Gossip Girl 5 - Cecily Ziegesar - E-Book

Gossip Girl 5 E-Book

Cecily Ziegesar

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5,99 €

Beschreibung

Wie es euch gefällt! Band 5 der Kultserie.

Als Jungfrau zur Uni? Das geht auf keinen Fall, findet Blair. Kurz entschlossen begleitet sie Serena zum Skiurlaub ins Wintersport-Mekka Sun Valley. Vielleicht ist ja Serenas süßer Bruder Erik die ideale Besetzung für die erste Liebesnacht? Auch Nate und Georgie verschlägt es nach Sun Valley. Doch Georgie verbringt ihre Nächte lieber mit der holländischen Snowboard-Nationalmannschaft als mit Nate. Der sucht Trost bei Serena …

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Seitenzahl: 271

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Cecily von Ziegesar

NOCH NICHT FERTIG!!!

Aus dem Amerikanischen von Katarina Ganslandt

DIE AUTORIN

Cecily von Ziegesar weiß genau, wovon sie schreibt. Wie ihre Figuren besuchte sie eine Elite-Schule der New Yorker Oberschicht und gehörte zum Kreise der Erlauchten. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Brooklyn.

DIE AUTORIN

Foto: © Roger Hagadone

Weitere Informationen zu Gossip Girl unter

www.gossipgirl.de

cbt - C. Bertelsmann Taschenbuch Der Taschenbuchverlag für Jugendliche Verlagsgruppe Random House

1. Auflage Erstmals als cbt Taschenbuch Januar 2009 Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform © 2004 für den Originaltext Alloy Entertainment © 2005 für die deutschsprachige Ausgabe cbj Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten Die amerikanische Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel »You’re the one that I want« bei Little, Brown and Company, New York Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen. Übersetzung: Katarina Ganslandt Lektorat: Stefanie Rahnfeld st · Herstellung: ReD Satz: Uhl+Massopust, Aalen E-Book-Umsetzung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN 978-3-641-04108-3www.cbt-jugendbuch.de

gossipgirl.net

erklärung: sämtliche namen und bezeichnungen von personen, orten und veranstaltungen wurden geändert bzw. abgekürzt, um unschuldige zu schützen. mit anderen worten: mich.

ihr lieben!

danke, dass ihr letzte woche alle auf meiner party wart! ich hätte mich schon früher gemeldet, hab aber - um ehrlich zu sein - bis heute gebraucht, um zu genesen. schon klar, eswarziemlicher irrsinn, an einem montag zu feiern, aber ihr müsst zugeben, dass die woche danach nur so an uns vorbeirauschte, oder?! bestimmt rätselt ihr immer noch, ob ich die superschlanke blondine in den smaragdgrünen jimmy choos war oder der smarte schwarze zweimetertyp mit den safirblauen künstlichen wimpern. echt süß, dass ihr mir alle was geschenkt habt, obwohl ihr gar nicht wusstet, wer ich war! 1000 dank (besonders für den knuddeligen karamellbraunen pudelwelpen). wisst ihr, ich finde es irgendwie ziemlich schick, ein internationales mysterium zu sein, und habe beschlossen, meine identität weiterhin geheim zu halten. hart, ich weiß, aber betrachtet es einfach als auflockerung der endlos langen wartezeit, bis wir erfahren, ob und wo wir studieren dürfen. ein kollektives ratespiel zur ablenkung vom stress und von der tristesse dieser quälenden märzwochen.nicht dass wir ablenkung wirklich nötig hätten. wir haben spielsachen genug: coole edelklamotten, extrem geräumige luxuswohnungen auf der upper east side samt personal, diverse landsitze und ferienhäuser, einen unerschöpflichen kreditrahmen, glitzernde brillis, schnelle autos (obwohl die meisten von uns noch nicht mal alt genug sind, um den führerschein zu haben) und eltern, die uns hingebungsvoll lieben und uns die totale freiheit lassen, solange wir die weiße weste der familie nicht beflecken. außerdem haben wir ja bald auch osterferien - im klartext: unmengen von freizeit, um uns zuverausgaben.

gesichtet

S,wie sie diemadison avenueentlangwanderte und sich auf den wunderschönen werbepostern für das neueles-best-parfüm »serena's tears« selbst schnurrbärte ins gesicht malte.Bbeisigerson morrisonauf derprince street, wo sie ihrem schuhfetisch huldigte.N, der eine prall gefüllte plastiktüte voll jointpapers, bongs, kawumms, bowls und feuerzeugen in einen mülleimer auf der 86. straße stopfte.D, spätnachts an der u-bahnstation 72. straße und broadway provokativ gegen das rauchverbot verstoßend in der hoffnung, vom sicherheitspersonal festgenommen zu werden, um so an verzweifelt benötigtes material für gedichte zu kommen.Jmit ihrer neuen besten freundinEund ihrem schatzLin den szenegalerien von chelsea - sapperlot, ganz schön kulturversessen, diese neuntklässler von heute. oder stopp mal, istervielleicht sogar schon in der zehnten? weiß eigentlich irgendwer irgendwas über diesen typen?? außerdem:Vund ihre rockstar-schwester in w-burg, wo sie mehrere müllsäcke vors haus stellten. frühjahrsputz? oder etwaDs leiche… in einzelteile zerhackt? urgh! sorry, das war jetzt leicht eklig.

eure mails

hey, gossipgirl,

wird langsam frustrierend, dein geheimes getue. dabei fänd ich's schon kuhl, dich x zu treffen. hey, oder hab ich das am ND schon längst?! 1 steht ja 2felsfrei fest: du gehst auf die constance-billard und bist in der 12., stimmt's?

neu+gierig

hallo, neu+gierig,

wenn du denkst, ich würde dir jetzt meine adresse sagen oder auch nur verraten, in welcher klasse ich bin, hast du dich geschnitten. falls du zur jeunesse dorée gehörst und auf meine party eingeladen warst, hattest du ja gelegenheit, mich zu sehen - obwohl ich natürlich die meiste zeit so dicht von meinem… gefolge umringt war, dass es schwierig war, einen blick auf mich zu erhaschen. aber bewahr dir ruhig deine wissbegierde, vielleicht entlarvst du mich ja irgendwann.

gg

hallo, tratschgirl,

ich kann für dich nur hoffen, dass du echt geil aussiehst, ansonsten wird es nämlich hammerpeinlichfür dich, wenn mal rauskommt, wer du in wirklichkeit bist. dann heißt es nämlich, du wärst bloß eineneidische hässliche tusse.

gute ratgeberin

liebe ratgeberin, du wirst erst dann wissen, was »echt geil« aussehen überhaupt bedeutet, wenn du mir begegnest – also aller wahrscheinlichkeit nach nie. gg

jetzt wird platz geschaffen für neues

»Auf welche Insel fahren wir eigentlich?«, fragte Blair Waldorf ihre Mutter. Eleanor Waldorf Rose saß auf der Kante von Blairs Bett und sah zu, wie ihre Tochter sich für die Schule fertig machte, während sie die bevorstehenden Osterferien besprachen.

»Nach Oahu, Liebes. Hatte ich das nicht erzählt? Da gibt es so ein Resort an der Nordküste - die Jungs möchten gern Wellenreiten lernen.« Eleanor legte zärtlich beide Hände auf ihren nun beinahe schon sieben Monate dicken Babybauch und sah sich mit angestrengt gerunzelter Stirn in dem perlmuttweiß gestrichenen Raum um, als versuche sie, mittels Gedankenübertragung die Lieblingswandfarbe ihrer ungeborenen Tochter zu erfahren. Die Geburt war für Juni ausgerechnet, also kurz bevor Blair ohnehin ins Studentenheim umsiedeln würde, und Mrs Waldorf war gleich mit ihrer Innenarchitektin verabredet, um die Verwandlung des Zimmers in ein Kleinmädchenparadies zu planen.

»Oahu!« Blair stöhnte gequält auf. »Das kenn ich doch schon!« Sie wusste zwar seit Wochen, dass die Familie inHawaii Urlaub machen würde, hatte bisher aber nie gefragt, auf welcher der Inseln. Mit einem gereizten Fußtritt knallte sie die Schublade ihrer Mahagoni-Wäschekommode zu und warf einen letzten prüfenden Blick in den großen Spiegel an der Tür ihres Wandschranks. Ihre streichholzkurzen dunkelbraunen Haare waren kunstvoll zerzaust, der V-Ausschnitt ihres weißen Kaschmirpullis reichte tief genug, um den Busenansatz erahnen zu lassen (aber nicht so tief, dass sie Gefahr lief, wegen unzüchtiger Schlampen-Aufmachung von der Schulleiterin Mrs M nach Hause geschickt zu werden), und die neuen türkisgrünen Slipper von Sigerson Morrison sahen auf nackter Haut so sensationell aus, dass sie beschlossen hatte, keine Strumpfhose anzuziehen, obwohl es für März reichlich frostig war und sie sich totfrieren würde. »Ich will irgendwohin, wo ich nochniewar«, quengelte sie und spitzte vor dem Spiegel die Lippen, um eine zweite Lage Chanel-Lipgloss aufzutragen.

»Das verstehe ich ja, Zuckerkind.« Ihre Mutter rutschte von der Bettkante und kauerte sich hin, um eine besonders lebensgefährlich aussehende Steckdose in der Fußleiste am Fenster zu inspizieren. Sobald das Zimmer fertig eingerichtet war, würde sie jemanden kommen lassen müssen, um das gesamte Penthouse kindersicher zu machen. »Aber an der Nordküste von Oahu warst du doch auch noch nie. Aaron hat gesagt, das sei das beste Surfrevier der Welt.«

Zu Blairs Leidwesen hatte ihre Mutter heute eine fleischfarbene Samt-Jogginghose an, auf deren Hinterteil das Prädikat »Juicy« gedruckt war.

Wow. Gibt es noch eine Steigerung vontotal daneben?!

»Und was ist mit mir?« Blair zerrte ihre hellblaue, mit Schaffell besetzte Dior-Satteltasche aus dem Schrank undstopfte ihre Schulsachen hinein. »Erst werde ich aus meinem Zimmer geschmissen, und jetzt darf ich noch nicht mal mehr mitentscheiden, wo wir Ferien machen.«

»Die Jungs sitzen gerade am Computer und bestellen ihre Surfausrüstung. Geh doch mal zu Aaron rüber und such dir auch was Schönes aus«, schlug ihre Mutter zerstreut vor. Sie krabbelte jetzt auf allen vieren durch den Raum, um ihn aus Kleinkindperspektive nach versteckten Todesfallen abzusuchen. »Erst hatte ich ja an ein zartes Apricot für die Wände gedacht, weißt du? Mädchenhaft, aber wiederum nichtzurosa… Jetzt frage ich mich, ob Gelbgrün nicht frischer aussähe. Endivie vielleicht…«

Okay. Blair hatte genug. Sie wollte nicht an die Nordküste von Oahu, wollte kein Surfzubehör kaufen, wollte nicht über die Farbe des dämlichen Kinderzimmers diskutieren, und vor allem wollte sie keine Sekunde länger das »Juicy« auf dem ausladenden, schwangeren Hinterteil ihrer Mutter betrachten müssen. Mit einem abschließenden Spritzer ihres Lieblingsparfüms von Marc Jacobs machte sie sich ohne ein Wort des Abschieds auf den Weg zur Schule.

»Hey, Blair! Komm mal kurz her!«, rief ihr siebzehnjähriger Stiefbruder, als sie an seinem Zimmer vorbeirauschte.

Blair blieb stehen und steckte den Kopf zur Tür hinein. Aaron und ihr zwölfjähriger Bruder Tyler teilten sich - stiefbrüderlich - Aarons naturfasergepolsterten Schreibtischstuhl und orderten auf Cyrus' Kreditkarte online ihr Surf-Equipment. Da Tyler sich seit neuestem wie Aaron Dreadlocks wachsen ließ und deshalb seine Haare nicht mehr bürstete, sahen sie aus, als wären sie von irgendeinem ekelhaften Haarpilz befallen. Blair schaute sich angewidert um. Nicht zu fassen, dass sie schon bald aus ihrem Zimmer ausziehen und dann bis zum Semesterbeginn hierhausen musste. Aarons Bett mit der bioschurwollenen Tagesdecke war genauso wie der mit Hanfmatten ausgelegte Boden mit alten Reggae-LPs, leeren Bierflaschen und versifften Klamotten übersät, und in der Luft hing der Gestank von Kräuterzigaretten und diesen ekelhaften Soja-Hotdogs, die Aaron ständig -roh -in sich hineinfraß.

»Sag mir mal schnell deine Größe«, sagte Aaron. »Dann bestell ich dir auch gleich ein Wetshirt mit, damit du dir am Surfboard nicht die Haut aufscheuerst.«

»Da gibt's echt voll die geilen Farben«, krähte Tyler begeistert. »Neongrün und so.«

Also bitte! Als würde Blair freiwillig etwas Neongrünes anziehen, geschweige denn ein neongrünes Wetshirt!

Eine Mischung aus Grauen und betäubendem Lebens-schmerz überfiel sie und ihre Unterlippe begann zu zittern. Es war erst Viertel vor acht und schon war ihr zum Heulen zumute.

»Ich hab sie gefunden!«, drang Cyrus' triumphierende Trompetenstimme an ihr Ohr. Mit nichts am Leib als einem gefährlich locker gebundenen rotseidenen Kimono kam ihr unansehnlicher Stiefvater aus dem Elternschlafzimmer auf sie zugewatschelt. Sein stacheliger grauer Schnurrbart sah ungepflegt aus und sein rotes Gesicht glänzte ölig. Er winkte mit einer zeltartigen, leuchtend orangefarbenen Badehose. Auf dem Orange tummelten sich blaue Fischlein, und eigentlich hätte die Hose sogar ganz süß aussehen können - an jedemaußerCyrus. »Meine Lieblingsbadehose!«, strahlte er. »Die Jungs bestellen mir ein passendes Shirt dazu.«

Die Vorstellung, Cyrus die ganzen Osterferien lang dabei zuzusehen, wie er sich in signalfarbener Badehose und passendem Wetshirt auf einem Surfboard lächerlich machte, ließ bei Blair endgültig alle Dämme brechen. Sieschleppte sich tränenblind durch den Flur in die Eingangshalle, riss ihren Mantel aus der Garderobe und hastete davon, um sich mit ihrer besten Freundin zu treffen. Hoffentlich schaffte es Serena, sie aufzumuntern.Irgendwie.

Hmm, klar. Wunder gibt es immer wieder.

jetzt zieht zusammen, was zusammengehört

Serena van der Woodsen schlürfte ihren Latte Macchiato und blinzelte von ihrem Aussichtsplatz auf der Freitreppe vor dem Metropolitan Museum of Art aus missmutig auf die Fifth Avenue hinunter. Ihre üppige blassblonde Haarpracht ergoss sich über die Kapuze ihres gegürteten weißen Kaschmir-Strickmantels bis auf die Schultern. Da! Da war schon wieder eins. Ein Werbeplakat für »Serena's Tears«. Es klebte am M102-Bus. An dem Foto selbst hatte Serena nichts auszusetzen. Es gefiel ihr, wie das gelbe Sommerkleid ihre St.-Barts-gebräunten Knie umflatterte und dass die Gänsehaut auf ihren Armen und Beinen sorgfältig wegretuschiert worden war (sie hatte im kalten Central-Park-Februarwind nur das dünne Kleid und Sandaletten angehabt). Es gefiel ihr sogar, dass ihre perfekten vollen Lippen fast ungeschminkt gewesen waren, weshalb sie jetzt auf dem Foto leicht aufgesprungen und entzündet wirkten. Was ihr nicht gefiel, waren die Tränen in ihren großen meerblauen Augen. Natürlich hatten genau diese Tränen Les Best dazu inspiriert, sein neues Parfüm »Serena's Tears« zu taufen, aber Serena hatte sie geweint, weilAaron Rose (in den sie - da war sie sich ziemlich sicher - zumindest eine Woche lang sehr verliebt gewesen war) genau an diesem Tag, nein, genau in diesem Moment mit ihr Schluss gemacht hatte. Und was ihr so zusetzte, dass es ihr fast aufs Neue die Tränen in die Augen trieb, war die Erkenntnis, dass sie jetzt niemanden mehr hatte, den sie lieben konnte, und niemanden, dersieliebte.

Nicht dass sie nicht fast jeden süßen Jungen lieben würde, den sie je kennen gelernt hatte, und nicht dass sie nicht weltweit von jedem Jungen geliebt worden wäre. Serena nicht zu lieben, war unmöglich. Aber sie wollte jemanden, der sie so mit Aufmerksamkeit überschüttete, wie es nur jemand kann, der mit Haut und Haaren liebt. Sie sehnte sich nach dieser seltenen Abart der Liebe, derwahrenLiebe. Nach der Art von Liebe, die sie nie erlebt hatte.

Für ihre Verhältnisse ungewöhnlich melancholisch und düster gestimmt, zog sie eine Gauloise aus ihrer zerknautschten schwarzen Kordtasche von Cacharel und zündete sie an, bloß um sie langsam verglimmen zu sehen.

»Meine Stimmung passt zu dem Scheißwetter«, murmelte sie, aber als sie ihre beste Freundin Blair Waldorf die Treppe hinaufkommen sah, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Serena griff nach dem zweiten Latte, den sie mitgebracht hatte, stand auf und hielt Blair den Becher hin. »Coole Schuhe«, bewunderte sie Blairs Neuerwerbung.

»Ich leih sie dir gern mal«, sagte Blair großzügig. »Aber wenn du Flecken draufmachst, bist du tot.« Sie zupfte an Serenas Ärmel. »Los! Sonst kommen wir zu spät.«

Die beiden Mädchen gingen langsam zur Fifth Avenue hinunter und machten sich auf den Schulweg. Den Kaffee tranken sie im Gehen. Der eisige Wind, der durch die nackten Äste der Bäume im Central Park fuhr, ließ sie erschauern.

»Scheiße, ist das kalt«, presste Blair zwischen den Zähnen hervor. Sie steckte ihre freie Hand in die Tasche von Serenas weißem Kaschmirmantel, wie es nur beste Freundinnen dürfen. Dann brach es aus ihr heraus. »Echt, ich kann dir sagen…« Ihre Tränen hatte sie mittlerweile unter Kontrolle, aber ihre Stimme zitterte immer noch leicht. »Es reicht noch nicht, dass sich meine Mutter die ganze Zeit die Eierstöcke streichelt, nein, heute kommt auch noch so eine Dekoschlampe zu uns, diemeinZimmer in eine Art Baby-Wunderland verwandeln soll, und das Ganze auch noch in Endivienscheißarschgrün!«

Plötzlich empfand Serena ihre Sehnsucht nach wahrer Liebe als banal.IhrVater hatte sich nicht als schwul geoutet, ihre Eltern waren nicht geschieden, ihre nicht-mehrganz-taufrische Mutter erwartete kein Baby, ihr Stiefbruder hatte sich nicht erst an sie und dann an ihre beste Freundin rangemacht und dann beide abserviert, und sie wurde auch nicht gezwungen, aus ihrem Zimmer auszuziehen. Und dabei war das noch nicht einmal alles.Siewar im fortgeschrittenen Alter von siebzehn Jahren keine Jungfrau mehr, hatte beim Auswahlgespräch in Yale nicht den Dozenten geküsst und anschließend auch nicht um ein Haar ihre Unschuld an den Mann verloren, der das zweite Auswahlgespräch mit ihr geführt hatte, und sich damit auch noch die allerletzte Chance auf einen Studienplatz in Yale versaut. Nein - wenn sie ihr eigenes Leben ganz nüchtern betrachtete und mit dem von Blair verglich, war bei ihr alles im pfirsichrosa Bereich.

»Aber du darfst dafür in Aarons Zimmer ziehen, oder? Das ist doch gerade erst für ihn neu renoviert worden - und ziemlich schön.«

»Klar, wenn du auf Hanfteppiche und Biomöbel aus Ginkoblättern stehst«, sagte Blair gehässig. »Und außerdem«, setzte sie hinzu, »ist Aaron ein Idiot. Dass wir in den Osterferien nach Oahu fliegen, war seine Kackidee.«

Serena fand die Idee nicht so kacke, aber Blair war schlecht drauf, und sie hatte keine Lust, ihr zu widersprechen und zu riskieren, die Augen ausgekratzt zu bekommen. Die beiden Mädchen überquerten bei Rot die 86. Straße und wären fast übereinander gestolpert, weil sie losrennen mussten, um nicht von einem Taxi niedergemäht zu werden. Auf der anderen Straßenseite blieb Serena atemlos stehen. Ihre blauen Augen glänzten. »Hey! Zieh doch einfach zu uns!«

Blair kauerte sich hin und umschlang bibbernd ihre nackten Waden. »Können wirbitteweitergehen?«

»Du kannst in Eriks Zimmer wohnen!«, sagte Serena. »Und du fliegst auch nicht nach Oahu, sondern kommst mit uns nach Sun Valley zum Skifahren.«

Blair richtete sich wieder auf, pustete auf ihren Kaffee und sah ihre Freundin mit zusammengekniffenen Augen durch den aufsteigenden Dampf an. Als Serena vor einiger Zeit aus dem Internat nach New York zurückgekommen war, hatte Blair sie aus tiefster Seele gehasst, aber immer wieder gab es Momente, in denen sie sie über alles liebte. Sie trank noch einen Schluck und warf den halb leeren Pappbecher in den nächsten Mülleimer. »Hilfst du mir nach der Schule beim Packen?«

Serena hakte sich bei Blair unter und hauchte ihr ins Ohr: »Du weißtgenau, dass du mich liebst.«

Blair lächelte. Sie legte ihren sorgenschweren Kopf auf Serenas Schulter und die beiden Mädchen bogen nach rechts in die Neunundneunzigste ein. Nach wenigen hundert Metern tauchten auch schon die hohen königsblauen Türen der Constance-Billard-Schule vor ihnen auf. Mädchen mit Pferdeschwänzen und in Schuluniform standen dicht gedrängt vor dem Portal und plapperten aufgeregt miteinander, als sie die berühmt-berüchtigten Zwölftklässlerinnen von weitem sahen.

»Serena hat nach der Parfümwerbung einen Mega-Modelvertrag angeboten bekommen, hab ich gehört. Sie will jetzt auch ihr Kind aus Frankreich holen. Sie hat doch letztes Jahr in den Ferien in Frankreich eins gekriegt, bevor sie zurückgekommen ist. Die Supermodels haben jetzt ja alle Babys«, sagte Rain Hoffstetter.

»Sie und Blair wollen gar nicht mehr studieren, sondern nehmen sich eine Wohnung und ziehen das Kind gemeinsam auf. Blair hat geschworen, niemals Sex mit Männern zu haben… na ja, und Serena hat so viel rumgepoppt, das reicht für ein ganzes Leben. Ich meine, schaut sie euch doch mal an«, zischte Laura Salmon. »Lesbischer geht's ja wohl nicht.«

»Die beiden kommen sich jetzt sicher ganz toll vor, wetten? Frauenpower und ›wir halten zusammen‹ und so«, lästerte Isabel Coates.

»Ja, aber wenn ihre Eltern nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen, kommen sie sich bestimmt nicht mehr so toll vor«, warf Kati Farkas ein. Da ertönte das erste Klingeln und die Mädchen mussten in ihre Klassenzimmer.

»Hey!«, grüßten Serena und Blair auf ihrem Weg ins Gebäude.

»Coole Schuhe!«, riefen Rain, Laura, Isabel und Kati wie aus einem Mund. Dabei hatte nur Blair neue Schuhe an. Serena lief seit Oktober praktisch jeden Tag in denselben abgerockten, alten Schnürstiefeln aus braunem Wildleder herum. Blair hatte grundsätzlich die allertollsten Schuhe und die allertollsten Designerteile und Serena sah grundsätzlich sagenhaft aus - selbst in ihren verschlissenen Internatsklamotten mit Brandlöchern. Was nur ein weiterer Grund war, die zwei zu hassen - oder zu lieben -, je nachdem, wer man war und wie man drauf war.

merke:drogenfrei≠sorgenfrei

»Den krieg ich!« Nate Archibald wirbelte seinen Lacrosse-Schläger über den Kopf, fing den Ball ab und passte ihn gekonnt zu Jeremy Scott Tompkinson rüber. Seine geröteten Wangen waren mit Matsch beschmiert und in seinen verschwitzten honigbraunen Locken hingen vertrocknete Central-Park-Grashalme. Kurz gesagt: Er sah heißer aus als das heißeste männliche Model im gesamten Abercrombie & Fitch-Katalog. Als er sein Trikot hochzog, um sich den Schweiß aus den grün glitzernden Augen zu wischen, ließen selbst die auf den Bäumen dösenden Tauben ein verzücktes Gurren hören. Die Elftklässlerinnen der Seaton-Arms-Schule, die von der Seitenlinie aus zuschauten, kicherten erregt.

»Boah, guckt ihn euch an!«, stöhnte eines der Mädchen. »Der hat im Knast wahrscheinlich nur Sport gemacht.«

»Ich hab gehört, wenn er mit der Schule fertig ist, schicken ihn seine Eltern nach Alaska, wo er in einer Fischkonservenfabrik arbeiten muss«, sagte ihre Freundin. »Die haben Angst, dass er wieder anfängt zu dealen, wenn er an die Uni geht.«

»Mir hat jemand erzählt, dass er eine ganz seltene Herzkrankheit hat. Wenn er nicht regelmäßig kifft, würde er sofort einen Herzinfarkt kriegen«, sagte eine Dritte. »Irgendwie ganz schön praktisch.«

Als Nate nichts ahnend in ihre Richtung lächelte, kniffen alle Mädels gleichzeitig die Augen zu, um nicht ohnmächtig umzukippen.Gott, er war so was von vollkommen!

Die Saison hatte gerade erst begonnen, und es war noch kein Mannschaftskapitän bestimmt worden, weshalb sich die Jungs mächtig ins Zeug legten. Nach dem Spiel ließ Coach Michaels sie noch eine Weile im freien Training Pässe üben. Nate hatte den Ball gerade seinem Freund Anthony Avuldsen zugespielt, als in dem am Spielfeldrand liegenden Jackenhaufen sein Handy klingelte. Er gab Anthony ein Zeichen und sprintete los.

Seine neue Freundin Georgina Sparks, mit der er seit ein paar Wochen zusammen war, wohnte derzeit in einer exklusiven Entzugsklinik in ihrer Heimatstadt Greenwich in Connecticut und durfte nur zu bestimmten Tageszeiten und unter Aufsicht telefonieren. Als sie Nate kürzlich nicht hatte erreichen können, hatte sie aus lauter Verzweiflung einen akuten Rückfall erlitten und war Nicorette-Kaugummis kauend und Nagellackentferner schnüffelnd auf dem Klinikdach gefunden worden. Beides hatte sie einer Pflegerin aus der Tasche geklaut.

»Du bist ja total außer Atem«, säuselte Georgie kokett. »Hast du etwa gerade an mich gedacht?«

»Wir haben Lacrosse-Training«, erklärte Nate. Einen knappen Meter neben ihm spuckte Coach Michaels geräuschvoll ins Gras. »Aber ich glaub, wir machen jetzt sowieso gleich Schluss. Bei dir alles okay?«

Wie üblich überging Georgie diese Frage. »Ich find es echt geil, dass du so sportlich und so gesund und unvergiftet bist, während ich hier im Kerker festsitze und michnach dir verzehre. Genau wie eine Prinzessin im Märchen.«

Na ja, vielleicht nicht ganz genau.

Ein paar Wochen zuvor war Nate bei dem Versuch, im Central Park ein Tütchen Gras zu kaufen, festgenommen und zur ambulanten Drogentherapie in die Breakaway-Klinik nach Greenwich geschickt worden, wo er Georgie kennen gelernt hatte. Als eines Abends sämtliche Züge nach New York durch einen heftigen Schneesturm lahm gelegt worden waren, hatte sie ihn in ihre herrschaftliche Villa eingeladen. Sie hatten etwas geraucht und dann war Georgie irgendwann ins Bad verschwunden und hatte dort irgendwelche rezeptpflichtigen Pillen eingeworfen. Ziemlich bald danach war sie halb nackt auf dem Bett ohnmächtig geworden, und Nate hatte nichts anderes tun können, als sie in die Klinik einliefern zu lassen. Seitdem waren die beiden ein Paar.

Also ein ziemlich kaputtes Märchen, wenn es denn eines wäre.

»Du, weshalb ich anrufe…«, lispelte Georgie.

Mittlerweile hatten sich die anderen Spieler um Nate geschart, zogen ihre Jacken an und tranken gierig aus den mitgebrachten Gatoradeflaschen. Das Training war beendet. Der Coach spuckte einen Schleimbatzen dicht neben Nates Turnschuhspitze und richtete einen knotigen Zeigefinger auf ihn.

»Ich muss Schluss machen«, raunte Nate ins Handy. »Ich hab so ein Gefühl, dass der Coach mich zum Mannschaftskapitän ernennen will.«

»Kapitän Nate!« Georgie war hingerissen. »Mein süßer kleiner Käpt'n!«

»Ich ruf dich nachher an, okay?«

»Warte, warte, warte! Ich muss dir noch was sagen. Ich hab meine Mutter dazu gebracht, diese Affen hier zu überreden, mich schon nächsten Samstag rauszulassen. Wenn jemand Volljähriges auf mich aufpasst, darf ich mich frei bewegen. Das heißt, wir können in den Osterferien nach Sun Valley in Moms Chalet fahren. Du bist doch dabei, oder?«

Coach Michaels knurrte irgendetwas Ungeduldiges in Nates Richtung und stemmte beide Hände in seine Altmännerhüften. Aber Nate musste ohnehin nicht lang über Georgies Angebot nachdenken. Sun Valley war verdammt viel besser, als im Ferienhaus seiner Familie auf Mount Desert in Maine den alten Katamaran seines Vaters aufzuarbeiten.

»Klar bin ich dabei. Auf jeden Fall. Aber ich muss jetzt echt Schluss machen.«

»Jippieee!«, jubelte Georgie und fügte noch ein kehliges »Ich liebe dich« hinzu, bevor sie auflegte.

Nate warf das Handy auf seinen marineblauen HugoBoss-Mantel und rieb sich tatendurstig die Hände. Seine Mannschaftskameraden hatten sich alle schon verabschiedet. »Was gibt's, Coach?«

Coach Michaels trat kopfschüttelnd einen Schritt auf ihn zu und saugte dabei geräuschvoll weiteren Schleim aus den Nasennebenhöhlen.

Mhm, lecker.

»Als Doherty letztes Jahr das Knie zerfetzt wurde, hätte ich dich beinahe zum Kapitän gemacht«, verkündete er. Er spuckte aus und schüttelte wieder den Kopf. »Gut, dass ich's nicht gemacht hab.«

Oh-oh.

Nates siegessicheres Lächeln bekam erste Risse. »Wieso denn das?«

»Du hast nicht das Zeug zum Kapitän, Archibald!«, bellte der Coach. »Guck dich doch an. Hängst am Handy wie ein Playboy, während sich der Rest der Mannschaft aufdem Spielfeld abrackert. Und glaub ja nicht, ich wüsste nicht, dass sie dich wegen Drogen drangekriegt haben.« Er stieß ein drohendes Knurren aus. »Du hast keine Führungsqualitäten, Archibald.« Er spuckte wieder aus, kehrte Nate den Rücken zu und rammte die Hände in die Taschen seines roten Anoraks von Lands' End. »Du bist eine Niete. Eine einzige große Enttäuschung«, murmelte er im Weggehen.

»Aber ich hab doch aufgehört zu kif…«, rief Nate ihm hinterher, doch der Wind verschluckte seine Stimme. Der Himmel war stahlgrau und es knarrte und ächzte in den kahlen Baumwipfeln. Den Lacrosse-Schläger in der Hand, stand Nate allein auf dem märzbraunen Rasen und zitterte vor Kälte. Als Sohn eines ehemaligen Kapitäns der Marine war er an die profilneurotischen Ausbrüche mürrischer alternder Autoritätspersonen gewöhnt, aber es war trotzdem ziemlich heftig, dass der Coach ihn - den einzigen Nichtkiffer der ganzen Mannschaft - für einen ungeeigneten Kapitän hielt. Er hatte ihm noch nicht einmal eine Chance gegeben, sich zu verteidigen.

Nate bückte sich nach seinem Mantel. Wäre er bekifft gewesen, hätte er die Vorwürfe seines Trainers milde lächelnd abgeschüttelt und sich noch einen reingezogen. Stattdessen legte er sich den Mantel um die Schultern, zeigte dem Rücken des davongehenden Coach den Fuckfinger und schlappte über die dunkel daliegende Sheep Meadow Richtung Fifth Avenue.

Jeremy, Anthony und Charlie Dern erwarteten ihn am Ausgang. Charlie war zu sehr Dauerbreitling, um sich - vom gelegentlichen Kicken im Park mal abgesehen - groß sportlich zu betätigen, aber er holte seine Kumpels immer mit fertig gedrehten Joints und einem seligen Grinsen unter dem Wust seiner wirren braunen Locken vom Training ab.

Die vier Freunde schlurften auf die Fifth Avenue zu. »Und? Was wollte er jetzt von dir?«, fragte Jeremy mit der schleppenden Stimme, mit der er redete, wenn er dicht war - also quasi immer. »Er hat dich zum Kapitän ernannt, oder?«

Nate nahm ihm die Flasche mit dem blauen Gatorade aus der Hand und trank einen durstigen Schluck. Obwohl die Jungs seine besten Freunde waren, hatte er nicht vor, ihnen zu erzählen, was gerade passiert war. »Er hat's mir angeboten, stimmt. Aber ich hab abgelehnt. Na ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass das mit der Brown sowieso klappt, fürs Zeugnis brauch ich jetzt also keine Pluspunkte mehr. Außerdem werd ich nicht immer mitspielen können, weil ich an den Wochenenden öfter bei Georgie in Connecticut bin. Deshalb hab ich dem Coach geraten, lieber einen aus der Elften zu nehmen.«

Die drei anderen zogen überrascht und voller Hochachtung die Brauen hoch. »Boah, Alter!«, meinte Jeremy anerkennend. »Das war aber verdammt nobel von dir.«

In diesem Moment durchströmte Nate ein Glücksgefühl, als hätte er dem Coach tatsächlich gesagt, er solle an seiner Stelle einen Elftklässler zum Kapitän ernennen. Er fühlte sich so nobel, wie er sich hätte fühlenkönnen, wenn… tja, wenn sich die Sache tatsächlich so abgespielt hätte.

»Och, na ja.« Er lächelte unbehaglich und knöpfte den Mantel zu. Er hatte nicht nur bezüglich seiner Ernennung zum Kapitän gelogen, sondern auch was seine Chancen an der Brown anging. Okay, sein Vater hatte dort studiert, und das Auswahlgespräch war bestens gelaufen, aber das änderte nichts daran, dass er seit der achten Klasse bei jedem Test bis an die Schädeldecke zugeknallt gewesen war und seine Noten grade mal im unteren Mittelfeld lagen.

»Da, nimm.« Charlie hielt ihm die brennende Tüte hin. Er war anscheinend nicht imstande, sich länger als eineStunde zu merken, dass Nate mit dem Rauchen aufgehört hatte. »Aus Kuba. Hab ich von einem Cousin, der in Florida am Rollins studiert.«

Nate winkte ab. »Ich muss noch was für die Schule machen.« Er machte sich auf den Weg nach Hause. Es fiel ihm schwer, sich daran zu gewöhnen… so nüchtern zu sein. Er war so klar im Kopf, dass es fast wehtat. Und auf einmal gab es so vieles, über das ernachdenkenmusste.

Holla!

ds glas ist halb leer

Nach Unterrichtsschluss gesellte sich der einstmals verschlunzte, jetzt aber trendig gestylte und gelackte Daniel Humphrey nicht zu den anderen Jungs aus der Oberstufe, die noch vor dem Schulgebäude abhingen, Basketbälle prellten und Pizzastücke von der Fressbude Ecke 76. Straße/Broadway in sich reinstopften. Nein, er zog den Reißverschluss seiner neuen schwarzen Windjacke von APC hoch, schnürte seine Campers neu und machte sich querstadtein auf den Weg zum Plaza, wo er mit seiner Literaturagentin verabredet war.

Im prunkvollen, ganz in Gold gehaltenen Teesalon des Hotels saß die übliche Meute grellbunt gekleideter russischer Touristen, exzentrischer Großmütter und texanischer Großfamilien, die alle Einkaufstüten von FAO Schwarz oder Tiffany neben sich stehen hatten und Tee tranken. Alle außer Rusty Klein.

Mhm-ua! Mhm-ua!

Rusty pflanzte links und rechts von Dan Küsse in die Luft, als er sich zu ihr an den Tisch setzte.

»Kommt Mystery auch noch?«, fragte er hoffnungsvoll.

Rusty schlug sich mit der flachen Hand so heftig auf die Stirn, dass ihre goldenen Armreife klirrten. »Scheiße, bin ich dämlich! Hab ich ja total vergessen, dir zu sagen. Mystery ist auf Lesetournee, sechs Monate rund um die Welt. In Japan haben wir ihr Buch schon fünfhunderttausendmal verkauft.«

Dan hatte Mystery das letzte Mal auf der Open-Mike-Veranstaltung im Rivington Rover Poetry Club in Downtown gesehen, wo sie es beim Improvisationsdichten auf der Bühne praktisch öffentlich miteinander getrieben hatten. Danach hatte sich die geile gelbzahnige, gilbhäutige Dichterin zum Dichten zurückgezogen und Dan hatte sie seitdem nicht wieder gesehen.

»Aber ihr Buch ist doch noch gar nicht erschienen!«, wandte er ein.

Rusty band ihre feuerwehrrote Mähne zu einem Knäuel, das sie mit einem gespitzten HB-Bleistift feststeckte. Sie packte ihren Martini und kippte ihn auf ex, wobei sie den Glasrand mit hotpinkem Lippenstift beschmierte. »Selbst wenn es nie erscheinen würde«, erklärte sie geduldig, »ist Mystery schon jetzt ein Star.«

Der leidenschaftliche Kettenraucher Dan sehnte sich plötzlich verzweifelt nach einer Zigarette. Da im Plaza Rauchverbot herrschte, griff er stattdessen nach einer Gabel und presste ihre Zinken fest in den Ballen seiner zitternden Hand. Mystery war erst neunzehn oder zwanzig (so genau wusste Dan das nicht) und hatte es geschafft, in weniger als einer Woche einen autobiografisch gefärbten Roman mit dem Titel »Wieso ich ein leichtes Mädchen bin« abzuliefern. Noch am Tag seiner Fertigstellung hatte Rusty ihn für einen unglaublichen sechsstelligen Betrag an die Verlagsgruppe Random House verkauft. Die Verfilmung war auch schon geplant.

Rusty rutschte in ihrem Sessel vor und schob Dan ihrhalb volles Glas mit abgestandenem stillem Wasser hin, als wolle sie ihn auffordern, es zu trinken. »Übrigens hab ich ›asche, asche‹ an die North Dakota Review geschickt«, berichtete sie. »Sie fanden es grauenhaft.«

Bei »asche, asche« - Dans neuestem Werk - handelte es sich um ein Gedicht aus der Perspektive eines Mannes, der um seinen toten Hund trauert, wobei an keiner Stelle deutlich wird, ob tatsächlich der Hund gemeint ist oder womöglich irgendeine Ex-Freundin.

heute ist das erste baseballspiel der saison

und ich warte auf deinen kuss

atem, fleischig wie schokolade

meine schuhe sind noch da -

einer auf deiner decke,

wo du ihn liegen gelassen hast,

der andere auf dem rücksitz im auto

Dan schrumpfte in sich zusammen. In der Woche, in der sein Gedicht »schlampen« vom renommierten LiteraturmagazinNew Yorkerabgedruckt worden war, hatte er sich wie eine Berühmtheit gefühlt, unantastbar. Jetzt kam er sich vor wie ein Würstchen.

»Weißt du, Hase, ich könnte dir diverse Gründe aufzählen, weshalb deine Schreibe nicht so ankommt wie die von Mystery«, tröstete ihn Rusty. »Du bist noch jung, Zuckerpfläumchen. Du brauchst vor allem Übung. Scheiße - und ich brauch noch einen Drink.« Sie rülpste in die Faust und wedelte dann mit beiden Armen in der Luft. Innerhalb von Sekunden wurde ein zum Überschwappen volles Martiniglas vor sie hingestellt.

Dan griff nach dem halb leeren Wasserglas, stellte es dann aber wieder hin. Er hätte Rusty gern nach diesen »diversen Gründen« gefragt, aber eigentlich kannte er sie