Götzendämmerung I - Jörg Werner - E-Book

Götzendämmerung I E-Book

Jörg Werner

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Beschreibung

Götzendämmerung I – Terra Narra… Max Taschkes grotesker Trip ins Zentrum unserer Galaxie. Bislang hatte Herr Taschke, ein bequemer, skeptischer Realist, Leute, die an Aliens, Ufos oder Engel glaubten, für ausgemachte Idioten gehalten. Umso unangenehmer, dass ausgerechnet die von ihm angebetete Eleonore von einem UFO entführt wird. So ist Herr Taschke gezwungen zu den Sternen zu reisen. Dabei bekommt er das, was er am meisten verabscheut: jede Menge Stress. Dies ist die Geschichte einer kosmischen Entführung und einer spirituellen Reise, die zunehmend aus dem Ruder läuft. Slapstick, Zen und Verschwörungstheorie im All. Ein hintergründiger Spaß zu den Themen Sinnsuche, Selbstoptimierung und unerwünschte Erleuchtung – dabei wird Herr Taschke ständig mit so lästigen Fragen konfrontiert wie: Was passiert wenn das Restrisiko auf die üblichen Blödmänner trifft? Oder wie wirklich ist die Wirklichkeit? "Mit hintergründigem Humor und einem sicheren Gespür für intelligenten Nonsens, wie er uns bisher nur aus England bekannt ist, nimmt uns Jörg Werners Alter Ego Taschke mit auf eine abenteuerliche Reise. Jeder der Monty Python und Pratchett kennen und lieben gelernt hat, wird auch dieses Kabinettstück, aus deutscher Feder, nicht mehr aus der Hand legen wollen." (Lukas Wagenfeld)

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Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Jörg Werner

Götzendämmerung I

Terra Narra

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Hinführung

Prolog

Engelskonklave

Die Merkwürdigen

Die Besucher

Zunehmende Verstrickung

Unterm Mystikhelm

Ermittlungen

Der Aufbruch

Impressum neobooks

Hinführung

„Es macht irrsinnig, wenn man alles für tiefsinnig halten möchte.“

(Paul Scheerbart, Kosmoskomiker)

„Wir müssen Langzeitstrategien entwickeln zum Abbau von Absurdität. Als Kinder der Analkultur haben wir alle ein mehr oder weniger gestörtes Verhältnis zur eigenen Scheiße.“ (Peter Sloterdijk)

„Ich warte auf mein drittes Auge. Ich hatt’s zwar schon, aber nicht an der richtigen Stelle.“ (Wolfgang Neuss, Frontkomiker)

Erstes Buch

Terra Narra

Prolog

„Willkommen im Universum“, verkündete die ausgeleierte Anzeigentafel quietschend und blätterte weiter, „wir raten Ihnen, draußen zu bleiben.“

Die Dame in dem eleganten hellgrauen Pilgermantel zog die Kapuze tiefer, sodass ihr Gesicht im Schatten verborgen blieb. Sie achtete nicht auf die Horden von Kindern, die zwischen abgewrackten Kofferbergen Himmel und Hölle spielten, während die Eltern vor den Check-in-Schaltern mit dem Personal der galaktischen Postunion stritten oder sich in den träge voranschiebenden Warteschlangen auf die Nerven gingen.

Der heruntergekommene Raumhafen auf einem unbedeutenden Außenposten des Imperiums hatte es nie zu einem Namen gebracht, sondern firmierte unter PURH 117, wobei die Abkürzung für Postunionsraumhafen stand, die Bedeutung der 117 blieb das Geheimnis der galaktischen Postunion. Die Gebäude schienen kurz vor dem Abriss zu stehen und die Abflughalle glich eher dem orientalischen Basar einer mittelalterlichen Hafenstadt als einem imperialen Verkehrsknotenpunkt. Fliegende Händler huschten zwischen maroden Verkaufsständen herum und belästigten Reisende mit einem Sortiment bunter Ausschussware, das wie Strandgut von den Planeten der Wüsten Zone ins Imperium gespült wurde.

Unter der Kuppel der Halle schwebte ein blassblaues Riesenplakat, auf dem drei Erzengel untergehakt aus einer Wolkenbank schritten, Stilrichtung bombastischer Realismus, kräftige Farben, kernige Protagonisten. Darunter stand in monströsen Lettern, eingerahmt von Engelsschwingen, zu lesen: Postunion, Flotte, Ministerium – Einigkeit ist unsere Stärke.

‚Blödsinn‘, schoss es der Dame im Pilgermantel durch den Kopf. Sie hatte sich am Tresen einer etwas abseits des Trubels gelegenen Espressobar niedergelassen und musterte angewidert die Propaganda. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Cyborg mit deformiertem Werkzeugarm hinter der Bar zu, der mit einer ramponierten Espressomaschine kämpfte, die dampfte und zischte, als wäre sie eine alte Lokomotive an der Steigung zu einem Gebirgspass.

„Hallo, Major Debora Zack, wie ich annehme? Pünktlich zur Stelle, trotz der, wie immer misslichen, Umstände.“ Der Sprecher war herausgeputzt wie einer dieser idiotischen Extremgolfer, die auf der Suche nach dem ultimativen Kick noch in den hintersten Winkeln der Galaxien anzutreffen waren, und hatte, wie aus dem Nichts auftauchend, neben der Majorin Platz genommen. Ein außergewöhnlich schöner Mann, den eine diffuse Aura blasierter Arroganz umwehte.

Nicht weit von ihnen entfernt, hinter einer bleichen Zeltbahn voll farbiger Flicken, schrie ein Belligator mit schmerz- und wutverzerrtem Grollen auf, dabei blähte sich die Stoffbahn, als hätte eine Sturmböe sie erfasst. Ein Schnellzahnarzt hatte der Panzerechse wohl den falschen Hauer gezogen.

Der Cyborg hinter der Bar schien im Nebel zu verschwimmen und ließ weiter gleichgültig Dampf aus der Maschine ab.

„Exzellenz“, erschrak Majorin Debora Zack und verschüttete dabei beinahe ihren Manna-Minze-Mix, „Ihr persönlich, ich, ich …, ich hatte nicht mit Euch gerechnet, ich meine, nicht hier, nicht in diesem, äh Outfit, mir fehlen die Worte.“

„Ganz ruhig, Major, sind wir uns schon mal begegnet?“

„Nein, nicht persönlich, Exzellenz, ich kenne Sie nur von Bildern, Sie sind mein erster leibhaftiger Erzengel, wenn ich so sagen darf.“

„Pst, wir wollen doch keine Aufmerksamkeit erregen, Major, nennen Sie mich einfach Michael.“

„Wie Sie wünschen, Exzellenz, äh, Michael.“

Der Erzengel Michael warf kurz einen prüfenden Blick in das um sie herumtobende chaotische Treiben und stellte befriedigt fest, dass sich niemand um sie kümmerte. Er bestellte einen doppelten pangalaktischen Hirnfeger, ein geistiges Getränk, welches in den meisten von intelligentem Leben bevölkerten Welten verboten war. Obwohl es natürlich Sonnensysteme gab, in denen das Getränk nach jedem Verbot unter immer neuen Namen Auferstehung feierte. Wasser des Vergessens, Loch Lucky oder Licht aus gehörten dabei zu den bekannteren Namen. Der Erzengel schob der Majorin einen braunen Umschlag zu, wobei er sorgfältig die Kaffeepfütze auf dem Tresen mied.

„Analoge Informationsübermittlung“, dabei deutete der Erzengel auf den Umschlag, „Ich misstraue dem digitalen Unfug, seitdem sich im sogenannten Netz jeder Unsinn schneller verbreiten kann als die Pest damals in Europa.“

„Europa?“, fragte die Majorin und runzelte die Stirn.

„Womit wir schon beim Thema wären“, lächelte der Erzengel über seine gelungene Überleitung. ‚Eitler Fatzke‘, schoss es Majorin Zack durch den Kopf.

„Europa ist ein Kontinent auf der Erde. Kennen Sie die Erde, Major?“

„Nein, war nie dort.“

Natürlich gab es Gerüchte über den Planeten, über närrische Einheimische, über massenweise religiöse Verblendung, Gier, Machtwahn und Sendungsbewusstsein. Kein Angehöriger der himmlischen Sicherheitsapparate, der nicht von der Erde oder der Wüsten Zone gehört hätte.

Das Imperium der Engel verwaltete die Galaxis nun schon seit Äonen, manche behaupten sogar, seit dem Anbeginn der Zeiten, und immer wieder gab es Regionen, Himmelskörper oder intelligentes Leben, die die natürliche Ordnung der Dinge bedrohten oder zumindest gewaltig durcheinanderzuwirbeln drohten. Und in den letzten fünf Dekaden Standardsternzeit hatten die Erde und die Wüste Zone für Unruhe in der Galaxie gesorgt.

Die Majorin fragte sich, was der Herr über das Ministerium für Demut und Vergebung eigentlich von ihr wollte, verfügte das Ministerium doch über einen eigenen, überaus effizienten und gefürchteten Geheimdienst.

Sie fragte: „Was macht der Blaue Planet?“

„Leuchtet blau und macht Ärger.“

Die Majorin schwieg. Sie dachte daran, dass einige Menschen auf der Erde die Milchstraße das Rückgrat der Nacht nannten. Romantische Narren.

Michael versuchte währenddessen, mit einem Zahnstocher die Olive in seinem Drink aufzuspießen. Als das misslang, schüttete er das Getränk zügig hinunter und spuckte den Olivenkern anschließend im hohen, präzisen Bogen in die Entlüftung der Espressomaschine. Der Cyborg lächelte gequält und versuchte umgehend, den kleinen Störenfried zu entfernen. Michael grinste amüsiert.

Soviel zu den Erzengeln, dachte Debora Zack.

„Nennt man die Erde nicht auch Terra Narra?“, warf sie ein.

„Nur in dem bekannten Spottlied, mit dem man die Kleinen erschreckt, wenn sie nicht schlafen wollen.“, erwiderte er.

„Ich erinnere mich: Dum didel dum, auf Terra Narra gehen die Idioten um, dum didl dum, und scheint die Sonne noch so heiß, die Irren bauen wieder Scheiß … Wie es weitergeht, weiß ich nicht mehr.“

Der Erzengel lächelte gequält und erwiderte: „Genau, Terra Narra, berühmt-berüchtigt für Ignoranz, Borniertheit und Klugscheißerei.“

„Der Planet steht unter Quarantäne?“

„Ja, seit auch die letzten Versuche gescheitert sind, die Menschheit zur Vernunft zu bringen, wurde angeordnet, den Planeten abzuschirmen. Kein offizieller Raumverkehr. Keine Einmischung unserer himmlischen Beamten in die inneren Angelegenheiten der Menschheit mehr. Abzug aller Engel höherer Hierarchien, Isolation und Überwachung ihres Sonnensystems.“

„Eine Sonderverwaltungszone Erde?“

„Nicht nur der Erde, Major, eine Sonderverwaltungszone für das ganze Sonnensystem. Die Narren stehen an der Schwelle zur intergalaktischen Raumfahrt. Wir wollen doch nicht, dass die kleinen Scheißer eines Tages unser schönes Imperium ruinieren, indem sie ihre kruden Ideen und Vorstellungen überallhin ins Universum exportieren.“

„Ich verstehe nicht ganz, Exzellenz, Pardon, Michael.“

Der Erzengel drehte sich ganz zu Majorin Zack um und schaute sie mit honiggelben, kalten Augen an, setzte eine außergewöhnlich dunkle Designer-Sonnenbrille auf, wie sie Diktatoren und Superstars verwenden, und seufzte angewidert.

„Die Klugscheißer auf der Erde meinen, sie verfügten über einen freien Willen. Dabei müssen sie ständig an irgendetwas und irgendjemanden glauben, vorzugsweise an Gott“, der Erzengel schniefte angewidert, „als ob es den Chef auch nur im Geringsten interessieren würde, ob jemand an ihn glaubt oder nicht. Schlimmer noch, weil jeder mit seinem freien Willen eine andere Interpretation von Gottes Willen beisteuert, massakrieren sie sich fleißig in seinem Namen und nennen das Dschihad, Kreuzzug, Heiliger Krieg, Befreiungskrieg, wahlweise auch Selbstverteidigung, Notwendigkeit oder Präventivmaßnahme. So geht das schon seit den Anfängen ihrer sogenannten Zivilisation. Nebenbei ruinieren sie ihr Klima, durchlöchern ihre Ozonschicht so gründlich, als würden sie im Inneren eines Luftballons mit einem Schrotgewehr herumfuchteln, und erfinden unablässig Finanzprodukte, die sie selber nur insoweit verstehen, dass einige von ihnen kurzfristig sehr reich werden und langfristig alle am Bettelstab enden, weil die Wirtschaft implodiert.“

„So funktioniert freier Wille?“

„Gewissermaßen. Der Mensch kann tun, was er will, bis er merkt, dass er nicht wollen kann, was er will.“

„Er will nicht das, was er will?“

„Wenn er die Folgen erkennt, nicht, nein.“

„Klingt kompliziert.“

„Ist ein verdammtes Paradox, wie die ganze Spezies.“

„Das Imperium hat versucht, die Situation zu ändern?“

„Alles! Der Chef hat sogar einen seiner Söhne runtergeschickt, um ein paar Dinge gerade zu rücken, den haben sie umgehend ans Kreuz genagelt, natürlich im Rahmen eines juristischen Verfahrens. Sind verfluchte Organisationsgenies, diese Menschen. Später haben sie den Sohn als einziges Kind vom Chef deklariert, weil sie damals ihren planetaren Steinhaufen noch für den Mittelpunkt des Universums hielten. In den folgenden Jahrhunderten wurde dann darum gestritten, wer die meiste Schuld an dem Totschlag zu tragen hätte. Zu Beginn haben sie ihre Meinungsverschiedenheiten mit Feuer und Schwert ausgetragen, später mit Schusswaffen, Clusterbomben, Flugzeugträgern, Passagierflugzeugen und was sonst noch so zur Hand war.

Anfangs hat das Ministerium noch seine Engel in Scharen auf die Erde geschickt mit dem Auftrag, dem Irrsinn ein Ende zu setzen. Ich war selbst ein paar Mal dort. Hat nichts gebracht. Hier.“

Der Erzengel schob der Majorin angewidert eine Postkarte hinüber. Die warf einen Blick darauf. „Hübsch, was ist das?“

„Mont Saint Michel auf der Erde, eine verdammte Touristenfalle, trampeln sich dort fast zu Tode im Sommer. Und hier auf die Spitze haben sie mich gesetzt, in Gold.“

Der Erzengel deutete auf eine goldene Figur auf der Spitze von Gebäuden auf einem Hügel im Meer. Die Zufahrt wurde von einer Armada von Bussen blockiert.

„Das ist alles, was wir Engel erreicht haben, wir stehen überall auf dem Planeten als Statuen rum, in jeder Kirche, an jeder gottverdammten Ecke, in jeder feuchten Nische.“

Der Erzengel attackierte wütend eine weitere Olive in einem weiteren Drink. Die Majorin fand das bedenklich. Der Erzengel geriet zunehmend in Rage, da waren galaktische Hirnfeger kontraproduktiv. Michael atmete tief durch und fuhr etwas ruhiger fort.

„Unsere himmlischen Beamten wurden zunehmend in die Auseinandersetzungen und Wahnsysteme der Menschen hineingezogen. Wissen Sie, wie viele Glaubensrichtungen die dort auf ihrem Planeten haben?“

„Keine Ahnung.“

„Ich auch nicht, hab schon lange den Überblick verloren, aber es übersteigt jede Vernunft. Allein die Christen sind in unzählige Gruppierungen gespalten, die wieder in Untergruppen zerfallen, die sich ständig spalten wie Pantoffeltierchen. Die Katholiken, um mal bei einer Aufspaltung zu bleiben, zerfallen in römisch-katholisch, griechisch-orthodox, byzantinisch-katholisch, chaldäisch-katholisch, maronitisch, koptisch-orthodox, syrisch-orthodox-katholisch, assyrische Kirche des Ostens, chinesisch-katholisch-patriotische Vereinigung, die unabhängige philippinische Aglipay-Kirche, die alt-katholische Kirchengemeinde der Niederlande, die …“

„Es reicht, Michael.“

„Das waren noch lange nicht alle Katholiken, von den anderen mal ganz abgesehen.“

„Welche anderen?“ Der Majorin schwirrte der Kopf.

„Protestanten, Juden, Moslems, Zeugen Jehovas, Adventisten, Mormonen, Buddhisten, Hindus. Die Erde ist eine verdammte Brutstätte für religiöse Erlösungssysteme und unsere Engel haben sich den Arsch aufgerissen, um dem Treiben einigermaßen Einhalt zu gebieten, dabei sind viele gefallen.“

„Die sprichwörtlich gefallenen Engel, meinen Sie die? Ich dachte immer, das wären nur wenige.“

Der Erzengel winkte müde ab. „Viele sind gefallen, die besten zuerst.“

„Luzifer?“, warf die Majorin ein.

Schlagartig verdüsterte sich Michaels Miene. Der Cyborg riss ein Ventil des Espressoautomaten ab. Ein hohes Pfeifen setzte ein. Nebenan hatte ein Wanderprediger im Sakralhemd einen umgestürzten Getränkeautomaten erklommen und tanzte unter wilden Ho-He-Ho-Rufen auf der Stelle, dabei wurde er von einem Haufen Pilger, die ihn mit Rasseln, Schellen, Zimbeln und Handtrommeln anfeuerten, getrieben. Der Erzengel wandte sich angewidert ab.

„Reden wir von etwas anderem.“

„Der Erde.“

„Richtig. Jedenfalls habe ich, als für die Erde zuständiger, verantwortlicher Erzengel, alle niederen Engel von der Erde abgezogen, das Sonnensystem weiträumig zur Sperrzone erklärt und jeden Raumverkehr in dem Sektor ihrer Sonne unterbunden. Zur notwendigen Beobachtung der Entwicklung auf der Erde haben wir“, hier zögerte Michael, als suche er nach den passenden Worten, „hat das Ministerium“, wieder folgte eine Pause, in der Michael tief Luft einsog, „die Kaste der am wenigsten politisch ambitionierten Engel abgestellt.“

„Die am wenigsten politisch ambitionierten Engel? Welche Kollegen meinen Sie damit?“

„Engel eben, die kleinen Engel. Sie wissen schon.“ Dabei streckte der Erzengel seinen rechten Arm nach unten und klappte die Hand nach vorn, als wolle er Zwerge streicheln.

„Bedaure, Exzellenz, ich stehe etwas auf dem Schlauch.“

„Putten“, platzte es aus Erzengel Michael heraus, „wir haben die Erde vorübergehend den Putten anvertraut.“

An dieser Stelle orderte der Herr über den rechten Glauben in der Milchstraße einen weiteren Drink. Debora Zack bemerkte ein leichtes Zittern der Hände. Angezählt, dachte die Majorin. Sie wusste, wann sie im Angesicht der Macht auf der Hut sein musste, also schwieg sie. Der Erzengel fuhr fort.

„Diese Engel unterhalten im Auftrag meines Ministeriums auf dem Planeten einige versteckte Außenposten. Lediglich ein Frachtraumschiff der galaktischen Postunion hält den Kontakt zu ihnen und fliegt den Planeten auf seiner Route zu den äußeren Systemen ein bis zweimal pro Erdenjahr an.“

„Und davon merken die Menschen nichts?“, fragte die Majorin.

„Normalerweise nicht. Geheimes Postraumverfahren, die Menschheit ist technologisch noch nicht weit genug, unsere Tarnverfahren aufzudecken. Allerdings hat es in der letzten Zeit einige Zwischenfälle gegeben.“

„Welcher Art?“

„Einige Havaristen, Abenteurer, Piraten, Freihändler auf der Suche nach exotischen Waren und nicht zuletzt ein paar reiche Schnösel, die beweisen wollten, dass sie über dem Gesetz stehen, haben die Erde besucht, sind gesehen worden oder haben sogar den einen oder anderen Menschen entführt. Das hat für Gerüchte gesorgt. Nichts wirklich Ernstes, aber bedenklich.“

„Warum?“

„Die Menschen stehen vor dem Sprung ins All. Und damit wären wir bei unserem Problem.“

Insgeheim hatte sich die Majorin schon geraume Zeit gefragt, wann sie endlich zur Sache kommen würden, schließlich traf ein Erzengel und oberster Glaubenshüter der himmlischen Verwaltung einen Offizier in geheimer Mission nicht aus Jux und Tollerei. Schon gar nicht konspirativ auf einem kosmischen Scherbenhaufen, nur um über einen kleinen blauen Planeten zu zetern, der den meisten Zivilisationen des Imperiums so egal war wie das Wetter auf Beteigeuze.

„Sie haben einen Auftrag für mich?“

„Ja, geheim und dringend.“

„Worum geht es?“

„Die Details finden sie in der Akte.“ Der Erzengel deutete auf den dünnen Umschlag.

„Bitte geben Sie mir eine kurze Einweisung, äh, Michael.“

„Irgendjemand hat über das Gehirn der Menschen geforscht. Wohl in der Absicht, das Mängelwesen Mensch, die ganze Spezies, zu verbessern.“

„Nicht ungewöhnlich, so eine Primatenforschung.“

„Grundsätzlich nicht, aber verboten, besonders im Falle der Menschen. Die Forschung hätte von meinem Ministerium genehmigt und begleitet werden müssen. Die Menschen sind äußerst gefährlich fürs Universum.“

„Wegen ihrer Narretei?“

„Gewissermaßen, präzise: wegen ihrer Eigenart, eine aus ihrem Glauben geborene Vision oder eigene Erleuchtung keinem Zweifel auszusetzen. Schon gar nicht dem des Wissens.“

„Sie glauben ohne Wissen?“

„Schlimmer, sie bestehen auf ihrer Version von Wahrheit ohne Einsicht in die Vielfalt von Wirklichkeit.“

Die Majorin zuckte mit den Achseln und fragte: „Tun wir das nicht alle?“

„Vielleicht, aber wir verbreiten unsere Wahrheiten nicht mit Feuer und Schwert und ohne Zweifel. Wenn sie in Menschengehirnen herumpfuschen, wissen sie nicht, welche Hirngespinste, welche Ungeheuer sie freisetzen.“

Da krachte plötzlich der Prediger von nebenan unter Getöse durch den zerbeulten Getränkeautomaten. Kinderscharen stürzten heran und balgten sich um herauskullernde Getränkedosen. Der Trommelschlag der Gläubigen wurde schneller. Einige hochgewachsene Scharlatane mit ihren spitzen Hüten kamen in die Halle und schritten gemessen durch die Kinder Richtung Abfertigungsschalter. Zwischen sich trugen sie, an zwei langen Stangen befestigt, ein Transparent. Darauf stand ‚Vorsicht, Lesen schadet dem gesunden Verstand!

Die Majorin fragte sich kurz, was wohl ein gesunder Verstand sei.

„Wie also lautet mein Auftrag, Exzellenz?“

„Mir liegen Informationen vor, nach denen drei Prototypen eines Mikrochips zur Optimierung des menschlichen Gehirns zur Erde gelangt sind. Ich befürchte, dort wurden sie Probanden eingesetzt und diese Menschen könnten sich schon bald auf dem Weg ins Zentrum des Imperiums befinden. Das Dumme ist, dass die Dinger nicht richtig funktionieren. Stöbern sie diese armen Narren auf. Neutralisieren sie die Chips und finden sie heraus, wer für diese Forschung verantwortlich zeichnet.“

„Mit Verlaub, wie können drei Menschen gefährlich für das Imperium werden, auch wenn sie, äh, einen Chip im Hirn haben?“

Der Erzengel drehte sich vollends zur Majorin um und nahm die Sonnenbrille ab. Seine Augen glühten wie sterbende Sterne.

„Es gibt eine Prophezeiung neueren Datums, eine sehr ernst zu nehmende Prophezeiung, erstellt mit den neuesten technischen Mitteln der Vorhersage. Glauben sie mir, Major, als Erzengel kenne ich mich mit Mystik und dergleichen aus, ist quasi mein Fachgebiet.“

Die Majorin hielt nichts von Prophetie, zu vage, zu ungenau, zu beliebig. Darüber hinaus mangelte es ihrer Erfahrung nach der Zunft der Prognostiker vor allen Dingen an Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Anstand und der Fähigkeit zur Selbstreflexion.

„Was besagt diese Ankündigung?“

„Dass eines Tages von der Erde aus ein neuer Glaube ins Universum gelangt und das Imperium Angelinas bedroht und in eine Periode von Chaos und Aufständen stürzen wird. Die Details erspare ich Ihnen, einiges finden sie in der Akte.“

„Sie glauben, die Steuerchips könnten das Imperium destabilisieren?“

„Ja, unterschätzen sie die Macht dieser Chips nicht, wenn sie erst mal an einen menschlichen Geist angedockt haben. Ein Witzbold aus dem Umfeld dieser Forschungen hat die Dinger Gottesmodule getauft. Das trifft es wahrscheinlich besser, als wir es uns wünschen sollten.“

„Gottesmodule klingt vielversprechend, hinter denen könnten noch ganz andere kosmische Kräfte her sein“, bemerkte Majorin Zack vorsichtig.

„Naheliegend“, erwiderte der Erzengel widerwillig.

„Eine Frage noch, äh, Michael, wieso haben Sie mich geholt und überlassen die Ermittlungen nicht dem Sicherheitsdienst ihres Ministeriums?“

„Weil in dieser Angelegenheit niemandem zu trauen ist …“, nach kurzem Zögern fügte er noch hinzu: „und weil Sie ausgewiesene Expertin für die Wüste Zone sind. Ich vermute, die Chips kommen von da, Sie sollten mit ihren Nachforschungen dort beginnen. Informieren sie mich, und nur mich, über den Stand der Ermittlungen, am besten am Rand des großen Golfturniers in ein paar Standardwochen Sternenzeit. Also gute Jagd und Halleluja, Major.“

Die fluchte lautlos in sich hinein.

Das Golfturnier war eine der berüchtigtsten Veranstaltungen in der Galaxis. Alle paar Jahre trafen dort die sieben Erzengel des Wohlfahrtsausschusses, die den wichtigsten Institutionen des Imperiums vorstanden, aufeinander. Kein Festival der Harmonie und Freude. Üblicherweise gingen sich die Sieben sorgfältig aus dem Weg, um sich nicht in einem unkontrollierten Moment der Leidenschaft gegenseitig zu teeren und zu federn, wie Spötter behaupteten.

Die Erzengel des Ausschusses waren sich in aufrichtigem Hass und Neid so zugetan, wie Sandvipern auf einer Eisscholle. Der Fluch der Macht.

Die Espressomaschine zischte und ruckelte, als wolle sie gleich abheben. Der Cyborg riss an einem Notventil. Erzengel Michael verschwand so unauffällig wie ein flüchtiger Gedanke, nur die Golftaschen schepperten bedrohlich hinter ihm her.

Die Faltblattanzeigetafel tat laut quietschend kund, dass sie eine neue Seite aufgeblättert hatte: „Besuchen Sie den Planeten Nirgendwo im Irgendwo-System, dort finden sie Entspannung, Ruhe und Harmonie. Keine Macht den Drogen.“

Reflexartig orderte die Majorin im besonderen Einsatz aus der Innenrevision der Erschaffung und zentralen Verwaltung der Welten noch einen galaktischen Hirnfeger.

Nachdenklich musterte sie der Cyborg, wedelte mit einem Geschirrtuch herum und scheuchte dabei Massen von fetten Glühwürmchen auf, die anfingen, über der Espressomaschine zu tanzen.

„Was machen Sie denn da?“, fragte die Majorin.

„Verscheuche schlechtes Karma, Mam’.“

Nebenan lobpreiste der Prediger wechselweise irgendeine Gottheit oder schrie nach einem Klempner, während er tiefer in den Trümmern des Getränkeautomaten versank wie in Treibsand. Die Kinder jauchzten und warfen ihm Süßigkeiten zu.

Der Auftrag des Erzengels ließ sie schaudern. Wenn ein Erzengel ins Spiel kam, waren seine intriganten Kollegen nicht weit, von Luzifer mal ganz abgesehen, und kamen noch andere, Putten, Menschen und Gottesmodule dazu, ergab das definitiv eine kosmische Mischung für praktizierten Irrsinn.

Die Anzeigetafel verkündete eine weitere Botschaft: Gäbe es Gott nicht, würden wir ihn erfinden. (KAZ Kommission für Aufsicht und Zulassung)

Da wurde ein Flug zum Planeten Pandora, dem legendären Tor zur Wüsten Zone, aufgerufen.

Den würde sie nehmen.

Es hatte begonnen.

Engelskonklave

Ja, es hatte alles an jenem düsteren Dezembertag im Hier und Jetzt zur Weihnachtszeit begonnen.

Von Westen her zog ein schmutzig graues Atlantiktief über den Horizont, saugte den letzten Rest von Farbe aus den Straßen der Stadt und brachte den Winter. Lichterketten schwankten im aufkommenden Sturm und Christengel belästigten von überall her das wachsame Gemüt.

Nicht dass Max Taschkes Zustand besondere Wachsamkeit zugelassen hätte.

Im Gegenteil, seit Eleonore vor einigen Tagen spurlos verschwunden war, bekämpfte er eine aufkommende Engelphobie mit Bier, Whisky, zunehmendem Fernsehkonsum und nutzlosen Internetrecherchen. Eleonore blieb verschwunden.

Die Phobie bereitete ihm Sorgen, besonders jetzt zur Weihnachtszeit.

Als er am späten Nachmittag auf der durchgelegenen Couch in seinem Wohnbüro erwachte, stellte er ohne allzu großes Erstaunen fest, dass er, zur Hilflosigkeit verdammt, letzte Nacht Zuflucht im Glauben gesucht hatte. Ein verfluchter Fehler, wie er sofort vermutete, als sein Blick auf ein Papier fiel, das vor ihm auf dem Tisch zwischen leeren Bierflaschen und einer Whiskypfütze lag.

Eine verschnörkelte Urkunde mit dem Bild eines bewaffneten Engels in der unteren Hälfte bestätigte Herrn Max Taschke seine Ordinierung zum Priester der Church of the Latter-Day-Dude, der am langsamsten wachsenden Religion der Welt. Erst als er nach einem Panikanfall im Internet die zentrale Botschaft seiner neuen Religion erfasste, beruhigte er sich. Das Glaubenscredo „Maximale Entspanntheit und Predigen durch Nichtpredigen“ erschien ihm außergewöhnlich vernünftig.

Er selbst hätte sich wohl als einen notorischer Skeptiker mit einer Vorliebe fürs Nichtstun beschrieben.

Der Engel auf der Urkunde erinnerte Herrn Taschke wieder an Eleonore.

Auf der Suche nach Ablenkung griff er zur Fernbedienung. Die Nachmittagssendungen versprachen im Allgemeinen einen hohen Unterhaltungswert aufgrund der hirnzersetzenden Schwachköpfe, die sich dort tummelten und den gesunden Menschenverstand attackierten.

Er stieß auf eine Gerichtsverhandlung. Eine Doko-Fiktion mit echten Darstellern, wie eine Einblendung verriet. Das klang hinreichend beknackt. Soweit er von der juristischen Seite des Falls mitbekam, hatten einige Kreuzfahrttouristen den Reiseveranstalter verklagt, weil die Prospekte für die Seereise nicht ausreichend darauf hingewiesen hatten, dass das Mitternachtsmenü erst um vierundzwanzig Uhr gereicht wurde, dass das Tontaubenschießen im Freien stattfand und die Mannschaft auf dem gleichen Schiff nächtigte wie die Gäste. Herr Taschke genehmigte sich daraufhin einen kleinen Whisky und wechselte den Sender.

Volltreffer.

Auf einem der Bibelkanäle tobte ein fundamentalistischer Evangelikaler, ein Werkzeug des Herrn, ein außergewöhnlich schöner Mann im Priestergewand, mit graumelierten Schläfen und kalten Zombieaugen. Er wetterte gegen das zersetzende Gift der Entschuldigung.

„Ein wahrer Christ entschuldigt sich nicht. Niemals, er hat Gott auf seiner Seite. Der Herr lenkt all seine Entscheidungen und Handlungen. Ein wahrhaft gläubiger Christ ist ein Werkzeug Gottes, Amen. Immer und überall und merket: Der Herr fehlt nicht! Ergo: Für was sollte sich ein wahrer Christ, ein Diener des Herrn, also entschuldigen? Für den Ratschlag Gottes? Für den Auftrag Gottes? Für die Anleitung Gottes? Nein, nein und nochmals nein. Keine Entschuldigung! Niemals!“

An dieser Stelle blendete ein Lauflicht am unteren Bildschirmrand den Namen des religiösen Zombies ein und bat um Spenden, während der merkwürdige Heilige mit Namen Elias Matzerat, ein Sprachrohr des Herrn, wie das Lauflicht weiter verkündete, ein Loblied anstimmte. Sogleich stürzten einige üppige Damen mit umgeschnallten Engelsflügelchen auf die Bühne und fielen in die Lobpreisung ein. Licht flutete über die verzückten Gestalten. Herr Taschke fühlte sich an eine absurde Oper erinnert, wo Musik, Gesang und Protagonisten sich zu einem Gesamtkunstwerk vermischten, welches das Publikum in kollektiver Panik aus dem Opernhaus trieb. Das Lauflicht verkündete unterdessen: Dienen statt denken, denn wer denkt, der sträubt sich.

Er fegte vor Schreck das Whiskyglas vom Tisch und beschloss, der Engelsparanoia die Stirn zu bieten. Er entschied sich, dem Gefieder auf ihrem Terrain entgegenzutreten und, trotz heraufziehenden Schneesturms, einen Christmarkt aufzusuchen.

Ein Weihnachtsmarkt stellte seit je her einen Ort für folkloristisch getarnten Alkoholismus, Gefühlsduselei und falsche Besinnlichkeit dar. Genau das Richtige für Herrn Taschkes momentane desolate Verfassung.

Erste Schneeflocken mischten sich unter den fester werdenden Regen.

Ein monströser, geflügelter Engel aus Luft und Plastik hieß ihn willkommen und zerrte in den Windböen an dem Stand, an dem er zu Reklamezwecken festgebunden war. Einen kurzen Moment schien es so, als wollte dieser mystische Luftballon die ganze Verkaufsbude, mit ihren Legionen von musizierenden, tanzenden und fliegenden Holzengeln, in die Höhe reißen. Aus etlichen Lautsprechern dudelte ‚Vom Himmel hoch, da komm ich her‘ und ähnlicher unverwüstlicher Weihnachtsschmalz.

Verdammte Engel, schoss es ihm durch den Kopf.

Er hatte sich vor den Unbilden des Wetters unter einen gigantischen Schirm geflüchtet, der einen Stehtisch bedachte. 100% wasserdicht, Vertrauen hält trocken. Frohe Weihnacht, ihre Parkwelten. Erleben sie die wunderbaren Zyklen des Parkens -Ihr Cityparkhaus, stand darauf zu lesen. Wer dachte sich so was aus, Außerirdische auf der Durchreise oder Praktikanten auf Drogenentzug? Es roch nach heißem Apfelwein, Mandeln, Bratwurst und verstopften Toilettenwagen.

Herr Taschke trank Glühwein, kein Getränk der ersten Wahl.

Eine Gruppe junger dynamischer Menschen, drei Jungs und eine junge Dame, hatten sich ebenfalls unter dem Parkweltenschirm eingefunden, nippten an hochprozentigen Getränken und lauschten einem dazugehörigen älteren Herrn mit aristokratischer Miene.

Eine Art Guru oder Professor vielleicht, dachte Taschke.