Gossip Girl - Es kann nur eine geben - Cecily Ziegesar - E-Book

Gossip Girl - Es kann nur eine geben E-Book

Cecily Ziegesar

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Beschreibung

Wer ein Skandal ist, braucht auch keinen

Sie sind süße Sechzehn und fest entschlossen, Manhattan im Sturm zu erobern. Während Serena und Blair Yale unsicher machen und golden boy Nate durch die Weltmeere segelt, sorgen drei neue Upper Eastside-Kids für skandalträchtige News. Die Geschwister Avery, Baby und Owen Carlyle mischen die New Yorker High Society gehörig auf: Gleich am ersten Tag kriegt sich Avery beim Powershoppen mit Manhattans Beauty-Queen in die blond gesträhnten Haare, Baby geht aus lauter Langeweile mit hübschen Männern (und deren Hunden) Gassi und Owen verliert Herz und Unschuld an eine anonyme Blondine, fatalerweise die Freundin seines besten Kumpels.

Grund genug für das bestens informierte Gossip Girl, genüsslich jedes Detail aus dem Leben der Drillinge auszuplaudern …

• Neue Staffel der Kultserie mit neuen Hauptfiguren
• Generationswechsel an der Upper Eastside: noch mehr Skandale, noch mehr Verwicklungen, noch mehr Trends

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Seitenzahl: 348

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Inhaltsverzeichnis
 
Lob
gossipgirl.net
 
herzlich willkommen im dschungel
 
die besten sachen im leben gibt’s umsonst
 
der beginn einer wundervollen freundschaft?
 
voulez-vous coucher avec j?
 
r wird verrückt, wenn’s heut passiert
gossipgirl.net
 
alles über a
 
in der liebe und im krieg ist alles erlaubt
 
wenn böse mädchen angeblich mehr spaß haben, warum ist b dann so unglücklich?
 
wie man freunde gewinnt und menschen manipuliert
gossipgirl.net
 
vogelscheiße bringt glück – hundekacke auch?
 
avery holt die tassen aus dem schrank
 
von der goldmarie zum aschenputtel
 
alle für einen und einer für alle …
gossipgirl.net
 
das einmaleins einer wahlkampf-strategie
 
b schließt ein paar haarige freundschaften
 
papa don’t preach
 
verbotene liebe
 
tea for two
 
aus fehlern wird man klug
gossipgirl.net
 
b lässt hundeherzen höher schlagen
flaschenpost
 
j nimmt ihr leben selbst in die hand
 
die ganze welt ist eine bühne
 
j erschüttert, nicht gerührt
 
b macht einen vorschnellen abgang
gossipgirl.net
wenn nicht jetzt, wann dann?
 
o schwärmt von der liebe... und anderen dingen
 
lügen, geheimnisse und ihre folgen
 
home sweet home
gossipgirl.net
was lange währt, wird endlich gut
 
feiern wie ein rockstar
 
as gesetz – was schiefgehen kann, geht auch schief
 
a mag lieber seidene gardinen als schwedische...
 
don’t you wish your girlfriend was fun like b?
 
a bekommt alles, was sie immer wollte
 
herzbube mit zwei damen
gossipgirl.net
 
Copyright
»Ich wünsche mir Eure entferntere Bekanntschaft.«
WILLIAM SHAKESPEARE,Wie es euch gefällt
gossipgirl.net
themen ◀ gesichtet ▶ eure fragen antworten
erklärung: sämtliche namen und bezeichnungen von personen, orten und veranstaltungen wurden geändert bzw. abgekürzt, um unschuldige zu schützen. mit anderen worten: mich.
 
 
 
 
 
 
ihr lieben!
 
 
 
na, überrascht, von mir zu hören? seid es nicht! auf der upper east side hat sich nämlich etwas getan, das ich einfach nicht für mich behalten kann: in der stadt ist ein neues dreiergespann aufgetaucht, und das ist so exquisit, dass man einfach darüber sprechen muss...
 
aber erst einmal geb ich euch ein kurzes back-up.
 
wie wir alle wissen, ist diesen sommer unsere teure avery carlyle I. dahingeschieden. unglaublich großzügige wohltäterin, die sie war, hat sie zeitlebens beträchtliche teile ihres noch beträchtlicheren vermögens an museen, bibliotheken und öffentliche anlagen gestiftet – so wie andere leute ihre klamotten der letzten saison dem charity-shop der st. george church spenden. mit siebzehn machte sie schlagzeilen, als sie auf elvis’ erster new yorker show auf den tischen tanzte. mit einundzwanzig heiratete sie (zum ersten mal) und zog in die berühmte pfirsichfarbene stadtvilla ecke 61. straße/park avenue. und mit siebzig trank sie immer noch scotch soda und umgab sich stets mit frisch geschnittenen weißen pfingstrosen. das wichtigste aber: sie wusste immer, wie sie bekam, was sie wollte; von ehemännern, von highsociety-ladys, von staatschefs – von jedem. eine frau ganz nach meinem geschmack.
 
warum ich euch das alles erzähle? ruhig blut, dazu komm ich ja jetzt. avery carlyles eigenwillige tochter edie – die vor jahren auf die hippieinsel nantucket abgehauen ist, um in der kunst zu sich selbst zu finden – ist nach new york zurückbeordert worden, die angelegenheiten ihrer mutter zu regeln. angesichts dutzender ledergebundener tagebücher (und sechs annullierter ehen), die die selige mrs carlyle hinterlassen hat, kann das eine weile dauern. was auch der grund dafür ist, dass edie ihr haus auf nantucket dichtgemacht hat und mit ihren vaterlosen drillingen in ein berühmt-berüchtigtes penthouse auf der 72. straße ecke fifth avenue gezogen ist.
 
darf ich vorstellen – die CARLYLES: der herb schöne, goldblonde O, der stets eine speedo-badehose am muskelgestählten leib trägt... na, das sieht doch schon mal gut aus. dann hätten wir da noch die weizenblonde, kobaltblauäugige A, eine in marni gekleidete märchengöttin. das riecht nach furore auf der upper east side … und zu guter letzt B, das schlicht und ergreifend für baby steht. armes ding. aber wie unschuldig ist sie tatsächlich?
 
natürlich führen unsere freunde von der upper east side so manches im schilde. da wäre zum beispiel J, die zuletzt tanqueray-gimlets-trinkend auf einer jacht vor sagaponack gesichtet wurde. aber was hatte sie dort zu suchen, wo sie doch eigentlich arabesken an der pariser oper tanzen sollte? ist der leistungsdruck zu groß geworden oder hatte sie einfach nur sehnsucht nach ihrem milliardärsfreund J.P....? nicht zu vergessen den mit tadellosen umgangsformen ausgestatteten R, der im pool auf dem dach des soho house seine runden zog, während seine mutter ein unterhaltsames sommerfilmchen für ihre fernsehshow »lady sterling bittet zum tee« drehte. wir alle wissen, dass lady s darauf brennt, die märchenhochzeit ihres sprösslings mit seiner langjährigen freundin K auszurichten, aber wird die junge liebe von dauer sein? vor allem da K im beichtstuhl der st. patricks cathedral gesehen wurde? es heißt ja, beichten sei gut fürs seelenheil.
 
was wird die alte clique von den drei neuzugängen auf unserer unbescholtenen insel der glückseligen halten? ich für meinen teil jedenfalls brenne darauf zu erfahren, ob sie gurgelnd untergehen oder im schmetterlingsstil durchs wasser pflügen werden …

eure mails

f: liebes gg, also meine mom ist vor ungefähr einer million jahren mit der mutter dieser drillinge auf die constance-billard-schule gegangen, und sie hat mir erzählt, dass der grund, warum sie hierhergezogen sind, der ist, dass A mit ganz nantucket im bett gewesen ist – mädchen und jungs. und B soll eines von diesen durchgeknallten genies sein, die ziemlich labil sind und nie ihre klamotten waschen. und O schwimmt anscheinend jedes wochenende in einer speedo bis nach nantucket. stimmt das? 3sam
 
a: liebe 3sam, sehr interessant. also, nach dem, was ich bisher mitbekommen habe, sieht A ziemlich jungfräulich aus – aber wir alle wissen, wie trügerisch aussehen sein kann. und es bleibt abzuwarten, wie geniehaft B sich in der stadt schlägt. und was O betrifft: bis nach nantucket ist es ein langer, langer weg, ich bezweifle also, dass er so weit schwimmen kann. aber wenn er’s kann... hab ich genau ein wort dafür: ausdauer. exakt das, was ich an einem mann schätze. gg
 
f: ahoj gossipgirl, ich bin erst kürzlich nach new york gezogen und ich liiieeebe es! hast du einen tipp für mich, wie ich aus diesem jahr das beste meines lebens machen kann?KLEINSTADTPFLANZE
 
a: hey KSB, ich kann dir nur wärmstens ans herz legen: sei auf der hut. an sich ist manhattan ein hübscher kleiner ort, wenn auch um längen fabelhafter als wo auch immer du herkommen magst. aber ganz gleich, was du tust, und egal, wo du bist, irgendjemand hat immer ein wachsames auge auf dich. und darüber wird man sich nicht nur in der cafeteria deiner privatschule das maul zerreißen – in dieser stadt wird es garantiert in der klatschspalte der new york post oder im gawker durchgehechelt werden. das heißt, falls du interessant oder wichtig genug bist, um im gespräch zu sein. was wir hoffen wollen. gg
 
f: hallo gg, ich wette, du sagst nur deswegen, du hättest die uni erst mal hintenangestellt, weil du nirgends angenommen worden bist. außerdem hab ich gehört, dass ein gewisser schoßäffchenbesitzender typ es nie nach west point geschafft hat, und ich finde es ziemlich mysteriös, dass er immer noch da ist – genau wie du. bist du tatsächlich ein mädchen??? irgendetwas sagt mir nämlich, dass du ein dreizehnjähriger klugscheißer ohne titten bist, von dem kein mensch sagen kann, ob er ein mädchen oder ein junge ist. mal im ernst, dich gibt’s doch definitiv nicht in echt! irgendwie kommt mir sogar deine website anders vor.BISTECHUCK
 
a: mein lieber BISTECHUCK, schon mal was von relaunch gehört, schnarchnase? und was deine zweifel meine person betreffend angehen: es schmeichelt mir ungemein, dass meine permanente präsenz verschwörungstheorien hervorbringt. sorry, dass ich dich enttäuschen muss, aber ich bin so weiblich, wie man nur weiblich sein kann, und das ganz ohne schoßäffchen. du willst wissen, wie alt ich bin? wie avery carlyle I., gott hab sie selig, gesagt hätte: eine echte dame gibt ihr alter niemals preis. gg

gesichtet

brühwarme neuigkeiten von den neulingen: O, der ohne shirt durch den central park joggte. besitzt er überhaupt ein shirt? hoffentlich nicht! A, die in der umkleidekabine von bergdorf’s ein silbernes paillettenminikleid von ysl anprobierte. hat ihr denn niemand gesagt, dass man auf der constance-billard-schule uniform trägt? und ihre brünette schwester B, die sich bei fao schwarz an einen typen in rotem kapuzenshirt der nantucket-highschool klammerte, stofftiere in pornöse posen setzte und fotos davon machte. verstehen sie das dort, wo sie herkommt, unter spaß haben?
 
na schön, meine besten, wahrscheinlich habt ihr alle noch jede menge einkäufe zu tätigen, bevor die schule wieder losgeht – und denjenigen unter euch, die sich an die uni aufmachen, sage ich: lest ovid und kippt ein pbrbier in eurer neuen wohnheimzelle. aber keine sorge: ich werde hier sein, im balthazar ein gläschen sancerre schlürfen und darüber berichten, was ihr verpasst. es ist der beginn einer neuen ära auf der upper east side, und ich wittere deutlich, dass es mit den drillingen in der stadt ein wildes und verruchtes jahr werden wird …
 
ihr wisst genau, dass ihr mich liebt
 
gossip girl
herzlich willkommen im dschungel
Baby Carlyle wachte vom lauten Piepen der Müllwagen auf, die gerade rückwärts die Fifth Avenue hinuntersetzten. Sie rieb sich die geschwollenen Lider, schwang ihre nackten Füße auf den roten Backsteinboden der Terrasse und zog das Nantucket-Highschool-Sweatshirt ihres Freunds enger um ihren spindeldürren Körper.
Obwohl sie im Penthouse, also sechzehn Stockwerke über der 72. Straße/Ecke Fifth Avenue, wohnten, hörte sie, wie die Stadt unter ihr lautstark zum Leben erwachte. Zu Hause in Siaconset, Nantucket, besser bekannt als Sconset, war sie mit ihrem Freund Tom Devlin immer einfach am Strand eingeschlafen. Seine Eltern betrieben ein kleines Bed-and-Breakfast, und er und sein Bruder lebten, seit sie dreizehn waren, in einem kleinen Gästehaus am Strand. Tom hatte Baby mit einem spontanen Wochenendbesuch in New York überrascht, war aber gestern Abend wieder gefahren. Als sie nicht schlafen konnte, hatte sie sich mit einer Decke in die Hängematte auf der Terrasse gelegt.
Im Freien schlafen? Wie... natürlich.
Baby schlurfte durch die gläserne Schiebetür in das riesige höhlenartige Apartment, das sie von jetzt an Zuhause nennen sollte. Seine großen Zimmer mit den cremefarben gestrichenen Wänden, den glänzenden Parkettböden und den kunstvollen Marmorverzierungen waren das exakte Gegenteil von gemütlich. Sie schleifte die exquisite Decke von Frette hinter sich her und wischte damit den bereits tadellos sauberen Fußboden, als sie sich einen Weg zum Zimmer ihrer Schwester Avery schlängelte.
Averys goldblonden Haare waren fächerartig auf dem blassrosa Kissen ausgebreitet, und sie gab schnorchelnde Geräusche von sich, die wie ein kaputter Teekessel klangen. Baby ließ sich unsanft auf das Bett fallen.
»Hey!« Avery stützte sich verschlafen auf einen Ellbogen und zog den Träger ihres weißen Cosabella-Tanktops über die gebräunte Schulter. Ihre langen Haare waren zerstrubbelt und ihre blauen Augen verklebt, aber sie sah trotzdem königinnenhaft schön aus – eine Eigenschaft, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte. Baby leider nicht.
»Es ist schon spät«, teilte Baby ihr mit und hüpfte auf Knien auf und ab wie eine Vierjährige mit einer Überdosis Honey Smacks. Sie versuchte, ausgelassen und leicht zu klingen, dabei fühlte sich ihr ganzer Körper zentnerschwer an. Was nicht nur daran lag, dass ihre komplette Familie sich letzte Woche von Nantucket entwurzelt hatte, sondern dass New York sich noch nie wie zu Hause angefühlt hatte – und sich auch niemals so anfühlen würde.
Als Baby geboren wurde, hatte ihr Erscheinen sowohl ihre Mutter als auch die Hebamme in Erstaunen versetzt: Beide waren davon ausgegangen, Edie würde lediglich Zwillinge erwarten. Während ihr Bruder und ihre Schwester nach den Großeltern mütterlicherseits benannt wurden, war sie, das unverhoffte dritte Kind, auf der Geburtsurkunde einfach Baby genannt worden. Der Name war haften geblieben. Jedes Mal wenn Baby nach New York gekommen war, hatten die Seufzer von Großmutter Avery keinen Zweifel daran gelassen, dass Zwillinge annehmbar, drei Kinder allerdings ganz und gar ungebührlich waren, ganz besonders für eine alleinerziehende Mutter wie Edie. Baby war immer zu schlampig, zu laut, zu viel für Großmutter Avery gewesen. Zu viel für New York.
Mittlerweile fragte sich Baby, ob das vielleicht wirklich stimmte. Alles – von den kastenförmigen Zimmern des Apartments bis zu dem rechtwinkligen Straßennetz New Yorks – schrie Einschränkung und Ordnung. Sie hüpfte noch ein paarmal auf dem Bett ihrer Schwester auf und ab. Avery gähnte schlaftrunken.
»Komm schon, werd endlich wach!«, drängelte Baby, obwohl es noch nicht mal zehn war und Avery gern ausschlief.
»Wie viel Uhr ist es überhaupt?« Avery setzte sich im Bett auf und rieb sich die Augen. Es war ihr immer wieder ein Rätsel, wie sie und Baby Geschwister sein konnten. Baby heckte ständig irgendwelche albernen Sachen aus – zum Beispiel ihrem Hund Chance beizubringen, sich über Blinzeln zu verständigen. Es war, als wäre sie dauerbreit. Aber obwohl ihr Freund praktisch von morgens bis abends kiffte, war Babys Drogenweste blütenweiß.
Hyperaktive brauchen eben keine Drogen.
»Schon nach zehn«, log Baby. »Kommst du mit auf die Terrasse? Es ist superschön draußen«, versuchte sie, ihre Schwester zu überreden.
Avery betrachtete missbilligend Babys zerzauste, lange braune Haare und ihre geschwollenen braunen Augen und wusste sofort, dass sie die ganze Nacht ihrem Loser-Freund hinterhergeheult hatte. Auf Nantucket hatte Avery immer alles Menschenmögliche getan, um Tom aus dem Weg zu gehen, aber am vergangenen Wochenende war es unmöglich gewesen, seiner primitiven Geschmacklosigkeit zu entkommen – angefangen bei seinen fleckig weißen Sportsocken von GAP, die er, zusammengeknäult zu einem Ball, ihrem Kater Rothko zum Spielen hingeworfen hatte, bis zu dem Moment, in dem sie ihn wasserpfeiferauchend und nur mit Boxershorts mit Weihnachtsmannmotiv bekleidet auf der Terrasse erwischt hatte. Sie wusste, dass Baby es toll fand, dass er so authentisch war, aber musste authentisch auch gleich scheußlich bedeuten?
Ein klares Nein.
»Na schön, ich komm mit raus.« Avery schälte sich aus ihrer edlen italienischen Baumwollbettwäsche und tapste mit Baby im Schlepptau barfuß auf die Terrasse, wo sie ins gleißende Sonnenlicht blinzelte. Die breite Straße unter ihr war leer bis auf eine schnittige schwarze Luxuslimousine. Jenseits der Straße erstreckte sich der riesige Central Park, in dem Avery gerade noch das Labyrinth der Pfade ausmachen konnte, die sich durch sein üppiges Grün schlängelten.
Die beiden Schwestern setzten sich nebeneinander in die Hängematte, schaukelten sanft hin und her und blickten über die üppig bepflanzten Fifth-Avenue-Terrassen und -Balkone, die bis auf ein paar vereinzelte Gärtner menschenleer waren. Avery seufzte wohlig. Hier oben fühlte sie sich wie die Königin der Upper East Side, was exakt das war, zu dem sie geboren wurde.
Ach ja? »Hey.« Ihr ein Meter neunzig großer Bruder Owen trat mit einem Tetrapack Orangensaft und einer Flasche Champagner auf die Terrasse. Ein schwarzes Speedo-Badehöschen war alles, was er anhatte. Avery verdrehte beim Anblick ihres schwimmbesessenen Bruders, der jeden locker unter den Tisch trinken und ihn anschließend bei vierhundert Meter Freistil schlagen konnte, genervt die Augen.
»Will sonst noch jemand einen Mimosa?« Er nahm einen Schluck Orangensaft direkt aus dem Karton und grinste über Averys angewiderte Grimasse. Baby schüttelte traurig den Kopf, dabei strichen ihre zerzausten Haare über ihre Schulterblätter. Sie war schon immer zierlich gewesen, aber jetzt sah sie extrem zerbrechlich aus. Ihre wirren braunen Haare hatten bereits den honigfarbenen Schimmer verloren, der sich immer während der ersten Wochen eines Nantucket-Sommers über sie legte.
»Was ist los?«, fragte Owen seine Schwestern freundlich.
»Nichts«, antworteten Avery und Baby gleichzeitig.
Owen seufzte. Seine Schwestern waren so viel einfacher zu verstehen gewesen, als sie zehn waren und noch nicht angefangen hatten, sich in zickende, rätselhafte Wesen zu verwandeln.
Er trank noch einen Schluck O-Saft und fragte sich, ob er jemals kapieren würde, wie Mädchen tickten. Wären sie nicht so unwiderstehlich gewesen, hätte er sie aufgegeben und sich für den Rest seines Lebens in ein Kloster zurückgezogen. Typisches Beispiel: Dass er schon so früh auf den Beinen war, lag einzig und allein an dem pornografisch angehauchten Traum, der ihn aus dem Bett gezwungen und auf eine erfolglose Jagd nach einem abkühlenden Pool getrieben hatte.
Von wem hat er denn geträumt? Details bitte!
Er stellte die ungeöffnete Flasche Champagner in einen großen, mit Gänseblümchen bepflanzten Topf, nahm noch einen Schluck Saft und quetschte sich anschließend neben seine Schwestern in die Hängematte. Als er auf die unzähligen Bäume hinunterblickte, wunderte er sich, wie klein der Central Park wirkte. Von hier oben sah alles so winzig aus. Nicht wie in Nantucket, wo die Weite des dunklen Ozeans unendlich war. Sconset war der Ort in den USA, der am dichtesten an Portugal und Spanien lag, und Owen hatte sich schon oft gefragt, wie lange er wohl brauchen würde, um bis dorthin zu schwimmen.
»Haaaallooo!« Die Stimme ihrer Mutter und das Geklimper ihrer handgearbeiteten Türkis- und Silberarmreifen drangen auf die Terrasse und kurz darauf stand Edie Carlyle auch schon in der Terrassentür. Sie trug ein fließendes, blau gemustertes Sommerkleid von Donna Karan und hatte ihren blonden Bob, der mittlerweile von grauen Strähnchen durchzogen war, zu Hunderten kleinen Zöpfchen geflochten. Sie sah eher wie ein verängstigtes Stachelschwein denn wie eine Bewohnerin des exklusivsten Viertel Manhattans aus.
»Gott, bin ich froh, dass ihr alle hier seid«, begann sie atemlos. »Ich brauche dringend eure Meinung zu einem neuen Objekt. Kommt schnell rein.« Als sie Richtung Eingangshalle deutete, klirrten wieder ihre klobigen Armreifen aneinander.
Avery kicherte, als Owen sich von der Hängematte abstieß und Edie pflichtbewusst nach drinnen folgte. Die ganze letzte Woche hatte Owen sich als Edies Kunstberater aufgeführt. Er war fast jeden Abend auf einer Vernissage gewesen, meistens in einer überfüllten, patschuligeschwängerten Galerie in Brooklyn oder Queens, wo er warmen Chardonnay getrunken und so getan hatte, als wüsste er, wovon er sprach.
Die riesigen Räume des Penthouse, das vermutlich einst zart gemusterte Louis-quatorze-Sessel und Chippendale-Tischchen beherbergt hatte, waren nun bis auf ein paar ausrangierte Teile, die Edie durch ihr exzessives Netzwerken mit ihren Künstlerfreunden ergattert hatte, leer. Avery hatte umgehend eine komplette ultramoderne Einrichtung von Jonathan Adler und Kemble geordert, aber die Möbel waren noch nicht geliefert worden. Edie hatte übergangsweise ein mottenzerfressenes oranges Sofa aufgetrieben und es in die Mitte des Wohnzimmers gestellt. Kater Rothko malträtierte es regelmäßig in leidenschaftlichen Kratzorgien – seine neue Lieblingsbeschäftigung, seit sie nach New York gezogen waren. Die anderen Haustiere der Carlyles – drei Hunde, sechs Katzen, eine Ziege und zwei Schildkröten – waren in Nantucket geblieben. Rothko war wahrscheinlich einsam.
Das sollte sich jetzt ändern. Neben Rothko saß nämlich ein siebzig Zentimeter großer aquamarinblau bemalter Gips-Chinchilla.
»Na, was sagt ihr?«, fragte Edie mit blitzenden blauen Augen. »Den hat mir gestern Abend jemand auf der Straße in Red Hook für fünfzig Cent verkauft, als ich von der Performance nach Hause gegangen bin. Ein echtes New Yorker Objet trouvé«, fügte sie hingerissen hinzu.
»Ich bin dann mal weg«, verkündete Avery, die vor der Gipsskulptur zurückwich, als wäre sie radioaktiv kontaminiert. »Baby und ich gehen zu Barneys«, beschloss sie kurzerhand und versuchte, ihre Schwester mit beschwörenden Blicken dazu zu zwingen, Ja zu sagen. Baby war das ganze Wochenende in Toms dämlichem Sweatshirt herumgelaufen. Das musste ein Ende haben.
Baby schüttelte den Kopf und schlang das rote Sweatshirt enger um ihren Körper. Irgendwie gefiel ihr der Chinchilla. Er wirkte in dem prunkvollen Apartment genauso fehl am Platz wie sie. »Ich hab schon was anderes vor«, log sie. Was genau sie vorhatte, würde sie entscheiden, sobald sie sich den Blicken ihrer Familie entzogen hatte.
Owen starrte die Chinchilla-Statue an. Sie schien ihm mit einem ihrer schwerlidrigen Augen zuzuzwinkern. Er musste echt schleunigst von hier verschwinden.
»Ich, äh, muss noch ein paar Schwimmsachen besorgen.« Er erinnerte sich vage daran, dass er eine E-Mail bekommen hatte, in der er aufgefordert worden war, seine Schwimmausrüstung vom Mannschaftskapitän der St. Jude abzuholen, bevor die Schule morgen losging. »Besser, ich kümmer mich gleich drum.«
»Okay«, trillerte Edie, als Avery, Owen und Baby sich in entgegengesetzte Fluchten des Apartments verzogen. Genau, morgen fing die Schule an. Der Beginn einer neuen Ära.
Edie trug die Chinchilla-Skulptur behutsam in ihr Atelier. »Viel Spaß an eurem letzten Tag in Freiheit!«, rief sie ihnen noch hinterher, und ihre Stimme hallte hohl von den Wänden des Apartments wider.
Als würden sie nicht immer einen Weg finden, Spaß zu haben.
die besten sachen im leben gibt’s umsonst
Avery musste unwillkürlich lächeln, als sie aus dem Apartmentgebäude trat und die Fifth Avenue in südlicher Richtung hinunterschlenderte. Obwohl es erst zehn Uhr morgens war, begannen sich die Straßen schon mit Touristen und flanierenden Familien zu füllen. In die spätsommerliche Augusthitze mischte sich ein erster Hauch herbstfrischer Brise, die sie vor Vorfreude erschauern ließ. Avery sehnte die Zeit herbei, in der sich die Blätter der Bäume auf der Avenue leuchtend orange, rot und gelb verfärben würden. Sie brannte darauf, sich in einen Kaschmirmantel von Burberry zu kuscheln, sich auf eine der Parkbänke entlang der schmucklosen Mauer des Central Parks zu setzen und heiße Schokolade zu schlürfen. Sie fieberte dem morgigen Tag entgegen, ihrem ersten Schultag an Manhattans exklusiver Constance-Billard-Schule für Mädchen – dem Tag, an dem ihr Leben endlich beginnen würde.
Als sie in die Madison Avenue einbog, blieb sie kurz vor dem großen Schaufenster des Calvin-Klein-Stores Ecke 62. Straße stehen, um ihr Spiegelbild zu bewundern. Mit ihren langen weizenblonden Haaren, um die sie ein Tuch mit Pucci-Dessin geschlungen hatte, und dem ärmellosen pfingstrosenpinken Wickelkleid von Diane von Fürstenberg, das ihren athletischen Körper eng umschmiegte, war sie das perfekte Abbild einer coolen Upper-East-Siderin. In Nantucket, wo Fleecejacken ausgehtauglich waren und eine Party daraus bestand, am Strand von Sconset ein Sixpack Molson zu kippen, hatte Avery sich nie in ihrem Element gefühlt. Aber in diesem Jahr würde alles anders sein. Endlich war sie dort, wo sie hingehörte.
Avery riss sich von ihrem Anblick im Schaufenster los und setzte ihren Weg auf der Madison fort. Kurz nachdem sie die 61. Straße hinter sich gelassen hatte, stand sie auch schon vor Barneys und strahlte, als ihr der schmucke schwarz gekleidete Portier die Tür aufhielt. Sie betrat das Geschäft und atmete tief den ihr schmerzlich vertrauten Duft von Creed Fleurissimo ein, den die Klimaanlage ihr ins Gesicht blies. Es war das Lieblingsparfum ihrer Großmutter gewesen, und Avery spürte geradezu, wie der Geist von Avery I. sie von einer überdimensional großen apfelgrünen Marc-Jacobs-Tasche weg und hin zu den echten Designer-Taschen zog.
Sie ging gemessenen Schrittes durch die luxuriöse Taschenabteilung und befühlte ehrfürchtig die aus Krokooder Nappaleder gefertigten Schönheiten. Als ihr Blick an einer cognacfarbenen Collegetasche von Givenchy hängen blieb, spürte sie ein bittersüßes Ziehen in der Magengegend. Die goldenen Schnallen der Tasche erinnerten sie an ihre antike Truhe, die sie in Nantucket zurückgelassen hatte. Sie hatte sich immer vorgestellt, dass eine blaublütige Großtante sie auf ihrer Hochzeitsreise über den Atlantik bei einem Schiffsunglück verloren und ein wettergegerbter, bärtiger Hummerfischer sie Jahre nach ihrem romantischen Tod geborgen hatte. Averys sentimentale Ader ließ sie die Dinge oft bis zur Unkenntlichkeit verklären.
Na und? Immer noch tausendmal besser, als Daumen zu lutschen oder Fingernägel zu kauen.
»Ein ganz erlesenes Stück«, hörte Avery eine sanfte Stimme hinter sich. Sie drehte sich um und sah eine Verkäuferin vor sich stehen – eine Mittvierzigerin, deren silbern durchsträhnten Haare zu einem seidig glänzenden Knoten geschlungen waren.
»Wunderschön«, murmelte Avery und wünschte sich, die Verkäuferin würde verschwinden. Dieser Moment sollte ihr ganz allein gehören: Es gab nur sie und diese Tasche.
Und was ist mit dem Hummerfischer?
»Sie wurde nur in begrenzter Stückzahl angefertigt«, bemerkte die Verkäuferin, auf deren Namensschild »NATALIE« stand. »Eigentlich ist sie bereits vorgemerkt, aber die Kundin hat sich nie wieder gemeldet... Hätten Sie vielleicht Interesse?« Natalie zog ihre perfekt gezupften Augenbrauen hoch.
Avery nickte wie hypnotisiert. Sie warf einen verstohlenen Blick auf das Preisschild – viertausend Dollar. Aber so viel hatte sie nun wirklich noch nicht ausgegeben, seit sie in New York war. Außerdem: Wozu hatte Edie ihren neuen Steuerberater Alan? Und was hatte Großmama einmal zu ihr gesagt, als Avery eine Vintage-Kelly-Bag von Hermès in ihrer umfangreichen Kollektion bewundert hatte? »Handtaschen sterben nie. Männer schon.« Diese Tasche war eine Investition fürs Leben.
»Ich nehme sie«, sagte sie von jeglichem Zweifel befreit und streckte ihre frisch mit rosenblütenfarbenem Nagellack manikürten Finger nach den weichen Trägern aus.
»Ah, da komme ich ja gerade richtig!«
Avery und Natalie drehten sich gleichzeitig um und sahen ein tannenschlankes, sommersprossiges Mädchen mit wehenden kastanienbraunen Haaren über den spiegelglatten Marmorboden auf sie zueilen. Avery hätte sich fast verwundert die Augen gerieben. Selbst in dem wallenden weißen Sommerkleid von Milly und mit der riesigen, im Haar getragenen Sonnenbrille von D & G sah das Mädchen exakt wie die Ballerina auf dem Bild von Degas aus, das in der Bibliothek ihrer Großmutter hing.
»Ich bin hier, um meine Tasche abzuholen. Tut mir schrecklich leid, dass ich Ihre Nachrichten nicht bekommen habe – ich war in Sagaponack. Der Handyempfang dort ist einfach grauenhaft.« Sie stieß einen tiefen Seufzer aus, als wäre ein schwaches Handynetz in den Hamptons ein Ärgernis globalen Ausmaßes.
»Haben Sie nochmals vielen Dank, dass Sie sie so lange für mich zurückgelegt haben.« Das Mädchen griff so selbstverständlich nach der Collegetasche, die Avery in der Hand hielt, als wäre Avery ihr persönlicher Handtaschenständer. Averys Augen verengten sich und ihre Finger schlossen sich fest um die Henkel der Tasche.
»Sie müssen Jack Laurent sein«, wandte die Verkäuferin sich an das Mädchen und presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. »Bedauerlicherweise haben wir den Artikel mittlerweile wieder freigegeben und bereits eine neue Interessentin. Wir müssen Sie leider wieder auf die Warteliste setzen.«
Avery schenkte dem fremden Mädchen ein »Jammerschade für dich«-Lächeln und wurde von einem wahren Glückstaumel erfasst. Unmöglich, dass irgendjemand auf der Constance-Billard-Schule diese Tasche hatte. Und dass sie so heiß begehrt war, machte sie nur umso wertvoller. Avery zerrte an den Henkeln, aber das Mädchen machte keine Anstalten, loszulassen.
»Ich kann natürlich verstehen, warum du eine neue Tasche brauchst.« Jack blickte abfällig auf Averys abgewetzte Speedy von Louis Vuitton. Ihre Großmutter hatte sie ihr zu ihrem dreizehnten Geburtstag geschenkt, und sie war schon ein bisschen abgeliebt, wie Avery I. es ausgedrückt hätte. »Aber ich bin mir sicher, du findest da draußen ein paar Modelle, die ganz nach deinem Geschmack sind.«
Avery warf dem Mädchen einen vernichtenden Blick aus ihren kobaltblauen Augen zu und schnappte sich den Schulterriemen der Tasche. Draußen? Meinte sie etwa draußen bei den Straßenhändlern, die billige Imitate verkauften? Sie schnappte nach Luft.
»Da wir das geklärt hätten«, Jack verstärkte ihren Griff um die Henkel der Givenchy, ihre grünen Augen funkelten, »würde ich meine Tasche jetzt gerne bezahlen und mitnehmen«, sagte sie in überheblichem Tonfall zu der Verkäuferin.
Natalie baute sich zu ihrer vollen Größe von einem Meter achtundfünfzig auf und musste den Kopf in den Nacken legen, um zu den beiden Mädchen aufzusehen, die sich dreizehn Zentimeter über ihr Auge in Auge gegenüberstanden. »Das ist die einzige, die wir haben«, sagte sie bestimmt. »Die Auflage ist limitiert, was sie zu einem besonders kostbaren Stück macht, mit dem man sehr sorgsam umgehen sollte. Ich bin mir sicher, dass Sie eine für alle Beteiligten angemessene Lösung finden werden.« Sie griff nach den Fingern der Mädchen und versuchte, sie von den Lederriemen der Tasche zu lösen.
»Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird.« Avery zog die Tasche mit einer schnellen ruckartigen Bewegung an sich, mit der Jack nicht gerechnet hatte. Sie verlor das Gleichgewicht und ließ erschrocken den Riemen los. Herzlichen Dank, Miststück, dachte Avery mit süffisantem Lächeln.
Noch bevor Jack sich wieder gefasst hatte, eilte Avery im Laufschritt über den Marmorboden und presste sich die Tasche an die Brust wie ein Footballspieler den Ball auf dem Weg in die Endzone. Hey, sie war als Erste hier gewesen, und sie würde auch als Erste gehen – und zwar mit der Tasche, die ihr gehörte! Nur noch knappe zehn Meter trennten sie vom Ausgang. Sie konnte nicht anders, als sich kurz vor der Ziellinie mit triumphierendem Blick zu Jack umzudrehen – das Carlyle’sche Äquivalent eines Touchdown-Freudentanzes. Das perfekt gebräunte, sommersprossige Gesicht des Mädchens war blass geworden und ihre grünen Augen wirkten eher verwirrt als wütend. Avery grinste schadenfroh, als plötzlich ein grauenhaft schriller Piepston erklang. Sie blickte sich verärgert um, konnte aber nicht erkennen, woher der penetrante Sirenenton kam. Entschlossen eilte sie weiter und spürte schon den Siegesrausch in sich aufbranden …
»Entschuldigen Sie bitte, Miss?« Ein Schrank von einem Sicherheitswachmann stellte sich ihr in den Weg. Auf seinem Namensschild stand »KNOWLEDGE«. Avery blickte verwirrt zu ihm auf. Als sie ihm auszuweichen versuchte, passte er sie trotz seiner gewaltigen Körpermasse mit erstaunlicher Behändigkeit ab.
Sie war schließlich nicht das erste Mädchen, das bei Barneys einen Homerun versuchte!
»Gib mir die Tasche, Kleine, und wir vergessen die ganze Angelegenheit«, sagte Knowledge freundlich und hielt Avery an einem ihrer dünnen Arme fest. Seine goldberingten Finger gruben sich schmerzhaft in ihre Haut.
»Ich wollte sie eben bezahlen«, beteuerte sie und versuchte, nicht allzu verzweifelt zu klingen. Wortlos reichte sie ihm die Tasche, doch dann weiteten sich ihre blauen Augen plötzlich entsetzt. Glaubte er etwa, sie habe die Tasche stehlen wollen?
Natalie, die ihnen hinterhergerannt war, riss Knowledge die Tasche aus der Hand, und Avery spürte, wie sich auf ihrem Dekolleté und ihrem Gesicht hektische rote Flecken bildeten – wie immer, wenn sie kurz davor war, in Tränen auszubrechen.
»Findest du nicht auch, dass sie hier für bestimmte Etagen eine Altersbeschränkung einführen sollten?«, hörte sie eine weißhaarige Frau empört zu ihrer Freundin mit hochtoupierten roten Haaren und einem Leoprint-Hemdblusenkleid von Norma Kamali sagen. Plötzlich fühlte sie sich wie eine Fünfjährige.
»Ich wollte sie eben bezahlen«, wiederholte sie laut, »aber die Kasse war nicht deutlich ausgeschildert.« Noch während sie die Worte aussprach, zuckte sie innerlich zusammen. Kasse ausgeschildert? Sie war hier bei Barneys und nicht in irgendeinem Billig-Discounter.
Sie schüttelte den Kopf, versuchte dabei, äußerst verärgert auszusehen, und griff in ihre eigene, immerhin mit einem Louis-Vuitton-Monogramm versehene Tasche. Wenn sie erst einmal ihre brandneue schwarze American Express aus ihrem rot-grün gestreiften Gucci-Portemonnaie gezogen hätte, würde jeder sehen, dass das alles nur ein dummes Missverständnis war. Man würde sich demütig bei ihr entschuldigen und sie für die Unannehmlichkeiten mit jeder Menge Gratisprodukten entschädigen.
»Glücklicherweise ist der Ausgang deutlich ausgeschildert«, erwiderte Natalie eisig und ließ Avery spüren, wie sehr sie die Situation genoss. »Keine Sorge«, fügte sie noch leise hinzu, »wir werden davon absehen, Ihre Eltern zu benachrichtigen.« Hoheitsvoll stöckelte sie in ihren schwarzen Pradas zu Jack zurück, die sie mit einem kalten Lächeln auf ihrem nervtötend sommersprossigen Gesicht erwartete.
»Ich musste sie einfach für den ersten Schultag nach den Sommerferien haben«, seufzte Jack dramatisch, nahm die Tasche entgegen und untersuchte sie gründlich, als wollte sie sichergehen, dass Avery sie nicht beschmutzt hatte.
»Dein Besuch im Shoppingparadies ist zu Ende, Herzchen«, riss Knowledges sanfte Stimme sie aus ihrem grauenhaften Wachtraum, als auch schon zwei weitere Sicherheitsmänner anrückten und sie durch einen Seiteneingang auf die 61. Straße eskortierten.
Die Glastür fiel mit einem dumpfen Knall ins Schloss.
Averys Gesicht brannte. Hastig ging sie die Straße hinunter und rechnete fast damit, dass sich jeden Moment ein wütender Trupp von Barneys-Mitarbeitern an ihre Fersen heften würde. Stattdessen wurde sie von zwei Mittdreißigerinnen überholt, die angeregt über Kindergärten plauderten und ihre schwarzen, panzerartigen Bugaboos vor sich herschoben. Avery ließ vorsichtig den Blick schweifen: weiß behandschuhte Portiers, die vor luxuriösen Apartmenthäusern standen, ein roter Doppeldeckerbus, der Richtung Central Park unterwegs war. Sie spürte, wie ihr Herzschlag sich allmählich wieder beruhigte. Niemand hier wusste, wer sie war oder was sich noch vor wenigen Minuten abgespielt hatte. Sie zupfte das Tuch in ihren Haaren zurecht und überquerte hocherhobenen Hauptes die Straße. Sie war hier nicht in Nantucket, wo jedes tratschwürdige Detail sich in Windeseile verbreitete und bis in alle Ewigkeit in die Vita des Klatschopfers eingebrannt war. Das hier war New York, eine Stadt mit mehr als acht Millionen Einwohnern, in der Avery tun und lassen konnte, was sie wollte, und vor allem sein konnte, wer sie wollte. Was machte es schon, dass sie die Givenchy-Tasche nicht bekommen hatte? Sie hatte immer noch die neuen lackledernen Slingbacks von Louboutin, die sie sich gestern gekauft hatte, und ihre Perlenkette von Lucky Pearls, die Großmama Avery ihr vermacht hatte. Wahrscheinlich würde kein Mensch sie wiedererkennen, wenn sie morgen noch einmal zu Barneys ginge.
Als sie die Fifth Avenue überquerte, joggte ein süßer Typ in einem grauen Riverside-Prep-T-Shirt und einer Yankees-Baseballmütze an ihr vorbei und lächelte sie an. Sie lächelte strahlend zurück und klimperte mit ihren sorgfältig getuschten Wimpern. Morgen würde Avery Carlyle ihr brandneues Leben an ihrer brandneuen Schule beginnen und diese Jack Laurent würde zu einer vagen Erinnerung verblassen – irgendeine hochnäsige Zicke, die ihre Tasche gestohlen hatte und von der niemals wieder die Rede sein würde.
Tja, kann sein. Die Sache ist nur die: New York ist eine riesige Stadt, aber Manhattan nur eine sehr kleine Insel...
der beginn einer wundervollen freundschaft?
Owen Carlyle stand vor einem beeindruckenden Stadthaus aus rotem Backstein, das sich zwischen der Park und der Madison Avenue befand, und drückte zögernd den Klingelknopf mit der Aufschrift »STERLING«. Er war zwar per Mail aufgefordert worden, seine Sachen für das Schwimmteam hier bei Rhys Sterling abzuholen, trotzdem war es ihm etwas unangenehm, einfach so unangemeldet vor der Tür zu stehen.
Er klingelte ein zweites Mal und betrachtete die hübschen blauen Blumen, die in den weißen Blumenkästen rechts und links des Eingangs wuchsen. Um sich die Zeit zu vertreiben, beugte er sich runter und schnupperte an einer Blüte. Dabei dachte er an jemanden ganz Bestimmten, jemanden, dem er gerne Blumen geschenkt hätte. Als Owen gerade den süßen Duft einatmete, schwang die Tür auf, und eine Frau in einem marineblauen Leinenkleid stand vor ihm. Sie hatte verblüffend weiße Haare, obwohl ihr Gesicht nicht die kleinste Falte aufwies.
»Guten Tag«, sagte sie höflich, aber affektiert, und blickte entlang ihrer skischanzenförmigen Nase auf Owen herab. »Was kann ich für Sie tun?«
»Hi, äh, Owen Carlyle. Ähm, ich wollte zu Rhys. Ich bin neu im Schwimmteam und wollte meine Sachen abholen«, stammelte er unbeholfen. Er betete stumm, dass er das richtige Haus erwischt hatte.
Eine unbegründete Sorge, denn der blasierte Ausdruck auf dem Gesicht der Frau wurde sofort durch ein herzliches Lächeln ersetzt. »Owen Carlyle! Aber natürlich! Ich war recht gut mit Ihrer Großmutter befreundet. Was für eine wunderbare und außergewöhnliche Frau!« Sie führte Owen in ein großzügig geschnittenes Foyer. Owen spielte verlegen mit der blauen Blume, die er draußen abgerupft hatte. »Wussten Sie, dass sie ein paarmal in meiner Sendung war?«
Owen runzelte verwirrt die Stirn. Sein Blick fiel auf die herrschaftliche Treppe, die mit einem roten Teppich belegt war und genauso aussah wie die in »Sunset Boulevard«, einem von Averys Lieblingsfilmen. Er hatte absolut keine Ahnung, worum es darin ging, aber Avery hatte ihn sich bestimmt schon dreimillionenmal reingezogen.
»›Lady Sterling bittet zum Tee‹«, sagte die Frau streng. »Ich bitte zum Tee«, verdeutlichte sie.
Scheiße, wovon redet die?, dachte Owen, der bei den wenigen Malen, die er fernsah, darauf achtete, sich auf keinen Fall Sendungen anzuschauen, in deren Titel das Wort »Tee« vorkam.
»Freut mich.« Owen streckte steif seine Hand aus und schaute sich nervös um. An den Wänden des Foyers, die in beruhigendem Braungrau gestrichen waren, hingen wertvoll aussehende Ölgemälde mit englischen Fuchsjagd-Motiven. Plötzlich kam ein Junge in seinem Alter die Treppe herunter, der wie der Prototyp eines reichen, schnöseligen Privatschülers aussah: Er trug eine Stoffhose mit Bügelfalte und ein kurzärmliges marineblaues Buttondown-Hemd und sah aus, als wollte er gleich Golf spielen gehen. Owen steckte die Hände in die Taschen seiner abgewetzten Adidas-Shorts und zog die Schultern in seinem fadenscheinigen grauen Nantucket-Pirates-T-Shirt hoch.
»Rhys! Du hast Besuch.« Lady Sterling ließ ihren Blick mit einem entzückten Lächeln zwischen den beiden Jungen hin- und herwandern. »Das ist Owen Carlyle. Owen, mein Lieber, richte deiner Mutter doch bitte aus, dass ich sie liebend gern bald einmal treffen würde. Wir sind uns nur einmal bei einem Charity-Empfang begegnet, und du weißt ja, wie es auf solchen Empfängen zugeht«, trillerte sie, während sie durch das Foyer davonschwebte.
»Hi, nett dich kennenzulernen!« Rhys begrüßte Owen mit einem festen Händedruck. Er war nur ein bisschen kleiner als Owen, der einen Meter neunzig maß, und hatte dunkelbraune Haare und goldgesprenkelte braune Augen. Er öffnete einen Wandschrank und zog eine weinrote Speedo-Sporttasche heraus. »Hier, die ist für dich.«
»Danke, Mann.« Owen kramte darin herum und fand sechs Power-Bar-Riegel, ein weinrotes Handtuch, in das das St.-Jude-Emblem eingestickt war, und drei winzige schwarze Speedo-Badehosen. Verlegen hielt er sich eine an die Hüften. Sie war ungefähr fünf Nummern zu klein. »Tja dann, man sieht sich in der Schule.« Owen stopfte die Badehose zurück in die Tasche und ging in Richtung Tür.
»Warte mal«, rief Rhys ihm nach. »Hast du schon was vor? Wir könnten brunchen gehen. Das Fred’s oben bei Barneys ist ziemlich gut.«
»Bloß nicht!«, rief Owen, der mit einem Fuß schon draußen stand. Avery in die Arme zu laufen, die bei Barneys womöglich gerade mitten in einem Fashion-Notfall der Alarmstufe Rot steckte, war wirklich das Letzte, was er wollte.
»Oh... okay. Kein Problem.« Rhys sah ein bisschen geknickt aus.
Owen überlegte kurz. »Aber wenn wir uns einfach ein paar Bagels holen und in den Park setzen würden, wäre ich dabei«, sagte er dann etwas unbeholfen. In seinem Kielwasser schwamm zwar quasi ständig ein Schwarm liebeskranker Mädchen, aber mit einem Jungen war er noch nie befreundet gewesen. Warum nicht? Ganz einfach: weil in seinem Kielwasser ständig ein Schwarm liebeskranker Mädchen schwamm. Keiner der Typen auf der NHS war mit Owens fantastischem Aussehen und seinem angeborenen Selbstbewusstsein klargekommen. Sie alle wussten: Wenn Owen in der Nähe war, konnten sie einpacken. Owen hatte gelernt, damit einigermaßen umzugehen, und hatte auch nie darunter gelitten, keine männlichen Freunde zu haben. Außerdem war es ja nicht seine Schuld, dass er ein Miezenmagnet war.
Hach ja, schön zu sein ist wirklich eine Bürde.
»Cool, ich bin dabei.« Rhys nickte zustimmend und setzte eine Ray Ban auf, als sie aus dem Stadthaus traten und Richtung Park schlenderten. Unterwegs besorgten sie in einem Deli Bagels und Bier.
Aahh, das Frühstück der Champions!
Im Park führte Rhys sie über mehrere gewundene Pfade immer weiter nach Westen und blieb schließlich vor einem burgähnlichen Gebäude stehen, das majestätisch hinter einem kleinen Teich aufragte. Es war ungefähr drei Stockwerke hoch und sah aus wie eine mittelalterliche Festung.
»Hier komm ich immer am liebsten her«, sagte Rhys. »Belvedere Castle. Als ich noch klein war, dachte ich, die Burg wäre echt, und wollte unbedingt da einziehen. Meine Mutter hat eine eigene Fernsehsendung, ›Lady Sterling bittet zum Tee‹. Schon mal was davon gehört?« Er sah Owen fragend an.
»Sie hat vorhin so was erwähnt, ja.« Owen kickte einen Kieselstein aus dem Weg. Auf der großen Wiese sonnten sich Mädchen in Malia-Mills-Bikinis, die sich wahrscheinlich vorstellten, in den Hamptons zu sein, und ein paar ziemlich stoned aussehende Typen spielten Hacky Sack oder Frisbee. Das Bild hatte etwas Trauriges: Die New Yorker sehnten sich so sehr nach Natur, dass sie so tun mussten, als wäre ein Fleckchen Gras der Strand.
»Weil sie Engländerin ist, hatte ich damals die fixe Idee, dass wir in einer eigenen Burg wohnen müssten.« Rhys zuckte verlegen die Achseln.
Owen lachte und setzte sich auf einen großen Felsen, während Rhys eine Dose Olde English aufknackte und darauf achtete, dass sie nicht aus der Papiertüte herausschaute, in der sie steckte. Er reichte die braune Tüte an Owen weiter, der einen Schluck nahm und die Umgebung betrachtete. Auf dem Teich dümpelten welke Blätter und fieser grüner Schmodder, dafür räkelten sich auf der Wiese neben der Burg unzählige Mädchen mit perfekter Spätsommerbräune auf ihren Handtüchern. Obwohl der Anblick ihrer knappen Bikinioberteile so ziemlich jedem Typen Freudentränen in die Augen getrieben hätte, ertappte Owen sich dabei, wie er nach einem karamellbonbonfarbenen Haarschopf Ausschau hielt. Er seufzte enttäuscht.
Egal wo er in den letzten Wochen gewesen war, er hatte immer nur an Kat denken können, die er Anfang des Sommers bei einem Lagerfeuer am Surfside Beach kennengelernt hatte. Kat hatte eine Bombenfigur, sprühende blaue Augen und Haare in exakt der gleichen Farbe wie das Fell ihres Golden Retrievers Chance, und er hatte sie keine Sekunde mehr aus den Augen gelassen. Als sie ihn etwas später gebeten hatte, ihr eine Flasche Corona Light zu öffnen, war Owen praktisch schon in sie verliebt gewesen. Und als sie ihn dann gefragt hatte, ob er nicht Lust hätte, ihr den Leuchtturm zu zeigen, hatten sie beide gewusst, was sie voneinander wollten. Dort, in der schützenden Dunkelheit, hatten sie im noch sonnenwarmen Sand ihre Unschuld verloren. Nie zuvor in seinem Leben hatte Owen etwas getan, das auch nur annähernd so berauschend, verwegen und überwältigend gewesen war.
»Wie heißt du eigentlich?«, hatte er sie hinterher gefragt und mit den Fingerkuppen sanft die Rundung ihrer Schulter nachgezeichnet – und sich dabei wie ein Arschloch gefühlt. Klar war er ein Draufgänger, aber seine Jungfräulichkeit an ein Mädchen zu verlieren, dessen Namen er nicht kannte, war selbst für ihn eine Nummer zu krass.
»Ich geb dir einen Tipp.« Sie zog ein zierliches silbernes Armkettchen hervor, auf dem in geschwungenen Buchstaben »Kat« stand.
Die ganze Nacht alberten sie am Strand herum und kühlten sich zwischendurch immer wieder im Meer ab. Sie hatte ihm erzählt, sie käme aus New York und wäre nur für einen Tag in Nantucket, und das Wissen, dass sie am nächsten Tag wieder weg sein würde, hatte es für sie beide irgendwie noch mehr zu etwas Besonderem gemacht, so als wäre es die letzte Nacht auf Erden. Am nächsten Morgen wachte Owen allein am Strand auf. Wäre das silberne Armkettchen nicht gewesen, das Kat zurückgelassen hatte, hätte er auch glauben können, alles wäre nur ein abgefahrener Traum gewesen. Jetzt zog er es aus der Tasche seiner Shorts und fuhr mit dem Daumen über die kleinen Kratzer auf der Oberfläche. Er hob es an die Nase und schnupperte daran. Vielleicht verströmte es ja noch einen Hauch ihres Dufts?