2,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 2,99 €
Victoria hat ihr Leben fest im Griff. Was kann einer selbstbewußten Powerfrau mit eigener Kultursendung und reichem Papa schon groß passieren? Nichts, glaubt Victoria, die sich auf ihre Bildung, ihre Attraktivität und ihren Verstand einiges einbildet. Etwas zu viel, findet Freundin Stefanie, die sich im Urlaub auf Gran Canaria in einen Swimmingpool-Reiniger verliebt hat. Victoria will Steffie auf den rechten Weg zurückbringen – und gerät dabei selbst auf Abwege: Der Vater enterbt sie, Verehrer Ludwig ist untreu und ihr Job in Gefahr. Victorias letzte Chance: Sie muß den menschenscheuen Bestsellerautor Elias Rensle auftreiben, um das weltweit erste Interview zu bekommen. Doch Rensle lebt – ausgerechnet auf Gran Canaria, dem Lummerland für Langweiler, wie Victoria meint. Ihr nächstes Problem: Gleich zwei Männer behaupten, daß sie der geheimnisvolle Rensle sind. Den einen hält sie für wunderbar, der andere ist sonderbar. Welcher ist der Richtige? Die ideale Pool- und Strandlektüre – nicht nur für den Gran-Canaria-Urlaub!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2013
Leonie Bach
Gran Canaria all inclusive
Roman
Edel:eBooks
Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel:eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg.
Copyright © 2000 by Leonie Bach
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-158-3
edel.comfacebook.com/edel.ebooks
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Backpage
Victoria klappt ihr Notebook auf. Ein Fiepen, dann empfängt der kleine Computer sie mit elektronischen Harfenklängen. Scheußlich, findet Victoria, denn sie hält sich einiges auf ihren Musikgeschmack zugute. Sie ist immerhin die Tochter des berühmten Dirigenten Christopher Wohlzogen.
Lustlos starrt sie auf den Bildschirm.
Eigentlich sollte sie jetzt die Texte für ihre abendliche Sendung vorbereiten, Kultur vor Mitternacht, auf Radio K. Eigentlich sollte sie sich tiefsinnige Gedanken über ein sehr modernes Tanzensemble machen. Victoria ist davon überzeugt, daß ihre tiefsinnigen Gedanken die einzig richtigen sind.
Ihre anderen Gedanken gehen niemanden etwas an, wäre auch peinlich, findet sie. Ihre Herkunft verpflichtet schließlich zur Ernsthaftigkeit Eigentlich sollte sie also arbeiten.
Aber uneigentlich geht in ihrem Kopf etwas anderes vor.
Sie wirft einen Blick auf die Tischuhr, die hinter ihr auf dem Klavier tickt. Halb drei, genug Zeit. Sie nimmt einen Schluck Milchkaffee, dann klickt sie mit der Maustaste den Dateiordner »Purer Unsinn« an.
Hinter dieser Bezeichnung versteckt sie ihr kleines Geheimnis. Es ist ein Tagebuch, das niemand zu Gesicht bekommen soll. Weil es eine Victoria zeigt, die keinen etwas angeht. Die unfrisierte Victoria. Keiner kennt sie so, außer vielleicht ihre Freundin Stefanie, aber die ist eine treue Seele, der man alles anvertrauen kann.
Stefanie ist die Wetterfee von Radio K. und hat den Kopf immer in den Wolken. Deshalb ist sie ihr, also Victoria, zu großem Dank verpflichtet, findet Victoria. Sie holt die leichtgläubige Steffi immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Vor allem, wenn es um Männer geht. Victoria hält nicht allzuviel von Steffis Männern und Männern im allgemeinen.
Sie legt die Hände auf die Tastatur und tippt leichthändig los, so als spiele sie Klavier. Dabei spielt sie nur selten Klavier, weil ihr Vater natürlich recht hat: Sie ist nicht gut genug, war sie nie. Und jetzt ist es zu spät, das zu ändern. Denn jetzt ist sie eine reife, gebildete, geschmackssichere Frau, die ihre Grenzen und Begabungen genau kennt, glaubt Victoria. Und das ist gut so – eigentlich.
3. April
Meine Güte! Ich werde vierzig.
Na ja, fast. Seit gestern bin ich jedenfalls sechsunddreißig und der Meinung, daß eine Frau sich ihren lebensgefährlichsten Gegnern – Tod und Hautalterung – rechtzeitig stellen muß. Wenn ich mich im Bad am Handtuchhalter vorbei ganz nah an den Waschbeckenspiegel heranschlängele, sehen die Falten auf meiner Stirn so tief aus wie der pazifische Marianengraben.
Stefanie meint, das liegt an den 90-Watt-Birnen überdem Spiegel, aber sie neigt dazu, sich die Welt genau wie die Männer schönzureden.
Zum Geburtstag habe ich mir jedenfalls drei Gesichtscremes gekauft: eine für Feuchtigkeit, eine für Straffheit, eine für – nein, Quatsch – gegen Falten, außerdem Gels gegen Augenringe, Lotion gegen Zellulitis und ein straffendes Fluid gegen das drohende Doppelkinn.
Von dem wußte ich vor meinem Besuch in der Drogerie noch gar nichts. Die Verkäuferin bei Douglas hat ihre Sache wirklich gut gemacht, normalerweise belüge ich mich selbst am besten.
Das Zeugs für oder gegen das Doppelkinn habe ich allerdings meinem Ficus verordnet, der krummastig und mit staubigen Blättern vor sich hin vegetiert. Jetzt vegetiert er weiter, glänzt aber wie ein frisch gecremter Kinderpo. Wäre er keines der seltenen Geschenke von Papa, hätte ich ihn längst stilvoll im Müll begraben. Ich und Pflanzen, das ist ein trostloses Kapitel.
Mister Dad hat sich gratulationstechnisch noch nicht gemeldet, nur seine monatliche Überweisung kommt pünktlich.
Wahrscheinlich ist er im Streß oder auf Tournee, oder was weiß ich. Leider seit Monaten nichts Genaues. Dafür wird sein Geschenk dieses Jahr wahrscheinlich gewaltig ausfallen, obwohl mir ein paar warme Worte lieber wären, als ein neues Auto wie beim letzten Mal . . . Bin ich peinlich: Fast vierzig und sentimental wie ein Disney-Trickfilm.
Das muß ich von meiner Mutter haben, der man ihre sechzig wirklich nicht anmerkt, seelisch würde ich sie auf höchstens neuneinhalb schätzen.
Kompromißlos charmant wie immer hat sie mir gegen meine Faltenphobie einen Gutschein für einen Laserchirurgen angeboten. Ich nehme an, bei dem bekommt sie bereits Mengenrabatt, denn dank Schönheitschirurgie sieht sie aus wie eine frühe Fünfzigerin und benimmt sich wie die späte Schlampe Blanche Devereaux von den Golden Girls.
Sie – also Mutter – hat mich außerdem in ihr Haus auf Gran Canaria eingeladen. Wahrscheinlich zum Karussellfahren in Playa del Ingles oder zum Karaoke-Singen in ihrer Lieblingshotelbar. Nein danke. Keine Ahnung, was sie an diesem kulturlosen Lummerland für Langeweiler bloß findet. Außerdem ist Sonne wirklich der Faltenmacher Nummer eins.
Das letzte Weihnachtsfest bei Mama hat mir jedenfalls gereicht. Ich sage nur Miß-Sexy-Sixtie-Wahl und Limbo-Dancing. Meine Mutter ist einfach unmöglich. Und sowieso: Gran Canaria in den Osterferien kommt auf meiner Wunschliste direkt nach Schneeschaufeln in Sibirien im Januar.
Mit Stefanie habe ich zur Feier meines Birthdays gestern eine Shopping-Orgie unternommen: Aber diesmal nix Jil Sander, sondern H&M, Kookai und Mango. Steffi, dem Schaf, war es peinlich, zwischen all den kreischenden Teens in Klumpfuß-Schuhen an den Kleiderstangen zu wühlen. Dabei war das nur meine ganz private Schocktherapie gegen Alterssorgen.
Eine Viertelstunde H&M und der einzige Gedanke, zu dem ein reifer Mensch noch fähig ist, lautet: Nie mehr fünfzehn – Gott sei Dank, jung sein ist doch öde. Stefanie sieht das natürlich anders und findet, wir seien selber noch blutjung. Gut, daß Steffi mich hat, mich, die gute alte . . . Iiih. Vierzig!
Die meisten Menschen, die ich in diesem Alter kenne, sind verheiratet, geschieden, langweilig, fett und mehrfach drogenabhängig (Alkohol, Zigaretten, Süßkram, Knabberkram, Lindenstraße), oder sie sind alles auf einmal. Mit mir nicht. Bis jetzt habe ich Heirat und ähnlich dickmachenden Unsinn – etwa Kinderkriegen – konsequent vermieden.
Ich trinke nicht, rauche nicht und finde Obst wirklich leckerer als Süßigkeiten, abgesehen von Pralinen mit Kokos-Mango-Füllung und Kinderschokolade. (Meine Güte, heute ist der Tag der peinlichen Geständnisse!)
Das mit der großen Liebe sehe ich ebenfalls nüchtern. Es handelt sich dabei lediglich um eine der größten Kulturlügen der Menschheitsgeschichte. Warum sonst scheitert in deutschen Großstädten jede zweite Ehe? Zuviel positive Alternativen. Meine Versuche in diese Richtung habe ich Anfang Dreißig mit zerbeultem Herzen und wegen Gefahr der Vollverblödung eingestellt. Mich verläßt keiner mehr.
Da lobe ich mir meinen Ludwig, fünfundvierzig, noch fast komplett behaart, kultiviert, leidenschaftlicher Koch und Inhaber einer eigenen Wohnung. Mehr Mann braucht Frau nicht. Für gelegentliche Städtetrips, Museums-, Konzert- & Restaurantbesuche ist Ludwig einfach die Bettbesetzung – uups, Freudscher Tippfehler. Also: Ludwig ist nicht meine Bett-, aber die Bestbesetzung in Sachen kulturelle Freizeitgestaltung und angemessene Anbetung meiner Person.
Der Sache mit dem Bett messe ich nicht mehr soviel Bedeutung zu. Ausgelassen hab’ ich nichts – außer vielleicht die Nummer mit dem Honigpuder, den Handschellen und dem Federpinsel. Kann ja noch kommen, aber mal ehrlich: Sex ist doch letztlich nur ein Austausch von Körperflüssigkeiten. Das beherrscht jeder Depp ohne Gebrauchsanweisung.
Wahrscheinlich sogar unser neuer Sendeleiter Pflügner, der Radio K. auf Vordermann bringen soll. Der macht mir doch glatt Avancen:
»Kaum zu glauben, daß eine so kluge, unabhängige Frau wie Sie auch noch so schöne Beine hat. Ich sag’s ja immer, gegen euch neue Frauen haben wir Männer überhaupt keine Chance, außer Kapitulation. Haben Sie Lust, mal etwas mit mir zu trinken?«
Nur wenn er sieh ein Glas Blausäure bestellt.
Männliche Feministen waren mir schon immer suspekt. Außerdem steht meine Sendung bei Radio K. garantiert auf der Abschußliste: Kultur vor Mitternacht – wer legt darauf schon Wert? Außer mir.
Vielleicht will Pflügner mich verführen, emotional abhängig machen, dann fallenlassen und in den Selbstmord treiben? Kündigung ohne Sozialplan sozusagen. Mit mir nicht, solange ich Victoria Wohlzogen heiße, kann der mir gar nix, dieser Analphabet. Papa gehört schließlich ein Teil des Senders.
Apropos Analphabeten. Die liebe Stefanie scheint auch vernünftiger zu werden, was Kerle angeht. Seit ich sie Weihnachten auf Gran Canaria von einer Affäre mit dem Swimmingpoolreiniger meiner Mutter abgehalten habe, hat sie keine neuen Anzeichen von Verliebtheit gezeigt. Ihr Hang zum Küchenpersonal ist shocking.
Wenn sie mich nicht hätte, wäre sie wahrscheinlich schon lange verheiratet – etwa mit dem Friteusenkoch in unserer Senderkantine. So einer braucht Stefanie nur ein Lächeln und einen Klacks Mayonnaise zu den Pommes zu spendieren, schon ist es um sie geschehen. Keinen Funken Stolz, die Gute. Ein Glück, daß ich ihr Vorbild bin. Okay, das klingt arrogant, aber ich kann mir das leisten.
Traumkerle sind gentechnisch einfach noch nicht machbar, und vom Himmel fallen sie bestimmt nicht, soviel weiß ich nach beinahe vierzig Jahren Erdenleben.
Weia! Gut, daß niemand diesen Bekenntnisschrott einer (alternden) Kulturmoderatorin zu lesen bekommt.
Victoria Wohlzogen klickt mit der Maustaste auf »Speichern«, schließt das Dokument »Purer Unsinn« und schaltet ihr Notebook aus. Fürs erste ist diese unbestimmte Angst vor der Zahl vierzig gebannt. Man darf sich selber nicht zu ernst nehmen. Man darf überhaupt nichts zu ernst nehmen, außer der Kunst. Seufzend schaut sie auf die Uhr.
Gleich drei. Zeit, in den Sender zu fahren, um mit dem Cutter den letzten Beitrag zu schneiden, die Moderation und das Interview vorzubereiten.
Heute ist sie mit Kultur vor Mitternacht live dran, muß ein Gespräch mit dem Choreographen von der New York Dance Company führen. Nicht gerade ein Quotenhit, aber was kann man machen, wenn die Masse keinen Sinn für echte Kultur hat? Halbgefüllte Konzertsäle und stille, weil leere Museen sind ihr ohnehin lieber als überfüllte Kulturstätten. Victorias Lebensmotto lautet: Mache nie den Fehler, andere für klüger zu halten als dich selber.
Das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelt.
Vati, denkt sie. Schließlich ist ihr Erzeuger noch den Geburtstagsanruf schuldig. Sie reißt den Hörer von der Gabel, sagt mit Mädchenstimme »Hallo«. Blöde, wie ihr Herz dabei flattert, aber na ja, er meldet sich so selten aus New York. Er meldet sich überhaupt unregelmäßig, eben nach Lust und Laune. Seine Kunst geht vor.
Der Anrufer am anderen Ende klingt irritiert, diese gehauchte, sehr feminine Tonlage ist ihm bei Frau Wohlzogen fremd: »Eh, hallo, mit wem spreche ich denn da?«
»Ach Sie sind’s«, antwortet Victoria gelangweilt und wechselt die Stimmlage um ein paar Etagen nach unten.
»Frau Wohlzogen? Ich habe Ihre Stimme erst gar nicht erkannt. Ich hoffe, ich habe Sie nicht unter der Dusche weggelockt? Oder aus dem Bett geklingelt? Ihr von der Kultur habt ja ein wahres Lotterleben. Abends in die Oper, Premierenfeiern und Champagner zum Frühstück, haha.« Anzügliches Räuspern.
So ein Volltrottel, Victoria erspart sich alle Höflichkeiten. »Was gibt’s denn Dringendes, Herr Pflügner?« Hoffentlich keine erneuten Annäherungsversuche.
»Nun, eh. Ich habe hier gerade die wöchentlichen Einschaltquoten von Radio K. vorliegen. Sehr interessant. Sehr interessant.«
»Ach ja?« Victoria legt all die Überheblichkeit in ihre Stimme, zu der sie fähig ist. Sie ist dazu mehr als fähig, sie ist hochtalentiert, wenn es um Überheblichkeit geht.
Pflügner bricht der Schweiß aus. Das kann man sogar hören. »Nun, ehem. Ja. Sehr interessant. Und ich nehme an Sie wissen, daß Kröger junior sich auch sehr für die Zahlen interessiert. Präzise gesagt, denke ich, daß er möglicherweise enttäuscht sein wird.«
Präzise gesagt, willst du mir drohen, denkt Victoria. Kröger junior ist der Sohn vom Haupteigner des Privatsenders, einem Zeitungsverleger, der die Radiostation mal eben so dazugekauft hat – für Sohnemann Kröger, damit er was zu tun hat und bei den wichtigen Geschäften nicht dazwischenquengelt.
Pflügner erwähnt Sohnemann, um sich mehr Autorität zu verleihen und Junior die Buhmannrolle zuzuschieben. Victoria tut ihm nicht den Gefallen, erschrocken aufzuseufzen oder verlegen zu stammeln. Junior ist ihr schnurzpiepe. Sie schweigt ganz einfach in den Hörer.
Pflügner räuspert sich wieder. »Wie Sie sich denken können, sieht es bei Kultur vor Mitternacht nicht ganz rosig aus.«
Soll das ein Scherz sein? Rosig? Schlammfarben, düster grau wird es da aussehen. Hält dieser Kerl sie für so blöd wie sie blond ist? Kultur ist das letzte Tabu der Massenmedien. Über Hölderlins späte Lyrik oder Brahms Klavierkonzerte spricht man nicht in Funk und Fernsehen, weil es die Leute verschreckt – anders als Pädophile, Peitschensex oder Potenzprobleme.
»Herr Pflügner, Kultursendungen werden nicht als Chartbreaker eingeplant«, erklärt Victoria von oben herab. »Sie dienen der Imagepflege eines Senders. Außerdem ist auch Radio K. per Rundfunkgesetz zu einer gewissen Anzahl von Wortbeiträgen mit Bildungscharakter verpflichtet, deshalb . . .«
Hastig unterbricht Pflügner die Kulturchefin. »Sicher, sicher. Aber, wenn ich mir zum Beispiel den Laufplan Ihrer heutigen Sendung so ansehe: Interview zum Thema ›Problemorientierter Kammertanz‹, also, ich bitte Sie, klingt das nicht wirklich ein bißchen, eh, zäh?«
Ein bißchen? Victoria lächelt sarkastisch. Der Mann ist gut, das ist Hardcore-Kultur, nichts für Leute, die sich mit den Vorschlägen der »Gong«-Bestsellerliste zufriedengeben und ihre Klassik-CDs bei Tchibo kaufen – im Doppelpack für nur 14,95 und einer Tasse Kaffee gratis dazu.
»Herr Pflügner, als Sie die Sendeleitung übernommen haben, muß Ihnen doch klar gewesen sein, daß ich für eine Minderheit zuständig bin. Meine Sendung ist ein Reservat für eine aussterbende Gattung. Sie haben natürlich ein Interesse an den Mehrheiten, an immer mehr Mehrheiten. Für mich gilt das Gegenteil.«
»Frau Wohlzogen, Sie wollen doch nicht behaupten, daß Sie sich selber abschaffen wollen?« Der Mann klingt doch tatsächlich erleichtert. Na warte.
»Nein. Je populärer sich die Kultursendungen anderer Medien geben, um so kompromißloser werde ich unpopuläre Kultur anbieten, und am Ende hat Radio K. die einzige waschechte Kultursendung, die es in der privaten Radiolandschaft überhaupt noch gibt, klar? Fazit: Wir tun was für die Kultur und unser Image. Was anderes interessiert mich nicht.«
Braucht sie auch nicht zu interessieren, denkt Pflügner frustriert. Schließlich wird Victoria Wohlzogen einmal ein hübsches Vermögen von ihrem Vater, dem Dirigenten und Plattenmillionär Christopher Wohlzogen erben, der außerdem einen Anteil von fünfundzwanzig Prozent an Radio K. besitzt. Der Papa kann sehr großzügig sein, wenn es um seine Prinzessin geht.
Es ist wahrhaftig kein Kunststück, mit so jemandem im Rücken kompromißlose Kulturprogramme zu machen, denkt Pflügner. Sagt er aber nicht. Ihm liegt nämlich was an Victoria. Schließlich geht eine Millionenerbin und 25prozentige Radiobesitzertochter nicht alle Tage bei ihm aus und ein. Noch dazu auf hübschen Beinen und gänzlich unverheiratet. Da muß man seinen Sozialneid bezähmen.
»Sie haben vollkommen recht, Frau Wohlzogen. Vollkommen. Das werde ich natürlich auch Kröger sagen. Ganz klar. Ganz klar. So was rentiert sich nur à la longue. Klar. Ich rufe auch aus einem anderen Grund an. Vergessen wir die Quoten. Es gibt da Wichtigeres.«
Was denn, fragt sich Victoria entnervt, Zoten statt Quoten?
»Ich habe aus meiner alten Redaktion einen brandheißen Tip bekommen. Von jemandem, der vielleicht gern zu uns rüberwechseln will. Kleiner Deal. Er hat mir gesteckt, daß der spannendste Sachbuchautor der letzten fünf Jahre nach Deutschland kommt. Und zwar direkt hierher. Der berühmte Unbekannte landet in unserer Stadt. Sein Name ist, Moment. . .« Papierrascheln am anderen Ende.
Victoria geht aufgeregt dazwischen: »Sie meinen doch nicht etwa Rensle? Elias Rensle?«
Pflügner ist ein bißchen enttäuscht über Victorias Treffsicherheit, aber immerhin, sie klingt beglückt, ein Punkt für ihn.
»Ja genau, dieser Rensle kommt. Hierher.«
»Woher?«
»Das ist unklar. Aber soviel wußte mein Informant: Rensle lebt zur Zeit auf einer der Kanarischen Inseln. Auf welcher wird ja wohl rauszufinden sein.«
»Gran Canaria«, sagt Victoria trocken und mit kaum unterdrückter Enttäuschung.
»Wie?«
»Gran Canaria. Verflucht, soweit war ich auch schon einmal. Deswegen bin ich doch Weihnachten hingeflogen, aber keiner konnte mir weiterhelfen. Rensle spielt auch da den Einsiedlerkrebs. Keiner der Inselpromis, nicht mal Justus Frantz, hat ihn je zu Gesicht bekommen.«
»Justus, Justus Frantz? Sie kennen den berühmten Justus Frantz? Also, diesen Frantz vom Schleswig-Holstein-Musikfestival, den Justus da?« fragt Pflügner ehrfürchtig und so aufgeregt, daß ihm die Grammatik aus der Reihe tanzt.
»Ja, den Justus da. Er hat eine Finca auf Gran Canaria, Bekannter meiner Mutter.«
»Ja, aber dann machen Sie doch mit dem mal ein Interview. Das würde doch schon reichen. Ich meine, also, der ist doch populär und Kultur, oder? Da hätten wir völlig nebenbei ein bißchen Quote. Nur wegen Kröger junior, versteht sich.«
»Ich bin Journalistin, ich interviewe grundsätzlich keine Bekannten meines Vaters oder meiner Mutter. Das ist kreuzblöde Vetternwirtschaft.«
Und in einem Sender arbeiten, der zum Viertel dem eigenen Herrn Papa gehört, was ist das? fragt sich Pflügner, sagt es aber nicht.
Victoria redet weiter: »Zurück zu Rensle. Wann kommt er?«
»Heute oder morgen, ganz genau wußte mein Informant das nicht.«
Victoria klappt ihr Notebook auf, klickt auf Internetverbindung, ruft die Flughafenseite auf.
»Scheiße«, flucht sie herzhaft.
»Wie?« So ein Wort klingt aus Victorias Mund exotisch wie Kisuaheli.
»Heute sind schon zwei Flieger aus Gran Canaria gelandet. Einer kommt noch um sechzehn Uhr, der letzte gegen zwanzig Uhr dreißig. Hören Sie, sagen Sie Ihrer Sekretärin, sie soll mein Interview mit dem Tanzchef absagen. Senden Sie heute irgendeine Konserve . . .«
»Ja, aber was denn?«
»Wie wär’s mit einer Konzertaufnahme von dem Justus dem Frantz da? Der ist doch populär und Kultur.«
»Eh ja?«
»Ja, ein musikalischer Quotenkönig, fast so gut wie die Hitparade. Ich muß jetzt los, zum Flughafen.«
»Aber Sie wissen doch gar nicht, wie dieser Rensle aussieht? Keiner kennt ihn. Es gibt nicht einmal ein Foto.«
»Ein Genie erkenne ich auf den ersten Blick, so wahr ich Victoria Wohlzogen heiße. Genie ist mir schließlich nicht fremd. Denken Sie an meinen Vater.«
Pflügner hängt seufzend ein. Papa Wohlzogen, verdammt, darin genau liegt das Problem mit dieser Kulturprinzessin, der Name macht sie hochnäsig und praktisch unkontrollierbar, aber auch so reizvoll.
Vielleicht ist diese Reise ein Fehler. Markus Elsner wirft einen Blick aus dem Flugzeugfenster. Die weißen Häuser tief unter ihm haben nur noch die Größe von Schuhkartons. Vereinzelt ragen Palmen in den Himmel – einige so grau wie Staubwedel. Über Tomatenfeldern blähen sich Plastikplanen im Wind. Mattgelber Sand und Felswüste ziehen sich bis zu den Vororten der Hauptstadt.
Gran Canarias Küstenlandschaft ist im Osten karg.
Mit den Augen fährt Elsner die Schnellstraße am Meer entlang, sieht die Zementfabrik, die Entsalzungsanlagen, wirklich trostlos. Dann entdeckt er als dunklen Fleck die Kathedrale Santa Ana in der traumstillen Altstadt von Las Palmas. Er wird sie vermissen, genau wie das lebhafte Treiben im Park von Santa Catalina, wo alte Männer jetzt beim Domino sitzen und junge Mütter beim Schwatz. Wehmut steigt in ihm auf.
Er nimmt sogar Abschied von den rostigen Gerippen russischer Seelenverkäufer im Hafen Puerto de la Luz. Ein quirliges Viertel, das von zwielichtigen Gestalten und heimatlosen Seeleuten aus aller Welt geprägt ist. Gran Canaria ist nicht nur die Idylle, für die einige Touristen die Insel halten.
Rechts von sich entdeckt Elsner am Himmel eine silbern blitzende Maschine im Sinkflug. Wie viele der Touristen, die zum erstenmal hier landen, werden über die Ödnis rund um den Flughafen von Gando erschrecken? Wie viele der Urlaubshungrigen werden sofort an die Strände des Südens flüchten und nach zwei Wochen in ihre Heimat zurückkehren, ohne etwas von der herben Schönheit der Insel entdeckt zu haben? Seiner Insel, seiner Heimat seit vier Jahren.
Markus fragt sich, ob diese Reise nach Deutschland keine Dummheit ist. Nirgendwo auf der Welt – und er kennt die Welt – hat er die Ruhe erlebt, die er auf Gran Canaria gefunden hat, dem Miniaturkontinent, wie Domingo Cardenes schrieb. Auf Gran Canaria finden sich Landschaften und Wetterzonen für jeden Geschmack, von der Wüste im Süden bis zu voralpinen Berglandschaften im Inselinneren und lieblichen Tälern im Norden.
Elsner liebt vor allem die grandiosen Barrancos, die tiefeingeschnittenen Schluchten, die von der bergigen Mitte der Insel zum Meer abfallen.
Ihn faszinieren die vulkanischen Höhlen und die Felsgewitter im Inneren, die stillen Kiefernwälder und nebelverhüllten Gipfel. Er entdeckt sie beim Blumenpflükken – wie er seine Arbeit ironisch umschreibt – jeden Tag neu.
Markus Elsner ist Pharmakologe. Phytochemie ist sein Spezialgebiet. Er untersucht seltene und neuentdeckte Pflanzen, um sie medizinisch nutzbar zu machen. Auf Gran Canaria gibt es noch Exemplare, die nur hier vorkommen. Ihre Blätter, Blüten und Säfte enthalten hochwirksame Substanzen. Für Elsner ist deren Erforschung eines der letzten Abenteuer der Menschheit.
Jede Entdeckung beglückt ihn wie einen kleinen Jungen, der mit seinem Mikroskop einen Tropfen Pfützenwasser untersucht und feststellt, daß dieser Tropfen alle Geheimnisse des Lebens in sich birgt.
Elsner seufzt lautlos. Warum also wegreisen und den Seelenfrieden gefährden, wenn man in seinem vierzigsten Lebensjahr da angekommen ist, wo man hingehört? Braucht die Welt seine Entdeckungen wirklich? Besser, braucht er die Welt? Braucht er das ganz große Geld, um seine Forschungsarbeiten professionell fortzuführen? Er könnte auch weitermachen wie bisher. Im kleinen. Die Verlockung des großen Geldes ist ihm schon einmal zum Verhängnis geworden. Er hat auch so genug – für sich jedenfalls.
Das Flugzeug macht einen Schwenk nach Osten, taucht in die erste Wolkenformation ein. Die von Gischt gesäumte Insel verschwindet aus seinem Blickfeld. Meine Güte, es ist doch nur für ein paar Tage, eine kurze Geschäftsreise, ermahnt er sich.
Aber es sind die ersten paar Tage seit dem Unfall vor vier Jahren.
»Was möchten Sie trinken?«
Markus dreht der hübschen, dunkelhaarigen Stewardeß sein Gesicht voll zu und glaubt, ihr leichtes Erschrecken zu erkennen. Ihre Pupillen haben sich geweitet; er sieht es genau – Forscherblick. Früher war das anders, denkt er müde, früher konnte er mit einem anerkennenden Blick, sogar einem begehrlichen Aufblitzen in den Augen einer Frau rechnen.
Verfluchte Narben. In dem verträumten Tal, über dem er – hoch in den Bergen – auf Gran Canaria wohnt, schaut keiner hin. Die Canarios sind ebenso höfliche wie herzliche Menschen und mit den Wechselfällen des Schicksals vertraut. In Deutschland wird er sich wieder gegen Blicke wappnen müssen, neugierige und mitleidige.
Es nützt nichts, darüber nachzudenken, ruft Elsner sich zur Ordnung und bestellt Orangensaft. Er nimmt ihn dankend entgegen, wendet sich ab und dem Fenster zu. Unter ihm leuchtet tiefblau der Atlantik, der Passat kämmt Wellen hinein, vor ihnen liegt Fuerteventura.
»Hombre, du siehst aus wie eine traurige Knödel«, meldet sich neben Elsner eine fröhliche Männerstimme zu Wort.
»Kloß, Sanchez, du meinst Trauerkloß«, sagt Elsner, ohne seinen Blick vom Meer abzuwenden.
»Ach, Kloß oder Knödel, ich werde nie lernen eure Spruchworte, dabei habe ich extra gekauft eine ganze Buch damit. Aber viele sind so haßelich. Qué pena!«
Sanchez, ein Dreißiger mit sherryfarbenen Augen und schwarzem Haarschopf, seufzt und schüttelt übertrieben verzweifelt den Kopf. »Was wird sagen Stefanie, wenn ich spreche wie eine idiota? Wie man soll machen amor ohne schöne Worte? Ische liebe dich, das klingte schauervoll aus meine Mund. Sag mir, was ich kann sagen besser.«
»Ich bin mir sicher, du wirst die richtigen Worte finden, wenn du das wirklich willst.«
Sanchez glaubt, daß in der mürrischen Antwort eine Frage mitschwingt, räuspert sich und ist froh, seinen Gefühlen Luft machen zu dürfen.
»Si. Ich will, ich will, ich will.«
»Amigo, du klingst wie ein Mann vor dem Traualtar.« Markus Elsner sagt das ablehnend.
»Da will ich auch hin, und zwar rapido. Darum ich gehe mit dir nach Deutschland«, antwortet unbekümmert sein Freund.
Für einen Moment dreht Markus ihm das Gesicht voll zu. »Ich dachte, du wolltest mir bei meiner Rückkehr in die Höhle des Löwen beistehen und nebenher eine Baustoffmesse besuchen.«
Sanchez hebt die Hände, zuckt mit den Achseln: »Ich habe gedacht, ich kann schlagen zwei oder drei Fliegen mit die eine Klappe. Ich helfe meine beste Freund, schaue mir an neue Zement für Gußfundamente und sehe wieder die allergrößte Liebe von mein Leben.«
Markus zieht die Augenbrauen zusammen. »Du hast diese Frau doch erst einmal im Leben gesehen. Und das auch nur für eine Woche. Konzentriere dich lieber auf den Zement, das ist was Dauerhaftes.«
»Ach, wenn du Stefanie gesehen hättest an Weihnachten, statt Höhlenmensch zu spielen in die Berge, du würdest nix fragen. Sie ist eine Engel. Una belleza! Ach, es war Liebe auf die erste Auge«, sagt Sanchez schwärmerisch.
»Du meinst auf den ersten Blick.«
»He?«
»Ach nichts. Wenn sie es wert ist, wird sie deine Spruchworte lieben, neben all den anderen Dingen, die du zu bieten hast. Übrigens, wenn es Liebe auf die erste Auge war, warum hast du es ihr dann nicht sofort gesagt?« Markus Elsner sieht nicht aus wie jemand, der das wissen will, das Meer scheint interessanter.
»Ah, maldito, ich konnte nix sagen, weil diese schlechte Person hat immer dazwischengemorst.«
Markus lacht endlich auf und wendet sich seinem Freund voll zu. Sanchez wirft ihm einen listigen Blick zu. »Jetzt du lachst endlich, eh? Dabei ich weiß, daß es heißt gefunkt, comprende?«
Markus Elsner nickt. »Claro! Du bist ein verteufeltes Schlitzohr, Sanchez. Das waren tatsächlich ein paar Sprachfehler zuviel für einen Mann, der ein Jahr Bauleiter bei einer Firma mit deutschem Management war.«
»Ach, die wunderbar Firma von mein Onkel. Er hält viel von die Deutschen. Weißt du noch, wieviel Spaß wir zusammen hatten, damals bei ihm in Venezuela? Fantastico. Und deine Spanisch war eine grande Katastrophe, viel schlimmerer als meine Deutsch. Weißt du noch, wie du in eine Bodega bestellt hast eine verbrannte Butterbrot, statt eine geröstete Bocadillo?«
Elsners Gesicht hat sich bei dem Wort Venezuela verdüstert. Sanchez merkt, daß er wieder an den Werksunfall denkt, die Flammen, die Schreie, den Geruch des Todes.
Vier Jahre, und noch immer macht sein Freund Markus sich Vorwürfe, dabei hat er dazu weniger Gründe als andere, ihm gehörte die Firma schließlich nicht. Er war doch nur Leiter der Forschungsabteilung. Aber es ist sinnlos, mit dem Freund darüber zu diskutieren. Genauso sinnlos wie jeder Versuch, ihn von der Harmlosigkeit der Narben zu überzeugen, die seine linke Gesichtshälfte durchziehen.
Elsner ist ein attraktiver Mann, soweit Sanchez das beurteilen kann. Schließlich sind auch grobe Gesellen wie Gerard Depardieux bei Frauen beliebt, und zumindest Rosalia, eine bildhübsche Archäologin aus Fataga, hat schon lange ein Interesse für Elsner.
Und welcher Mann würde diesen unermüdlichen Bergsteiger und Naturburschen nicht um seinen Körper beneiden? Keine Frage: Markus’ hochgewachsene Gestalt zieht die Blicke auf sich, genau wie seine fast eisgrauen Augen. Sanchez hat es seinem Freund oft gesagt, aber kaum schaut eine Frau wie Rosalia ihn an, zieht Elsner sich zurück. Er ist ein Einsiedler geworden, und daran hat für Sanchez seine Exfrau Schuld.
Elende Dorothea, ihn direkt nach dem Unfall zu verlassen. Noch dazu für den singenden Star einer südamerikanischen Tele-Novela, für einen Lackaffen, einen Kerl vom Schlage eines Stehgeigers. Diese Wunde geht tiefer als die Narben. Kein Wunder, daß Elsner den Frauen mißtraut. Er verachtet sie geradezu. Nur darum will er auch nichts von Sanchez’ wundervoller Stefanie wissen. Ach, Stefanie! Sanchez zwingt sich, das Gespräch betont munter wieder aufzunehmen.
»Für dich ich mache mich gerne zu eine lächerliche Clown, du weißt das. Du mußt mir nur hören zu. Ich bin deine Heilmacher, du weißt, die beste Pille gegen alle Schmerz.«
Elsner nickt. »Ich weiß, wenn ich dich auf Flaschen ziehen oder in Drageezucker hüllen könnte, wäre das ein größerer Verkaufsschlager als Aspirin. Okay, ich werde mich zusammenreißen, dir zuhören und Deutschland mit einem Lächeln begrüßen. Also, wer ist diese grausame Person, die dir bei deinem Engel Stefanie dazwischengefunkt hat?«
»Die Siegerin.«
»Wie bitte?«
»So heißt sie. Victoria. Ach, wie ich hasse diesen Namen.« Sanchez nimmt einen großen Schluck Rotwein, so als müsse er sich Mut antrinken.
»Victoria?« fragt Elsner nach. »Der Name ist vielleicht ein bißchen altmodisch, aber ganz hübsch.«
Sanchez’ Augen werden zu schmalen Schlitzen. »O ja, genau wie die Señorita selbst, sehrrr hübsch, ganze goldene Haare und Augen wie grüne Kohle.«
»Meinst du jetzt Grünkohl oder glühende Kohle?«
Sanchez zerdrückt seinen Becher und stopft ihn in das Netz am Vordersitz, hebt die Hand und winkt die Stewardeß heran.
»Noch eine Wein, por favor.«
»Es gibt gleich Essen, dann bekommen Sie noch etwas Wein«, erwidert die junge Frau freundlich, aber bestimmt. Man kann es in Touristenfliegern mit dem Gratisalkohol nicht übertreiben.
»Aber ich wille trinken, Señorita«, sagt Sanchez und wählt ein hinreißendes Lächeln für den Nachsatz: »Ich muß trinken, weil man mich hat gebrochen die kleine Herz. Mi corazón. Und eine Canario ohne corazón iste eine tote Mann.« Sanchez bekommt seinen Wein und grinst siegesgewohnt.
»Bueno. Zurück zu Victorias Augen. Ich sage grüne Kohlen und meine grüne Kohlen. Sie hat Katzenaugen und eine brennende Blick, so heiß, daß ich darunter bin zerkrümelt zu Asche.«
»Ich glaube, du übertreibst, mein Freund. Die Frau, die dich mit Blicken zerkrümeln könnte, muß noch erfunden werden. Du bist der unverschämteste Latino-Macho, der mir je untergekommen ist. Dieser Ricky Martin ist gegen dich ein blutiger Anfänger.«
»No, no, no. Du kennst nicht Victoria. Sie hat gesagt, ich sei nicht wert ihre Freundin Stefanie. Incredible! Sie sagt, ich sei nur eine verschweißte, kleine Schwimmpoolputzer, und Stefanie soll lassen Finger von mir und meine schöne Körper und die noch schönere Seele. Ich habe nämlich Seele, eine sehr gekrankte Seele.«
Markus schüttelt amüsiert den Kopf. »Vor allem hast du eine gekrankte Phantasie. Wie kommst du darauf, daß du ein – was? Verschwitzter Swimmingpoolreiniger bist?«
Sanchez seufzt. »Nicht ich bin darauf gekommen, sondern Victoria. Sie hat mich gesehen bei ihre Mama, Señora Charlotte, die in eine von meine Villas bei Fataga wohnt. Da ich habe sauber gemacht ihren Pool vor die Weihnachtsfest. Aus alter Freundschaft, si? Charlotte ist wie lustige Witwe, muy simpático. Aber Victoria hat gedacht, ich sein die kleine, dumme Angestellte von ihre Mutter, der will verführen ihre unschuldige Freundin.«
»Du? Ein kleiner Angestellter?«
»Ja, ich.« Sanchez seufzt ausgiebig, aber nicht, ohne selbstgefällig zu schmunzeln.
»Das wird Victorias Mutter ja wohl aufgeklärt haben.«
»No, no, nicht Charlotte. Sie ist eine – wie sagt man? – geschlitztes Teufelsohr? Sie hatte große Spaß an die hochnäsige Dummheit von ihre Tochter, und mir sie hat geraten, zu spielen den armen Angestellten, um zu merken, ob Stefanie mich wirklich liebt. Charlotte ist sehr klug. Ich meine, mein Geld, das lieben alle, aber mich?«
Wieder spielt er den Verzweifelten, wirft die Arme auseinander und fegt einen Karton Orangensaft vom Trolley der Stewardeß.
»Perdón.«
»Hühnchen oder Fisch?« fragt die Stewardeß ungerührt, nachdem sie den Saft von ihrer Uniform gewischt hat.
»Stefanie«, antwortet Sanchez seufzend. Sie bestellen ihr Essen, klappen die Tische herunter. Eine Weile schweigen sie. Sanchez widmet sich den Plastikschälchen mit kaltem Fleisch, dem eingeschweißten Brot und dem Fruchtsalat. Elsner spielt lustlos mit dem Plastikbesteck herum.
»Den Appetit hat diese Victoria dir jedenfalls nicht verdorben«, stellt er fest und wundert sich über Sanchez’ Fähigkeit, einer Mahlzeit, die den Nährwert und Geschmack von aufgeweichter Pappe hat, ebensoviel Genuß abzugewinnen wie einem Festessen. Eine beneidenswerte, aber gefährliche Begabung. Bei Frauen ist sein Geschmack ähnlich wahllos.
»Ich brauche meine mannliche Kraft gegen diese Sandschüppe«, antwortet Sanchez würdevoll und kaut mit allen Anzeichen von Genuß auf einem Brötchen herum.
»Du meinst Xanthippe«, errät Markus.
»Genau, Victoria ist una histérica. Außerdem muß ich armer Schwimmpoolputzer fliesen die ganze Bad von Stefanie neu. Das ich habe versprochen an Telefon, damit ich habe eine Grund zu kommen und wohnen in ihr Wohnung für paar Tage.«
Elsner verschluckt sich an einer winzigen Scheibe Schwarzbrot, hustet und lacht gleichzeitig. »Du fliegst nach Deutschland, um einen Fliesenleger zu spielen?«
»No. Ich spiele eine arme Bauarbeiter, der sucht eine Job in Deutschland, und der hilft eine liebe Freundin nebenbei, um zu bekommen warme Mahlzeit, warme Gastbett und warme Gefühle. Stefanie spricht nicht gern von amor, also wir haben gesprochen über Badezimmer und Jobs. Sie ist sehr schüchtern.«
»Oder sehr gerissen.« Markus reicht der Stewardeß sein Eßtablett, klappt das Tischchen hoch und streckt seine langen Beine aus, so gut es geht. Für den sportlichen Mann ist es eine Qual, vier Stunden lang zur Bewegungslosigkeit verurteilt zu sein.
»Gerissen? No. Stefanie ist die ehrlichste Haut, die es gibt. Sie kann mich nur heimelich lieben, um nicht zu verletzen Victoria, die will eine bessere Mann für sie. Eine Mann mit cultura.«
Markus’ Miene verfinstert sich wieder, streng schaut er seinen jüngeren Freund an.
»Du bist wirklich ein Idiot, Sanchez! Für so einen Unsinn läßt du deine Geschäfte und unser Projekt schleifen? Das ist das Wichtigste, was du je vorgehabt hast, die Aufforstung des Waldes, die . . .«
»Nichts ist so wichtig wie die Liebe, steht schon in der Bibel«, unterbricht ihn Sanchez trotzig.
Elsner lacht trocken auf.
Sanchez spricht weiter: »Du kennst so was nur nicht. Jedenfalls nicht mehr, seit du dich hast verwandelt in eine gepanzerte Krebs. Niemand mag lieben eine gepanzerte Krebs. Öffne deine Arme, und du wirst umarmt werden, amigo! Wenn du geliebt werden willst, liebe! Claro?«
Elsner macht eine wegwerfende Geste. »Laß diese Kalendersprüche. Für mich gibt es Wichtigeres. Aber nehmen wir mal an, deine Stefanie ist wirklich so ehrlich wie eine Heilige, was soll sie dann denken, wenn sie herausfindet, daß du sie nach Strich und Faden belügst, und daß dir eines der größten Bauunternehmen von Gran Canaria gehört?«
Sanchez runzelt die Stirn. »Ach, das wird sie sicher nicht stören, wenn wir sind erstmals in die Liebe gefallen.«
»Und wenn sie es vorher herausfindet? Was wird sie dann von dem armen, heimatlosen Bauarbeiter denken, der sich bei ihr eingenistet hat? Wir sind nur für ein paar Tage in Deutschland. Vielleicht wird sie glauben, daß du nur ein bißchen Spaß wolltest, ohne daß es was kostet? Ich würde eine Frau, die ich ernsthaft liebe, nie belügen.«
Sanchez winkt ab. »Cierto! Du liebst ja auch niemanden ernsthaft, hombre, außer deine Bäume und deine Blumchen und die Blätter und die Kaktussen und die . . .«
»Sanchez, lenk nicht von deinen Dummheiten ab.«
»Ich werde mich enthüllen rechtzeitig vor Stefanie, okay? Ich wille sie bringen nach Gran Canaria auf unsere große Frühlingsgala am Wochenende. Sie wird sein die Prinzessin von die Ball im Hotel Paradiso.«
Markus läßt nicht locker. »Ich kenne noch ein paar Menschen – außer Victoria –, die dir ziemlich viel Ärger machen werden, wenn du mit dieser Stefanie ernst machst, vor allem im Paradiso. Es handelt sich um deine Familie.«
Sanchez rutscht unruhig im Sitz hin und her, sagt nichts.
»Glaubst du, sie werden einfach zuschauen, wenn du als waschechter Canario mit einer Ahnenreihe bis weit vor Kolumbus eine dahergelaufene Touristin heiratest?«
»Stefanie iste eine Radiostar. Sie sagt vorher die Wetter von ganze Deutschland.«
»Das interessiert deine Familie bestimmt brennend«, wirft Elsner ein und schnaubt.
»Du bist eine schlimmere Snob als meine Familie und die schreckliche Victoria zusammen«, antwortet Sanchez gereizt. »Deine Haß auf die turista ist so hochnäsig! Wir brauchen Touristen. Wir leben von ihnen. Meine Vater und seine Hotel Paradiso leben nur von ihnen.«
»Ja, genauso wie die Kanarier früher nur von Wein, dann nur von Tabak, dann nur von Bananen gelebt haben. Immer wurde alles auf irgendeine verdammte Monokultur gesetzt. Vergiß nicht die Cochenille-Läuse, die ihr auf den Kakteen gezüchtet habt. Die ganze Insel wurde abhängig von einem Wirtschaftszweig und verarmte, wenn der Boom vorbei war. Die Natur hat sich nie mehr davon erholt. Der Lorbeerwald ist ausgerottet, der gesamte Wasserhaushalt steht auf der Kippe. Ich hasse diese gedankenlose Zerstörung einer perfekten Schöpfung.«
»Für wen hältst du dich? Für Gott?« erwidert Sanchez aufgebracht. »Wir lieben unsere Heimat, aber früher wir konnten nicht anders machen. Gran Canaria war geplündert von alle mögliche Eroberer und arm, sehr arm. Was meinst du, warum so viele Canarios wie mein Onkel sind gewandert nach Venezuela und Kuba? Du haßt die Menschen und siehst sie nur als Schädlinge, aber meine Stefanie ist keine Cochenille-Laus.«
