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Gniri Noromadi: Rückkehr zum Ursprung (Bd.2) - Die Menschenfrau Noromadi ist eine Mittlerin zwischen den Welten. Gemeinsam mit ihrem Geliebten, dem Dhàrdhats Iefîs, begibt sie sich im Auftrag der Heilerin Pythera auf die Reise zu den Menschen, um sie an die Existenz der Naturwesen zu erinnern. Sie und Iefîs sollen die Welten einen – innerlich sind beide jedoch vollkommen zerrissen, denn eine noch viel stärkere Sehnsucht treibt sie um: Sie möchten heiraten und eine Familie gründen. Aber, ist so etwas mit einem Naturwesen überhaupt möglich – oder ist es ein fataler Fehler, ein Kind zeugen zu wollen, das als Mischling in der Welt der Menschen nicht leben kann und bei den Naturwesen ein Geächteter ist? Wie lautet die Lösung – und wo endet sie? Wo führt sie die Liebe hin und wo lauert der Abgrund?
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Seitenzahl: 603
Veröffentlichungsjahr: 2014
Alina Tamasan
GNIRI NOROMADI
RÜCKKEHR ZUM URSPRUNG
Band 2
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Covergestaltung Winfried Dung
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Sîn-sùnia (Schwanger)
Àrahìh (Rückbesinnung)
Iür-konàthr (Wiedersehen)
Ùs-quat (Aufwachen)
Tòs-fthàri (Esskultur)
Àie-fîkhth-tat (Vorbereitungen)
Hìtiaf-òi (Hochzeit und mehr…)
Gar-chia fiàt (Neue Konzepte)
Fiantu-nak’téfi (Auf der Bühne)
Uerom’nat quat (Offene Elemente)
Tsahtheri hàrîth (Elternpflichten)
Zag-wghiad | hus-wdhàr (Der Kreis schließt sich)
Epilog
Personenverzeichnis
Stichwortverzeichnis
Zeichen der Naturwesensprache
Endnoten
Der Ort, an dem sie sich befand, war ihr vollkommen unbekannt und zugleich sehr vertraut: Sie stand inmitten einer blühenden Wiese, die von dichten Bäumen umgeben war. Nàsan-thöer1, schoss es Noromadi durch den Kopf, als sie den würzigen Duft der Blüten einatmete und die wärmenden Sonnenstrahlen auf ihrer Haut spürte.
‚Vollkommen untypisch für einen kalten Herbst, es ist wie… Sommer, der Sommer in meinem Kopf.‘ Sie sah versonnen an sich herunter und stellte nüchtern fest, dass sie vollkommen nackt war, doch nicht nur das, auch ihre Gestalt war eine andere: Das dichte dunkle Haar war ihr geblieben, doch hatte sie die gnirischen Gesichtszüge Nàsans erhalten und ihr langer schlanker Körper schimmerte blass und hatte die Haut eines Dhàrdhats angenommen. Sie betrachtete sich und überlegte, ob sie diesen Mix nicht komisch finden sollte, misslich und so gar nicht zueinander passend, aber es war nicht so! Nein, gar nicht! Alles fügte sich harmonisch zueinander, dass es vollkommen natürlich aussah. Noromadi erkannte, dass sie jetzt die Summe aller Inkarnationen bildete: die einer Gniri, eines Menschen und eines Dhàrdhats.
Sie alle formten ihren geistigen Körper, und hier, an diesem geistigen Ort eines gemeinsamen Traums, hatte sie sich mit Iefîs verabredet, ihrem Mann im Geiste, und mit ihm würde sie sich heute vereinen.
Sie lächelte und sah sich um, denn es war noch jemand da, das fühlte sie ganz deutlich. Sie blickte unmittelbar in das Gesicht eines Wesens, dessen nackte Gestalt ebenso aus mehreren Puzzleteilen verschiedener Inkarnationen zu bestehen schien, nur fehlte ihm der Menschenanteil. Seine Augen waren silbern und rund wie die der Gniri, sein Gesicht und die Ohren hatten Ähnlichkeit mit denen von Dhàrdhats. Seine schmale und sehnige Gestalt überzog eine schlammfarbene seidige Haut. Es war sehr groß, viel größer als sie. Seine Haare waren borstig und doch ringelten sie sich in Locken um sein feines Gesicht.
Noromadi ergriff seine Hände und sah ihm in die Augen. Ja, dieser Blick war ihr vertraut. Sie kannten sich, und nicht erst seit der Inkarnation als Nàsan und Kìtse. Das erste Kennenlernen lag viel, viel weiter zurück, vor der Zeitrechnung der Menschen und der Naturwesen. Sie zog ihn an sich und spürte die Wärme seiner Haut, dann vernahm sie seinen Herzschlag– den geistigen Herzschlag einer Existenz, die schon sehr lange lebte.
„Ich liebe dich“, hörte sie Iefîs sagen. Seine Stimme klang wie ein Echo, das der Wind an ihr Ohr trug. Er beugte sich zu ihr und küsste sie innig. Als sich ihre Lippen berührten, meinte sie das Blut durch die Adern seines sehnigen Körpers pulsieren zu spüren und sie zog sich überrascht und etwas irritiert zurück. Iefîs lächelte.
„Jeder von uns birgt in sich ein kleines Universum“, er beugte sich wieder zu ihr, seine lange schmale Zunge glitt in ihren Mund und als sie sich mit ihrer verband, tauchte sie erneut ein in das Universum seines Ichs: Sie hörte seinen Herzschlag, fühlte seine Liebe– und die alles umhüllende Wärme, die in seinen Küssen lag und sie bat, sich auf ihn einzulassen, sich mit ihm zu verbinden. Also tat sie es: Sie ließ sich ein und vereinigte sich mit seinem Wesen. Sie roch seine Haut, hörte das Rascheln seines Haars und es war ihr, als täte sich in ihrem Herzen ein Tor auf, das ihn herein bat. Sie ließ sich in seine Arme fallen und ins weiche Gras betten. Dann, als er auf ihr lag und sie ihre Schenkel öffnete, spürte sie, wie etwas von ihm in sie eindrang.
Es war nicht nur sein langes, schmales Geschlecht, das sich wie eine heiße Schlange in ihr bewegte, etwas drang durch das Tor ihres Herzens in sie ein. Noromadi löste sich von seinen Küssen und sah einen hellen vielfarbigen Lichtfaden von seinem Herzen in ihr Herz sich ergießen. Und genau in diesem Augenblick, da er tief in sie vor glitt und sich mit ihr rhythmisch bewegte, schien es ihr, als berste etwas in ihr.
Sie spürte eine intensive Erregung, die sich von ihren Schenkeln durch ihren gesamten Körper ausbreitete und als er sie wieder küsste und sie ihn an sich drückte, stießen sie zugleich einen Seufzer aus, der so tief war, dass er die gesamte geistige Welt, in der sie sich befanden, durchdrang und mit dem Duft ihrer Lebens- und Seinsenergie durchtränkte. Ihre Herzen verbanden sich in inniger Liebe zu einem. Sein langes Geschlecht schob sich weiter und weiter in sie, immer tiefer hinein, bis es an eine Membran stieß, diese durchdrang und in eine verborgene Kammer gelangte, direkt unter ihrem Herzen.– Dort setzte er seinen Samen hinein, der sich verband mit dem, was seit Langem hier wartete.
Noromadi spürte einen leichten Ruck und wusste: Sie war schwanger. Ihre aufeinander liegenden Körper zuckten zugleich und erschlafften. Iefîs ließ von ihren Lippen ab, sah sie an und lächelte. Sie fühlte, wie er sich langsam zurückzog und wusste, dass ihre Herzen miteinander verbunden bleiben würden, auch wenn er sich ganz von ihr gelöst hatte. Noromadi zog ihn an sich, drückte ihren Körper ganz fest gegen ihn und genoss diese Verbindung mit all ihren Sinnen. So lagen sie noch eine Weile und trotz seiner Größe spürte sie seinen Körper nicht als Last. Im Gegenteil: Er war federleicht, warm und weich und nie und nimmer wollte sie ihn je wieder missen.
„Wir können doch mehrere Kinder zeugen, oder?“, das Echo ihrer fremdartig klingenden Stimme hallte an sein Ohr.
„Ich glaub schon. Warum nicht? Wir sind schließlich eine Familie!“ Plötzlich vibrierte etwas in Noromadi, es bebte stärker und ging in ein Summen über. Schließlich ertönte ein penetrantes Piep-piep-piep. Ein schmerzlicher Zug stahl sich auf ihre Lippen. Sie schluchzte.
„Ich muss gehen“, flüsterte sie, „die Arbeit ruft.“ Iefîs sah bestürzt drein, dann lächelte er.
„Wir sehen uns wieder!“ Sein Bild verschwamm, dann wurde alles schwarz. Noromadi spürte, wie sie einen tiefen Atemzug tat, und von einem Augenblick auf den anderen veränderte sich ihre Körperwahrnehmung. Nun war sie wieder in ihrem Zimmer, lag in ihrem Bett. Der Wecker auf dem Nachttisch klingelte. Es vergingen einige Sekunden bis sie sich aus der Starre lösen konnte. Sie rieb sich die Augen, öffnete sie und schaltete den Wecker aus.
„Die Arbeit ruft“, murmelte sie und wollte sich soeben erheben. Aber dann tat sie es doch nicht, sondern tastete nach ihrem Bauch. Er fühlte sich an wie immer, aber im Inneren war etwas anders. Sie spürte es ganz deutlich. Als sie intensiver hinfühlte, nahm es vor ihrem inneren Auge Gestalt an: Eine kleine Lichtkugel, mit vier Pünktchen auf jeder Seite.
„Da werden Arme und Beine wachsen, Kopf und Körper entstehen, es ist alles dran“, flüsterte Noromadi ehrfürchtig. „Also war es kein Traum, es ist wirklich passiert. Ich bin von Iefîs schwanger, mit einem kleinen, leuchtenden geistigen Wesen, das sowohl als Mensch als auch Naturwesen inkarnieren wird, sobald es als Seele geboren und ausgewachsen ist. Hoffentlich wölbt sich mein Bauch nicht zu sehr, sonst habe ich ein Problem. Bloß nicht weiter darüber nachdenken… Jetzt werde ich erst einmal in aller Ruhe frühstücken und ins Tierheim gehen. Die Hunde und Katzen warten wahrscheinlich schon.“
Als sie im Bad vor dem Spiegel ihr langes lockiges Haar kämmte, sah sie, wie es im Licht glänzte und wusste, das kam von Iefîs. Sie dankte ihm und besah sich wieder ihren dunklen flachen Bauch. ‚Ach‘, lächelte sie, ‚Schwangersein ist so schön!‘ Bei einem erneuten Blick in den Spiegel bemerkte sie die dunklen Ringe unter ihren Augen. Die Erschöpfung zeigte nun deutliche Spuren. Trotzdem begab sie sich mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen in die Küche. Ihre Eltern warteten bereits auf sie, auf dem Tisch stand eine Tasse dampfender Kaffee für sie bereit.
„Guten Morgen, mein Schatz“, begrüßte Clara sie, „hast du gut geschlafen?“ Noromadi nickte.
„Morgen“, grüßte ihr Vater. „Na“, schob er kopfschüttelnd hinterher, „du siehst mir nicht gerade ausgeruht aus. Hast du wirklich gut geschlafen?“ Seine Tochter nahm am Tisch Platz und nahm einen Schluck aus der Tasse. Sie fühlte sich in der Tat nicht besonders fit. Die Freude über die Schwangerschaft konnte sie nicht darüber hinweg täuschen, dass sie seit geraumer Weile unter einer Doppelbelastung stand, von der ihre Eltern nichts wussten: Tagsüber war sie die folgsame Noromadi, die im Tierheim arbeitete, nachts jedoch war sie als Vermittlerin in der Welt der Naturwesen unterwegs.
Seitdem sich das Erscheinen Gúfìnts herumgesprochen hatte, konnten sich die Heilerin und sie, ja das ganze Volk von Iàtranür Tarà vor Besuchern kaum noch retten. Alle wollten sehen, wie die Heilerin aus den Augen der Menschenfrau Gúfìnt herbeirief. Das tat sie, immer wieder, jede Nacht. Im Morgengrauen schlich sie nach Hause zurück und legte sich ins Bett, um kurz darauf für den Alltag in der Menschenwelt bereit zu sein. In der letzten Nacht war sie ausnahmsweise mal nicht im Wald gewesen, dafür hatte sie sich mit ihrem Geliebten im Geiste getroffen. Und so schön der Akt der Vereinigung auch gewesen war, die verschiedenen Ereignisse zehrten doch allmählich an ihrer Substanz– der geistigen wie auch der körperlichen. Nun war sie auch noch schwanger, auch das würde auf die eine oder andere Weise Spuren hinterlassen.
‚Ich muss kürzertreten‘, dachte sie, ‚mir eine Auszeit gönnen, aber solange die vielen Leute an Pytheras Tür klopfen, kann ich mich ihnen nicht entziehen.‘ Noromadi nippte am Kaffee und bemerkte erst jetzt, dass ihr Vater sie erwartungsvoll ansah.
„Ja, Papa“, sagte sie, „ich habe wirklich gut geschlafen.“
„Na, das hat aber gedauert. Mir scheint, du bist manchmal ganz woanders, wenn ich mit dir rede. Nimmst du denn brav deine Tabletten?“
„Ja, Papa.“ Noromadi blickte unwillkürlich zu ihrer Mutter. Als sich ihre Blicke trafen, zuckte die rundliche Frau zusammen und schaute weg, sie sorgte sich. In dem Moment wurde ihrer Tochter bewusst, dass sie mit ihrer Mutter seit deren Türerlebnis etwas verband, das Wissen um Übernatürliches. Ein Schauer überlief Clara, wenn sie sich ins Bewusstsein rief, wie stark ihre Tochter in diese unwirkliche mystische Welt involviert war, mit der sie selbst nur ungern etwas zu tun haben wollte. Noromadi wusste das, sie sah es in den Augen ihrer Mutter, in ihrer Mimik und ihrer Gestik, und sie sah auch, dass sie Angst hatte, sich vor Wilhelm zu verraten.
Noromadi zwang sich, das Wurstbrot zu essen, das ihre Mutter ihr auf den Teller gelegt hatte. Sie mochte diese Wurst nicht mehr, sie war einfach zu salzig, aber ihre Mutter bestand darauf, dass sie sie aß. Wenn sich Noromadi weigerte, hörte sie immer die gleichen Worte:
„Das hast du doch immer gerne gegessen.“ Damit versuchte ihre Mutter die alte ihr vertraute Noromadi wieder herbei zu rufen. Aber gab es diese Noromadi überhaupt noch? War denn Clara selbst noch die Alte? Die junge Frau blickte auf und sah, wie Wilhelm unauffällig Clara beobachtete. Anscheinend hatte er die Veränderung im Verhalten seiner Frau auch bemerkt.
‚Nun bist du dran, Mama. Bald darfst du dich den Fragen eines rationalen Menschen stellen, und dann schau, wie du da rauskommst‘, dachte sie schadenfroh und bereute ihre Gedanken sogleich. Nein, ein Leben inmitten so nüchterner Menschen war nicht einfach, sie wünschte es niemandem, nicht einmal ihrer Mutter, die ja auch ihre Aktie am Psychiatrieaufenthalt hatte. Das Damoklesschwert der Psychiatrie würde ihrer Mutter sicher die Lippen versiegeln, fiel es ihr auf einmal ein. ‚Sie weiß ohnehin nicht, was sie Wilhelm von mir berichten soll, außer von diesem Bild mit der Krallenhand, das aber im ganzen Haus nicht mehr auffindbar ist.‘
Sie aß auf, erhob sich vom Tisch und murmelte eine Abschiedsformel. Dann packte sie ihren Rucksack und machte sich auf zum Tierheim.
Der Herbst war weit fortgeschritten. Es hingen nur noch vereinzelte Blätter an den Bäumen. Der Boden war kalt und nass. Umso erstaunlicher, dass so viele Leute noch auf Reisen waren, doch das Erscheinen von Ur-Ahnen war eben etwas Besonderes!
„Ich weiß wirklich nicht, wo ich die alle unterbringen soll!“ Iefîs schlug die Hände über den Kopf und sah Pythera hilflos an.
„Überlege dir einfach was“, antwortete die Heilerin müde, „dafür bist du mein Schüler. Ich bin hier genug beschäftigt.“ In der Tat schien bald alles um die Lichtung herum aus den Nähten zu platzen. Überall saßen und standen Leute, um von ihren Leiden kuriert zu werden. Zudem hatten sich nicht nur Gniri, sondern auch etliche Sòumfar eingefunden. Auch Dhàrdhats waren gekommen, von denen nicht alle den Schrumpfzauber beherrschten und somit den meisten Raum einnahmen. Iefîs fiel auf, dass die meisten einfache Leute waren, Adelige ließen sich nicht blicken. Den Dhàrdhats sagt man ja gemeinhin nach, dass sie recht wohlhabend seien, sie wirkten aber genauso abgerackert wie die Gniri. Sie waren in sackartige Gewänder aus hellem grobem Stoff gekleidet. Einige trugen Hosen, hatten aber nackte Oberkörper.
Es trafen immer mehr ein und Iefîs hatte gut zu tun, die Mitglieder seiner Spezies in Empfang zu nehmen, denn die meisten sprachen kein Gnirisch. Er seufzte und wandte sich an die hinter ihm Stehenden, die darauf warteten, auf einen freien Flecken delegiert zu werden.
„Folgt mir“, er machte ein Handzeichen. Dann zitierte er die Informationen, die er heute bestimmt schon ein Dutzendmal aufgesagt hatte: „Die Menschenfrau Noromadi wird uns heute Nacht besuchen, wenn sie heimlich ihr Haus verlassen kann.– Ich zeige euch, wo ihr warten könnt. Ihr bekommt zu trinken, doch Essen können wir euch nicht anbieten, dafür reichen unsere Vorräte nicht. Wenn jemand allerdings einen traditionellen lokalen Leckerbissen dabei hat, tauschen wir den gerne gegen eine unserer Spezialitäten. Es gibt genug Leute hier, die was anzubieten haben, im Tausch.“
„Wann kommen wir denn dran?“, wollte eine Frau wissen. Mit der Frage hatte Iefîs gerechnet. Er blieb stehen und sah sie an.
„Ihr kommt alle dran, nach dem Vorrückprinzip. Diejenigen, die vor euch auf dem Boden sitzen, rücken vor, sobald vorne Platz frei wird. Ihr müsst also permanent vorrücken, aber es ist eine faire Angelegenheit. Niemand wird ausgelassen. Ihr nähert euch im Halbkreis der Lichtung, bis ihr dran seid.– So, hier am Rande der Ilex könnt ihr euch niederlassen. Die Büsche bitte nicht betreten, sie sind bewohnt.“
Es war nicht viel Platz für die Neuankömmlinge. Sie drängten sich zwischen die Leute links und rechts des kleinen Fleckens. Iefîs achtete darauf, die Besucher untereinander gut zu mischen, damit nicht der Verdacht der Diskriminierung aufkam. Nur wichtige Persönlichkeiten würde man separieren. Sòumfar logierten nur in den Bäumen, auf den fast kahlen Ästen, aber mit ihnen hatte Iefîs nichts zu tun, sie suchten sich ihre Plätze selbst und handelten miteinander die Reihenfolge aus.
„Habt ihr Fragen?“ Iefîs blickte in die Runde, doch niemand meldete sich. „Gut“, freute er sich, drehte sich um und stapfte davon.
In den Räumen roch es streng nach Futter und Tier, aber das machte der jungen Frau lange nicht so viel aus wie die Düfte, die ihr beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit, im Bus oder auf der Straße begegneten. Auch die Geräusche der Tiere klangen ihr angenehmer als etwa der Verkehrslärm. Noromadi füllte einen Napf mit Futter, einen mit Wasser, immer wieder, bis alle Tiere versorgt waren. Zuerst waren die Hunde, dann die Katzen dran, später würde sie noch die Meerschweinkäfige reinigen. Ihre Arbeit bestand im Wesentlichen aus Füttern und Saubermachen, nicht sehr schwer, aber die Handgriffe mussten sitzen, die Futtermischungen mussten stimmen, besonders die der Nagetiere. Wenn man sich erst einmal in die Routine des Tierheims eingelebt hatte, bekam die Arbeit etwas Meditatives.
Gerade jetzt erwies sich aber der meditative Aspekt als höchst störend, denn Noromadi war müde. Die Gleichförmigkeit der Handhabungen machte es ihr nicht leicht, wach und aufmerksam zu bleiben. Gleichzeitig spürte sie eine eigenartige Benommenheit, und eine seltsame Schwere. Sie fühlte sich wie ein Fass. Dabei hatte sie ständig Hunger. Noromadi ertappte sich dabei, wie ihr Blick gierig auf dem vollen Napf verweilte und schüttelte angewidert den Kopf.
„Vergiss es!“, flüsterte sie dem Lichtwesen in ihrem Bauch zu. Es war noch nicht lange her, seit sie von Iefîs schwanger war, und doch hatte sie das Gefühl, dass die kleine Seele in ihr mit einer rasenden Geschwindigkeit wuchs. Ihr Leib hatte eine Wölbung angenommen, die man leicht für einen Blähbauch infolge unbekömmlichen Essens halten konnte. Sie hoffte innbrünstig, dass sie nicht so rasch weiter wachsen würde. Im Grunde war es kein normales Kind mit einem physischen Körper, sondern lediglich eine helle Energiekugel. Wie viel konnte das schon wiegen? Engel wogen ja auch keine tausend Tonnen, bloß weil sie riesig und hell waren. Noromadi lachte bei diesem Gedanken leise auf. Sie schüttete den Futternapf voll und seufzte.
‚Wenn ich nach Hause komme, muss ich mich gleich hinlegen, ich bin so müde. Wenn ich daran denke, dass ich heute Nacht wieder in den Wald muss… Ich bin wirklich gespannt, wie lange ich diese Doppelbelastung noch aushalte.‘ Als hätte die Erschöpfung ihre Worte vernommen, wurde ihr mit einem mal schwindlig. Das Gehege drehte sich wie ein Karussell, die Katzen, die ihr schnurrend um die Beine strichen, blickten besorgt zu ihr hoch. Der grauweiße Kater mit den Bernsteinaugen, mit dem Noromadi von Anfang an Freundschaft geschlossen hatte, sah sie besonders intensiv an. Noromadi beschlich jedes Mal, wenn er sie so durchdringend ansah, das Gefühl, er wisse genau, was mit ihr los ist. Sie sank auf die Knie, lehnte sich an die Wand, schloss die Augen und wartete, dass der Schwindel nachließ. Pelzige Samtpfoten strichen um sie herum, ihr Schnurren sollte Noromadi wohl beruhigen. Iefîs’ wohliges Gurren kam ihr in den Sinn, sie entspannte sich ein wenig. Dann spürte sie etwas Weiches auf ihrer Hand. Sie öffnete die Augen und sah die Pfote des gestreiften Katers auf ihrer Hand ruhen, er sah sie unverwandt an.
„Na, Bertram?“, lächelte sie müde, „heute bin ich keine gute Katzenmutter, hm?“ Das Tier miaute und rieb sich an ihrem Arm. ‚Geh nach Hause‘, sagte sein Blick. Plötzlich öffnete jemand die Tür des Geheges. Eine dickliche Frau mit Knopfaugen und buschigen Haaren trat ein.
„Kind, sag’ mal, was ist heute nur los mit dir? Du siehst so erschöpft aus. Geht es dir nicht gut?“, sie war wirklich sehr fürsorglich. Ihre runden Augen wanderten über das Katzenmännchen, das um Noromadi herum strich, sie runzelte ratlos die Stirn.
„Ich glaube, ich brüte etwas aus“, antwortete die junge Frau. Das war nicht gelogen.
„Dann hat es keinen Sinn, dass du hierbleibst. Geh nach Hause und kurier dich aus. Ich sage meinem Mann Bescheid.“ Das Ehepaar leitete zusammen das Tierheim. Noromadi nickte und erhob sich langsam. Sie spürte, wie ihre Beine wegzuknicken drohten. Die Leiterin kam ihr schnell zu Hilfe und stützte sie. „Komm, ich bring dich zum Auto. In diesem Zustand kannst du unmöglich alleine nach Hause fahren.“ Noromadi ließ sich wie ein braves Lamm zum dunkelblauen Volvo führen, der vor der Tür auf dem Parkplatz stand. Etwas in ihr wollte protestieren, denn Clara würde bestimmt schon zu Hause sein und würde…
‚Hirn, halt die Klappe‘, unterbrach sie sich. Eine angenehme dumpfe Stille senkte sich über ihren Geist. Sie hörte das Öffnen der Wagentür, dann spürte sie einen sanften Ruck, als sich die Frau im Fahrersitz niederließ, sie hörte die Tür zuschlagen.
„Mein Mann weiß Bescheid. Wenn du heim kommst, legst du dich sofort ins Bett und schläfst deine Erkältung oder Grippe aus“, befahl sie. Noromadi nickte abwesend. Das Summen des Motors beruhigte sie. Das kleine Wesen in ihrem Bauch schien sich an den Vibrationen des Gefährts zu erfreuen, denn es gab ein leises summendes Geräusch von sich, das Noromadi als Kribbeln in ihren Körperzellen wahrnahm. Dieses Kribbeln beruhigte sie, langsam döste sie weg. Plötzlich spürte sie Hände an ihren Schultern rütteln. „Noromadi, aufwachen, wir sind da“, die Stimme der Leiterin klang sehr fürsorglich. Sie öffnete schläfrig die Augen. Neben dem Wagen stand ihre Mutter, auch in ihren Augen spiegelte sich Sorge wider. Gemeinsam halfen die beiden beim Aussteigen und brachten sie auf ihr Zimmer ins Bett. Dankbar schloss sie die Augen.
„Vielen Dank, Frau Klarsen“, hörte Noromadi Clara sich von der Leiterin verabschieden. „Ich kümmere mich um sie. Sie werden sehen, bald ist sie wieder fit wie ein Turnschuh.“ Die Leiterin antwortete mit einem Abschiedsgruß. Noromadi und ihre Mutter waren allein.
„Noromadi, Liebes, was ist los mit dir?“, hörte sie ihre Mutter verzweifelt fragen. Die junge Frau öffnete langsam die Augen.
„Ich glaube, ich kriege eine Erkältung oder so was, Mama.“
„Ist es wirklich nur das? Kind, bitte sieh mich an! Wenn du Schwierigkeiten hast, dann musst du damit zu mir kommen, bitte.“
„Es ist wirklich nur eine Erkältung oder Grippe, Mama. Du weißt doch, um diese Jahreszeit laufen viele mit Schniefnase herum.“ Die Worte kamen ihr nur schwer über die Lippen.
„Kann ich dir noch etwas bringen?“
„Milch“, antwortete ihre Tochter prompt.
„Milch?“, Clara schaute sie perplex an.
„Ja, etwas warme Milch mit Honig, das wäre schön.“
„Ja, mache ich dir, mein Liebes. Und nun ruh dich aus.“
Iefîs rieb seine brennenden Augen und ließ sich ins Bett fallen. Gabra hatte ihn, der Mutter sei Dank, von seinen alltäglichen Pflichten befreit, die jetzt, da auf Iàtranür Tarà so viel Tumult herrschte, ohnehin schwer zu bewältigen waren. Jetzt konnte er endlich schlafen und das musste er auch, schließlich wollte er heute Nacht wieder fit sein. Als Noromadis Gefährte war seine Anwesenheit bei den nächtlichen Seancen unabdingbar. Außerdem wollte er gerade heute besonders aufmerksam sein und auf Noromadi achten, denn sie war schwanger.
‚Wir hätten keinen besseren Zeitpunkt wählen können‘, dachte er und gähnte. ‚Ausgerechnet jetzt, wo so viel Arbeit ansteht. Aber nun ist es so! Ich hoffe inständig, dass sie ausgeruht ist, wenn sie zu uns kommt.‘ Er versuchte sein Gedankenkarussell zur Ruhe zu bringen, aber es gelang ihm nicht. ‚Ich frage mich, was mit unserem Kind passiert, wenn es geboren ist. Wenn ich den Ur-Ahn richtig verstanden habe, wird die kleine Seele bei den Ur-Ahnen aufgezogen, bis sie inkarniert. Also werden wir das Kind nach der Geburt abgeben müssen.‘ Iefîs seufzte. ‚Wir sind eine Familie und sind doch keine. Wahrscheinlich werden wir unser Kind besuchen können. Wer immer für das Kleine zuständig sein wird, er wird es sicher dann und wann in diese geistige Welt bringen, wo wir unser Kind zeugten, oder? Ich würde zu gern wissen, wann eigentlich die Geburt losgeht.‘ Iefîs fühlte sich in die Herzensverbindung zu Noromadi hinein und spürte eine tiefe Ermattung, die sich zu seiner eigenen gesellte. Er schloss die Augen und dämmerte endlich ein.
Clara rieb sich die Augen. Sie war total erschöpft, aber sie dachte nicht daran, ihre Stellung aufzugeben. Sie lugte hinter der Wohnzimmertür hervor und lauschte in die Dunkelheit. Gott sei Dank war nun Wochenende. Sie musste nicht zur Arbeit, ein Glück. Das Wachen war nämlich ganz schön anstrengend, und es würde eine lange Nacht werden! War es wirklich ein Infekt, mit dem ihre Tochter im Bett lag? Oder war die Ursache für ihre Erschöpfung darin zu suchen, dass sie sich seit geraumer Zeit nachts aus dem Haus stahl und erst früh morgens wieder heim kam? Sie erinnerte sich noch genau daran, wie sie sich vor einer Woche nachts einen Tampon aus dem Zimmer ihrer Tochter holen wollte und deren Bett war leer.
„Wenn sie nachher aufsteht, folge ich ihr, dann weiß ich, wo sie hingeht!“ Szenen nächtlicher Geisteranrufungen hatten immer wieder in ihrem Kopf Gestalt angenommen. Sie wischte sie wie immer beiseite und versuchte sich zu konzentrieren.
Noromadi war auf einmal hellwach. Sie sah aus dem Fenster, es war stockdunkel. Sie hatte bis jetzt tief und fest geschlafen! Sie schaltete das Licht ein, es war kurz nach Mitternacht.
„Oh nein, schon so spät?“ Sie sprang aus dem Bett, griff nach ihrer Kleidung und hielt plötzlich inne. Oje, hatte sie sich verändert! Ihr Bauch war kugelrund geworden, als sei sie bereits im sechsten Monat. „Bitte, mein Kleines, nicht heute Nacht. Warte noch. Es gibt so viel zu tun“, bat sie das kleine Wesen, das sich in ihr unbehaglich hin und her wand.– Doch warum eigentlich nicht? Wann sonst? Morgen? Übermorgen? Der Besucherandrang auf Iàtranür Tarà würde ohnehin so bald nicht nachlassen. Noromadi seufzte. Sie suchte sich eine Hose mit Gummibund heraus, streifte sich einen Pullover über und eine Jacke. Bevor sie das Zimmer verließ, horchte sie angestrengt ins Haus, ob alles ruhig war. Clara machte gern mal einen nächtlichen Ausflug zum Kühlschrank. Es herrschte jedoch Ruhe.
Noromadi öffnete langsam die Tür. Sie knarzte leise und als sie hinter ihr ins Schloss fiel, war das leichte Klack kaum zu hören. Die Treppen ächzten unter ihrer Last, doch diese Geräusche waren nicht zu verhindern. Also stieg sie zwar vorsichtig aber mutig hinab und kam schließlich heilfroh im Flur an. Sie lauschte noch einmal in die Dunkelheit, dann öffnete sie sachte die Haustür und huschte hinaus. Sie bemerkte nicht, wie sich eine Gestalt aus der Dunkelheit löste und ihr folgte.
Kalter böiger Wind schlug Noromadi entgegen. Sie zog die Jacke enger um sich und trat auf die Straße, die von vereinzelten Laternen beleuchtet wurde. Auf der Allee würde es düster sein, aber nicht so sehr, dass sie sich nicht zurecht finden würde. Immer, wenn sie nachts hierentlang lief und die Lichter der umliegenden Dörfer betrachtete, die rechts und links in der Ferne glitzerten, wurde sie sich bewusst, dass diese schmale asphaltierte Straße wie eine symbolische Brücke zwischen den Welten der Menschen und der Naturwesen wirkte.
Ihr Atem warf feine Dunstschleier in die Nacht. Sie wollte sich einreden, dass sie nach den etlichen Stunden Schlaf ausgeruht und frisch sei, aber dem war nicht so. Hatte sie sich beim Aufstehen noch recht munter gefühlt, so spürte sie nun diese bleierne Müdigkeit in den Knochen, die in letzter Zeit zu einem ständigen Begleiter geworden war.
„Wenigstens kann ich mich auf den Beinen halten“, flüsterte sie, während sie sich zielstrebig fortbewegte. Plötzlich blieb sie stehen und horchte. War da nicht etwas? Schritte? Hinter ihr? Noromadi wandte sich um, aber da war niemand. Oder doch? War da nicht ein Schatten, hinter dem Baum? Die junge Frau rieb sich die Augen und starrte in die Dunkelheit. „Hm, ich glaube, die Müdigkeit spielt mir einen Streich. Wer soll denn um diese gottlose Zeit im Wald rumlaufen?“ Sie schüttelte den Kopf und betrat den Wald. Hier war es wirklich zappenduster– aber nur für Menschenaugen. In Noromadis Wahrnehmung leuchtete der Wald bunt von Sòumfar. Es waren nicht wenige, jetzt, da der Wald von so vielen Besuchern aller Spezies aufgesucht wurde. Noromadi blickte zur Buche und sah ein rundes Augenpaar aufblitzen. Sie winkte und wartete auf Ràkot. Der Gniri sah müde aus.
„Na, mein Freund, immer noch im Einsatz?“, Noromadi legte ihm mitfühlend die Hand auf die nackte Schulter. Ràkot gähnte.
„Ja, wie sollte es auch sonst sein? Manche Besucher meinen, sie müssten die Gegend erkunden. Wenn sie hier ankommen, schicke ich sie wieder zurück. Der Menschenort da hinten ist nichts für sie.“
Clara duckte sich hinter einem Ilexbusch und spähte in die Dunkelheit des Waldes. Schwach drang das Licht durch die nackten Äste, es gelangte nicht bis zu Noromadi. Sie hörte die Stimme ihrer Tochter, die schmatzig und kehlig klang, wie eine exotische Sprache, die sie nicht verstand. Sie machte immer wieder Pausen, als ob sie sich mit jemandem unterhielt. Aber mit wem? Wer verirrte sich denn nachts in den Wald? Und wer sprach diese eigenartige Sprache? Clara fing an, am ganzen Leib zu zittern. Sollte sie sich zu erkennen geben? Oder sollte sie ihrer Tochter weiter in dieses düstere Reich folgen?
„Was sie kann, kann ich schon lange“, ermutigte sie sich selbst. Als sich Noromadis Stimme entfernte, erhob sie sich und trat in den Wald. Sie bemerkte den erstaunten Gniriwächter hinter ihr nicht.
‚Wer ist diese Menschenfrau? Was will sie so spät noch hier?‘ In der ruhigen Gewissheit, dass sie ihn nicht sehen konnte, ging er einmal ganz um sie herum und schnüffelte an ihr. ‚Das ist Noromadis Mutter!‘, erkannte er. ‚Ich muss sofort Noromadi benachrichtigen oder…‘, der Gniri tippte sich grübelnd mit dem Zeigefinger an die Lippen, ‚oder ich führe sie ein wenig spazieren. Wenn ich Noromadi jetzt erzähle, dass ihre Mutter hier ist, wird sie in Panik geraten, und das wird vielleicht mehr kaputt machen, als man denkt.‘
„Du siehst aber müde aus, Noromadi“, sagte Ràkot mitfühlend. „Und dein Bauch ist rund geworden“, bemerkte er. „Das sehe ich sogar durch die Kleidung. Bist du schwanger?“ Er blieb abrupt stehen und sah sie mit einem seltsamen Glanz in den Augen an.
„Weißt du noch, was Gúfìnt sagte?“ Noromadi ging in die Hocke und sah den Gniri eindringlich an. Ràkot kratzte sich am Kopf und versuchte sich zu erinnern.
„So ungefähr, der Ur-Ahn sagte: eine geistige Liebe mit einem geistigen Kind… Trägst du das unter deinem Herzen?“ Die junge Frau nickte.
„Eine Seele, welche als Mensch und als Naturwesen inkarnieren kann.“
„Ah, ah“, murmelte der Wächter. „Wann hast du es empfangen?“
„Letzte Nacht.“
„Letzte Nacht?? Das geht ja schnell“, wunderte sich Ràkot und stieß ein Pfeifen aus.
„Ja, deswegen hoffe ich, dass ich es nicht schon heute Nacht zur Welt bringe. Ich habe doch noch so viel zu tun.“
„Es ist doch besser, du bringst es hier zur Welt als bei dir zu Hause, oder? Was passiert denn, wenn es geboren ist?“
„Ich vermute, dass sich die Ur-Ahnen darum kümmern werden.“ Noromadi erhob sich und der Wächter setzte sich wieder in Bewegung.
„Ich führe dich heute einen anderen Weg zum Eichenhain!“, sagte er.
„Warum?“, wollte Noromadi wissen.
„Ich habe das Gefühl, wir werden verfolgt“, der Gniri ergriff ihre Hand.
„Von wem denn?“ Noromadi sah sich um, konnte aber niemanden entdecken.
„Ich weiß es nicht. Es ist jedoch besser, auf Nummer Sicher zu gehen!“ Der Gniri zog sie sanft von der Straße ins Unterholz. „Folge mir“, sagte er. „Sobald die Sòumfar sich häufen, achte darauf, wohin du trittst. Du weißt ja: Hier rasten viele Leute. Grüße sie freundlich, aber achte nicht weiter auf sie, das hält nur unnötig auf.“
Clara ging zögernd den breiten Waldweg entlang. Ihr Herz klopfte. Sie hatte eine Heidenangst vor der Dunkelheit, aber sie wollte unbedingt wissen, was ihre Tochter nachts hier zu suchen hatte. Sie spitzte die Ohren, versuchte festzustellen, woher Noromadis Stimme kam, aber die war derweil so weit entfernt, dass sie nur noch an das Flüstern des Windes erinnerte. Einen Augenblick später war sie ganz verstummt.
Noromadi, wollte Clara schreien, aber sie schluckte es hinunter. Sie musste doch irgendwo in der Nähe sein. Plötzlich hörte sie ein leises Knacken und ein raschelndes Geräusch. „Noromadi? Bist du das?“, flüsterte sie mit schreckgeweiteten Augen. Etwas regte sich im Unterholz– ganz in ihrer Nähe, dort, wo der Weg einen Schlenker nach rechts macht. Es kam keine Antwort.
Dìurthi grinste über das ganze Gesicht. Er kratzte über einen Baumstamm und schüttelte ein paar Zweige. Clara wich jegliche Farbe aus dem Gesicht. Einen Augenblick überlegte sie, an diesem Tier, oder was auch immer auf sie wartete, vorbei zu hechten. Als das Rascheln jedoch näher kam, stieß sie einen Angstschrei aus und warf sich in den nächsten Busch. Ihr Körper blieb in einem Gewirr von Ilexzweigen hängen, deren scharfkantige Blätter ihre Wangen zerkratzten. Mit hektischen Bewegungen versuchte sie sich aus den Klauen des Busches zu befreien.
Noromadi blieb abrupt stehen und horchte auf.
„Hast du das gehört?“, wandte sie sich an Ràkot. Der Gniri, der sie immer noch an der Hand hielt, blieb ebenfalls stehen.
„Hm“, murmelte er, „anscheinend unser Verfolger. Dìurthi wird sich um ihn kümmern.“
„Das war ein Schrei! Er kam eindeutig aus einer weiblichen Kehle. Ràkot, glaubst du, dass meine Mutter uns verfolgt?“, Noromadi sah den Wächter beunruhigt an.
„Und wenn schon, Dìurthi kümmert sich um sie. Er wird sich schon was überlegen. Ihr passiert nichts, er ist ein guter Mann! Und nun komm, die Leute warten.“ Noromadi blickte sich um und sah in die vielen fremden Gesichter, die sie freundlich begrüßten. Sie lagerten auf jedem freien Fleckchen Erde und würden nicht eher gehen, bis sie einen Ur-Ahnen gesehen hatten und von diesem geheilt worden waren. Ihre schwarzen Geschwüre auf den unterschiedlichsten Körperteilen glänzten im Licht der Sòumfar.
„Wir werden dafür sorgen, dass du früh genug nach Hause kommst, mach dir keine Sorgen.“ Der Wächter klopfte beschwichtigend ihre Hand. Noromadi nickte und wollte sich wieder in Bewegung setzen, als ein stechender Schmerz sie durchfuhr.
„Was ist mit dir?“ Ràkot sah besorgt zu ihr auf.
„Es ist nur… ein Schwindel. Ich glaube, mein Kind hat mich getreten. Das kann doch unmöglich sein, es ist doch nur Energie“, keuchte sie.
„Energien können sehr gewaltig sein, komm. Je schneller du es hinter dich bringst, desto eher kannst du wieder nach Hause, oder zu Mai ins Geburtshaus.“
Sie kamen der Heilerin immer näher und die Schar der Schaulustigen wurde größer. Die Meisten hatten nur eine Frage: „Wann komme ich dran?“ Ràkot hatte Mühe, sie von der Menschenfrau fernzuhalten. Noromadi strich sich mit der freien Hand über ihren gewölbten Bauch. Er war mittlerweile so dick und rund wie der einer Hochschwangeren. Gott sei Dank hatte die Hose einen Gummibund und dehnte sich. Die Jacke indessen musste sie öffnen, sie spannte um ihren Leib.
„Bei der Mutter“, stieß Ràkot aus, „das geht aber schnell. Du musst dringend zur Heilerin. Es kann nicht mehr lange dauern. Die alte Mai wird dir kaum helfen können, zumal es ein ganz besonderes Kind ist.“ Als sie den Hain betraten, rief Ràkot aufgeregt nach Iefîs und Pythera. Die ließen alles stehen und liegen und eilten herbei. Die Besucher beobachteten die Szene mit verwunderten Blicken.
Clara gelang es endlich sich zu befreien. Sie richtete sich auf und klopfte ihre Kleidung aus, dabei fiel ihr ein, dass sie vor lauter Wühlerei ganz vergessen hatte, was ihr diesen Schrecken eingejagt hatte– dieser unsichtbare Lärmer! Sie lauschte in die Dunkelheit und stellte zufrieden fest, dass kein Laut mehr zu hören war. Offensichtlich hatte sie das Tier mit dem Krach, den sie veranstaltet hatte, verscheucht. Außerdem: Was konnte das schon für ein Tier sein? In diesen Breiten gab es weder Wolf noch Bär, höchstens ein paar Wildschweine, doch die nahmen Reißaus, wenn jemand lärmte! Konfrontationen gab es nur, wenn die Bache Frischlinge führte, aber dafür war es nicht die richtige Jahreszeit.
Zur Sicherheit nahm Clara einen dicken Stock als Waffe in die Hand, für den Notfall. Dann begab sie sich wieder auf den Weg und horchte angespannt in alle Richtungen. Sie versuchte, Noromadis Stimme auszumachen, aber da war nur Stille, das leise Rauschen des Windes, und das Knarren der Bäume.
Dìurthi lief hinter ihr her und überlegte krampfhaft, was er tun sollte, um die Menschenfrau von ihrem Weg abzubringen.
‚Ich muss verhindern, dass sie den Trampelpfad betritt‘, dachte er. Da kam ihm eine Idee!
„Nehmt sie mir ab, ich kann sie nicht mehr halten“, sagte Ràkot mit gepresster Stimme und Iefîs eilte ihm zu Hilfe.
„Wir müssen sie auf die Erde legen und ausziehen“, sagte die Heilerin. „Ràkot, sag den Besuchern, sie sollen sich still verhalten.“
Noromadi fühlte sich wie eine schwitzende Tonne. Die Haut um ihren prallen Bauch spannte sich schmerzhaft, im Inneren spürte sie einen starken Zug. Etwas drückte ihr auf die Blase, sie hatte Mühe nicht in die Hose zu machen. Gleichzeitig war ihr heiß und kalt. Alles um sie herum drehte sich.
„Ich… ich will nicht sterben“, keuchte sie wie im Delirium, derweil Iefîs und Pythera sie vor aller Augen auf das weiche Moos betteten und auszogen. Noromadi drehte den Kopf und sah in die Gesichter der Gniri und Dhàrdhats. Einen Augenblick gewann dieser Eindruck eine solche Klarheit, dass sie passende Gedanken formen konnte. „Die sollen nicht so schauen“, ächzte sie und hob den Kopf. „Ich will… nicht hier gebären, die sollen mich nicht…“ Sie sank von einem Schwächeanfall ergriffen auf den Boden zurück.
„Mach dir keine Sorgen, mein Liebes“, hörte sie Iefîs dumpf sagen.
„Ich brauche Mirtandaar, den Ur-Ahnen der Heilung, sofort!“, stieß die Heilerin aus. Sie zweifelte nicht, dass dieses Wesen eintreffen würde, und wunderte sich also auch nicht, als es tatsächlich vor allen Augen erschien. Wie aus dem Nichts flammte eine leuchtend grüne Kugel über den Köpfen auf. Sie wurde größer und größer und formte schließlich eine schlanke Gestalt mit verschwommenen Umrissen, an der so etwas wie Arme erkennbar waren. Ein Kopf entstand, der ebenso schmal wie der Körper war. Hellrote Augen sowie ein winziger lippenloser Mund bildeten das Gesicht.
„Hilf ihr“, flehte Pythera das Wesen an. Der grüne Ur-Ahn breitete die Arme aus und formte aus goldenem Licht eine große Decke.
„Wir legen sie darauf und nach der Geburt umwickeln wir sie damit. Es wird ihr Kraft und Ruhe geben“, sagte das Wesen mit einer fremd klingenden Stimme. Noromadis Pupillen zogen sich zusammen, als sie in die Lichtgestalt sah, die sich zusammen mit Iefîs und Pythera über sie beugte. Sie spürte kräftige Hände, die sie sanft auf die Decke betteten. Sie war unfähig, sich koordiniert zu bewegen und zitterte am ganzen Leib. Heißer Schweiß lief ihr in Rinnsalen den Körper herunter. Als sie nackt auf der weichen Lichtdecke lag, fühlte sie sich plötzlich nicht mehr wie eine Gebärende, sondern wie ein Neugeborenes, das gerade den schützenden Mutterleib verlassen hatte und weich gebettet wurde. Sie atmete erleichtert auf und fühlte die Freiheit, das Ungezwungene, die Natürlichkeit ihres bloßen Körpers. Der Zug in ihrem Bauch verstärkte sich und sie stöhnte keuchend auf. Iefîs und Pythera traten beiseite, damit die Lichtgestalt die Regie übernehmen konnte.
„Nicht pressen. Ich wiederhole: Nicht pressen! Das Kind kommt von alleine. Lass einfach locker. Keine Angst, wenn sich deine Blase entleert, es sickert durch die Decke in die Erde.“ Mirtandaar legte seine grün leuchtende Hand auf Noromadis Bauch. Die junge Frau entspannte sich. Sogleich wandelte sich der Schmerz in einen dumpfen Druck. Sie spürte, wie sich das kleine Wesen in den Geburtskanal senkte und langsam– ohne Hast– immer weiter rutschte.
Als Clara dem Weg eine Weile gefolgt war, erreichte sie jene Abzweigung, die tiefer in den Wald führte. Sie blieb stehen und schaute in das Dickicht. Ein schwarzer gewundener düsterer Tunnel starrte zurück. Sie zog fröstelnd die Schultern zusammen. Das Einzige, was ihr in den Sinn kam, war die Sorge, dass ihre Tochter womöglich diesen gespenstischen Weg eingeschlagen hatte, so ganz allein.– Aber sie war ja nicht alleine gewesen! Sie hatte sich doch in dieser kehligen Sprache unterhalten. Wer war ihr Gesprächspartner gewesen? Clara erschrak erneut, als ihr einfiel, dass sie keine Antworten gehört hatte. War es vielleicht ein Geist? Oder trogen Noromadis Wahrnehmungen sie?
Dìurthi wurde schlagartig klar, dass er etwas unternehmen musste. Er schlüpfte in den Tunnel und verursachte mit seinen Krallen ein kratzendes Geräusch an der Rinde eines Baumes. Dann raschelte er mit ein paar Zweigen und trat sogar auf einen Ast. Diesmal nutzte jedoch alles nichts. Der Gniri beobachtete hilflos, wie Clara in den kleinen Pfad bog. Links und rechts lagerten Naturwesen. Überall schwirrten Sòumfar, die die Nacht in buntes Licht tauchten.
Von alldem sah Clara nichts. Sie spürte nur, wie sich die Atmosphäre veränderte. Tausende von Augenpaaren schienen sie aus der Dunkelheit zu beobachten. Ihr schnürte sich vor Angst die Kehle zu. Der unwiderstehliche Impuls, auf dem Absatz kehrt zu machen, drängte sich ihr auf, aber sie schob ihn energisch beiseite. Nein, sie würde nicht klein beigeben. Ihre Tochter war hier irgendwo und sie würde sie finden!
„Wer ist das?“, fragte eine Gniri und deutete auf das Menschenwesen.
„Noromadis Mutter“, antwortete Dìurthi ohne nachzudenken. „Sie sucht ihre Tochter. Ich hoffe nur, dass sie Noromadi, die ja nun in unserer Welt verkehrt, nicht sieht.“
„Oh, oh“, antwortete die Gniri und legte betroffen ihre Hand auf die Lippen. Dìurthi stieß einen schrillen Pfiff aus. Sofort eilten mehrere Männer herbei. Dìurthi erklärte ihnen die Lage. Einige stellten sich auf, um die Schaulustigen fern zu halten, die anderen gingen voraus und versperrten den Zutritt zum Eichenhain mit ihren Körpern.
Noromadi beruhigte sich. Das Kleine glitt weiter und weiter, schließlich entrang sich ihr ein Seufzer der Erleichterung.
„Sieh nur, Pythera, das Köpfchen. Siehst du es?“ Iefîs war völlig aus dem Häuschen. Tatsächlich erschien im Muttermund etwas Helles. Es war rund und leuchtete, von ätherischer Feinheit und materieller Festigkeit. Der Ur-Ahn der Heilung nahm seine Hand von Noromadis Bauch, beugte sich zu dem Wesen, das aus ihr glitt und nahm es in Empfang. Er packte es an den leuchtenden Lichtbeinchen, kippte es mit dem Kopf nach unten und versetzte ihm einen leichten Klaps auf den runden Popo. Es dauerte keine zwei Sekunden und es begann laut zu schreien. Noromadi hörte es und streckte ihre Arme aus.
„Ist es da? Ist es da?“, fragte sie immer wieder. „Kann ich es sehen? Ich möchte es in meinen Armen halten.“ Der Ur-Ahn legte ihr das Kleine auf den Bauch. Dann hielt sie das leuchtende Wesen aus purem Licht, das weder ganz menschlich war noch ganz wie ein Naturwesen. Seine Erscheinung hatte etwas Graziöses und zugleich etwas Faltig-Knubbeliges. Eine Unzahl an Eigenschaften unterschiedlichster Naturwesenspezies und auch menschliche Anlagen versammelten sich in ihm. Obwohl es so viel Uneinheitliches in sich trug, waren seine Züge und seine Bewegungen von einer vollkommenen Schönheit.
Iefîs betrachtete es lange und eingehend, strich dem Kleinen sanft über die weiche Lichtwange und nahm deutlich die Ähnlichkeit zu dessen Mutter wahr, jener Noromadi, der er im gemeinsamen Traum sein Herz und seinen Samen geschenkt hatte. Das Baby lag auf ihr und gab glucksende Geräusche von sich. Es schien sich wohl zu fühlen, gleichzeitig tastete das Köpfchen unbeholfen herum und schien etwas zu suchen.
„Ich glaube, es hat Hunger“, sagte Iefîs. Vorsichtig schob er es an Noromadis Brust, aber der Ur-Ahn schüttelte den Kopf.
„Nein“, sagte er, „dieses Kind braucht andere Nahrung, um zu wachsen. Ich werde es mitnehmen, damit es gedeihen kann, wo es am Besten aufgehoben ist – bei uns.“ In einem Anflug von Panik drückte Iefîs das kleine Wesen an sich. Es fing an zu schreien.
„Keine Angst, Kleines, alles ist gut“, versuchte er es zu beschwichtigen. Der Dhàrdhats wollte sein Geschlecht erkunden, als er aber zwischen die Beinchen schaute, entdeckte er beide Anlagen.
„Ich möchte es noch halten“, Noromadi sah den Ur-Ahn ängstlich an. Sie wollte sich aufrichten, sank aber geschwächt auf ihr Lager zurück.
„Bleib liegen, mein Kind“, beschwichtigte Mirtandaar sie sanft. Er umfasste die Lichtdecke und wickelte sie um Noromadis Leib. „Das wird dir gut tun! Dein Kind wird es gut bei uns haben. Ihr könnt es jederzeit besuchen. Wir werden es euch bringen und zeigen, und ihr dürft mit ihm reden und ihm eure Liebe geben. Aufwachsen muss es aber bei uns. In euren Welten ist es erst lebensfähig, wenn es einen Körper erhält, dazu muss es aber erst einmal wachsen.“ Die Besucher auf dem Hain waren ganz still geworden und besahen sich fasziniert die Szene.
Ein dichter Gürtel aus Gniri formierte sich um den Eichenhain. In die Lücken hatte Dìurthi Dhàrdhats als Sichtschutz gestellt. Der Wächter war der Ansicht, dass jeder freie Spalt des Platzes abgeriegelt sein sollte, damit die Menschenfrau auch wirklich nichts anderes sah, als das, was sie sehen sollte. Ràkot fand die Idee brillant.
Der Wind schlug Clara die kalten Zweige ins Gesicht. Sie betete innbrünstig, dass es nicht auch noch zu regnen anfing. Plötzlich sah sie ein Licht schimmern, hier an diesem Ort, inmitten des finsteren Waldes, in der Nähe des Eichenhains. Obwohl die Bäume dicht standen, schienen sich ihre Kronen gen Himmel zu öffnen und Strahlen durchzulassen. Das spärliche Licht drang sogar bis auf den Waldboden und beleuchtete den Eingang zum Eichenhain. Eine flüchtige Hoffnung blitzte in Claras Herz auf. Vielleicht war Noromadi hier, sie kam doch so oft hierher, um sich zu entspannen. Die rundliche Frau beschleunigte ihren Schritt und blieb vor dem Eingang des Eichenhains stehen.
Dìurthi stand hinter ihr, Sorgenfalten gruben sich in seine Stirn. Der Dhàrdhatsfrau, zu der Clara unwissentlich aufsah, war es auch mulmig zumute. Unbewusst legte sie ihre Hände schutzsuchend auf die schmalen Schultern des Gniri, der mit dem Rücken zu ihr stand und die Barriere mit bildete. Der Gniri hob genauso unbewusst die Hände und legte sie auf die der Dhàrdhatsfrau. Als sie sich berührten, sahen sie einander einen Augenblick lang irritiert an. Dann lächelten sie scheu und behielten ihre Stellung bei.
Clara spähte in den Hain. Da drinnen war es noch heller, denn dort wuchsen nur vereinzelt einige Eichen. Sie wollte die Lichtung betreten, aber etwas hielt sie zurück. Es fühlte sich wie eine Mauer an– doch da war nichts, nichts, was sie sehen konnte. Sie wäre beinahe einen Schritt vor getreten, aber etwas sagte ihr, dass sie eine unangenehme Erfahrung machen würde, also ließ sie es sein. Stattdessen reckte und streckte sie ihren Hals und starrte angestrengt auf den Platz, aber da waren nur der Wind, der durch die Äste rauschte, und das Knarren des Holzes. Irgendwo saß ein Uhu und ließ seine Stimme in der Dunkelheit erklingen. Von Noromadi jedoch keine Spur.
Pythera nahm aus den Augenwinkeln die Leiberwand wahr, die sich formiert hatte. Sie wusste instinktiv: Sie wehren eine Gefahr ab. Ohne auf den Ur-Ahnen, Noromadi oder Iefîs zu achten, eilte sie zur Dhàrdhatsfrau und schob sie sanft beiseite. Ihr Blick fiel auf die Menschenfrau mit dem hellroten Haar, die vor dem Eingang stand und ihren Hals reckte. Obwohl sie Noromadi nicht ähnlich sah, erkannte sie deren Mutter am Geruch. Ein milder melancholischer Zug erschien auf dem vorstrebenden Gesicht der Heilerin. Sie seufzte leise und bedachte die Dhàrdhatsfrau mit einem Blick, der ihr mitteilte, sie solle die Stellung halten. Dann eilte sie zurück zu den anderen.
Dìurthi war glücklich darüber, dass sich alle über die Gefahr, die von dieser Menschenfrau für Noromadi ausging, bewusst waren und keiner es wagte, sich ihr zu nähern oder durch Berührungen zu verwirren. Im Gegenteil, alle zogen an einem Strang und sorgten dafür, dass die Menschenfrau den Hain passierte ohne ihre Tochter zu treffen.
Noromadi lag in die Lichtdecke gewickelt und fühlte sich wie im Himmel: sicher und geborgen. Der Ur-Ahn nahm das Kind an sich, hielt es in die Höhe und zeigte es herum.
„Ich möchte, dass ihr es alle seht“, sagte er und seine Stimme hallte wie Donner durch den Wald. Sie drang an jedes Ohr. In den Köpfen sämtlicher Besucher und Bewohner von Iàtranür Tarà entstand das Bild von dem kleinen leuchtenden Wesen, das Noromadi geboren hatte.
„Seht her!“, wiederholte er, aber Clara hörte und sah nichts davon. Sie schüttelte nur ungläubig den Kopf und stapfte enttäuscht davon. Der Weg wurde breiter, und je breiter er wurde, desto stärker hatte sie das Gefühl, dass sich die Atmosphäre abermals veränderte. Es wurde wieder dunkler und das Gefühl der beklemmenden Enge und des Beobachtetwerdens schwand mit jedem Schritt. Etwas in ihr schrie, sie solle umkehren, ein anderer Teil von ihr war traurig, doch der Großteil war einfach nur müde. Ein Spaltbreit Verstand ragte aus allem hervor, der ratterte und wummerte und er servierte Claras müdem Geist alle möglichen Erklärungen für die Situation, gab kluge Ratschläge und eröffnete ihr, wohin sie sich wenden müsse, um ihre Tochter zu finden und nach Hause zu bringen. Vor allem solle sie sich gefälligst zusammen reißen und ihre Müdigkeit runter schlucken, denn ihre Tochter sei wichtiger als alles andere. Also folgte sie dem Weg weiter und weiter und weiter. Unermüdlich trugen sie ihre wunden Füße mal hierhin und mal dorthin. Überall fühlte sie das Gegenteil jener beklemmenden Enge, die sie am Eichenhain verspürt hatte: eine deprimierende Einsamkeit. Clara wusste nicht, was ihr lieber war, die Beklemmung oder dieses niederschmetternde Gefühl, dass die Gefilde, in denen sie sich befand, vollkommen verlassen waren. Nur, verlassen wovon? Oder von wem?
„Das ist das geistige Kind von Iefîs und Noromadi, es wurde gezeugt, um selbst eines Tages in einem Körper zu wohnen, der sowohl Naturwesen als auch Mensch sein kann. Seht es euch an. Ihr seht, dass ihr alle mehr seid, als nur eure Körper. Jeder von euch hat im Laufe eurer Inkarnationen verschiedene Spezies durchlaufen, wir sind alle miteinander verbunden. Dieses Kind wird in unserer Obhut bleiben, bis es reif ist, selbst ins Leben zu treten. Es soll euch ein Symbol und Ankerpunkt sein und euch daran erinnern, dass ihr alle die Aufgabe habt, die Welten wieder zu verbinden! Alle miteinander!“ Hinter Mirtandaar, dessen Stimme wie der Wind durch das Geäst an alle Ohren drang, ballte sich plötzlich, wie aus dem Nichts, ein roter Lichtball zusammen, aus dem sich die Gestalt Gúfìnts formte.
„Mirtandaar hat gesprochen“, ertönte ihre samtene Stimme. Sie nahm das Kind in Empfang.
Noromadi, die erschöpft in der Lichtdecke lag, fühlte sich nun besser und machte Anstalten, sich zu erheben. Iefîs half ihr, sich anzuziehen, dann umfasste er ihren zarten Leib mit seinen starken Armen, hob sie empor und stellte sie Gúfìnt direkt vor die Füße.
„Möchtest du es noch einmal sehen?“ Gúfìnt beugte sich zu Noromadi und hielt ihr das kleine leuchtende Wesen hin. Die junge Frau lächelte matt und gab dem Kleinen einen Kuss auf die Stirn.
„Dürfen wir ihm einen Namen geben?“, fragte sie leise.
„Aber natürlich“, lächelte Gúfìnt. „Wie soll es heißen?“ Iefîs kratzte sich unschlüssig hinter dem Ohr, dann lächelte er und sagte:
„Musfatria, das heißt in unserer Sprache die blaue Blume.“ Er sah Noromadi an und zuckte mit den Achseln. „Frag mich nicht, wie ich auf blaue Blume komme.“
„Es wird schon seinen Grund haben, wir nennen es Musfatria.“
„Musfatria!“, rief Gúfìnt aus und hielt es abermals in die Höhe. „Dieses Wesen ist das Zeugnis davon, dass ihr alle, die ihr auf eure Heilung wartet, von den Ur-Ahnen geheilt und gesegnet seid. Geht hinaus und segnet die, die da warten. Beachtet, dass nur die auf ewig geheilt werden, die es sich aus tiefstem Herzen wünschen!“ Gúfìnts Stimme donnerte über den Hain, durch den Wald und erreichte alle, die seine Botschaft hören wollten. Abermals nahmen Bilder in den Köpfen der Leute Gestalt an, und sie wussten, was zu tun war und was sie erwartete.
„Rettet die Erde, sucht Kontakt zu den Menschen. Geht zu denen, die wie Noromadi empfänglich sind und zeigt ihnen, wer wir sind. Nicht jeder Mensch war einmal ein Naturwesen, doch suchen viele den Kontakt zu uns! Macht ihn wahr! Die Besucher des Hains sind nun geheilt! Geht und segnet! Sagt allen Gesegneten, sie sollen uns rufen! Nicht nur, wenn es um Heilung geht, auch wenn ihr Kinder gebärt, wenn ihr für Nahrung dankt, die euch die Mutter gibt, wenn ihr Feste feiert. Ruft uns, wenn es um euch geht, denn eure Belange sind unsere Belange!“
Ein tosender Knall folgte, der eine Lichtexplosion sondergleichen nach sich zog. Dann wurde es still, totenstill. Die Ur-Ahnen verschwanden. Zurück blieben die Leute, die nun geheilt waren und zutiefst ergriffen von dem intensiven Ereignis, das sie noch gar nicht fassen konnten.
Kurze Zeit später begann die Wanderung. Wie es ihnen aufgetragen wurde, traten die Geheilten aus dem Hain zu den Wartenden und segneten sie. Jeder Segen ließ einen Lichtfunken erstrahlen, der dem Spendenden jeden Zweifel an seiner hehren Aufgabe nahm. Bald strahlten überall Lichterfunken in den schillerndsten Farben durch den Wald, und jeder Funke gebar einen Ur-Ahnen, nämlich jenen, der seinen Paten von der Geburt bis zur Bahre begleitet und schützt– das, was die Menschen Schutzengel nennen. Diese heilten die übrigen Kranken.
Noromadi stand auf Iefîs gestützt und beobachtete fasziniert das Schauspiel. Selbst die Sòumfar gebaren segnend Lichtfunken, wenn auch kleine, so doch nicht von minderer Schönheit. Pythera machte sogleich von ihrer neuen Gabe Gebrauch und rief ihren eigenen Schutzgeist. Noromadi schmiegte sich ganz eng an ihren Dhàrdhats, strich ihm mit den Fingern über die Brust und gab ihm einen innigen Kuss. In diesem Augenblick fühlte sie sich inniglich mit ihm verbunden und wusste, dass sich ihr Traum, mit ihm zusammen zu sein, erfüllt hatte.
Gleichzeitig war sie ob der Last, die ihr die Ur-Ahnen von den Schultern genommen hatten, sehr dankbar. Die Heilung der Naturwesen hing nun nicht mehr allein von den Künsten der Heilerin und ihrer Fähigkeit, die Ur-Ahnen herbeizurufen, ab. Die Gesegneten konnten selbst segnen, und alle Gesegneten waren in der Lage, Lichtwesen zu rufen. Dieses Phänomen breitete sich unter den Geschöpfen der Natur rasch aus und würde bald die Grenzen von Pytheras Reich überschreiten.
„Es ist an der Zeit, dass du ins Bett kommst.“ Iefîs strich ihr milde über die Wange.
„Am liebsten würde ich es mir mit dir gemütlich machen, aber ich glaube“, Noromadi gähnte herzhaft, „das geht nicht, hm?“
„Nein, aber da ich nun geheilt bin, ist etwas anderes möglich.“
„Was?“, wollte Noromadi wissen.
„Das wirst du morgen sehen!“ Der Dhàrdhats grinste. „Komm morgen um die Mittagszeit zum Waldrand. Oder musst du arbeiten?“ Noromadi lächelte. Eines hatte dieser Tag der Geburt doch Gutes gebracht, sie hatte ihr Baby Samstagnacht geboren, sonntags hatte sie frei!
„Was ist nun möglich?“, bohrte Noromadi weiter.
„Es ist eine Überraschung. Bring etwas…“, der Dhàrdhats legte seinen Finger an die Lippe und kaute auf seiner Kralle herum, „GÄLDE mit.“
„Du meinst GELD.“
„Sag ich doch, GÄLDE.“
Endlose Stunden waren vergangen. Clara hatte das Gefühl, seit Ewigkeiten unterwegs zu sein. Alle Waldwege hatte sie abgeklappert, auch die entferntesten. Jetzt war sie am Ende ihrer Kräfte. Der kalte Wind und die Feuchtigkeit des Waldes waren in ihre Kleider und alsdann in ihre Knochen gekrochen. Das Haar klebte ihr am Kopf, die Augen brannten vom Starren in die Dunkelheit. Im Dickicht zischte und fauchte, knackte und raschelte, nagte und fiepte es, und Clara hatte panische Angst, dass jeden Augenblick etwas hervor springen und sich auf sie stürzen könnte. Je mehr sie sich vom Eichenhain entfernte, desto unheimlicher wurde es ihr. Sie fühlte sich mutterseelenallein, von allen verlassen und auf sich gestellt, gerade so, als befände sie sich in einem dunklen Urwald, der von kriechendem, fliegendem und schleichendem Getier nur so wimmelt. Dass diese Eindrücke ihrer Fantasie entsprangen, erkannte sie nicht, denn die Erschöpfung vernebelte ihr die Wahrnehmung.
„Wo kann sie nur sein?“, wimmerte sie. „Wie konnte ich sie verlieren? Vielleicht ist ihr etwas zugestoßen. Das würde ich mir nie verzeihen, nie! Niemals! Aber es hat keinen Zweck, weiter nach ihr zu suchen! Ich brauche eben Wilhelms Hilfe, und womöglich die der Polizei. Wenn ich es nicht schaffe, dann schaffen sie es!“ Schweren Herzens beschloss die kleine Frau umzukehren. Sie folgte dem Weg, bis sie schließlich aus dem Wald auf die Allee trat, über der sich der Nachthimmel spannte und nur die Lichter der umliegenden Dörfer glitzerten. Da atmete sie erleichtert auf. Sie war dieser dunklen, modrigen Hölle entkommen.
Iefîs hatte sie bis an die Haustür gebracht und sich dort von ihr verabschiedet. „Morgen reden wir weiter, auch über Musfatria“, hatte er gesagt und sie geküsst. Während Noromadi langsam die Treppen hochstieg, die Tür öffnete und sich ins Bett legte, ließ sie alle Momente dieser intensiven Nacht an ihrem inneren Auge vorüberziehen und genoss sie noch einmal. Dann beschloss sie, nicht weiter darüber nachzudenken, denn das bedeutete Infragestellen, und das wollte sie nicht, schließlich war alles in bester Ordnung. Sie löschte das Licht und schloss die Augen. Kurz darauf fiel sie in einen tiefen und erholsamen Schlaf.
„Aber das sage ich doch!“ Clara war vollkommen aufgelöst. Wilhelm sah sie mit gehobener Braue an.
„Bist du dir sicher, dass sie nicht in ihrem Bett liegt? Nicht, dass wir sie jetzt aufwecken, wenn wir das Licht anmachen!“
„Wilhelm! Sieh mich an!“ Seine Frau strich sich eine nasse Strähne von der Stirn. „Warum in Gottes Namen sollte ich mich nachts in den Wald aufmachen, um sie zu suchen, wenn ich nicht vorher gesehen hätte, wie sie sich davonschleicht?“
„Und warum, Schatz, bist du nicht gleich gekommen, um mir Bescheid zu geben, anstatt dich mutterseelenallein in ein solches Abenteuer zu stürzen?“, erwiderte Wilhelm scharf.
„Weil dafür keine Zeit mehr war“, log Clara und schürzte beleidigt die Lippen.
„Also gut, wir schauen nach, aber wehe, sie ist noch da!“ Während ihr Mann voran stapfte, folgte Clara ihm wie ein ängstliches Lamm. Die Tür knarzte leise und das Licht ging an.
Noromadi schlief tief und fest bis auf einmal das Licht durch ihre geschlossenen Lider drang und sie weckte. Sie wand sich unbehaglich hin und her und öffnete schlaftrunken die Augen.
„Mama, Papa? Was ist los? Hab ich verschlafen? Muss ich zur Arbeit?“, fragte sie orientierungslos.
„Nein, mein Kind, schlaf nur weiter“, sagte Wilhelm mit einem verärgerten Seitenblick auf seine Frau. Er löschte das Licht und schloss die Tür hinter sich. Dann packte er seine Frau, die ihn kreidebleich und ungläubig anstarrte, am Handgelenk und zerrte sie ins Schlafzimmer. Dort angekommen, ließ er seiner Verärgerung freien Lauf.
„Sag mal, drehst du jetzt auch noch am Rad? Was soll der Unsinn von wegen Noromadi im Wald und so? Sie liegt in ihrem Bett und schläft friedlich. Hast du Halluzinationen, oder was?“
„Aber Wilhelm“, seine Frau war den Tränen nah. „Ich habe mich nicht geirrt. Und ich bin nicht verrückt. Wahrscheinlich ist sie früher wieder nach Hause gekommen, bevor ich zurückgekehrt bin! Und ehe du mich für vollkommen verrückt hältst, solltest du wissen, dass sie eigenartige Dinge treibt, ja, das tut sie. Vor nicht allzu langer Zeit war ich nachts in ihrem Zimmer, weil ich einen Tampon brauchte. Da hat sie auch nicht in ihrem Bett gelegen. Und dann spricht sie so eine eigenartige kehlige Sprache und malt Bilder von hässlichen Klauenhänden! Manchmal, wenn sie auf ihrem Zimmer ist, unterhält sie sich mit jemandem, aber niemand ist da. Hat dir das alles noch nie zu denken gegeben?“ Wilhelm strich sich erschöpft über das Gesicht. Er ergriff die Schultern seiner zitternden Frau, atmete ein paar Mal tief ein und aus und sagte leise:
„Weißt du, ich habe mich schon immer gefragt, woher unsere Tochter ihren Wahnsinn hat. Lange Zeit habe ich gedacht, er kommt vielleicht aus meiner Familie, aber nun bestätigt sich, dass er von deiner Seite kommt, genau genommen von dir selbst! Jetzt, wo es ihr nun endlich wieder gut geht und sie diesen ganzen Psychiatriemist hinter sich hat, jetzt fängst du damit an! Clara, wirklich, du enttäuschst mich!“ Er ließ ihre Schultern los, legte sich ins Bett und löschte das Licht. Seine vollkommen aufgelöste Frau war völlig fassungslos darüber, wie ihr Mann reagiert hatte. Im Wald war es zwar düster gewesen und an jeder Ecke schienen Gefahren gelauert zu haben, aber das war kein Vergleich zu dem Gefühl der Einsamkeit und der Hilflosigkeit, das sie in diesem Augenblick erfuhr. Sie entledigte sich ihrer feuchten Kleidung, legte sich zu ihrem Mann ins Bett und weinte sich voller Bitterkeit in den Schlaf.
Iefîs lag auf seiner Liege und lächelte selig. Lange, lange hatten Gabra, Yhsa, er und sogar die Kinder über die Ereignisse der Nacht diskutiert, und gerade eben, kurz vor dem Schlafengehen, hatte er noch einmal seine alte Kleidung herausgesucht: das helle Hemd, die braune Hose und die Schuhe, von denen er bei seiner Ankunft auf Iàtranür Tarà nur einen getragen hatte, weil der kranke Fuß nicht mehr hinein gepasst hatte. Er war viel abgetragener als der andere, aber das störte ihn nicht. Er hatte wenigstens Schuhe.
„Morgen kommt alles wieder zum Einsatz, Noromadi wird staunen, ja, das wird sie!“ Leise kichernd zog er sich die Decke über den Kopf und es machte ihm nichts aus, dass seine Füße mal wieder zu kurz kamen. Überglücklich wackelte er mit seinen Zehen.
Am nächsten Tag saß Noromadi putzmunter am Frühstückstisch. Es ging ihr wirklich blendend. Sie hatte lange geschlafen und freute sich auf den neuen Tag, denn heute würde sie ihren Geliebten treffen, der eine Überraschung für sie hatte.
„Na! Der Schlaf scheint dir ja wirklich gut getan zu haben“, lächelte Wilhelm und nippte an seinem Kaffee.
„Ja, Papa, sehr gut. Ich bin immer noch müde, aber das ist kein Vergleich zu gestern. Heute Abend kann ich ja früher zu Bett gehen, dann geht’s mir morgen wieder einwandfrei. Wo ist eigentlich Mama?“ Noromadi beobachtete, wie sich die Gesichtszüge ihres Vaters verhärteten. Ein kühler Glanz trat in seine Augen, dann sagte er mit zusammen gepressten Lippen:
