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Beschreibung

»Die Sache mit Gott« zwischen Atheismus und Neuer Religiosität

Gott als Beruf: Für Heinz Zahrnt verband sich die Konzentration auf die Gottesfrage immer mit der Leidenschaft um weltliche Konkretion. Dieses Lesebuch will ein Leitfaden sein durch die wichtigsten Über-legungen von Heinz Zahrnt zur Gegenwart und Zukunft des Christentums zwischen Atheismus und Neuer Religiosität. Herausgeberin dieses einmaligen Lesebuches ist Margot Käßmann, die als langjährige Freundin und Vertraute des großen Theologen, Schriftstellers und Publizisten über weitreichende Kenntnisse seines Werkes verfügt, die sie in ihrer Einleitung bündelt.

  • Hommage an den großen Theologen und Humanisten
  • Ein Lesebuch zum 100. Geburtstag von Heinz Zahrnt am 31. Mai 2015
  • Mit einer Einleitung von Margot Käßmann

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EPUB
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Seitenzahl: 439

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Gott kann nicht sterben

Das Heinz-Zahrnt-Lesebuch

Herausgegeben von

Margot Käßmann

Gütersloher Verlagshaus

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2015 by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Das Gütersloher Verlagshaus, Verlagsgruppe Random House GmbH, weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags für externe Links ist stets ausgeschlossen.

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Coverfoto: © Dorothee Merseburger-Zahrnt

ISBN 978-3-641-12980-4

www.gtvh.de

Inhalt

Vorwort

Der Mensch an der Grenze – Briefwechsel und Gespräch

Der Mensch zwischen Vergangenheit und Zukunft

Die Sache mit Gott

Gott kann nicht sterben

Aufklärung durch Religion

Westlich von Eden

Jesus aus Nazareth

Gotteswende

Glauben unter leerem Himmel

Aufsätze und Vorträge

Kirche – Konfessionen – Weltreligionen: Gott ist größer

Die Erfahrung der Abwesenheit Gottes

Um Gottes Willen

FAZ-Fragebogen vom 5.1.1996

Traueransprache

Bibliographie

Vorwort

Unter den vielen Büchern von Heinz Zahrnt in meinem Regal ist mir eines besonders ans Herz gewachsen. Es ist ein kleines Bändchen mit einem braunen Pappeinband mit dem Titel »Der Mensch an der Grenze«. Innen steht »Military Government Information Control 1947«. Heinz Zahrnt hat es mir zur Einführung als hannoversche Landesbischöfin geschenkt und in seiner unverkennbaren Schrift mit der stets verwendeten grünen Tinte hinein geschrieben: »Für Margot Käßmann. Ich gedenke der alten Zeit, der vergangenen Jahre (Ps 77) und wünsche gute neue Zeit in noch vielen zukünftigen Jahren. Heinz Zahrnt.«

Ich habe dieses Büchlein noch einmal gelesen in der Vorbereitung auf diesen Band mit Texten zu Heinz Zahrnts 100. Geburtstag. Es war sein erstes Buch, 1946 geschrieben. Und es hat mich gefesselt wie alle seine Bücher. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er vier Jahre als Soldat war, ist es ihm gelungen, die großen Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem Umgang mit Leid, Schuld und Verzweiflung zu benennen, ja in ein Gespräch zu bringen, denn es handelt sich um einen fiktiven Briefwechsel. Er zeigt eine Gabe, die Heinz Zahrnt bis zu seinem letzten Buch »Glauben unter leerem Himmel« ausgezeichnet hat: Die großen Glaubens- und Lebensfragen so in Worte zu fassen, dass Theologie lebendig, spannend, mitreißend wird. Die Leserin und der Leser beginnen mitzudenken, seine Gedanken aufzugreifen und in ein Gespräch mit eigenen Gedanken zu bringen.

Genau das zeichnet das Buch aus, das ich als erstes von ihm gelesen habe und das sein wohl bekanntestes ist: »Die Sache mit Gott«. Es wurde mir geschenkt zum Beginn meines Theologiestudiums 1977 und hat mir einen weiten Horizont eröffnet, in den ich einordnen konnte, was mir begegnete. Der SPIEGEL schrieb dazu 1967 (Ausgabe 6): »Zahrnt macht die Höhen und Tiefen, die Hintergründe und Auswirkungen der protestantischen Theologie im 20. Jahrhundert wie in einer gewaltigen dramatischen Handlung anschaulich. Da gibt es die Hauptakteure: Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Rudolf Bultmann und Paul Tillich. Dazu werden Nebenrollen verteilt: so etwa an Friedrich Gogarten, Emil Brunner, Paul Althaus, Helmut Thielicke, an die Schüler Bultmanns und an Wolfhart Pannenberg. Selbstverständlich können bei diesem Schauspiel nicht alle Theologen mitwirken, aber sie dürfen es auch nicht, denn der Autor, der zugleich Regisseur ist, behält in virtuoser Führung alle Fäden in der Hand, um sein Ziel zu erreichen. Dieses theologische Drama ist höchst spannend, erweckt Aufmerksamkeit und reizt zum Widerspruch.« Wer die Auszüge aus dem Buch hier nachliest, wird auch ein halbes Jahrhundert später beeindruckt sein von dieser Regieleistung. Auf jeden Fall hatte ich den Eindruck: Ich begreife Zusammenhänge, beginne zu verstehen, worum es diesen Männern der Theologie ging und geht – Frauen kamen in der Tat nicht vor.

Heinz Zahrnt war Pfarrer und Studentenpfarrer. Er hat das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt in Hamburg mit aufgebaut und als sein theologischer Chefredakteur den evangelischen Diskurs in Deutschland viele Jahre geprägt. Er war Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages und 1971/73 auch Kirchentagspräsident. Vor allem aber war er Autor, der seinen Leserinnen und Lesern theologische Grundfragen und theologische Erkenntnisse nahegebracht hat, etwa in »Jesus aus Nazareth«, »Das Leben Gottes« oder auch »Gott kann nicht sterben«. Immer wieder hat er dafür plädiert, Glaube und Vernunft nicht auseinanderzureißen, was ihm heftige Kritik von evangelikalen Kreisen einbrachte. Aber wer in diesem Sammelband noch einmal nachliest, wie er über Auferstehung schreibt, vom Bericht des Paulus im ersten Korintherbrief her die Entstehung des Osterglaubens nachzeichnet, aber klar macht: »Die Wahrheit des Ostergeschehens erschließt sich nicht dem historischen Wissen, sondern allein dem Glauben«, kann nur als hilfreich wahrnehmen, wie Historisches erklärt und die Glaubensfrage gestellt wird. Zahrnt plädiert dafür, dass sich der Glaube den Anfragen der säkularen Welt, des Atheismus zu stellen hat, etwa in »Gotteswende. Christsein zwischen Atheismus und Neuer Religiosität«. Damit war er für viele hilfreich, die nach Sprache für den Glauben suchen in einer Zeit, in der er mit alten Formeln meist nicht zu vermitteln ist. Im Grunde hat Heinz Zahrnt ein Leben lang darum gerungen, Gott ins Gespräch zu bringen.

Gesehen habe ich Heinz Zahrnt von weitem bei Vorträgen auf Kirchentagen. Als ich selbst zur Generalsekretärin gewählt wurde, begegnete er mir mit großer Skepsis. Mit der ökumenischen Bewegung verband er keine positiven Assoziationen, warum, habe ich nie ganz verstanden, vermutlich war er schlicht nicht mit ihr in Berührung gekommen. Dass ich bei Konrad Raiser über den Ökumenischen Rat der Kirchen promoviert hatte, sah er daher nicht gerade als Ausweis angemessener Kompetenz für die Leitung des Kirchentages. Und so stichelte er gern gegen mich mit der Anrede »Meine liebe Frau Doktor Generalsekretärin«. Im Laufe der Jahre kam er aber immer wieder in Fulda vorbei und lud mich dort oder anderswo zu einem langen Essen ein, bei dem wir über Gott und die Welt sprachen, manches Mal gemeinsam mit Klaus von Bismarck. Ich hatte den Eindruck, die beiden Männer, die dem Deutschen Evangelischen Kirchentag seit seiner Gründung eng verbunden waren, wollten mir weitergeben, was den Kirchentag ausgemacht hat, welche Bedeutung er in der Nachkriegszeit hatte, was Reinold von Thadden-Trieglaff und die anderen Gründer angetrieben hatte. Das waren für mich Stunden lebendiger deutscher Kirchengeschichte.

Und so entwickelte sich mit den Jahren die Anrede zu »meine Liebe« und war zunehmend mit Sympathie ausgedrückt. Eines Tages rief Heinz Zahrnt mich an und sagte: »Liebes, es wird nicht mehr so sehr lange dauern, denke ich. Würden Sie mich beerdigen?« Ich habe das als Auszeichnung empfunden, ich mochte Heinz Zahrnt sehr, sehr gern. Und manchmal musste ich dabei auch lachen. In Präsidiumssitzungen des Kirchentages saß er am liebsten neben Ernst Benda. Und wenn ihn dann ein Thema langweilte, begannen die beiden Männer miteinander Nebengespräche zu führen wie Schuljungen, sodass ich sie manchmal bitten musste, leiser zu sein. Dann feixten sie wie Lausbuben, das war nicht zu fassen. Sobald es um Dinge ging, die Heinz Zahrnt für Unsinn hielt, allem voran feministische Theologie, verlor er jede Contenance. Die Kirchentagsübersetzung in inklusiver Sprache und mit Berücksichtigung des sozialen Kontextes sowie der Erfahrungen des jüdisch-christlichen Dialogs nahm er regelmäßig und mit großem Vergnügen auf die Schippe. Und wenn er sich in etwas verbissen hatte, konnte er radikal dafür kämpfen. Für den Leipziger Kirchentag 1997 etwa wollte er unbedingt die Losung durchsetzen »Wer die Hand an den Pflug legt und schaut zurück, ist nicht gemacht für das Reich Gottes«. Als die Mehrheit sich für »Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben« entschied, war er verärgert und sah diese Entscheidung als eklatanten Fehler an.

Als »Urgestein des Kirchentages« gab es für Heinz Zahrnt ein paar Sonderregeln. Etwa die, dass er an allen drei Abenden einen Vortrag hielt. Das wurde manchmal hinterfragt, weil es nicht dem Schema entsprach, die Vorträge vormittags um elf Uhr zu halten, aber diese Vorträge setzte er immer wieder durch und sein Publikum dankte es ihm. Es waren dichte und gut besuchte Abende. Beim Stuttgarter Kirchentag 1999 erklärte er, das sei für ihn nun das letzte Mal, und ich konnte ihn am Samstagabend bei diesem Vortrag aus dem Kirchentag verabschieden. Damit ging 50 Jahre nach seiner Gründung ein Stück Kirchentagsgeschichte zu Ende, so haben die meisten Anwesenden das empfunden, denke ich.

Als ich im November 2003 auf dem Weg zur EKD Synode war, rief mich Dorothee Merseburger Zahrnt an, ihr Mann sei in der Nacht gestorben. Am 14. November haben wir ihn in Soest beerdigt. Es war eine würdige Trauerfeier, in der Heinz Zahrnt der Theologe, aber auch der Vater und Ehemann zur Sprache kam. Daher bildet die Traueransprache den Abschluss dieses Bandes. Beim anschließenden Beisammensein haben viele, die von Heinz Zahrnt geprägt waren, Erinnerungen an ihn geteilt, etwa Arnd Brummer, der einer seiner Nachfolger war als Chefredakteur des Sonntagsblattes. Oder der Journalist Ezzelino von Wedel. Letzterer erzählte, dass er Heinz Zahrnts Kirchenwitze so geschätzt hatte. Alle konnten zustimmen, er konnte unnachahmlich Witze erzählen, bei denen oft Bischof Lilje, Bischof Dibelius oder auch Martin Niemöller vorkamen. Aber dann hat Ezzelino von Wedel versucht, Zahrnt diese Witze vor dem Mikrofon erzählen zu lassen, um daraus eine Hörfunksendung zu machen. Das ist leider nicht möglich gewesen, weil klar wurde: Zahrnt brauchte den Menschen als Gegenüber, um zu erzählen.

So entstanden oft auch seine Texte. Er sandte mir ab und an einen Text zu, bat mich, ihn zu lesen, um dann am Telefon hin und her abzuwägen, ob das eine gute Formulierung sei oder nicht. Das habe ich stets bewundert, diese Art und Weise, Worte abzuwägen, Formulierungen zu verwerfen, um bessere zu finden. Und so entstanden wunderbare sprachliche Bilder. Eines, das ich besonders mag, ist: »Am Sterbebett lautet das letzte Wort des Arztes ›Exitus‹ – die christliche Beerdigungsliturgie nimmt dieses Wort auf und verwandelt den Exitus in den Introitus: ›Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.‹ (Psalm 121,8). So wird der Tod aus dem Exitus zum Transitus, aus dem Ausgang zu einem Durchgang und Übergang.« Er stammt aus seinem letzten Buch »Glauben unter leerem Himmel«. Während dieses Buch entstand, habe ich ihn einmal in Soest besucht, wo er mit seiner zweiten Frau lebte, die dort eine Buchhandlung hatte. Er hat besonders mit dem »letzten Kapitel« gerungen, in dem er seinen eigenen Tod reflektierte. Und ich finde bis heute, dass dieser Text besonders gut gelungen ist.

Ich danke vor allem Karl Lang, der die Idee zu diesem Buchprojekt hatte. Als Heinz Zahrnt einmal wieder zu einer Lesung in die Buchhandlung an der Marktkirche in Hannover kam, haben wir drei hinterher zusammen gesessen und über Gott und die Welt gesprochen. Das war eines dieser »Nikodemusnachtgespräche«, aus denen der Mensch tief berührt und bereichert nach Hause geht. Karl Lang hatte großen Respekt vor Heinz Zahrnt und Heinz Zahrnt große Sympathie für Karl Lang. Aus dieser Kombination ist nun ein Leseband geworden als posthumes Geschenk zum 100. Geburtstag, als Würdigung eines großen Theologen und als Bereicherung für alle, die diese Text lesen können. Mein Dank gilt auch Dorothee Merseburger-Zahrnt, die gemeinsam mit Karl Lang die Auswahl der Texte getroffen hat. Ich freue mich, dass wir das Buch gemeinsam an Heinz Zahrnts 100. Geburtstag, am 31. Mai 2015, in Schleswig der Öffentlichkeit vorstellen können.

Im Klappentext von »Der Mensch an der Grenze« hat jemand über Heinz Zahrnt geschrieben: »Heinz Zahrnt gehört zu jener jungen Theologengeneration, die, aufgewachsen in dem Engpass zwischen zwei Weltkriegen, ihr ganzes Studium unter der ständigen Störung durch die der Universität im allgemeinen und der Theologie im besonderen feindlichen nationalsozialistischen Gewalten verbringen musste, um bald nach Beendigung ihres Studiums selbst in den Krieg zu ziehen. Wurde er durch diese dauernden Einwirkungen von außen her auf der einen Seite von der stillen wissenschaftlichen Arbeit abgezogen, so verdankt er ihnen auf der anderen Seite doch gerade fruchtbare Förderung und entscheidende Prägung, da sie ihn zur anhaltenden inneren und äußeren Auseinandersetzung mit den Mächten der Gegenwart nötigten.« Was da ein unbekannter Verlagsmitarbeiter über den jungen Heinz Zahrnt schrieb, blieb für den alten Heinz Zahrnt aktuell. Er brachte die Theologie zu den Menschen im Dialog mit der Zeit. Das ist seinen Texten bis heute abzuspüren und ich bin froh, dass das Gütersloher Verlagshaus sie in Auswahl neu zugänglich macht, nachdem seine Bücher vergriffen waren.

Ich bin dankbar, dass ich diesen großen Mann kennenlernen durfte. Er war für mich ein Glaubenslehrer, der gerade auch mit Blick auf das Ringen um die Frage nach der Auferstehung bis heute anregend bleibt. Wie schreibt er in »Glauben unter leerem Himmel«: »Wohin Gott durch den Tod uns führt, bleibt ein Geheimnis. Mit einem Geheimnis aber kann man leben, wenn man Vertrauen hat.«

Margot Käßmann

Berlin, im März 2015

Der Mensch an der Grenze – Briefwechsel und Gespräch

Huius vitae status non habendo,

sed quaerendo Deo peragitur.

Es geht in diesem Leben nicht darum, Gott zu haben,

sondern ihn zu suchen.

Luther, Römerbrief-Vorlesung

Lieber Michael!

Ein schöner Traum ist ausgeträumt. Eben habe ich von der Universität die Mitteilung erhalten, dass der numerus clausus bereits erreicht sei und ich daher nicht mehr aufgenommen werden könne. Wir werden also nicht zusammen studieren. Noch vermag ich’s nicht zu fassen.

Da habe ich nun sechs Jahre lang vom Studium geträumt. Im Bunker, auf dem Marsche, im Quartier – immer stand mir nur das eine Bild vor Augen: Bücher, Hörsäle, Institute, Professoren und Kommilitonen. Immer trug ich nur den einen Wunsch im Herzen: studieren, hören, lernen, selber forschen. Der Krieg ist aus, ich habe heimkehren dürfen. Endlich schien der Augenblick gekommen, da sich mein Wunsch erfüllen sollte. Und nun muss ich erleben, dass ich abgewiesen werde. Numerus clausus – und ich darf nicht dazugehören. Ich mag nicht mehr. Ich bin an der Grenze. Mein ganzes Leben scheint mir nur noch ein Gefängnis.

Doch lass Dir Deine Freude dadurch nicht vergällen! Denke an alles Neue und Schöne, das auf Dich wartet! Ich neide es Dir nicht, sondern wünsche Dir von Herzen Kraft und Glück dazu. Hab ein reiches, erfülltes Semester! Und vergiss darüber nicht ganz

Deinen Thomas.

Lieber Thomas!

Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, wie Deine Nachricht mich getroffen hat. Du weißt, dass ich mich nach allem Harten und Bösen, was wir im Kriege miteinander durchgestanden haben, gerade auf das gemeinsame Studium mit Dir so sehr gefreut habe. Erinnerst Du Dich noch, wie wir uns draußen im Felde, wenn es drüben beim Gegner und auch auf unserer Seite ruhig war, manchmal an einem stillen Platz zusammengehockt und uns das Leben an der Universität ausgemalt haben? Und das soll jetzt auf einmal alles nur ein Traum gewesen sein? Glaube mir, mir ist die Freude auch verdorben. Am liebsten würde ich jetzt auch verzichten. Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, wie ich mich hier ohne Dich zurechtfinden soll.

Und doch dürfen wir dem Schweren, das uns in den Weg gelegt wird, nicht ausweichen. Auch Du darfst es nicht, Thomas! Ich schäme mich fast, Dir dies in meiner Situation zu schreiben. Denn ich komme mir dabei vor wie einer, der in seiner unzerstörten Villa sitzt und einem vorüberziehenden Flüchtling so en passant aus dem Fenster heraus gute Ratschläge erteilt. Aber gerade das will ich nicht tun. Ich will Dir keinen billigen Trost spenden. Denn das wäre unwahrhaftig und darum ein schlechter Freundesdienst von mir. Nein, ich will Dir im Gegenteil mit ganzer Offenheit, mag es auch lieblos klingen, Deine Situation deuten helfen.

Als ich hierher fuhr, beobachtete ich, wie bei der Kontrolle an der Zonengrenze ein Reisender zurückgehalten wurde, augenscheinlich, weil er keine genügenden Ausweispapiere besaß. Der Mann stand an der Grenze und wusste nicht, wie er hinübergelangen sollte. Das Bild dieses Menschen an der Grenze wurde mir jäh zu einem Ausdruck für das menschliche Existieren überhaupt: das In-der-Welt-Sein des Menschen enthüllt sich immer wieder als ein An-der-Grenze-Sein.

Du schreibst selber am Ende Deines Briefes: »Ich bin an der Grenze.« Aber meine nun nicht, dass Du dort alleine stündest! Solche »Grenzerlebnisse« kennt vielmehr jeder Mensch, der nicht nur biologisch wie ein Tier dahinvegetiert oder absichtlich vor der Wirklichkeit die Augen schließt, sondern das Verlangen und den Mut im Herzen trägt, sein Leben mit wachem Bewusstsein bis in die letzten Winkel und Tiefen hinein auszuleben. Und wollen wir das nicht beide?

Wir haben uns beide einmal ein Ideal erkoren gehabt und sind mit diesem Bild vor Augen ins Leben hinausgegangen. Es war ein hohes Bild, und wir haben geahnt, dass es Arbeit und Mühe kosten würde, es zu verwirklichen, dass Niederlagen und Enttäuschungen unser harren würden. Aber wir haben die Arbeit und die Mühe, die Niederlagen und die Enttäuschungen nicht gescheut. Wir haben unserer Kraft vertraut und haben gemeint, wenn uns der Weg einmal versperrt wäre, auf Umwegen weiterzukommen. Bald aber haben wir erfahren müssen – und nicht erst im Kriege! –, dass unsere Kraft nicht ausreicht, und dass sich unser Dasein auch gar nicht so weit spannt, wie wir es uns erträumten. Wir haben erkennen müssen, dass fremde Mächte über uns verfügen und unsere Existenz in enge Grenzen zwingen. Im Kriege haben wir diese »Begrenzung« besonders eindringlich erfahren. Da ist uns die Grenze sehr nahe auf den Leib gerückt; da standen wir als Menschen des 20. Jahrhunderts vor gerade denselben nackten Nöten wie einst der erste unserer Gattung am ersten Menschheitstage; da war unser Leben eine stete Wanderung an der Grenze. Aber auch hier machte der Krieg nur offenbar, was immer schon vorhanden ist. Ein Krieg schafft ja niemals eine neue Situation, sondern enthüllt immer nur, was sonst verborgen liegt. In Krieg und Frieden erweist sich das In-der-Welt-Sein des Menschen als ein An-der-Grenze-Sein. Heute hat jeder von uns irgendwie sein »Grenzerlebnis«. Es gibt kaum einen unter uns, der sich nicht in einer »Grenzsituation« befände. Du bist es nicht allein.

Denk nur an das eine Beispiel, das uns heute tausendfach begegnet: Da steht einer in seinem selbstgewählten Beruf, er macht die Mitte seines Lebens aus. Mit Mühe, Arbeit, Zucht und Fleiß hat er sich eine Stellung aufgebaut. Noch ist er nicht zufrieden, noch liegt sein Ziel weit über ihm. Doch er vertraut der eigenen Kraft und dünkt sich größter Taten mächtig. Da wird ihm seine Stellung plötzlich fortgenommen. Zerbrochen liegt sein Ideal am Boden. Er weiß nicht weiter; wie eine Mauer türmt sich’s vor ihm auf.

Oder nimm ein anderes, nicht so zeitbedingtes Beispiel: Wir sehnen uns doch alle nach Licht und Klarheit in unserem Leben. Endlich meinen wir uns eine Weltanschauung »erlebt« zu haben, die auch dem schwersten Sturm gewachsen ist – da fallen uns nur ein paar Brocken auf den Weg, und unser ganzes Denksystem zerspellt in Scherben. Wieder breiten sich die dunklen Schleier über unser Leben. Das Ziel entschwindet, der Weg geht uns verloren. Mühsam humpeln wir durchs Dickicht.

Wir alle sind hineingestoßen in den Zwiespalt zwischen Gut und Böse und ringen, wenn wir’s mit uns selber ehrlich meinen, um die Reinheit unseres Wandels. Aber da gibt es Leidenschaften und Begierden, die uns verwirren und in Fesseln schlagen. Gleich einem Felssturz bricht die Schuld in unser Leben ein und hindert uns an allem freien, frohgemuten Vorwärtsschreiten.

Auch Zeit bedeutet Grenze. Wir leben ständig auf der Grenzscheide zwischen Vergangenheit und Zukunft. Wir besitzen immer nur das Sein des Augenblicks, und der hat in Wahrheit nicht gelebt, der nie zum Augenblick gesprochen: »Verweile doch, du bist so schön!« Aber der Augenblick lässt sich von uns nicht halten. Über das Vergangene verfügen wir nicht mehr, und das Zukünftige besitzen wir noch nicht. Die Zukunft steht immer nur als bloße Möglichkeit vor uns. Das Einzige, was wir besitzen, ist immer nur das Jetzt, d.h. jener winzige Punkt »Gegenwart«, auf den fortwährend Zukunft zukommt, um in demselben Augenblick schon wieder unseren Händen als Vergangenheit zu entgleiten. Wir leben ständig an der Grenze der Zeit.

Doch ich breche ab. Der Brief ist ohnehin zu lang geworden. Woran mir lag, war, Dir zu zeigen, dass das, was Dir widerfahren ist, nicht etwas Einmaliges darstellt. Du bist nicht alleine betroffen. Gewiss ist es Dein ganz persönliches Widerfahrnis und als solches unwiederholbar, aber in diesem Einmalig-Persönlichen spiegelt sich doch nur etwas Allgemeingültiges wider. Es wird in ihm ein Stück Deines Mensch-Seins offenbar. Jeder Mensch gerät irgendwann und irgendwo einmal an die Grenze seiner Existenz. Leiden, sterben, schuldig werden, Zeit empfinden – das sind solche »Grenzsituationen«, d.h. Erlebnisse, in denen der Mensch erfährt, dass er an der Grenze steht. Bedrohtes An-der-Grenze-Sein: das ist die Situation, in der der Mensch sich vorfindet, sobald er zum Bewusstsein seiner selbst gelangt.

Jedes Bewusstwerden einer Situation aber ruft den Menschen zu einem entsprechenden Verhalten auf. Vergiss das nicht, Thomas! Diese Mahnung soll mein Gruß sein.

Dein Michael.

Lieber Michael!

Du grüßt mich so aufmunternd mit der Mahnung: »Jedes Bewusstwerden einer Situation ruft den Menschen zu einem entsprechenden Verhalten auf!« Ja, aber wie soll ich mich denn in meiner Situation verhalten? Wie soll ich mich zu allem stellen, was Du mir in Deinem Brief geschrieben hast? Leiden, sterben, schuldig werden – was bleibt uns da noch anderes übrig, als mit der ganzen Kreatur nur still zu seufzen? Als ich in Tübingen jenen kleinen Turm am Neckar besuchte, in welchem Friedrich Hölderlin 40 Jahre lang gelitten hat, fand ich dort im Fremdenbuch den folgenden Eintrag eines Wanderers. »Menschenbruder, von der heiligen Stätte deines Leidens grüß ich dich.« Diese Worte sind mir beim Lesen Deines Briefes unwillkürlich wieder in den Sinn gekommen. Was sind wir Menschen anderes als eine große Passionsgemeinschaft: der Orden der vom Schmerz Gezeichneten? Und was können wir anderes tun als uns hier und da einen solchen Seufzer als Gruß und Zeichen der Verbundenheit zuzusenden? Aber warum noch seufzen? Warum nicht gleich ganz stille werden und auch auf den letzten Lebensraum, der uns gelassen ist, verzichten, und, freiwillig versinkend, die Wogen des Lebens über sich zusammenschlagen lassen?

Dein Thomas.

Der Mensch zwischen Vergangenheit und Zukunft

1. Unbewältigte Vergangenheit

Als nun die Morgenröte heraufkam, trieben die Engel Lot zur Eile an und sprachen: »Auf, nimm dein Weib und deine beiden Töchter, die hier sind, dass du nicht weggerafft werdest durch die Schuld der Stadt.« Da er aber noch zögerte, ergriffen die Männer ihn und sein Weib und seine beiden Töchter bei der Hand, weil der Herr ihn verschonen wollte, führten ihn hinaus und ließen ihn draußen vor der Stadt. Und als sie dieselben hinausgeführt hatten, sprach er: »Rette dich! Es gilt dein Leben! Sieh nicht hinter dich und bleibe nirgends stehen im ganzen Umkreis! Ins Gebirge rette dich, dass du nicht weggerafft werdest!« Und eben als die Sonne über der Erde aufgegangen war, kam Lot nach Zoar. Der Herr aber ließ Schwefel und Feuer auf Sodom und Gomorrha regnen, von dem Himmel herab, und vernichtete so die Städte und den ganzen Umkreis und alle Bewohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war. Lots Weib aber sah sich um und ward zur Salzsäule. (1. Mose 19,15–26)

Gott hält Gericht über Sodom und Gomorrha. Er wäre bereit gewesen, sein Gerichtsurteil zurückzuziehen, wenn nur zehn Gerechte in den Städten gewesen wären. Aber es fanden sich nicht einmal zehn Gerechte darin. Nur die Familie Lots – Lot selbst, seine Frau und seine beiden Töchter – ist Gott bereit zu verschonen. Sie will er retten, sie will er nach Zoar bringen, in ein neues Leben hinein. Aber das ist nur möglich, wenn sie sich an diese Zusage Gottes halten, an nichts als an seine Zusage. Sie dürfen jetzt nicht auf die »Geschichte« blicken, nicht auf das, was rings um sie vorgeht; denn daran können sie Gottes Willen nicht ablesen. Deshalb ergeht an Lot die Weisung: »Sieh nicht hinter dich und bleibe nirgends stehen im ganzen Umkreis!«

Aber eben dies bringt Lots Weib nicht über sich. Sie bleibt stehen und sieht sich um. Was ist es, das ihr den Kopf gleichsam so zurückreißt? Ist es das furchtbare Gericht Gottes, das jetzt hinter ihrem Rücken losbricht? Oder halten sie die Erinnerungen fest? Denkt sie an all das, was sie in der Stadt, die jetzt hinter ihr zugrunde geht, erlebt und zurückgelassen hat – an das Haus, an ihre Jugend, an ihre Heirat, an die Geburt ihrer Töchter, an all die Menschen, die mit ihr gelebt haben? Was es auch immer gewesen sein mag – die Vergangenheit lässt sie nicht los. Sie bannt sie. Und darum hat sie keine Zukunft. Das Leben weicht ihr aus. Sie erstarrt zur Salzsäule.

Lots Weib hat unter uns vielfache Gestalt. Ihr Schicksal hat sich in unseren Tagen mehr als einmal wiederholt. Es ist eine Möglichkeit, die in jedem von uns vorhanden ist, so wahr wir lebendige Menschen sind, Menschen von Fleisch und Blut, die nicht in einem Niemandsland hausen, sondern nur so leben können, dass sie lieben und ihr Herz an etwas hängen.

Lots Weib ist überall da, wo einer nicht verschmerzen kann, dass er einmal Haus und Hof, Geschäft und Geld, Stellung und Ansehen besessen hat.

Lots Weib ist überall da, wo einer nicht vergessen kann, dass er einmal einen Menschen im Arm gehalten hat und mit ihm glücklich war. Lots Weib ist überall da, wo einer nicht loskommt von der Schuld vergangener Tage. Lots Weib ist überall da, wo einer von des Reiches alter Größe träumt.

Lots Weib ist überall da, wo die Kirche eine bestimmte Zeit zur Norm für alle Zeiten setzt und nun nur noch in monotoner Reinheit Vätersprüche rezitiert.

Lots Weib ist überall da, wo einer Gottes Gericht anstarrt und nicht verstehen kann, warum es gerade die Deutschen getroffen hat und nicht die Russen, die doch augenscheinlich noch viel schlimmer sind als wir.

Kurzum: Lots Weib ist überall da, wo die Vergangenheit lockt und droht, wo nur noch Vergangenheit ist, nichts als Vergangenheit. Wo aber nur noch Vergangenheit ist, nichts als Vergangenheit, dort gibt es keine Gegenwart mehr, dort gerinnt das Leben, und der Mensch wird starr und stumpf. Dort kann einer noch einmal davongekommen sein – und er ist doch nicht davongekommen!

Das gibt es nicht nur in dem Leben einzelner, sondern das gibt es auch in der Geschichte ganzer Völker, Staaten und Institutionen. Es kann sein, dass ein Volk, eine Gesellschaft, eine Universität oder auch eine Konfession, sich so an ihre Geschichte klammern, dass sie gerade darüber geschichtslos werden. Dann tötet die Vergangenheit die Gegenwart. Das macht: die so gegenwärtige Vergangenheit ist selbst längst tot. Was von ihr in die Gegenwart hineinragt, das sind keine lebendigen Zeugen mehr, sondern nur noch Fossilien, Versteinerungen, tote Petrefakte.

Jakob Burckhardt spricht in seinen »Weltgeschichtlichen Betrachtungen« einmal davon, dass es im Leben der Völker »stationäre Zeiten« gäbe. Das sind Zeiten, in denen die Geschichte eines Volkes gleichsam stillsteht. Im Grunde gibt es da überhaupt kein geschichtliches Sein mehr. Denn alles geschichtliche Sein ist gekennzeichnet durch das Beieinander von Veränderung und Beharrung. Ganz gewiss ist geschichtliches Leben nicht möglich ohne Tradition. Aber ebenso gewiss ist geschichtliches Leben auch nicht möglich ohne Wandlung. Und auch die Tradition trägt ihrem Wesen nach das Element geschichtlicher Wandlung in sich. Sie hat ihre Identität immer nur in der Variabilität.

So ist Lots Weib das Urbild des geschichtslos gewordenen Menschen, des Menschen, der gerade dadurch geschichtslos geworden ist, dass er sich an die Geschichte verloren hat, der keine Zukunft, mehr besitzt, weil er dem Bann der Vergangenheit erlegen ist.

Wie kann nun dieser Bann der Vergangenheit, der geschichtslos gewordenen Vergangenheit, aufgehoben werden? Wie kann dieser Starrkampf sich lösen?

Die Sache mit Gott

Die protestantische Theologie im 20. Jahrhundert

Vorwort

»Anders als durch Verwegenheit ist Theologie nicht wieder zu gründen.« Dieses Wort stammt von Franz Overbeck, jenem seltsamen Theologieprofessor und Freund Friedrich Nietzsches in Basel, der ein Leben lang einen theologischen Lehrstuhl innegehabt hat, ohne persönlich noch etwas zu glauben, der aber vielleicht gerade deshalb die Schäden der Theologie seiner Zeit tiefer erkannt hat als seine gläubigen Fachgenossen. Overbecks Wort kann man als Motto über die protestantische Theologie in unserem Jahrhundert setzen. Sie hat trotz allen Zögerns und Zauderns, trotz aller falschen Apologetik und Restauration, die es in ihr wahrhaftig auch gegeben hat, mit Verwegenheit Theologie neu gegründet.

Wie immer wir die Zeit, in der wir leben, benennen mögen, ob wir vom »welterschütternden Übergang«, vom »Zeitalter der Weltkriege«, vom »Ende aller Sicherheit«, von der »Lebenskrise eines Zeitalters«, vom »Zeitalter der Angst« oder vom »Ende der Neuzeit« sprechen – auf alle Fälle drücken wir damit das Gefühl aus, in einer umfassenden Krise und einem weltweiten Übergang zu stehen. In diese Krise und diesen Übergang ist auch der Glaube an Gott hineingerissen. Die Frage nach Gott bildet die innere Kehrseite unseres an äußeren Katastrophen, Umwälzungen und Entdeckungen so reichen Jahrhunderts, die eigentliche Tiefe des welterschütternden Übergangs, in dem wir uns befinden.

In seinem Aphorismen-Buch ›Stufen‹ notiert Christian Morgenstern einmal bei der Lektüre von Dostojewskijs ›Dämonen‹: »›Lassen wir das‹, ruft Schatoff, ›davon später, sprechen wir von der Hauptsache ...‹ – und dann sprechen sie alle von der Hauptsache: Ob es einen Gott gibt oder nicht; was der Mensch tun muss, wenn es Gott nicht gibt; ob der Mensch überhaupt ohne Gott leben könne.« Diese Stelle kennzeichnet genau unsere Situation: Es geht heute nicht um dies oder das am christlichen Glauben, nicht um Einzelnes, um Jungfrauengeburt, Gottessohnschaft oder Himmelfahrt, sondern es geht um das Ganze, um die Hauptsache – um »die Sache mit Gott«. Und nur insofern es um das Ganze, um die Sache mit Gott geht, geht es auch um jenes Einzelne.

Die christliche Botschaft gibt, wenigstens in ihrer überlieferten Gestalt, den meisten Menschen unserer Tage keine gültige Antwort mehr auf ihre Frage nach Gott und damit auch keine ausreichende Möglichkeit mehr, sich in der Welt zu verstehen und ihr Leben sinnvoll zu bewältigen. Ja, eben darin hat das Fragen der meisten Menschen nach Gott in unserer Zeit seinen Stachel: dass man sich mit den überlieferten christlichen Antworten nicht mehr begnügt. Darum muss die Theologie ihr Reden von Gott, und zwar sowohl vor Gott als auch vor der Welt, heute neu verantworten, wenn anders es zutreffendes – auf Gott und die Welt zutreffendes – Reden von Gott bleiben beziehungsweise wieder werden soll. Sie muss den christlichen Glauben in rücksichtsloser Wahrhaftigkeit mit der gewandelten Wirklichkeit der Welt konfrontieren, und nicht nur mit der gewandelten Wirklichkeit der Welt, sondern auch mit dem gewandelten Verhältnis des Menschen zur Wirklichkeit der Welt, mit dem gesamten Wahrheits- und Wirklichkeitsbewusstsein unserer Zeit. Das ist heute ihr wichtigstes Problem.

Diesem Problem hat sich die protestantische Theologie in unserem Jahrhundert gestellt. Und damit ist neue Bewegung in sie hineingekommen. Darum haben sich, abgesehen von den Naturwissenschaften, in keiner anderen wissenschaftlichen Disziplin vom Ersten Weltkrieg an bis heute so viele neue Entwicklungen angebahnt, ja Umstürze und Umbrüche ereignet wie in der Theologie. Davon will dieses Buch Bericht und Rechenschaft geben.

(...)

Die Frage, ob sich dieses Buch vornehmlich an Theologen oder an Nichttheologen wendet, hat sich mir beim Schreiben eigentlich niemals gestellt. Ich vermag hier keine scharfe Trennungslinie zu ziehen. Damit leugne ich keineswegs, dass es in der Kirche einen eigens ausgebildeten Stand geben muss, der die Aufgabe methodisch geordneten und begrifflich klaren Nachdenkens über die in der Bibel bezeugte Offenbarung Gottes wahrnimmt. Aber ich meine, dass auch hier wie überall in der Kirche das Prinzip der Stellvertretung herrschen muss und dass es der Theologie mehr als jeder anderen Wissenschaft verboten ist, nur eine Angelegenheit für Experten zu sein. Wie es in der Schweiz nur ein kleines Berufsheer gibt, das die einzige Aufgabe hat, eine große Miliz heranzubilden, so sollten auch die Theologen nur ein kleines Berufsheer in der Kirche sein, mit der Aufgabe, eine große theologische Miliz zu schaffen.

Fast mit Bestürzung haben wir in den letzten Jahren immer wieder erfahren, wie man der Gemeinde die Erkenntnisse der Theologie vorenthalten, ja sie ihr bewusst verschwiegen hat, wie groß daher die Verwirrung in ihr heute ist, wie leidenschaftlich aber auch das Verlangen nach einer gründlichen Information und ehrlichen Diskussion über die Wahrheiten des christlichen Glaubens. Beides zu bieten und damit so etwas wie eine »Erste Hilfe« zu leisten, ist die Absicht dieses Buches.

Hamburg, Ostern 1966

Die Wiederentdeckung der Gottheit Gottes

Natürlich hat sich die große theologische Wende nicht plötzlich vollzogen, die neue Theologie ist nicht vom Himmel gefallen oder durch eine Art Parthenogenese entstanden. Vielmehr wurde sie vorbereitet und begleitet von einer ganzen Reihe neuer theologischer Einsichten und Entdeckungen. Alle diese neuen Einsichten und Entdeckungen führten über die liberale Theologie hinaus, indem sie diese mit den von ihr selbst angewandten Mitteln der kritischen Forschung – der historischen, philosophischen, psychologischen und religionsgeschichtlichen – überwanden.

Da war zunächst die Wiederentdeckung des Heiligen durch Rudolf Otto. Sein Buch ›Das Heilige‹ erschien im Jahre 1917; bis 1936 erlebte es 25 Auflagen, 1958 erschien die 30. – damit ist es wahrscheinlich das bisher verbreitetste deutsche theologische Buch im 20. Jahrhundert. Seine Bedeutung liegt darin, dass Rudolf Otto das Heilige entgegen der üblichen Gleichsetzung mit dem absolut Sittlich-Guten als eine eigenständige Kategorie bestimmt, jenseits der Sphäre des Ethischen und des Rationalen. Zur Bezeichnung dieses Heiligen »minus seines sittlichen und minus seines rationalen Moments« bildet er das Wort das »Numinose«. Das Numinose hat einen doppelten Charakter. Einmal ist es das »mysterium tremendum«. Dazu gehört alles, was den Menschen vor dem Numinosen erschauern und erschrecken lässt: das Unheimlich-Furchtbare, die Majestät, der Zorn, die Energie Gottes, kurzum das »ganz Andere«, das keinem irdischmenschlichen Wesen vergleichbar ist. Zugleich aber ist das Numinose »etwas eigentümlich Anziehendes, Bestrickendes, Faszinierendes«, »Beseligendes«. Otto nennt diese Seite an ihm das »Fascinans«. Beide Seiten, das »tremendum« und das »fascinosum«, gehören unauflöslich zusammen; miteinander machen sie den Inhalt des Heiligen aus. Immer ruft das Heilige eine doppelte Bewegung im Menschen hervor: Er fühlt sich von ihm zugleich geheimnisvoll abgedrängt und angezogen.

Das Numinose lebt in allen Religionen, vom Kult der Primitiven bis hinauf zum Christentum, als »ihr eigentlich Innerstes«, ohne das sie überhaupt nicht Religionen wären. Von ihm aus ergibt sich als das wesentliche Moment aller Frömmigkeit das »Kreaturgefühl«: Es ist der Reflex, den das numinose Objekt im erlebenden Subjekt hervorruft, das Erleben des Versinkens und Vergehens im eigenen Nichts gegenüber dem, was aller Kreatur schlechthin überlegen ist.

Die Entdeckung des Numinosen als einer eigenständigen Kategorie führt nicht nur zu einer neuen Sicht der allgemeinen Religionsgeschichte, sondern auch zu einer teilweise neuen Schau der Bibel und des Christentums. An der biblischen Religion treten jetzt mit einemmal wieder Seiten ans Licht, die lange Zeit entweder unbeachtet geblieben oder aber bewusst übersehen worden waren. Im Alten Testament wird das Dämonische wiederentdeckt, der Grimm, Eifer und Zorn Jahwes, dass er ein lebendiger Gott und ein verzehrendes Feuer ist. Und im Neuen Testament ist das Evangelium nicht mehr die allzu plausible Verkündigung eines fast gemütlichen Gott-Vater-Glaubens; sein Inhalt, das Reich Gottes, ist vielmehr das »denkbar numinoseste Objekt«, die »Wundergröße schlechthin«, die »dunkel-dräuend aus den Tiefen des ›Himmels‹ herannaht«. Auch bei Luther entdeckt Otto die irrationalen Momente und »fast unheimlichen Hintergründe« seiner Frömmigkeit wieder. Er stößt bei ihm genau auf das, was er als den Doppelcharakter des Numinosen erkannt hat: das »tremendum« in dem Erschrecken Luthers vor dem Zorn Gottes, in seinem Erschauern, Zittern, Zagen, Fürchten, Ängstlichsein und das »fascinosum« in seinem Vertrauen auf die Gnade Gottes, in seinem Pochen, Tanzen, Springen, Stolzieren, Fröhlichsein. Das sind nicht irgendwelche mittelalterlichen Reste, wie man gemeint hat, sondern »hier wallen elementare Urgefühle wieder auf«. Luthers theologische Nachfolger haben dies religiöse Erbe des Reformators freilich nicht bewahrt. Sie zwängten sein elementar religiöses Erlebnis in ein theologisches System und machten seinen durch und durch irrationalen Glauben zu etwas Rationalem, Wohltemperiertem: »Die Kirche wurde Schule, und ihre Mitteilungen gingen dem Gemüte mehr und mehr nur ›durch die schmale Ritze des Verstandes‹ zu.«

Ottos Deutung dessen, was Religion ist, unterscheidet sich von der Auffassung Schleiermachers und steht im Gegensatz zu der Albrecht Ritschls. Gegen beider religiösen und sittlichen Optimismus betont er die dunkle, jenseits des Sittlichen liegende Seite an der Religion. Er entdeckt den von beiden vergessenen Zorn Gottes wieder, der von Haus aus nichts mit sittlichen Eigenschaften zu tun hat, sondern wie »eine verborgene Naturkraft« wirkt, wie »gespeicherte Elektrizität, die sich auf den entlädt, der ihr zu nahe kommt«. Entsprechend ist auch die »Sünde« für ihn in erster Linie kein moralischer, auch kein dogmatischer, sondern ein religiöser Begriff. Sie ist das Gefühl des eigenen totalen Unwertes, den der Profane in der Gegenwart des Heiligen empfindet. Nur auf der religiösen und nicht auf sittlicher Grundlage erwächst das Bedürfnis nach »Erlösung« und nach »so sonderbaren Dingen« wie »Weihe«, »Bedeckung« oder »Entsühnung«. Typisch für den Unterschied zwischen Rudolf Ottos und Albrecht Ritschls Religionsauffassung ist ihre gegensätzliche Einschätzung von Luthers Schrift ›De servo arbitrio‹. Während Ritschl sie ein »unglückliches Machwerk« nennt, sieht Otto in ihr »geradezu den seelischen Schlüssel« zu Luthers religiösem Gefühl. An Luthers Schrift ist ihm das Wesen des Numinosen im Unterschied zum Rationalen aufgegangen, lange bevor er es im Alten Testament und in der Religionsgeschichte entdeckt hatte.

Aber Rudolf Otto hat nicht nur die Theologie seiner Zeit wieder an bestimmte Seiten der Religion erinnert, die diese vergessen hatte. Er hat zugleich auch wieder die Freiheit der Religion als ganzer gegen die Philosophie seiner Zeit oder wenigstens gegen die Machtansprüche gewisser Philosophen behauptet. Indem er die Kategorie des »Heiligen« als eine Kategorie a priori beschreibt, gibt er der Religion ihr Recht als ein selbständiges Gebiet des menschlichen Geistes und Lebens zurück: »Religion geht nicht zu Lehen, weder beim Telos noch beim Ethos, und lebt nicht von Postulaten, und auch das Irrationale in ihr hat seine eigenen selbständigen Wurzeln in den verborgenen Tiefen des Geistes selber.«

In Rudolf Ottos Buch über ›Das Heilige‹, besonders in seiner Wiederentdeckung der irrational-numinosen Seite an der Verkündigung Jesu und an dem Glauben Luthers, sind Einsichten und Erkenntnisse enthalten, zu denen vorher oder gleichzeitig auch die neutestamentliche und kirchengeschichtliche Forschung gelangte.

Der entscheidende Wendepunkt in der neutestamentlichen Forschung lag bereits ein bis zwei Jahrzehnte früher, wenn man daraus auch noch nicht sofort die theologischen Konsequenzen zog. Er wird markiert durch das Scheitern der sogenannten »Leben-Jesu-Forschung«. Diese hatte, eingekeilt in den Zwiespalt zwischen historischer Pflicht und religiöser Neigung, zwischen den Anforderungen der historisch-kritischen Forschung und einer aufrichtigen Jesusfrömmigkeit, versucht, den Weg vom biblischen Christus zum historischen Jesus zurückzugehen, um durch solchen kritischen Rückgang auf das »echte« Bild von der Person und Lehre Jesu eine historisch unanfechtbare Grundlage für den gegenwärtigen Glauben zu gewinnen. Aber das Bild, das sie jeweils vom historischen Jesus entwarf, war in Wahrheit nicht nur aus den historischen Quellen geschöpft, sondern lebte weithin von weltanschaulichen Voraussetzungen, die in den Verfassern selbst begründet lagen. Die Folge war, dass sich die einzelnen Jesusbilder, die so entstanden, trotz ihrer Vielfalt und Verschiedenartigkeit fast alle von dem neuhumanistischen Mythos des 20. Jahrhunderts bestimmt zeigten. »Das Reich Gottes ist inwendig in euch« – das war das Wort Jesu, das man besonders liebte und an das man sich hielt. Und so wird das Reich Gottes, das Jesus verkündigt, zu einem inneren Reich der Werte, des Wahren, Guten und Schönen. Getragen von den Menschen, die in diesem Sinne den Willen Gottes tun, entfaltet es sich als eine innerweltliche Größe in allmählichem Fortschritt zu immer höherer Vollendung.

Aber auf die Dauer war dies Bild, das man sich vom historischen Jesus gemacht hatte, unhaltbar. In demselben Augenblick, in dem sich seine heimlichen weltanschaulichen Voraussetzungen enthüllten, musste es in sich selbst zusammenfallen. Eben darin lag die Leistung Albert Schweitzers: seine ›Geschichte der Leben-Jesu-Forschung‹ (1906; 2. Auflage 1913) war die Geschichte ihres Scheiterns. Ihr »negatives Ergebnis« bestand darin, dass sie die heimliche Selbsttäuschung der liberalen Leben-Jesu-Forschung aufdeckte und die historische Unhaltbarkeit ihres historischen Jesus nachwies. Das Bild, das Schweitzer nun seinerseits wieder von dem historischen Jesus entwarf, sah völlig anders aus. Nach ihm war Jesus ein Mann mit merkwürdig fremden, dunklen Ängsten und Ideen, ein weltferner Apokalyptiker, der den baldigen Einbruch des Reiches Gottes erwartet hatte, mit seinen Erwartungen und Hoffnungen aber gescheitert war.

Dieses Bild von der Gestalt und Botschaft Jesu lag in der Richtung der sogenannten »konsequent-eschatologischen Deutung«. Ihr Initiator war bereits 14 Jahre vor Albert Schweitzers ›Geschichte der Leben-Jesu-Forschung‹ der Neutestamentier Johannes Weiss mit seinem ebenso epochemachenden Buch ›Die Predigt Jesu vom Reiche Gottes‹ (1892; 2. Auflage 1900) gewesen. Weiss hatte die Erscheinung Jesu aus der spätjüdischen Apokalyptik erklärt, mit ihrer Erwartung des nahen Weltendes und ihrer Hoffnung auf den Menschensohn-Messias, der die Welt verwandeln und das Reich Gottes heraufführen sollte. Damit hatte er überzeugend die radikale Jenseitigkeit und Zukünftigkeit des Reiches Gottes bei Jesus nachgewiesen.

Mit einemmal zeigte es sich, dass Jesus uns gar nicht so nahe steht und vertraut ist wie etwa Sokrates, Plato, Kant oder Goethe. Das Reich Gottes, das dieser merkwürdig Fremde vom See Genezareth verkündigt, ist nicht das Produkt einer innerweltlichen Entwicklung, sondern eine schlechthin überweltliche Größe; es entfaltet sich nicht in stetigem Fortschritt in der Geschichte, sondern wird in Bälde als kosmische Katastrophe vom Himmel erwartet. Es bedeutet nicht die Verklärung der Geschichte, sondern ihr Ende, und die Forderungen, die es an die Menschen richtet, sind so radikal und absolut, dass sie unsere Kultur und Moral eher stören als bestätigen.