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Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie "Der kleine Fürst" in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Alles beginnt mit einem Schicksalsschlag: Das Fürstenpaar Leopold und Elisabeth von Sternberg kommt bei einem Hubschrauberunglück ums Leben. Ihr einziger Sohn, der 15jährige Christian von Sternberg, den jeder seit frühesten Kinderzeiten "Der kleine Fürst" nennt, wird mit Erreichen der Volljährigkeit die fürstlichen Geschicke übernehmen müssen. "Der kleine Fürst" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. »Zwei Fälle in einer ganzen Woche«, murmelte Lucius von Corten. »Nicht gerade viel, Lämmchen, oder?« Die Angesprochene war eine hübsche Frau von Mitte Vierzig, deren hellblond gefärbte Haare, rundliches Gesicht und unschuldiger Blick immer wieder Menschen dazu verleiteten, sie nicht ernst zu nehmen – was sie später bitter bereuten: Saskia Lamm war eine hochintelligente Frau, die sich lange Jahre mühsam als allein erziehende Mutter dreier Söhne durchs Leben geschlagen hatte. Ihre Anstellung in der vor kurzem eröffneten Anwaltskanzlei von Lucius von Corten betrachtete sie als Glücksfall. als Rechtsanwaltsgehilfin ausbilden lassen. Gelegentlich erzählte sie Lucius von ihren Erfahrungen in diversen Kanzleien, und er konnte sich gar nicht genug darüber wundern, dass offenbar niemand ihre außerordentlichen Fähigkeiten erkannt und genutzt hatte. Für ihn nämlich war sie von Anfang an viel mehr als eine Gehilfin gewesen: Er diskutierte gern mit ihr über schwierige juristische Fragen, und immer fand er interessant und bedenkenswert, was sie dazu zu sagen hatte. Hätte sie einen Abschluss gehabt, er hätte nicht gezögert, sie als seine Partnerin in die Kanzlei aufzunehmen. »Sie sind zu ungeduldig, Herr von Corten«, stellte sie jetzt fest. »Aber Sie sind ja auch noch jung.« »So jung nun auch wieder nicht«, brummte er. Sie lächelte in sich hinein. Er hätte beinahe ihr Sohn sein können, doch sie wies ihn nicht darauf hin, sondern fuhr fort: »Niemand kennt Sie – woher sollen also die Leute wissen, dass Sie der richtige Rechtsanwalt für sie sind? Ich mache schon ordentlich Mundpropaganda, das dürfen Sie mir glauben, aber so schnell wirkt sie sich wohl nicht aus.« »Zwei Fälle«, wiederholte er, »und praktisch nichts daran zu verdienen. Ein Sorgerechtsstreit, eine unberechtigte Kündigung.
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2023
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»Zwei Fälle in einer ganzen Woche«, murmelte Lucius von Corten. »Nicht gerade viel, Lämmchen, oder?«
Die Angesprochene war eine hübsche Frau von Mitte Vierzig, deren hellblond gefärbte Haare, rundliches Gesicht und unschuldiger Blick immer wieder Menschen dazu verleiteten, sie nicht ernst zu nehmen – was sie später bitter bereuten: Saskia Lamm war eine hochintelligente Frau, die sich lange Jahre mühsam als allein erziehende Mutter dreier Söhne durchs Leben geschlagen hatte.
Ihre Anstellung in der vor kurzem eröffneten Anwaltskanzlei von Lucius von Corten betrachtete sie als Glücksfall. Sie hatte selbst einige Semester Jura studiert, ihr Studium aber wegen der Kinder aufgeben müssen und sich stattdessen
als Rechtsanwaltsgehilfin ausbilden lassen. Gelegentlich erzählte sie Lucius von ihren Erfahrungen in diversen Kanzleien, und er konnte sich gar nicht genug darüber wundern, dass offenbar niemand ihre außerordentlichen Fähigkeiten erkannt und genutzt hatte.
Für ihn nämlich war sie von Anfang an viel mehr als eine Gehilfin gewesen: Er diskutierte gern mit ihr über schwierige juristische Fragen, und immer fand er interessant und bedenkenswert, was sie dazu zu sagen hatte. Hätte sie einen Abschluss gehabt, er hätte nicht gezögert, sie als seine Partnerin in die Kanzlei aufzunehmen.
»Sie sind zu ungeduldig, Herr von Corten«, stellte sie jetzt fest. »Aber Sie sind ja auch noch jung.«
»So jung nun auch wieder nicht«, brummte er.
Sie lächelte in sich hinein. Er hätte beinahe ihr Sohn sein können, doch sie wies ihn nicht darauf hin, sondern fuhr fort: »Niemand kennt Sie – woher sollen also die Leute wissen, dass Sie der richtige Rechtsanwalt für sie sind? Ich mache schon ordentlich Mundpropaganda, das dürfen Sie mir glauben, aber so schnell wirkt sie sich wohl nicht aus.«
»Zwei Fälle«, wiederholte er, »und praktisch nichts daran zu verdienen. Ein Sorgerechtsstreit, eine unberechtigte Kündigung. Wenn das so weitergeht...«
»Wir sollten einen Kaffee trinken«, schlug Saskia vernünftig vor. »Ich kenne Sie doch: Wenn Sie erst einmal anfangen, alles schwarz zu sehen, hören Sie so schnell nicht wieder auf.« Sie verließ den Raum und kam gleich darauf mit einem Tablett zurück, auf dem zwei Kaffeetassen, Milch und Zucker standen. Sie hatte auch noch einige appetitlich aussehende Kekse dazu gelegt.
Tatsächlich hellte sich Lucius’ Gesicht auf, sobald er einen Schluck getrunken und einen Keks gegessen hatte. »Ihre Kekse sind die besten, Lämmchen«, stellte er fest.
»Das will ich meinen«, erwiderte sie selbstbewusst. »Ich schlage vor, dass wir uns noch ein bisschen mit dem Sorgerechtsstreit befassen, schließlich ist die erste Verhandlung übermorgen.«
Lucius nickte zustimmend. »Gute Idee«, sagte er. »Mir ist da nämlich noch etwas eingefallen,
gestern Abend, bevor ich zu Bett ging – vielleicht sagen Sie mir mal, was Sie davon halten. Eventuell hilft uns das gegen diesen Vater...«
»Nur zu!« Saskias Augen strahlten in froher Erwartung. Sie setzte sich an den Konferenztisch, faltete die Hände und sah Lucius an. »Ich bin ganz Ohr, Herr Rechtsanwalt!«
*
»Papa, du kannst mich doch jetzt nicht allein lassen!« Tränen liefen über das schöne Gesicht der jungen Gräfin Ilona zu Ottenburg, als sie die schmale kraftlose Hand ihres Vaters an die Lippen zog. »Bitte, Papa, du musst kämpfen!«
Alexander Graf zu Ottenburg lächelte mühsam. »Nicht mehr«, flüsterte er. »Jetzt bist du an der Reihe, Kind, und du wirst dein Leben auch ohne mich meistern.«
»Nein, das werde ich nicht!«, sagte sie verzweifelt. »Zuerst Mama und jetzt du...« Die Stimme versagte ihr, sie fing haltlos an zu weinen.
Alexander löste behutsam seine Hand aus ihrer und strich ihr über die Haare. »Erinnere dich immer an die schöne Zeit, die wir miteinander hatten«, sagte er. »Und vergiss nie, was du mir und deiner Mutter bedeutet hast, Kind. Du hast uns glücklich gemacht. Und du wirst in deinem Leben noch viele Menschen glücklich machen. Wenn du erst einmal einen Mann gefunden hast...«
»Ich will keinen Mann, Papa! Ich will, dass du am Leben bleibst!«
»Das liegt nicht in unserer Hand, Ilona.« Seine Stimme wurde schwächer. »Es ist mir ein Trost zu wissen, dass du gut versorgt bist. Und dann ist da ja auch noch Jeremy. Wenn du Kummer hast, vertrau dich ihm an. Willst du mir das versprechen?«
»Papa!«, flüsterte Ilona.
Er schenkte ihr noch ein Lächeln, dann hörte er auf zu atmen.
Ilona glaubte es nicht, wollte es nicht glauben, aber er gab ihr keine Antwort mehr, still und ruhig lag seine Hand in ihrer, seine geöffneten Augen sahen sie nicht mehr. Sie rief nach Jeremy – Jeremy Winter, dem Butler ihres Vaters, der schon vor ihrer Geburt der Butler ihrer Eltern gewesen war.
»Ich bin ja da, Gräfin Ilona«, sagte er mit ruhiger Stimme, »ich bin ja da.«
Er war es, der die Augen des verstorbenen Grafen schloss, und er war es auch, der den Hausarzt informierte, damit er kam und den Totenschein ausstellte. Ilona selbst war nicht imstande, sich zu rühren, einen klaren Gedanken zu fassen, etwas Vernünftiges zu tun. Sie blieb bei ihrem Vater sitzen, weil sie noch immer hoffte, er würde die Augen wieder öffnen, sie anlächeln und sagen: »Aber, Kind, wie konntest du auch nur einen Moment lang glauben, ich würde dich verlassen?«
Doch er blieb stumm, und noch bevor der Hausarzt eintraf, veränderte sich die Farbe seiner Haut. Hatte sie zuerst noch glauben können, er sei nur eingeschlafen, so gab es nun keinen Zweifel mehr: Ihr Vater war tot, er würde nie mehr zurückkehren.
An alles, was danach geschah, konnte sie sich später nur dunkel erinnern: die gemurmelten Beileidsworte des Arztes; die Männer vom Bestattungsinstitut, die den Leichnam abholten und dabei so leise und unauffällig auftraten, dass sie beinahe unsichtbar waren; der starke Tee, den Jeremy ihr kochte; die ersten Anrufe, weil sich die Nachricht bereits herumsprach; der weiche Händedruck des Vermögensverwalters ihres Vaters.
Flüchtige, verschwimmende Eindrücke, denn eines überlagerte alles und ließ sie die Außenwelt nur undeutlich wahrnehmen: der Schmerz um einen unersetzlichen Verlust.
Niemals, das wusste sie, würde sie darüber hinwegkommen.
*
»Alexander zu Ottenburg ist gestorben, Fritz«, sagte Baronin Sofia von Kant zu ihrem Mann, Baron Friedrich. Sie reichte ihm die Todesanzeige. »Ich wusste ja, dass er krank ist – aber dass er sterben würde...«
»Das wird ein harter Schlag für Ilona sein«, erwiderte der Baron, nachdem er die Anzeige gelesen hatte. »Sie hat sehr an ihrem Vater gehangen.«
»Er war ja auch alles, was sie hatte. Die Mutter früh gestorben, keine weiteren Verwandten...« Die Baronin griff erneut nach der Anzeige. »Die Bestattung ist übermorgen, Fritz.«
»Wir gehen natürlich hin«, erklärte er.
Sie wurden von Eberhard Hagedorn unterbrochen, der seit langen Jahren Butler auf Schloss Sternberg war. »Frau Baronin, Herr Baron, Herr von Corten ist soeben eingetroffen und lässt fragen, ob Sie einige Minuten Zeit für ihn haben.«
»Lucius von Corten?«, fragte Sofia.
»Sehr wohl, Frau Baronin.«
»Für Lucius haben wir immer Zeit, Herr Hagedorn.«
Gleich darauf kam der junge Anwalt herein. »Entschuldigt, dass ich euch so überfalle«, sagte er. »Aber ich musste einfach mal raus aus meiner Mini-Kanzlei.«
Ihre Begrüßung fiel herzlich aus, dann fragte der Baron: »Warum musstest du raus? Hast du so viel Arbeit, Lucius?«
Das gut geschnittene Gesicht des Besuchers verdüsterte sich. Er fuhr sich mit beiden Händen durch die blonden Haare und antwortete: »Im Gegenteil, Fritz. Wenn du es genau wissen willst, wir haben praktisch nichts zu tun, die Frau Lamm und ich. Dabei brenne ich darauf, endlich meinen Beruf auszuüben, und Frau Lamm ist eine so wunderbar kluge Person, dass ich es gar nicht erwarten kann, mich mit ihr zusammen endlich auf einen interessanten Fall zu stürzen – aber kein Mensch scheint an unserer Hilfe interessiert zu sein.«
»Das kommt noch«, tröstete Sofia. »Du hast doch gerade erst angefangen!«
»Das sagt Frau Lamm auch immer, aber die Büromiete ist hoch, ich muss Frau Lamm bezahlen – und ich selbst brauche auch etwas zum Leben. Wie ihr wisst, bin ich mit irdischen Gütern nicht gerade reich gesegnet, ich muss meinen Lebensunterhalt schon selbst verdienen. Eine lange Durststrecke stehe ich nicht durch.« Lucius’ Blick fiel auf die Todesanzeige, die auf dem Tisch lag. »Graf Alexander zu Ottenburg«, murmelte er. »Der Name ist mir natürlich ein Begriff, aber persönlich kannte ich ihn nicht.«
»Die Anzeige kam heute. Er hinterlässt eine Tochter von dreiundzwanzig Jahren, Ilona. Eine reizende junge Frau, die jetzt ganz allein ist.«
»Die Mutter ist auch schon tot?«
»Ja, und weitere Verwandte hat sie nicht.«
»Beinahe hätte ich ›schade‹ gesagt«, murmelte Lucius. »So ein schöner fetter Erbschaftsstreit, bei dem es um viel Geld geht, der käme mir jetzt gerade recht.« Er sah auf und lächelte verlegen. »War nicht mein Ernst; entschuldigt bitte, ich wollte nicht pietätlos sein. Wie gut kanntet ihr den Grafen?«
»Ganz gut, aber wir standen nicht in regelmäßigem Kontakt. Ilona besucht uns ab und zu, aber in letzter Zeit auch eher selten.«
»Alt war er noch nicht«, stellte Lucius fest. »Woran ist er gestorben?«
»Er hatte Krebs, schon länger, aber wir dachten, dass die Operation erfolgreich war. Zunächst sah es auch so aus, doch dann ist die Krankheit wohl zurückgekommen.«
Der Baron wechselte das Thema. »Erzähl von dir, Lucius. Was für Fälle hast du denn bisher übernommen?«
Der junge Anwalt berichtete bereitwillig, doch viel hatte er nicht zu berichten. »Das war’s schon«, sagte er nach kurzer Zeit. »Mehr Leute sind bisher nicht bei mir aufgetaucht. Den Sorgerechtsfall haben wir gewonnen, die anderen Sachen sind noch nicht entschieden. In den letzten drei Tagen hat sich überhaupt niemand mehr bei uns blicken lassen. Wenn Frau Lamm nicht darauf bestünde, dass wir über interessante Fälle diskutieren, würden wir nur da sitzen und Däumchen drehen.«
»Schalte Anzeigen«, riet Sofia. »Du musst auf dich aufmerksam machen.«
»Ich versuch’s ja. Versprecht mir bitte, jeden zu mir zu schicken, der einen Anwalt braucht. Ich habe zwar noch keine Erfahrung, aber die mache ich durch Fleiß und die Mitarbeit meiner großartigen Frau Lamm wett.«
Dieses Versprechen gaben Sofia und Friedrich gern.
»Und wie geht’s den Kindern?«, erkundigte sich Lucius schließlich.
»Sind in der Schule, alle drei«, erklärte die Baronin. »Wir finden, dass sie sich auf einem guten Weg befinden, auch Christian.«
»Der kleine Fürst«, sagte Lucius nachdenklich. »Wie geht er mit dem Verlust seiner Eltern um?«
»Er wirkt älter als fünfzehn – und er ist ernster als viele andere Jungen seines Alters. Aber er gibt nicht auf, wir sind sehr beeindruckt, wie er sein Schicksal meistert.«
»Ihr helft ihm ja auch sehr dabei. Ohne euch hätte er es viel schwerer gehabt.«
»Ja«, bestätigte Sofia, und unwillkürlich traten ihr Tränen in die Augen. »Es war ein Glücksfall, dass wir schon vor vielen Jahren nach Sternberg gezogen sind – so konnte er zumindest in seiner gewohnten Umgebung bleiben.«
Lucius griff erschrocken nach ihrer Hand. »Entschuldige, Sofia«, sagte er. »Es war gedankenlos von mir, dieses Thema anzuschneiden und nicht daran zu denken, dass nicht nur Christian einen Verlust erlitten hat, sondern du auch.«
»Lisa fehlt mir sehr«, flüsterte sie. »Mit meiner Schwester konnte ich über alles reden, immer waren wir einer Meinung, haben über die gleichen Sachen gelacht. Jetzt ist da eine Lücke, und ich weiß nicht, wie ich sie füllen soll.«
Einige Monate zuvor waren Elisabeth, Fürstin von Sternberg und ihr Mann, Fürst Leopold, bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen. Ihr einziger Sohn, Prinz Christian von Sternberg, war daraufhin in die Familie von Elisabeths Schwester Sofia aufgenommen worden.
»Die Lücke empfinden wir alle«, erklärte Baron Friedrich mit ruhiger Stimme. »Und das wird sich auch so schnell nicht ändern.«
»Ich sehe Chris noch mit seinem Vater über den Schlosshof gehen«, sagte Lucius nachdenklich. »Die Leute haben immer gesagt: ›Der große und der kleine Fürst‹, wisst ihr noch?«
Sofia wischte sich die Tränen aus den Augen und nickte. »Nun gibt es nur noch den kleinen Fürsten«, sagte sie. »Er macht uns viel Freude, Lucius. Er hat ein großes Herz, und schon jetzt wird deutlich, dass er einmal ein guter Fürst sein wird. Die Menschen hier lieben ihn, und er liebt sie. Er spürt die Verantwortung, die er trägt, und wir sind sicher, dass er sich ihr stellen wird.«
»Ich komme demnächst mal wieder«, sagte Lucius, »vielleicht zu einem Zeitpunkt, wo die Kinder zu Hause sind. Ich hätte sie gern wiedergesehen. Und nun danke ich euch, dass ihr mich von meinem augenblicklich etwas trüben Dasein abgelenkt habt. Vielleicht ist ja ein Wunder geschehen, wenn ich ins Büro zurückkehre – und jemand hat angerufen, weil er einen Anwalt braucht?«
Als er sich verabschiedet hatte, sagte der Baron: »Er ist einfach ein netter Kerl, der Lucius. Um ihm zu helfen, könnte ich mir glatt vorstellen, einen kleinen, überflüssigen Prozess zu führen, nur damit er zeigen kann, was er gelernt hat.«
»Untersteh dich!«, erwiderte Sofia, aber sie lächelte dabei.
*
»Herr Hässler, Frau Gräfin«, sagte Jeremy Winter leise.
»Muss das jetzt sein?«, fragte Ilona unwillig. Sie mochte den Vermögensverwalter ihres Vaters nicht besonders und hätte das erste Gespräch mit ihm gern noch hinausgeschoben.
»Er hat es sehr dringend gemacht.«
»Dann bitten Sie ihn herein«, seufzte Ilona.
Graf Alexander war am Tag zuvor zu Grabe getragen worden, und jetzt trat das ein, worauf ihre Freunde sie vorzubereiten versucht hatten: Sie war in ein tiefes schwarzes Loch gefallen.
Zuvor hatte sie so viel zu organisieren gehabt, dass buchstäblich keine Zeit zum Nachdenken geblieben war. Das hatte sich nun geändert, und der Schmerz um den Verlust ihres Vaters, der einige Tage lang von hektischer Betriebsamkeit gedämpft worden war, kehrte mit größerer Heftigkeit als zuvor zurück.
»Was gibt’s denn, Herr Hässler?«
»Ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten, Gräfin Ilona«, erwiderte der schwere Mann mit dem stets undurchdringlichen Gesicht. »Darf ich mich setzen? Was ich zu sagen habe, wird einige Zeit in Anspruch nehmen.«
