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Jeder ist berufen – ist wirklich jeder berufen? Was hat Berufung mit meinem konkreten Leben zu tun? Könnte es tatsächlich sein, dass auch ich selbst berufen bin? Und falls ja: Wozu bin ich berufen? Die bekannten katholischen Theologen Jacqueline Straub und Christian Löhr sprechen gemeinsam mit dem Journalisten Michael Defrancesco über ein Thema, das schon nach kurzer Zeit tief in das ganz persönliche Leben jedes einzelnen Menschen eingreift. Es geht um gelingendes Leben, es geht um die Frage, wie jeder seine ureigene Berufung erkennen und daraus leben kann. Zehn Abende zu dritt - zehn Gespräche vor dem knisternden Kamin: Mal tiefgründig, mal mit einer großen Portion Humor, und stets sehr persönlich, lebendig und lebensnah. → Was ist Berufung?
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Gottbrauchtdich
MICHAEL DEFRANCESCOCHRISTIAN LÖHRJACQUELINE STRAUB
Warum wirüber Berufungsprechen sollten
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
1. Auflage 2022
© 2022 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter.de
Covergestaltung: wunderlichundweigand GbR, Schwäbisch Hall
Layout Innenteil: satzgrafik Susanne Dalley, Aachen
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
ISBN 978-3-429-05777-0
ISBN 978-3-429-05237-9 (PDF)
ISBN 978-3-429-06589-8 (ePub)
Prolog
Kapitel 1:
Wie fühlt es sich an, berufen zu sein?
Kapitel 2:
Was ist eigentlich Berufung?
Kapitel 3:
Hat jeder Mensch eine Berufung oder nur Auserwählte?
Kapitel 4:
Welche Methoden benutzt Gott, um Menschen zu berufen?
Kapitel 5:
Wie erkenne ich meine eigene Berufung?
Kapitel 6:
Welche Antwort soll ich auf meine Berufung geben?
Kapitel 7:
Was kann ich tun, wenn ich an meiner Berufung verzweifle?
Kapitel 8:
Bin ich vielleicht in ein geweihtes Amt berufen?
Kapitel 9:
Wozu könnte ich berufen sein?
Kapitel 10:
Welche Berufungen braucht unsere Zeit?
Epilog
Danksagung
Biografien
Das Kaminfeuer lodert und füllt den Raum mit Wärme. Drei Personen stehen vor dem Feuer und stoßen mit ihren gut gefüllten Gläsern an: Dr. Christian Löhr, Generalrektor des Schönstatt-Institutes Diözesanpriester und Buchautor, ist der Hausherr im großen Tagungs- und Gästehaus auf Berg Moriah, unweit von Koblenz gelegen. Jacqueline Straub, Theologin, Journalistin, Buchautorin und bekannt als Vorkämpferin für das Frauenpriestertum in der katholischen Kirche, wohnt in der Schweiz, hat aber die weite Anreise gerne auf sich genommen. Zusammengebracht wurden die beiden von Michael Defrancesco, Journalist und ebenfalls Schönstätter, der sowohl Christian Löhr als auch Jacqueline Straub seit vielen Jahren kennt und die beiden ermuntert hat, sich doch einmal zu einem gemeinsamen Buchprojekt zu verabreden.
Es ist ein herzliches Zusammentreffen. Es knistert nicht nur das Feuer im Kamin. Auch zwischenmenschlich funkt es auf Anhieb. Das ist wichtig, denn das Trio will sich zehn Abende lang über eine der wichtigsten Fragen im Leben eines Menschen unterhalten: Wozu bin ich auf der Welt? Hat Gott etwas mit mir vor? Habe ich eine Berufung – und wenn ja: Zu was bin ich berufen?
Christian Löhr und Jacqueline Straub haben tiefe persönliche Erlebnisse auf ihren individuellen Berufungswegen gemacht und sich im Rahmen ihres Theologiestudiums auch das nötige Fachwissen angeeignet. „Und Sie, lieber Herr Defrancesco“, sagt Jacqueline Straub schmunzelnd und klopft dem Journalisten auf die Schulter, „Sie haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass wir nicht zu abgehoben herumphilosophieren.“ Christian Löhr nickt zustimmend: „Sie werden uns erden.“ „Das kann ja heiter werden“, seufzt der Angesprochene und füllt umgehend sein Weinglas noch einmal auf. Das Trio stößt lachend erneut miteinander an.
Zehn Abende, zehn Kamingespräche – an jedem Abend soll über einen ganz bestimmten Aspekt von Berufung gesprochen werden. „Am besten tun es unsere Leserinnen und Leser uns dreien gleich“, schlägt Christian Löhr vor, als man sich in drei gemütlichen Sesseln vor dem knisternden Feuer niederlässt. „Eine gute Idee“, nickt Jacqueline Straub und sagt: „Machen Sie es sich zu Hause so richtig gemütlich, gönnen Sie sich ein gutes Glas Wein oder einen leckeren Tee und lesen Sie jeden Abend ein Kapitel.“ So kann das Gelesene tief in die Seele fallen und nachklingen – und viele gute eigene Gedanken hervorbringen. Um das Gespräch flüssiger lesen zu können, werden in der Folge die Namen der drei Akteure nicht ausgeschrieben, sondern nur jeweils die Kürzel vorangestellt:
CL für Christian Löhr,
JS für Jacqueline Straub und
MD für Michael Defrancesco.
Michael Defrancesco stellt sein Weinglas ab, nimmt seine Notizen hervor und klatscht in die Hände: „Lassen Sie uns beginnen!“ Jacqueline Straub und Christian Löhr setzen sich und schauen den Moderator erwartungsvoll an. Genug der Vorrede – die zehntägige Reise in die Welt der Berufungen kann beginnen.
Wie fühlt es sich an, berufen zu sein?
MD: Jacqueline Straub, Christian Löhr – ich freue mich, dass wir uns zu unserem ersten Kaminabend treffen, um gemeinsam über Berufungen zu sprechen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich ja bei einer Geschichte schmunzeln müssen, die durch die Medien gegangen ist: Papst Franziskus hatte sich wieder einmal im Vatikan abgesetzt – diesmal, um in einen Plattenladen zu gehen, dessen Besitzer er kannte. Bei diesem Ausflug wurde er von einem Paparazzo erwischt – und das Foto vom Heiligen Vater im Schallplattenladen ging natürlich sofort um die Welt. Der Papst schrieb später dem Fotografen: „Erfüllen Sie weiterhin Ihre Berufung, auch wenn dies bedeutet, den Papst in Schwierigkeiten zu bringen.“
JS:(lacht) Wie schön ist das bitte! Das ist so typisch Franziskus.
MD: Mir ist aufgefallen, dass der Papst nicht schreibt: „Machen Sie weiter Ihren Job.“ Sondern er sagt: „Erfüllen Sie Ihre Berufung.“ Das ist einerseits sehr aufmunternd – aber: „Weiß ich denn überhaupt, was meine Berufung ist?“ Wie schaut es bei Ihnen beiden aus: Sind Sie sich ganz im Klaren über Ihre Berufung, Frau Straub?
JS: Der Kern meiner Berufung bleibt zumindest immer gleich: Ich möchte als katholische Priesterin tätig sein dürfen, ich möchte die Eucharistie feiern, taufen, die Beichte abnehmen dürfen. Da das aber nach aktuellem Stand der Dinge in der katholischen Kirche noch nicht möglich ist, ist es wichtig, dass sich eine Berufung auch in mehreren Aspekten äußert. Franziskus beispielsweise scheint zu spüren, dass ein Journalist nicht einfach nur seinen Job macht, sondern stets eine besondere Berufung verspürt – eine Leidenschaft. Und das steckt für mich auch immer in einer Berufung drin: dass man etwas mit Leidenschaft machen möchte, dass das ganze Herz nach etwas strebt.
CL: Ich habe diese Meldung über den Ausflug des Papstes in den Plattenladen auch gelesen – und ich war kürzlich noch in Argentinien. Die Argentinier haben natürlich noch mal eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Francisco – deshalb wurde die Geschichte besonders gefeiert. Wenn ich mir den Dank des Papstes noch einmal vor Augen halte, dann heißt das: Er wertschätzt, dass ein Mann bereit war, sofort zu reagieren, und dass er nicht gesagt hat: „Ach, ich habe gerade Feierabend, ich mache jetzt kein Foto mehr.“ Ich persönlich kenne diesen Plattenladen übrigens sehr gut – während meines Studiums in Rom war ich auch dort. Und als ich die Geschichte gelesen habe, dachte ich: „Ach, schade, dass mir so eine Papstbegegnung nie passiert ist.“(lacht) Der Papst war ja nicht lange in dem Laden, aber ich kann mir vorstellen, wie schnell sich da am Abend im Gewühl rund um das Pantheon eine Traube von Menschen bildet und was das für die Sicherheitsleute des Papstes bedeutet. Das meint er wohl damit, dass „Sie den Papst in Schwierigkeiten gebracht haben“. Aber dennoch wertschätzt er es, dass dieser Fotograf so geistesgegenwärtig war und ein Bild machte. Das ist ein schönes Bild für Berufung insgesamt! Berufung bedeutet: Ich bin aufmerksam, ich lasse mich nicht gehen, ich reagiere. Das gefällt mir sehr gut, das ist eine schöne Beschreibung für Berufung.
JS: Das Wort „Berufung“ hat oft etwas Katholisches an sich. Wenn ich Protestanten sage, dass ich eine Berufung habe, muss ich es ihnen oft erst mal erklären. Ich finde es schön, dass Franziskus den Begriff nicht nur im kirchlichen Kontext verwendet, sondern ihn weitet und damit uns allen sagt: „Ihr habt eine Berufung, und ihr sollt diesem Brennen nachgehen.“ Eine Berufung ist nicht „nine-to-five“, sondern die hält 24 Stunden jeden einzelnen Tag meines Lebens – und sie treibt mich an, mein Bestes zu geben und dem Brennen in meinem Herzen zu folgen.
CL: Ich habe den Eindruck, wer mit ganzem Herzen seinen Beruf ausübt – gerade auch, wenn es dem Menschen zugewandte Berufe sind, im karitativen oder edukativen Bereich beispielsweise –, der macht nicht einfach nur seinen Job. Wer aus sich herausgeht und auf den Nächsten zugeht, der geht nicht nur seinem Beruf nach, sondern einer Berufung. Das gefällt mir sehr gut.
MD: Wir sind schon mitten im Thema drin. Ich spüre, wie Sie beide für Ihre Berufung brennen. Wie hat sich Ihre persönliche Berufung entwickelt? Können Sie das an einem bestimmten Moment festmachen?
JS: Als ich zum ersten Mal eine Ahnung von meiner Berufung bekam, war ich 14, 15 Jahre alt und in einem christlichen Sommercamp. Ich hatte eine Klassenkameradin und Freundin, die freikirchlich geprägt war. Durch sie habe ich den Glauben so richtig entdeckt. Ich bin zwar katholisch aufgewachsen, aber Kirche und Glaube waren für mich etwas Fernes, etwas für alte Menschen. Durch diese Freundin habe ich einen sehr lebendigen Gott kennengelernt und angefangen, in der Bibel zu lesen. Mit ihr bin ich also gemeinsam in dieses Jugendcamp gefahren – vor allem die lebendigen Gottesdienste und die stille Zeit der Bibellektüre haben mir gefallen. Ich habe gespürt: Da lodert etwas in mir, und ich möchte diesen Gott noch mehr und besser kennenlernen. In dieser Woche im Camp zog ich mich sehr zurück und wollte die Zeit mit Gott nutzen. Und da gab es diesen Moment. Ich saß auf einer Wiese und mir kam der Gedanke: „Ich möchte gerne das machen, was der Pfarrer macht.“ Ich habe das aber niemandem erzählt, denn ich wusste: Ich bin katholisch – und das geht nun mal nicht. Ich bin eine Frau – das darf also nicht sein. Am Tag danach saßen wir mit der Gruppe beim Essen. Mein Gruppenleiter sagte: „Jacqueline, übernimm du doch das Tischgebet und bete für uns alle.“ Ich hatte noch nie in meinem Leben laut vor anderen Menschen gebetet und war herausgefordert, ein Gebet zu formulieren. Zuerst habe ich mich geniert und gesagt, ich könnte das nicht – aber mein Gruppenleiter meinte nur: „Doch, du kannst das. Jeder kann das, denn man kann gar nicht falsch beten.“ Also habe ich frei gebetet – und auf einmal habe ich gemerkt, wie mich alle in der Gruppe angestarrt haben. Ich war irritiert – war ich so schlecht gewesen? Aber das Gegenteil war der Fall! Mein Gruppenleiter sagte: „Jacqueline, du wirst eines Tages eine richtig gute Pfarrerin.“ Da bin ich kurz erschrocken, weil er das gesagt hatte, was ich zuvor gespürt hatte. Das war der Startpunkt, und dann musste ich meiner Berufung weiter auf die Spur kommen.
MD: Wie war es bei Ihnen, Christian Löhr? Gab es auch einen Startschuss im Zeltlager?
CL:(schmunzelt) Ich habe ehrlich gesagt immer Menschen beneidet, die ihre Berufung so wie Jacqueline Straub an einem Moment festmachen können, in dem sie gespürt haben: „Jawohl, Gott braucht mich.“ Ich muss bekennen: Das war bei mir nicht so. Es war eher ein Kontinuum. Ich habe es dem lieben Gott auch nicht besonders leicht gemacht. (lacht) Ich bin in eine katholische Familie hineingeboren worden, wofür ich auch sehr dankbar bin, und ich hatte immer ein Interesse an theologischen und philosophischen Fragen. In meiner Familie waren viele Dinge einfach selbstverständlich, und so wurde ich ganz natürlich ins Religiöse eingeführt. Ich hatte auch immer eine Freude an Liturgie! – Nun ist es ja so, dass Teenager immer Vorbilder brauchen – für die meisten in meinem Alter waren das damals Fußballstars. Ich bin bei den Dresdner Kapellknaben und den Regensburger Domspatzen groß geworden, und für mich war das immer die Musik. Es eines Tages zu einem großen, bekannten Musiker zu bringen – das hat mich als Jugendlicher gereizt, obwohl ich wusste, dass ich auch Interesse an der Kirche habe. Ich habe dann aber doch Musik studiert und dachte, dass ich mein Hobby zum Beruf machen würde und dass das eine gute Idee sei. Doch im Lauf der Zeit merkte ich: Im Bereich der Musik gönnt man sich nichts! Man sagt zwar vor einem Konzert „Toi, toi, toi“ zueinander, aber irgendwie ist man doch ganz froh, wenn der Mitbewerber einen schlechten Tag hat und nicht so gut ist wie man selbst. Denn dann kann man sich selbst Hoffnungen auf einen Karrieresprung machen – im Orchester oder als Sänger beispielsweise. Und irgendwann spürte ich: Ich möchte nicht ein Leben lang die Ellbogen ausfahren und meinen Platz behaupten müssen – da kommt mir meine Leidenschaft, die Musik, zu stark unter die Räder. Und ich spürte, dass der liebe Gott mir ganz liebevoll und ausdauernd, ganz sanft, aber doch beständig mitgeteilt hat: „Du könntest eigentlich noch direkter für mich tätig werden als nur durch die Musik.“
MD: Wenn ein Priester fantastisch singen kann, ist das ja ein großes Geschenk für jede Gemeinde!
CL: Danke, dass Sie das so sagen! Ja, ich habe damals auch gedacht: Meine Leidenschaft zu singen passt sehr gut zum Priesterdasein. Man stelle sich vor, ein Notar würde plötzlich seinem Gegenüber die Dokumente vorsingen – ich weiß nicht, ob die Leute noch mal wiederkommen würden. Hingegen bei mir ist das sehr schön. Wenn ich beispielsweise bei meinen Mitbrüdern in Lateinamerika bin, dann gibt es die ein oder andere sprachliche Barriere – aber wenn ich am Altar stehe und etwas singe, dann sind die Herzen der Menschen sofort offen. Ich habe mein Talent nicht zurückstellen müssen, sondern konnte das sehr gut integrieren.
MD: Als die Berufung immer klarer wurde: Wem haben Sie sich anvertraut? Oder haben Sie das meiste doch mit sich selbst und dem lieben Gott ausgemacht?
JS: Ich habe gewusst, dass ich katholisch und eine Frau bin. Und ich wusste, dass ich nicht in eine Freikirche oder in die evangelische Kirche wechseln will, weil die römisch-katholische Kirche einfach meine Heimat ist. Also habe ich versucht, meiner Berufung weiter auf die Spur zu kommen, und ich habe mich mit 15 Jahren dann zum Firmweg angemeldet – mit 16 wurde ich gefirmt. Wir hatten in unserer Gemeinde einen sehr charismatischen Pfarrer, und in der Firmvorbereitung hatte ich ebenfalls die Möglichkeit, mit meinen Firmbegleiterinnen darüber zu sprechen – und ich spürte, dass ich wirklich langsam auf dem Weg bin. Anfangs dachte ich: Vielleicht habe ich ja nur eine Phase, so wie Teenager eben Phasen durchleben. Zum Beispiel habe ich etwa ein halbes Jahr oder Jahr das Skateboard-Fahren geliebt und wollte es möglichst gut können. Oder ich hatte meine Rockmusik-Phase, die nach einer Weile wieder vorbei war. Aber ich habe gemerkt: Die Firmung hat mich so in meinem Glauben und in meiner Berufung bestärkt, dass dies nicht nur eine Phase sein kann – da ist mehr dahinter. Ich habe mich meinem Religionslehrer anvertraut, der auch Pastoralreferent war, und der hat mir geraten, Ministrantin zu werden. Mit 17 habe ich meinen ersten Ministrantendienst angetreten und war ab diesem Zeitpunkt jeden Sonntag im Gottesdienst – und ich habe gespürt: Das ist der Platz, wo ich sein möchte. Aber ich habe mich immer noch nicht getraut, laut meinen Wunsch auszusprechen, dass ich Priesterin werden möchte. Ich dachte, das stünde mir nicht zu, diesen Satz zu sagen. Aber dann nahm mich mein damaliger Pfarrer zur Seite und sagte, dass er bei mir etwas spüre. Ihm war aufgefallen, dass ich mich immer für den Altardienst eingeteilt hatte und nie für Leuchter oder etwas anderes. Nein, ich wollte immer den Kelch und die Patene zum Altar bringen, weil ich so nah wie möglich dabei sein wollte. Und dann sprach mein Pfarrer lange mit mir – und am Ende riet er mir, evangelisch zu werden. Er sagte: „Da haben es Frauen leichter, und da musst du nicht kämpfen.“ Ich habe dies für einige Wochen in mein Gebet mitgenommen und bin dann wieder zu meinem Pfarrer gegangen. Und ich sagte: „Nein, ich spüre im Gebet, dass mein Herz römisch-katholisch schlägt.“ Daraufhin sagte mein Pfarrer: „Gut, dann musst du Theologie studieren. Und vielleicht findest du so Argumente, warum Frauen katholische Priesterin werden sollten.“ Er hat mir nie gesagt, dass Frauen nicht berufen sein können. Er warnte mich nur, dass es schwierig werden würde.
MD: Als Mann hatten Sie diese Schwierigkeiten in der katholischen Kirche nicht – aber wie war es bei Ihnen, Christian Löhr? Wem haben Sie sich anvertraut, als Sie spürten, dass sich da eine neue Berufung in Ihnen rührt?
CL: Bei mir kam dann eines Tages der Moment, in dem ich auf die Karte „Theologiestudium und Priestertum“ setzen wollte. Ich kannte einige Priester, die ein sehr überzeugendes Vorbild für mich waren, bei denen ich dachte: „So möchte ich auch werden.“ Ich bekam aber auch mit, dass einige schon nach wenigen Jahren im Amt scheiterten – in der Regel an der Zölibatsfrage. Da wünschte ich mir, dass mir das bitte möglichst nicht passieren soll, dieses Scheitern an der Berufung, das Scheitern an den Zugangsbedingungen zum Priesterdienst. Ich bin längere Zeit damit schwanger gegangen und habe mich gefragt: „Kann ich von mir sagen, dass ich es besser schaffe als diese jungen Priester, die ich kennengelernt habe?“ Ich muss ehrlich sagen, dass mich dies beunruhigt hat. Im Alter von 18, 19 Jahren durfte ich in Salzburg die Karwoche bei den Benediktinern miterleben, zusammen mit einem Schulkameraden, der inzwischen Kirchenmusiker geworden ist. Und ich habe mich damals einem jungen Frater anvertraut und ihm erzählt, dass ich da eine Sehnsucht in mir spüre, mich ganz dem Herrn zu schenken und ganz für ihn da zu sein. Aber dass ich auch die Sorge habe, dass ich vielleicht in einigen Jahren dastehe und sagen muss: „Tut mir leid, hat leider doch nicht geklappt. Schade.“ Und dieser Frater sagte mir ein wunderbares Wort: „Christian, versuch es mal! Trau dich!“ Da könnte man jetzt lachen und sagen: „Toller Tipp, das kann ja jeder sagen.“ Aber dieses Wort wurde ganz wichtig für mich! Da war ein junger Benediktiner, der mir sagte, dass ich es versuchen und mich auf den Weg machen soll! „Es klappt schon! Du kannst nicht alle Eventualitäten des Lebens vorab zu klären versuchen, dann kommst du nie an ein Ziel.“ Und das hat bei mir tatsächlich dazu geführt, dass ich gesagt habe: „Gut, lieber Gott, ich nehme das Theologiestudium mal noch dazu.“ Das Musikstudium wollte ich noch nicht aufgeben. Also wurde ich eine Art Doppelschwimmer und horchte in mich hinein, wie es mir geht. Bis ich dann spürte, dass sich die Waagschale immer mehr auf der Seite der priesterlichen Berufung zu senken begann.
MD: Ein wunderschöner Gedanke – die aufmunternde Stimme Gottes auf diese Art zu hören. Gut, in der damaligen Zeit war es bestimmt einfacher, aufmunternde Stimmen zu hören, wenn man erzählte, dass man Priester werden will, nicht wahr?
CL: Das stimmt, ich frage mich oft: Wer macht denn in der heutigen Zeit jungen Menschen Mut, sich in den Dienst der Kirche zu stellen? Berufung braucht immer auch Mitmenschen, die einem Mut machen, der Berufung zu folgen – das hat mir bei Jacqueline Straub so gut gefallen, wie ihr im Zeltlager gespiegelt wurde: „Wow, dir ist wirklich ein besonderes Charisma gegeben. Setz es ein! Mach es fruchtbar für andere!“
MD: Wie sind Sie mit mahnenden Stimmen umgegangen?
CL: Ich weiß nicht, ob ich so viele mahnende Stimmen gehört habe. Ich erinnere mich aber, dass meine Kommilitonen auf der Musikhochschule schon verwirrt waren, als sie erfuhren, dass ich zu einem Zwitterwesen mutiert war, das auf einmal auch noch Theologie studierte. „Was hören wir da von dir?“, fragten sie. Aber das tat mir gut, von Anfang an begründen zu müssen, warum ich das tat und warum das gut für mich sein könnte. Und ähnlich wie bei Jacqueline Straub hat man mir gesagt: „Oh, dass du Priester wirst, das können wir uns gut bei dir vorstellen.“
MD: Ich kann mir vorstellen, liebe Frau Straub, dass es Ihnen weh tut, wenn Sie einerseits in Ihrer Berufung so liebevoll bestärkt werden – und Sie andererseits genau wissen, dass sehr viel passieren müsste, damit Sie noch zu Lebzeiten als Frau Ihrer Berufung nachgehen könnten. Wie ordnen Sie da aufmunternde oder mahnende Stimmen ein?
JS: Es hat mir damals sehr geholfen, als mein Pfarrer mir meine Berufung nicht ausreden wollte, aber mich darauf hinwies, dass es ein schwieriger Weg werden würde. Er hat mich gut vorbereitet auf das, was kommen würde. Auch meine Familie stand voll und ganz hinter mir. Meiner Mutter war nur immer wichtig, dass ich nicht extrem werde, weder extrem konservativ noch extrem freikirchlich, sondern dass ich …
MD: … dass Sie ordentlich bleiben.
JS:(lacht) Genau. Ordentlich und katholisch. Ich kann mich erinnern, dass die Firmbegleiterin aus meiner Gemeinde zu mir sagte, ich solle doch einfach Pastoralreferentin werden. Das hat sie natürlich nicht böse gemeint, aber sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Frauen zur Priesterin berufen sein könnten. Ein schöner Moment kommt mir noch in den Sinn: In meiner Abiturzeitung gab es für jede Schülerin und jeden Schüler einen Steckbrief, und die Lehrerinnen und Lehrer konnten da hineinschreiben, was sie denken, wo die jeweilige Person in zehn oder 20 Jahren beruflich stehen würde. Und bei mir hat der evangelische Religionslehrer reingeschrieben, dass ich die erste katholische Bischöfin in Baden-Württemberg werden würde. (lacht) Das fand ich total schön! Ich hatte nie bei ihm Religionsunterricht, aber offenbar wussten viele auf meiner Schule, was ich werden will, und für mich war das eine schöne Anerkennung.
CL: Ich erinnere mich, dass ich in der Anfangszeit gar keine konkreten Vorstellungen davon hatte, wo mein priesterlicher Weg hingehen könnte. Ich wusste nur, dass ich mich für die Verkündigung der Frohen Botschaft einsetzen wollte. So wie ich auch als Sänger beispielsweise in der Vorweihnachtszeit das Weihnachtsoratorium rauf und runter gesungen habe: Das war für mich nicht nur eine musikalische Darbietung und Herausforderung, sondern es war Verkündigung! Ich konnte den Menschen durch die Musik eine tiefe Botschaft der Liebe Gottes verkündigen, so wie ich sie heute in einer Predigt verkündigen kann oder wie dies auch – wenn ich den Gedanken von Jacqueline Straub aufgreifen darf – eine Pastoralreferentin oder eine Lehrerin in der Schule machen kann. Ein konkretes Ziel hatte ich damals gar nicht im Blick. Heute spricht man bei priesterlicher Berufung ganz oft direkt von einer Pfarreileitung, und ich bedauere das sehr, da so die Größe, Schönheit und Weite von Berufung – und da nehme ich ausdrücklich auch Frauen mit hinein, denn wir brauchen Frauen, die ganz für Christus einstehen – zu sehr in den Hintergrund geraten sind. Aber manchmal sind Schwierigkeiten ja auch etwas, das im Nachhinein biografisch sogar einen Schub gegeben hat. Ich komme beispielsweise gebürtig aus der damaligen DDR, einem Gebiet, in dem bis heute die Christen in einer Diasporasituation leben. Bei mir gab es keine katholischen Schulen – das haben die Kommunisten nicht zugelassen –, und ich hatte einen Schulleiter, der mich aufgrund meiner katholischen Herkunftsfamilie auf dem Kieker hatte. Ich habe diese Herausforderung angenommen und mich bewusst geschult. Ich habe viel gelesen und andere Menschen gefragt, wie man einem Kommunisten ein überzeugendes Glaubenszeugnis geben könnte. Dass ich für diesen Schulleiter ein komischer Typ war, weil ich gottgläubig war, das hat mir geholfen, eine Grundstimmung in mir für den Glauben, für die Liebe, für Jesus Christus zu erzeugen – und ich konnte dann auch in der Öffentlichkeit dafür eine Lanze brechen. Das war für mich Berufung. Wo diese Berufung dann konkret hinführen würde, wusste ich nicht. Ich bin ja heute im Vergleich zu vielen anderen Priestern ein bisschen wie ein bunter Kanarienvogel. (lacht) Ich darf eine neue geistliche Gemeinschaft leiten und in der Welt herumreisen – das ist für viele Priester fremd. Aber eigentlich wäre es das doch: dass jeder und jede, dem Gott Talente geschenkt hat, damit etwas für ihn, für die Kirche, für den Glauben tun und wirken kann.
MD: Wie hat Ihr engstes Umfeld darauf reagiert, als Sie erzählten, Priesterin werden zu wollen, Frau Straub?
JS: Da kann ich mich gar nicht mehr so genau erinnern, aber ich weiß sehr wohl noch, wie mir meine Mutter eine kleine Taschenbibel schenkte, als mein Glaube im Teenageralter so richtig zu lodern begann. Und an Ostern drauf bekam ich die Bibel zum Hören – also eine CD-Box mit zehn CDs, die besprochen waren und die ich mir jeden Abend anhörte. Meine Mutter hat mich sehr unterstützt und ist meinen Weg mitgegangen. Auch meine Freunde und Freundinnen haben mich immer schon so erlebt, dass ich von Jesus tief ergriffen war und immer von ihm erzählt habe. Eines Nachts haben Klassenkameraden bei mir zu Hause angerufen, die gerade Party machten. Ich habe schon geschlafen, aber mein Handy war nicht ausgestellt. Ich wurde wach durch den Anruf und bin rangegangen. Und dann grölten sie durchs Handy: „Jacqueline, was steht in der Bibel in Matthäus 4,18?“ Ich habe kommentarlos das Nachttischlämpchen angemacht, die Bibel, die auf meinem Nachttisch lag, aufgeschlagen und ihnen die gewünschte Bibelstelle vorgelesen. Und auf einmal war es totenstill am anderen Ende der Leitung – meine Klassenkameraden wollten mich eigentlich auf den Arm nehmen und hatten nicht damit gerechnet, dass ich ihnen ganz cool mitten in der Nacht aus der Bibel vorlesen würde und gar nicht davon genervt war. Ich glaube, die haben sich dann auch nicht gewundert, als sie hörten, dass ich eine Berufung spüre und mich auf den Weg machen will, um katholische Priesterin zu werden. (lacht)
MD: Dr. Löhr, kann man Sie auch nachts um drei anrufen und Sie zitieren auswendig Bibelstellen? Ach nein, stopp, Frau Straub musste ja nachschlagen, sie wusste es nicht auswendig.
JS:
