Gras-Engel - Alina Tamasan - E-Book

Gras-Engel E-Book

Alina Tamasan

0,0
5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Was kommt heraus, wenn Engel über den Sinn des Lebens nachgrübeln? Die Antwort: das Leben als Mensch, denn hier – so ahnt man auch im Himmel – liegt die Antwort auf die brennendste aller Fragen. Als Mihr und Micah beschließen, sich ins Menschen-Getümmel zu stürzen, ahnen sie nicht, was auf sie zukommt. Von zankenden Eltern, über Intrigen, bis hin zu Mordprozessen – das Leben spart an nichts ... auch nicht an Antworten!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 387

Veröffentlichungsjahr: 2013

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Alina Tamasan

GRAS-ENGEL

ENGELSDORFER VERLAG 2010

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

eISBN: 978-3-86268-124-2

Copyright (2010) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

Coverfoto © Alina Tamasan

www.engelsdorfer-verlag.de

Für Maria, Marcel, Bogdan, Winfried und Olaf – die in meinem Herzen wohnen.

Die Engel Mihr und Micah sitzen im „Gras-Engel“, dem beliebtesten Gasthaus im Himmel, und grübeln über den Sinn ihres Lebens nach. Der will sich ihnen nämlich einfach nicht erschließen. Also schickt Gott sie da hin, wo die Antwort zu finden ist: auf die Erde! Sie werden zu Menschen.

Menschen, wie die Studentin Hanne, die zwischen den Fronten ihrer streitsüchtigen Eltern gefangen ist – oder die Sektenführerin Ida, die unter Mordverdacht steht ... und Sebastian, Idas Zögling, der sich in einem Netz von Intrigen verfängt.

Das Leben ist erschütternd, aber sie erfahren mehr über den Sinn ihres (Engel-) Daseins als sie es je zu träumen gewagt hätten!

Alina Tamasan, 1979 in Kronstadt, Rumänien, geboren, studierte Germanistik und Journalismus. Mit ihrem spirituellen Werk „Gras-Engel“ feiert sie ihr spannendes Roman-Debut. Sie lebt heute mit ihrem Partner in Hennef-Sieg.

Kontakt zum Autor: http://alinatamasan.blogspot.com/

INHALT

PROLOG

ENGELBOOM

FAMILIEN-ANGELEGENHEITEN

ANKUNFT

KEINE WAHL

ADMIEL-MEDITATION

ENGEL-KI

TORTUR

ENGEL-ANGELEGENHEITEN

ADMIEL

MENSCHEN-ANGELEGENHEITEN

METAMORPHOSEN

IM MONDLICHT

FAHNDUNG

ZUSAMMENKUNFT

BOTE

SAHNEHÄUBCHEN

Prolog

Jedes Naturwesen, jede Seele und jeder Engel kennt sie: die große Turmstadt Ban, in der alle Feinstofflichen zusammenkommen, sei es, um sich mit Gott zu großen Sitzungen zu treffen und über das Schicksal der Welt zu beraten, eine Auszeit von der letzten Inkarnation zu nehmen oder auch nur, um dem ‚Gras-Engel‘ einen Besuch abzustatten.

Der ‚Gras-Engel‘ war das beliebteste Gasthaus in ganz Ban, Spaß und Zerstreuung wurden hier groß geschrieben und die delikatesten und wirkungsstärksten Energiecocktails weit und breit standen in diesem Wirtshaus ganz oben auf der Getränkekarte.

Micah saß schon eine Weile, er nippte vorsichtig an seinem Getränk und ließ den Blick immer mal wieder gespannt zum Eingang wandern.

„Da bist du ja endlich“, rief er ungeduldig, als er den kleinen rothaarigen Engel hereinkommen sah. „Komm her, hier ist noch ein Platz frei.“ Er deutete auf den Stuhl neben sich. Mihr gab dem hochgewachsenen Freund die Hand und setzte sich.

„Na, und? Hast du eine Lösung gefunden?“, fragte Micah ungeduldig.

„Nein, leider nicht.“ Mihr strich sich seufzend über das Gesicht. „Ich habe alle möglichen Bücher durchgewälzt und nichts gefunden!“ Er sah so aus, wie auch Micah sich fühlte: hundeelend und total erschöpft.

„Ich habe auch nichts rausgekriegt“, gab Micah verdrossen zu und stöhnte, „es ist immer das gleiche. Gott schickt mich – mal allein, aber auch häufiger – mit Michael zusammen hierhin und dorthin, ich soll dies oder jenes machen. Immer diese kleinen Schritte, so wie gerade eben, da sollte ich einer jungen Frau den Satz ‚Wer ist wie Gott?‘ einflüstern, indem ich einen Samen setze. ‚Samen setzen‘ – eine hoch ehrenhafte Aufgabe für einen verantwortungsvollen Engel, der nicht den blassesten Schimmer hat, was er da eigentlich tut. In der Bibliothek findest du auch nur unverständliches Fachchinesisch.“ Micah nahm einen kräftigen Zug von seinem Energiegetränk.

„Weißt du“, grübelte der kleine Engel laut, während er nach der Bedienung Ausschau hielt, „meine Aufgabe ist ja der Dienst an der Menschheit und auch ich wüsste gerne, was genau ich da erledige. Na ja, das weißt du ja … Wir grübeln und grübeln und können keinen Sinn hinter unserem Dienst erkennen.“ Er seufzte leise und schob angestrengt hinterher: „Ich weiß schon so in etwa, was ich tue, aber ich verstehe nicht, warum? Was hat das für einen Zweck?“ Er hielt kurz inne und bestellte sich ein Getränk. „Fakt ist“, fuhr er selbstquälerisch fort, „ich gehe zu den Menschen und vermittle ihnen etwas über bedingungslose Liebe in Beziehungen. Nun erkläre mir mal bitte, was ist ‚bedingungslose Liebe‘? Und vor allem: Was ist eine ‚Beziehung‘? Ich nehme das Wort unaufhörlich in den Mund und weiß nicht, was das ist. Ich habe schlichtweg keine Ahnung! Vor allem verstehe ich nicht, warum ich ausgerechnet mit Erzengel Chamuel und du mit Michael zusammenarbeitest!“

„Genau, mein Freund, du sagst es.“ Ratlos kratzte sich Micah am rechten Flügel.

„Was können wir also noch tun?“ Mihrs Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

„Ich denke, wir haben uns verrannt. Du weißt schon, wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.“ Der Engel strich sich die dunklen Haare aus der Stirn.

„Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder wir bleiben hier sitzen und lassen uns so richtig schön volllaufen – das favorisiere ich in diesem Moment – oder wir suchen einen ganz neuen Weg.“

Mihr nahm einen kräftigen Schluck vom Cocktail und rülpste leise. „Dem stimme ich voll und ganz zu“, sagte er.

„Wem?“, skeptisch hob Micah eine Augenbraue.

„Dem Volllaufen-Lassen und dem neuen Weg.“

„Vielleicht sollten wir mit dem Weg beginnen.“ Der kleine Engel setzte das Glas ab und blickte Micah erwartungsvoll an. „Also?“

„Wir müssen etwas tun, was wir noch nie getan haben“, begann der dunkelhaarige Engel und strich sich nachdenklich über das Kinn. „Es muss eine Lösung geben, etwas, das so naheliegend ist, dass wir Holzköpfe es übersehen, verstehst du?“ Mihr starrte auf den Tisch und nickte verständnissinnig. „Wir haben die Bibliothek durchsucht und zig Engel befragt – die sollten es ja eigentlich wissen“, führte Mihr den Faden fort und fuhr sich unsicher durch das rote, lockige Haar.

„Genau“, Micah nickte. „Zig Engel befragt …“, murmelte er nachdenklich, „aber …“, er stockte, „haben wir auch die Erzengel befragt?“

„Die Erzengel? – Na klar, die Erzengel! Mensch, dass wir da nicht früher dran gedacht haben!“ Mihr klatschte sich mit seiner kleinen Hand gegen die Stirn.

„Wir sind wirklich zwei Holzköpfe, nicht wahr?“ Ein Lächeln umspielte Micahs Lippen.

„Das kann man wohl sagen.“ Die Engel prosteten einander erleichtert zu.

„Na gut“, begann Micah nach kurzer Zeit erneut und in seinen Augen glänzte bereits der Tatendrang. „Im Grunde genommen ist es gar nicht so schwer. Sieh mal, der Name eines jeden Engels spiegelt seine Aufgabe wider, das lernen die Grünschnäbel schon im ersten Semester auf der Akademie. Dein Name ‚Mihr‘ bedeutet ‚bedingungslose Liebe in Beziehungen‘ – ‚Chamuel‘, das habe ich in der Engelbibliothek herausgefunden, heißt ‚bedingungslose Liebe‘. Also ist doch klar, dass er dein Ansprechpartner sein muss! Da er dein Erzengel ist und du sein Gehilfe, muss er auch über das Wissen verfügen, dir deine Aufgabe näher erläutern zu können.“

Micah tippte seinem kleinen Freund mit dem Finger gegen die sommersprossige Stirn, worauf dieser anfing, breit zu grinsen. „Ja genau! Und du, Micah, ‚Engel des göttlichen Plans‘, gehst zu deinem Erzengel Michael, dem ‚Wer-istwie-Gott?‘ und befragst ihn ebenfalls. Ist das eine gute Idee?“ Die Freunde lachten und stießen miteinander an.

Kurze Zeit später trafen sich die beiden im ‚Gras-Engel‘ wieder, um Neuigkei

ten auszutauschen.

„Und? Hat er es dir erklärt?“, fragte Micah seinen Freund.

„Ja“, antwortete der kleine Engel.

„Und?“ Micahs Augen wurden groß und rund.

„Na jaah …“, druckste Mihr verlegen, „also …“

„Also was? Hat er es dir nun erklärt oder nicht?“

„Ja“, Mihr knetete verlegen seine Hände, „es gibt nur ein Problem.“

„Was für ein Problem?“, neugierig schaute er auf Mihr, der hoffnungslos vor sich hin stierte.

„Ich habe ihn nicht verstanden“, seufzte er leise.

„Oh“, Micah sank enttäuscht in seinen Stuhl zurück. „Also, er hat dir alles haargenau erzählt und breit offengelegt und du hast nicht die Bohne verstanden?“

„So ist es“, antwortete Mihr betrübt, „und bei dir? Lass mich raten, bei dir war es genau so?“ Er schaute den hochgewachsenen Engel fragend an. Micah nickte seufzend.

„Ich bin Michael auf Schritt und Tritt gefolgt und hab immer wieder dieselben Fragen gestellt. Er hat sie mir auch geduldig beantwortet. Nach dem dritten Anlauf zog er mich beiseite und meinte: ‚Hör mal, mein Lieber, ich habe das Gefühl, dass unsere Gespräche dich nicht an das erhoffte Ziel bringen, stimmst du mir zu?‘ Ich bejahte und fragte ihn, was ich tun könnte. Da riet er mir: ‚Geh zu Gott!‘ Wie angenagelt blieb ich stehen und sah wohl ziemlich verdattert aus. ‚Es gibt immer ein erstes Mal‘, sagte er, wohl wissend, dass ich Gottes Anwesen nie jemals betreten habe. ‚Wenn ich es dir nicht erklären kann‘, meinte er, ‚dann wird er es sicher können.‘ Ich muss gestehen, das leuchtet mir ein. Außerdem wollte ich Gott – der mich, seit ich denken kann, in alle möglichen Richtungen schickt – schon immer einmal persönlich treffen. Michael meinte, mein Freund würde mich sicher gerne begleiten. Wie findest du das?“

Micah tippte mit dem Zeigefinger auf Mihrs Brust. Der hatte aufmerksam zugehört und bemühte sich sehr, bis zum Ende des Berichts, ernst zu bleiben.

„Was denn?“, fragte Micah, dem die Angestrengtheit des Freundes nicht entging.

„Du wirst es nicht erraten, Chamuel hat mir dasselbe vorgeschlagen. Er meinte, ich solle zu Gott gehen, denn der könnte es mir sicherlich erklären. – Ach ja … ich sollte meinen Freund Micah nicht vergessen.“ Sein Glucksen ging in ein befreites Lachen über und endlich entspannten sich beide. Sie lehnten sich zurück und bestellten sich erneut zu trinken.

„Die Erzengel haben unseren Termin bei Gott bestimmt zusammengelegt“, bemerkte Micah verschwörerisch.

„Das ist für euch“, die nette Bedienung legte ein kleines Kuvert auf den Tisch. Sie blickten erstaunt auf und in das Gesicht einer freundlichen Elfe.

„Was guckt ihr so? Chamuel hat mir das in die Hand gedrückt, bevor ihr hier aufgetaucht seid.“ Sie entschwand flink zwischen den Tischreihen. Die Engel beugten sich über den Umschlag und untersuchten ihn neugierig.

„Mach mal auf“, stupste Micah Mihr an.

„Was? Warum denn ich? Es war doch deine Idee, die Erzengel zu fragen. Wenn die dann Termine mit Gott vereinbaren …“ Er kreuzte voller Unschuld die Arme auf der Brust.

Micah nahm das Briefchen in seine schlanken Hände und prüfte es eingehender.

„Sieh mal“, sagte er erstaunt, „Gottes Siegel!“ Mihr fuhr mit seinen Fingern fasziniert darüber und raschelte aufgeregt mit seinen Schwingen.

„Es fühlt sich gut an“, meinte er, „komm, mach mal auf.“ Beherzt brach Micah das Siegel auf und entnahm dem Umschlag ein goldgelbes Pergament, von dem ein zarter Fliederduft ausging.

„Hiermit seid ihr, Mihr und Micah, herzlich eingeladen, mich, Gott, zu besuchen“,

stand dort in geschwungenen Lettern geschrieben.

„Das ist definitiv die Handschrift Gottes“, sagte Mihr fasziniert, „von ihm, höchstpersönlich!“

„Woran erkennst du das?“, fragte Micah neugierig.

„Ich bin neulich in der Engelbibliothek auf ein Buch gestoßen, in dem war sie abgebildet.“ In stiller Ehrfurcht betrachteten die beiden die Schrift.

„Sieh mal“, sagte Micah nach einer Weile, „da steht gar nicht, wann wir kommen sollen.“

„Kommt, wann ihr wollt“, hörten sie eine Stimme. Überrascht wandten sie sich um. Michael war gekommen und schaute ihnen mit seinen braunen Augen über die Schulter. „Das Tor zu seinem Anwesen steht jedem jederzeit offen.“ Die Freunde rückten zusammen und Michael setze sich dazu.

„Wofür dann der Aufwand mit dem Brief und dem Siegel?“, fragte Mihr.

„Nun ja“, geduldig sah Michael seinen Nebenmann an, „wolltest du Micah nicht immer schon die Handschrift Gottes zeigen? Und du, Micah“, wandte er sich an den Brünetten, „wolltest doch Gott ein Mal persönlich kennen lernen. Nun habt ihr eine Einladung von Gott erhalten, ist das für euch nicht ein feierlicher Moment?“

„Ja, das ist es“, nickte Mihr aufgeregt.

„Darauf wollen wir anstoßen.“ Micah hob das Glas zum Toast und sie prosteten sich zu. Kurz darauf gesellte sich auch Chamuel zu ihnen und die vier genossen noch einen ausgelassenen, geselligen Abend.

Nach geraumer Zeit trafen sich beide Freunde auf einer Ebene, die sie noch nie besucht hatten – zumindest nicht, seit sie sich erinnern konnten. Sie standen vor dem Tor von Gottes Haus.

„So! Was machen wir jetzt?“ Micahs Blick wanderte fragend von seinen Freund hinauf zum massiven, gusseisernen Tor, welches das Anwesen verbarg. Er rieb sich nachdenklich das Kinn, ging auf das schwere Portal zu und strich über die raue Oberfläche.

„Es sieht nicht so aus, als sei man jederzeit willkommen. Man könnte meinen, der Zugang zu Gott wird nur per Einladung gewährt“, meinte der rothaarige Engel ernst. „Wer aber Gottes Liebe im Herzen fühlt, der weiß selbstverständlich, dass er jeder Zeit willkommen ist“, fügte er grinsend hinzu und sah seinen Freund wissend an, „sein Herz sagt ihm, dass er nur das zu tun braucht.“

Mihr hob seinen Zeigefinger und stupste das Tor an. Es sprang sofort auf und gab den Blick auf einen üppigen Garten frei, der in voller Blüte stand. Direkt neben Affenbrotbaum und Zeder wuchsen Fliederbüsche und blühten Orchideen. Soweit das Auge reichte, gediehen die unterschiedlichsten Pflanzen und Bäume, aus den verschiedensten Breitengraden und ergaben eine bunte Pracht, die jedes menschliche Auge verwirrt hätte, Engel jedoch erfreute. Sie genossen die Schönheit dieser lebendigen grünen Welt, sogen ihren süßen Duft ein und fühlten sich sicher und geborgen.

Mihr und Micah zwinkerten einander zu. Gott ist gewiss ein vortrefflicher Gärtner. Sie betraten den schmalen Kiesweg, der sich durch die kunterbunte Flora hinauf zum Anwesen wand. Hinter ihnen schloss sich behutsam das Tor.

„Sieh mal“, Micah deutete auf den Weg, „das sind die größten Kieselsteine, die ich je gesehen habe.“

„Ja, ja“, orakelte Mihr vielsagend, „für den einen sind es große Brocken, für den anderen zierliche Kiesel.“ Er machte eine allumfassende Geste. „Gott ist alles und überall, schau nur.“ Micah hörte gar nicht zu, er stand still, zog tief die Luft ein und genoss. Die Anwesenheit Gottes spürten beide deutlich, jedoch nicht kontrollierend. Eher respekteinflößend, ohne Furcht zu erwecken. Micah war so aufgeregt, dass er fürchtete, sein Herz würde sich überschlagen.

„Komm, lass uns zum Haus gehen“, flüsterte er voller Ehrfurcht. Mihr ordnete kurz seine Schwingen und nickte ihm zu. Langsam gingen sie zum Gebäude, klopften an die schlichte, massige Holztür und warteten. Es kam ihnen wie eine halbe Ewigkeit vor. Dann hörten sie Schritte. Micah strich sich in aller Eile noch einmal die Haare glatt, während Mihr um eine entspannte Körperhaltung bemüht war. Die Tür ging auf. Vor ihnen stand, das wussten die beiden sofort, Gott persönlich.

„Hallo Gott, ich bin Micah“, sagte der hochgewachsene Engel und reichte ihm die Hand. „Schön, dich hier zu sehen“, freute sich Gott.

„Ich bin Mihr“, erklärte nun der rothaarige Engel, wohl wissend, dass es dessen sicher nicht bedurfte. Gott winkte beide herein und sie machten es sich in den angebotenen Sesseln bequem.

„Möchtet ihr etwas trinken?“

„Ja, gerne“, erklang es wie aus einem Munde.

„Bitte, die Spezialität des Hauses.“ Tief sogen sie den Duft des Getränkes ein und nippten vorsichtig daran.

„Mhm, hervorragend“, Micah war erstaunt, „so was Leckeres gibt’s noch nicht mal im ‚Gras-Engel‘.“ Mihr fuhr sich mit der Zunge genüsslich über die Lippen und nickte.

„Oh ja“, schwärmte er, „es ist köstlich.“ Ihre Anspannung war wie weggeblasen. Gott sah die beiden vergnügt an, dann wurde er ernst.

„Was kann ich für euch tun?“, aufmerksam betrachtete er seine Gäste. Die Engel schauten einander an.

„Willst du …? Oder soll ich?“, fragte Micah.

„Ich lasse dir gerne den Vortritt.“

„Na gut“, fing Micah aufgeregt an, „wir haben ein paar Fragen. Michael und Chamuel, unsere Erzengel, meinten, du könntest sie uns sicher beantworten.“ Er räusperte sich verlegen. „Wir erledigen sehr viel in deinem Auftrag und finden das auch gut so. Nur, jetzt würden wir gerne wissen, warum wir das alles tun und in welchem größeren Zusammenhang das alles steht.“

„Dann haben euch also die Erzengel zu mir geschickt“, ergänzte Gott, „weil ihr ihre Erklärungen nicht verstanden habt. Tja … hmm …“ Er hielt inne und nippte an seinem Getränk. „Jaah“, seufzte er gedehnt und lehnte sich in seinem Sessel zurück, „ich kann es euch gerne erklären.“

„Danke!“, kam es von beiden zugleich, wie aus der Pistole geschossen.

„Ihr beide“, begann Gott, „führt meine Gedanken nicht nur aus, ihr seid meine Gedanken. Alles, was ich denke, manifestiert sich in einem Engel. Engel sind Energien, deshalb braucht ihr Energiecocktails. Die Menschen sind ebenfalls meine gedanklichen Manifestationen, aber in Materie. Sie sind nichts anderes als materialisierte Engel-Energien und – genau wie ihr – ein Teil von mir, also auch vollkommen. Leider haben viele Menschen das vergessen. Weil sie sich von mir getrennt fühlen, entsteht viel Leid auf der Welt, Leid, das sie selbst verursachen. Du, mein lieber Micah“, er wandte sich an den brünetten Engel, „bist mein Vorhaben, die Menschen daran zu erinnern, dass ich sie nicht verlassen habe. Vielmehr ist es so, dass sie sich von mir entfernen. Also gehst du zu jenen Menschen, die große Sehnsucht danach haben, die göttliche Vollkommenheit in sich selbst wieder zu spüren und säst die Frage ‚Wer ist wie Gott?‘ in ihr Bewusstsein. Deshalb arbeitest du mit Michael zusammen, er ist Frage und Antwort zugleich. Gemeinsam sollt ihr den Menschen die Kraft geben, diese Aufgabe trotz potentieller Rückschläge weiter zu verfolgen, um irgendwann die Lösung zu finden.“ Wieder hielt er inne, nippte erneut von seinem Getränk und beobachtete Micah aufmerksam.

„Hast du Fragen?“

„Hmm“, Micah kratzte sich ratlos den Kopf. „Gott, du verwendest ein paar Begriffe, die ich nicht verstehe.“

„Die da wären …?“

„Leid, Sehnsucht, Rückschläge – nur, um mal einige zu nennen.“

„Wenn ich das richtig verstehe, dann begreifst du meine Erklärung genauso wenig, wie jene von Michael?“ Micah schlug die Augen nieder.

„Ja“, meinte er betrübt und raschelte seine braunen Schwingen.

„Tja“, murmelte Gott vor sich hin, „dann erkläre ich jetzt Mihr seine Aufgabe und dann schauen wir weiter, ja?“

Mihr nickte eifrig. Auch ihm waren viele Begriffe in Gottes Erklärung ein Rätsel geblieben, aber vielleicht würde er ja seine eigene Botschaft verstehen?

„Mein lieber Mihr, du hast einen spezielleren – aber ebenso bedeutenden – Auftrag. Du bist der ‚Engel der Liebe und Freundschaft‘. Es liegt in deiner Natur, zwischen den Menschen zu vermitteln und sie einander näherzubringen, damit sie in bedingungsloser Liebe zueinander, aufgehen. Das Wichtigste ist, dass ein Mensch für den anderen nur dann bedingungslose Liebe empfinden kann, wenn er sich selbst bedingungslos liebt. Für diesen Prozess seid ihr, du und Chamuel, zuständig. Du bist der Vermittler und die Beziehung, Chamuel ist, was vermittelt und in Beziehungen verwirklicht werden soll: die bedingungslose Liebe. Diese Liebe ist das Fundament, das zur eigenen göttlichen Vollkommenheit führt. Du, mein lieber Mihr, bist also derjenige, der die Menschen daran erinnert, wer sie sind. Du und Chamuel, ihr arbeitet mit Micah und Michael eng zusammen. Damit schließt sich der Kreis und wir lernen, dass alles miteinander verbunden ist.“ Gottes Blick ruhte immer noch hochkonzentriert auf Mihr. Nun war es an dem, die Stirn zu runzeln und leise vor sich hin zu seufzen.

„Ich sehe schon“, sagte Gott verschmitzt lächelnd, „du hast meine Worte auch nicht verstanden.“ Mihr nickte.

„Nein, leider nicht“, meinte er und fügte traurig hinzu: „Ich weiß doch nicht, was ‚bedingungslose Liebe‘ ist.“

„Meine Lieben“, erwiderte Gott väterlich, „dass ihr mich nicht versteht, liegt daran, dass ihr euch selbst noch nicht erlebt habt. Nichts desto weniger wisst ihr bereits eine Menge – nur, das reicht euch anscheinend nicht.“ Nachdenklich schlürfte er an seinem Getränk und blickte versonnen in den Garten hinaus.

„Und nun, Gott? Was sollen wir tun?“, fragte Micah.

„Euch erleben.“

„Was ist das? Sich erleben?“, fragte Mihr.

„Inkarnieren, zu Menschen werden“, antwortete Gott. „In der Welt der Gegensätze habt ihr die Möglichkeit, euch dessen bewusst zu werden, wer ihr seid, was ihr tut und wie ihr wirkt. Um zu wissen, wer ihr seid, müsst ihr erfahren, wer ihr nicht seid, um zu erfahren, was ihr tut, müsst ihr erleben, was ihr unterlasst, um euer wahres Wirken zu erkennen, müsst ihr Irrwege beschreiten.“

Mihr und Micah blickten einander ratlos an. Das Einzige, was sie verstanden hatten, war, dass sie eine Antwort erst finden konnten, wenn sie Menschen würden.

Wollten sie das? Wollten sie Menschen werden? Wenn sie ehrlich waren … wussten sie es nicht. Woher sollten sie das auch wissen? Was Menschsein bedeutet, können schließlich nur Menschen wissen. Mihr und Micah glaubten freilich, dass die Wege, die Gott empfiehlt, immer die besten waren. Also lachten sie Gott dankbar an und stimmten zu. Bevor es allerdings mit dem Inkarnieren losging, durften sie ihre Getränke noch austrinken.

Engelboom

Mächtige Betonstahlmauern ragten in die Dunkelheit und rahmten ein großes, wuchtiges Eisentor, so dass der Eindruck entstand, es werde ein Gefängnis beschützt.

Links und rechts des Portals waren kleine Kameras montiert, die leise summend ihre Runden drehten und jede Bewegung in ihre Objektive fassten. Das mächtige Tor zu öffnen, bedurfte eines akribischen Rituals, es zu durchschreiten, war nur Eingeweihten vorbehalten. Hatte man diese Hürden überwunden, stand man vor einer großen Anlage: einem fast unüberschaubaren Komplex, den ein Kiesweg durchquerte, welcher zum Zentrum führte: der ‚casa di angeli‘ oder dem Haus der Engel. Das Hauptgebäude der ‚Amnistiker‘-Sekte, ein gigantischer Prachtbau aus Stahl und Marmor, war von dem penibel zurechtgestutzten Grün eines Parks umgeben und strahlte luxuriöse Erhabenheit aus. Rechts von ihm befand sich ein kleines Gebäude, von der ein starker Seifengeruch ausging. Er mischte sich mit den sakralen Düften von Weihrauch und Myrre, die aus der ‚casa di angeli‘ sickerten.

Außerhalb des Parks, neben einer großen Kantine, ragten gewaltige Bürogebäude und die Schlote riesiger Fabriken in die Höhe und vermittelten den Eindruck reger Betriebsamkeit. Dies ließ einen Besucher leicht vergessen, dass er sich hier in einem hermetisch abgeschirmten Komplex befand. Entlang den Geschäfts- und Produktionsvierteln zog sich ein Wirrwarr von Gässchen, die von Wohnhäusern gesäumt waren, welche, abgesehen von wenigen Ausnahmen, beinahe identisch wirkten.

Es war 4:29 Uhr und vollkommen still. Das gesamte Areal befand sich in einem tiefen, fast narkotischen Schlaf, der so intensiv war, dass selbst der Wind es nicht wagte, am Laub der Bäume zu rühren. Der große Zeiger der Uhr auf der ‚casa di angeli‘ führte jetzt eine minimale Bewegung aus, welche die Stille jäh zerriss.

Bong-bong-bong, überdimensionale Glocken schlugen aneinander, zisch-zisch-zisch, zig Berieselungsanlagen auf dem kurz gehaltenen Gras begannen ihr Werk. Gleichzeitig dröhnte aus unzähligen Lautsprechern ein grauenvolles Geheul in jeden noch so abgelegenen Winkel der Anlage. Alle Lichter gingen mit einem Schlag an und ließen die Stadt hell erleuchten. Nach 15 Minuten hörte der ganze Spuk auf und hinterließ nur noch das leise Zisch-zisch-zisch der Sprinkler, als mahnende Erinnerung. Es dauerte nicht lange und die Straßen belebten sich mit Gestalten in braunen Gewändern, die alle dasselbe Ziel verfolgten: das seifig riechende Gebäude neben der ‚casa di angeli‘, über dessen Haupteingang in großen Lettern „Waschhaus“ geschrieben stand.

Sie zogen ihre Sandalen aus, entledigten sich ihrer Kleidung und begannen mit dem, was sie eine ‚Rituelle Waschung‘ nannten. Aus unzähligen Wasserhähnen und Duschköpfen strömte heißes, mit ätherischen Ölen und Seife versetztes Nass, das die gesamte Waschhalle vom Boden bis zur Decke eindampfte. Kurze Formeln, sogenannte Mantras murmelnd, wurde die Waschung exakt und pflichtgemäß ausgeführt: vier Spitzer hier, drei Spritzer dort, Gesicht und Körper nicht vergessen. Das alles war nötig, um die Werkzeuge – wie die Schwingen der Engel genannt wurden – eines Tages zum Sprießen zu bringen. So hieß es zumindest auf Plakaten und Transparenten, die hier allerorts für das Ritual warben: Die eigens und minutiös festgelegte Rückenwaschung, die jeweils am Nachbarn vollzogen wurde, begleitet von speziellen Mantras, die den Wachstumsprozess einleiten und später aufrecht erhalten sollten.

Nach dieser Reinigung begaben sich alle in die Meditationshalle, der ‚casa di angeli‘, einem großen Saal aus Marmor, der in schummriges Licht getaucht war. Auf dem Boden waren helle Sitzkissen ausgelegt, die dem Hereinkommenden Platz boten, ihn aber zugleich zwangen, in der vorgeschriebenen Position des Lotussitzes, zu verharren. Wer sich im Lauf der Meditation allzu sehr hängen ließ, dem wurde von einem der umherlaufenden Wächter mit einem Rohrstock ein kurzer Hieb auf den Rücken versetzt.

Männer und Frauen nahmen Platz und begannen, jeder für sich, Mudras durchzuführen – jene, mit dem Aufsagen einzelner Buchstabenfolgen verbundenen Handgesten, welche die Energiezentren des Körpers, die so genannten Chakren, nacheinander aktivieren und ihre Energien fließen lassen sollten. Aufpasser kontrollierten die korrekten Handstellungen, die den Buchstabenfolgen entsprechen mussten, und die vorgegebene Reihenfolge der Mudras.

Diese Praktiken – so die ‚Amnistiker‘ – halfen, die Stufen auf dem Weg zur vollkommenen Umwandlung des menschlichen Körpers, in die feinstoffliche Wesenheit eines Engels zu erklimmen. Deshalb waren Mantras und Mudras fester Bestandteil des Alltags und wurden, genau wie die rituellen Waschungen, jeden Morgen vollzogen.

Jeder bevorzugte seine individuelle Geschwindigkeit, so dass sich der Saal nach und nach leerte. Bald hatten sich alle in der Kantine eingefunden, um ihr Frühstück einzunehmen. Von Müsli über Brot und Aufschnitt, bis hin zu Kaffee und Tee gab es alles, was das Herz begehrte. Schließlich war das Frühstück die wichtigste Mahlzeit, denn sie bereitete auf einen langen, anstrengenden Tag vor, der bis in die späten Abendstunden hinein, straff organisiert war.

Während ein Teil der Männer und Frauen als Kolonne in die Fabrikgebäude einmarschierte, arbeiteten andere im Büro oder Laboratorium. Die Sekte finanzierte sich nicht nur durch die Spenden gut situierter Mitglieder, sondern vor allem mit Hilfe der Produktion, der Vermarktung und dem Verkauf von Dingen, die sich in vielerlei Hinsicht mit dem Thema Engel befassten. Von Engelkartendecks, Engelfiguren, Engelkunst, Engelliteratur bis hin zu einer eigenen Kleidermarke – hier gab es nichts, wo ein Engel nicht hineinpasste. Was die ‚Amnistiker‘ hinter den dicken Mauern ihrer Zentrale nicht selbst produzieren, regulieren und vermarkten konnten, wurde den auf der ganzen Welt verstreuten Zweigstellen übertragen. Selbst in so gewichtigen Projekten wie Kino-Filmen mit hochkarätigen Schauspielern, konnten durchaus ‚Amnistiker‘ ihre Finger im Spiel haben. Das war vor allem dann sehr wahrscheinlich, wenn ein oder mehrere Engel Teil der Handlung waren. Die ISSIM, wie sich die Sekte im Geheimen bezeichnete – ein Begriff hebräischen Ursprungs, das mit Adlige, Prinzen oder Herren übersetzt wird – trugen mit ihren regen Unternehmungen dazu bei, einen Engel-Boom auszulösen, der sich seit einigen Jahren überall auf dem Globus bemerkbar machte. Sie waren diejenigen, die das Bild des Engels in der Öffentlichkeit, wenn auch nicht beherrschten, so doch maßgeblich mitbestimmten.

In den Büro- und Fabrikräumen des Komplexes hingen zahlreiche Appelle, in denen der Dienst am Engel gelobt wurde. „Zeigt den Menschen, was Engel sind“ oder „Offenbart ihnen, was sie werden können“ stand überall und in allen möglichen Formen geschrieben. Die Mitglieder erhielten als Entgelt, neben der Übernahme aller Zahlungen der Renten- und Krankenversicherungs- sowie sonstiger Beiträge, Kleidung für alle Anlässe sowie freie Kost und Logis. Der Arbeitstag betrug, je nach Erfordernis, acht bis zehn Stunden und wurde nur von der Mittagspause unterbrochen, in der die Menschen zur Kantine strömten und sich an einer Auswahl leicht bekömmlicher Gerichte gütlich tun konnten, die den Magen nicht belasteten und den Kopf frei hielten.

In der neunzigminütigen Mittagsruhe wurde es gerne gesehen, wenn man sich in der Bibliothek aufhielt, um unter anderem die zwei Teile des ‚Engel-Almanachs‘ der Großmeisterin und Gründerin der ‚Amnistiker‘ Ida B. zu studieren:

Im ersten Teil des Werks beschrieb die Großmeisterin das vollkommene Wesen und Wirken der Engel; welche es gab, wie man sie rief, wie man mit ihnen umging und was man dabei zu beachten hatte. Die Frage: „Wer ist wie Gott?“, die sie am Ende des ersten Teils stellte, beantwortete sie ganz klar mit: „Der Engel!“ Die Engelwesen, so stellte sie hier fest, seien vollkommene Geschöpfe Gottes. Sie seien den Menschen, bei denen es sich um unvollkommene, lasterbehaftete irdische Wesen handle, weit überlegen. Den Engeln sei nicht die Bürde des ewigen Kreislaufs der Inkarnation auferlegt worden. Sie dürften, im Gegensatz zu dem sich quälenden Menschen, bei Gott sein. Gott, so formulierte sie, hätte die Menschheit erschaffen, damit sie sich würdig erweise, in seine Engelsschar aufgenommen zu werden. Sie müsse sich ihre Flügel verdienen und hätte dafür einige Herausforderungen zu bewältigen.

Dann verwies die Großmeisterin auf den zweiten Teil ihres Werks, in dem sie all jene Gesinnungsänderungen, Rituale, Handlungen und Praktiken beschrieb, welche die Verwandlung des Menschen in einen Engel nicht nur auslösten, sondern beschleunigten und zum Abschluss brachten. Den Menschen, die sich ihr angeschlossen hatten und in Zukunft anschließen würden, versprach sie ewiges Heil und Glückseligkeit. Am Endpunkt des zweiten Teils stellte sie noch einmal die Bedeutung des Dienstes am Engel deutlich heraus. Dieser diene vor allem dazu, den Unwissenden und Ungläubigen die Augen zu öffnen, denn auch sie sollten eines Tages folgen und Gottes Gnade erfahren, ein Engel werden zu können.

Um sicher zu gehen, dass sie sich alle Mitglieder gut einprägten, wurden die Botschaften außerdem mehrmals in der Woche in E-Mails verpackt und an jeden Haushalt verschickt. Der heimische PC war ein Geschenk der Obrigkeit, das ausnahmslos jedem zustand. Er war für alle Zwecke gut gerüstet, nur Internet war streng verboten. Dies war, genauso wie die Möglichkeit, in die Außenwelt zu telefonieren, nur auf der Arbeit und vornehmlich in den Büros gestattet. Das Intranet war, genauso wie das Telefonnetz, gut überwacht. Gespräche wurden abgehört und Mails geprüft. Niemand war vor den wachsamen Augen der Großmeisterin sicher. Wer sich ihr verschrieb, tat dies mit Leib und Seele.

Nach Feierabend strömten die Mitglieder wieder in die Mensa, um ihr Abendmahl einzunehmen. Danach versammelten sie sich in der heiligen Halle der ‚casa di angeli‘, um Gott und den Engeln in sakralen Handlungen zu huldigen, die im Wesentlichen aus Gebeten, Liedern und Räucheropfern bestanden. Dieser Dienst dauerte etwa eineinhalb Stunden. Eine Zusammenkunft schloss sich an, während derer die Mitglieder, die nach einem Losverfahren gezogen wurden, auf einem Podium von ihren Engelbegegnungen, eventuellen Fortschritten ihrer eigenen Verwandlung, aber auch von ihren Ängsten und Zweifeln berichteten. Ranghohe Mitglieder führten diese öffentlichen Zusammenkünfte an und gaben darauf Acht, dass keine Kritik am System der ‚Amnistiker‘ aufkam.

Gegen 23 Uhr war Bettruhe geboten. Die war auch bitter nötig, denn in fünfeinhalb Stunden würde der nächste Tag beginnen. Den krönenden Abschluss einer solchen Fünf-Tage-Woche bildete der Besuch der Großmeisterin samt ihres ranghöchsten Getreuen. Die beiden residierten auf einem außerhalb der Anlage gelegenen Grundstück – das von dichten Wäldern umgeben und vollkommen geschützt lag – und reisten alle zwei Wochen mit dem Privatjet an.

Ida hatte Kopfschmerzen. Nein, das Reisen per Flugzeug tat ihr nicht gut, aber es war die schnellste Möglichkeit, die Zentrale zu erreichen und als Person des öffentlichen Lebens ungesehen zu bleiben. Sie fühlte sich müde und ausgelaugt und war überhaupt nicht in der Laune, einen Besuch abzustatten, aber dieser war nun einmal notwendig, die Organisation bedurfte der regelmäßigen Inspektion. Ida wollte ihren Kenntnisstand um die Entwicklung ihrer Schäfchen bestätigt wissen, schließlich war es nur auf diese Weise möglich, herausragende Talente auszuwählen und gezielt einzusetzen und zwar sowohl in spiritueller, als auch in weltlicher Hinsicht. Noch, so kam ihr in den Sinn, hatte ihre Methode keinen Durchbruch erzielt. Keiner ihrer Zöglinge – und das traf sowohl auf die in der Zentrale, wie auch auf die in den Zweigstellen untergebrachten Mitglieder zu – hatte sich bisher in einen Engel verwandelt, selbst sie nicht oder ihr engster Vertrauter, auch wenn sie beide spirituell besonders weit waren. Aber, so beschwichtigte sie sich, ein derart grundlegender Veränderungsprozess bedurfte einiger Zeit, das ging nicht von Heute auf Morgen. Das hatte sie in ihrem Werk, dem ‚Engel-Almanach‘, deutlich herausgestellt.

Sie blickte zu Victor hinüber, ihrem Vize-Großmeister, der ihr, den Kopf leicht geneigt, gegenüber saß und leise vor sich hin schnarchte. Auch das heutige ‚Große Gespräch‘ und die Engelssitzung würde er, wie immer, aus dem Verborgenen heraus leiten. Vorher mussten sie jedoch dieser und jener Filiale einen Besuch abstatten, schließlich ging es um die Koordinierung und Überwachung der Sekte an sich und der unglaublich großen Produktions-, Vermarktungs- und Verkaufsmaschinerie, deren Leitung in ihren und Victors Händen lag. Er lenkte mit ihr zusammen die Geschicke und stand Ida beratend zur Seite, und, das wusste sie genau, er würde keine Rücksicht auf ihre Müdigkeit nehmen. Victor würde ihr sagen, dass sie sich zusammenreißen soll. Er würde ihr sagen, dass sich der Aufwand lohne, er würde auf die unzähligen Erfolge bei der Verbreitung des Engelsglaubens verweisen und ihr erklären, dass sie sich auf dem richtigen Weg befanden. Ida nahm einen Schluck von ihrem Mineralwasser und blickte gedankenverloren zur Decke. Ihre Sache musste einfach gut sein, dachte sie sich und erinnerte sich an die Anfänge der ‚Amnistiker‘-Idee, die weit, weit in ihre Kindheit zurückreichten.

Seit Ida denken konnte, hatte sie Engel sehen können. Jene zarten, geflügelten Wesen, die, so fand sie, im besten Sinne vollkommen waren. Ida wandte den Kopf zur Seite und blickte zum Erzengel Michael, der neben ihr saß, zum Fenster hinausschaute und die weiße Wolkendecke betrachtete. Er war ihr ständiger Begleiter und permanent präsent, wenn auch nicht immer sichtbar. Er mischte sich nicht in ihre Angelegenheiten ein, es sei denn, es bestand für Ida unmittelbare Lebensgefahr oder sie bat ihn um Rat – dann schritt er ein.

Ida verstand einfach nicht, warum er sie bei ihrem Vorhaben, die Menschen in Engel zu verwandeln, nicht tatkräftig unterstützte. Gerade er, dessen Name die Frage „Wer ist wie Gott?“ bedeutet, musste doch wissen, dass nur Engel wie Gott waren.

Er sagte, dass ihm die Menschen am Herzen lägen. Warum also half er ihr nicht, sie zu göttlichen Wesen zu machen? Warum half er nicht, sie vor dem Untergang zu retten? Wenn sie ihre Unzufriedenheit angesichts seiner Passivität ansprach, erwiderte er stets dasselbe:

„Ich bin immer für dich da, aber ich lebe nicht dein Leben. Ich unterstütze dich in deinem Selbsterkenntnis-Prozess, aber ich löse nicht deine Aufgaben. Ich kenne die Antwort auf die Frage, wer wie Gott ist, aber du kennst sie ebenso. Sie ist in deinem Herzen, sieh dorthin, dann weißt du es.“

Ida sah hin und die Antwort lag vor ihr:

‚Nur Engel sind wie Gott‘, sagte sie sich immer wieder und blickte voll Trauer und Enttäuschung auf die Werke der Menschen. Nein, ein so boshaftes, machtgieriges und brutales Wesen wie der Mensch, der die Erde durch sein verantwortungsloses Verhalten in den Untergang trieb, konnte niemals so wie Gott sein. Ida sprach den Menschen – und damit auch sich selbst – das Vermögen, vollkommen zu sein, ab! Sie seufzte leise vor sich hin und dachte an die Produkte, die sie herstellen, vermarkten und verkaufen ließ. Ja, sie versuchte alles, soweit es ihr möglich war, menschen- und umweltfreundlich abzuwickeln, aber oft, so hatte ihr Victor immer wieder vor Augen geführt, ließen sich die gesetzten Ziele nur mit einer gewissen Strenge und Rücksichtslosigkeit umsetzen. Wenn Menschen und Umwelt darunter litten und zu Schaden kamen, dann musste man das eben erst einmal hinnehmen.

Sie hatte Gutes im Sinn und auch wenn ihre Mittel nicht immer optimal waren, so waren die Beweggründe doch sehr edel. Allein schaffte es die Menschheit nicht, sie musste ihr helfen. Nicht umsonst, dachte sie, hatte man ihr Michael zur Seite gestellt. Er würde ihr und allen Mitgliedern der ‚Amnistiker‘ das nötige Rüstzeug verschaffen, um in Duldsamkeit und Demut das Vorhaben, zu Engeln zu werden, durchzuführen. Dann würde sie die Frage „Wer ist wie Gott?“ in die Herzen aller Menschen tragen können, damit diese erkennen, dass dies die Engel sind. Sicher, noch interessierten Frage und Antwort nur jene, welche – wie sie – die brennende Sehnsucht nach der Vollkommenheit Gottes in ihrem Herzen verspürten, aber bald würde der Engelboom so weit um sich greifen, dass auch der Ungläubigste erfasst würde. In Idas Augen blitzten wieder Mut und Tatendrang auf.

„Michael?“ Der Engel blickte sie mit rehbraunen Augen aufmerksam an.

„Ja?“

„Sag mir, dass alles gut wird“, bat Ida, wie schon viele Male zuvor.

„Alles wird gut“, Michael lächelte.

Die Sonne verschwand gerade am Horizont, als der Privatjet auf dem kleinen Flugplatz landete. Mit langen Umhängen, deren Kapuzen sie tief in die Stirn gezogen hatten, markierten Fackelträger die Landefläche und boten so den festlich gekleideten Kolonnen des Begrüßungskomitees Orientierungspunkte, an denen sie sich aufstellen sollten. Alle ‚Amnistiker‘ hatten sich hier versammelt, denn die Ankunft der Großmeisterin und ihres Gefolgsmanns war ein bedeutendes Ereignis und wollte bejubelt werden.

Während sich die Tür des Fliegers langsam öffnete, herrschte unter den Zuschauern atemlose Stille. Da! Ein Schatten vor der Luke. Wer konnte das sein? War es der stellvertretende Großmeister Victor oder die Großmeisterin Ida höchstpersönlich? Niemand wusste es. Sie lösten sich in der Reihenfolge beim Verlassen des Jets ab und trugen dabei immer tiefe Kapuzen, die ihre Gesichter verdeckten. Beide waren etwa gleich groß, was die beabsichtigte Verwirrung unterstützte. Verhüllt standen sie eine ganze Weile lang schweigend nebeneinander. In den Zuschauerreihen herrschte atemlose Stille. Tosender Applaus brach aus, als sie die Schleier ihrer Identität lüfteten und die Zuschauer erkannten, wer wer war.

„Willkommen daheim, Herrin.“ Georg, der Zentralleiter, schritt auf die Meisterin zu, verbeugte sich tief und deutete einen Handkuss an. Dann ging er zu Victor hinüber und begrüßte diesen auf dieselbe Art und Weise. Eine schwarz gekleidete Gestalt stellte flugs ein Ständermikrofon vor sie. Ida trat einen Schritt vor.

„Meine geliebten Getreuen“, eröffnete sie ihre Rede und erntete sofort tosenden Applaus. „Ich grüße euch“, fügte sie hinzu, nachdem sich der Tumult so weit wieder gelegt hatte, dass sie fortfahren konnte. „Auch heute haben wir uns hier versammelt, um der Stunde zu gedenken, da die Gründung unserer Vereinigung erfolgte. Jetzt werden mein Adlatus und ich die weltlichen und spirituellen Fortschritte und Errungenschaften unserer Vereinigung begutachten. Ich blicke durch unsere Reihen und sehe Menschen mit viel Potential. Wer von euch hat sich seines Dienstes als würdig erwiesen? Wer hat Außergewöhnliches geleistet? Wir werden sehen und …“ sie hielt kurz inne, erhob die Stimme und fuhr würdevoll fort, „wer weiß, vielleicht ist ein Auserwählter dabei!“ Um ihre Aussage zu unterstreichen, nickte sie bestimmend. „Dieser, so schwöre ich bei meinem Amt, wird die Ehre einer persönlichen Audienz erhalten.“

Sie schloss ihre Rede mit einer feierlichen Verbeugung und begann, von Victor begleitet und von Georg angeführt, den schmalen Kiesweg zu beschreiten, der durch die Reihen ihrer Anhänger führte. Sie ging langsam, schenkte den Frauen und Männern ihr schönstes Lächeln und schüttelte dem einen oder anderen, der ihr besonders hingebungsvoll zujubelte, auch die Hand.

Allmählich zerstreuten sich die Zuschauer und begaben sich in ihre Behausungen, um sich auf das ‚Große Gespräch‘ und die anschließende Engelssitzung vorzubereiten.

Georg und jene Mitglieder, die Schlüsselpositionen innehielten und deren Anwesenheit deshalb erforderlich war, erläuterten der Herrin und dem Herrn die unterschiedlichen Produktionsprozesse und Projekte, sowie deren Entwicklungsstand. In Wahrheit standen aber weniger die Fortschritte im Fokus des Interesses, als vielmehr die sich aus den vielfältigen Aufgaben ergebenden Probleme, die eben nicht so ohne Weiteres über Telefon und E-Mail zu lösen waren, sondern ihre persönliche Anwesenheit erforderten. Wenn es nötig war, wurden am darauffolgenden Tag mehrere Sitzungen anberaumt, in denen über die verschiedenen Möglichkeiten der zu bewältigenden Herausforderungen diskutiert wurde. Heute, so stellten Ida und Victor erleichtert fest, konnten sämtliche Schwierigkeiten umgehend aus der Welt geschaffen werden.

„Sag mal, Georg“, fiel Ida ein, bevor sie sich verabschiedeten, „dieser, wie hieß er doch …?“, Ida grübelte, „ah ja, Sebastian! Dieser Sebastian, hat er sich in dieser Woche wieder so vortrefflich für das Geschäft eingesetzt?“

„O ja, Herrin“, antwortete Georg mit einem Kopfnicken, „er ist an sich unauffällig, aber sehr intelligent und hat immer gute Ideen, die unsere Projekte schneller voranbringen. Auch hörte ich, dass er in der Ausführung der Mudras sehr gewissenhaft sei und sehr gründlich arbeite. Viele Mitglieder lassen sich von ihm in die Kunst der Reinigung einführen, dabei ist er noch gar nicht so lange bei uns.“

„Aha“, Ida nickte Victor zu, der sie mit einem wissenden Blick bedachte. „Gut, wir danken dir, Georg. Wir treffen uns in einer Stunde zum Gespräch, derweil ziehen wir uns in unsere Gemächer zurück.“

Zum ‚Großen Gespräch‘ versammelte man sich in der Kantine. Es handelte sich um eine offizielle Veranstaltung, in deren Rahmen jene Mitglieder, die sich im spirituellen und, oder im weltlichen Bereich verdient gemacht hatten, benannt und geehrt wurden. Ab und an kam es vor, das war bekannt, dass die Großmeisterin dem einen oder anderen dieser Gewissenhaften, die besondere Ehre einer Audienz zuteil werden ließ.

Im Speiseraum der Kantine war ein Podest aufgestellt, auf dem sowohl ein Pult, als auch ein Tisch mit Sitzgelegenheit bequem Platz fanden. Von hier aus konnte man bis in die hintersten Tischreihen blicken.

Ida hatte mit Victor an einer, mit erlesenen Speisen bedeckten, Tafel Platz genommen. Zufrieden nahm sie zur Kenntnis, dass der Raum, wie üblich, zum Bersten gefüllt war.

Georg betrat den Saal, stieg aufs Podium und bat, mit Hilfe einer kleinen Glocke, um Ruhe. Die Gespräche erstarben und alle Aufmerksamkeit richtete sich auf die Bühne.

„Meine lieben Brüder und Schwestern“, eröffnete Georg seine Rede, „ich heiße euch herzlich willkommen zu dieser erlesenen Stunde, da wir uns hier versammelt haben, um gemeinsam Gottes Früchte zu teilen und all jene zu ehren, die durch ihren spirituellen und, oder weltlichen Einsatz positiv aufgefallen sind.“ Er machte eine kurze Pause und öffnete umständlich eine Schriftrolle. „Ich lese jetzt Namen vor. Die Genannten erheben sich bitte von ihrem Platz, um uns zu ermöglichen, ihnen gebührend zu huldigen.“

Georg las die Namen mehrerer Männer und Frauen vor, die sich nacheinander erhoben, nach vorn gingen und ein kleines Geschenk empfingen, das mit einem bedeutungsvollen Kopfnicken der Herrschaften übergeben wurde. Schließlich fiel der Name Sebastian Z. In einer der hinteren Reihen, an denen vornehmlich neue Mitglieder saßen, erhob sich die athletische Gestalt eines jungen, hochgewachsenen Mannes.

Ida kniff die Augen zusammen und betrachtete ihn interessiert. Ja, er hatte zweifelsohne etwas Faszinierendes an sich. Anders als die Vorgenannten, die aufgeregt emporfuhren und mehr oder minder zum Podium gehastet waren, strahlte er durch seinen ruhigen, ja fast gelassenen Gang Würde und Großmut aus, was Ida außerordentlich beeindruckte. Sein ebenmäßiges Gesicht strahlte freundliche Herzlichkeit aus und, so vermutete Ida, musste auf jeden entwaffnend wirken. An irgendjemanden erinnerte sie dieser junge Mann, an wen, das konnte sie noch nicht feststellen.

„Schau ihn dir an, Victor, er hat was, findest du nicht?“

„Er ist ein kluger Kerl“, brummelte der brünette Mittvierziger kurz durch seinen Schnauzbart.

„Ja, das dachte ich auch gerade“, antwortete Ida nachdenklich.

Victor runzelte die Stirn. „Mach dir mal in dieser Hinsicht nicht allzu viele Hoffnungen“, meinte er und blickte sie aus blaugrauen Augen skeptisch an.

„Wir werden sehen, wir werden sehen“, flüsterte Ida und zwinkerte ihrem Intimus zu. Dann sah sie in die wachen Augen Sebastians und fügte dem üblichen Kopfnicken noch ein flüchtiges Lächeln bei, das der junge Mann sofort zurückgab.

Nach dieser letzten Auszeichnung begaben sich die Mitglieder nach und nach in den Audienzraum der ‚casa di angeli‘, wo alle Zusammenkünfte abgehalten wurden, die des Einsatzes modernster Multimedia bedurften. Die Ausstattung, ansonsten ähnlich der des Speiseraums, wurde hier jedoch durch eine Bühne ergänzt, deren Vorhänge die Ereignisse dahinter, gerade noch verbargen. Nach und nach nahmen die Mitglieder Platz. Im Hintergrund ertönten zarte Harfenklänge, gerade laut genug, um im allgemeinen Getuschel nicht unterzugehen. Nach einiger Zeit betrat Georg die Bühne und bat mit seinem Glöckchen um Aufmerksamkeit.

„Liebe Brüder und Schwestern“, hub er an, „ich begrüße euch herzlich zur heutigen Engelssitzung.“ Applaus donnerte ihm entgegen. So dezent er gekommen war, verschwand Georg zwischen den leise raschelnden Vorhängen. Unter den Zuschauern herrschte atemlose Stille. Während das Licht immer schwächer und schwächer wurde und schließlich ganz erlosch, machten die zarten Harfenklänge im Hintergrund allmählich einer exotischen Melodie Platz. Sie wurde lauter und lauter und mündete schließlich in einen bombastischen Trommelwirbel, der von Basstönen begleitet, allen Anwesenden unter die Haut fuhr. Die Bühnenvorhänge öffneten sich raschelnd und boten dem Blick eine aufwendige Lichtshow, die den faszinierten Zuschauern „Ooohs“ und „Aaahs“ entlockte und die Sinne berauschte. Sie wich einem hellen Strahl, der von meditativen Klängen begleitet, so lange suchend über die Bühne fuhr, bis er auf einer Gestalt verweilte. Der Spot lag auf langem, kupferrotem Haar, dessen Besitzerin mit geschlossenen Augen, in der meditativen Haltung des Lotussitzes, verharrte. Beim Anblick Idas setzte ein tosender Beifallssturm ein, der nur nach und nach erstarb. Mehrere Minuten lang verharrte die Meisterin weiter in ihrer Position. Dann öffnete sie die Augen und die Musik verstummte. Sofort brach wieder Applaus aus. Dankend schenkte sie ihren Zuschauern ihr schönstes Lächeln.

„Guten Abend, meine Brüder und Schwestern, ich grüße euch“, säuselte sie schließlich in ihr Headsetmikrofon. Als der Beifall verebbt war, fuhr sie fort:

„Die Engel sind stolz auf euch. Es wir die Zeit kommen, da werden uns im wahrsten Sinne des Wortes, Flügel wachsen. Wir werden uns zum Firmament erheben und den Menschen die frohe Botschaft einer neuen Welt bringen, die von unser aller Erleuchtung gespeist, in Gottes Licht aufgehen wird. ‚Alle Menschen können Engel sein‘, werden wir zu ihnen sagen. Wir werden Gottes Werk vollbringen und ihm alle Wesen zuführen, auf dass eine neue Ära beginnt: das Lichtzeitalter der Engel.“ Um ihre Aussagen zu untermauern, hob Ida feierlich ihre Arme gen Himmel und fügte hinzu: „So sei es!“

„So sei es, halleluja“, antworteten die Zuschauer wie aus einem Munde und streckten ebenfalls die Arme hoch.

„Heute“, fuhr Ida würdevoll fort, „gebe ich die frohe Kunde, dass ich einen von euch“, sie streckte ihren Arm aus und zeigte in die Menge, „auserwählt habe.“ Jetzt zeigte sie mit dem Finger auf den Platz neben sich. „Eine oder einer wird hier sitzen, die oder der sich durch herausragende Leistungen verdient gemacht hat.“

Kaum hatte die Meisterin dies ausgesprochen, huschte eine in schwarzen Stoffen gekleidete Person über die Bühne und brachte ein weiteres Sitzkissen, das sie neben Ida platzierte. Die meditative Hintergrundmusik wurde von Trommelwirbel abgelöst.

„Diese auserwählte Person i-hiist …“, sie erhob die Stimme und machte eine bedeutungsschwangere Pause, „… Sebastian Z.!“ Ida machte eine einladende Handbewegung und schaute suchend in das Dunkel vor sich. „Sebastian, komm zu mir!“ Ein Scheinwerfer sprang an, dessen Fokus die Sitzreihen absuchte, bis er den jungen Mann fand. Er saß auch hier in einer der hinteren Reihen. Der junge Mann erhob sich lächelnd und schritt gemessen auf die Bühne zu. Mit höflicher Geste verweigerte ihm die Meisterin den üblichen Handkuss und legte ihm stattdessen freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Nachdem auch er mit einem Mikrofon versehen war, forderte Ida ihn auf, sich neben sie zu setzen.

„Berichte uns, lieber Sebastian, wie steht es um deine spirituelle Entwicklung?“, fragte Ida und erkannte, dass sein Schutzengel unmittelbar hinter ihm stand.

„Was soll ich berichten? Ihr seid über alles sicherlich im Bilde“, antwortete Sebastian mit sanfter Stimme und schaute Ida aus hellbraunen Augen aufmerksam an. „Gerne möchte ich aber unserer Gemeinde etwas sagen“, fügte er liebenswürdig hinzu und sandte den Zuschauern ein herzliches Lächeln.

„Sehr viele von euch“, begann er, während sein Blick durch die Reihen seiner Mitjünger wanderte, „haben die Fähigkeit des Hellriechens. Schnuppert mal“, forderte er sie auf. Zufrieden vernahm er, wie alle, einschließlich der Meisterin, in den Raum hineinschnüffelten. „Na? Was riecht ihr?“, fragte er mit einem Seitenblick auf die Meisterin. ‚Der Mann ist gut‘, dachte Ida, während sie Sebastian anerkennend zunickte. Hände streckten sich Sebastian entgegen. Er wies auf eine Frau und fragte: „Ja? Was riechst du?“

„Birnen“, antwortete sie.

„Richtig“, erwiderte Sebastian erfreut und erhob sich von seinem Kissen. „Und wisst ihr, warum es nach Birnen riecht?“ Wieder schaute er fragend in die Menge. Er erblickte einen eifrigen, jungen Mann, der besonders engagiert mit dem Finger schnippte. „Du!“, sagte Sebastian, „du kannst es uns sicher sagen.“

„Das ist dein Schutzengel“, antwortete dieser.