Gott und die Welt - Marie Luise Kaschnitz - E-Book

Gott und die Welt E-Book

Marie Luise Kaschnitz

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Beschreibung

»Gott und die Welt« - nicht mehr und nicht weniger beschäftigt Marie Luise Kaschnitz in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts in ihren Aufzeichnungen. Die anstehenden Stürme der Studentenrevolution und der sich bald formierenden außerparlamentarischen Oppositionen sind in den Gedanken der Dichterin bereits präsent. Ausgangspunkt ist eine drohende Kündigung ihrer Wohnung im Frankfurter Westend, eine damit verbundene existentielle Beunruhigung, in der sie die Stadt erlebt - und so von den Nöten ihrer Bewohner erzählt. Und in denen Themen aufleuchten, die uns heute noch und wieder beschäftigen: die Zukunft der Arbeit, die Bedrohung durch technische Entwicklungen, die Veränderungen in der Natur. Der Lebensmittelpunkt der Kaschnitz ist das sich verändernde Frankfurt, das sie fasziniert und geradezu fesselt. »Ich bin oft genug gefragt worden, warum ich diese hässliche Stadt nicht verlasse, um wie die meisten anderen Schriftsteller in ein hübsches Landhaus zu ziehen ...« - auf diese Frage hatte sie keine Antwort, aber sie blieb. Und hinterließ uns ihre wunderbaren erhellenden Aufzeichnungen, die uns - zum 125. Geburtstag der Dichterin - ein Frankfurt zeichnen, in dem man gerne zu Hause ist.

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ebook Edition

Inhalt

Titelbild

Meine Wege zu Marie Luise Kaschnitz

Gott und die Welt

1966

1967

Nachbemerkung

Navigationspunkte

Titelbild

Inhaltsverzeichnis

Marie Luise Kaschnitz

Gott und die Welt

Aufzeichnungen aus der Wiesenau

Herausgegeben von Rainer Weiss mit einem Vorwort von Ina Hartwig

Mehr über unsere AutorInnen und Bücher:www.edition-w.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-94967-172-2

© dieser Ausgabe: Edition W GmbH, Neu-Isenburg 2026

© Marie Luise Kaschnitz, Tage, Tage, Jahre. Aufzeichnungen 1968, Insel Verlag, Berlin

© Marie Luise Kaschnitz, Orte. Aufzeichnungen 1973, Insel Verlag, Berlin

Umschlaggestaltung: Johannes Bröckers unter Verwendung eines Fotos von © Deutsches Literaturarchiv Marbach

Satz: Publikations Atelier, Weiterstadt

Ina Hartwig

Meine Wege zu Marie Luise Kaschnitz

Als ich mein erstes Zimmer in Frankfurt fand, war es eine Fügung oder Zufall oder beides, dass es in der Wiesenau lag. Ein Jahr lang konnte ich dort bei einer Familie unterkommen. Ich war neu in der Stadt, aber der Name der Straße war mir schon lange vertraut, denn seit Jugendtagen liebe und lese ich Marie Luise Kaschnitz. Sie hat den magischen Namen dieser Straße oft erwähnt, die Wohnung war ihr Refugium, Hausnummer 8. Ich bin sofort dorthin gepilgert – ein Pilgerweg von vielleicht 300 Metern – und stand dann vor diesem bescheidenen Mietshaus. Der Bau stammt aus den 20er Jahren, das Ehepaar ist dort 1941 eingezogen, als Guido Kaschnitz von Weinberg eine Professur für Klassische Archäologie an der Goethe-Universität annahm. Das Haus in der Wiesenau hat die Bombardierungen schadlos überstanden.

An Frankfurt im Krieg habe ich damals, 1997, allerdings nicht gedacht. Mich bewegte der Zauber der Frankfurter Schule und des legendären Suhrkamp Verlags, der nur wenige hundert Meter weiter in der Lindenstraße ansässig war: meine Heiligtümer. Wie viel Zeit ist vergangen, wie anders sieht die Welt heute aus! Auch die Frankfurter Rundschau, die mich als Literaturredakteurin angeheuert hatte, ist längst eine andere Zeitung, fast wäre sie untergegangen. Damals residierte sie noch stolz und selbstbewusst im Stammhaus am Eschenheimer Tor, und die Wochenendausgabe mit den Anzeigen war dick wie ein Buch.

Meine Wege zu Marie Luise Kaschnitz führten zunächst von Norddeutschland, wo ich aufgewachsen bin und ihre Erzählungen entdeckte, bis nach Süddeutschland, wo sich das Gut der Familie Kaschnitz befindet. In Bollschweil, im schönen Breisgau, haben meine Eltern und ich (auf der Fahrt nach Frankreich) einmal einen Stopp eingelegt. Ich wollte gern Kaschnitz’ Grab besuchen. Ein Friedhofsarbeiter, gestützt auf seine Schaufel, hat uns allerhand Auskünfte gegeben, an die ich keine Erinnerung habe. Was ich aber noch weiß: wie mein Vater dem Mann beim Weggehen ein Trinkgeld zusteckte.

Im Grunde ist es verwunderlich, warum die adlige Tochter eines preußischen Offiziers, die in jungen Jahren einen adligen Wissenschaftler heiratete und ihm durch die Welt gefolgt ist, die Gymnasiastin in Lüneburg so begeisterte. Aber es fällt auch auf, dass alle sie mochten, sie ehrten und schätzten, sogar der scharfzüngige Hans Magnus Enzensberger. Ich denke inzwischen, es liegt an diesen Eigenschaften: Marie Luise Kaschnitz war weltläufig und deutsch zugleich, sie war anständig, uneitel, und sie war zeitlos. Genauer: Ihr Stil ist zeitlos, während sie selbst ein feines Gespür für die eigene Zeitgenossenschaft hatte.

Sinn für Zeitgenossenschaft heißt, dass sie sich niemals als Heldin der Geschichte sah. Im Gegenteil, es gibt wohl kaum jemanden, der so klar und nüchtern die Erfahrung der sogenannten inneren Emigration und der Nachkriegsjahre geschildert hat. Man hat vieles mitbekommen, ja sollte es sogar mitbekommen, schrieb Kaschnitz später über die Nazizeit, und sie, »von Natur aus feige und mit einer quälenden Vorstellungskraft ausgestattet, hielt den Mund«. Auszuwandern war für das Ehepaar, das politisch links stand, eine Option, die am Ende verworfen wurde. Sie überstanden, womöglich durch das politisch eher unverdächtige Fach der Archäologie geschützt, die Hitlerjahre in Deutschland.

Beim Wiederlesen ihrer Aufzeichnungen »Orte« fällt mir jetzt auf, wieviel Krieg darin steckt, Bombennächte auf Reisen in fremden Kellern, aber auch in Frankfurt. In ihrer schlimmsten Nacht suchen sie und ihr Mann in der brennenden Stadt ihr Kind. Kaschnitz kannte noch das alte Frankfurt, wie auch Adorno, mit dem sie später eng befreundet war. Ich bewundere sie dafür, nie nostalgisch geworden zu sein, nie melancholisch, nie verklärt. Weil sie gewillt war, sich selbst nicht zu betrügen, konnte sie vermutlich Neues im Untergegangenen sehen. Zum Beispiel unmittelbar nach dem Krieg, als die Ruinen Frankfurts in der Sonne rötlich leuchten und die Menschen sich gegenseitig helfen wie Brüder und Schwestern; ein Zeitfenster, auch das bemerkt sie klar, das sich bald wieder schließen würde.

Im Netz stieß ich neulich auf eine Fernsehaufzeichnung altertümlicher Art. Marie Luise Kaschnitz im Studio, ein steifer Moderator befragt sie, auch ihr Gesicht zeigt wenig Mimik. Das Publikum wirkt im Vergleich zum heutigen überernst. Dieser Ernst, denke ich, ist auch ein Stück Mediengeschichte der alten Bundesrepublik: Es ging um etwas! Kaschnitz liest dann makellos und ohne erkennbaren Dialekt »Das Ölfläschchen«, eine Erzählung über die Besatzung durch die Rote Armee, eine Erzählung von glühender Ambivalenz und erotischer Uneindeutigkeit.

Ebenfalls in »Orte« erfahren wir, dass Kaschnitz einmal im Frauengefängnis von Preungesheim gelesen hat vor weiblichen Häftlingen, die teils störrisch, teils dankbar reagierten. Dieses Frauengefängnis ist nicht irgendeines. Hier hat die bewundernswürdige Helga Einsele jahrzehntelang als Direktorin gewirkt und sich konsequent für Reformen und einen humanen Strafvollzug eingesetzt. So wurden die Häftlinge nicht mehr geduzt von den Aufsehern, sie durften normale Kleidung tragen und auch Kinder waren zugelassen. Wir können davon ausgehen, dass Helga Einsele die Schriftstellerin persönlich zur Lesung ins Gefängnis eingeladen hat. »Wer, wie ich, nur einmal kommt und geht, weiß überhaupt nichts, weniger als nichts«, beendet Kaschnitz ihre Aufzeichnung, sichtlich berührt und demütig.

Als Gesellschaftsdame war MLK bestens vernetzt, pflegte viele Freundschaften, hielt auch Konflikte aus (etwa zwischen Adorno und Dolf Sternberger, die sich nicht mochten). Den unterschiedlichsten Schicksalen begegnete sie mit einem fast durchlässigen Einfühlungsvermögen. Sie konnte der Traurigkeit Paul Celans genauso standhalten, wie sie mit der erst schüchternen, dann immer selbstbewusster werdenden Ingeborg Bachmann bestens zurechtkam. Mit Kaschnitz’ Schwiegersohn, dem Komponisten Dieter Schnebel, habe ich einmal ein langes schönes Gespräch geführt über die außergewöhnliche, generationenübergreifende Freundschaft zwischen Kaschnitz, ihrer Tochter Iris und Ingeborg Bachmann in Rom. Nach Bachmanns Tod schrieb Marie Luise Kaschnitz ein Gedicht auf die Dichterin, in dem es heißt: »Die Männerschuhe störten dich im Schrank/Aber du konntest nicht atmen ohne Liebe«.

Anders als Bachmann war Marie Luise Kaschnitz eine glückliche, treue Ehefrau. Umso furchtbarer war der frühe Tod ihres Mannes. An seiner Seite hatte sie ein bewegtes, aber auch angepasstes Leben geführt. Und doch hatte sie innerlich schon früh – eine ganz eigene Freiheit. Dass sie für die Freiheit begabt war, habe ich lesend sehr stark in den Landschafts- und Naturbeschreibungen ihres Tagebuchs aus der Königsberger Zeit gespürt. Wie sie, allein unterwegs, den Winter des Nordostens beschreibt, das ist ergreifend, den verwehten Schnee auf den Wegen, die zugefrorenen Pfützen, die Kiefern vor klarem Himmel, das Knacken der Schritte – da ist sie ganz bei sich.

Gott und die Welt

1966

22. Februar

Eben, um zehn Minuten nach acht Uhr abends habe ich die Zeitung weggelegt, es war da auf der dritten Seite von einem Pilzhaus die Rede, keine international wichtige, vielmehr eine städtische Angelegenheit, aber für mich wichtig, ein Stoß, der vieles in Bewegung brachte, eine Warnung, ein Signal. Das Pilzhaus sollte vierzig Stockwerke hoch werden, es sollte in der Nähe meiner Wohnung stehen. Ich konnte mir unter einem Pilzhaus nichts vorstellen, es gibt so viele verschiedene Arten von Pilzen, Lamellenpilze und Röhrenpilze, solche die einen Hut oder gar einen Schirm bilden und andere, die sich nach oben öffnen, eine Trompete, eine Totentrompete, oder die alten Pfifferlinge mit ihrem von Tannennadeln bedeckten verfaulten Dach. Ich sah also alle diese Pilze, aber auch schon Häuser, die unten schmal waren, auf Stelzfüßen standen und sich oben verdickten, einen Hut ansetzten, der auf alle umliegenden Gebäude einen mächtigen Schatten warf. Dass diese Bauweise raumsparend ist, leuchtete mir ein, es würde auch anderen einleuchten, Personen, die etwas zu sagen hatten, schon sah ich die Pilzhäuser aus der Erde schießen, auf freien Plätzen, aber auch anstelle von Gebäuden, die bereits standen und zu diesem Zweck abgerissen werden mussten, wie in unserer Gegend schon viele Wohnhäuser abgerissen und durch Bürobauten ersetzt worden sind. So dass wir umgeben sind von lauter derartigen Büropalästen, in denen am Morgen um acht Uhr auf einen Schlag alle Fenster hell und am Winternachmittag um fünf Uhr alle Fenster dunkel werden, während es bei uns im Haus noch Abwechslung gibt, Frühaufsteher und Spätschlafengeher und sogar Fenster, die die ganze Nacht hell bleiben, man weiß nicht aus welchem Grund. Was aber nun ohne Zweifel auch nicht mehr lange der Fall sein wird, da immer mehr Banken und Versicherungsgesellschaften zu Geld kommen und sich ausdehnen müssen. Das Pilzhaus wird Schule machen, keine Versicherungsgesellschaft ohne Pilzhaus, schon höre ich die Äxte an den wenigen noch übrig gebliebenen alten Bäumen und den Rammbock an der Flanke unseres Hauses, das Todesurteil ist ausgesprochen, ich selbst habe es ausgesprochen, habe die Kündigung geschrieben, wahrscheinlich will ich es so haben, will obdachlos sein, will wandern, welcher Gedanke mich doch aufs Äußerste erschreckt.

28. Februar

Das war die ländliche Fastnacht, und was mir zu ihr eingefallen ist, wenn auch längst nicht alles, aber ich kann mich nicht länger aufhalten, denn inzwischen habe ich ein Geräusch gehört. Ein Klopfgeräusch aus einer der vielen Wohnungen dieses Hauses, das so hellhörig ist, oder auch eines von draußen, ein Baugeräusch, Abbaugeräusch, was war doch, etwas war, sie werden unser Haus abreißen, um ein Pilzhaus aufzustellen, zu welchen Zwecken das Pilzhaus dienen soll, weiß ich nicht. Von dem Plan bin ich ausgegangen, das steht uns bevor, mir und allen Einwohnern dieses Hauses, wenn auch noch nicht unmittelbar. Zuerst werden die kleineren Häuser abgerissen, die gegenüber und die weiter gegen den Park hin, es sind dort in einigen Stockwerken bereits die Rollläden heruntergelassen, die Wohnungen werden trotz aller Wohnungsnot nicht mehr vermietet, die nötigen Reparaturen werden nicht mehr ausgeführt. Wir, die Anwohner dieser Straße, haben das schon oft erlebt, zuerst die Vernachlässigung, dann die fehlenden Fenstergardinen, hier und dort eine zerbrochene Scheibe, dann der Bauzaun, die Krane, das Gepolter heruntergerissener Steine, und Lastwagen fahren hin und her. An Widerstand, aktiven oder passiven, ist dabei nicht zu denken, für solche Fälle gibt es die Zwangsräumung, da erscheinen die Möbelpacker von Polizisten begleitet, wer randaliert, kommt auf die Wache, wer dort weiter randaliert, in die Glocke. Sie haben davon gehört. Ein verrückter Name, da klingt doch nichts und schwingt doch nichts, um einen kleinen rechteckigen Raum handelt es sich, nackte Betonwände, ein Brett zum Schlafen, nackter Häftling, alle gegen einen, wer hätte dazu Lust. Ich ganz gewiss nicht, ich bin feige, obwohl ich an diesem Mietshaus hänge, an den Pappeln in der Häuserlücke gegenüber, an den alten Kastanien am Ende der Straße, an der großen Parkwiese, die natürlich auch zugebaut werden wird. Ich weiß schon, dass man jedem Einwand gegen die Errichtung von Pilzhäusern mit dem Wort höhere Gewalt begegnet, es gibt eine höhere Gewalt des Krieges, die kennen wir zur Genüge, aber auch eine des Friedens, es ist die Gewalt der Zukunft, der ich jetzt nachsinne oder zu der ich hinsinne, unsere Gegend ein Rechenzentrum, Denk- und Zählmaschinen in jedem Hochhaus, nachts ein steinerner Tod. Und wohin geht das, was sich zum Beispiel bei mir hinter den Tapeten abgesetzt hat, was unter der Decke schwebt, die gesprochenen Worte, die gedachten Gedanken, die gefühlten Ängste, die geliebte Liebe, alles aus fünfundzwanzig Jahren. Ja, so lange wohnen wir schon in dem großen Mietshaus, einem Block, könnte man sagen, nichts aus der alten Bürgerzeit, überhaupt nichts Besonderes, aber ich bin nicht die einzige, die an dem Haus hängt. Hier möchten wir sterben, habe ich schon mehrere Insassen der rund 60 Wohnungen sagen hören, unverständlich, in so einem Kasten, alles kleinbürgerlich, besonders die Wandbekleidung der Treppenhäuser, sechs Haustüren, sechs Treppenhäuser, hier wollen wir sterben. Ihr werdet lachen, das Haus kommt zuerst daran, es stirbt euch unter den Händen, unter dem Staubsauger, den Betten, die stehen schon auf Luft.

1. März

Die zuletzt geschriebenen Bemerkungen sind kindisch, eine verkappte Klage, während man sich doch frei machen sollte, welch eine Gelegenheit, den Erinnerungsballast loszuwerden, Erinnerungen auch an den Krieg, der übrigens an unserem Haus vorbei gegangen ist, ihm war ein anderes Ende bestimmt. Die jüngeren Einwohner ziehen wahrscheinlich gern an den Stadtrand oder noch weiter hinaus, die Älteren zu Verwandten oder in sogenannte »Heime«, wo sie vielleicht kein eigenes Zimmer bekommen, aber doch ein Bett allein, und ob das nicht besser ist als durch den Dschungel gejagt zu werden von Truppen, die hin- und herziehen, man hat das auf dem Bildschirm gesehen. Man sieht manches auf dem Bildschirm, das einem den Frieden rauben könnte, wenn man sich nicht schützte, solche Sachen gibt es eben, irgendwo auf der Welt ist immer Krieg, und haben wir selbst nicht schon einiges mitgemacht. Die alte Frau, die da mit einer Traube von skelettartigen Enkelkindern behängt, durch den Sumpf watete, ist gewiss längst in Sicherheit, aber so wahrscheinlich ist das gar nicht, wahrscheinlich hat sie eines der Kinder nach dem andern, die ganze Traube sterben und kleinweis fallen lassen müssen, und ist schließlich allein weitergewandert, hat längst nicht mehr unterschieden zwischen Freunden und Feinden, nur zwischen Soldaten, die eine Brotkruste geben, und Soldaten, die schießen, und war schon krank zum Sterben, starb aber nicht. Wanderte über die Leinwand einer bundesdeutschen Wohnstube mit Fernsehsessel, Fernsehpantoffeln, Fernsehlämpchen, furchtbar immer dieses Vietnam, aber es lohnt nicht abzudrehen, man kann ja die Augen zumachen, immer und überall kann man das. Auch vor der Tatsache, dass es auf den Ort, an dem man lebt, nicht ankommt, vielmehr auf einen, den ich als »inneren« nur ungern bezeichne. Denn er besteht ja aus Innen und Außen, aus Vergangenheit und Gegenwart, so dass man zugleich überall ist, in Frankfurt, in Hamburg, in Vietnam und in der Mondkapsel, und in seinen eigenen zwanzig Jahren und in seiner Kindheit auch. Und das nicht nur jetzt, aber jetzt besonders, im Zeitalter des Bildes, der Allgegenwart aller Ereignisse und Dinge, der freiwilligen oder unfreiwilligen Partizipation.

5. März

Ich habe in den letzten Tagen mehrere Briefe geschrieben, habe aber meine Beunruhigung durch das Pilzhaus in keinem erwähnt. Ich weiß schon, dass niemand mich verstehen würde, ich bin oft genug gefragt worden, warum ich diese hässliche Stadt nicht verlasse, um wie die meisten anderen Schriftsteller in ein hübsches Landhaus zu ziehen, an einem See in Oberbayern oder an das südliche Meer. Auf diese Frage weiß ich nicht recht zu antworten, ich gewöhne mich hier nicht ein, vielleicht gerade deswegen, die Stadt ist nicht schön, vielleicht deswegen, das Sichnichtzuhausefühlen als eine uns gemäße Verfassung, man schüttelt den Kopf und versteht mich nicht. Sie haben, fragt man, die Stadt wohl schon früher gekannt, die alte Kaiserkrönungsstadt, die alte Bürgerstadt, die Fachwerkhäuser und schönen Plätze, die vornehmen Museumskonzerte, die eleganten Leute im Opernfoyer, und es ist wahr, ich habe das alles gekannt, wenn auch nur flüchtig, gekannt und vergessen, während mir eine andere Stadt deutlich vor Augen steht.

Die Trümmerbraut, Haare aus Rauchfetzen, Atem aus Brandgeruch, Tod und Verwilderung, Einbruch der Urwälder, der Urtriebe, Vorwarnung, Warnung, Entwarnung, Detonation. Lautloses Gestammel im Keller, der Schutzraum hieß, vorbei, bitte auf uns nicht, und Geräusch, Kratzgeräusch der Besen, die Glassplitter zusammenfegen, dann die erste Nacht ohne Verdunkelung, was für ein Frühling, der erste nach dem Krieg. Dann ruhige Nächte, aber Kälte, Armut und Hunger, Buschwindröschen, Akazienschößlinge auf Trümmerbergen, Abendlicht auf nackten Ziegelmauern, Amerikaner, die zu Besuch kommen, rauchen, rauchen, in den Aschbecher lange Kippen, die in der Nacht noch ausgeschlachtet werden. Rollwagenfahrten vor die Tore, zwei Rüben, zehn Falläpfel, am Bahndamm ein Nest Hallimasche, in der Kneipe ein Heißgetränk, ein markenfreies Stück Brot. Fast unmerklicher Wiederanfang, ein Dachstock gerichtet, ein Beet mit Blumen bepflanzt. Fragt man mich wirklich, warum ich an dieser Stadt hänge, der Trümmerbraut, jetzt eine fette Madam, die mit Brillantringen an der Kasse sitzt und die Kasse klingeln lässt, die aber einmal anders war, jung, zigeunerisch wild und Träume hatte, Todesträume und Lebensträume, die rannte und schleppte und Schlange stand, nichts mehr wusste von Kaiserkrönung und von der hier aufgewachsenen Exzellenz. Es konnte noch alles aus ihr werden, aus uns werden, und was, bitte, ist aus ihr, aus uns geworden. Aber für mich ist das alles eben noch sichtbar, ich kann es nicht vergessen, ich vergesse es nicht. Und wahrscheinlich ist es das, was mich hier zurückhält und warum ich nicht in meine Heimat ziehe oder nach Italien oder an einen oberbayrischen See.

7. März

Die Karte gezeichnet und wieder weggelegt, den Sinn auf etwas anderes gerichtet, Zeit des Wartens (auf die Kündigung), Zeit der Erinnerung, auch an Menschen, die man gekannt hat oder auch verkannt hat, und deren Leben man beschreiben möchte, wenn nicht alles so bruchstückhaft wäre, unsere Kenntnis, aber auch unser Erinnerungsvermögen, so dass ich zum Beispiel von einem schon vor Jahren verstorbenen Freund im Augenblick wenig anderes mehr weiß als seinen ärgerlichen Ausruf, ich finde keine Gesprächspartner mehr, was sehr hochmütig klingt, aber niemand fühlte sich verletzt. Er hatte recht, seine Wortwaffen waren fein geschliffen, unsere stumpf, während er schöne Figuren beschrieb, stachen wir Jüngeren einfach zu, während es ihm um das sokratische Spiel der Daseinserfassung zu tun war, ließen wir unseren Neigungen und Abneigungen freien Lauf. Einmal, als jemand heftige Zahnschmerzen hatte, sagte der Freund, wenn ich Zahnschmerzen habe, denke ich immer, was wäre, wenn jetzt meine Mutter stürbe, was bedeuten sollte, dass dann eben nichts wäre als dieses bohrende, verrückt machende Zahnweh, keine Trauer, keine Dankbarkeit, kein Erinnern, der Geist vom Körper überwältigt, das Gefühl ausgelöscht, nicht mehr existent. Ein drittes Wort, das war Ende Mai, in Ostpreußen, endlich alle Sträucher grün, endlich ein wenig Wärme, und die Sonne nachts kaum mehr unter dem Horizont. So dass es, als wir mit dem Freund das Haus anderer Freunde verließen, zwar Mitternacht vorüber, aber noch nicht recht dunkel und auch noch nicht recht hell war, nach dem endlosen Winter ein schwebender Übergang, ein Stillstand fast, und wonach roch es, nach Jasmin und Faulbaum und sommerlichen Teichen, aber nach was noch? Wir blieben alle stehen, atmeten tief, aber der, an den ich jetzt denke, sagte mürrisch, es herbstelt, und knöpfte sich den Überzieher zu. Und obwohl wir daraufhin lachten und uns empört zeigten, spürten wir doch plötzlich alle den feinen Nebel und in der strahlenden Jugend des Jahres das Alter und den Tod. Das war in den allerersten Hitlerjahren, wir gingen bald in den Westen, »ins Reich«, wie man damals sagte, der ältere, fast zwergenhaft kleine Freund, der seinen wissenschaftlichen Ruhm mit so großer Würde überlebt hat, entfloh der Festung Ostpreußen erst im letztmöglichen Augenblick. Ich sah ihn kurz nach dem Kriegsende wieder, in einer Frankfurter Buchhandlung, die auf einen Tisch gestapelten Bücher überragte er kaum, ich sah nur seine Stirn, seine strengen Augen, und ich sah, wie diese Augen sich mit Tränen füllten, ein unfasslicher Anblick, aber so war das damals, keiner hatte Nachricht von keinem, jeder hatte jeden schon verloren gegeben, und der kleine zornige Eiferer kam um den Tisch herum und strich mir mit der Hand über die Wange, niemals vorher hatte er das getan.

DIE ehemalige Offiziersmesse hinter dem Frankfurter I.G.-Gebäude und wie wir dort saßen, eingeladen vom Leutnant Bill. Er war einer der Oxfordstudenten gewesen, die bei meiner Mutter Deutsch lernten, er war Amerikaner und gehörte zur amerikanischen Armee. Abgemagert und hohläugig standen wir ihm gegenüber, er hatte sein altes rosiges Kindergesicht, der Fliegergeneral, der alte Leutnant Bill. Die Messe lag im verbotenen, durch hohe Stacheldrahtzäune abgesperrten Stadtteil, der Zaun lief durch unsere Straße, die wenigen Übergänge waren von Schwerbewaffneten bewacht. Wir fuhren im Generalswagen und durften passieren, sahen mit Erstaunen die früher vertrauten Gegenden, Grüneburgstraße, Grüneburgpark, alles von der Besatzungsmacht beschlagnahmt und das I.G.-Gebäude mitten darin. Sauberkeit, schön gepflegte Anlagen, Friedensland, Schlaraffenland auch. In der Messe, vor der ein leises Auto nach dem andern vorfuhr, durfte man sich, was immer man wollte, auf ein Tablett laden, dickes blutiges Roastbeef, Salat mit Käsedressing, Bratkartoffeln, Erdbeeren mit Schlagrahm, und aß das alles gierig, mit dem Gastgeber am Fenster sitzend, über sanften Rasenflächen, üppig blühenden Azaleenbüschen, keinen Kilometer von unserer zertrümmerten, verdreckten, trostlosen Straße entfernt; aß und erzählte und ließ sich erzählen; dass der General noch immer regelmäßig mit dem Fallschirm absprang, wunderte uns sehr. Er lebte in Idar-Oberstein mit Frau und Kindern, kam auch mit diesen wieder, und noch einmal gingen wir im Schlaraffenland essen und rauchten Camel-Zigaretten und waren am Ende tieftraurig, so als sei das Sattsein eine schwere seelische Last.

10. März