entgegen. »Nun erzähl mir mal von deiner Zeit auf Bali!«

Seine Augen leuchteten auf und das heikle Thema war glücklicherweise vergessen.

Mit einer unverschämten Freude im Blick erzählte er mir begeistert von seiner letzten Reise und wie er es betonte, der Offenbarung schlechthin. Seine Hände wirbelten in der Luft, als er sprach, voller Enthusiasmus, der mich gleichermaßen amüsierte und ein wenig beunruhigte. Ich versuchte, ihn ernsthaft anzuhören, aber die Details, die er über die spirituellen und körperlichen Erfahrungen ausbreitete, ließen mich nur schmunzeln und gelegentlich ungläubig die Augenbrauen hochziehen.

»Tantra war einfach unglaublich!«, sagte er und lehnte sich zurück, seine Augen glitzerten schelmisch. »Du würdest nicht glauben, was für Energien dort entfesselt werden. Es ist … transformative Magie.«

Ich kniff die Augen zusammen, nahm einen Schluck meines Cappuccinos und blinzelte ihn warnend an. »Amor, wenn das wieder eine deiner … ausschweifenden Geschichten ist, dann bitte, verschone mich mit den Einzelheiten.«

»Ach, Ven«, entgegnete er grinsend und beugte sich verschwörerisch zu mir herüber. »Vielleicht solltest du dir auch mal so ein Retreat gönnen. Ein bisschen Weiterbildung in Sachen Sinnlichkeit.«

Ich lachte laut und schüttelte energisch den Kopf, bevor ich ihn mit einem Blick fixierte, der ihn vielleicht ein wenig ernster hätte machen sollen, aber natürlich tat er das Gegenteil. »Ich denke, ich bin gut genug ausgebildet, was das betrifft, danke. Wenn ich Tipps für romantische Erleuchtungen brauche, werde ich vielleicht an dich denken. Aber solange du mein Sohn bist, halte ich mich lieber an die Grundsatzregel: Je weniger Details, desto besser.«

Er seufzte dramatisch und nahm einen großen Schluck von seinem Espresso, als ob mein Desinteresse ihn wirklich enttäuschte. »Wie du meinst«, murmelte er gespielt gekränkt, bevor sein Grinsen wieder aufflammte. »Na gut, ich höre auf, aber ich sage dir: Wenn du irgendwann mal neugierig wirst, weißt du, wen du fragen kannst.«

Ich verdrehte die Augen und all meine gespielte Empörung schmolz dahin. In Wirklichkeit freute es mich, dass er so unbeschwert und glücklich war. »Das werde ich mir merken«, sagte ich schließlich und konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

Während er sich entspannt zurücklehnte und mich mit seinen Anekdoten unterhielt, konnte ich die Welt um mich herum für einen Augenblick ausblenden. Ab und zu beugte er sich vor, um einen Punkt zu betonen oder etwas besonders Amüsantes zu erzählen, was mich in ein herzliches Lachen ausbrechen ließ. Zufrieden stellte ich fest, dass wir trotz der langen Zeit, die wir uns nicht gesehen hatten, noch immer die enge Bindung teilten, die durch die Jahre und viele gemeinsame Erlebnisse gefestigt worden war. Die Zeit mit meinem Jungen zu verbringen, bedeutete mir viel, es war ein Moment des Glücks und der Nähe, wie ein kleiner Lichtblick in meinem sonst trostlosen Alltag.

»Wollen wir los? Ich habe gleich noch eine Verabredung. Du kannst gern in meinem Apartment schlafen, solange du in Rom bist«, sagte ich schließlich schweren Herzens und trank den letzten Schluck Kaffee aus.

»Gut, ich komme dann heute Abend!«

Die Kellnerin erschien, um die Rechnung zu bringen. Sie legte sie vor Amor auf den Tisch, offenbar in dem Glauben, er würde auch nur eine einzige Rechnung selbst bezahlen. Ihre Finger verweilten dabei einen Moment zu lange in der Nähe seiner Hand. Dann, ohne ein Wort, ließ sie eine winzige, gefaltete Notiz fallen, ein kaum sichtbares Lächeln auf ihren Lippen.

Amor griff lässig danach, als wäre es das Normalste der Welt, und schob dabei beiläufig die Rechnung zu mir hinüber. Auf der Innenseite stand eine Telefonnummer, ordentlich und mit einem kleinen Herz darunter. Er hob eine Augenbraue und grinste mich siegessicher an, als hätte dieses Ergebnis schon lange festgestanden.

»Nummer drei diese Woche«, murmelte er amüsiert, bevor er den Zettel achtlos in seine Hosentasche gleiten ließ, als wäre das alles ein unvermeidlicher Teil seines Alltags.

»Wir haben erst Montag.«

Er bemerkte meinen säuerlichen Ausdruck, grinste noch breiter und zuckte nur mit den Schultern. »Was soll ich sagen? Es liegt in meiner Natur, Menschen zu verzaubern.«

Ich lachte leise, aber in meinem Inneren fragte ich mich, wie tief Amor wirklich über das nachdachte, was er tat und ob er im Gegensatz zu mir jemals das Glück haben würde, den Unterschied zwischen flüchtiger Bewunderung und echter, tiefer Liebe zu kennen.

Wir verabschiedeten uns, bevor ich mich selbst auf den Weg in meine Wohnung machte. Hoch über den Dächern der Stadt gelegen, bot sie durch große Panoramafenster einen atemberaubenden Blick auf die glitzernde Skyline und die darunter liegende urbane Landschaft. Die Räume waren lichtdurchflutet und luftig und vermittelten mir ein Gefühl von Freiheit und tiefen Atemzügen.

Kaum stand ich im Flur, stürmte Thalia auf mich zu. Meine zweite Assistentin, die eher für meine privaten Belange zuständig war, wedelte wild mit ihrem Tablet herum, um ein paar höchst wichtige Termine für den nächsten Tag abzusprechen. Sie sprühte geradezu vor Energie und Tatendrang und verdeutlichte mir damit erst recht, wie ausgelaugt und leer sich mein Inneres die meiste Zeit über anfühlte. Alle drei Schwestern hatten nussbraunes, langes Haar, das sie gern zu aufwendigen Frisuren hochsteckten. Heute trug Thalia ihr Haar in einem hohen Pferdeschwanz, der sich in vielen kleinen geflochtenen Zöpfchen ergoss. Warum man sich solche Mühe für eine Frisur gab, würde ich wohl nie begreifen.

Brav nickte ich alles ab, bis sie mich endlich entließ und ich zielstrebig ins Bad marschierte. Das Badezimmer vermittelte den Eindruck eines kleinen, privaten Spas, mit einer freistehenden Badewanne aus Marmor, die auf Löwenfüßen ruhte, und einer großen, begehbaren Dusche mit goldenen Armaturen. Weiche Handtücher in zarten Rosatönen und luxuriöse Bademäntel hingen bereit, und überall standen Duftkerzen, die ein sanftes Licht und einen betörenden Rosenduft verbreiteten. Ich machte leise das Radio an, griff nach dem Rasierer unter dem Waschbecken und fuhr mir damit in gleichmäßigen Bahnen über den Kopf. Lange blonde Wellen verabschiedeten sich und landeten vor mir im Waschbecken. Als ich fertig war, fühlte ich mich leicht und frei und strich mir mit den Fingerspitzen über die glatte Haut an meinem Kopf.

Nachdem ich sämtliche Haarsträhnen in den Mülleimer befördert hatte, suchte ich mir aus meinem begehbaren Kleiderschrank eine alte ausgeleierte Jeans und ein graues weites Sweatshirt aus, die herrlich bequem saßen. Thalia hatte sie längst aussortieren wollen, doch ich hatte mich standhaft geweigert, bis sie schließlich aufgegeben hatte. Schnell zog ich mich um und setzte mir ein Cappy auf den Kopf, bevor ich mich leise aus meiner eigenen Wohnung schlich.

Beschwingt hüpfte ich durch die Straßen, bis ich das kleine unscheinbare Gebäude erreicht hatte und die Treppe hinab in den Souterrain stieg, in dem sich der Gemeindesaal des Stadtteils befand. Meine Kopfhaut juckte und ich spürte die kurzen Haarsträhnen, die sich bereits ihren Weg unter dem Cap heraus in die Freiheit bahnten.

Wenn ich dieses Treffen verließ, würden sie ohne Zweifel längst bis zum Kinn reichen. Es war einfach nichts dagegen zu machen. Doch diesmal wollte ich nicht, dass die Menschen mich nur aufgrund meines Äußeren sahen – nein, diesmal wollte ich wissen, ob sie überhaupt jemand sehen würden, wenn der Glanz der Schönheit von mir abgelegt war. Es war eine Art stille Rebellion. Zumindest einmal in der Woche wollte ich nicht auf mein Aussehen reduziert und als hübsches Püppchen betrachtet werden. Ich hatte etwas zu sagen und ich wollte, dass man es auch hörte und nicht einmal die kleinste perfekt gelockte Strähne von dem Gewicht meiner Worte ablenkte.

In dem einfachen, aber warm beleuchteten Gemeindesaal hatten sich etwa ein Dutzend Menschen versammelt. Die Atmosphäre war ernst, aber auch von einer starken Entschlossenheit geprägt. Auf einem großen Tisch in der Mitte des Raumes lagen Informationsmaterialien und Flyer der ehrenamtlichen Organisation Brave Steps verstreut, die sich hier in regelmäßigen Abständen traf. An den Wänden hingen Plakate mit ermutigenden Botschaften gegen häusliche Gewalt, Mobbing und die Unterdrückung von Frauen. Die anderen Teilnehmer waren bereits in engagierte Gespräche und energische Diskussionen vertieft. Ich setzte mich an einen der Tische in den hinteren Reihen, während ich eine Brille aufsetzte, um meine Identität bestmöglich zu verschleiern. Ich sah mich unter den Anwesenden um, von denen mir einige freundlich zunickten.

Aufmerksam lauschte ich den Rednern, die über aktuelle Projekte und Herausforderungen berichteten. Eine junge Frau erzählte von ihrer Flucht aus einer gewalttätigen Beziehung und wie die Organisation ihr geholfen hatte, ein neues Leben zu beginnen. Eine Mischung aus Solidarität und Schmerz schwebten durch den Raum. Auch in mir breiteten sich tiefes Mitgefühl und eine steigende Willenskraft aus, während ich mir eifrig Notizen machte.

Während der Pause gesellte sich eine Gruppe von Freiwilligen zu mir, um zu plaudern. Schon lange bewunderte ich die Arbeit dieser Organisation und hatte bereits vor einigen Jahren begonnen, mir endlich die Zeit zu nehmen, mich auch aktiv zu beteiligen. Die anderen Freiwilligen hatten mich sofort anstandslos in die Gemeinschaft aufgenommen und ich hatte mich zum ersten Mal in meinem Leben um meinetwillen geschätzt gefühlt.

»Danke, dass ihr alle heute Abend gekommen seid. Ich weiß, dass es nicht leicht ist, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen, besonders nach einem langen Arbeitstag. Aber genau das macht unsere Arbeit hier so wichtig«, sagte die Leiterin und stellte eine Kanne Kaffee in die Mitte des Tisches.

Ein junger Mann, der an einem Ende des Tisches saß, hob die Hand, bevor er sprach. »Ich habe darüber nachgedacht, wie wir unsere Reichweite vergrößern können. Wir erreichen bereits einige Leute mit unseren Infoständen vor der Kirche, aber oft scheitern wir daran, die Betroffenen direkt zu erreichen, weil sie Angst haben, Hilfe zu suchen.«

Ich nickte zustimmend, während andere Mitglieder ebenfalls aufhorchten.

Die Leiterin, eine ältere Frau namens Teresa, mit einer unerschütterlichen Hingabe für die Sache fuhr sich nachdenklich übers Kinn. »Das ist ein guter Punkt. Es ist immer schwierig Menschen zu erreichen, die in solchen Situationen gefangen sind. Deshalb müssen wir unsere Botschaften so klar und zugänglich wie möglich machen. Wir müssen ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind und dass es Wege gibt, Hilfe zu bekommen, ohne sich zu schämen oder schutzlos ausgeliefert zu fühlen.«

Eine ältere Frau, die bereits seit Jahren in der Organisation aktiv war, meldete sich mit leiser, aber fester Stimme zu Wort. »Vielleicht sollten wir uns stärker auf die Zusammenarbeit mit lokalen Geschäften und öffentlichen Plätzen konzentrieren. Orte, an denen Frauen täglich vorbeikommen, könnten sichere Orte sein, um Informationen zu platzieren. Es könnte ihnen einen Weg bieten, Hilfe zu suchen, ohne dass es jemand bemerkt.«

»Ich hätte da noch einen anderen Vorschlag.« Die Gruppe sah mich neugierig an, während ich kurz zögerte, um meine Worte zu sammeln. »Die Arbeit, die ihr hier leistet, ist von unschätzbarem Wert für die ungehörten Frauen dort draußen, aber auch für mich persönlich. Ich habe Beziehungen zu der Leitung eines großen Unternehmens.« Ein leises Murmeln ging durch die Reihe, einige schauten überrascht, andere interessiert. »Es besteht die Möglichkeit meinen Einfluss, Reichweite und Ressourcen zu nutzen und Aufmerksamkeit auf die Themen zu lenken, die uns am Herzen liegen. Ich habe diese Idee bisher eher im Hintergrund gehalten, aber je länger ich hier bin und je mehr Geschichten ich höre, desto klarer wird mir, dass ich mehr tun muss. Wir alle wissen, wie wichtig Aufklärung und Aufmerksamkeit in unserem Kampf gegen Gewalt sind. Und ich glaube, ich kann durchaus helfen. Wir sollten in Betracht ziehen größere Aufklärungskampagnen zu starten, in sozialen Medien, im Fernsehen, und in unseren Geschäftsbereichen.«

Die anderen nickten anerkennend und Teresa ergriff das Wort. »Das ist ein bedeutendes Angebot. Aber bist du sicher, dass die Leitung das wirklich durchzieht? Es haben schon viele Firmen Rückzieher gemacht, eine solche Offensive könnte das Unternehmen in die Schusslinie bringen. Diese Themen sind wichtig, aber auch heikel.«

Ich wischte mir die kratzenden Strähnen aus der Stirn und schob sie zurück unter das Cappy. »Ich bin mir dieser Situation bewusst. Und genau deshalb werde ich die Ressourcen nutzen, die mir zur Verfügung stehen. Wenn wir das Schweigen brechen und das Bewusstsein schärfen, können wir Leben retten.«

Die Gruppe begann sich aufgeregt zu regen, die Stimmung wandelt sich von Skepsis zu Begeisterung. Ich lächelte, dankbar für die Zustimmung, und traf auf Teresas glänzende Augen. »Was du vorschlägst, könnte wirklich etwas verändern. Ich weiß, dass viele von uns sich manchmal machtlos fühlen, aber mit solch einer Unterstützung könnten wir tatsächlich etwas bewirken.«

»Dann lasst uns gemeinsam daran arbeiten. Wir können größere Aufmerksamkeit erzeugen, Menschen aufklären und die Unterstützung bieten, die so viele dringend benötigen. Zusammen können wir das Unrecht bekämpfen«, sagte ich entschlossen und klatschte in die Hände. Diesmal war meine Freude echt.

Gemeinsam diskutierten wir im Anschluss über zukünftige Projekte, fundraising-Ideen und Möglichkeiten, wie wir mehr Aufmerksamkeit für die Sache gewinnen könnten. Ich brachte einige kreative Vorschläge ein, die begeistert aufgenommen wurden, und überlegte, welche meiner Kontakte aus der Wirtschaft ich nutzen konnte, um zusätzliche Unterstützung zu mobilisieren. Endlich einmal hatte ich das Gefühl etwas wirklich Sinnvolles zu tun.

Später am Nachmittag als die Versammlung zu Ende ging und die Teilnehmer sich verabschiedeten, blieb ich noch einen Moment zurück. Ich half Teresa beim Aufräumen und unterhielt mich noch etwas mit der lieben Organisatorin.

»Ich bin so froh, dass du heute Abend hier warst«, sagte sie lächelnd, während sie die Broschüren zusammenschob und in ihrer abgenutzten Aktentasche verschwinden ließ. »Deine Ideen und dein Enthusiasmus sind eine wunderbare Bereicherung für unsere Gruppe.«

Ich lächelte zurück, dankbar für die Gelegenheit, auf eine so bedeutungsvolle Weise helfen zu können. »Es ist mir eine Ehre, Teil dieser Gemeinschaft zu sein«, antwortete ich. »Und ich freue mich darauf, in Zukunft noch mehr beizutragen.«

»Ich hoffe, du bist dir bewusst, was du riskierst. Verrätst du mir um welches Unternehmen es geht? Ich könnte persönlich mit deinem Kontakt sprechen.«

»Das ist nicht nötig. Ich möchte weniger die Marke dafür verwenden als meine Reichweite als private Person dahinter«, erwiderte ich leise und sie machte große Augen, während sie mich nachdenklich beäugte. Ich spürte, dass sie nicht skeptisch war, weil sie mir nicht traute, sondern weil sie sich sorgte.

»Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich das teilen soll, aber ich denke, es ist an der Zeit. Ich habe die Mittel, gesellschaftlich und finanziell, also werde ich sie nutzen.« Ich zwinkerte ihr aufmunternd zu, schickte eine Welle Wärme in ihre Richtung und beobachtete, wie sich ihre Miene sofort aufhellte, als meine heilsame Liebe auf sie traf. Auch sie hatte in ihrer Vergangenheit Erniedrigung erlebt. Umso fester war ich entschieden, für diese Sache einzustehen und meinen Teil für die Gesellschaft beizutragen.

»Dann muss ich dir wohl danken. Es ist ein harter Kampf, aber jedes Opfer, dem wir helfen, ist es wert.« Sie tätschelte mir mütterlich den Arm und ich sonnte mich in der liebevollen Berührung. Es war bereits einige Treffen her, dass ich ihr gegenüber kurz angedeutet hatte, welche Schatten ich mit mir herumtrug, und seitdem verhielt sie sich mir gegenüber besonders fürsorglich.

Als ich schließlich den Gemeindesaal verließ und in die kühle Nacht hinaustrat, blickte ich noch einmal zurück. Ich wusste, dass dies nur der Anfang war. Meine göttliche Natur und meine Ressourcen würden dieser edlen Sache eine mächtige Verbündete hinzufügen. Auch wenn niemand dieser wunderbaren Menschen jemals erfahren würde, wer ich wirklich war. Mein öffentliches Bild durfte niemals mit meiner inneren Zerbrechlichkeit in Verbindung gebracht werden. Dies war eine Zwischenwelt, und auch die anderen Götter würden von meiner Rolle in ihr nichts erfahren. Genauso wie sie nie wissen durften, dass in meinem Inneren ein ständiger Kampf tobte.

Als ich ins Freie trat, dämmerte es bereits. Ich nahm mein Cap ab und meine Haare fielen mir wieder fast bis auf die Schultern. Morgen früh würden sie mir wieder bis zur Hüfte reichen. Offenbar hatte mein göttliches Ich entschieden, dass dies die perfekte Länge für die Göttin der Schönheit und der Liebe war.

Mein Handy klingelte und ich nahm schnell ab.

»Wo zum Teufel steckst du? Ich versuche schon den ganzen Nachmittag dich zu erreichen. Es ist verdammt wichtig!« Mars wütende Stimme brüllte in den Hörer und ich hielt meine Hand ein Stück vom Ohr entfernt.

»Unterwegs. Ist etwas passiert?«

»Und ob. Ich habe ein dringendes Abendessen mit Maxwell Steele, dem CEO von Titan Defense Systems. Wir essen um 20 Uhr im La Magnifica.« Genervt machte ich einen Schmollmund, denn die theatralische Wichtigkeit in seiner Stimme war mir nicht entgangen. Zudem fand ich, er hätte mich nett fragen können, ob ich ihn auf sein Treffen begleitete, anstatt schlicht davon auszugehen, dass ich kurzfristig Zeit hatte und brav seinen Wünschen entsprach.

»Ich bin heute nicht in der Stimmung dafür«, setzte ich zaghaft an und strubbelte mir durchs Haar.

»Dir ist wohl nicht klar, wie wichtig das ist. Es ist das führende Unternehmen in der Rüstungs- und Sicherheitsindustrie. Es hängt einiges von diesem Treffen ab. Ich habe Ewigkeiten darauf hingearbeitet.« Nun übertrieb er wieder maßlos, denn Ewigkeiten hatte er sicher nicht gebraucht. Immerhin war dieser Mann ein Mensch. Auch wenn ich zugegebenermaßen schon das ein oder andere Mal nicht ganz bei der Sache gewesen war, wenn er ausschweifend von seinen Plänen und der Zusammenarbeit berichtet hatte, während meine Gedanken längst abgedriftet waren.

Ich riss mich zusammen, um mir meine Genervtheit nicht anmerken zu lassen. »Kannst du nicht ein anderes Mädchen mitnehmen? Amor ist in der Stadt und ich würde gern heute Abend noch mit ihm sprechen.«

Am anderen Ende atmete Mars hörbar aus. »Der Junge muss endlich in die Gänge kommen. Was er braucht, ist Disziplin, nicht deine übertriebene Fürsorge. Um 20 Uhr im La Magnifica. Bis später!«

Aufgelegt. Na toll! Und wie ich ihn kannte, würde er nun sein Handy ausschalten, damit ich nicht mehr absagen konnte.

Mars tat gern so, als hätte er einen Haufen williger Mädchen an jeder Hand, die er jederzeit gegen mich an seiner Seite eintauschen konnte. Irgendwie schien ihm diese Vorstellung Sicherheit und Selbstbewusstsein zu geben. Ich wusste durchaus, dass es interessierte Damen gab, aber Mars war in dieser Hinsicht weniger experimentierfreudig, als es oft den Anschein machte.

Außerdem war ich die angenehmste Begleitung, die man sich vorstellen konnte. Ich sorgte immer dafür, dass sich das Gegenüber gut fühlte und wusste, wie ich meine Reize zu meinem oder Mars‘ Vorteil einsetzen konnte. Früher war es mal ein Spiel von uns gewesen, auf diesem Weg unsere Ziele zu erreichen und uns einen Weg durch Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu ebnen. Mittlerweile war ich zu der Ansicht gelangt, man sollte andere lieber mit stichfesten Argumenten überzeugen. Doch Mars legte meine Prinzipien gern etwas Großzügiger für sich aus.

»Da bist du ja endlich. Mars hat ein paar Mal versucht dich zu erreichen«, rief Thalia aus der Küche, als ich mein Apartment betrat und die Tür zufallen ließ. Sie tippte etwas auf dem Handy, während sie hektisch auf mich zu eilte. »Wie siehst du denn aus?« Sie rümpfte die Nase, als ich mein Cap abnahm und meine wirr verknoteten Haare zum Vorschein kamen.

»Ich war nur eine Runde spazieren und es war ziemlich windig«, beeilte ich mich zu sagen und gleichzeitig aus ihrem Sichtfeld zu verschwinden.

Ich spürte, wie mich ihr prüfenden Blick verfolgte, auch ohne, dass ich ihn sah. »Hm, du solltest dich sputen. Er war extrem ungehalten. Ich habe dir bereits ein Kleid rausgelegt.«

»Du kannst dann auch Feierabend machen. Ich danke dir!«, trällerte ich, während ich bereits ins Schlafzimmer lief. Ich duschte und zog mir brav die bereitgelegte Kleidung über.

Es war ein ärmelloses weinrotes Kleid, das seidig bis zu den Knien hinabfiel und eng anlag. Schnell trocknete ich meine Haare, die nun in sanften goldenen Wellen meine Schultern umspielten und zog mir ein paar unbequem hohe Pumps in derselben weinroten Farbe über.

Nach einem flüchtigen Blick in den Spiegel blinzelte ich federleicht und stand mit einem Wimpernschlag vor dem Restaurant. Das La Magnifica befand sich im Herzen von Rom und war ein Synonym für Eleganz und ein exquisites Speiseerlebnis. Mit seinen hohen Decken, antiken Kronleuchtern und fein gearbeiteten Marmorsäulen strahlte das Restaurant eine luxuriöse Atmosphäre aus, die die Geschichte und den Glamour der ewigen Stadt widerspiegelte.

Ein Kellner nahm mir meinen Mantel ab und führte mich durch die Tischreihen. Das Restaurant bot eine unvergleichliche Mischung aus römischer Geschichte, göttlicher Eleganz und kulinarischer Exzellenz und machte es damit zu einem perfekten Treffpunkt für die Götter der Antike und die Elite der modernen Welt. Während ich dem Kellner folgte, traf mein Blick auf eine Reihe bekannter Gesichter der Gesellschaft unter den Gästen, denen ich höflich zunickte. Wir hielten an einer der exklusivsten Wandnischen. Der Kriegsgott erhob sich machtvoll, als er mich entdeckte, und lächelte mir charmant zu. Er trug sein kurzgeschnittenes dunkles Haar wie immer perfekt gestylt. Sein Sakko hatte er bereits ausgezogen und sein weißes Hemd spannte unnatürlich stark über seinen breiten Oberarmen. Mit seiner athletischen Figur wirkte er wie ein erfolgreicher Geschäftsmann oder ein Profisportler, der sich seiner Stärke vollkommen bewusst war. Alles an seinem Outfit war durchdacht. Sogar seine dunkelrote Krawatte passte perfekt zu meinem Kleid, was sicher kein Zufall war. Thalia war bei diesen Dingen einfach unfehlbar.

Ich trat auf ihn zu und er gab mir einen flüchtigen Kuss, wobei sein Bart über meine Wange kratzte.

»Venus, wir dachten schon du hast uns versetzt. Darf ich dir Maxwell Steele vorstellen. Er hat extra den weiten Weg aus den Vereinigten Staaten auf sich genommen.«

Ich lächelte dem kantig aussehenden Herrn um die fünfzig zu und hielt ihm anmutig meine Hand hin, die er fest schüttelte. Mars zog mir den Stuhl zurück und ich setzte mich. In diesen Situationen war er ganz der Gentleman. »Was ist mit deinen Haaren passiert? Schade, dass du in letzter Zeit so wenig Zeit in dein Aussehen investierst«, hauchte er mir dabei kaum hörbar ins Ohr und sah entsetzt auf meinen Kopf hinab, als würde sich dort ein furchtbares Massaker ereignet haben.

Ich wusste, dass es nicht so war, und auch wenn sie nun noch ein ganzes Stück kürzer waren als üblich, saß jede Strähne mit absoluter Gewissheit perfekt, als hätte ich gerade Stunden beim Friseur zugebracht. Dies war immerhin meine natürliche Gabe.

Unter dem Tisch ballte ich unbemerkt die Hände zu Fäusten, meine Nägel gruben sich in meine Handflächen und der Schmerz erdete mich. »Ich wusste gar nicht, dass meine Schönheit so vergänglich ist.«

»Mach dir keine Sorgen, du bist ja trotzdem noch nett anzusehen.« Er lachte leise, als hätte er einen harmlosen Witz gemacht.

Entsprechend ignorierte ich ihn, und konzentrierte mich auf unseren Gast. Der streng wirkende Herr uns gegenüber strahlte die Energie eines modernen Titanen der Industrie aus. Maxwell Steele eröffnete das Gespräch mit einem gewinnenden Lächeln, doch einer eindeutig distanzierten Höflichkeit. »Es ist mir eine Ehre, Sie zu treffen, Venus. Ihre Anwesenheit verleiht diesem Treffen einen besonderen Glanz.« Er sprach Italienisch mit einem starken amerikanischen Akzent, obwohl wir genauso gut hätten englisch mit ihm sprechen können. Aber Mars war eben Mars und ließ sich gern hofieren.

Ich lächelte strahlend. »Die Ehre ist ganz meinerseits, Mr. Steele. Es ist selten, dass ich bei solchen Treffen dabei bin, aber dieses erschien mir von besonderer Bedeutung.« Ich war so eine perfekte Schauspielerin. Mars schielte wohlwollend zu mir herüber und ich ertappte mich dabei, wie mich dieser Blick mit einem Glücksgefühl erfüllte. Dummes, naives Mädchen!

Dann nickte Mars zustimmend und blickte Steele direkt in die Augen. »Maxwell, wie Sie wissen, sind unsere Ziele im Bereich Verteidigung und Sicherheit ähnlich. Ich bin daran interessiert, Ihre Technologien und strategischen Entwicklungen zu unterstützen.«

»Ich schätze Ihr Interesse, aber ich bin nicht sicher, ob eine Zusammenarbeit in unserem besten Interesse liegt«, antwortete unser Gegenüber und verzog skeptisch die Mundwinkel.

Mars lehnte sich zurück, seine Augen funkelten vor Beharrlichkeit. »Ich verstehe Ihre Bedenken. Doch die Möglichkeiten, die wir zusammen erkunden könnten, sind immens.«

Ein Kellner trat an unseren Tisch und servierte eine erlesene Auswahl an Vorspeisen. Der Duft von gegrilltem Octopus und würzigem Fleisch stieg dampfend vor mir auf.

Mars nahm einen Bissen und nickte anerkennend. »Diese Zusammenarbeit ist ein einzigartiges und ebenso einmaliges Angebot. Ich werde es mir kein zweites Mal überlegen.«

Leider neigte Mars dazu seine Geschäftspartner eher mit Drohungen, als mit schlagkräftigen Argumenten in die richtige Richtung zu bewegen und auch jetzt schien sich seine Geduld bereits dem Ende zuzuneigen.

Steele blieb zögerlich, seine Finger verkrampftem sich um den Stiel seines Weinglases. »Unsere Unternehmensphilosophien könnten zu unterschiedlich sein. Wir setzen auf technologische Innovation und präzise Strategien, anstatt massiver Waffen.«

Mars hob überheblich die Brauen und machte ein abwertendes Zischen.

Ich hatte bisher still zugehört, lächelte nun charmant und begann mit sanfter, aber bestimmter Stimme das Gespräch zu unterbrechen, bevor Mars mit seiner aufbrausenden Art alle Erfolgsaussichten zerstörte. »Mr. Steele, ich verstehe Ihre Zurückhaltung. Aber bedenken Sie, dass Innovation oft aus unerwarteten Partnerschaften entsteht. Wie sonst sollte man in neue Richtungen aufbrechen können, wenn um einen herum alles beim Alten bleibt?«

Steele blickte mich an, meine Präsenz schien ihn zu beruhigen, denn er ließ nun sein Weinglas los. »Venus, Ihre Worte sind weise, doch Vertrauen ist in unserer Branche entscheidend.«

Ich lehnte mich leicht vor und legte meine Hand sanft auf die von Mr. Steele. Eine vertraute Hitze entstand, dann löste sich die Spannung in seinem Körper und seine in Falten gezogene Stirn glättete sich. »Vertrauen entsteht durch Verstehen und gemeinsame Ziele. Lassen Sie uns einen Moment über das Potenzial nachdenken, das diese Partnerschaft für beide Seiten birgt. Mars und ich sind nicht nur an einer Zusammenarbeit interessiert, sondern daran, eine neue Ära der Sicherheit und Stabilität zu schaffen.«

Ein Kellner unterbrach mich und präsentierte uns huldvoll eine Auswahl der besten Weine des Hauses. Mars wählte einen edlen Barolo, der perfekt zu den geplanten Hauptgerichten passte.

Ich nutzte den Moment, um weiterzusprechen. »Stellen Sie sich vor, was wir erreichen könnten. Ihre Technologien und Mars‘ strategische Fähigkeiten. Wir könnten nicht nur unsere Ziele erreichen, sondern auch einen bleibenden, positiven Einfluss auf die Welt haben.«

Steele sah mir in die Augen, meine Überzeugungsarbeit und seine nun positive Gefühlslage schienen ihn im Kern zu erreichen. »Vielleicht ... vielleicht sollten wir diese Möglichkeit genauer betrachten.« Er tippte sich nachdenklich an sein bärtiges Kinn.

Mars erhob sein Glas und blickt Steele direkt an. »Darauf sollten wir trinken. Auf die Zukunft und die Chancen, die sie uns bietet.« Ab nun würde die Sache problemlos laufen, denn entscheidend war stets wie sicher und angenehm sich die Vertragspartner fühlten und dazu hatte ich meinen Beitrag nun geleistet.

Während sie weiter über die Details ihrer Zusammenarbeit sprachen, schweifte mein Blick durch das Restaurant. Ich bemerkte die bewundernden Blicke der anderen Gäste und lächelte wissend. Meine Präsenz hatte das Treffen in eine andere Richtung gelenkt, und auch meine Umgebung hatte einen Hauch der angenehm herzlichen Gefühle abbekommen, die ich unter die Menschen brachte.

»Entschuldigt mich bitte kurz«, sagte ich nach dem Hauptgang und steuerte die Waschräume an. Beiläufig betrachtete ich mich dort im Spiegel und strich mir die Haare hinters Ohr, als ich bemerkte, wie mich die junge Frau neben mir beobachtete.

»Was ist das für ein Make-Up? Oder ist das Puder? Tut mir leid, dass ich dich so anstarre, aber deine Haut sieht einfach makellos aus.«

Eine Zweite kam dazu und musterte mich ebenfalls eingehend. Ich sah im Spiegel wie meine Wangen erröteten.

»Das … ist kein Make-Up«, setzte ich zögernd an. Die Augen der beiden wurden groß. »Ich lasse an meine Haut nur Wasser.« Ungläubig fixierten sie mich und ich wand mich aus ihren Blicken. Euphrosyne, meine PR-Beraterin, würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, bei meinen Worten. Immerhin lebte ich von dem Verkauf von Kosmetikprodukten, auch wenn ich sie selbst nicht verwendete.

»Ernsthaft? Du hast ein Glück.«

»Ist wohl Veranlagung«, murmelte ich schnell und verließ eilig den Vorraum.

Gedankenverloren schlenderte ich zurück durch die Tischreihen und lächelte beiläufig einem jungen Mann zu, der mir fasziniert nachblickte und dabei sein Weinglas umkippte.

Erschrocken bemerkte ich das Drama, während mich seine Begleitung finster anfunkelte. Die Ärmste war eindeutig rasend eifersüchtig, während er nun hilflos mit der Serviette das Tischtuch abtupfte. Das hatte ich nicht gewollt. Auch ohne meine Fähigkeiten zu bemühen, erkannte ich in ihrem Herzen wie verletzt die Frau war.

Schnell versuchte ich die Emotionen ihres Gegenübers in mich aufzunehmen, um die Gefühle zwischen ihnen zu verstehen. Zehn Sekunden später kniete der junge Mann vor seiner überraschten Sitznachbarin auf dem Boden und bat sie um ihre Hand. Der aufblühende Jubel verriet mir ihre Antwort, als ich mich heimlich davonstahl. Während noch alle im Restaurant klatschten, wandte ich mich wieder zu unserem Tisch um. Dieser Mann hatte es ohnehin tun wollen, ich hatte seine ehrlichen Absichten ebenso wie seine Nervosität und Selbstzweifel wahrgenommen. Er hatte nur einen kleinen Anstupser in die richtige Richtung benötigt.

Wir verabschiedeten uns vor dem Restaurant von Mr. Steele mit dem Versprechen, die Zusammenarbeit in den kommenden Wochen zu vertiefen. Mars zog mich in eine dunkle Gasse und legte mir einen Arm um die Taille. Ein dumpfes Rütteln durchfuhr mich und schon standen wir vor seiner Wohnungstür.

»Das habe ich doch wunderbar hinbekommen«, bemerkte er selbstzufrieden, als er uns öffnete und dabei stolz seine Brust nach vorn drückte. Sicher war ihm tief im Unterbewusstsein klar, dass ich es gewesen war, die es wunderbar hinbekommen hatte, und diese Tatsache wurde nur von seinem Ego überlagert. Doch ich wollte einen harmonischen Abend und schluckte daher jede bissige Erwiderung darauf hinunter.

Seine Wohnung hatte bis auf das Bad keine abgrenzenden Wände und bestand daher nur aus einem einzigen riesigen Raum, der das ganze Stockwerk des Gebäudes abdeckte. Die Wände waren schlicht aus Backstein gehalten und vermittelten eine raue, spröde Atmosphäre. Er hatte sich gegen jegliche Einrichtungsideen von mir gewehrt und so sah es hier trotz der eindrucksvollen Größe schlicht und zweckmäßig aus. Am anderen Ende des offenen Wohnraumes thronte sein riesiges Bett, während sich gegenüber eine gemütliche Sofalandschaft befand, auf der sich Mars gerade mit einem zufriedenen Stöhnen niederließ und den Fernseher einschaltete. Der restliche Platz dazwischen war mit allerlei ausladenden Sportgeräten gefüllt. Ich lief hinüber zu seinem Schrank, der mit teuren, maßgeschneiderten Anzügen in dunklen, kraftvollen Farben randvoll gefüllt war. Erleichtert zog ich das enge Kleid und die Schuhe aus und borgte mir eins seiner bequemen weiten T-Shirts. Dann kuschelte ich mich neben ihn auf das Sofa und lehnte mich an seine Schulter.

»Um welche Art Waffen ging es in eurem Gespräch?« Mars war zwar der Kriegsgott, doch es hatte einen Punkt gegeben, an dem Jupiter ihm untersagte, in der Waffenproduktion mitzumischen. Ich war nicht oft mit Jupiter einer Meinung und Mars hatte getobt, doch in diesem Punkt stimmte ich ihm zu. Die Welt brauchte nichts weniger als Waffen. Abgesehen von Lippenstiften vielleicht. Erst recht nicht, wenn ein übermotivierter, exzentrischer Gott daran beteiligt war, dessen Rachsucht legendär war.

Er lachte leise, als hätte ich etwas völlig Absurdes gesagt. »Venus, wirklich, du hast das falsch verstanden. Du kennst dich doch gar nicht mit so etwas aus.« Sein Tonfall war glatt, fast belustigt, als würde er mit einem Kind sprechen, das gerade eine naive Frage gestellt hatte. »Es ging um Investitionen, nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen solltest.« Er winkte ab, als hätte ich gar nichts gesagt und fuhr fort: »Aber ich finde es süß, dass du versuchst, mitzureden.«

»Ich weiß, was ich gehört habe, Mars«, entgegnete ich ruhig, ein unterschwelliger Ärger stieg in mir auf. »Und es klang alles andere als harmlos.«

Mars warf mir einen flüchtigen Blick zu, bevor er wieder zum Fernseher sah, als hätte das Gespräch bereits seinen Wert verloren. »Ach, Liebling«, sagte er, seine Stimme nun noch sanfter, aber mit einem Hauch von Ungeduld. »Ich denke, das ist nicht wirklich dein Fachgebiet. Lass solche komplexen Dinge einfach diejenigen klären, die die nötige Ahnung haben.«

Seine Worte klangen beiläufig, doch die Botschaft war klar: Du verstehst es nicht, also stell keine Fragen. Ich spürte, wie meine Frustration in ein dumpfes Gefühl der Demütigung umschlug. Vielleicht übertrieb ich. Möglicherweise hatte ich das Gespräch wirklich missverstanden.

»Oh«, murmelte ich schließlich, um die unangenehme Stille zu füllen. Ich spürte, wie Farbe in meine Wangen schoss. Mein Herz klopfte schneller, während ich nervös eine Haarsträhne hinter mein Ohr schob. »Dann habe ich wohl etwas durcheinandergebracht.« Innerlich nagte der Zweifel an mir, meine eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. »Hast du über meinen Vorschlag nachgedacht?« Beschämt wechselte ich das Thema, um den unangenehmen Moment zu vertreiben.

»Welchen Vorschlag?«, fragte er und starrte unverwandt auf den Fernseher, aus dem nun laut ein Fußballspiel dröhnte.

»Müssen wir das jetzt anschauen?«, beschwerte ich mich missmutig, immerhin konnte ich Sport nicht viel abgewinnen und anderen dabei zuzusehen, wie sie Sport trieben, noch viel weniger.

»Das ist ein wichtiges Spiel. Welcher Vorschlag?«, nuschelte er vor sich hin, während seine Gedanken eindeutig nicht bei mir lagen.

Ich fühlte mich überflüssig. Auf diese Weise hatte ich unsere Zukunft nicht besprechen wollen.

»Mein Vorschlag mit dem Haus?«, rief ich ihm unser letztes Gespräch ins Gedächtnis. Es lag eine Hoffnung in meinem Tonfall, die mich selbst überraschte.

»Welches Haus?«, echote er abwesend.

»Ich habe dich vor ein paar Tagen gefragt, ob wir uns zusammen ein Haus kaufen. Mir würde es an der Küste gefallen. Mit Blick aufs Meer. Oder in den Bergen. Stell dir vor, wir ziehen morgens die Vorhänge auf und sehen nur grüne Wiesen und klare Berge vor uns.« Ich breitete frei die Arme aus.

Er wandte nun seinen Kopf zu mir und sah mich so verwirrt an, als hätte ich gerade etwas komplett Irrationales vorgeschlagen. »Wieso kaufst du dir nicht allein ein Haus?«

Ich verzog die Lippen. »Weil ich es schön fände, wenn es unser Haus wäre. Ich beabsichtige Rom in den nächsten Jahren den Rücken zu kehren. Vor allem wegen der Firma, aber ich glaube auch, dass uns eine Auszeit guttun würde. Für einige Jahre eine ruhige Zeit auf dem Land zu verbringen, wäre doch schön, oder nicht?« Ich kuschelte mich an seine Seite und hakte meinen Arm unter seinen.

Er richtete sich unwirsch auf und zog sich die Krawatte aus. Notgedrungen setzte ich mich auch auf. »Ich mag Rom, das Landleben ist nichts für mich.« Er öffnete ein paar obere Knöpfe an seinem Hemd und ließ sich wieder zurücksinken.

Ich rückte wieder näher dran und er legte einen Arm um mich. »Du hast es doch noch nie ausprobiert. Es ist ja nicht für immer. Ich versuche Amor noch zu überreden die Firma die nächsten dreißig Jahre zu führen. Zumindest im Vordergrund. Dann hätten wir auch mehr Zeit für uns. Und du kannst doch jederzeit nach Rom, da spielt es keine Rolle, wo du wohnst.«

Er machte ein grummeliges Geräusch und in mir spürte ich eine leichte Unsicherheit aufkommen. »Ich bin Stammvater der Römer. Was macht das für einen Eindruck, wenn ich aus dieser Stadt wegziehe?«

Langsam verlor ich die Geduld, außerdem begannen ein paar fiese Selbstzweifel an mir zu nagen. »Wer wird sich daran stören? Jupiter sicher nicht, er lebt selbst nicht in Rom.«

»Gerade deshalb sollte ich hier die Stellung halten«, sagte er, seine Augen fest auf den Bildschirm gerichtet. Der riesige Flachbildfernseher dominierte nicht nur den Wohnbereich, sondern offenbar auch seine Gedanken.

»Vielleicht willst du auch einfach nicht«, sagte ich gekränkt.

»Vielleicht.« Er tat das mit einer scheinbar wohlwollenden Gleichgültigkeit, die mich fast glauben ließ, er hätte es nicht so gemeint – aber ich wusste es besser.

Die Kommentatorenstimmen und die Jubelrufe der Fans füllten den gesamten Raum, als wären wir live im Stadion. Ich schwieg einen Moment, in der Hoffnung er würde seine Antwort noch erklären, doch leider vergeblich. »Aha. Heißt das, du willst nicht mit mir zusammenziehen?«

»Es läuft doch alles wunderbar, so wie es ist. Warum etwas daran ändern?«

Ich griff nach der Fernbedienung, um die Lautstärke runterzustellen. Er starrte immer noch wie hypnotisiert auf den Fernseher, ohne sich abzuwenden.

»Weil man nach über zweitausend Jahren auch einfach mal etwas Neues ausprobieren kann.« Nun rutschte ich vom Sofa und baute mich vor ihm auf. Er sah immer noch auf das Spiel, doch auf seiner Stirn zeigten sich nun ein paar Falten.

»Ich denke eher, wenn etwas läuft, sollte man nicht daran rütteln. Ich komme dann einfach vorbei und sehe mir dein neues Haus in der Toskana an.« Er warf mir einen flüchtigen Blick zu und versuchte sein offensichtliches Desinteresse zu verbergen.

Ich platzierte mich genau in seinem Blickfeld vor dem Fernseher. »Und wer sagt dir, dass ich deinen Besuch in meinem Haus möchte?«

Er machte eine wedelnde Handbewegung, als wolle er mich wegscheuchen. »Du solltest aufhören, dich für wichtiger zu halten, als du bist. Du bist nur ein hübsches Gesicht in einer Welt voller hübscher Gesichter. Nun sei nicht sauer und setzt dich brav wieder hin.«

Ergeben trat ich zur Seite. »Ich bin nicht sauer. Ich bin enttäuscht.«

»Du bist immer so emotional, Venus. Kein Wunder, dass du die Dinge nicht rational angehen kannst. Schau dir an, wie ich das mache, vielleicht lernst du etwas. Ich bin eben nicht für diesen Schritt bereit.« Er rieb sich genervt den Nacken und klopfte dann neben sich aufs Sofa, als sei ich ein gehorsames Hündchen.

»Nicht bereit? Der Typ im Restaurant kannte seine Freundin vielleicht zwei oder drei Jahre, bevor er ihr einen Antrag gemacht hat. Und du bist nach tausenden von Jahren noch nicht bereit mit mir zusammenzuleben?« Meine Selbstsicherheit schwand sekündlich mehr und ich verschränkte nervös die Arme vor der Brust, als könnten sie mein Herz dahinter irgendwie beschützen.

»Du bist so naiv. Du verstehst wirklich nicht, wie die Welt funktioniert, oder? Dein kleines Märchen von der Liebe hat nichts gemeinsam mit der Realität. Ich habe Besseres zu tun, als mich mit solchen Albernheiten zu beschäftigen. Mein Leben ist voll von wichtigen Dingen, Entscheidungen, die die Welt beeinflussen. Lass uns das später besprechen, wenn das Spiel vorbei ist.« Offenbar war das alles, was er dazu zu sagen hatte, denn er wandte sich nun ernsthaft dem Fernseher zu und jubelte im Stillen bei einem Tor. Er hatte nicht abgestritten, was ich ihm vorwarf, und ich wusste es in Wahrheit auch. Er würde nie bereit sein für mehr. Es musste immer alles nach seinen Plänen laufen, dann war seine Welt in Ordnung. Hatte ich Wünsche, interessierte ihn das nicht.

Ich versuchte nicht einmal meine Verletzung über seine Ablehnung zu verbergen. Mit einem stummen Seufzen stolzierte ich hinüber zum Schlafbereich und hob mein Kleid und meine Schuhe vom Boden auf.

»Bringst du uns noch eine Flasche Wein aus der Küche mit? Dann können wir auf den erfolgreichen Abend anstoßen!«

Ich steuerte währenddessen bereits die Haustür an.

»Wenn du meinst, es gibt einen Grund, um anzustoßen, dann tu das. Allerdings allein. Ich bin nicht länger bereit für diese Unverbindlichkeit.« Dann schlug ich die Tür mit einem Knall zu. Ich wartete draußen einen Moment, starrte auf die Sachen in meinem Arm. Meine nackten Füße froren auf dem kalten Fliesenboden im dunklen Hausflur. Von innen hörte ich noch das Gebrüll aus dem Fernseher, nichts weiter. Keine Schritte. Er würde mir nicht nachkommen. Ich war nicht mehr als eine Fußnote in seinem Leben.

II

Es klirrte laut und ich riss die Augen auf. Ich lag in meinem Bett und fühlte mich deprimiert und wehmütig. Ich hätte gestern Abend nicht einfach gehen sollen. Ich hätte bleiben und über unsere Beziehung sprechen müssen, wie es sich für zwei Erwachsene gehörte. Leider war ich einem bekannten Muster gefolgt, wie bereits unzählige Male zuvor. Ich lief davon, suhlte mich in meinem Trübsal, während er so tat, als wäre überhaupt nichts gewesen. Meist gab ich dann irgendwann nach und folgte einer seiner Essenseinladungen, bei der wir beide uns vormachten, es wäre alles in bester Ordnung, bis ich das schließlich selbst glaubte und der Frust in mir irgendwann so groß wurde, dass es erneut knallte und sich das ganze Spielchen wiederholte.

Wieder dröhnte ein lautes rumpelndes Geräusch aus dem Flur. Langsam schlug ich die Decke zurück, erhob mich und spähte aus meiner Schlafzimmertür hinaus. Es dauerte nur einen Moment, bis ich die Ursache des Lärms erkannte.

»Bist du gerade erst nach Hause gekommen?«

Amor versuchte mich anzusehen, schwankte jedoch dabei und riss beinahe noch eine weitere Vase um. Die Erste lag bereits in Scherben auf dem Boden.

Vor allem aber war er nicht allein. Neben ihm hing ein blondes Mädchen, ebenfalls nicht ganz nüchtern, an seinem Arm. Mein Herz sank. Ich hatte Amor ausdrücklich gesagt, dass meine Wohnung kein Ort für seine nächtlichen Eskapaden war. Und erst recht nicht für seine Begleiterinnen. Ich hatte eine nicht unerhebliche Anzahl wertvoller historischer Stücke hierherumstehen, die jeden Sammler umhauen würden.

»Ich bin erwachsen, Ven! Ich kann nach Hause kommen, wann immer ich will«, erwiderte er und lallte dabei eindeutig. Er stolperte ein Stück nach vorne, das Mädchen an seiner Seite gluckste leise, völlig unbeeindruckt von der Szene.

»Wenn du so erwachsen bist, dann kannst du mir sicher auch die Vase ersetzen. Die war antik!«

Er brummte etwas Unverständliches, zog seine Lederjacke aus und ließ sie unbekümmert zu Boden fallen.

»Hast du unsere Abmachung vergessen?«, begann ich, meine Geduld war jetzt schon strapaziert genug. Ich seufzte tief, rieb mir die Schläfen, um das beginnende Pochen in meinem Kopf zu beruhigen. »Sie muss gehen. Jetzt.«

Amor, der sich nur mühsam aufrecht hielt, blickte mich verschwommen an, als hätte er keine Ahnung, was er falsch gemacht hatte. War sein Verstand so vernebelt, dass ihm nicht klar war, dass dieser Mist bei mir keine Wirkung hatte. »Ich wollte dich nicht wecken. Sie wollte nur noch 'nen Drink. Wir ... wir hatten einen langen Abend, weißt du ...«

Das Mädchen, das Amor fest umklammert hielt, schoss mir einen giftigen Blick zu. »Wer ist das? Bist du etwa seine Freundin?« Ihre Worte trieften vor Eifersucht, und sie stemmte ihre Hände in die Hüften, während sie versuchte, aufrecht zu stehen.

Ich rieb mir frustriert die Stirn. »Amor, ich habe dir schon oft gesagt, dass du niemanden mit hierherbringen sollst.« Er grinste schief, während er versuchte, sich gegen den Türrahmen zu lehnen, um das Gleichgewicht zu halten.

Das Mädchen funkelte mich weiter an, als hätte sie etwas zu verteidigen. »Also ... was läuft hier zwischen euch?« Ihre Stimme zitterte leicht, sowohl wegen des Alkohols als auch wegen ihrer wachsenden Eifersucht.

Amor lachte leise und versuchte, den Arm des Mädchens von sich zu lösen. »Sie ist nicht meine Freundin. Das ist … meine Schwester.«

Zuerst blickte ich Amor an, der sich immer noch nicht richtig auf den Beinen halten konnte, und dann das Mädchen, das mich wie eine Rivalin betrachtete. Die ganze Szene war absurder, als ich so früh am Morgen ertragen konnte.

»Du gehst jetzt ins Bett. Wir haben gleich einen Termin. Und du …« Ich wühlte in meiner Handtasche und zog einen Fünfzig-Euro-Schein heraus. Das war mehr als großzügig. »… nimmst dir jetzt ein Taxi. Verwirrt starrte sie auf das Geld in ihrer Hand.

Amor sah mich an, als ob er erkannte, dass ich es ernst meinte, und das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht. »Schon gut ... schon gut ...«, murmelte er und drehte sich langsam um, bevor er den Flur entlang in Richtung des Gästezimmers schwankte.

Doch bevor das Mädchen gehen konnte, hob sie ihre Hand in einem letzten Versuch, ein Zeichen von ihm zu bekommen. »Ruf mich an, okay?« Ihre Stimme war plötzlich weicher, verletzlicher. Aber als Amor nur vage nickte, wurde ihr plötzlich etwas klar. Sie blinzelte, dann fragte sie langsam: »Du hast meine Nummer gar nicht, oder?«

»Mach dir nichts draus. Du hast meine schließlich auch nicht«, brummte er schwach und verschwand um die Ecke.

Die Erkenntnis traf sie hart, und ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie nun verstand, was sie in dieser Nacht wirklich für ihn war: ein flüchtiges Abenteuer.

Innerlich seufzte ich. Dann machte ich einen Schritt nach vorne, nahm sie sanft am Arm und führte sie zur Tür. »Es ist besser, wenn du jetzt gehst«, sagte ich mit einer ruhigen, fast mitfühlenden Stimme. »Vertrau mir.«

Das Mädchen blickte noch einmal Amor nach, bevor sie kopfschüttelnd ging, ohne ein weiteres Wort.

Als endlich beide verschwunden waren und die Wohnungstür ins Schloss fiel, atmete ich tief durch. Ich liebte Amor, aber er machte es mir nicht immer leicht. Immerhin hatte er noch gute drei Stunden bis zum Gipfeltreffen. Dank seiner göttlichen Gene würde das ausreichen, um bis dahin einigermaßen fit zu sein.

Ich schlich zurück in mein Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Ich hatte keine Lust dorthin zu gehen. Ich hatte keine Lust Mars nach gestern Abend wiederzusehen. Und erst recht wollte ich keinem der anderen Götter begegnen, die sich alle in ihrer Selbstherrlichkeit sonnten. Sie waren mir alle zuwider. Es war nicht so, dass ich sie grundsätzlich nicht leiden konnte. Zumindest nicht alle. Bacchus war schon ewig ein guter Freund. Und Merkur und Apollo waren auch in Ordnung. Hingegen schienen besonders die jungfräulichen Göttinnen, Minerva, Diana und Vesta irgendein unausgesprochenes Problem mit mir zu haben. Und für den Rest war ich ohnehin nur ein Witz.

Alles in mir sehnte sich nach Ehrlichkeit und Authentizität, doch danach suchte ich im Kreis der Götter vergeblich. So viel Zeit hatte ich aufgewandt, um meine wahre Natur vor allen verborgen zu halten und niemanden sehen zu lassen, wer ich wirklich war, aus Angst, nicht akzeptiert zu werden. Doch die Sehnsucht nach etwas Echtem, etwas Unverfälschtem, war stärker denn je.

Der Streit mit Mars hatte eine Leere in mir hinterlassen, die ich nicht ignorieren konnte. Ich war gewohnt, dass seine Worte kalt und berechnend waren, dennoch hallten sie immer noch in meinem Kopf wider. Ich hatte so viel gegeben, so viel Hoffnung in uns gesetzt. Aber jedes Mal, wenn ich mich öffnete, wurde meine Zuneigung als Schwäche betrachtet.