Goethestraße 8b - Andreas Eichenseher - E-Book

Goethestraße 8b E-Book

Andreas Eichenseher

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Beschreibung

Ulrich ist stolz darauf, ein Schriftsteller zu sein. Aber erzählen möchte er davon niemandem, nicht einmal der hübschen Maria, die gerade gegenüber einzieht. Schnell findet er Gefallen an der Deutsch-Brasilianerin und macht sie mit dem Mietshaus bekannt. Allzu verrückte Personen leben hier, allzu spannende Geschichten des Neids werden zwischen diesen Wänden gesponnen. Die merkwürdigen Nachbarn eint hinter Ulrichs Rücken etwas Großes, das sie gleichzeitig zu zerreißen beginnt. Ulrich würde es niemals wissen wollen, doch der Lauf der Dinge scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Andreas Eichenseher

Goethestraße 8b

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

XXXI

XXXII

XXXIII

XXXIV

XXXV

XXXVI

XXXVII

XXXVIII

XXXIX

XL

XLI

XLII

XLIII

XLIV

XLV

XLVI

XLVII

Impressum neobooks

I

Nun, da der Zeit sechzig Jahre verstrichen sind, schickt er sich an, schickt er sich an ein erstes Mal zu wagen, was er sich verbat, über all die Zeit hinweg. Der Rücken schmerzt, als er auf dem Holzstuhl vor seinem alten Schreibtisch, einem massiven Stück aus Eichenholz, Platz nimmt und die Augen verengt. Sie, die Mutter allen Glücks, aller selbst auferlegten Tragödien, sie, die Sonne, strahlt durchs quadratische Fenster in sein Gesicht. Die Schatten der Kreuzstreben teilen sein gezeichnetes Äußeres in Vier. Ein Teil für je ein Auge. Zwei Teile für den Mund. Und er atmet schwer. Staub wirbelt deutlich zu sehen durch die Luft, als er den Schub aufzieht. Nun, zum ersten Mal seit sechzig Jahren, seit er hineingelegt, was jetzt wieder ins Licht der Abendsonne gehoben. Alles, ja alles scheint zu schreien. Triumphal jauchzen die roten und gelben Farben, in die der Raum, um ihn und das Manuskript, das er geschrieben und dann, vor sechzig Jahren, in diese alte Schublade gelegt hat, getaucht ist. Er pustet, klopft es gegen die Tischkante. Und er holt die Brille aus der Brusttasche seines grauen Hemdes, setzt sie auf und seufzt. Er hat ihn sich auferlegt, den Idealismus und es schmerzte sehr. Sechzig Jahre lang und jetzt zwingt er sich, versucht sich zu halten, da er sie spürt, die Wallungen der Tränen, des Ärgers über sich und seiner Sturheit. Jeden Tag geträumt, wie es wäre, wenn er es täte, so wie er es heute hat begonnen. Und immer wieder überzeugte er sich mit der Kraft, die er in sich tragen wollte, von der er glaubte niemals erfahren zu können, doch viel tiefer als seine Finger in seinen Kopf greifen konnten, sitzen musste, weil sie es musste. Weil er sich zu dieser Stellung der Menschlichkeit gezwungen sah, um zu überleben in der Welt seiner Umwelt. So ist es, da er begann, was auch lange danach schrie. Und er legt es sich zurecht. Und er beginnt die nie gesehenen Worte, das gemachte und jetzt geborene Kind, zu lesen, vielleicht zu lieben, um aller Willen.

II

Die Goethestraße. Nun, sie ist eine Straße, wie jede andere auch. Ein asphaltierter Bereich für Fahrzeuge und Fußgänger und einige Gebäude mit grünen Gärten an den Rändern. In diesem Fall säumen genau 74 Wohn- und Mietshäuser die mit breiten Bürgersteigen ausgestattete, aus dem vorigen Jahrtausend stammende, Goethestraße. Eine junge Frau mit Kinderwagen schiebt sich an zwei grauen, im Kanon hustenden Rentnern vorbei. Und auf der anderen Straßenseite geht Ulrich. „Eins. Zwei. Drei. Vier.“

Er beeilt sich nicht und doch scheint er inmitten seiner geistigen Abwesenheit und dem apathischen Blick nach Hause laufen zu wollen. Wohnhaft ist Ulrich in der Goethestraße 8b, einem Mietshaus mittelgroßer Ausdehnung. Und es liegt keine 50 Meter mehr von ihm entfernt. Er geht mit großen Schritten, sehr komisch anzusehen, doch kümmern ihn nicht die Leute, die ihn so abfällig beachten. Nein, er braucht und will sie gar nicht sehen. Die Finger kühl in seinen Hosentaschen und der Kopf erschrocken zuckend als er vom Bürgersteig in das Grundstück einbiegend von einem harschen Grummeln aus seiner Trance gerissen wird.

„Harr... Nein!“

Ulrich runzelt seine Stirn. Eine der Papiertonnen des Hauses liegt gekippt am Boden und jemand wühlt suchend im Zellstoffabfall der Goethestraße 8b.

„Natürlich! Natürlich nicht!“ Wieder hallt die Stimme seines cholerischen Mietnachbarn aus der Papiertonne. Diesmal geht Ulrich näher heran und beugt sich gleichzeitig nach unten. Der Professor aus dem Erdgeschoss kniet auf zerrissenen Kartons und bunten Werbeblättern. Viele kleine Zettel und Zeitungen liegen auf dem Bürgersteig und werden vom Wind verweht. Von Herrn Habemann sind nur die Beine zu sehen.

„Wer liest denn solche Klatsch-Blätter“, schreit er, ohne von seinem Zuhörer zu wissen und wirft blind eine Zeitschrift aus der Papiertonne aufs Pflaster, nur anderthalb Meter von Ulrich entfernt. „Das ist neu“, denkt er sich. „Und doch nicht unerwartet.“ Lautlos geht er vorüber und steuert auf das Haus zu.

„Der... Der... Der Notizblock!“ Hinter ihm schimpft noch der Professor und schlägt von innen gegen die grüne Tonne.

„Weg! So ein Dreck!“

Ulrich sperrt schon die Haustüre des alten Gebäudes auf. Es sieht von außen gar nicht so aus, doch das Haus in der Goethestraße 8b ist wirklich alt und niemand, der dort wohnt, hat je fühlen können wie alt es wirklich ist. Nicht einmal der Hausmeister Rainer.

„Ulrich!“

„Hallo.“ Ulrich erschrickt, als des Hausmeisters freundlich gemeinte Begrüßung laut zu ihm schallt.

„Ich hab ganz vergessen. Kriegst einen neuen Nachbarn.“

„Ja? Wen? Wann? “

„Glaub heute schon.“

„Aber nicht wieder so ein Ostfale mit notorisch ralligem Terrier?“

„Doch“, meint der Hausmeister trocken.

„Oh mein... Oh verdammt. Nein, das war ein Witz, oder?“

Rainer grinst schief und verkriecht sich mit seiner runden Wampe wieder in der kleinen Werkstatt. Ulrich zuckt kurz mit dem Kopf, dann marschiert er über die kalten Marmorstufen. Seine Wohnung liegt im zweiten Stock und genau dort sollte gegenüber seines Appartements ein neuer Mieter einziehen. Umzugsgeräusche sind noch keine zu hören. Der größte Lärm dringt derweilen aus dem ersten Stock.

„...den ganzen Tag“, hört Ulrich dumpf. Es ist Erich, der in der Wohnung mit seiner Tochter streitet.

„Der Radio läuft sogar wenn du in der Schule bist!“

Ulrich passiert die Eingangstüre, daneben das Klingelschild mit `Erich Einweg`.

„Dann dreh doch du ihn ab“, entgegnet Promesia. In ihrer Stimme wohnen Rebellion und Kritik an ihrem männlichen Elternteil, der sich an legitimen Ausweichmanövern bedient.

„Ach! Und neben dem Radio lagen Kondome! Die Kondome! Du bist 14!“ Mehr kann Ulrich nicht mehr hören, will er aber auch nicht. Beinahe hätte er in all dem Trubel vergessen, was ihm eben beim Nachhauseweg eingefallen ist!

Er hatte bewusst einen Umweg genommen, um mal etwas anderes zu sehen und seinen Gedanken dort freien Lauf gelassen. Er kam an einem Fußballplatz vorbei, an großen Werbeflächen und an zahlreichen Ampeln. Und siehe da.

Es wirkte.

„Eins. Zwei. Drei. Vier.“ Ulrich zählt sich im Geiste wieder die Anzahl der Ideen auf, die er vorhin beim Gehen hatte. Er weiß sie noch. Er hat sie nicht vergessen. Schnell läuft er nach oben, nimmt immer gleich zwei Stufen auf einmal und rammt seinen Schlüssel fest ins Schloss. Umdrehen. Ulrich reißt die helle Türe auf, lässt seine Schuhe an den Füßen und rennt zum Computer, der noch im Standby ist.

„Moment...“, sagt er sich. Die Wohnungstüre steht noch ein wenig offen, er läuft zurück, schließt sie sanft und öffnet anschließend das Schreibprogramm, um seine Gedanken nun endlich zu sichern und die Angst des Vergessens selbst einfach vergessen zu dürfen.

„Mein Sohn“, schreibt Ulrich. „Willst du wirklich rebellieren, so lauf nicht über Rot. Nein, mein Kind, halte vor Grün.“

Und er schreibt weiter.

„Bei Grün kann man es tun,

denn sie halten opportun.

Denn im Gehege der Regel scheint auch der Geselle ganz helle.“

Die selbst ausgedachten Aphorismen kleben noch in seinen grauen Zellen und lösen sich Einer nach dem Anderen während er rhythmisch auf die Tastatur klopft.

„Erziehung erfolgt durch Gesellschaft.

Und Gesellschaft wird geformt vom Kollektiv, von Religionen und geführt von Staaten.

Grün, gehen. Rot, stehen. Wer sich im vorgegebenen Takt bewegt, wir sehr schnell weit kommen. Wer ihn nicht einhält wird entweder ständig ausgebremst oder beseitigt.

Der Rassismus wird ausgelebt von uns allen.

Jeder fiebert bei einem beliebigen Sportereignis, in dem die Nationen untereinander konkurrieren, immer für die Athleten seines Landes und/oder Mutterlandes. Wir reduzieren die Sportler demzufolge also nur auf ihre Nationalität, ohne einen weiteren Eindruck von ihnen zu erhalten. (Hinweis für Überarbeitung: Nicht zu sehr verallgemeinern. Aber Kern stimmt)“

„Puh.“ Ulrich atmet tief durch und klickt auf `Speichern`. Er hat die Gedanken, die beim Gehen entstanden sind, gesichert.

„Fürs ganze Werk vielleicht nicht relevant, aber... Ach, egal.“ Er faltet die Hände auf dem Bauch und lehnt sich zurück. „Es wird niemanden jucken“, sagt Ulrich zu sich selbst, grinst und kratzt sich am Hinterkopf.

„Ich habe mein Schuhwerk noch nicht abgelegt...“ Ein jeder Schritt fällt leicht, als er zur Ablage geht. Da dringt eine tiefe, angestrengte Männerstimme durchs Türholz. Ein gewisser osteuropäischer Akzent ist nicht zu verkennen und bewegt Ulrich dazu, neugierig ins Treppenhaus zu spähen.

„Oh nein“, denkt er sich, als er seinem vermeintlich neuen Nachbar in die Augen sieht.

Der grimmige Blick eines Bullen vor der Schlachtung, die wirre Frisur eines Bernhardiners vor der Reinigung und die lückenhaften Zahnreihen eines Neunjährigen. Ulrich muss ihn auch gar nicht riechen, um zu wissen, dass er nach Fett und Schweiß stinkt. Und einen verrückten Köter hat er, so wie er aussieht, mit Sicherheit auch.

„Hallo. Ich bin Ulrich“, presst er höflich und laut hervor.

„Ach ja?“ Etwas verstört von des Mannes herablassender Antwort ringt Ulrich nach Worten der Fassung, da drückt sich eine zweite Ausgabe dieses Typus Mensch über die Stufen. Er schleppt einen Karton und steht seinem Freund bezüglich der Mimik in nichts nach.

„Hallo“, versucht es Ulrich erneut. Diesmal erhält er eine freundlichere Antwort.

„Hallo. Sie wollen helfen?“

„Na ja“, meint Ulrich zögerlich, aber entschließt sich dann schnell dazu, sich den neuen Nachbarn wohlwollend zu präsentieren.

„Ja. Will ich.“

„Komm“, meint der Andere, lässt seinen Freund in die Wohnung und begleitet Ulrich nach unten.

„Und sie sind ein... Ein Paar“, fragt er zaghaft.

„Ich verstehe nicht.“

„Egal. Egal. Haben sie einen Hund?“

„Was?“ In der schlechten Rasur des Mannes kann man die letzten Mahlzeiten lesen.

„Hund?“ Ulrich kneift seine Augen zusammen. „Wuff! Wuff!“

Der neue Hausbewohner schüttelt genervt den Kopf.

„Ja, sehr gut. Kein Hund.“

Nun, da er ihm so nahe ist, scheint er sich getäuscht zu haben. Der neue Nachbar riecht nicht annähernd so furchtbar, wie es Ulrich erwartet hatte. Er folgt ihm weiter die Stufen hinab und konzentriert sich auf die ausgefransten Hosenenden des Mannes, da reißt ihn ein sympathisch warmes „Hallo“ aus seinen Gedanken und von den Fersen des Mannes.

Eine grazile Frauenhand streckt sich vor seinen Körper und Ulrich schüttelt sie.

„Ich glaube wir sind neue Nachbarn. Sie wohnen ja hier, oder?“

„Sie... Ich.“ Ulrich blickt verdutzt in das Gesicht der Frau.

„Ja“, sagt er und beginnt zu realisieren. „Wir wohnen sogar im selben Stockwerk.“

„Sehr schön. Wie heißen sie?“ Ihre Nasenspitze ist so gerade und klein wie der Punkt auf seiner Tastatur. Ihre Augen und ihre Haare so braun wie die Schokolade, die er im Winter so gerne gegessen hat. Und die kleinen Grübchen, die es sich beim Grinsen in ihrem freundlichen Gesicht gemütlich machen, saugen ihn förmlich ein.

„Ulrich. Ich heiße Ulrich.“

Das peinlich berührte, stumme Lächeln beginnt. Und es dauert vier Sekunden bis die hübsche Frau gnädigerweise unterbricht.

„Ich schlepp´ dann mal weiter.“

„Ja.“

Und während Ulrich sich langsam fragt, ob er die nette Frau fragen sollte, inwiefern ihr seine Hilfe beim Schleppen gelegen käme, wanderte er schon wieder nach unten.

„Ich wollte ja dem Mann helfen. Dem... Dem Möbelpacker! Damit helfe ich auch ihr! Klar!“ Erquickt von seiner späten Erkenntnis sprintet er nach unten ins Erdgeschoss. Auf dem schmutzigen Boden dort klingt es häufig so, als würde man auf Sand spazieren.

„Und? Was sagst jetzt“, klingt Rainers Stimme plötzlich von hinten. Der Hausmeister grinst schief.

„Warum sagst du mir nicht gleich, dass da eine scharfe Bombe einzieht?“

„Na weil ich sie explodieren sehen will“, meint Rainer.

„Sag mir alles was du über sie weißt.“ Ulrich redet schnell.

„Nicht viel.“

„Ja was denn?“

„Sie heißt Maria de Lima. Ist zur Hälfte Brasilianerin.“

„Maria de Lima“, wiederholt Ulrich. „Zur Hälfte Brasilianerin. Und weiter?“

„Na ja, ich schätze mal die untere Hälfte, also bei dem zünftigen Arsch.“

„Mehr weißt du nicht?“

„Mehr weiß ich nicht“, sagt der Hausmeister mit einem Zwinkern und verdrückt sich wieder.

„He.“ Ulrich dreht sich zur bekannten Stimme. Der Möbelpacker wankt mit einem Karton in den Händen an ihm vorbei und macht ihn mit einer gezielten, aber unauffälligen Kopfbewegung auf den Kleintransporter an der Straße aufmerksam, dessen Inhalt sie in die Wohnung Marias schleppen.

„Davaj, davaj“, ruft der Möbelpacker und lacht, während sich Ulrich anschickt das Gebäude zu verlassen. Da stößt jemand die Türe auf und kommt mit arrogantem Tonfall in der Begrüßung hereinspaziert.

„Hey Hallo“, ruft der Mann in den Raum und Ulrich bremst ab.

„Guten Tag“, sagt Hieronymus und nickt mit dem Kopf.

Hieronymus ist 28, also nur wenige Jahre älter und doch erwartet er den Respekt, den man einem uralten, weisen Gelehrten zukommen lassen würde. Er nickt kurz mit dem Kopf und lässt seine schulterlangen Haare prachtvoll wackeln.

„Wird Zeit dass die Papiertonne wieder ausgeleert wird“, sagt er mit rauchiger Stimme.

„Ist der Professor noch immer drinnen?“

Wieder nickt Hieronymus mit dem Kopf und schiebt seinen breiten, muskulösen Körper weiter durch das Foyer des Hauses. Er trägt nicht, wie meist, seine Sporttasche mit sich, er kommt sehr wahrscheinlich von der Seniorenresidenz, in der seine Großmutter untergebracht ist.

Der zweite Möbelpacker erscheint und nimmt Ulrich mit nach draußen zum Lieferwagen, der neben der gekippten Papiertonne und dem Professor parkt.

„Hey.“ Rainer spricht zu Hieronymus.

„Wieder ein Neuer?“, fragt Hieronymus.

„Ja. Eine Neue. Aber was Anderes.“ Untermalt vom rauen Ton und der wenig freundschaftlichen Beziehung wirft der Hausmeister ein kleines, aber schweres Paket gen Hieronymus.

„Von wem ist das?“ Er fängt mit böser Miene, aber er fängt.

„Paket-Bomben.de. Mein Internet-Versandhaus.“

Tiefe Furchen in Hieronymus Gesicht, insbesondere um seine Augen. Des Hausmeisters Attacken kontert er schon seit längerem selbstsicher mit aggressiver Ignoranz. Weiche Schrittfolgen hallen leise durchs Treppenhaus, unterbrechen sanft die kurze Konversation und Hieronymus geht mit dem Paket unter dem Arm nach oben. Weiße Wände mit bröselndem Putz führen ihn in den ersten Stock, in dem er Maria begegnet.

„Hallo. Ich bin die Neue hier im Haus.“

„Schönen Tag. Sieht ja ganz gut aus.“ Er mustert ihren schlanken Körper, dessen Weiblichkeit tatsächlich mehr in der unteren Hälfte stattfindet.

„Ja... richtig. Das Haus und die Wohnung haben mir auf Anhieb gefallen. Wie heißen sie?“

„Hieronymus. Aber nennen Sie mich Hero. So nennt mich jeder.“ Er senkt den Kopf, bringt seinen Prachtkörper in Stellung und verengt langsam seine Augen.

„OK.“

„Und Sie heißen?“

„Maria. Aber nennen Sie mich Maria. So nennt mich jeder.“

Hieronymus will etwas sagen, aber über seine Lippen kriecht nur ein unerwartetes Hüsteln.

„Auf Wiedersehen.“ Maria entschwindet in Richtung Erdgeschoss und es bleiben nur noch die tiefen Schrittgeräusche, die sich verzögernd entfernen und mit dem animalischen Lauten und den an Ulrich gerichteten Anweisungen der hart arbeitenden Umzugshelfer vermischen. Hieronymus geht leicht gebückt nach oben ins dritte und oberste Geschoss des Hauses. Zwei exakt gleich große Wohnungen liegen dort. Rechts die Seine, Links die von Bernd Schoß. Und eben jener zieht gerade vorsichtig am Türgriff. Hieronymus richtet und plustert sich auf, als der fahle Fischkopf Bernds durch den Türstock späht und nach einer kleinen Drehung erschrocken zusammenfährt, weil er Hieronymus entdeckt hat.

„Bernd!“

Die zunächst ausdruckslosen Augen des etwa Vierzigjährigen blitzen und zucken ängstlich.

„Komm nur her. Wo willst du hin?“

„Ich...“

„Das interessiert mich nicht!“ Hieronymus brüllt den deutlich Älteren aus einer sicheren Distanz von zweieinhalb Metern an und geht zu seiner eigenen Wohnungstüre, um aufzusperren. Hinter seinem Rücken huscht der lange Bernd schnell die Treppen hinab wie ein schüchternes Eichkätzchen die Baumrinde und es ist auf einmal still um Hieronymus.

Er schließt die Tür hinter sich und wirft sich auf sein Bett. Die Schuhe hat er noch an, die Füße hängen von der Kante und das Gesicht vergräbt sich in das dicke, weiche Federkissen, das kleine, runde Tränen aufsaugt.

Es sieht wirklich traurig aus, wie er da auf seiner Matratze liegt. Grau. Klobig, doch verletzlich.

Er mag sich nicht.

Selbstschutz und Angst veranlassen ihn dazu, anderen das Gefühl zu geben, er wäre ein Idol, ein Held, der angebetet werden muss. Ja, das will er sein, er liebt den Gedanken. Nur spürt er auch, nur spürt er auch, man kann es nicht erzwingen.

Aber er hat einen Plan. Einen Plan aus seiner Misere. Einen Plan, der ihn mitten hinein in die Welt führt, in der er sich nicht übertrieben beweisen muss. Nicht mehr.

Ihm fehlt nur schon so lange die letzte Idee und die damit verbundene Ausführung seines Plans.

„Am besten etwas, das auch mit meinem Erlebten zu tun hat“, sagt er sich. „Das würde mir doch so einiges erleichtern.“

Seine Mimik verändert sich. Den noch so tiefen Ängsten, noch so hohen Hindernissen schwindet der Wind, der Antrieb, der sie sperrte, der seine Ideen lähmte. Blühet auf ihr frischen Geistesvölker! Hieronymus stützt sich mit den Unterarmen aufs Bett und denkt weiter.

Das war sie! Die Idee!

Sofort springt er aus von der Matratze und rennt ins Badezimmer. Immer wenn er eine gute Idee hat entwickelt sich ein zügiger und glücklicher Darmdrang, dem er unverzüglich nachkommen möchte. Er sitzt auf der Schüssel, klopft nervös mit den Fingern auf die Oberschenkel und malt sich seine Idee weiter aus.

„Ja! Ja genau!“ Er jauchzt und schreit. Er presst, nichts keilt.

Der Groschen ist gefallen, ja das ist er. Momente, die für Hieronymus zu den lebendigsten und schönsten seines Lebens zählen.

„Fenster auf. Gestank raus.“ Fröhlich beendet er die Sitzung und rennt zum Computer, um seine Idee festzuhalten, endlich, endlich festzuhalten.

Die Zeit vergeht deutlich schneller als sonst und es sind am Ende nur wenige Minuten, in denen er ununterbrochen seinen Einfall in den Bildschirm walzt. Er schreibt die inhaltliche Zusammenfassung der Geschichte eines in die Jahre gekommenen Mannes, der im Altenheim liegt und nicht mehr aus seinem Bett kann. Von einem Mann, dessen hübsche, junge Pflegerin immer wieder gerne zu ihm ins Zimmer geht, um sich seine charmanten und trocken humorvollen Kommentare anzuhören, um eines Tages den unsicheren Anflug von romantischen Gefühlen für ihn zu empfinden. Als der Mann erwähnt, er hätte nie geheiratet, hätte keine Kinder, hätte einfach nicht die Richtige gefunden, noch nicht, sucht die verzweifelte Pflegerin Rat bei ihrer Mutter, die sie als töricht beschimpft. Sie wünscht sich doch eigentlich nur Enkel von ihrem einzigen Kind und kann diese romantischen Probleme ihrer Tochter nicht gutheißen. Die Frau infiziert den alten Mann unbewusst mit einem Grippe-Virus, weil sie ihn trotz Krankheit und den Rat ihrer Mutter sehen wollte. Sein Leben steht am Scheideweg, er liegt auf einer Intensivstation und die wieder genesene Pflegerin ist jede Nacht bei ihm. Die Mutter, aus Angst, ihre Tochter würde sich tatsächlich auf den Mann einlassen und die Jahre, in denen sie ein Kind gebären kann, mit diesem Greis verschwenden, plant den Mann zu töten, doch ihr Versuch schlägt fehl. Der Mann überlebt, er und die Pflegerin lieben sich, doch genießen ihre Zweisamkeit für alle Zeit still und heimlich in dem Heim, in dem er lebt.

„Ah. Das wird genial! Ein Wahnsinn! Drehbuch oder Roman? Roman. Einen Roman. Roman.“ Erleichtert geht er zum Fenster, um seinen Kopf in die frische Luft zu halten.

„Oh, das hätte ich ja fast vergessen!“ Er dreht sich wieder herum.

„Das Paket!“ Hieronymus reißt den Karton auf und strahlt noch intensiver als zuvor.

III

Ich weiß, ich weiß. Das waren ganz schön viele Informationen auf einmal und ich entschuldige mich aufrichtig dafür. Aber in der Goethestraße 8b leben nun einmal viele aufregende Personen. Und fast alle wollen sie gleich im ersten Kapitel erwähnt werden.

„Hey. Hey Rainer.“

„Ja?“ Der dicke Hausmeister kriecht unter einem Tisch hervor.

„Was... Was machst du denn unter dem Tisch“, fragt Ulrich und er schafft es nicht die Unsicherheit aus seiner Stimme zu entfernen.

„Mir ist nur eine Gurke aus meinem Wurstbrot gefallen. Direkt unter den Tisch und...“

„Ja. Was... Was ich fragen wollte: Diese Maria, die Neue.“

„Ja?“ Es sieht aus als würde der Hausmeister ein wenig grinsen, wenngleich es doch fast nicht zu erkennen ist. Der dicke, grau melierte Bart verdeckt zu viel.

„Ach, nichts. Passt schon. Und... Guten Appetit.“

„Ja? OK. Danke, den hab ich sicher.“ Er hebt die Hand mit der Gurke nach oben und Ulrich verschwindet wieder auf den hohen Stufen des Treppenhauses, um sich in seiner Wohnung mit den wenigen Optionen zu malträtieren.

„Ich mach´s. Nein, nein. Doch. Ich mach´s auf keinen Fall!“ Er geht auf und ab, fasst sich an die Gesäßtasche und in die Haare.

„Doch! Nein... Scheiß drauf!“

Ulrich rennt zum Kleiderschrank. Er sucht saloppe, schicke Klamotten, die aber nicht zu hochgestochen wirken.

Graues Sakko, blaue Jeans und gründlich gekämmte Frisur. Er steht vor Marias Tür.

„Nein.“ Er fährt sich durch die Haare, möchte lässiger und spontaner wirken. Die Kleidung sagt trotzdem noch etwas anderes.

Ulrich drückt mit feuchten Fingern auf die Klingel, schließt kurz seine Augen.

„Oh Ja. Ich mach´s wirklich“, sagt er sich und als er seine Augen wieder öffnet steht Maria in der Tür und lächelt ihn an.

„So schick?“, meint die Halb-Brasilianerin.

„Ja. Nein. Ja, ich wollte mich nur noch einmal vorstellen. Das gestern war etwas überhastet und...“

„Gut. Und ich bedanke mich gleich nochmal fürs Kisten schleppen gestern. Das war sehr nett.“

„Kein Problem.“ Ulrich muss lächeln und als Maria ihm wieder ihre Hand entgegenstreckt wischt er sich Seine noch schnell an den Hosenbeinen ab.

„Ich bin Maria.“

„Genau. Ich Ulrich.“

„Ich weiß.“

„Stimmt.“ So weit man es erkennen konnte war ihre Wohnung noch nicht eingeräumt, aber es hing schon ein demütiges Jesus-Portrait an der Wand. Ulrich starrt es an, dann weicht sein Blick aus, wendet sich auf sein Paar Schuhe. Er trägt noch die Sandalen, wie peinlich.

„Gut. Also Maria, ich werde Sie dann nicht weiter stören beim... Beim Einräumen der Wohnung.“

Man kann hören wie ganz unten jemand die Haustüre schließt.

„Warten Sie.“

Ulrich schielt ungläubig in Marias funkelnde braune Augen. So bezaubernd, doch auch so traurig. Und da! An ihrem Halse langsam baumelnd eine Kette mit Cruzifix und Jesus Christus. Erneut.

„Ich wollte gerade einkaufen gehen, aber ich kenne mich in der Stadt hier noch nicht aus. Würden Sie mich begleiten?“

„Ich weiß nicht.“

Maria legt ihren Kopf leicht zur Seite und überredet Ulrich mit einem minimalen Öffnen ihrer Lippen.

„In Ordnung.“ Er versucht seine Atmung zu beruhigen. „Gerne“, fügt er an. Scheinbar verlieh er seinem nervösen Auftritt doch noch eine gewisse sympathische Note. Was immer es auch gewesen sein mag, es wirkte.

„Ich hole nur noch schnell mein Portemonnaie aus meiner Wohnung“, sagt er.

„Ja natürlich.“

Während Ulrich verschwindet biegt Hieronymus auf das Plateau zu den letzten sieben Stufen, die ihn von Maria trennen.

„Ah“, meint Hieronymus, in seinem Gesicht der neurotische Ausdruck einen Sieg erzwingen zu müssen.

„Hieronymus. Guten Tag“, sagt Maria schnell.

„Sie haben sich meinen Namen gemerkt. Chapeau.“

„Natürlich habe ich das. Hieronymus, der Starke, Mutige, den Göttern geweihte.“

„Ja, das ist auffällig, finden Sie auch?“ Er wirkt tatsächlich noch kräftiger als zuletzt, trägt er doch ein graues Muscle-Shirt. Wahrscheinlich kommt er gerade vom Fitness-Studio.

„Das ist lediglich ihre Namensbedeutung.“

„Ja, ja sicherlich. Als ob ich das nicht wüsste“, sagt er grinsend und versucht Maria zur selben Emotion zu geleiten. Erfolglos.

„Also ich meine...“

„OK. Ich bin so weit!“ Ulrich trabt aus seiner Wohnung, ein jeder Schritt so leicht wie Federn, da sieht er Maria mit Hieronymus, spürt kalten Wind, Gegenwind.

„Was meinten Sie?“, fragt Maria ihr muskulöses Gegenüber und der Wind wird warm, wird sanft.

„Ach egal“, wirft der selbsternannte Hero in den Raum und hebt die Hand, ohne einen deutlich erkennbaren Abnehmer für seine Verabschiedung zu haben.

„Auf Wiedersehen.“

„Das war... Seltsam“, meint Ulrich leise zu Maria, als Hieronymus gegangen war.

„Ja“, antwortet sie lakonisch und greift nach dem geflochtenen Korb, der in ihrem Flur wartet. „Dieser Hero, wie er sich nennt, ist irgendwie ein Unsympath.“

Endlich, endlich. Mehr möchte Ulrich gar nicht hören.

„Sehr richtig, also auf geht’s“, prescht er voran, geht langsam los, führt Maria glücklich an.

„Danke vielmals, dass du mich begleitest. Oh entschuldige. Darf ich überhaupt `Du` sagen?“, fragt Maria.

„Selbstverständlich. Ach, nichts zu danken, ich kauf ja auch gleich ein. Und... Und ich begleite dich natürlich gern, also nicht nur weil ich auch selbst einkaufen möchte.“

„Schön.“

Schritt für Schritt. Beide schreiten nebeneinander nach unten. Ulrich hat die Hände in den Taschen seiner dunklen Hose, denkt nach worüber er mit Maria sprechen könnte, da taucht Bernd vor ihnen auf. Lang, etwa einen Meter Neunzig groß, steht er auf einmal vor ihnen und wackelt mit dem Unterkiefer. Bernd lächelt Maria ganz kurz, aber gespielt an und versucht sich daraufhin an ihr vorbei zu schieben. Er möchte nichts sagen, doch das muss er in diesem Fall auch nicht. Ulrich ergreift die Initiative, versucht sich in Szene zu setzen.

„Maria. Das ist Bernd. Er wohnt über dir.“

Bernd dreht sich erschrocken um. Speichel glitzert auf seiner Unterlippe und der starre, beinahe leblose Blick wandert von Ulrich über sein Sakko bis zu Maria und deren freundliches, warmherziges Lächeln.

„Hallo. Ich bin Maria.“ Sie streckt Bernd ihre Hand entgegen und er schüttelt zögerlich, schüttelt sanft.

Ganz im Gegensatz zu Hieronymus. Als er eben hörte, wie Ulrich laut Bernds Namen betonte schleuderte er sich von seiner eben aufgesperrten Wohnungstüre ans Treppengeländer und spähte wie ein hungriger Kauz nach unten.

„Tatsächlich. Da steht er“, presst er leise aus seiner Kehle hervor und rennt in seine Wohnung. Auf dem Küchentisch liegt noch der aufgerissene Karton des Pakets, das er gestern erhielt. Und in dem Karton befindet sich noch das dicke, schwere Buch, über dessen Erwerb er sich so gefreut hatte. Der übliche Geruch dieser Pakete, der Duft des Neuen, liegt noch im Raum.

Es riecht das Fremdwörterbuch.

Und Fremdwörter, das sind Hieronymus´ Ansicht nach der Schlüssel zu eben jener Welt, deren neuester Bestandteil ausgerechnet er selbst sein will.

Wild blättert er durch wahllose Seiten.

„Ka... Kakophonie. Laute und Geräusche, die in Musik oder Literatur besonders hart, unangenehm oder unästhetisch klingen. Ja!“

Er blättert durch die ersten Seiten.

„Animosität. Feindseligkeit.“

Und auch der Schluss scheint es ihm angetan zu haben.

„Viril. Virilismus. Männliche Geschlechtsreife.“

Hieronymus hört Bernd. Er muss schon an seiner Tür sein. Sofort springt er in die Höhe und läuft aus seiner Wohnung. Laute Schritte als Prophezeiung.

„Ah. Du schon wieder! Wenn ich nur einmal meine vier Wände verlassen könnte, ohne auf die kränklich anmutende Kakophonie dieses Hauses treffen zu müssen.“

Bernds Hände zittern, sind kalt und aus seinem Gesicht rinnt die Kraft ins Nichts, als Hieronymus Worte über ihn herfallen, so grausam, erbarmungslos über ihn herfallen.

„Wie eine Wachsfigur über den Kerzen der Animositäten. Deine Fresse zerläuft ja förmlich. Oh, sieh dich nur an, man sollte dich sedieren.“ Hieronymus kennt das Fremdwort von einer Schwester aus dem Seniorenheim. Wäre Bernd diese Tatsache bewusst, er könnte sogar den kindlichen Stolz in Hieronymus Gesicht erkennen.

„Und falls du noch länger farblos pulsierst: Gib Bescheid wenn du vom Virilismus überfallen wirst“, sagt Hieronymus kichernd.

„Zwar bin ich eine Jungfrau dieser, doch kein viril verfehlter Spießer!“ Die Worte spien aus Bernd wie Feuerzungen. Ganz plötzlich und die Überraschung meißelt sich nicht nur in Hieronymus Gesicht, in dem just keine Beleidigung mehr wagt geboren zu werden.

Wieso trotzte ihm nun auch sein verrückter Nachbar?

Bernd, wo ist Bernd?

Bernd floh in seine Wohnung, schlug die Türe fest zu, ließ die Rollläden nach unten aufs Fensterbrett schnellen und sitzt nun in dem Lichtkegel seiner Deckenbeleuchtung, mitten auf dem Boden. Der Rücken am harten Holz der Türe angelehnt, den Kopf gesenkt und die Qualen der letzten vierzig Jahre wiederkehrend an ihre Quelle lassend.

Es ist dieses gedemütigte Dasein, das sich langsam einspielt. Und wenn ein einsamer Mann immer wieder in seiner traurigen Sauce badet, bildet er einen ganz besonderen Geschmack.

Bernds Geschmack konnte man lesen.

Er steht auf. Ihm ist etwas in den Sinn gekommen. Wörter kreieren Zeilen, die abstrakt im Bezug zu seiner Gefühlslage stehen können. Können.

Der Computer ist an. Schon schreibt Bernd, nimmt Fahrt auf und wirft den literarischen Katalysator an.

„Nebel, dichter Nebel. Man kann gar nichts sehen.

Jeder Tropfen einsam am lautlosen Vergehen.

Ach, sie stehen nur im Weg.

Weg! Fort!

Bis der Liebe Wärme brät,

was nervend dort gewesen.

Und auch der meine Körper, dieser.

Klebt am Kern, am einsam Spießer.

Einsamkeit, die nie verblüht.

Einsamkeit. Weil sie berührt.

Ist sie meine Farbmutter.“

Und während aus Bernds gepeinigter Seele immer mehr Wörter in den von dicken Socken umringten Rechner fließen, sind es die augenscheinlich wahren Wassertropfen, die draußen vom Himmel fallen. Sie klopfen laut auf das Dachfenster in seiner Wohnung, teilen sich auf und laufen allesamt hinab in die Kupferrinne. Ein paar bleiben hier und da im Moos hängen, aber die meisten bahnen sich den Weg zum Fallrohr, das direkt im Erdboden verschwindet. Nur ein Tropfen findet schon eher nach draußen.

Nur Einer.

An der Verbindungsstelle zweier Kupferrohre ist ein winziges Leck. Der Regentropfen, er rinnt bis dato nur am Rand, krallt sich fest und tritt aus der Leitung. Gefühlvoll sitzt er da, genau auf Höhe des Küchenfensters Erich Einwegs, und beobachtet.