Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Galerie der Göttinger Berühmtheiten ist reich und über Jahrhunderte respektheischend: von G. Chr. Lichtenberg, dem genialen Aufklärer, und G.A. Bürger, dem Erfinder des Lügenbarons Münchhausen, bis zu W. Heisenberg, dem revolutionären Physiker. Ihnen zu Ehren haben sich hier prominente Göttinger von heute zusammengefunden, um bekannte Persönlichkeiten aus der Vergangenheit ihrer Stadt zu porträtieren. So ist ein Kaleidoskop zur Geschichte und Kultur Göttingens entstanden: unterhaltsam, vergnüglich und lehrreich verfasst, für den einheimischen Kenner und den Neuling in der Stadt gleichermaßen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 355
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
GöttingerStadtgespräche
Persönlichkeiten aus Kultur, Politik,Wirtschaft und Wissenschaft erinnernan Größen ihrer Stadt
Herausgegeben vonChristiane Freudenstein
Vandenhoeck & Ruprecht
Mit 34 Abbildungen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-647-99788-9
© 2016, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,Theaterstr. 13, 37073 Göttingen /Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U. S. A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sindurheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen alsden gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigenschriftlichen Einwilligung des Verlages.
Satz und Umschlaggestaltung: textformart, Göttingen | www.text-form-art.deUmschlagillustration unter teilweiser Verwendung der »Skyline Göttingen«(© wandspruch.de): Daniela Weiland, Göttingen EPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim
Inhalt
Vorwort
Albrecht von Hallers Zeit in Göttingen
von Dietmar Robrecht
Anna Vandenhoeck, Verlegerin
von Dietrich Ruprecht
Johann Stephan Pütter
von Eva Schumann
Georg Christoph LichtenbergEin Zwerg als Denk-Riese
von Tete Böttger
»Hurrah! Die Toten reiten schnell«Gottfried August Bürger, der ›Condor‹ des Göttinger Hains
von Ulrich Joost
Caroline MichaelisEine Göttingerin auf der Suche nach Freiheit und dem großen Glück
von Rainer Hald
Alexander von Humboldt in Göttingen – Anfänge eines großen Weltentdeckers
von Andreas von Tiedemann
Carl Friedrich Gauß: Astronom, Mathematiker und Physiker in Göttingen
von Axel Wittmann
Friedrich Christoph Dahlmann, die Göttinger Sieben und König Ernst August – Der Verfassungskonflikt von 1837
von Heinrich Prinz von Hannover
Johann Conradt Bremer In Vino Veritas – Jahre Weinhandelstradition in Göttingen
von Georg Friedrich Bremer und Philipp Bremer
Heinrich HeineDie Sicht eines Göttinger Wurstfabrikanten
von Frank-Walter Eisenacher
Otto v. BismarckLehrjahre des Reichsgründers
von Hans-Christof Kraus
Ein Gasthaus für GöttingenCarl Gebhard und sein Hotel
von Ernst Böhme
Rudolf von JheringEin Kampf um Recht und Gerechtigkeit
von Okko Behrends
Otto Wallach – ein großer Göttinger Chemiker
von Jürgen Troe
Der Mathematiker Felix Klein, Kosmopolit und NationalistDer Begründer der goldenen Ära der Mathematik in Göttingen
von Samuel Patterson
Gustav WurmDas erfolgreiche Leben eines Zeitungsverlegers im Wandel der Zeiten
von Michael Schäfer
Max Planck in Göttingen und was daraus wurdeBetrachtungen aus einer persönlichen Perspektive
von Andreas J. Büchting
»Im Häuschen will ich auch sterben und nur von dort aus noch leben«Lou Andreas-Salomé und Göttingen
von Inge Weber
In Memoriam Ernst Ferdinand Geismarus Ruhstrat
von Andrea Ruhstrat
Eine stille, aber laut vernehmbare Größe: Otto Hahn
von Matthias Heinzel
Max von Laue und Göttingen
von Hubert Goenner
»Die Weiblichkeit war nur durch Fräulein Emmy Noether vertreten« – die Mathematikerin Emmy Noether
von Cordula Tollmien
James Franck, NobelpreisträgerWissenschaft in moralischer Verantwortung
von Friedrich Smend
Max Born und die Entstehung der Quantenmechanik
von Kurt Schönhammer
Heinz Hilpert, Schauspieler, Regisseur und TheaterleiterHausherr des Deutschen Theaters in Göttingen
von Norbert Baensch
Edith Stein in GöttingenDie dunkle Nacht der Seele
von Heinrich Detering
Herta Sponer – eine Pionierin der Physik an der Grenze zur Chemie
von Claudia Binder
Gerhard LeibholzRückkehrer aus dem Exil
von Thomas Oppermann
Werner Heisenberg: Jugendlicher Entdecker der modernen QuantentheorieSuche nach einer zentralen Ordnung der Natur
von Helmut Reeh
Lucinde Sternberg geb. Worringer»Man darf sich nur nicht entmutigen lassen«
von Helga Grebing
Jochen BrandiEine Architektin und ein Kunsthistoriker erinnern sich im Gespräch an den Göttinger Architekten
von Susanne Arndt und Karl Arndt
Robert Gernhardt Reminiszenzen – erinnerte Glücks-Momente
von F. W. Bernstein
Heinz Ludwig Arnold, Freund der Dichter
von Thedel v. Wallmoden
Bildnachweis
Die Herausgeberin, Autorinnen und Autoren
Vorwort
Dieser Band verdankt sein Entstehen der Idee, große Persönlichkeiten, die in Göttingen gelebt und gewirkt haben, von besonders interessanten und wichtigen Göttinger Zeitgenossen vorstellen zu lassen. Erwünscht waren keine trockenen Darstellungen, sondern lebendige Charakterbilder sollten entstehen. Diese Konzeption brachte es mit sich, dass sowohl Fachleute von Rang über ihre Vorgänger in der Wissenschaft geschrieben haben, als auch gewichtige Persönlichkeiten aus der Kultur und Wirtschaft Göttingens beteiligt waren. In diesem Zusammenhang möchte ich besonders dem Altverleger des Verlags Vandenhoeck & Ruprecht, Dietrich Ruprecht, danken. In Brainstorming-Gesprächen gab er mir Hinweise auf wichtige Unternehmer, deren Firmengründungen eng mit der Geschichte der Stadt und der Universität Göttingen verquickt sind.
Dankbar bin ich auch Traudel Weber-Reich, die mit ihrem 1993 im Wallstein Verlag erschienenen Buch, »Des Kennenlernens werth. Bedeutende Frauen Göttingens«, wichtige und spannend zu lesende Vorarbeit geleistet hat. Denn auch kluge und kreative Frauen sollten in angemessener Präsenz vorgestellt werden – Lou Andreas-Salomé, Caroline Michaelis, Emmy Noether, Herta Sponer, Edith Stein, Lucinde Sternberg und Anna Vandenhoeck sind es. Nur sieben weibliche Biographien sind also in meinem Buch vertreten neben 27 männlichen. Dieses Missverhältnis ist dem Umstand geschuldet, dass die jüngste Persönlichkeit, deren Werdegang im letzten Beitrag dargestellt wird, 1940 geboren wurde – zu einem Zeitpunkt, als Frauen wichtige Positionen eben noch nicht erringen konnten. Indem die Porträts der bedeutenden Göttingerinnen und Göttinger in chronologischer Reihenfolge nach ihrem Geburtsjahr angeordnet sind, ist zugleich ein Panorama Göttinger Stadtgeschichte des 18., 19. und 20. Jahrhunderts entstanden.
Dass die Persönlichkeiten auch mit einem Bildnisporträt vorgestellt werden konnten, haben wir einerseits der großzügigen Unterstützung durch das Stadtarchiv Göttingen und das Städtische Museum Göttingen zu verdanken, andererseits auch dem Griff ins Privatarchiv einiger Beiträger – dafür Danke!
Besonders dankbar bin ich auch meinem Schwager Michael Buback, der mich im Bereich der Naturwissenschaften beraten hat, für die Göttingen nicht nur Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinem ›Nobelpreiswunder‹ berühmt war, sondern auch vorher und danach. Auch heute noch kann man Göttingen als ein Zentrum der Forschung bezeichnen. Nicht ohne Grund – sind doch gleich fünf Max-Planck-Institute in unserer Stadt beheimatet. Ohne Michael Bubacks Hilfe und ohne die Vermittlung von Stefan Tangermann und Kurt Schönhammer hätte ich – zwar naturwissenschaftlich interessiert und durch Eva Nehers Science Festival mit einigen neueren Forschungen bekannt – kaum die passenden Beiträger für die bedeutenden Physiker und Chemiker finden können, deren Porträts in meinem Buch gemalt worden sind.
Unter den Beiträgern dieses Bandes befinden sich auch einige Freunde, die trotz Arbeitsüberlastung mitgewirkt haben und erst überzeugt werden mussten, dass sie tatsächlich auch zu den ›bedeutenden Göttingern‹ gehören. All ihnen danke ich sehr, besonders Martina Kayser, der ehemaligen Leiterin des Bereichs Geisteswissenschaften bei Vandenhoeck & Ruprecht, denn auf ihrer Idee beruht letztlich dieses Buch.
Der Name ›Neher‹ fiel eben bereits und ist ein Stichwort: Göttingens drei Nobelpreisträger, Manfred Eigen, Erwin Neher und Stephan Hell sowie auch andere, die es verdient hätten, sind in diesem Band nicht vertreten, dessen Konzeption vorsah, nur verstorbene Persönlichkeiten vorzustellen. Unter ihnen befindet sich auch mein Mann, Heinz Ludwig Arnold, dem ich dieses Buch in memoriam widme.
Christiane Freudenstein
Göttingen, am 18. April 2016
Albrecht von Hallers Zeit in Göttingen
von Dietmar Robrecht
»Haller hat Göttingen gewiss viel gebracht, aber ohne Göttingen wäre er nie geworden, was er geworden ist.«
Gérard von Haller1
Albrecht Haller wurde am 16. Oktober 1708 in Bern geboren und verstarb dort am 12. Dezember 1777, gefasst und das eigene Sterben bis zuletzt beschreibend. Sein Begräbnisplatz neben der französischen Kirche wurde Anfang des vorigen Jahrhunderts eingeebnet. Wie sie es zeit seines Lebens gehalten hatten, kümmerten sich die Bürger von Bern auch nach seinem Tod wenig um den größten Sohn ihrer Stadt. Johann Georg Zimmermann, sein berühmter Schüler und erster Biograph, schrieb mit Recht: »Den Tod des Herrn von Haller werden zunächst um sein Grab nur wenige Herzen fühlen, der zu große Ruhm eines Mitbürgers ist Schweizern immer lästig. Aber Deutschlands Männer gestehen, dass man seit Leibnizens Tod keinen empfindlicheren Verlust erlitten.«2
1736 war Haller als Professor für Anatomie, Chirurgie und Botanik an die erst wenige Jahre zuvor gegründete Universität Göttingen berufen worden und wirkte hier, bis ihn Heimweh 1753 in die Heimatstadt zurückzog. Der Trennungsschmerz scheint so groß gewesen zu sein, dass der in ganz Europa hochberühmte Gelehrte seine gut dotierte Stelle aufgab und sich zunächst mit dem bescheidenen Posten eines Rathausammanns3 in Bern zufriedengab. Eine 1769 kurzzeitig erwogene Rückkehr nach Göttingen, wo ihn Georg III. zum Kanzler machen wollte, scheiterte letztendlich am Widerstand seiner Familie.
Eigentlich zur Theologie bestimmt, entschloss sich Haller als 15-Jähriger zunächst zum Studium der Naturwissenschaften in Tübingen. Die Grundlagen für seine späteren wissenschaftlichen Arbeiten erarbeitete er sich jedoch in Leiden als eifriger Schüler des in der damaligen Zeit wohl bedeutendsten Mediziners Herman Boerhaave, bei dem er Medizin, Botanik und Chemie hörte. In Paris intensivierte er seine anatomischen Studien, wobei ihn sein Drang, das neu gewonnene Wissen zu vertiefen, dazu brachte, verbotenerweise Leichen ausgraben zu lassen. In Basel entdeckte er schließlich für sich die Botanik als selbständiges wissenschaftliches Fach. 1728 unternahm er seine erste botanische Studienreise in die Alpen. Sein umfangreiches Lehrgedicht »Die Alpen« (1732) machten ihn auch als Poet weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus bekannt.
Aus der Position eines praktizierenden Arztes in Bern heraus wurde Haller dann von seinem lebenslangen Gönner Gerlach Adolph von Münchhausen an die Universität Göttingen berufen. Der Umzug in den Norden stand unter keinem guten Stern. Schon vier Wochen nach der Ankunft starb Hallers geliebte Frau Marianne und ließ ihn mit drei kleinen Kindern zurück. Für sie hatte er sein damals weithin bekanntes Liebesgedicht »Doris« (1730) geschrieben. Auch seine zweite Frau verstarb nach nur kurzer Ehe.
Hallers Tage in Göttingen waren mit Lesen, Schreiben, Lehren und Experimentieren ausgefüllt. Offenbar gehörte der Wissenschaftler zu den Menschen, die selbst beim Essen, Spazierengehen und sogar beim Reiten lesen mussten und das Gelesene lückenlos wiedergeben konnten. Im Winter stand die Anatomie im Zentrum seiner Arbeit. Insgesamt hat Haller um die 350 Leichen in Göttingen selbst seziert und die Befunde präzise aufgezeichnet. Der Sommer blieb der Botanik vorbehalten. In Anlehnung an Idee und Konzept eines botanischen Gartens, den er in Leyden kennengelernt hatte und der mit 6000 Pflanzen der bedeutendste in Europa war, begann er die Planung und Erweiterung des »Medizinischen Gartens« in Göttingen. Nachdem in der Unteren Karspüle ein geeignetes Feld gefunden war, wurde rasch der Bau der Treibhäuser und seines Wohnhauses in Angriff genommen. Am 8. Mai 1738 konnte ihm der Schlüssel des Botanischen Gartens übergeben werden. Die Aussaat nahm er eigenhändig vor, da eine Gärtnerstelle zunächst nicht vorgesehen war.
Die junge Universität und auch die Stadt erlebten einen enormen Aufschwung durch Hallers Wirken. Er zog Studenten von weit her an, weil er sein immenses Wissen verständlich vortragen konnte und seine Schüler zu eigenständigen, oft tierexperimentellen Arbeiten anleitete. Die Zahl seiner viel gelesenen Publikationen beeindruckt auch heute noch. In Göttingen gab er die Vorlesungen seines geschätzten Lehrers Boerhaave in sieben Bänden reich kommentiert heraus, was auch für die Universitätsbuchhandlung Vandenhoeck sehr vorteilhaft war, da das Werk mehrere Nachdrucke erlebte. Die Darstellung der Schweizer Pflanzen und auch die Beschreibung der Pflanzen des Göttinger Botanischen Gartens, der bei Hallers Weggang zum größten in Europa angewachsen war und bis heute besteht, wurden publiziert. Daneben erschien eines seiner Hauptwerke, die »Icones anatomicae« (1756), das sich im Wesentlichen mit der Verteilung der Blutgefäße im menschlichen Körper beschäftigte. Durch Einspritzungen von gefärbtem Terpentinöl oder Talg in die Gefäßbahnen von Leichen erfasste Haller viele bisher unbekannte Verästelungen.
Auch sein Lehrbuch der Physiologie (»Primae lineae physiologiae«, 1751), das erstmals kurz und verständlich zusammenfasste, was die gelehrte Welt über die Funktionen der Organe des menschlichen Körpers, speziell der Atmung und des Blutkreislaufes, wusste, erschien 1747 in Göttingen und steigerte die Attraktivität der Universität. Schon für Haller war die Physiologie »belebte Anatomie«. Schließlich wurde 1753 auch sein auf Tierversuchen basierendes klassisches Werk von den empfindlichen und reizbaren Teilen des menschlichen Körpers publiziert (»De partibus corporis sensilibus et irritabilus«), in dem er die unterschiedlichen Funktionen von Muskulatur und Nerven beschrieb. Wie Empfindungen und Bewegungen zusammenhängen, war damals noch weitgehend unbekannt.4 Erst mit Haller wurden Tierversuche allgemein üblich.
1747 übernahm Haller die Redaktion der Zeitschrift, die bald unter dem Namen »Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen« zum führenden Rezensionsorgan in Deutschland werden sollte. Er selber hat bis zu seinem Tod 10.000 Rezensionen beigesteuert. Seine Berichterstattung erstreckte sich auf medizinische und naturwissenschaftliche, mathematische und physikalische, geographische und historische, philosophische und theologische, schriftstellerische und dichterische Erzeugnisse.
Diese Tätigkeit in Verbindung mit einer Korrespondenz, die sich über ganz Europa erstreckte, erklärt, warum Haller wohl zu den am besten informierten Menschen seiner Zeit gehörte. 12.000 Briefe von über 1000 Absendern sind erhalten geblieben.5
Rufe nach Oxford, Utrecht und Berlin lehnte Haller ab und wurde wohl auch wegen dieser Treue zu Göttingen durch Vermittlung seines Förderers von Münchhausen 1749 von Kaiser Franz I. in den erblichen Adelsstand erhoben.
1751 erhielt Albrecht von Haller den Auftrag zum Erstellen einer Satzung für die »Königlich Grossbritannische Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen«. Diese wurde schnell erarbeitet und genehmigt; Haller wurde zum beständigen Präsidenten der Akademie ernannt. Auf seine Initiative hin konnte im November 1751 auch eine Entbindungsanstalt eröffnet werden, die der Verbesserung der Ausbildung von Ärzten und Hebammen dienen sollte. Ihr erster Leiter war der 25-jährige Johann Georg Roederer, der wie Haller »ein rastloser Lehrer und Schriftsteller war und dessen Handbuch der Geburtshilfe führend wurde. Hallers nächstes großes Anliegen war ein Spital für den Unterricht am Krankenbett. Es wurde erst nach seinem Wegzug verwirklicht.«6
Aus diesen revolutionär zu nennenden Neuerungen, die auf Haller zurückgehen, wird deutlich, dass er kein Wissenschaftler fernab der Welt war, sondern mitten im Leben stand und im Bewusstsein seiner sozialen Verantwortung handelte. Er selbst hat einmal über sich geschrieben: »Ich möchte, wenn es möglich wäre, auf die Nachwelt als Freund der Menschen wie als Freund der Wahrheit übergehen.«7
Haller war überzeugter Christ und treues Glied der ihm vertrauten reformierten Kirche der Schweiz. Aber er hat es nicht leicht gehabt mit seinem Glauben. Der Verlust seiner beiden ersten Frauen und der Tod der drei jeweils erstgeborenen Söhne trafen ihn schwer. Die ewige Frage, »wie kann mit deiner Huld sich unsre Qual vertragen?«, hat ihn sein Leben lang gequält. Als Mann der Aufklärung versuchte er stets, seinen Glauben auch wissenschaftlich zu begründen, wobei die Kenntnis der Natur ihn gelehrt habe, »höher von Gott zu denken«. In seinen »Gedanken über Vernunft, Aberglauben und Unglauben«, dem sechsten Kapitel der »Alpen«, ruft er schließlich aus: »Genug, es ist ein Gott; es ruft es die Natur / Der ganze Bau der Welt zeigt seiner Hände Spur.«
Schon bei seiner Berufung nach Göttingen hatte Haller dafür geworben, eine reformierte Predigerstelle einzurichten und eine Kirche zu bauen. Göttingen aber hatte sehr unter dem Dreißigjährigen Krieg gelitten; wirtschaftlich und baulich war die Stadt in einem erbärmlichen Zustand. Erst nach der Bewilligung von Steuervergünstigungen und Zuschüssen zur Bebauung der »wüsten Stellen« Anfang des 18. Jahrhunderts besserte sich die Situation allmählich. Göttingens Einwohnerzahl jedoch stieg erst, als die Vorbereitungen zur Universitätsgründung begannen und deshalb auch vermehrt Handwerker in die Stadt kamen. Darunter waren oft Reformierte. Auch einige reformierte Professoren, Lektoren und Studenten ließen sich schon vor der offiziellen Gründung der Universität in Göttingen nieder. Bis dahin durften die Göttinger Reformierten nur einmal in drei Monaten den reformierten Pastor aus (Hannoversch) Münden kommen lassen, um mit ihm »in aller Stille und ohne Aufsehen« das Abendmahl zu feiern. Nun aber wurden immer wieder Petitionen an die Regierung in Hannover geschickt mit der Bitte um Gewährung der freien Religionsausübung. Auch hier hat sich Gerlach Adolph von Münchhausen unterstützend hervorgetan. Zahllose Briefe an den König in London und den Rat der Stadt Göttingen wurden von ihm verfasst. Wenn immer wieder gesagt wird, dass die reformierte Gemeinde Göttingen ihre Existenz Albrecht von Haller verdanke, dann darf die Rolle von Münchhausens dabei nicht zu gering eingeschätzt werden. Die Regierung in Hannover lenkte schließlich ein, weil deutlich wurde, dass sich einige reformierte Studenten nicht in Göttingen einschrieben, weil es dort keine reformierte Gemeinde gab.
So wurde einmal mehr Haller mit der Aufgabe betraut, dieses Problem zu lösen, und die langwierige Suche nach einem geeigneten Bauplatz begann. Haller schrieb Briefe an die Regierungen von Bern, Zürich und Basel sowie an reformierte Gemeinden in Holland und bat um finanzielle Unterstützung bei der Gemeindegründung, die dann auch reichlich gewährt wurde. Über den Tag der Grundsteinlegung für die Kirche gegenüber ›seinem‹ Botanischen Garten sagte er zu einem Freund: »Das war der schönste Tag meines Lebens.« Die Fertigstellung und Einweihung der Kirche am 11. November 1753, die – baulich unverändert – noch heute den Reformierten in Göttingen als Gotteshaus dient, hat Haller nicht mehr miterlebt. Dass er nach Bern zurückkehrte, war eine völlig unverständliche Entscheidung für die gelehrte Welt. Aber auf Albrecht von Haller wartete noch ein erfülltes Leben »extra Gottingam«.8
Anmerkungen
1Haller, Gérard von: Festvortrag. In: 250 Jahre Evangelisch-Reformierte Gemeinde Göttingen. Göttingen 2003.
2Siegrist, Christoph: Albrecht von Haller. Stuttgart 1967. S. 17.
3Der Rathausammann stand in der Ratshaushierarchie an letzter Stelle und wurde mit bescheidenem Gehalt für vier Jahre gewählt. Er führte die Aufsicht über das Rathaus, hatte für die tägliche Reinigung der Amtsräume zu sorgen und musste bei allen Verhandlungen des Großen und Kleinen Rates anwesend sein. Sonntags hatte er die Bürgermeister zur Kirche und ins Rathaus zu begleiten.
4Balmer, Heinz: Albrecht von Haller. Bern 1977. S. 19.
5Ebd. S. 20.
6Ebd. S. 21.
7Ebd. S. 72.
8250 Jahre Evangelisch-Reformierte Gemeinde Göttingen. Festschrift. Göttingen 2003.
Anna Vandenhoeck, Verlegerin
von Dietrich Ruprecht
Der Name dieser schon zu Lebzeiten bedeutenden Verlegerin taucht im Göttinger Stadtbild an zwei eher unauffälligen Stellen auf: im Groner Gewerbegebiet südlich der Bundesstraße 27 als ›Anna-Vandenhoeck-Ring‹, sodann auf dem alten Bartholomäusfriedhof an der Weender Landstraße. An der Südostecke des Friedhofs befindet sich ihr Grabmal, das mit einer Urne gekrönt und mit der Inschrift versehen ist: »Hier ruhet Anna Vandenhoeck, geborene Parry, gebor. zu London, d. 24. May 1709, starb d. 5. März 1787. Das Denkmal stiftete aus Liebe und Dankbarkeit Carl Friedrich Ruprecht«. Dieser Stifter war Universalerbe der kinderlosen Witwe des Holländers Abraham Vandenhoeck (1700–1750). Der war am 13. Februar 1735 von der hannoverschen Regierung zum »Universitäts-Buchdrucker/u.-Buchführer« in Göttingen berufen worden. Druckerei, Verlag und Buchhandlung lagen damals in der Regel noch in einer Hand. Man tauschte unter den Firmen bargeldlos Druckbogen gegen Druckbogen; Differenzen wurden dann auf der Buchmesse in Leipzig (zuvor in Frankfurt) in Bargeld ausgeglichen.
Der Anfang im sprachlich fremden Göttingen war für den nicht sonderlich bemittelten Vandenhoeck wirtschaftlich schwierig. Doch trugen sicherlich seine Erfahrungen auf dem französischen, niederländischen und englischen Markt dazu bei, dass seine Universitätsbuchhandlung bald als die leistungsfähigste angesehen war und sich langfristig behaupten konnte.
Vandenhoeck war, wie dann auch seine Frau Anna, evangelisch-reformierter Konfession, was bald für ihren Verlag, später auch für die kirchliche Situation Göttingens Folgen haben sollte: Als der 28-jährige, bereits berühmte und einflussreiche Universal-Gelehrte Albrecht Haller (geadelt erst 1749) 1736 aus Bern an die in Gründung befindliche Georgia Augusta als Professor der Medizin und Botanik berufen wurde, vermisste er im lutherischen Göttingen das Vorhandensein einer reformierten Kirche und eines Geistlichen.1 Beide einer religiösen Minderheit angehörend, kamen sich die in Göttingen neuen Familien Haller und Vandenhoeck rasch nahe. Das wirkte sich alsbald persönlich wie auch geschäftlich aus. So wird bereits 1749 von einer gemeinsamen mehrtätigen Vergnügungsreise der Damen Haller und Vandenhoeck per Kutsche nach Kassel berichtet. Auch wird Haller, der zuvor in Leiden studiert und gelehrt hatte, mit der holländischen Sprache vertraut gewesen sein. Jedenfalls überließ er dem Vandenhoeck-Verlag etliche seiner bahnbrechenden medizinischen und botanischen Publikationen. Hinzu kamen mehrere Auflagen seines »Versuchs Schweizerischer Gedichte« mit dem Gedicht »Die Alpen«, mit dem Haller in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Die enge Verbindung der von Haller 1731 gegründeten ›Akademie (damals Sozietät) der Wissenschaften‹ mit dem Verlag besteht bis heute.
Als Abraham im August 1750 im Alter von nur 50 Jahren starb, übernahm die 41-jährige kinderlose Witwe Anna, offenbar nicht unvorbereitet, als alleinige Erbin das Ruder in Verlag, Buchhandlung und Druckerei. Letztere, in welcher der ausländische Chef immer Schwierigkeiten mit dem Verhalten der deutschen Schriftsetzer gehabt hatte, wurde alsbald verkauft. Bücher des Verlags firmierten fortan, damaligem Brauch folgend, unter »verlegts seel. Abraham Vandenhoecks Wittwe« – so oder ähnlich wurde es auch bei lateinischen, französischen oder englischen Titeln gehalten.2
Über Annas Herkunft und Vorleben in London und Hamburg ist nichts bekannt. Ein gewisses eigenes Vermögen muss sie besessen haben, da sie sich nach ihrer Ankunft in Göttingen für ein Start-Darlehen verbürgen konnte, das ihrem Ehemann gewährt wurde, oder da sie die Vergnügungsreise mit Frau Haller finanzierte. Wie ihr verstorbener Ehemann gehörte sie nun als Prinzipalin zu den sogenannten ›Universitätsverwandten‹, die nicht der Gerichtsbarkeit der Stadt, sondern derjenigen der Universität unterstanden; das waren universitätsnahe Berufe wie Reitlehrer, Fechtlehrer, Tanzlehrer und Perückenmacher.
Bald nach ihren ersten Jahren als Verlegerin muss ihr Carl Friedrich Ruprecht (1730–1816) eine wertvolle Hilfe geworden sein. Der in der thüringischen Residenzstadt Schleusingen als Sohn eines Regierungsadvokaten und Forstschreibers geborene Carl war gleich nach Abschluss des dortigen Gymnasiums am 1. Januar 1748 bei Abraham Vandenhoeck als Lehrbursche angetreten. Vermittelt hatte ihm die Stelle der mit Ruprechts Familie verwandte Göttinger Medizinprofessor und Prorektor Johann Andreas von Segner, einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler seiner Zeit. Der unterschrieb auch den Lehrvertrag für Carl und nahm ihn bei sich auf.
Die frühesten überlieferten Zeugnisse von Ruprechts Tätigkeit in Göttingen sind zwei Briefe, die er von der Leipziger Ostermesse 1758 an seine »hochzuverehrende Gönnerin« Anna Vandenhoeck über den Verlauf der Messe schrieb. Deren zugewandtes Vertrauen in ihn spricht auch aus dem erhaltenen Jugendbildnis ihres Mitarbeiters, das sie in dieser Zeit in Auftrag gegeben hat.
Über die Rollenverteilung zwischen Anna Vandenhoeck und C. F. Ruprecht und deren Ablauf gibt die Quellenlage kaum Genaueres her. Fest steht, dass sie als allein haftende Verlegerin wirtschaftliche Kenntnisse und unternehmerische Entschlusskraft besaß, auch zeitlebens alle Verträge unterschrieb. Ihr gesellschaftliches Ansehen war vermutlich hoch, weil sie als Engländerin nicht nur für Damen (wie Frau Haller und Frau Pütter) interessant war, sondern auch für etliche Professoren, die Verbindungen zu englischen Kollegen und Studenten in Göttingen pflegten.
Bei ihrem jungen Adlatus Ruprecht liegt es nahe anzunehmen, dass sein schon erwähnter Vormund Professor von Segner, der als Autor des Vandenhoeck-Verlags sicher auch Kunde im Buchladen war, seinen Schützling Carl mit Kollegen bekannt gemacht hat. Die Autoren des Verlags waren, wie damals üblich, fast ausnahmslos in Göttingen ansässig.
In die Zeit von Annas Verlagstätigkeit fällt auch der Beginn des Aufschwungs der Georgia Augusta zu einer in Deutschland, ja in Europa führenden Universität. Das verdankte sie nicht zuletzt der ihr vom Kurfürstentum Hannover gewährten, für Professoren wie Studenten attraktiven, weitgehenden Zensurfreiheit. Anna Vandenhoeck nutzte die daraus resultierende Chance, die Kontakte zu bereits von ihrem Ehemann übernommenen Autoren zu pflegen und neu berufene Professoren für den Verlag zu gewinnen. Nach Verlagsautoren sind noch heute Göttinger Straßen benannt, z. B. Haller, Roederer, Michaelis und Schlözer.
Der Letztgenannte war für den Verlag ein besonders wichtiger Autor. August Ludwig Schlözer (1736–1808) hatte als hochbegabter, exzentrischer württembergischer Pfarrerssohn früh ein Studium der Theologie absolviert. Nach Aufenthalten in Uppsala und St. Petersburg, wo er bereits Mitglied der dortigen Akademie der Wissenschaften geworden war, folgte er 1769 einem Ruf an die Georgia Augusta als Professor für Geschichte und Statistik. Besonders interessiert war der vielseitige und kommunikationsfreudige Schlözer an den gegenwärtigen politischen, religiösen und wirtschaftlichen Geschehnissen in den Zentren Europas bis hin nach Nordamerika. Zudem trieb ihn unbändige Reiselust um. In den von ihm (teils mit behördlicher Sondererlaubnis) besuchten Hauptstädten Europas nahm er jeweils Verbindungen mit gut informierten Persönlichkeiten auf (Politikern, Juristen, Kaufleuten, Geistlichen), die ihm zunächst mündlich, später auch schriftlich Neuigkeiten, auch kritischen Inhalts, berichteten. 1774 beschloss Schlözer, die Berichte seiner Korrespondenten regelmäßig zu veröffentlichen. Nachdem ein erster Publikationsversuch bei dem 1765 von Gotha nach Göttingen gezogenen profilierten Verleger Dieterich gescheitert war, glückte dann der zweite Anlauf bei Anna Vandenhoeck. Ab 1776 konnte bei ihr der »Briefwechsel meist historischen und politischen Inhalts« sechsmal jährlich als Zeitschrift erscheinen. Wegen der Zensurfreiheit konnten auch kritische Beiträge zu den berichteten Zuständen aufgenommen werden, natürlich zum Verdruss der dort Herrschenden. Erwiesene Falschmeldungen wurden nachträglich berichtigt. Von Kaiserin Maria Theresia in Wien ist überliefert, sie habe einmal einen Plan ihres Staatsrats mit der Begründung abgelehnt: »Was würde Schlözer dazu sagen?«
1782 wurde der Titel des überaus erfolgreichen »Briefwechsels« umgewandelt in »Staatsanzeigen«. Deren für damals ungewohnt hohe Verkaufsauflage betrug ca. 4000 Exemplare, mehrere Hefte mussten nachgedruckt werden. Das Herausgeber-Honorar betrug (historisch ganz seltene) 25 Prozent vom Ladenpreis und erreichte schließlich 3000 Reichstaler im Jahr. So hohe Gewinne mit ihren Büchern zu erzielen, hieß es, gelang damals allenfalls Goethe und Kotzebue. Exzeptionell war auch Schlözers vertraglich fixiertes Angebot an C. F. Ruprecht: Falls mehr als 4000 Exemplare verkauft würden, solle der Geschäftsführer »als Gratial für seine activité« das Honorar dafür statt seiner erhalten. Das einzige überlieferte mündliche Zitat Anna Vandehoecks bezieht sich auf Schlözer. Wenn sie ihn durchs Fenster auf der Straße ihr Haus passieren sah, pflegte sie zu den Umstehenden erheiterten Gesichts zu sagen: »Da geiht meyn Briefwechselmann.« Schließlich fiel das weitere Erscheinen der »Staatsanzeigen« 1794 der wieder erstarkten staatlichen Zensur zum Opfer. Man kann dieses aufklärerische Periodikum wohl mit gewissem Recht als eine Art Vorläufer des heutigen Magazins »Der Spiegel« bezeichnen.
Als Anna Vandenhoeck am 5. März 1787 78-jährig starb, hinterließ sie ihr bereits am 17. November 1778 unterzeichnetes Testament, verfasst und geschrieben von dem ihr vertrauten evangelisch-reformierten Pastor und Prorektor der Universität Lüder Külenkamp. Ihr Geschäftsführer Carl Friedrich Ruprecht war als Universalerbe eingesetzt. Die Firma sollte auf Dauer ›Abraham Vandenhoecks Buchhandlung‹ heißen. Das Erbe war indessen durch Legate und andere Auflagen erheblich belastet. Vor allem die damals noch junge, wenig bemittelte Professoren-Witwenkasse sowie die noch jüngere, weitgehend durch Hallers Einfluss lizenzierte Göttinger Reformierte Gemeinde waren nicht nur mit Geldsummen und Wertgegenständen bedacht, sondern auch mit Aufsichts- und Kontrollrechten über die Verlagsbuchhandlung. Sollten Ruprecht oder seine Nachkommen ohne eheliche Erben sterben, ginge die Firma an beide Institutionen über und sollte durch einen Verwalter geführt werden. Ruprecht solle in der Weender Straße anstelle zwei vorhandener baufälliger Vandenhoeck-Gebäude ein neues Geschäftshaus für mindestens 6000 Taler erbauen (heute Nr. 36, schräg gegenüber der Konditorei Cron & Lanz).
Kein Wunder, dass sich beide Seiten damit nicht zufriedengaben. Die beiden bedachten ›Pia corpora‹ waren mehr am Erhalt höherer Geldsummen interessiert als an wirtschaftlichen Rechten. Dem 57-jährigen Ruprecht hingegen war vor allem an seiner Unabhängigkeit gelegen. Durch einen von der Universität vermittelten Vergleich konnten schließlich nach zähem Ringen die Interessen beider Seiten gewahrt werden: Über die von der Erblasserin fixierten Legate hinaus3 waren an die Professoren-Witwenkasse und die Reformierte Gemeinde je 15.000 Reichstaler zu entrichten. Als künftige Firmierung wird ›Abraham Vandenhoeck und Ruprecht‹ vereinbart (›Abraham‹ entfiel dann später). Um all diesen erheblichen Verpflichtungen nachkommen zu können, musste sich Ruprecht verschulden. Erst sein dann noch 1791 geborener Sohn Carl (›II.‹) konnte viel später die letzte Tilgungsrate des aufgenommenen Darlehens entrichten.
Ja, der 57-jährige Junggeselle ›Carl I.‹ hatte es dann mit dem Heiraten eilig. Wenige Wochen nach dem Vergleich war er auf einer Reise nach Leipzig in Weimar abgestiegen und hatte eine sympathische, nicht mehr ganz junge Dame kennengelernt: Friederike Dorothea Heintze (1754–1800). Er hielt sofort bei ihrem Vater, dem Weimarer Gymnasialdirektor und späteren Autor, um die Hand dieser Tochter an. Durch Heintzes Vorgesetzten und Freund Johann Gottfried Herder fand die Trauung alsbald statt.
Dass die Geschichte des Verlags Vandenhoeck & Ruprecht, dessen Geschicke in der Gründungsphase eine kluge und mutige Frau gelenkt hatte, damit noch nicht zu Ende war, ist in Göttingen hinlänglich bekannt.
Anmerkungen
1Beide konnten nicht zuletzt dank Hallers Initiative realisiert werden: 1753 wurde die in der Unteren Karspüle errichtete Kirche feierlich eingeweiht; die Baukosten betrugen 55.850 Reichstaler.
2Aber nie unter Beifügung ihres eigenen Vornamens, wie Barbara Lösel in ihrer materialreichen Magisterarbeit feststellte (S. 81/82).
3Nach Ruprechts Tod sollte z. B. das bisherige Wohnhaus Annas, Lange-Geismar-Straße 64, als Wohnsitz des Pfarrers an die Reformierte Gemeinde fallen.
Literatur
Ebel, Wilhelm: Memorabilia Gottingensia. Elf Studien zur Sozialgeschichte der Universität. Göttingen 1969.
Lösel, Barbara: Die Frau als Persönlichkeit im Buchwesen. Dargestellt am Beispiel der Göttinger Verlegerin Anna Vandehoeck (1709–1787). In: Buchwissenschaftliche Beiträge aus dem Deutschen Bucharchiv München. Bd. 33. Wiesbaden 1991.
Ruprecht, Wilhelm: Väter und Söhne. Zwei Jahrhunderte Buchhändler in einer deutschen Universitätsstadt. Göttingen 1835.
Ziegler, Edda: Buchfrauen. Frauen in der Geschichte des deutschen Buchhandels. Göttingen 2014. S. 32–41.
Johann Stephan Pütter
von Eva Schumann
»Den 12. August starb der Patriarch der Deutschen Publicisten, der berühmte geheime Justizrath Johann Stephan Pütter, dessen ausgezeichnet große Verdienste um seine Wissenschaft, um die Bildung so vieler tausend Staatsdiener, und um den Glanz der Universität, der er über fünfzig Jahre seine rastlose Thätigkeit mit seltenem Eifer widmete, unvergeßlich bleiben werden. Er erreichte ein Alter von 82 Jahren und fast 2 Monathen.«
Mit dieser kurzen Notiz gab der Altertumswissenschaftler Christian Gottlob Heyne in den »Göttingischen gelehrten Anzeigen«1 von 1807 der gelehrten Öffentlichkeit den Tod des berühmtesten Göttinger Juristen des 18. Jahrhunderts bekannt. Europa befand sich in dieser Zeit im Umbruch, und mit dem Untergang des Alten Reiches im Jahr 1806 war der ertragreichste Gegenstand des umfangreichen Pütter’schen Werkes über Nacht bedeutungslos geworden: Die staatsrechtlichen Arbeiten zur Verfassung und zu den Institutionen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, die Pütters Ruhm begründet hatten, sollten erst für nachfolgende Generationen wieder und dann von rechtshistorischem Interesse sein. Diese Entwicklung und die Auswirkungen auf sein Lebenswerk dürfte Pütter ebenso wie den Tod seiner geliebten Frau im selben Jahr nicht mehr bewusst erfasst haben. Seit 1805 galt er als geistig verwirrt, und ab 1806 stand er unter ständiger Betreuung.
Pütters Biographie zeigt ein Leben in Superlativen: Johann Stephan Pütter, am 25. Juni 1725 in Iserlohn geboren, schrieb sich 1738 als Zwölfjähriger zum Studium an der Marburger Philipps-Universität ein. Er dürfte damals der jüngste Student gewesen sein und war so zart und klein, dass er nicht nur stets einen Auszug aus der Universitätsmatrikel als Nachweis für seinen Status mit sich führte, sondern seine Wohnung auch nur mit einem studentischen Degen verließ, um sich auf diese Weise bei den älteren Marburger Gymnasiasten Respekt zu verschaffen. Weiteren Schutz bot sein Zimmernachbar und Freund, der kräftige Michail Lomonossow, der später in seiner russischen Heimat als Dichter, Naturwissenschaftler und Universalgelehrter Bedeutung erlangte und als Namensgeber für die Moskauer Universität fungierte, an deren Gründung er 1754/1755 mitwirkte.
Nach drei Marburger Studiensemestern, in denen Pütter auch Vorlesungen bei dem berühmten Aufklärungsphilosophen Christian Wolff gehört hatte, wechselte er nach Halle und konzentrierte sich nun stärker auf das juristische Studium. Die nächste wichtige Station war dann ab 1741 Jena: Hier wurde er Schüler des Rechtsgelehrten Johann Georg Estor, der ihn in sein Haus aufnahm und die nächsten Jahre auch intensiv förderte. Im Hause Estors war sein Zimmernachbar Gottfried Achenwall, der später in die Göttinger Universitätsgeschichte als Vater der Statistik eingehen sollte. Pütter und Achenwall blieben zeitlebens eng verbunden: 1748 half Pütter, der kurz zuvor nach Göttingen berufen worden war, seinem Freund, ebenfalls an der Georgia Augusta Fuß zu fassen. 1750 erschien das gemeinsam verfasste Lehrbuch »Elementa iuris naturae« (Staatsrecht und Bürgerliches Recht stammten von Pütter, philosophische Grundlagen, Natur- und Völkerrecht von Achenwall), und von 1753 bis 1764 lebten beide gemeinsam unter einem Dach in der Goetheallee 13 (dort sind heute zwei Gedenktafeln angebracht).
Als Estor 1742 einen Ruf nach Marburg erhielt, folgte ihm Pütter und betreute von nun an dessen umfangreiche Bibliothek. Das Verhältnis zwischen Pütter, der im Alter von sieben Jahren seinen Vater verloren hatte, und Estor (unverheiratet und kinderlos) war über das Schüler-Lehrer-Verhältnis hinaus geradezu familiär. Pütter nutzte die zweite Marburger Zeit, um Erfahrungen in der Praxis zu sammeln, vor allem aber zum Erwerb der Lehrbefugnis. Im April 1744 hielt der 18-Jährige seine erste Vorlesung über »Deutsche Reichsgeschichte«, und 1745 erschien in Estors Werk »Fortsetzung des gemeinen und Reichsprocesses« eine »Anleitung für angehende advocaten und anwälde« als eigene Abhandlung von Pütter.
1746 hatte Pütter die Wahl zwischen vier Stellenangeboten: Neben Offerten der Universitäten Tübingen und Marburg sowie dem Angebot einer Stelle als Regierungsrat in Sachsen-Meiningen bekundete der kurfürstliche Minister und Göttinger Kurator Gerlach Adolph Freiherr von Münchhausen sein Interesse, ihn für Göttingen zu gewinnen. Zu diesen Verhandlungen in Hannover reiste Pütter über Göttingen, das – wie er in seiner »Selbstbiographie« später bemerkte – »schon sehr guten Eindruck auf mich gemacht [hatte], um hoffen zu können, daß ein dortiger Aufenthalt mir nicht zuwider seyn würde«.
Neben einem ordentlichen Gehalt handelte der damals 20-jährige Pütter auch einen aus der Staatskasse zu finanzierenden mehrmonatigen Aufenthalt an den wichtigsten verfassungsrechtlichen Stätten, namentlich am Reichskammergericht in Wetzlar, am Reichstag in Regensburg sowie am Reichshofrat in Wien aus, »um dadurch das recht brauchbare vom Staatsrecht abzusehen, von vielen Sachen […] lebhafftere Begriffe zu erlangen, und überhaupt dadurch in den Stand gesetzt zu werden, daß man […] der studierenden Jugend ein brauchbares Staatsrecht, und […] die rechten Gründe des Reichsgerichtsprozesses beyzubringen«. Als Gegenleistung versprach er, »mit dem größten Vergnügen nach Göttingen« zu kommen »und dorten Lebenslang durch brauchbare Vorlesungen der Universität zu dienen«.2 Die Reisen nach Wetzlar, Regensburg und Wien, die Pütter wie vereinbart vor Antritt seiner Stelle in Göttingen unternahm, dauerten gut ein Jahr, wobei die Kosten die von Münchhausen zugesagten Mittel in Höhe von 500 Reichstaler um mehr als das Doppelte überstiegen (von den Zusatzkosten übernahm Münchhausen nochmals 240 Reichstaler). Allerdings dürfte Pütter auch der einzige Professor gewesen sein, der sich durch Eid verpflichtete, zeitlebens der Universität Göttingen treu zu bleiben. An diesen Eid hielt er sich trotz zahlreicher attraktiver Angebote und trug in Forschung und Lehre fast 60 Jahre lang zum Ruhm und Glanz der Göttinger Juristenfakultät, ja der gesamten Universität bei.
Im Herbst 1747 begann der gerade 22-Jährige mit der Lehre an der Juristischen Fakultät, der damals sechs Ordinarien und mit Pütter drei außerordentliche Professoren angehörten. Pütter verfasste von Anfang an zu allen seinen Vorlesungen Lehrbücher, die am Ende seines Lebens einen nicht unwesentlichen Teil des rund 850 Titel umfassenden Werkes ausmachen sollten. Eine der berühmtesten Schriften der ersten Jahre war sein 1748 erschienenes Lehrbuch zum deutschen Privatrecht, die »Elementa iuris Germanici privati hodierni, in usum auditorium«. Obwohl Pütter nicht aus eigenem Interesse, sondern eher zufällig über seine Lehrverpflichtung an dieses Rechtsgebiet geraten war, stellte er mit seinen »Elementa« wesentliche Weichen für diese junge Wissenschaftsdisziplin, die bis dahin noch keine überzeugende Methode zur Erfassung ihres Stoffes entwickelt hatte.3
In den 1750er Jahren bewältigte der 1753 zum Ordinarius ernannte und inzwischen frisch verheiratete Pütter – die 1751 mit Petronella Gertraud Stock geschlossene Ehe blieb kinderlos – ein ungeheures Arbeitspensum. Der Umfang seiner Vorlesungen betrug bis zu 30 Wochenstunden, und in der zweiten Hälfte der 1750er Jahre produzierte er jährlich im Schnitt 40–50 Schriften und Privatgutachten. Zudem sollte er als Mitglied des Spruchkollegiums der Juristischen Fakultät im Laufe seines Lebens mehr als 540 Voten verfassen; seine zahlreichen Gutachten vor allem zu Materien des Staats- und Privatfürstenrechts wurden unter dem Titel »Auserlesene Rechtsfälle aus allen Theilen der in Teutschland üblichen Rechtsgelehrsamkeit in Deductionen, rechtlichen Bedenken, Relationen und Urtheilen theils in der Göttingischen Juristen-Facultät, theils in eigenem Namen ausgearbeitet« in mehreren Bänden 1760–1809 publiziert.
Reichsweite Berühmtheit erlangte Pütter aber mit seinen Vorlesungen zum »Ius Publicum« und zur Reichsgeschichte – beide Vorlesungen hielt er jeweils rund sechzig Mal im Laufe seines Lebens –, vor allem aber mit seinen juristischen »Practica«, die er insgesamt über hundert Mal anbot: Unter dem Vorlesungstitel »Anleitung zur juristischen Praxis« bzw. »Practicum iuris« ließ Pütter seit 1752 seine Studenten jedes Semester praktische Fälle aus allen Gebieten des Rechts anhand von Akten bearbeiten. Diese neue Unterrichtsform sollte sich als ›Mos Goettingensis‹ bzw. ›Göttinger Stil‹ im Laufe der Zeit überall durchsetzen.
Dass die Georgia Augusta in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als »die epochemachende Universität« galt,4 lag nicht zuletzt an Pütter, dem damals bedeutendsten Reichspublizisten. Sein Name und Ruf machten Göttingen zum Anziehungspunkt für Studenten nicht nur aus allen Teilen des Reiches. Auch Benjamin Franklin, später Mitautor der amerikanischen Verfassung, reiste im Sommer 1766 nach Göttingen, um sich bei Pütter über die Verfassung des Heiligen Römischen Reiches als mögliches Modell für eine Vereinigung der amerikanischen Kolonien unterrichten zu lassen.5
Die Universität, die aufgrund der von Münchhausen konzipierten Ausrichtung in den ersten hundert Jahren ohnehin von Juristen geprägt war – durchschnittlich studierten mehr als die Hälfte aller Göttinger Studenten Jura –, wurde dank Pütter in den 1770er Jahren geradezu von Jurastudenten überschwemmt: 1774 lag deren Anteil bei ca. 560 von insgesamt rund 900 Studenten. Seine Vorlesungen hatten zeitweise mehr als 200 Hörer und erreichten damit fast ein Viertel aller Göttinger Studenten. Für einen Juristen, der eine Karriere im Staatsdienst plante, war es in dieser Zeit ein Muss, bei Pütter in Göttingen studiert zu haben. Angesichts von rund 6000 Studenten, die in sechzig Jahren bei Pütter studierten, hatte dieser »fast ein Monopol auf die höhere Juristenausbildung im letzten halben Jahrhundert des Alten Reiches«; die von ihm geprägte »administrative und juristische Elite Deutschlands um 1806« bezeichnet man sogar als »Generation Pütter«.6
Selbst der Staatsrechtler und Politiker Robert von Mohl, der über Pütter insgesamt ein vernichtendes Urteil fällte, würdigte dessen Lehrerfolge: »[…] wer an den Glanz Göttingens denkt, erinnert sich Pütter’s vor den meisten seiner Genossen. […] Während zweier Generationen sassen Deutschlands beste Söhne zu seinen Füssen; und kaum war eine bedeutende Stelle, welche nicht einer seiner Schüler eingenommen hätte.«7 Zu diesen »besten Söhnen« gehörte aus dem Adel alles, was Rang und Namen hatte, etwa die preußischen Reformer Karl Freiherr vom Stein und Karl August Fürst von Hardenberg sowie der spätere König Ernst August I. von Hannover. Auf Wunsch von dessen Mutter, Königin Sophie Charlotte von England, beschrieb Pütter die »Historische Entwicklung der heutigen Staatsverfassung des Teutschen Reiches«; das dreibändige Werk erschien erstmals 1786. Der engen Bindung zum Haus Hannover war es zudem zu verdanken, dass Pütter in den Jahren 1764 und 1790 als Rechtsexperte des Kurfürsten von Hannover zu den Kaiserwahlen nach Frankfurt geschickt wurde. Seine Beziehungen zum Hochadel führten auch zu einer Begegnung mit Friedrich dem Großen am Hof in Gotha, wo Pütter 1762/1763 den Prinzen von Sachsen-Gotha-Altenburg Privatunterricht erteilte.
Zum Schülerkreis Pütters gehörten aber keineswegs nur Juristen, sondern auch die Dichter Ludwig Hölty und Gottfried August Bürger, der Philosoph Friedrich Ludewig Bouterweck, der Mathematiker Johann Heinrich Lambert, der Leipziger Buchhändler Johann Friedrich Weygand und der Universalgelehrte Wilhelm von Humboldt sowie die Historiker Ludwig Timotheus Spittler, Matthias Christian Sprengel und Johann Georg August Galletti. Selbst Friedrich Schiller und Johann Wolfgang Goethe kannten und schätzten Pütters Werke.8 Goethe rühmte dessen Stil in »Dichtung und Wahrheit« als geradezu vorbildhaft – im Gegensatz zu dem sonst vorherrschenden »abstrusen Styl« der »Rechtsgelehrten«, der sich überall »auf die barockste Weise« erhalten habe.9
Als man später begann, Pütter mit dem zweiten bedeutenden Staatsrechtslehrer des 18. Jahrhunderts, dem streitbaren Württemberger Johann Jacob Moser, zu vergleichen, war das Urteil über Pütter als einen unpolitischen Gelehrten ohne »Gesinnung« schnell gefällt (so Robert von Mohl). Tatsächlich bestand Pütters wissenschaftliches Selbstverständnis darin, jedes Rechtsgebiet, sei es noch so gewaltig oder auch ganz neu, sei es von staatstragender Bedeutung oder eher ein Randgebiet, anhand rationaler Prinzipien zu durchdringen und zu systematisieren, wobei er streng logisch vorging und politischen Einflüssen oder ideologischen Strömungen weitgehend widerstand. Dieser Ansatz und der Wille, diesen auf jeden Rechtsstoff, ja auf das gesamte Recht anzuwenden, wirkten sich auf zahlreichen Gebieten ungemein befruchtend aus und hinterließen bleibende Spuren:
Pütter gab einzelnen Wissenschaftsdisziplinen neue Richtungen, so etwa dem deutschen Privatrecht, er formte neue Fächer wie etwa das Privatfürstenrecht, er legte mit der Erfindung des »geistigen Eigentums« in seinem Werk »Der Büchernachdruck nach ächten Grundsätzen des Rechts geprüft« von 1774 den Grundstock für die weitere Entwicklung des Urheberrechts, er ordnete gewaltige Stoffmassen wie die Verfassung des Alten Reiches bis ins kleinste Detail und er stellte mit seinem »Entwurf einer juristischen Encyclopädie und Methodologie« (so der Titel der zweiten Auflage von 1767) die Weichen für die Ausbildung einer neuen juristischen Systematik für das gesamte Recht. Da Ruhm und Glanz seines Werks jedoch vor allem mit der Zuschreibung der Position des bedeutendsten Reichspublizisten des 18. Jahrhunderts verbunden waren, hat man lange Zeit den Untergang des Alten Reiches auch als tragisches Ende des Pütter’schen Lebenswerkes empfunden. Daher hat es auch etwas gedauert, bis man Pütter (wieder) zu den »Klassikern unserer Rechtskultur« zählte.
Heute blickt Pütter vom Alten Auditorium, in dem bis 1960 auch die Juristen untergebracht waren, zusammen mit Gustav Hugo, seinem bedeutendsten Göttinger Schüler, und sieben weiteren berühmten Gelehrten der Georgia Augusta auf das studentische Treiben in der Weender Landstraße herab. Vermutlich hätte es ihn gefreut, dass in diesem Gebäude nun die Rechtsgeschichte wieder ihre Wirkstätte gefunden hat.
Anmerkungen
1H. 138. S. 1369.
2Promemoria Pütters vom 1. und 2. Juni 1746, Personalakte UAG, abgedruckt bei Ebel, S. 17–19.
3Dazu Schumann, Eva: Auf der Suche nach einem deutschen Privatrecht. Göttinger Beiträge zur Ausbildung einer neuen Wissenschaft. In: Wendepunkte der Rechtswissenschaft. Aspekte des Rechts in der Moderne. Hrsg. von Werner Heun und Frank Schorkopf. Göttingen 2014. S. 34–82 (S. 39 ff.).
4Hammerstein, Notker: Jus und Historie. Ein Beitrag zur Geschichte des historischen Denkens an deutschen Universitäten im späten 17. und 18. Jahrhundert. Göttingen 1972. S. 309.
5Overhoff, Jürgen: Benjamin Franklin. Student of the Holy Roman Empire. His Summer Journey to Germany in 1766 and His Interest in the Empire’s Federal Constitution. In: German Studies Review. Jg. 34. 2011. H. 2. S. 277–286 (insb. S. 281 ff).
6Burgdorf, Wolfgang: Ein Weltbild verliert seine Welt. Der Untergang des Alten Reiches und die Generation 1806. München 2006. S. 13 f.
7Mohl, Robert von: Die Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften in Monographien dargestellt. Bd. 2. Erlangen 1856. S. 426, 429.
8Hien, Markus: Altes Reich und neue Dichtung. Literarisch-politisches Reichsdenken zwischen 1740 und 1830. Berlin 2015. S. 192 ff. (zu Goethe), S. 263 f. (zu Schiller).
9Goethe, Johann Wolfgang von: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Hrsg. von Dieter Sprengel. München 1985. (Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens, Bd. 16). S. 300 f.
Literatur
Pütter, Johann Stephan: Selbstbiographie. Zur dankbaren Jubelfeier seiner 50jährigen Professorenstelle zu Göttingen. 2 Bde. Göttingen 1798. Neudruck: Hildesheim 2012.
Ebel, Wilhelm: Der Göttinger Professor Johann Stephan Pütter aus Iserlohn. Göttingen 1975 [Schriftenverzeichnis S. 123–185].
Link, Christoph: Johann Stephan Pütter (1725–1807). Staatsrecht am Ende des alten Reiches. In: Rechtswissenschaft in Göttingen. Göttinger Juristen aus 250 Jahren. Hrsg. von Fritz Loos. Göttingen 1987. S. 75–99.
Kleinheyer, Gerhard: Johann Stephan Pütter. In: Deutsche und Europäische Juristen aus neun Jahrhunderten. Hrsg. von Gerhard Kleinheyer und Jan Schröder. 5. Aufl. Heidelberg 2008. S. 345–349, besonders S. 348 f. [mit weiteren Nachweisen zur Sekundärliteratur].
Georg Christoph Lichtenberg
Ein Zwerg als Denk-Riese
von Tete Böttger
Es war einmal, als landesväterliche Fürsten zwei jungen genialen Untertanen, erst Lichtenberg, dann Gauß, das Studium an Göttingens blutjunger Universität zahlten! Dankbar blieben gleich beide ihrer Alma Mater bis zur Professur erhalten, in Wissensglanz verpflichtend ausstrahlende Leuchttürme durch Jahrhunderte.
Lichtenbergs physikalisches Eigenwilligkeits-System, in akademischer Hell-Sichtigkeit gleich gänzlich an der Universität zu bleiben, wiederholte sich bis in unsere Tage: Entdecktes Denken muss nicht mit seinem Denker weltweit wallfahren, es zieht wie ein Magnetberg gleich Nachsinnende an sich. Göttingens Physik zog dann im 20. Jahrhundert alle Atom-Zerlegungs-Wüteriche an, wo sich Ruhm weiterentwickelte aus anhaltender folgenschwerster universitärer Denkunruhe.
Lichtenberg war der Erste, der ab 1766 als Student, ab 1770 als Professor dieser ungezügelten neuen Universität wissenschaftlich weiterwirkende Kraft des ›Für-immer-Entdeckten‹ verleihen sollte. Denn die von ihm in der Elektrizität eingeführten Zeichen + und – stellen bis heute die Denkgrundlage aller Lebens-Strom-Welten dar.
