Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Sophie – Ende dreißig, enttäuschte Ehefrau und gestresste Mutter – glaubt nicht mehr an die Magie der Liebe. Bis eine Wahrsagerin ihr eine Reise und einen Heiratsantrag zum vierzigsten Geburtstag prophezeit! Wer könnte wohl dafür in Frage kommen? Sprachprofessor Leonhart, ihr wortkarger Ehemann, taugt kaum zur Prinzenrolle. Lord Ashburton, den sie als Studentin in England lieben lernte, dafür umso mehr. Auf seinem Schloss sucht Sophie nach ihrem ganz persönlichen Happy End – als Dienstmädchen wider Willen und umgeben von Adligen mit seltsamen Geheimnissen...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 428
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Leonie Bach
Mein englischer Liebhaber
Roman
Edel:eBooks
Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel:eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg.
Copyright © 2004 by Leonie Bach
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-156-9
edel.comfacebook.com/edel.ebooks
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Sophie und Bea befinden sich auf Abwegen. Sie sind nicht auf dem Weg zur Arbeit in die Marketing-Agentur »Good sellers«, sondern unternehmen einen Ausflug, von dem beide nicht mehr wissen, wer ihn geplant hat. Der Vorschlag kam wahrscheinlich von Bea, dem verrückten Huhn, aber den Termin hat Sophie bestimmt und dafür gesorgt, dass Bea sie pünktlich abholt.
Sophie ist Beas Chefin und mag weder Unpünktlichkeit noch Unvorhergesehenes. In letzter Zeit haben sich leider eine Menge unvorhergesehener Dinge zugetragen. Dieser Ausflug gehört dazu, und als sie zum zweiten Mal verkehrt von der Autobahn abfahren, um in einem öden Gewerbegebiet voller Getreidecontainer, Getränkegroßhändler und Baumarkt-Zulieferer zu landen, steigert das Sophies Stimmung nicht.
»Worauf habe ich mich hier nur eingelassen«, denkt sie. »Ich bin nicht so eine Frau, wirklich nicht. Sie ist so eine Frau, aber nicht ich.« Sophie wirft ihrer Sekretärin – nein, Pardon, Assistentin – und Freundin Bea einen missmutigen Blick zu.
Eben rührt Bea in den Gängen ihres lungenkranken Renaults herum, drosselt das Tempo, lenkt nach links, entziffert angestrengt ein Straßenschild, zuckt die Schultern, fährt geradeaus, bremst, gibt Gas, bremst wieder, vergisst zu kuppeln. Das Auto bekommt Schluckauf. Bea steuert auf der falschen Fahrbahnseite die nächste Möglichkeit zum Linksabbiegen an. Huch, wieder falsch! Aber da, da ist der Weg, sie reißt das Lenkrad nach rechts. Der Wagen hüpft und röchelt in der plötzlichen Kurve, hoppelt über eine Bordsteinkante, jault auf. Sophie tut es ihm nach.
»Ooops, Pardon«, murmelt Bea, »die Kante habe ich glatt übersehen«.
»Muss einer von den grauen Zwergen gewesen sein, die dir immer die Bürgersteige unter die Reifen schieben. Mein Gott, du würdest dich sogar im Legoland verfahren.«
Bea wundert sich. »Der Bürgersteig war doch das letzte Mal noch nicht da, oder?«
Sophie schweigt vielsagend. Wie soll sie das wissen? Das letzte Mal war sie ganz woanders. Sicher zu Hause in ihrem gut durchorganisierten Leben. Oben auf dem Professorenhügel. Überhaupt ist sie noch nie in diesem Stadtteil gewesen, obwohl Wingen am Ott keine Weltstadt von labyrinthischem Ausmaß ist.
Wingen hat gerade mal 15000 Einwohner. Die leben großzügig verteilt am Flüsschen Ott und zwischen künstlich aufgeschütteten Hügeln. Wingen ist ein ehemaliges Bergarbeiterstädtchen. Braunkohletagebau. Auf dem höchsten Hügel von Wingen lebten und thronten im 19. Jahrhundert die Zechenbesitzer in eher putzigen als protzigen Villen mit Türmchen und Zinnen und Erkern und Zuckerbäckergesims.
Im ehemaligen Pförtnerhaus solch einer Villa wohnt jetzt Sophie, und der Hügel heißt Professorenhügel, weil fast der gesamte Lehrkörper aus der nahen Universitätsstadt dort lebt. Der Professorenhügel ist vornehm, jedenfalls kurz davor. Genau wie ihr Mann nach vielen schlecht bezahlten Forscherjahren kurz davor ist, einen Lehrstuhl für Sprachphilosophie zu bekommen. C4, lebenslänglich, ein »spectabile« mit »summa cum laude« und Pensionsanspruch.
Es war Sophies Idee gewesen, schon vorher auf den Hügel zu ziehen und Kontakte zu knüpfen in akademischer Höhenluft. Und jetzt? Jetzt ist sie auf dem Weg nach unten und kennt sich nicht mehr aus. Vom Professorenhügel verirrt man sich selten in das abseits gelegene Viertel am Fluss.
Es handelt sich um eine Zechenarbeitersiedlung, bucklige Häuschen, grau in grau, drängen sich aneinander wie alte Weiblein, die etwas miteinander zu betuscheln haben. Bergarbeiter gibt es hier keine mehr. Inzwischen, so weiß Sophie, wohnt ziemlich gemischtes Publikum in den unverputzten Häusern. Studenten, Tagträumer, Eigenbrötler, Tauge- und Habenichtse, werdende oder gescheiterte Künstler. Jedenfalls Leute, die sich nicht an durchlöcherten Dächern, pfeifenden Wasserleitungen, klappernden Fenstern und dem ständig drohenden Abbruch stören.
Sophie erschrickt und schüttelt leise den Kopf. Was sie sich so zusammendenkt! Sie kennt die Leute doch überhaupt nicht, und früher hätte sie so eine zusammengewürfelte Gesellschaft sehr lustig gefunden. Schließlich war sie selber einmal bekennendes Mitglied der Tagträumer-Gemeinde, aber das ist lange her. Ihre schlechte Laune muss am Ausflugsziel liegen. Und an den Geschehnissen der letzten Woche.
Eine Scheidung droht man nicht alle Tage an. Schon gar nicht kurz vor dem eigenen Geburtstag und nur darum, weil der Ehemann einen dazu mit einer Vorlesung über Grammatik überraschen will. Nur darum? Na ja ...
Soll sie wirklich das Handtuch werfen? Nach sechzehn ziemlich unfallfreien Ehejahren und just in dem Moment, in dem die Karriere des Ehemannes üppige Früchte trägt und man sich selber ausruhen soll vom anstrengenden Leben als berufstätige Mutter und vielleicht wieder studieren und sich um sich selber und die Lebensfreude kümmern kann?
Bloß dumm, wenn man dabei bemerkt, dass man gar nicht weiß, wer man selber so ist. Nach sechzehn Ehejahren voller Bügelwäsche, Bürosorgen, Steuererklärungen, gehetzten Frühstücken, Schulzeugnissen, Ehezwisten, Organisationsakrobatik und mit der vagen Chance vor sich, plötzlich einen Karrieresprung zu machen.
Ins Ausland, ohne Mann und (fast) ohne Kind nach ..., sie schluckt. Sie kann nicht einmal an den Namen des Landes denken, ohne die Kontrolle über ihre Gefühle zu verlieren. Wie lächerlich. Es handelt sich doch nur um ... um einen Job, rettet sie sich.
Wirklich? Ruhe, verdammt, sie hat diese ständigen Hintergedanken so satt!
»Ist nicht mehr weit«, kräht Bea, »den Baum da vorne erkenne ich wieder. Der alte Apfelbaum, ganz klar.«
»An den Ästen hängen Birnen, du Traumsuse«, verbessert Sophie.
Ihre Stimme ist spröde wie ein altes Laubblatt, stellt sie fest, glättet ihre Miene und schaut der Ablenkung halber aus dem offenen Fenster. Draußen herrscht noch nicht welker Herbst, sondern strahlender September. Letzte Sommersonnenstrahlen aalen sich in der Landschaft. Langsam schieben sich Häuschen am Autofenster vorbei, so als würden sie von einem Kulissenschieber ins Bild gerückt, besser geruckelt. Bea bremst sich noch immer durch die Landschaft.
Einige der Vorgärtchen nehmen sich hübsch aus im Herbstsonnenglanz. Das mit der Stockrosen-Parade etwa oder das mit den Hortensien, die einen kapitulierenden Holzzaun nach hinten knicken lassen. Durchs offene Autofenster strömt letztes Hummelbrummen und herber Hagebuttengeruch. Sophie atmet ihn voller Genuss ein. Es liegt ein Gefühl von Zeitlosigkeit in der Luft.
Nach forever young fühlt sich das an. Sophie schiebt sich in ihrem Sitz hoch. Es fühlt sich an wie damals in England, schießt, nein, prickelt es ihr durch den Kopf.
England – sie wollte doch nicht mehr daran denken. Jedenfalls nicht so. Die lyrische Tonart liegt ihr nicht. Übertriebene Sehnsüchte standen in den letzten Jahren ganz unten auf ihrer Liste. Aber, verdammt, sie muss darüber nachdenken. Nicht über die Sehnsüchte, sondern über England, und zwar ganz nüchtern. Vielleicht hat sie dann die Chance, dass man ihr die touristische Marketing-Analyse über britische Herrenhäuser auf dem deutschen Reisemarkt anvertraut. Sie hat für die Geschäftsleitung schon ein Exposee verfasst, in dem sie Reiseziele vorgestellt hat.
Der Job wäre mit England-Aufenthalten verbunden. Was missfällt ihr daran plötzlich? Das Land der sturen Linksfahrer, Tunnelgegner und Eurofeinde war mal ihre zweite Heimat. Sie kennt sich aus mit Great Britain. Vor fünf Jahren hatte sie richtig gelegen, als sie den deutschen Dependancen des britischen Kaufhauskonzerns »Marks & Spencer« kaum Überlebenschancen prophezeit hatte. Und so dafür gesorgt hatte, dass die Kaufhausleute sich eine andere Agentur für die Marktanalyse suchten, um ihre Chancen abtesten zu lassen.
Natürlich hat die Briten-Offensive trotzdem nicht funktioniert, schon wegen BSE, Zutaten wie Nierentalg im Pudding und dem starken Pfund, das selbst Toastbrot hier zu Lande lächerlich teuer machte. Inzwischen hat sich der Konzern wieder auf die Insel zurückgezogen. Mit Riesenverlusten.
Sophie hat also im Nachhinein Recht behalten, und darum hat die Leitung ihrer Agentur sie mit dem Exposee über britische Herrenhäuser beauftragt.
Bei »Good sellers« werden in den nächsten Tagen eine britische Delegation und Vertreter der Hamburger Geschäftsleitung erwartet. Zufrieden lehnt Sophie sich im Sitz zurück. Arbeit erfrischt. Wieder mischt sich Hummelgebrumm und Sommergefühl in ihre Gedanken.
Sei ehrlich. Dich lockt nicht nur die Arbeit nach England.
Sophie schluckt. Sie ist zuletzt vor achtzehn Jahren auf der Insel gewesen und war damals mit ganz anderen Dingen als Marketing befasst. Ihrem Studium der englischen Literatur etwa und – so fügt sie in Gedanken hastig hinzu – mit zwei, drei anderen Dingen, die niemanden mehr interessieren.
Nicht einmal dich selber?
Sophie bemerkt, dass sich in ihren Achselhöhlen taufeiner Schweiß sammelt. Sie ist normalerweise keine Frau, die schwitzt. Muss an der hereinströmenden Hitze liegen, dass ihr so heiß ist. Sie fingert nach der Fensterkurbel, will die Scheibe hochdrehen. Zu spät, tückische Erinnerungen haben sich – versteckt im Hagebuttenduft – zu ihr vorgearbeitet und wecken Gefühle, die man besser nicht hat.
Jener Sommer in England ... Sie hält den Atem an, aber den Gedanken kann sie nicht zurückhalten: Jener Sommer in England war so sorglos und mit einem Hauch von Ewigkeit behaftet. Unter anderem, nein, vor allem der Liebe wegen. Der Liebe zu – sie holt panisch Atem – Fitzwilliam of Ashburton. Sophie kreuzt schützend die Arme vor dem Oberkörper, als befürchte sie einen Fausthieb in die Magengrube. Er bleibt aus.
Interessant, es haut sie nicht einfach um. Sie kann an ihn denken, ohne wie ein Vampir beim ersten Strahl der Morgensonne zu verglühen und zu Staub zu zerfallen. Fitzwilliam, der Mann mit den melancholischen Augen, dem immer spöttischen Lächeln und der Adlernase, dieser verrückte Draufgänger, der für sie mal einen Elefant entführt hat – und dann selbst wie einer auf ihrem Herzen herumgetrampelt ist.
Sie ruft sich zur Ordnung und kurbelt das Fenster nach oben. Schluss mit Hummeln, Hagebutten und Elefanten-Kidnappern: Ich befinde mich nicht im Mittelpunkt eines Märchens, ich fahre nur durch Wingen am Ott. Um Sophies Mundwinkel zuckt es sarkastisch.
Zu einer Wahrsagerin! Die soll prophezeien, ob sie sich scheiden lassen und den England-Job annehmen soll oder nicht. Dabei ist sie doch wirklich keine Frau, die an so etwas glaubt. Normalerweise. Bea, ihre Freundin und Fahrerin, war gestern bei ihrem monatlichen Kneipenabend anderer Ansicht: »Madame Zara ist eine Fachkraft. Und dein Aszendent ist Fisch, Sophie. Fische neigen zum Okkulten, glaub mir. Steht auf jedem Sternzeichen-Zuckerwürfel«, hatte sie gesagt und den Trip vorgeschlagen. In einer sehr schwachen Minute und nach drei Zombie-Cocktails hatte Sophie zugesagt und wundert sich beim Seitenblick auf Bea erneut.
Heute hat sie sich einen Schal aus grüner Seide um den Kopf geschlungen. Darunter lugen Kunsthaarzöpfchen hervor, an den Ohren trägt sie riesige, silberne Kreolen, und an ihren Armen klimpern indische Glitzerreifen.
Sie muss in der Girlie-Abteilung von H&M eingekauft haben. Da, wo sich Sophies Tochter Jennifer eindeckt. Aber die ist fast sechzehn und hat jedes Recht der Welt auf einen experimentellen Geschmack. Bea ist mehr als doppelt so alt, siebenunddreißig Jahre, nur ein Jahr jünger als Sophie. Und somit unpassend gekleidet. Aber typisch! Wahrscheinlich soll ihre Hippie-meets-Zigeuner-Maskerade zum Anlass des Ausflugs passen.
Bea hält beim Apfel-Birnbaum-Garten an, würgt den Wagen ab, zieht die Handbremse.
»Wir sind da! Du kannst deine Sonnenbrille abnehmen, hier erkennt dich garantiert niemand mehr, Frau Professor.«
»Das kann man nie wissen«, protestiert Sophie schwach, »und nenn mich nicht Frau Professor. Leonhart ist der Professor, ich hab nicht mal mein Examen in englischer Literatur gemacht.«
Bea rollt mit den Augen: »Nicht wieder diese Nummer! Als ob du die verhuschte Hausfrau wärest, die der Brutpflege wegen ihre Karriere geopfert hat! Blödsinn. Dein Leben ist so perfekt, dass mir schlecht davon wird.«
Sophie zieht die Sonnenbrille ab und streicht ihr Haar glatt. Sie trägt einen kinnlangen Bob, der sehr teuer und sorgfältig geschnitten ist, damit er nicht wie stundenlang frisiert wirkt. Schönheit darf nie angestrengt aussehen, schon gar nicht am Arbeitsplatz. Kritisch mustert sie ihre Fältchen rund um die Augen. Vielleicht sollte sie mal an einer Botox-Party teilnehmen?
Erst ein Sekt gegen den Bammel und dann eine Spritze muskellähmendes Nervengift gegen die Falten. Madonna macht so etwas, und Madonna ist sogar mit vierundvierzig noch eine begnadete Trendsetterin – deshalb lebt die inzwischen auch in Engl ...
Genug Geld hätte Sophie für ein bisschen Botulin, wenn sie den Job in ... nun ja, bekäme. Bis dahin müssen Gesichtsgymnastik und stumme Selbstsuggestion reichen.
»Ich bin entspannt, meine Stirn ist entspannt, mein Magen ist entspannt, ich liege allein an einem Strand, ich hin entspannt, hinter mir erheben sich die sanften Hügel von Devon. England, oh glückliches Eiland, du köstlicher Edelstein, gefasst in silbernem Meer ... halt!« Tief durchatmen und nur nicht daran denken. Devon. Verflucht noch mal, halt! Sie schiebt die Sonnenbrille zurück auf die Nase.
Als sie sich Bea wieder zuwendet, ist Sophies Gesicht so glatt wie ihr Haar und abweisend wie die stählerne Fassade eines Versicherungskonzerns. Ihre Stimme hat weiterhin Runzeln: »Ich trage diese Sonnenbrille nur, weil ich nicht will, dass jemand aus dem Büro uns bei diesem Ausflug erwischt. Eine nüchterne Marktforscherin und ihre durchgeknallte Assistentin auf derartigen Abwegen.«
»Jemand vom Büro? Pfff. Unser neuer Trendscout vielleicht? Dieser feuchte Pups im Brioni-Anzug – lachhaft.«
»Dieser feuchte Pups hat im Gegensatz zu mir ein Diplom in Betriebswirtschaft, ist mit dem Geschäftsführer verwandt und spitz auf den Englandauftrag. Ich kann mir keine Fehler leisten. Der Pups ist nämlich auch eine Petze, und du kannst nicht mal die Körbchengröße deines BHs geheim halten.«
Bea stöhnt, während sie den Rückspiegel herunterklappt, um ihr Make-up zu kontrollieren. »He, Sophie, machst du jetzt voll auf Karrierezicke? Komm auf den Teppich, du organisierst nur einen wechselnden Haufen Studenten und Hausfrauen, die in Fußgängerzonen oder am Telefon Leute dumm von der Seite anquatschen, um sie über Fruchtbonbons, Kloreiniger oder Soßenbinder auszuquetschen.«
Sophie ist entrüstet, etwas mehr macht sie schon, ent schieden mehr. Sie wertet die Ergebnisse aus und formuliert Marketing-Empfehlungen, die den Trends entsprechen. »Also wirklich, Bea!«
»Ist doch wahr. Ich dachte, du nimmst mit der Brille Rücksicht auf deinen Holden. Wenn seine künftigen, ehrwürdigen Kollegen dich hier sähen, wäre das echt peinlich. Wahrsagerei und Wissenschaft vertragen sich bei weitem schlechter als Marktforschung und Magie. Das ist doch dasselbe.«
Sophies Mund wird zum Strich. Wenn Bea die Arbeit endlich ein wenig ernster nehmen würde. Frauen wie sie sorgen dafür, dass man weibliche Führungskräfte nicht für voll nimmt. Nicht mal der feuchte Pups im Brioni-Anzug. Beas provokatives Schlampentum am Arbeitsplatz ist nicht eben hilfreich im Kampf um berufliche Anerkennung oder diesen Auftrag aus England. Ach, England! Stopp, Sentimentalitäten haben dabei nichts zu suchen.
»Im Gegensatz zu dir, Bea, betreibe ich Marktforschung nach strengen Regeln der Analyse. Sei froh, dass ich deine zusammengestoppelten Surveys, deine halbherzigen Telefonscreenings und deine zweistündigen Shoppingausflüge ...«
Bea rollt mit den Augen. Unerträglich dieses Denglish von wegen surveys und screenings.
»Ich kaufe nicht einfach ein, ich betreibe Marktbeobachtung nach Methoden der persönlichen Feldforschung«, platzt sie los. Sophie lacht kurz auf.
»Sei froh, dass ich dir das durchgehen lasse, Bea. Und noch etwas: Leonhart ist nicht mehr mein Holder, sondern ein emotional benachteiligter Torfkopf.«
Bea stößt einen kleinen Pfiff aus. »Ist das jetzt ganz sicher?«
»Ziemlich. Seit er ausgezogen ist, hat er sich nicht gemeldet. Womit er die Tradition unserer gesprächsfreien Ehe fortsetzt, der Herr Sprachphilosoph.«
Bea runzelt die Stirn. »Ich hab immer gedacht, ihr verständigt euch nach irgend so einem Kommunikationsmodell. Motto: ›Ich habe den Eindruck, dass du ein Trottel sein könntest, aber das ist natürlich nur meine subjektive Wahrnehmung, du Idiot‹.«
Sophie schnaubt verächtlich. »Du liest zu viele Ratgeber vom Grabbeltisch. Und die Zeiten, in denen ich es auf die verständnisvolle Tour versucht habe, sind endgültig vorbei.«
»Was genau hast du denn zuletzt so zu ihm gesagt?«
»Dass ich es satt habe, über die Hälfte des Geldes anzuschleppen, nebenher noch Kind, Haushalt und Beziehung zu managen, während er im Ausland Forschungsaufträge annimmt.«
»Aus Liebe zu dir, Frau Professor in spe!«
»Liebe – als ob er davon Ahnung hätte. Weißt du, was er geantwortet hat, als ich ihn auf eine einzigartige, milde Sommernacht hinwies? ›Physikalisch gesehen, Sophie, herrscht nur auf der Hälfte der Erde Nacht, die der Sonne abgewandt ist, Tag aber auf der ihr zugewandten Seite, woraus folgt, dass Tag und Nacht im Grunde gleichzeitig sind.‹«
»Wow«, macht Bea, »der Mann ist süß! Was der alles weiß!« Sie reißt bewundernd die Augen auf. Dummes Ding.
»Wissen kann auch verblöden, Bea. Das war mein letzter Versuch, romantisch zu werden. Kann man doch nicht mit einem Mann, der Sex als ›gegenseitigen Austausch von Körperflüssigkeiten‹ beschreibt.«
»Im Bett?«
»Nein, in einem Vortrag über ›Die Grammatik der Liebe‹, aber trotzdem! Dann schon lieber allein sein in Great Britain. Das heißt, fast allein, unsere Jennifer ist ja inzwischen auf dieser Schule in ... du weißt schon.« Sie schluckt. »Devon«. Na also, geht doch! »Soll Leonhart zusehen, wie er hier ohne Frau und Tochter klarkommt.«
Bea schüttelt den Kopf wie ein Wackeldackel auf der Auto-Hutablage. »Hast du Jennifer etwa mit Absicht vorgeschickt?«
Sophie beißt sich kurz auf die Lippen. »Nein, also na ja. Da kam eine Einladung meiner ehemaligen Gastmutter, Mrs. Molloway. Und Jennifer wollte immer schon mal weg von zu Hause und deshalb ...« Sie bricht den Satz ab. Hat sie Jennifer wirklich nur deshalb nach England gelassen? Die Einladung richtete sich nämlich auch an sie. Aber das geht wirklich niemanden was an.
Bea ist noch immer unzufrieden. »Dein Überdruss kommt ziemlich plötzlich, findest du nicht? Eine Ehe wie eure setzt man doch nicht einfach so aufs Spiel, also ehrlich. Das hat einer wie Leonhart nicht verdient. Kann er doch nichts dafür, dass du wieder den Mond anheulen und Geigen schluchzen hören willst.«
»Das will ich doch gar nicht!«
»Klang aber eben so.«
Man hört es ihr also schon an. Nur das nicht. Nachdenklich fährt sie fort, mehr im Gespräch mit sich selbst als mit Bea. »Ich war doch zuletzt nur ein Nebengeräusch in Leonharts Forscherleben. Deshalb habe ich ihn – zum Nachdenken – vor die Tür gesetzt.«
Bea legt Lippenstift auf, Mokkabraun mit Glittereffekt. Eine Produktprobe von »Prairie«, die sie bei einer Umfrage abgeschnappt hat. Klar, dafür liebt Bea ihren Job. Man bekommt Testmuster gratis. Sie lässt ihre Zunge über ihren frisch geschminkten Amorbogen gleiten, murmelt gleichzeitig zwischen halb geöffneten Lippen: »Ist es nicht eher so, dass Leonhart dein Nebengeräusch war? Du hast ihn oder eure Liebe bis dato nie groß erwähnt, immer nur über Jennifer oder den Job und neue Produktanalysen geredet oder über meine abwegigen Amouren gelästert.«
Als ob Bea sich je für ihre ereignisfreie Ehe interessiert hätte. »Ohne mich wäre unser ganzer Familienladen viel eher zusammengebrochen.«
Wäre das nicht besser gewesen? Nein, am Anfang hat der Laden ja viel Spaß gemacht. Es war die reine Erlösung nach ihrer englischen Tragödie. Und Jennifer war alle Kämpfe wert, alle Bemühungen, auch wenn sie in letzter Zeit nicht gerade Mamis kleiner Sonnenschein war, sondern ganz einfach fünfzehneinhalb und unerträglich launisch. Egal, hier geht es um etwas anderes.
»Leonhart fällt nicht mal jetzt ein, sich bei mir zu melden. Er ist spurlos verschwunden.«
Bea presst die frisch bemalten Lippen aufeinander, zupft am Seidenschal herum. Sie beherzigt das abgegriffene Frauenmagazin-Motto, dass man allzeit bereit sein muss, dem Mann des Lebens zu begegnen, und sei’s der Jogging-hosen-Träger beim Bäcker. Heute rechnet sie allerdings mit einer ganz anderen Begegnung. Der Mann, um den es sich handelt, wäre jede Anstrengung wert, wenn er nicht, ja, wenn er nicht ... vergeben wäre. Und wie vergeben. Bea seufzt sehr leise. Sie hat hier eine Mission zu erfüllen.
»Ach, Sophie, der Rauswurf ist erst eine Woche her. Gib deinem Mann Zeit, die braucht er momentan, um seine Antrittsvorlesung zu schreiben. Wie war noch das Thema?«
Sophie schnaubt verächtlich.
»Die Grammatik der Liebe im Zeitalter des Internet.« Die letzten Monate ist er fast in seinen Computer hineingekrochen. Wenn man drin wohnen könnte, hätte er es gemacht. Blöde Vorlesung. Er hat glatt behauptet, er wolle mich damit zu meinem Geburtstag überraschen. Mit Grammatik. Was sagt man dazu!«
Die Überraschung kannst du dir an den Hut stecken. Mir langt’s, ich habe genug von dir und unserer Ehe. Du bist so romantisch wie eine Rolle Toilettenpapier. Das hast du gesagt. Schwester Selbstvorwurf erinnert sich mal wieder so genau, dass Sophie flau davon wird. Leonhart hat sehr verletzt ausgeschaut.
Bea zuckt müde die Achseln. »Eine Grammatikvorlesung ist immerhin eine originellere Idee als rote Rosen. Mir hat noch keiner was geschrieben, außer »Denk an meine Rasierklingen« oder so. Mensch, ihr braucht euch doch.«
Sophie reckt kämpferisch das Kinn.
»So und wofür? Geld kann ich selber verdienen – demnächst sogar im Ausland –, unsere Tochter wird flügge, und ich weiß nicht einmal, wo Leonhart ist!«
Bea lächelt schelmisch, Sophie wird sich noch wundern. Weil sie, Bea, nämlich durchaus Geheimnisse für sich behalten kann, überraschende Geheimnisse – über Leonhart.
»Geschieht dir recht. Man wird schließlich nicht jeden Tag von seiner Ehefrau vor die Tür gesetzt. Und das ein paar Wochen, nachdem Leonhart von einem Amerika-Aufenthalt zurück ist. Ein halbes Jahr räumliche Trennung, und eine perfekte Ehe ist hinüber! Oder hat er drüben mit einer anderen rumgeschnackelt?«
»Leonhart? Quatsch. So kurzsichtig kann keine Frau sein.«
Bea zögert einen Moment, bevor sie antwortet. Elende Sophie, wie kurzsichtig sie selber ist. »Ich finde dein Verhalten reichlich tüdülü. Für jemanden, der sich so gern an strenge Regeln der Analyse hält. Thema Ende.«
Typisch Bea. Was bitte schön bedeutet tüdülü? Es handelt sich um eine ernsthafte Angelegenheit, so eine mögliche Scheidung. Bea beschäftigt sich jetzt mit der Fahrertür, rüttelt daran, zieht am Verriegelungsknopf, flucht.
»Mist, klemmt schon wieder. Die Schlösser! Wir sitzen fest, deine Tür tut es schon gar nicht.«
Das sind sie. Was machen sie nur so lange in dem Auto? Nicht, dass Sophie sich doch noch anders besinnt!« Leonhart linst vorsichtig durch einen Spalt im Blümchenvorhang. Der Vorhang riecht stark nach Seifenpulver, und Leonhart muss niesen.
»Gesundheit, Herr Professor!«
»Danke, Böckelkamp, aber nennen Sie mich nicht Professor. Ich bin noch keiner, und vielleicht will ich nicht einmal mehr einer werden.«
»Wie Sie meinen, Herr Professor.«
Leonhart verrenkt den Hals.
»Was zum Teufel macht Bea denn da? Sie sitzt neben Sophie und schwingt eine ... was ist denn das? Ein kegelförmiges Schlaggerät aus unbehandeltem Hartholz, wenn ich mich nicht irre.«
Böckelkamp hüstelt. »Das ist kaum möglich, bei Ihrer präzisen Beschreibung.«
»Tatsächlich, es ist eine Keule, genauer gesagt ein Baseballschläger! Will Bea Sophie etwa mit Gewalt von einer Rückkehr in die Ehe überzeugen? Wenn das eure ausgereifte Idee ist, kann ich nur sagen, das nutzt nichts. Sophie hat einen Schädel aus Stahl.«
Böckelkamp hält sich weiterhin diskret im Hintergrund und räuspert sich. »Ich würde vorschlagen, dass Sie sich vom Fenster fern halten, Herr Professor. Das eigentliche Geschehen wird sich im Haus nebenan bei meiner Tochter abspielen, und dabei können Sie nicht Zeuge sein. Sie sollten einen Tee trinken und in Ruhe abwarten, was passiert.«
»Ruhe? Abwarten? Genau das wirft mir meine Frau doch vor, wenn ich sie richtig verstanden habe. Aber eigentlich verstehe ich sie gar nicht mehr. Diese unbändige Wut gegenüber meiner Person. Ich kann mir nicht erklären, wo diese Aggressionen plötzlich herkommen.«
Niemand kann es ihm erklären. Selbst Bea nicht, die Sophie seit ihren ersten gemeinsamen Tagen als Verbraucherbefrager kennt. Er hatte immer gedacht, die beiden würden sich alles erzählen, »bis in die Unterhose hinein«, wie es eine Studentin in seinem Seminar über »Weibliche Kommunikationsstrategien« neulich formuliert hat. Er konnte sich darunter vage etwas vorstellen. Zwei Frauen, die kichernd im Waschraum einer Toilette zusammenstehen, tuscheln, über Kerle herziehen, vor Vergnügen kreischen, die Lippenstifte tauschen oder sich Tampons leihen. Vertrautheit bis in die Unterhose hinein eben.
Solche Freundinnen würden einander doch erzählen, warum es in der Ehe der einen nicht mehr stimmt. Deshalb hat er Bea ja auch angerufen, dabei kennt er Bea kaum. Und dann war er überrascht, wie erfreut sie war. Ganz eifrig, ihn zu treffen und über alles zu reden. Über alles? Sie wusste noch gar nichts von der Trennung. Wie wichtig ist er denn für seine Frau überhaupt noch?
Was für eine merkwürdige Situation das gewesen war. Er hatte dagesessen und der besten Freundin seiner Frau erklärt, dass diese sich von ihm getrennt habe. Und die beste Freundin hatte zugehört mit feuchten Augen und zitternden Lippen, nein, falsch, es waren mehr die Lippen gewesen, die feucht waren, und die Augen, die zitterten. Aber er kann sich auch getäuscht haben, das Licht in diesem Lokal war sehr schlecht.
Wie zwei Verschwörer hatten sie sich in einem sehr dunklen, sehr intimen chinesischen Restaurant getroffen, von dem Bea behauptete, es sei neu und eine Art Geheimtipp, dort träfen sich nur Singles und bestimmt keine mittelalten Professoren und deren Ehefrauen. Sehr umsichtig von Bea, das mit dem Singletreff.
Leonhart wäre es nicht recht, von Kollegen oder seinen Studenten mit einer anderen Frau als Sophie gesehen zu werden. Schon gar nicht mit einer Frau wie Bea, die ziemlich – nun ja – provokant aussah mit ihrem tief geschlitzten Seidenkimono, den sie passend zum Ambiente anhatte.
Da könnte man auf dumme Gedanken kommen und an weibliche Kommunikationsstrategien mit erotischer Absicht denken, also nicht er, aber andere. Erst recht im »Goldenen Drachen«, der wirklich sehr intim ist, mit diesen kleinen Nischen, den weinroten Plüschsofas, den roten Lampions in geschnitzten Torbögen.
Leonhart weiß, dass diese roten Laternen im alten China eine nonverbale Einladung an den Ehemann waren. Einen potenten, mächtigen Ehemann, der die Auswahl zwischen mehreren Frauen und die Pflicht zur weitreichenden Verteilung seines Genmaterials hatte. Sehr interessante Kommunikationsform, die einen Konflikt zwischen den Haupt und Nebenfrauen vermeiden und die Fortpflanzungsrate sichern half. Die Frau, die am Abend die Laterne vor ihren Gemächern anzündete, zeigte ihre fruchtbaren Tage an und hatte damit gewonnen.
Es blieb allerdings anzunehmen, dass die Hauptfrau gewisse Vorrechte hatte. Das müsste er mal überprüfen. Nachdenklich fährt sich Leonhart über die Stirn. Würde als ethnologisch-historischer Seitenschlenker zu seinem Vorlesungsthema passen: »Flirten, werben und verführen. Die Grammatik der Liebe im Zeitalter des Internet«.
Er will seinen Studenten und den anderen Lehrstuhlinhabern etwas Unterhaltsames zum Antritt seiner Professur bieten. Man muss mit der Zeit gehen, Entertainment ist alles. Die Recherche zum Thema hat ihm richtig Spaß gemacht, und Sophie würde es sicher gefallen, dass er sich so intensiv mit Gefühlen beschäftigt – auch ihr zuliebe. Unglaublich, wie kreativ die Menschen sich bei »Lovescout 24« oder »Flirtline« im Internet anpreisen. Geradezu aufregend, wie greifbar nah die Liebe im virtuellen Raum erscheint, sogar für jemanden wie ihn, der aus rein wissenschaftlichen Gründen darin herumsurft und Anzeigen aufgibt. Seine Finger streicheln den Seifenpulver-Vorhang.
Ein dezentes Räuspern unterbricht ihn. »Ihr Tee wird kalt, Herr Professor.«
Leonhart fährt sich durchs Haar und dreht sich um. Der Anblick des rührenden älteren Herrn, der mit leicht eingefallenen Schultern in exakt gebügeltem Streifenhemd und einer ebenso exakt gebügelten Kittelschürze hinter ihm steht und ihn durch Brillengläser anschaut, die dick wie Glasbausteine sind, besänftigt ihn ein wenig.
»Wissen Sie, Böckelkamp, ich dachte immer, Sophie ist froh, dass ich sie alles machen lasse, mich in nichts einmische, was sie plant, und vor allem Professor werde. Sie plant ja so gerne! Und jetzt? Jetzt, wo ich am Ziel meiner, besser, unserer Träume angelangt bin, wirft sie mich raus! Jetzt, wo ich ihr ein paar ausgefallene Wünsche erfüllen könnte, da will sie nichts mehr von mir wissen. Erklär mir einer die Frauen!«
Böckelkamp macht keine Anstalten dazu, setzt die Teetasse auf einem Biedermeiertisch ab und wischt mit einem Lappen einen verschütteten Tropfen von der Untertasse. So hätte es seine Irene auch gemacht.
Irene ist nun seit fünf Jahren tot und nicht mehr für den Haushalt zuständig. Sie schaut nur noch aus mehreren Fotorahmen dabei zu, wie ihr Mann alles in Schuss hält. Milde lächelnd. Sie ist eine wunderbare Frau gewesen – einfühlsam, sanft, aber bestimmt. Oh ja, sehr bestimmt. Irene hat immer gewusst, was sie wollte und wie man es erreicht. Nicht durch Streit, das nicht.
Er ist derjenige gewesen, der manchmal schwer geschaltet hat, wenn seine Irene auf ihre sanfte Art einen Wunsch zum Ausdruck brachte. Wenn er nur an die Sache mit »Tchibo« denkt!
Jahrelang hat sie ihn immer wieder zu den Schaufenstern des Kaffeerösters geschleppt, um sich in der Auslage preisgünstige Handstaubsauger, Tischdecken oder Mixmaschinen anzuschauen. Und Hermann Böckelkamp hat geglaubt, er versteht, und ist nach den Schaufensterbummeln und vor Irenes Geburtstagen hin und hat die Staubsauger und Küchenmaschinen gekauft. Und Irene hat sich auch jahrelang bedankt. Und die Küchengeräte weggeräumt oder an die Tochter verschenkt. Versteh einer die Frauen!
Böckelkamp hat erst verstanden, als es beinahe zu spät war. Da hat seine Irene schon im Krankenhaus gelegen, nach einem zweiten Herzstillstand. Und da hat sie gesagt, dass sie so gerne noch mal einen Schaufensterbummel machen würde.
Wohin? Zu »Tchibo« natürlich. »Weißt du, Hermann, die haben wieder wunderschönen Schmuck im Schaufenster. Hat mir meine Bettnachbarin erzählt. Sogar mit Diamanten. Sehr kleine Diamanten, aber du weißt ja, dass ich immer einen haben wollte.«
Hat er nicht gewusst. Trottel, der er war. Ist aber sofort losgelaufen. Diamanten kaufen. Die ganze Kollektion. Mit der ist seine Irene dann auch beerdigt worden. Nur gut, dass sie den Schmuck kurz vor ihrem Tod noch gesehen und angelegt hat. »Nichts ist wichtiger als die Liebe, Werner, nichts! Wie schön, dass wir ein so gutes Leben hatten.«
Wie eine Königin hat sie mit den Diamanten ausgesehen. Eine sehr schmale, müde Königin, aber eine lächelnde. So ist sie auch gestorben. Lächelnd. Seine Irene. Nichts ist wichtiger als die Liebe, jawohl. Zärtlich wischt er mit seinem Taschentuch einen Rahmen ab, aus dem sie hervorschaut. Ihr zu Ehren hält Herr Böckelkamp im Haus alles blitzsauber. Na ja, ein bisschen Wiedergutmachung ist auch dabei.
Er hat seine Frau auch viel planen und machen lassen. Weil es so bequem war. Nur hat Irene ihn darum nicht rausgeworfen, das machen die Frauen wohl erst seit neuestem so, seit sie mehr vom Leben wollen als Kinder, einen Haushalt und einen Mann, der das Geld nach Hause bringt. Und vielleicht haben sie Recht damit. Bestimmt sogar. Aber einen Professor, findet Böckelkamp, wirft man nicht hinaus.
Schon gar nicht einen wie Leonhart, der ihn in seinen Seminaren mitstudieren lässt, obwohl Böckelkamp nicht mal Abitur hat, nur viel Zeit und Lust, sich richtige Gedanken über die Welt und den Menschen zu machen. Böckelkamp war mal Chauffeur bei einem der Wingener Zechenbesitzer und dann Taxifahrer. Er hat eine Menge zu hören bekommen, während er die Menschen durch ihr Leben chauffierte.
Gesagt hat er nie viel dazu. Nein. Böckelkamp gehörte nicht zu dieser Sorte Taxifahrer. Er will niemandem das Leben erklären. Viel zu schwierig. Chauffeur ist er geworden, weil er gerne Auto fährt und Menschen zu Diensten ist. So einfach ist das. Aber wer glaubt das einem Taxifahrer? Wo die normalerweise alle Quasselwasser getrunken haben und meinen, sie seien allwissend, obwohl manche nicht mal den Stadtplan ordentlich auswendig lernen und sich weigern, die Aschenbecher für jeden Fahrgast sauber zu machen und den Kofferraum regelmäßig zu saugen.
So einer ist Böckelkamp nicht, er hat seinen Job gerne gemacht und nach allen Regeln der Kunst. Immer. Bis ihm der Arzt das Fahren verboten hat, weil er auf dem linken Auge so gut wie nichts mehr sieht, außer Schatten. Blind wie eine Eule ist er ohne seine Brille, aber im Kopf ist alles noch in Ordnung, und mit dem Herzen sieht er seine Irene ganz deutlich.
Der Professor hingegen scheint da ein bisschen blind, da muss man nachhelfen. Ist nämlich ein ganz wertvoller Mensch, nur ein bisschen fernab der Praxis, wenn es um die gewöhnlichen Dinge des Lebens geht. Deshalb hat Böckelkamp ihn bei sich aufgenommen, als der Herr Professor ohne Schuhe in die Mensa wollte, am Tag, als seine Frau ihn rausgeworfen hat.
Was erwartet diese Sophie von einem Philosophen? Der recht anständig aussieht, soweit Böckelkamp das beurteilen kann. Man müsste ihn nur von dieser lappigen Wolljacke befreien, seine Hosen bügeln – was Böckelkamp seit einer Woche tut – und ihm vielleicht die Haare kürzen.
Leonhart öffnet durch den Vorhangspalt das Fenster, vielleicht kann er ein paar Worte aufschnappen, wenn die beiden Frauen aus dem Auto aussteigen.
»Herr Professor, das würde ich nicht tun«, mischt sich Böckelkamp ein.
Leonhart schüttelt unwirsch den Kopf. »Warum? Ich will endlich wissen, warum Sophie mich rausgeworfen hat! Ich meine, ich bin doch nicht zu dumm, um es zu verstehen, wenn man es nur präzise erklärt.«
Böckelkamp schweigt. Der Professor sollte mal besser ein paar alte Spruchweisheiten beherzigen. Etwa die vom Lauscher an der Wand. Obwohl es sich in diesem Falle ja um ein Fenster handelt. Macht das einen Unterschied?
Bea kramt noch immer nach einem Werkzeug zum Türöffnen, das kann dauern. Sophie lehnt sich in ihrem Sitz zurück. In ihrer Ehe hat sie auch festgesessen. Und außerdem wird sie in knapp einer Woche neununddreißig. Sozusagen beinahe vierzig. Was viel bedrohlicher ist, als genau vierzig zu werden. Mit neununddreißig hat man noch ein Jahr Galgenfrist, um das Ruder herumzuwerfen. Das kann doch nicht alles gewesen sein, hat sich Sophie gesagt, vor allem, wenn ein Job in England winkt.
Und eine Einladung von Mrs. Molloway nach Ashburton, nicht wahr?
Sophie sieht sich im spiegelnden Glas des Beifahrerfensters abwehrend den Kopf schütteln. Neben ihr stippt Beas Popo in die Luft. Die Gute kruschelt hinter dem Sitz herum, kämpft sich durch Berge von McDonalds-Tüten, Zeitungen, leere Getränkedosen und – typisch! – Reste von Kinder-Überraschungseiern. Beneidenswerte Bea. Sie ist noch genauso wie vor sechzehn Jahren: chaotisch, spontan, entweder unglücklich verliebt oder auf der Jagd nach einer neuen Affäre. Die Hoffnung hat Bea noch nie aufgegeben.
Wahrscheinlich wird sie zum Kotzen sein, so eine Scheidung, wenn der andere Gegenpartei heißt und ständig schmutziger Tricks verdächtigt werden muss. Leonhart und schmutzige Tricks? Er hat nicht einmal den Anstand, in einer Krise gemein oder ausfallend oder leidenschaftlich zu werden.
Wenigstens einen Teller hätte er in all den Jahren mal an die Wand schmeißen oder sich betrinken und nackt auf dem Dach herumtanzen können. Irgendwas Verrücktes, das hinterher zu einer süßen Versöhnung geführt hätte. Alleine streiten macht keinen Spaß. Sie seufzt. Wenn man bedenkt, dass ein anderer für sie mal Elefanten entführt, Schlägereien in Matrosen-Pubs angezettelt und sein Familienerbe samt Titel aufs Spiel gesetzt hat. Nun ja, fast aufs Spiel gesetzt hat. Am Ende waren dem Lord Geld und Tradition wichtiger als die Liebe. Sophie schluckt.
Das kommt davon, wenn man Zeit für sich hat. Hinterrücks überfallen einen verzehrende, vergessene Sehnsüchte, so als hätte man eine zerkratzte Vinylplatte aufgelegt. Etwa die, zu der man seinen ersten Klammerblues getanzt hat, in Ashburton-on-Sea. »I am sailing« war das. Nur nicht daran denken, nur nicht daran denken.
Zu spät. »Can you hear me, can you hear me, thro’ the dark night, far away, I am dying, forever trying, to be with you ...«, röhrt, krächzt und schmachtet Rod Stewart in ihrem Kopf. Kann denn keiner den Kerl abschalten oder totschlagen?
Bea kann. Sie taucht mit rotem Gesicht, Triumphgeheul und einem Baseballschläger aus den Tiefen hinter dem Fahrersitz wieder auf. Sophie muss lachen, das fällt ihr immer noch leichter als weinen. »Was hast du denn damit vor?«
»Mein Auto aufbrechen, sonst sitzen wir übermorgen noch hier. Hab das Ding mal zur Selbstverteidigung angeschafft, aber erstens passt es in keine Handtasche, und zweitens bin gewöhnlich ich es, die die Kerle belästigen muss. Ganz schön schwer, heutzutage noch Männer zu finden, vor denen unsere Mütter uns gewarnt haben. So was von lustlos diese Bande! Und ständig müde.«
Ist das die Frau, die vorhin Leonhart, den König der Schnarchäpfel, bemitleidet hat? Bea schwingt ihre Keule.
»Nun ja, jetzt wird das Ding trotzdem noch einen Zweck erfüllen. Am besten, ich schlage das Fenster ein und mache einen versuchten Diebstahl und damit einen Versicherungsschaden draus. Du bist meine Zeugin.«
Sophie schüttelt den Kopf. »Du bist der dümmste Autoknacker, den ich kenne. Den eigenen Wagen von innen zertrümmern.« Bea drischt mit dem harten Ende des Schlägers auf das Türschloss ein.
»Besser als die eigene Ehe. Du hast ja keine Ahnung, was auf dem freien Markt der Liebe los ist«, presst sie zwischen den Schlägen hervor. »Ich finde nach wie vor, dass du komplett gaga bist.«
Bestimmt. Sonst wäre ich nicht hier. Mit dir.
Bea verdreht die Augen. »Diese Wahrsagerin ist sensationell. Was Zara mir über meine vergangenen Beziehungen erzählt hat! Jeder Kerl ein Griff ins Klo. Völlig verkehrt für mich. Da muss man erst mal drauf kommen.«
Die Erinnerung an die falschen Kerle gibt Bea neue Kraft. Jetzt malträtiert sie die gesamte Tür mit den Füßen.
Misstrauisch zieht Sophie die Augenbrauen zusammen. »Das mit den falschen Kerlen hätte ich dir auch erzählen können. Besser gesagt, ich habe es dir erzählt, bei jedem Einzelnen von ihnen.« Und zwar gratis statt für hundert Euro die Stunde. Bei einem Cocktail in der üblichen Kneipe und nach Büroschluss.
So herum funktioniert diese Freundschaft normalerweise. Die abgeklärte Sophie ordnet einmal im Monat Beas Gefühlschaos, gibt Ratschläge, weiß, wo es langgeht, und Bea hört nicht zu und macht weiterhin, was sie will, vor allem in Sachen Liebe.
Bea holt zum Tritt aus. Die Tür scheint bereit zu kapitulieren, gibt einen kleinen Spalt frei. »So hat die Tür noch nie geklemmt.«
Sophie wirft einen entnervten Blick zum Autodach. Da krabbelt eine kleine Spinne über den grauen Polyesterfilz. Eine Glücksspinne. Haha.
Bea entdeckt sie auch. »Uuuh, kann ich die haben? Du weißt schon, wer sie auf den Finger nimmt und wegpustet, darf sich was wünschen, aber nicht sagen, was!« Nee, das würde sie nie, niemals sagen. Sie legt sich – Gesicht nach oben – auf Sophies Schoß, krabbelt mit dem rechten Zeigefinger der Spinne hinterher.
Sophie seufzt. Bea glaubt tatsächlich, dass das Leben dazu da ist, einen glücklich zu machen. Unverbesserliche Bea. Sie sollte langsam dem Realitätsprinzip eine Chance einräumen. So wie ich, denkt Sophie. Dann könnte Bea ... Ja, was? Sich auch irgendwann scheiden lassen, weil das Leben so verdammt ereignislos geworden ist? Vielleicht ist Beas Geheimnis einfach, dass sie ans Glück glaubt.
Ihre Freundin hat die Spinne erwischt. Das Tierchen umrundet in rekordverdächtigem Trippelschritt deren Finger. »Mach dein Fenster auf und hilf mir hoch, bevor sie weg ist«, verlangt Bea. »Ich muss pusten. Schnell.«
Sophie kurbelt die Scheibe herunter und schiebt die Freundin nach oben. Bea scheint unter einer spontanen, völligen Körpererstarrung zu leiden. Bea schreit auf: »Sie spinnt einen Faden und seilt sich ab. Ich seh sie nicht mehr.« Sophie erwischt die kleine Spinne, bevor die auf ihrem Unterarm landen kann, zupft den fast unsichtbaren Faden weg und bläst das Tierchen aus dem Fenster.
Bea fährt hoch wie ein Sprungteufel und funkelt Sophie an: »Das war meine! Du Egoistin! Was hast du dir gewünscht? Unverschämt, wo du alles schon hast. Wunderbaren Mann, gelungenes Baby, Angeberhaus auf dem Hügel, Chefposten ...«
»Komm auf den Teppich, Bea. Ich glaube nicht an Magie und Märchen. Mein Baby ist erwachsen und in England, ich lebe in Trennung und kann die nächste Kreditrate kaum aufbringen, weil mein angeblicher Chefposten, den du noch nie ernst genommen hast, höchst mittelmäßig bezahlt wird. Ein Vertreter der Gattung Insekten dürfte wohl kaum deine oder meine Chancen auf eine befriedigende Partnerschaft und ein dauerhaftes Happy End erhöhen.«
Na, endlich klingt sie wieder vernünftig – fast wie Leonhart, nicht wahr? Er hat auch seine guten Seiten, verteidigt sich Sophie in stummem Trotz.
Bea wird wütend. Wieso ist Sophie nur so blind für ihr Glück? Hat sie überhaupt eine Vorstellung davon, wie es ist, ganz alleine durchs Leben zu tingeln und jeden Tag so zu tun, als sei alles eine lustige Kirmes? Nur damit niemand einen für eine frustrierte Spinatwachtel hält. Nur damit man vielleicht doch noch etwas abbekommt vom Kuchen Lebensfreude. Einen Kuchen, den Sophie seit Jahren angeekelt auf ihrem Teller hin und her schiebt, weil sie auf Lebensdiät ist.
Bea zieht das rechte Bein an, stößt die Fahrertür mit einem gewaltigen Tritt auf und schlängelt sich hinaus auf die Straße: »Einen Leonhart setzt man nicht auf die Straße wie ein durchgesessenes Sofa. Du gibst dem Glück nicht mal eine Chance, wenn es dich geradewegs in den Hintern tritt.«
Bea als Anwältin der Vernunft und Ratgeberin – pah! Und überhaupt, was hat sie nur plötzlich mit Leonhart? Sophie klettert auf den Fahrersitz herüber und steigt so hoheitsvoll wie möglich aus dem Auto. »Ich bin Marktforscherin. Ich halte nicht viel von übertriebenen Glückserwartungen, das führt nur zu Produktenttäuschungen.«
»Wir reden hier von Liebe, Sophie. Nicht von Lebensmitteln oder Haushaltswaren. Und jetzt komm, Zara wartet.«
Sophie klopft sich den Rock sauber und doziert: »Die Erfindung von klumpfreiem Soßenbinder oder Weichspüler mit Bügelhilfe hat mehr zur Beglückung vieler Frauen beigetragen als irgendwelche romantischen Fantasien über das Liebesglück. Die Markteinführung des Soßenbinders ›Quickfix‹ verdankt sieh unter anderem unseren Verbraucherbefragungen und ...«
Bea gibt ihr von hinten einen sanften Schubs. »Vorwärts, du Feministin der Fertigsuppen. Vergiss nicht, dass ich dich noch aus der Zeit kenne, als wir die Verbraucher-Fragebögen selber ausgefüllt und für die vorübergehende Markteinführung von Schokolade mit Speckaroma gesorgt haben. Inzwischen bist du so was von staatstragend geworden. Wie hat Leonhart das nur all die Jahre ausgehalten? Halst du im Bett etwa auch solche Vorträge, kein Wunder, dass dann nichts mehr läuft, oder ...«
Sie unterbricht sich. Sophie und Leonhart zwischen zerwühlten Laken, mit schweißglänzenden Körpern, das will sie sich lieber nicht vorstellen. »Obwohl, Sex ist ja nicht so wichtig.«
Sagt ausgerechnet Bea. Scheinheiliges Luder, denkt Sophie und wendet sich rasch ab, schreitet auf das Gartentor zu, vor dem sie geparkt haben. Sie stößt es auf und wendet den Kopf zu Bea.
»Sex hatten wir regelmäßig.«
Nebenan wird ein Vorhang von unsichtbarer Hand zur Seite geschoben und ein Fenster geöffnet, fehlt nur, dass es sich irgendeine Witwe Bolte mit dem Kissen auf dem Fensterbrett bequem macht.
Sophie schluckt. Soll etwa die ganze Straße an ihrem erotischen Leben teilhaben? Na ja, erotisch? Es handelte sich um ehelichen Sex. Angenehm, aber nicht sensationell. Leonhart kannte sozusagen ihre Bedienungsanleitung, und danach ist er verfahren, einmal streicheln, zweimal küssen hier, dann da, die Hand zwischen die Oberschenkel gleiten lassen, an diese weiche Stelle kurz über ... mein Gott, ist das plötzlich eine Hitze in der Sonne.
Besser man verzieht sich in den Schatten unter der Haustür.
Wo war sie stehen geblieben? Ach ja, einmal streicheln, dann, ach was, und so weiter und so weiter. Leonhart ist ein effektiver Liebhaber, nur keiner, mit dem sie vor ihrer notorisch liebestollen Freundin angeben könnte.
Die liebestolle Freundin ist ihr mit offenem Mund und erstauntem Blick gefolgt. Herrje, scheint geschockt die Gute, nur weil Sophie zum ersten Mal von ihrem aktiven Liebesleben erzählt hat, statt – wie üblich – Bea die Bettgeschichten zu überlassen.
Sie streckt die Hand nach dem Klingelknopf zu ihrer Rechten aus, hält in der Bewegung inne und dreht sich zu Bea um. »Glaub mir, ich vermisse Leonhart nicht. Ich sehne mich nach ganz was anderem.«
»Und das wäre?«
»Ein völlig neues Leben.«
Oder das ganz alte? Das mit deinem englischen Liebhaber vielleicht? Der dir mal eine Hochzeitsnacht in einem Schloss versprochen hat – und ...
Bea hat einen anderen Vorschlag: »Wie wäre es mit einem neuen Leonhart? Ich meine, wenn er sich ändern würde? Er könnte doch zum Beispiel weniger lesen.«
»Leonhart und sich ändern? Eher lernen Schweine fliegen! Nee, der ändert sich nicht! Der bleibt so überschaubar wie das kleine Einmaleins und unfähig zu jeder Leidenschaft.«
Bea denkt nach. Das sieht man daran, dass sie auf ihren frisch geschminkten Lippen herumkaut.
»Sophie, ich wäre vorsichtiger. Was zum Beispiel, wenn eine andere Frau deinen Leonhart gar nicht so überschaubar und langweilig fände, sondern aufregend und begehrenswert?«
Der letzte Satz hat sie richtig Kraft gekostet. Meine Güte, ist sie edel, hilfreich und gut. Sie meint das nämlich gar nicht spaßig, es ist ihr bierernst.
»Wenn eine andere ihn begehrenswert findet, dann kann sie ihn gleich mitnehmen und sich an meiner Stelle mit ihm zu Tode langweilen.« Im Nachbarhaus wird geräuschvoll das Fenster geschlossen. Da sieht man’s: Sogar für die Nachbarn ist das Thema Leonhart zu langweilig.
Sophie drückt auf die Schelle. Auf dem selbst gebackenen Klingelschild aus bemaltem Salzteig – wie geschmacklos – steht »Böckelkamp«.
Zara Böckelkamp also. Klingt nicht gerade vielversprechend. Zumindest nicht wie Magie. Aber daran glaubt Sophie seit jenem Sommer in Great Britain sowieso nicht mehr.
Ach, wirklich nicht? Und warum bist du dann hier? Klappe! Rod Stewart schaltet sich zu: »I am sailing. I AM SAILING.«
Sophie klingelt Sturm.
England ist Asbach. Alles uralt hier, vom Buckelpflaster bis zum Dorfbobby, der wahrscheinlich Madam Tussauds Wachsfigurenkabinett entsprungen ist. Alles stinklangweilig, findet Jennifer. Erst recht in Ashburton-on-Sea. Was ist ihrer Mutter nur eingefallen, sie ausgerechnet hier für ein Auslandsjahr einzuquartieren und zu erzählen, es wäre ein herrlicher Ort mit lauter reizenden, spannenden Menschen?
Pah. Allein schon ihre Gastmutter. Mrs. Molloway ist eine vertrocknete Kalkleiste mit lilafarbenem Haar, die vier fette Katzen verhätschelt und den ganzen Tag mit Jennifer Unkraut jäten und über Rosen und Gärten und anderes Grünzeug rumpalavern will. Mit hysterischer Quietschstimme und einem «it’s lovely, isn’t it?« zwischen jedem Satz.
Dabei soll man lebendiges Englisch lernen, pfff. Besser, man bleibt einfach im Bett liegen, auch wenn es ziemlich unerträglich ist, die ganze Zeit auf eine Rosentapete zu starren, sich eine rosengeschmückte Tagesdecke aus Nylon bis ans Kinn zu ziehen und darauf zu warten, dass hinter den Rosenvorhängen endlich die Sonne untergeht, damit man wenigstens in den Pub am Hafen schleichen kann.
Da bekommt sie zwar nur Ginger Ale oder Cola, aber verrauchte Kneipe mit Dartscheibe und ein paar Asekenkerlen, Typ Matrosenverschnitt, in Muscle-Shirts, ist besser als rosenschwangeres Kitsch-Cottage mit Mrs. Molloway und nur zwei funktionierenden TV-Kanälen.
Seit vier Tagen hat Jennifer Herbstferien und jede Menge Rosen und Mrs. Molloway um die Ohren, statt cool irgendwo abzuhängen wie die anderen Gastschüler.
Die sind allein nach London gedüst, geben sich in Brighton gepflegt die Kante oder rattern wenigstens mit ihren guest parents durchs Land. Am liebsten hätte Jennifer allerdings daheim in Wingen eine Atempause eingelegt.
Das darf sie natürlich nicht, weil Mom ihre Scheidungspläne vor ihr geheim halten will. Als ob das so ein Aufreger wäre! In Deutschland bestand ihre halbe Klasse aus Scheidungswaisen und Trennungskids, die bei ihren zersprengt lebenden Resteltern jede Menge Kohle und steile Klamotten abgreifen konnten, um ihr Leiden zu mindern!
War krass peinlich – so wie Jennifer –, zum Rest zu gehören, der daheim eine mehr oder minder funktionierende Regierung sitzen hatte, die nächtliche Ausgangssperren verhängt, die Chipszuteilungen rationiert und das Taschengeldbudget festsetzt.
Sie rollt sich auf den Bauch und grabbelt auf der geblümten Tagesdecke nach ihren Salt-and-Vinegar-Crisps. Chips mit Essig- und Salzgeschmack! Nicht gerade ein Trost.
Andere gibt’s im Dorfladen aber nicht, dafür jede Menge Unterhosengummi, Stickvorlagen, Angelhaken, Jagdmunition und grüne Gummistiefel in allen Größen – so was von Provinz hier. Dagegen ist Wingen eine swingende Metropole.
Ashburton ist meilenweit weg von London und irgendwelchen Aufregungen, aber es ist leider Moms Jugendtraum vom ultimativen Glück, den sie unbedingt an ihre Tochter weitergeben wollte.
Typisch. Was sie an diesem Dorf bloß gut gefunden hat?
Jedenfalls hält sie Jennifer immer noch für irgend so ein Pippimädchen, das man mit einer Boygroup-CD und einer Kinokarte für »Titanic« begeistern kann.
Dabei war es Mom, die auf so’n Scheiß abgefahren ist, die bei »Titanic« mehr Wasser vergossen hat, als über die Leinwand plätscherte, und die – ganz übel – bei N’Sync vorne an der Bühne stand und mitsang! An Jennifers Seite hat sie immer voll die Gefühlsschwangerschaft raushängen lassen. Voll peinlich, wenn Eltern meinen, sie seien noch jung.
Pillepalle, die Zeiten sind längst vorbei, nur Mutter checkt nichts. Papa ist ganz okay. Der hält sich wenigstens raus und die Klappe. Wenn es nach ihm ginge und wenn er erst mal geschieden wäre, dürfte sie bestimmt nach London.
Sie müsste sich nur für die Grammatikkenntnisse irgendwelcher schlecht erzogener und sozial benachteiligter Kids aus den ehemaligen Kolonien interessieren oder so, und schon könnte sie in die coolsten Clubs von Soho Feldforschung betreiben. Dafür würde sie ein Jahr auf der Insel dranhängen. Yeah. Aber stattdessen ...
Stattdessen nähert sich auf dem Gang Mrs. Molloways Zittersopran mit einem Vorschlag: »What about a trip to Ashburton House, Jennifer? They have such a lovely park there. Today they’re giving their traditional garden party with ...«
Umwölkt von Lavendelparfüm und in einem geblümten Baumwollkleid Marke cheap & awfull (C&A), steht Mrs. Molloway in Jennifers Zimmer und brabbelt was von einem Gartenfest mit Kinderkarussells, Wurfbuden, Ponyreiten, Applepie-Wettbewerben, Rosenprämierungen und »such a lovely day, isn’t it?«.
Die olle Trutsche hängt ihr schon seit Ferienbeginn mit irgendwelchen traditionell englischen Ausflügen in den Ohren. Gestern waren sie zum cream tea – trockene Milchbrötchen mit dick Sahne und Marmelade, würg! – in Torquay. Was für eine Schnarchtown, ein einziges Trottelmuseum, lauter Rentner.
Steht sogar im Reiseführer. Irgendein Dichter, ein gewisser Kipling oder wer, hat Torquay schon neunzehnhundertschlagmichtot als Ort beschrieben, »den ich allzu gerne aufrütteln würde, indem ich nur mit meiner Brille bekleidet durch die Straßen tanze«.
Jennifer hatte leider keine Brille dabei, und Mrs. Molloway kennt Kipling wahrscheinlich nicht. Dafür kommt die jetzt mit Kinderkarrussells ums Eck, der bisherige Höhepunkt, was sagt man dazu?
Jennifer probiert’s mit dem berühmten Queen-Zitat: »I’m not amused.«
Sie erntet nur ein ziemlich kühles »Pardon?«.
Echt Mrs. Molloway, bei Widerworten stellt sie sich einfach taub, hat sie die ganzen letzten Tage gemacht. Aber jetzt ist Schluss mit lustig, findet Jennifer, genug Kinderbespaßung. Jennifer behauptet, sie habe Kopfschmerzen, und legt sich leidend die Hand an die Stirn, ein paar Chips bleiben dran kleben, gibt wahrscheinlich Pickel so von außen.
Von Krankheiten hält Mrs. Molloway allerdings nicht viel.
»At your age!«
Na und? Nur weil man um die sechzehn ist, soll man nicht schwer leiden? Manche sterben in dem Alter bereits. Gerade in Great Britain, an BSE oder Maul- und Klauenseuche und so, vorher werden sie sogar noch irre. Aber das sind die Engländer ja sowieso – fahren auf der falschen Straßenseite, versauen Chips mit Essig und sehen überall Gespenster.
»Du kannst überhaupt keine Kopfschmerzen haben«, sagt Mrs. Molloway in sehr strengem Englisch. Das merkt man daran, dass kein lovely im Satz vorkommt. »Im Hafen-Pub bekommst du nur Softdrinks, und gestern habe ich dich so lange über die Steilklippen und die Strandpromenade von Torquay gescheucht, dass du genug Sauerstoff und Energie für die nächsten zwei Monate getankt hast.«
Wie bitte? Jennifer setzt sich im Bett auf. »Pub? Da geh ich nie hin. Wo ist der überhaupt?«
Mrs. Molloway zerrt die Gardinen auseinander und hebelt die Fensterflügel auf, Vogelzwitschern drängt mit aller Macht ins Zimmer. Unterirdischer Lärm. Haben die Amseln vielleicht im Lotto gewonnen?
Mit einem leicht misslungenen Lady-Lächeln – es liegt ein Hauch zu viel Triumph darin – dreht sich Mrs. Molloway zu Jennifer um.
»Glaubst du, du bist die erste Gaststudentin, die versucht, mich zu beschwindeln? Schon deine Mutter hatte es faustdick hinter den Ohren, aber die war bereits einundzwanzig, als sie hier war, und wirklich wild. Sie hätte sich nicht mit Ginger Ale und Hilfsmatrosen begnügt.«
Jennifer lässt sich stöhnend zurück aufs Bett fallen. Auch das noch, jetzt wird ihr wieder ihre ewig jugendliche Mama unter die Nase gerieben. Und was heißt wild? Wahrscheinlich hat sie sich 1980 oder so eine ganze Barcadi-Cola reingezogen und die Musik lauter gedreht. Muss das ein Schock für Mrs. Molloway gewesen sein. Jetzt glaubt sie wahrscheinlich, sie kennt das Leben.
