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Beschreibung

Digitalisierung und Dekarbonisierung – das sind die großen Herausforderungen unserer Gesellschaft und zunehmend auch der Medizin. Während die digitale Transformation mehr und mehr ins Blickfeld rückt, ist das gesamte Thema der Nachhaltigkeit in der Medizin und insbesondere in Krankenhäusern noch deutlich unterentwickelt. Das ist verständlich: Im tradierten Selbstverständnis von Gesundheitseinrichtungen ist es bis heute der zentrale Grundgedanke, mit gleichsam unbegrenztem Ressourceneinsatz den Menschen zu helfen. Die Suche nach dem „Purpose“, der gesellschaftlichen Legitimation der eigenen Arbeit, bleibt der Medizin erspart. Aber dies sollte kein Freifahrtschein sein, das Thema Nachhaltigkeit auszuklammern. Die Herausgeber:innen dieses Buches sind der festen Überzeugung, dass die Medizin ihre Kernaufgabe nicht nur intelligenter und menschlicher, sondern vor allem auch umweltverträglicher erfüllen kann. Dieses Buch stellt das Thema Nachhaltigkeit in seiner gesamten Komplexität mit dem Fokus auf das Krankenhaus dar. Das Buch schildert nicht nur den aktuellen Status bei zentralen Handlungsfeldern. Es ist gleichzeitig Kompendium, Ratgeber, Mutmacher und damit Wegbereiter einer nachhaltigen Medizin, die nur mit der Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung ihr originäres Ziel in vollem Umfang erfüllt: Menschen zu helfen und Menschen zu dienen. Fest steht, dass nachhaltig denken und handeln – auch und explizit im Gesundheitswesen und Krankenhaussektor – in unserer heutigen Zeit zum Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlage unabdingbar ist. Am Ende steht die Überzeugung, dass es auf diesem Weg letztlich nur Gewinner gibt: Die Umwelt, die Menschen in den Krankenhäusern, aber auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Denn die Optimierung oder gar Neugestaltung von Prozessen für mehr Nachhaltigkeit wird die Krankenhäuser nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch besser aufstellen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 532

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Jochen A. Werner | Thorsten Kaatze | Andrea Schmidt-Rumposch (Hrsg.)

Green Hospital

Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung im Krankenhaus

Mit einem Geleitwort von Eckart von Hirschhausen

mit Beiträgen von

B. Badura | S.E. Bosmann | J. Dahm | I. Danquah | F. Daschner | A. Dickhoff | G. Dobos | C. Dreißigacker | T. Emler | M. Filser | L. Fiedler | M. Gerhardt | W. Haas | U. Hankeln | U. Heckert | A. Herrmann | J. Hildebrand | B. Hosters | K. Hünninghaus | T. Kaatze | T. Kortsch | M. Köhn | L. Kranz | S. Krojer | M. Latif | A. Levsen | M. Loh | D. Luschkova | S. Matthys | T. Meerstedt | E. Münch | H. Nickl | C. Nickl-Weller | M. Oldeland | M. Pawlitzki | B. Pulver | A. Raida | I. Rau | S. Richtzenhain | N. Rogge | M. Schmidt | A. Schmidt-Rumposch | A. Struchholz | C. Traidl-Hoffmann | T. Voß | R. Weller | J.A. Werner | S. Wibbeling

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

Die Herausgeber:innen

Prof. Dr. Jochen A. Werner

Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender

Thorsten Kaatze

Kaufmännischer Direktor

Andrea Schmidt-Rumposch

Pflegedirektorin

Universitätsmedizin Essen

Hufelandstraße 55

45147 Essen

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

Unterbaumstraße 4

10117 Berlin

www.mwv-berlin.de

ISBN 978-3-95466-705-5 (eBook: PDF) ISBN 978-3-95466-706-2 (ePub)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Informationen sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin, 2022

Dieses Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Im vorliegenden Werk wird zur allgemeinen Bezeichnung von Personen nur die männliche Form verwendet, gemeint sind immer alle Geschlechter, sofern nicht gesondert angegeben. Sofern Beitragende in ihren Texten gendergerechte Formulierungen wünschen, übernehmen wir diese in den entsprechenden Beiträgen oder Werken.

Die Verfasser haben große Mühe darauf verwandt, die fachlichen Inhalte auf den Stand der Wissenschaft bei Drucklegung zu bringen. Dennoch sind Irrtümer oder Druckfehler nie auszuschließen. Der Verlag kann insbesondere bei medizinischen Beiträgen keine Gewähr übernehmen für Empfehlungen zum diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen oder für Dosierungsanweisungen, Applikationsformen oder Ähnliches. Derartige Angaben müssen vom Leser im Einzelfall anhand der Produktinformation der jeweiligen Hersteller und anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Eventuelle Errata zum Download finden Sie jederzeit aktuell auf der Verlags-Website.

Buchtitel und Inhalt dieses Werkes bezeichnen Strategien, Konzepte und Methoden zum nachhaltigen Wirtschaften in Krankenhausbetrieben – vielfach in Wissenschaft und Literatur sowie von Initiativen und Unternehmen als „Green Hospital“ bezeichnet. Auf besonderen anwaltlichen Wunsch weisen wir darauf hin, dass „Green Hospital“ auch eine eingetragene Marke der Asklepios Kliniken GmbH & Co. KGaA ist.

Produkt-/Projektmanagement: Anja Faulenbach, Berlin

Copy-Editing: Monika Laut-Zimmermann, Berlin

Layout, & Satz und Herstellung: zweiband.media, Agentur für Mediengestaltung und -produktion GmbH, Berlin

E-Book: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Zuschriften und Kritik an:

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Unterbaumstraße 4, 10117 Berlin, [email protected]

Geleitwort

„Wenn wir als Menschen immer betonen, dass wir die schlaueste Art auf diesem Planeten sind – warum zerstören wir dann unser eigenes Zuhause?“

Mit dieser Frage hat mich Jane Goodall, die berühmte Schimpansenforscherin und Umweltaktivistin, sprachlos gemacht. Vielleicht ist es die wichtigste Überlebensfrage im 21. Jahrhundert. Seitdem bin ich auf der Suche nach guten Antworten – und dieses Buch hat viele davon!

„Ein Krankenhaus ist kein guter Ort für kranke Menschen“, hat Norman Cousin geschrieben und zusammen mit Patch Adams war er die Inspiration für meine erste Stiftung „Humor hilft heilen“, die sich für eine humane Humanmedizin einsetzt. 15 Jahre später wird endlich klar: „Ein Krankenhaus ist auch kein guter Ort für einen kranken Planeten!“ Und weil wir im Deutschen mit „Planet“ mehr Pluto verbinden als unsere Mutter Erde, heißt meine zweite Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“.

Wenn es eine ärztliche Pflicht ist, Leben zu schützen, auf Gesundheitsgefahren hinzuweisen und gegebenenfalls auch schlechte Nachrichten zu überbringen, dann sollten Vertreter:innen der Gesundheitsberufe die Ersten sein, die die Bedrohung des Menschen durch den Klimawandel thematisieren. Und die schlechte Nachricht lautet: Die Klimakrise hat massive Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns! Die Erde braucht uns nicht, wir aber brauchen die Erde.

Der Gedanke von „One Health“ hat es immerhin in den Koalitionsvertrag geschafft, aber immer sind andere Krisen grade dringlicher: Pandemie, Ukraine, Finanzen. Die Klimakrise macht währenddessen keine Pause, in Wirklichkeit sind die Krisen Symptome einer globalen Krise, und hängen innerlich mit der großen Beschleunigung, dem Raubbau an unseren Lebensgrundlagen zusammen.

Die Dimension, in der Krankenhäuser auch zur Klimakrise beitragen, spielte lange in der Öffentlichkeit und im Gesundheitswesen keine Rolle. Traditionell hält sich die Mehrheit der Ärzt:innen aus der Politik heraus; dass die fossile Energiepolitik massive Gesundheitsfolgen hat, stand bislang eher nicht auf ihrer Agenda. Aber natürlich gab es auch Ausnahmen, die „Ärzte gegen den Atomkrieg“ zum Beispiel. Sie betonten auf einem ihrer Plakate: „Eine Atombombe kann dir den ganzen Tag versauen.“ Gleiches gilt heute für die Klimakrise. Die kann einem das ganze Leben versauen. Und das für die nächsten Generationen gleich mit.

Klimaschutz als Gesundheitsschutz zu begreifen, eröffnet eine Perspektive, die sich nicht auf eine Partei, Ideologie oder Altersgruppe bezieht, sondern für jeden von uns wichtig ist. Sichtbarer, öffentlicher und politischer zu werden heißt anzuerkennen, dass die Lösung der Probleme nicht in einer medizinischen Innovation zu finden sein wird. Wir können eine überhöhte Körpertemperatur, sprich Fieber, medikamentös senken. Aber gegen eine überhöhte Außentemperatur gibt es keine Tablette, da hilft nur wirksame Politik.

Vielen im Land ist offenbar noch nicht bewusst: Die nächsten zehn Jahre entscheiden darüber, wie die nächsten 10.000 Jahre laufen, auf gut Deutsch: ob die menschliche Zivilisation überlebt. Wir haben in der Medizin weltweit gigantische Fortschritte gemacht. Wir leben so satt, so sicher wie nie zuvor – und sind doch so bedroht wie noch nie. All diese Fortschritte der letzten 50 Jahre stehen heute auf dem Spiel.

Als 1969 Menschen das erste Mal auf dem Mond landeten, war ihre größte Erkenntnis der Blick zurück auf die Erde, auf den blauen Planeten, auf dieses einzigartige Geschenk inmitten eines kalten, weiten Weltraums. Diese Reflexion hat unser Bewusstsein für immer verändert. Die ganze Erde ist unser Wohnzimmer. Sie ist der einzige Ort im ganzen bekannten Universum mit Lebensraum – mit „Living Room“! Nur hier gibt es Wasser zum Trinken, Luft zum Atmen und bislang für Säugetiere erträgliche Temperaturen. Und wem das zu esoterisch wird: Die Erde ist der einzige Ort mit Kaffee, Sex und Schokolade. Besser wird es nirgendwo. Aber hier wird es schlechter. Rapide.

Der Bericht des Weltklimarates IPCC ist so klar und deutlich wie noch nie: Der Klimawandel ist bedrohlich, er betrifft jeden Menschen, in jedem Winkel der Erde. Der Klimawandel ist menschengemacht. Und wir Menschen können noch etwas ändern. Wie viele Jahrhundertfluten, Jahrhundertstürme und Brände brauchen wir eigentlich noch, um zu verstehen, dass dieses Jahrhundert gerade erst angefangen hat und wir die Veränderungen nicht weiter als Ausnahmen abtun können?

Als Arzt habe ich gelernt: Erst die Diagnose, dann die Therapie. Die Diagnose haben wir nicht erst seit heute. Wir brauchen jetzt Politik, die auf Wissenschaft hört. Und dann auch handelt. Eine Jahrhundertaufgabe – für die wir kein Jahrhundert mehr Zeit haben. Es kommt jetzt auf jeden an. Noch haben wir eine Wahl. Denn das Ziel, auf das wir uns doch alle einigen können, ist: Gesunde Menschen und Tiere gibt es nur auf einer gesunden Erde.

Viel zu lange wurde die Klimakrise als ein Problem von Eisbären, pazifischen Inselstaaten und einer fernen Zukunft verhandelt. Es fehlte die Anschauung, die Bilder, die Nähe. Wir lebten jahrzehntelang nach dem Motto: „Nach uns die Sintflut“. Jetzt ist sie da, die Sintflut, direkt vor uns. Der Sommer 2021 wird möglicherweise in die Geschichte eingehen. Als ein historischer Wendepunkt, Klimawandel und Gesundheit, lokales menschliches Leid und globale Veränderungen endlich im Zusammenhang zu begreifen.

Der Medizin wird oft vorgeworfen, nur die Symptome und nicht die Ursachen von Krankheiten zu behandeln. Aber was, wenn die Medizin selbst Teil der Ursache ist – und kein unerheblicher Teil?

Warum endet jedes analoge Fieberthermometer bei 41 Grad? Weil wir mehr an Körpertemperatur schlichtweg nicht aushalten. Die Eiweißstoffe im Hirn gehen kaputt. Jeder, der schon mal ein Ei gekocht hat, weiß, dass Proteine, die einmal ihre Form durch Überhitzung verändert haben, nicht mehr in die ursprüngliche Form zu bringen sind. Ein Ei wird bei über 40 Grad hart. Und auch wenn es wieder abkühlt, wird es nie wieder weich. Wir übersehen wirklich, wie sehr wir auch als Menschen biologische Wesen sind, mit einem sehr verletzlichen Körper. Es ist eine große Illusion, dass wir uns an Hitze „gewöhnen“ können. Klar, im Urlaub, in der Sauna, im begrenzten Rahmen reguliert unser Kreislaufsystem das. Aber wir kommen sehr schnell an unsere Grenzen. Erst recht, wenn Menschen Vorerkrankungen, wie Diabetes, ein schwaches Herz oder eine schwache Lunge haben. Deutschland ist unter den Top 3 der extrem von Hitzetoten betroffenen Ländern weltweit, weil wir eine Bevölkerung mit vielen älteren Menschen haben. Wie so oft, trifft es die Armen und Geschwächten zuerst.

Über die letzten 10.000 Jahre war der CO2-Gehalt der Atmosphäre und damit unsere Gesamtwetterlage sehr stabil, und wir konnten uns um die schönen Dinge des Lebens kümmern. Unsere Zivilisation beruht darauf, dass wir Zeit hatten für Kunst, Wissenschaft, Hochleistungsmedizin und Demokratie, weil wir uns nicht ständig mit dem Notwendigsten beschäftigen mussten. Wenn all das, was uns heute umtreibt, bereits bei 1,2 Grad Überhitzung gegenüber der Vorindustriellen Zeit passiert, versteht man auch, dass jedes weitere zehntel Grad weiteres Gefahrenpotenzial mit sich bringt. Und deshalb lohnt es sich, um jede Tonne CO2 zu kämpfen, die wir nicht in die Atmosphäre ausstoßen. Es schweben schon genug Tonnen über uns. Alles, was wir dort oben „deponieren“, fällt uns buchstäblich auf die Füße. Wenn wir momentan über den Daumen so viel fossile Energie an einem Tag freisetzen, wie Mutter Erde in 1.000 Jahren mühselig gebildet hat, braucht man kein Rechengenie zu sein, um zu verstehen: das geht nicht lange gut.

Aber vielleicht sind wir jetzt an dem „Tipping Point“, an dem Kipppunkt. Denn die gibt es nicht nur im Erdsystem, sondern auch in der Gesellschaft. Es häufen sich die Zeichen, dass endlich die Realitätsleugnung aufhört und die Diagnose in der Mitte der Gesellschaft ankommt: Wir sind in einer absolut bedrohlichen Lage. Wir müssen massiv umsteuern, investieren, umbauen und vieles mehr. Wie wir wohnen und heizen, wie wir essen, wie wir uns bewegen und wie wir globale Verantwortung wahrnehmen und übernehmen.

Mit dem Stiftungsnetzwerk F20 hatte ich mit meiner Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ die Gelegenheit, mit dem EU-Kommissar Franz Timmermanns zu sprechen. Er erinnerte an die großen Fortschritte, die Europa nach dem zweiten Weltkrieg machte, nach der historischen Katastrophe. Und er mahnte für heute einen Aufbruchsgeist an, der wie beim Wiederaufbau über die eigene Generation hinaus denkt. Wir müssen jetzt in unserer „Boomergeneration“ lauter Dinge tun und anschieben, obwohl wir die Früchte selbst nicht mehr erleben werden. Dafür hatten wir ja aber bisher auch lange genug eine sorgenfreie Zeit. Wenn man das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes ernst nimmt, muss die Leitschnur für heutige Entscheidungen die Freiheit und die Überlebenschancen der nächsten Generation sein. Und das am besten ohne den Krieg vorher. Oder zukünftige Kriege um Wasser, Essen, Schatten und die letzten Flächen mit Regen und fruchtbarem Land. Wir sind die erste Generation, die erlebt, wie die Bedrohung auch in Deutschland ankommt. Und wir sind die letzte, die noch Einfluss darauf nehmen kann, wie es weitergeht.

Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen werden in Hitzeperioden zu echten Wärmefallen, in sogenannten Hitzeinseln kann die Temperatur über zehn Grad höher sein als im Umkreis. Hitzeplanung spielte bei der Stadtplanung bisher kaum eine Rolle, man orientierte sich an den Erfahrungswerten der Vergangenheit – ohne einen Blick in eine wärmere Zukunft zu werfen. Das sieht man an den teuren Gebäuden von Versicherungen, Banken und auch manchen Krankenhäusern, die alle mit großen Fensterfronten ausgestattet sind. Als hätten die Architekten noch nie etwas vom Treibhauseffekt gehört, bauen sie Treibhäuser für Menschen.

Dachbegrünung, Pflanzen an der Fassade sowie Grünanlagen und Gewässer in der Umgebung helfen, die Temperaturen zu senken. Aber große Teile der städtischen Flächen sind versiegelt, es gibt viel zu viel Beton und Stein, nirgendwo kann Wasser langsam im Boden versickern und dann verdunsten und damit das tun, was die Haut für uns tut – kühlen. Durch die Betonwüsten weht auch kein Wind, weil bei der Planung nicht auf Frischluftschneisen geachtet wurde. Dabei muss kühlere Luft aus dem Umland möglichst ungehindert zirkulieren können, etwa entlang von Flüssen oder Grüngürteln.

Im Umweltbundesamt gibt es ein „Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung“, es gibt Fördermittel der Länder, aber ein Umbau zu widerstandsfähigen „resilienten“ Städten dauert Jahrzehnte. Richtig gefährlich wird das für Pflegeheime, Kliniken und Schulen. Die wenigsten davon wurden mit Rücksicht auf Wärmeeintrag geplant.

Als Arzt wundere ich mich, warum die Energiewende in Deutschland vorrangig als ein technisches Problem diskutiert wird. Wir sollten eher darüber reden, wie viel gesünder hundertprozentig erneuerbare Energieerzeugung für uns alle wäre. Würde man alle Braunkohlekraftwerke abschalten, ließen sich mit einem Mal 150 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Und natürlich alle anderen Schadstoffe wie Feinstaub, Blei oder Arsen. Deutschlands Kohlekraftwerke sind nicht nur Klimasünder, sondern auch Giftschleudern. Sie stoßen jährlich rund sieben Tonnen Quecksilber aus. Was gab es früher im Krankenhaus für ein Geschrei, wenn ein Thermometer hinunterfiel und die nur wenige Milligramm schweren Quecksilberkügelchen sich blitzschnell unter den Betten verteilten. Bei Kohlekraftwerken sprechen wir von Tonnen! Nirgendwo in Europa wird ungestraft mehr von dem Nervengift emittiert als in Deutschland. Die Klimafolgeschäden durch die deutsche Kohleverstromung liegen laut Umweltbundesamt bei 50 Milliarden Euro pro Jahr. Hinzu kommen Gesundheitsschäden durch Abgase aus der Kohleverbrennung in Höhe von über vier Milliarden Euro jährlich. Der „Lancet“ rechnet vor, dass durch die drei großen Stellschrauben Ernährung, Mobilität und Energiewende bis 2040 jedes Jahr 165.000 vorzeitige Todesfälle in Deutschland verhindert werden könnten. Kohleverstromung war im letzten Jahrhundert die Grundlage unseres Wohlstandes. In diesem Jahrhundert ist es unser Sargnagel. Jeder Tag, den wir weiter wider besseren Wissens und wider besseren Könnens Kohlekraftwerke laufen lassen und damit Tonnen von Treibhausgasen, Feinstaub und Quecksilber freisetzten, ist aus meiner Sicht ein Verbrechen. Ein Verbrechen an der Gesundheit der Menschen heute und erst recht an allen zukünftigen Generationen. Warum ist es nicht gesetzlich vorgeschrieben, dass Krankenhäuser ausschließlich erneuerbare Energien beziehen?

Denn ein weiterer blinder Fleck im Gesundheitswesen ist sein eigener Energiehunger. Ein einzelnes Krankenhausbett erzeugt unterm Strich so viele Emissionen wie ein Einfamilienhaus. Das liegt nicht am Bett, sondern an all den Dingen, die drumherum verwendet und oft auch verschwendet werden: viel Plastikmüll, viele Einweggegenstände, viel, was erhitzt, gekühlt und transportiert wird. Die Initiative „KLIK green“ qualifiziert in Krankenhäusern Klimamanager:innen und reduziert an unterschiedlichen Stellen den Ressourcenverbrauch: im Einkauf, beim Strom, beim Heizen, mit Umbaumaßnahmen wie Dachbegrünung oder Dämmung oder auch, indem von den Mitarbeiter:innen diejenigen belohnt werden, die mit dem Rad oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit kommen. In der Summe wird oft vergessen, dass der Gesundheitssektor eine enorme Industrie ist, auf deren Konto rund fünf Prozent der in Deutschland verursachten Emissionen gehen. Mehr und mehr Fachverbände positionieren sich. Sehr weit vorne ist gerade eine Gruppe von Narkoseärzt:innen, die darauf drängen, besonders klimaschädliche Substanzen aus dem OP zu verbannen.

Die größte Präventionsaufgabe liegt noch vor uns. Millionen vorzeitige Tode können durch saubere Luft dank erneuerbarer Energien, pflanzenbasiertes Essen im Sinne der „Planetary Health Diet“ und das Einhalten des Parisabkommens und damit der Verhinderung eines weiteren Temperaturanstieges verhindert werden. Das Gesundheitswesen hat hier eine Vorbildfunktion, auch im Reduzieren des eigenen ökologischen Fußabdruckes. Die Kommunikation in die Mitte der Gesellschaft ist notwendig, um Mehrheiten für die notwendigen Entscheidungen zu finden. Das Wissen aus den Präventionswissenschaften ist dafür eine große Hilfe: es braucht Gesundheitskompetenz, soziale Gerechtigkeit, Selbstwirksamkeit und vor allem Rahmenbedingungen, die ein gesundes Verhalten leicht machen und belohnen. Denn nur durch Einsicht hat sich noch wenig geändert. Aber im Sinne der „Co-Benefits“ zu argumentieren und zu handeln, hat einen großen Hebel, denn was gut ist für die Erde, ist auch gut für uns Menschen.

Wie Sie gleich beim Blättern sehen werden: Die Ideen sind da. Und die Vorbilder. Jetzt müssen sie angegangen werden. Wie bei jeder Katastrophe gilt: Rumstehen und gaffen geht nicht. Anpacken ist angesagt. Und wenn Sie mit ihrem Verwaltungsmenschen sprechen, lieben Gruß: Das Teuerste, was wir jetzt tun können, ist nichts zu tun!

Prof. Dr. med. Eckart v. Hirschausen

Gründer der Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“

Schirmherr von „KLIK green“

Unterstützer von „Scientists for Future“ und „KLUG – Allianz Klimawandel und Gesundheit“

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn es noch weiterer Argumente für die Notwendigkeit nachhaltigen Wirtschaftens in der Gesundheitswirtschaft bedurft hätte, so sind diese – so schmerzhaft sie auch sein mögen – in der Endphase der Entstehungsgeschichte dieses Buches im Frühjahr 2022 geliefert worden. Zum einen hat der Krieg in der Ukraine in geradezu erschütterndem Ausmaß deutlich gemacht, wie sehr unsere Volkswirtschaft und auch viele Privathaushalte nach wie vor auf fossile Brennstoffe als Grundlage unseres Wohlstands angewiesen sind.

Zum anderen hat der Weltklimarat in seinem Anfang April 2022 erschienenen Klimabericht dargelegt, dass es beinahe unmöglich sei, das postulierte und in zahlreichen Abkommen bekräftigte Ziel einer Erwärmung um maximal 1,5 Grad tatsächlich noch zu erreichen. Dazu müssten bis 2030 die Emissionen aus Treibhausgasen um über 40 Prozent sinken – wer vermag angesichts der Entwicklung der vergangenen Jahre daran noch glauben? Und dennoch machen die Forscher auch Hoffnung, weil sich der Anstieg von Treibhausgasen abgeflacht hat und vor allem die Kosten für emissionsarme Technologien signifikant gefallen sind.

Egal ob man die Kernaussagen des Berichts nun eher pessimistisch oder optimistisch bewertet, eines ist gewiss: Wir haben keine Alternative zum entschlossenen Handeln, und vor allem haben wir keine Zeit mehr zu verlieren. Dies gilt auch und im Besonderen für die Medizin, für die Nachhaltigkeit und Ressourcenschutz neue Themen sind. Diese Tatsache erstaunt auf den ersten Blick, ist die Gesundheitswirtschaft doch ein relevanter Emittent und für rund fünf Prozent der Treibhausgase verantwortlich – allein in Deutschland sind dies rund 60 Millionen Tonnen. Aber lange – zu lange – hat sich die Gesundheitswirtschaft darauf berufen, durch die bloße Ausübung ihres Kerngeschäfts schon genug Gutes für die Menschen zu tun. Diese eindimensionale Einstellung reicht aber angesichts der Dimension der globalen Aufgabe und auch angesichts des eigenen ökologischen Fußabdrucks bei weitem nicht mehr aus. Mehr noch: Wer moderne Medizin als ganzheitliche Disziplin mit einer hohen Bedeutung an Prävention statt reiner „Reparatur“ versteht, kommt an einer neuen Betrachtungsweise nicht vorbei: Nur in einer gesunden Umwelt können Menschen gesund bleiben und wieder gesund werden.

Diesen Gedanken hat die Universitätsmedizin Essen früh aufgenommen und auf Grundlage der Umgestaltung zum Smart Hospital phasenverschoben, aber simultan die Transformation zum Green Hospital eingeleitet. Aus der selbstkritischen Erkenntnis, bei der Digitalisierung sicherlich Vorreiter zu sein, hingegen bei der nachhaltigen, umweltschonenden Umgestaltung der eigenen Prozesse und Abläufe noch am Anfang zu stehen, entstand der Entschluss zur Herausgabe dieses Buches.

Es soll als Standardwerk und Kompendium einen Überblick über den aktuellen Stand der Diskussion zum Klimaschutz in der Medizin, aber explizit auch darüber hinaus geben. Vor allem aber soll es konkrete Handlungsfelder und Problemlösungen beschreiben und damit einen messbaren Beitrag zu mehr Umwelt- und Klimaschutz im betrieblichen medizinischen Alltag geben.

Wir wünschen uns sehr, dass das vorliegende Buch „Green Hospital“ ein wichtiger, aber eben auch nur erster Schritt ist, um das epochale Thema Klimaschutz fest im Selbstverständnis und der operativen Arbeit der Gesundheitswirtschaft zu verankern.

Prof. Dr. Jochen A. Werner

Thorsten Kaatze

Andrea Schmidt-Rumposch

Essen, im Mai 2022

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

IKlimawandel und Gesundheit

1Der globale Wandel und die Zukunft der KlimapolitikMojib Latif

2Klimawandel und Gesundheit aus globaler Perspektive – eine Übersicht über Risiken und NebenwirkungenAlina Herrmann und Ina Danquah

3Destabilisierung des Klimas als fundamentale Bedrohung für die Gesundheit der MenschheitDaria Luschkova, Melanie Pawlitzki und Claudia Traidl-Hoffmann

Exkurs: Ökologische Nachhaltigkeit im GesundheitswesenUwe Heckert

4Der globale Kampf gegen den Klimawandel – Vernetzung, Partnerschaften, ZusammenarbeitChristian Dreißigacker

5Klimaschutz im Krankenhaus – Wege zu mehr NachhaltigkeitAnna Levsen und Melanie Filser

IIHandlungsfelder für nachhaltiges Agieren im Krankenhauswesen

1Nachhaltige Mobilitäts- und Logistiklösungen im KrankenhausSebastian Wibbeling, Andrea Raida und Malin Gerhardt

2Energiemanagementkonzepte für ein nachhaltiges KrankenhausMichael Schmidt und Jochen Dahm

Exkurs: Wie die Klimakrise unsere Gesundheitssysteme herausfordert – Chancen einer Transformation mit Beispielen aus ÖsterreichWilli Haas

3Ernährung neu denken – Leitfaden für die Etablierung einer nachhaltigen Verpflegung im KrankenhausKristin Hünninghaus, Sigrid E. Bosmann und Gustav Dobos

4Ganzheitliches Beschaffungsmanagement als zentrale Schnittstelle für ein umweltfreundliches KrankenhausStefan Krojer und Timo Meerstedt

Exkurs: Politisches Handeln für eine grünere ZukunftBernhard Pulver

5Vermeiden, Reduzieren, Wiederverwerten: Aktuelle und künftige Entsorgungskonzepte im klinischen AlltagUlrich Hankeln

6Green IT – Informationstechnik geht auch umweltverträglichMarina Köhn

Exkurs: Digitalisierung als Enabler für Nachhaltigkeit im KrankenhausStefan Krojer

7Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung im KrankenhausbauChristine Nickl-Weller, Hans Nickl und Stefanie Matthys

8Betriebliches Gesundheitsmanagement: Bausteine für nachhaltige, mitarbeiterorientierte KrankenhäuserEckhard Münch, Bernhard Badura und Robert Weller

Exkurs: Nachhaltigkeit als Kompass unseres HandelnsMartin Oldeland

9Projekte des BUND zu Klimaschutz im Krankenhaus und Reha-KlinikenAnnegret Dickhoff und Nicole Rogge

10Erfolgsnachweise eines grünen KrankenhausesThomas Voß

Exkurs: Wie werden wir Klimaretter – Ideen für eine verantwortungsbewusste NachhaltigkeitspolitikMarkus Loh und Franz Daschner

11Nachhaltige Kreislaufwirtschaft im Gesundheitswesen am Beispiel der textilen VollversorgungStephan Richtzenhain

12Systemische Transformationsansätze für ein nachhaltiges Krankenhaus aus umweltpsychologischer PerspektiveJan Hildebrand, Timo Kortsch und Irina Rau

Exkurs: Nachhaltiges Wirtschaften – ein ganzheitlicher Transformationsprozess am Beispiel von VAUDELisa Fiedler und Lisa Kranz

IIIDer Essener Weg

1Smart Hospital und Green Hospital – zwei Seiten einer MedailleJochen A. Werner

2Ökologie und Ökonomie versöhnen – der Weg zum klimaschonenden KrankenhausThorsten Kaatze

3Pflege von morgen: Nachhaltigkeit und MenschlichkeitAndrea Schmidt-Rumposch und Bernadette Hosters

4Kulturwandel, Change-Prozess, Mitarbeitende mitnehmen – der Essener WegTobias Emler

5Nachhaltigkeit als MarketinginstrumentAchim Struchholz

1

Der globale Wandel und die Zukunft der Klimapolitik

Mojib Latif

Die globale Erwärmung steht schon seit vielen Jahren im Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Eine ungebremste globale Erwärmung würde die Lebensbedingungen auf der Erde erheblich verschlechtern. Der Geochemiker Roger Revelle beschrieb bereits vor über einem halben Jahrhundert die ungeheure Dimension der menschlichen Klimabeeinflussung, indem er von einem „großangelegten Experiment“ sprach, das die Menschen anstellten (Revelle u. Suess 1957). Der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen machte den Begriff Anthropozän populär, um den Beginn eines neuen Erdzeitalters zu kennzeichnen, in dem die Menschheit einen ähnlich großen Einfluss auf die Umwelt ausübt wie die natürlichen Faktoren (Crutzen u. Müller 2019). Das Klimaproblem ist hauptsächlich ein Energieproblem und hängt eng mit der Verfeuerung der fossilen Brennstoffe – Kohle, Erdöl und Erdgas – zur Energiegewinnung zusammen. Dabei entstehen große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2). Es reichert sich wegen seiner sehr langen Verweildauer von über 100 Jahren in der Luft an, weswegen sich die Erdoberfläche und die unteren Luftschichten erwärmen. Der Zusammenhang zwischen CO2 und der Temperatur ist schon seit weit über 100 Jahren bekannt (Arrhenius 1896). Andere von den Menschen emittierte Treibhausgase sind Methan und Lachgas. Hier wollen wir uns auf das wichtigste von der Menschheit emittierte Treibhausgas, das CO2, beschränken.

1.1Das Treibhausgas CO2 und seine Folgen

Wegen seiner langen Verweildauer kann sich das CO2 über den Globus verteilen, weswegen der Ort des Ausstoßes keine Rolle spielt. Die Auswirkungen der globalen Erwärmung betreffen demnach alle Länder. Das Klimaproblem kann nur von der Staatengemeinschaft insgesamt gelöst werden, worin eine neue Herausforderung für die Menschheit besteht. Die Lösung des Klimaproblems erfordert schnelle systemische Veränderungen, insbesondere den Umbau der weltweiten Energiesysteme. Und das ist es, was die Sache so schwierig macht. Fast alle Bereiche unseres Lebens wären davon direkt oder indirekt betroffen. Politik und Wirtschaft handeln zu langsam. Und das hat Folgen. Denn das Klimasystem ist träge. Einige seiner Komponenten, wie die Meeresspiegel, reagieren mit einer erheblichen Zeitverzögerung. Wir spüren das volle Ausmaß der bereits angestoßenen Veränderungen nicht. Es dauert Jahrzehnte, zum Teil Jahrhunderte, bis sich die Auswirkungen des Ausstoßes von Treibhausgasen voll umfänglich zeigen. Wenn wir heute Maßnahmen zum Klimaschutz ergreifen, dann wirken diese erst später. Vorausschauendes Handeln ist geboten. Einen wirksamen internationalen Klimaschutz gibt es bisher nicht. Der weltweite CO2-Ausstoß steigt nach wie vor. Die Zeit läuft uns davon. Noch ist es aber nicht zu spät, um einen „gefährlichen“ Klimawandel zu vermeiden (IPCC 2016).

Für alle, die noch zweifeln:

„Der menschliche Einfluss auf das Klima ist klar.“ (IPCC 2016, S. vii)

So lautet der wohl wichtigste Satz aus dem vorletzten (fünften) Synthesebericht des sogenannten Weltklimarats, dem IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, www.ipcc.ch), der 2014 erschien. So neu war diese Erkenntnis nicht, die Hunderte von Wissenschaftlern aus den verschiedensten Ländern zu Papier gebracht hatten. In allen Berichten des IPCC – der erste erschien 1990 – findet man ähnliche Passagen. Die Belege für die anthropogene, also durch den Menschen verursachte, Klimaänderung sind in der Tat überwältigend. Die Erde hat sich seit Beginn der Industrialisierung um gut ein Grad Celsius erwärmt, parallel mit dem Anstieg des CO2 in der Atmosphäre (s. Abb. 1). Ohne den Anstieg der Treibhausgase lässt sich die Erwärmung wissenschaftlich nicht erklären. Ein Grad klingt nach wenig. Wenn man bedenkt, dass der globale Temperaturanstieg zwischen einer Eiszeit und einer Warmzeit ca. 4°C beträgt, erscheint ein Grad schon in einem ganz anderen Licht.

Abb. 1Atmosphärische CO2-Konzentration (ppm: parts per million, Teile pro Million) und die global gemittelte Temperatur (°C) als Abweichung vom Mittelwert des 30-Jahre Zeitraum 1881–1910 (Leland McInnes; © CC BY SA 3.0)

Die globale Erwärmung hat bereits vielfältige Auswirkungen. So nehmen Wetterextreme wie Hitzewellen, Dürren oder Starkniederschläge weltweit zu und intensivieren sich. Das Eis der Erde schmilzt immer schneller. In der Arktis zieht sich das Meereis mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit zurück, die selbst die Forschenden überrascht hat. Zudem zeigt der Eisschild Grönlands in den letzten Jahren große Massenverluste, so wie auch das Eis der Westantarktis. Die Meeresspiegel steigen infolge von Gletscherschmelze, aber auch wegen der Erwärmung der Ozeane, durch die sich das Meerwasser ausdehnt. In der Tat haben die Meere mehr als 90 Prozent der Wärme aufgenommen, die durch den Anstieg der atmosphärischen Treibhausgase im Klimasystem verblieben ist. Außerdem haben die Ozeane zwischen 30 und 40 Prozent des durch die Menschen emittierten CO2 aufgenommen. Es droht wegen der CO2-Aufnahme eine übermäßige Versauerung der Weltmeere, mit unabsehbaren Folgen für die Meeresökosysteme.

Im Jahr 1992 fand der Erdgipfel der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro statt. Er sollte der Aufbruch in eine nachhaltige Entwicklung der Welt sein. Die Kehrtwende in eine Zukunft ohne den Raubbau an der Natur. Gewissermaßen eine Antwort auf den Bericht „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome aus dem Jahr 1972 (https://clubofrome.de/). In der Klimarahmenkonvention von Rio hat sich die Weltgemeinschaft darauf geeinigt:

„die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf dem eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems verhindert wird“ (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz 2009).

Zwanzig Jahre später, als man sich 2012 auf der Nachfolgekonferenz Rio+20 wiedertraf, war die Ernüchterung groß. So sind seit Beginn der 1990er-Jahre die weltweiten Treibhausgasemissionen förmlich explodiert. Das gilt insbesondere für den CO2-Ausstoß, der um ca. 60 Prozent angestiegen ist. Auf der 21. Weltklimakonferenz in Paris im Jahr 2015 wurde von den Ländern ein neuer Klimavertrag unterzeichnet. Demnach soll die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit (1850–1900) begrenzt, sowie Anstrengungen unternommen werden, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz o.J.). Sollten die weltweiten CO2-Emissionen auf dem heutigen Niveau verharren, wäre die 1,5-Grad Marke schon in etwa zehn Jahren erreicht. Das zeigt, wie enorm groß der Handlungsdruck ist.

Klar ist aber auch, dass es noch möglich wäre, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Man hofft, dass sich dann das Überschreiten von Kipppunkten vermeiden lässt, wie das unwiderrufliche Abschmelzen des grönländischen Eisschilds mit einem Meeresspiegelanstieg von global sieben Meter, oder drastische Änderungen in den atmosphärischen und ozeanischen Zirkulationssystemen, sowie auch das Kippen von Ökosystemen. Die Lage der Kipppunkte ist allerdings großen Unsicherheiten unterworfen. Aus diesem Grund ist immer die geringste noch mögliche Erwärmung anzustreben.

Einen Mangel an Wissen über die Ursachen des Klimawandels und seine möglichen Folgen gibt es in keiner Weise.

Einen Mangel an Wissen über die Ursachen des Klimawandels und seine möglichen Folgen gibt es in keiner Weise. Dazu hat insbesondere der Weltklimarat IPCC beigetragen. Und trotzdem passiert genau das Gegenteil von dem, was eigentlich passieren müsste. Der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen steigt. Man eilt jährlich von Weltklimakonferenz zu Weltklimakonferenz. Auf der 26. Weltklimakonferenz in Glasgow im Jahr 2021 konnte man sich erneut nur auf unverbindliche Absichtserklärungen verständigen. Mit Physik kann man nicht verhandeln und auch keine Kompromisse schließen. Mehr Treibhausgase in der Luft müssen zwangsläufig zu höheren Temperaturen führen.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache, sie sind unbestechlich. Internationaler Klimaschutz findet aus naturwissenschaftlicher Sicht solange nicht statt, bis die weltweiten CO2-Emissionen sinken. Es gibt derzeit bestenfalls so etwas wie einen „gefühlten“ Klimaschutz: Das Thema steht im Fokus der Weltöffentlichkeit, gehandelt wird jedoch kaum. Dass eine Senkung der Emissionen möglich ist, ohne Einbußen bei der wirtschaftlichen Entwicklung hinnehmen zu müssen, zeigt Deutschland, das seit 1990 seinen Ausstoß um etwa 40 Prozent gesenkt hat. Es wäre sogar noch deutlich mehr möglich gewesen, wenn Lobbyinteressen dem nicht im Wege gestanden hätten. So sind die Emissionen im Verkehrssektor immer noch auf dem Stand von 1990.

Wir verstehen die komplexen Vorgänge im Klimasystem nicht gut genug, um unausgegorenen Vorschlägen zu folgen und mit der Erde herum zu experimentieren.

Beim Klimawandel handelt es sich um ein sogenanntes systemisches Risiko. Wir leben in einer Zeit beschleunigter technologischer und gesellschaftlicher Entwicklung sowie einer zunehmenden globalen Vernetzung in Wirtschaft, Kommunikation, Politik und Kultur. Einfache Ursache-Wirkung-Prinzipien gelten nicht mehr. Ein als harmlos eingeschätztes Ereignis kann selbst über große Entfernungen oder nach einer langen Zeit ungeahnte Schäden entfalten, die die Funktionsfähigkeit des Gesamtsystems gefährden. Erinnern wir uns an das Ozonloch über dem Südpol, das Anfang der 1980er-Jahre entdeckt worden war. Kein Forscher hat es vorhergesagt, obwohl die ozonzerstörerische Wirkung der FCKWs (Fluorchlorkohlenwasserstoffe) schon lange bekannt war. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die letzte große Finanzkrise 2008, die – ausgelöst durch die Immobilienblase in den USA – zu einer weltweiten Rezession geführt hat. Vorherzusehen war der weltwirtschaftliche Einbruch nicht ohne Weiteres. Genauso wenig, wie die Wissenschaft die Folgen einer ungebremsten globalen Erwärmung in allen Details berechnen kann. Denn systemische Risiken sind durch ein hohes Maß an Komplexität, Ungewissheit und Ambiguität gekennzeichnet.

Im Umgang mit systemischen Risiken kommt dem Vorsorgeprinzip eine große Bedeutung zu. Und es gilt dieses Prinzip in praktische Maßnahmen umzusetzen. Das zu leisten, wäre die Aufgabe der Politik.

1.2Fazit

Die beste Strategie zur Lösung des Klimaproblems besteht darin, das Übel an der Wurzel zu packen: Wenn wir ein Problem mit dem CO2 haben, und darüber besteht kein Zweifel, sollten wir es gar nicht erst entstehen lassen. Wir sollten uns nicht dazu verleiten lassen, unsichere Pfade zu beschreiten. Atomkraft ist das Gegenteil einer nachhaltigen Energieversorgung. Außerdem bremst das Festhalten an der Atomkraft Innovation. Technische Lösungen zur Bewältigung des Klimaproblems sind auch keine Option. Derartige „Climate Engineering“-Methoden (http://www.spp-climate-engineering.de/) scheinen vordergründig attraktiv zu sein, würden sie doch ein „weiter so wie bisher“ erlauben. Wir könnten die fossilen Brennstoffe zur Energiegewinnung weiterhin verfeuern. Die vorgeschlagenen Techniken bergen jedoch enorme ökologische Risiken und erfordern darüber hinaus einen gewaltigen finanziellen Aufwand. Außerdem verstehen wir die komplexen Vorgänge im Klimasystem nicht gut genug, um unausgegorenen Vorschlägen zu folgen und mit der Erde herum zu experimentieren.

Maßnahmen müssten u.U. über Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende, fortgesetzt werden, um eine spontane Wiedererwärmung der Erde zu verhindern. Ein Beispiel in diesem Zusammenhang wäre das Einbringen von Schwefelsubstanzen in die Atmosphäre zur Kühlung des Planeten. Mit dem Stopp der Maßnahme würde sich die Erde erneut erwärmen, weil die Wirkung der Treibhausgase immer noch vorhanden wäre. Auch die mit dem Begriff CCS („Carbon Capture and Storage“) belegte Abscheidung und Speicherung von CO2 birgt ökologische Risiken, die nicht hinreichend erforscht sind. Außerdem würde der Wirkungsgrad der Kraftwerke wegen des hohen zusätzlichen Energiebedarfs deutlich sinken.

Die weltweiten Energiesysteme müssen kohlenstofffrei werden, dafür muss die Weltwirtschaft auf erneuerbare Energien setzen. Sonnen- und Windenergie stehen der Menschheit praktisch unbegrenzt zur Verfügung. Dieser Weg wäre der vernünftige und sicherste zugleich. Die Techniken zur Nutzung der erneuerbaren Energien existieren, sie funktionieren problemlos, sie sind kostengünstig und können systematisch weiterentwickelt werden. Die volkswirtschaftlichen Kosten wären nicht relevant, wenn man einen Zeithorizont von einigen Jahrzehnten betrachtet. Im Gegenteil, auf lange Sicht würde ein Land wie Deutschland davon profitieren.

Literatur

Arrhenius S (1896) On the Influence of Carbonic Acid in the Air upon the Temperature of the Ground. Philosophical Magazine and Journal of Science 41, 237–276. URL: https://www.rsc.org/images/Arrhenius1896_tcm18-173546.pdf (abgerufen am 16.02.2022)

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (o.J.) Bilanz nach 5 Jahren Pariser Abkommen. URL https://www.bmuv.de/themen/klimaschutz-anpassung/klimaschutz/internationale-klimapolitik/pariser-abkommen/bilanz-nach-5-jahren-pariser-abkommen (abgerufen am 16.02.2022)

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (2009) Rahmenübereinkommen der Vereinigten Nationen über Klimaänderungen. URL: https://www.bmuv.de/gesetz/rahmenuebereinkommen-der-vereinten-nationen-ueber-klimaaenderungen (abgerufen am 16.02.2022)

Crutzen PJ, Müller M (2019) Das Anthropozän. Schlüsseltexte des Nobelpreisträgers für das neue Erdzeitalter. Oekom

IPCC (2016) Klimaänderung 2014. Synthesebericht. URL: https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2018/02/IPCC-AR5_SYR_barrierefrei.pdf (abgerufen am 14.03.2022)

Revelle R, Suess HE (1957) Carbon Dioxide Exchange Between Atmosphere and Ocean and the Question of an Increase of Atmospheric CO2 during the Past Decades. Tellus 9, 18–27

Prof. Dr. Mojib Latif

Mojib Latif promovierte 1987 und habilitierte 1989 an der Universität Hamburg. Seit 2003 ist er Professor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er hat über 200 wissenschaftliche Veröffentlichungen und mehrere Bücher verfasst. Ihm wurde u.a. 2000 die Sverdrup Gold Medal der Amerikanischen Meteorologischen Gesellschaft, 2015 der Deutsche Umweltpreis und 2019 die Alfred-Wegener-Medaille der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft verliehen.

 

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Klimawandel und Gesundheit aus globaler Perspektive – eine Übersicht über Risiken und Nebenwirkungen

Alina Herrmann und Ina Danquah

Bereits 2009 hat die Lancet Kommission zu Gesundheit und Klimawandel festgestellt, dass der Klimawandel die größte Bedrohung für die globale Gesundheit im 21. Jahrhundert darstellt (Costello et al. 2009). Seitdem sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Zusammenhängen zwischen Klimawandel und Gesundheit weiter deutlich angestiegen (Verner et al. 2016). 2015 legte die Lancet Kommission dann dar, dass der Kampf gegen den Klimawandel auch die größte Chance für die globale Gesundheit im 21. Jahrhundert sein kann (Watts et al. 2015a). Dieses Kapitel möchte einen Überblick über relevante wissenschaftliche Erkenntnisse zu Klimawandel und globaler Gesundheit zwischen diesen beiden Polen geben. Dabei werden zunächst die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels betrachtet, um dann darauf einzugehen, wie diese Risiken minimiert werden können. Danach werden die großen gesundheitlichen Chancen (Co-Benefits/„Nebenwirkungen“) von Klimaschutzmaßnahmen beleuchtet. Am Abschluss des Kapitels steht die Vorstellung des Gesundheitskonzepts „Planetary Health“, welches als umfassendes Gesundheitskonzept in Forschung und Praxis neue Wege zur Bewältigung der Klimakrise und anderer menschengemachter Umweltkrisen anbieten möchte.

2.1Die Auswirkungen des Klimawandels auf die globale Gesundheit

Klimawandel beschreibt einen langfristigen, statistisch messbaren Prozess, bei dem sich die Durchschnittswerte und die Variabilität von Temperaturen und Niederschlägen kontinuierlich verändern (Baede et al. 2007). In Abhängigkeit von der geografischen Region kann das unterschiedliche Auswirkungen auf die aktuelle Wetterlage haben (IPCC 2018). In gemäßigten Breitengraden werden längere und heißere Sommer beobachtet, während in tropischen Regionen Verschiebungen der Regen- und Trockenzeiten sowie gehäufte Extremwetterereignisse auftreten. Obwohl es im Einzelfall schwierig ist, eine direkte Verbindung zwischen Klimawandel und Gesundheitsrisiken herzustellen, sind sich Forscherinnen und Forscher einig darüber, dass der Klimawandel seit der Industrialisierung die menschliche Gesundheit und ihre Determinanten erheblich beeinträchtigt (McMichael u. Anthony 2013). Die tatsächlichen Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit hängen von vielzähligen Faktoren ab. Dazu zählen Globalisierung, Migration, ökonomische Entwicklung und deren Zusammenwirken. Daraus ergeben sich Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, die auf verschiedenen Ebenen vermittelt werden. Grundsätzlich unterscheidet man direkte (primäre) Auswirkungen, ökosystemvermittelte (sekundäre) Auswirkungen und sozial vermittelte (tertiäre) Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit (McMichael u. Anthony 2013; United Nations u. WHO 2009). Diese Phänomene werden im Folgenden an Beispielen illustriert.

Direkte Auswirkungen

Zu den primären Gesundheitsrisiken des Klimawandels zählen solche mit direkten Konsequenzen für die menschliche Gesundheit (Gislason 2015; Haines u. Ebi 2019). Solche unmittelbaren Schädigungen werden hervorgerufen durch extreme Temperaturen (Hitze, Kälte), Extremwetterereignisse (Starkregen, Fluten, Stürme, Brände, Dürren), Luftverschmutzungen im Innen- und Außenbereich sowie ultraviolette Strahlung (s. Abb. 1).

Abb. 1Direkte Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit (Abbildungen 1–3 angepasst nach noch unveröffentlichter Dissertation mit dem Arbeitstitel: „Climate Change and Public Health – Regime Types, Perception Patterns and Policy Responses in International Comparison“ von Max Jungmann)

Extremwettereignisse. Extremwettereignisse lösen akute Bedrohungen für die menschliche Gesundheit aus. Dazu zählen Unfälle bei Stürmen (Watts et al. 2015a) oder Ertrinken bei Überschwemmungen (WHO et al. 2012). Durch den Verlust von sauberem Wasser, Elektrizität, Kleidung, Nahrung und Behausung ziehen derlei Naturgewalten weitere Gesundheitsrisiken nach sich. Diese umfassen Infektionskrankheiten, Unterernährung und psychische Traumata (Morita u. Kinney 2014; Shukla 2016). Besonders betroffen sind vulnerable Bevölkerungsgruppen mit einer geringen eigenen Anpassungskapazität an Extremwettereignisse. Diese Gruppen sind Frauen und Kinder, die ältere Bevölkerung, indigene Bevölkerungsgruppen und Menschen mit stark eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten (Casas et al. 2016; Setti et al. 2016).

Hitzeextreme. An heißen Tagen und während Hitzewellen kommt es weltweit zu einer Übersterblichkeit (Exzessmortalität) und einer Zunahme der Krankheitslast (Morbidität) im Vergleich zu Tagen mit durchschnittlicher Temperatur (Åström et al. 2011; Bunker et al. 2016; Xu et al. 2016). Je nach klimatischer Region sind die Schwellenwerte für eine Mortalitätszunahme unterschiedlich: Beim Vergleich von 15 europäischen Städten stieg die hitzebedingte Sterblichkeit in Prag bereits ab einem Schwellenwert von 23,0°C an, während dies in Athen erst ab einem Schwellenwert von 32,6°C der Fall war (Baccini et al. 2011). Diese und andere Beobachtungen legen eine gewisse Anpassungskapazität von Individuen und Gesellschaften nahe (ebd.). So ist die Sterblichkeit bei Hitzewellen zu Beginn des Sommers höher als gegen Ende des Sommers (Baccini et al. 2008). Jedoch kommt es durch den Klimawandel nicht nur zu einer graduellen Verschiebung von Temperaturen, sondern auch zu einer Zunahme der Anzahl, Dauer und Intensität von Hitzewellen als Extremereignissen (Robinson 2001). Daher wird auch unter Berücksichtigung von Anpassungsprozessen eine Zunahme an hitzebedingten Gesundheitsschäden erwartet (Zacharias et al. 2015).

Luftverschmutzung. Städtische Luftverschmutzung wird durch hohe Temperaturen verstärkt (Gislason 2015). Vor allem der Ozongehalt in der Luft steigt durch hohe Umgebungstemperaturen (Patz et al. 2012). Im Vergleich zu den 1990er-Jahren wird der Klimawandel die ozonbedingte Sterblichkeit um 4,5% bis 2050 erhöhen (Patz et al. 2012). Zusätzlich führt der Klimawandel zu einer erhöhten Exposition gegenüber Luftverschmutzung in Innenräumen, weil sich Menschen bei Extremtemperaturen dort häufiger aufhalten werden. In Gebäuden sind sie dann Hausstaubmilben, Mottensporen, Allergenen, Dämpfen von Lacken und Farben sowie Rußpartikeln aus der Verbrennung von Benzin oder Brennholz ausgesetzt (Beggs et al. 2014; Ziska u. Lewis 2016). Dadurch steigt die Anzahl von Menschen mit Asthma und anderen Atemwegserkrankungen (Luber et al. 2014).

Ökosystemvermittelte Auswirkungen

Ökosystemvermittelte Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit umfassen biologische, physikalische und ökologische Veränderungen. Dazu gehören verminderte landwirtschaftliche Erträge, Verdünnungen von Nährstoffen in wichtigen Nahrungspflanzen, erschwerter Zugang zu sauberem Wasser und die Verstärkung von Vektor-übertragenen Infektionskrankheiten. Diese Folgen für die menschliche Gesundheit können sowohl durch abrupte Phänomene des Klimawandels als auch durch Langzeitfolgen hervorgerufen werden (McMichael u. Anthony 2013) (s. Abb. 2)

Abb. 2Ökosystemvermittelte Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit

Wasser- und Lebensmittel-übertragene Erkrankungen. Der Zugang zu sauberem Wasser ist eine der Grundvoraussetzungen für ein gesundes Leben. Der Klimawandel beeinträchtigt die Versorgung mit sauberem Wasser in vielen Teilen der Erde (Shukla 2016). Starke Regenfälle und erhöhte Niederschlagsvariabilität verschlechtern hygienische Bedingungen und Trinkwasserzugang erheblich. Dadurch kommt es zu einer Zunahme von wasserbedingten Infektionskrankheiten. Die Folgen sind gesundheitsschädliche Algenbildung, Infektionen mit Vibrionen inkl. Cholera, Dysenterie, Typhus, Durchfallerkrankungen und Leptospirosis (Nichols et al. 2018; Aparicio-Effen et al. 2016). Belege dafür wurden in den letzten Jahren nicht nur in Indien, China, Brasilien und anderen tropischen Regionen, sondern auch in höheren Breitengraden wie der Ostsee erbracht (Shukla 2016; Baker-Austin et al. 2013). Bedeutend für die menschliche Gesundheit sind auch die Einflüsse des Klimawandels auf unsere Meere, deren Pegel nicht nur ansteigen, sondern die zunehmend versauern (Akpinar-Elci u. Sealy 2013). Dadurch werden nicht nur Flora und Fauna der Meere beeinträchtigt. Es kommt zur Versalzung der Küstenregionen und Kontamination des Frischwassers, wodurch Ackerbau nahezu unmöglich wird (Patz et al. 2012).

Vektor-übertragene Erkrankungen. Die Ausbreitung Vektor-übertragener Erkrankungen wird direkt durch klimatische Faktoren beeinflusst (Leal Filho et al. 2016). So erfahren folgende Erkrankungen im Zuge des Klimawandels eine rasche Zunahme: Dengue, Gelbfieber, West-Nil-Virus, Japanische Enzephalitis, Ross River-Virus und nicht zuletzt Malaria (Veenema et al. 2017). Gleichzeitig breiten sich derlei Krankheiten in bislang davon unbeeinträchtigte Regionen aus (McMichael u. Anthony 2013; Semenza 2014). Steigende Temperaturen in größeren Höhenlagen sorgen für verbesserte Fortpflanzungsbedingungen von Stechmücken, sodass diese Vektoren neue geografische Regionen als ihre Lebensräume erschließen können (Rom u. Pinkerton 2013). Zunehmende Luftfeuchtigkeit vervielfacht die Menge abgelegter Insekteneier, während erhöhte Temperaturen auch zu verkürzter Brutzeit und damit zu mehr Larven pro Zeit führen (Gillis 2016). Nicht zuletzt sorgen stehende Gewässer und Tümpel nach Starkregenfällen für verbesserte Brutbedingungen für Stechmücken und andere Vektoren für Krankheiten. In den letzten Dekaden haben sich die Fälle von Dengue um das 30-Fache auf bis zu 100 Millionen Fälle pro Jahr erhöht. Diese Erkrankung wurde vormals nur in wenigen geografischen Regionen beobachtet. Mittlerweile werden Dengue-Fälle in über 100 Ländern der Welt beobachtet (Cromar u. Cromar 2013).

Ernährungsstatus. Verstärkte Wettervariabilität bedeutet in vielen Teilen der Welt spät einsetzende Regenfälle während der Aussaat oder Starkregen während der Keimung, Dürrephasen während der Wachstumsperioden von Pflanzen und zerstörende Niederschläge während der Ernte. All diese Wetterphänomene des Klimawandels führen zu erheblichen Ernteeinbußen. Gleichzeitig werden Ausdünnungen von Nährstoffen in wichtigen pflanzlichen Nahrungsmitteln beobachtet. Dazu zählen die Verluste von Protein, Zink, Eisen und Selen in Mais, Hirse, Weizen und anderen Getreidesorten (Smith u. Myers 2018; Zhu et al. 2018). Der Klimawandel hat auch Auswirkungen auf die Tierhaltung und Viehzucht: Nomadenfamilien finden nur schwerlich neue Weidegründe für ihre Herden aufgrund der zunehmenden Dürreperioden. Diese Faktoren tragen direkt zur Nahrungsunsicherheit der Bevölkerung bei – vor allem bei Kindern und Frauen in Gesellschaften, die auf Subsistenzwirtschaft angewiesen sind. Basierend auf den Projektionen für CO2-Emissionen von 550 ppm bis zum Jahr 2050, werden zusätzlich 175 Millionen Menschen mehr einen Zink-Mangel und zusätzlich 122 Millionen Menschen mehr einen Protein-Mangel aufweisen. Dies bedeutet eine Zunahme von chronischer Mangelernährung und Anämie (Blutarmut) bei 1,4 Milliarden Menschen – hauptsächlich Kindern im Alter von 6 Monaten bis 6 Jahre in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (Smith u. Myers 2018). Auch in Europa haben extreme Hitze und Trockenheit bereits zu Ernteausfällen und partiellen Engpässen der landwirtschaftlichen Produktion geführt. Dadurch verteuerten sich im Jahr 2018 Kartoffelprodukte um ein Vielfaches (Machalaba 2015).

Sozial vermittelte Auswirkungen

Auf dieser Ebene sind die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und menschlicher Gesundheit komplex und multifaktoriell (McMichael u. Anthony 2013; Haines u. Ebi 2019). Grundsätzlich verschlimmert das Voranschreiten des Klimawandels Lebensumstände, die ohnehin prekär sind, wodurch es zu Migration, bewaffneten Konflikten und Vertreibungen kommt (Gislason 2015; McMichael u. Anthony 2013). Durch den globalisierten Handel und Multilateralismus werden scheinbar unabhängige Phänomene miteinander in Beziehung gesetzt. Das betrifft beispielweise Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt, die durch klimawandelbedingte Ernteeinbußen in einer Region zu einer Verschärfung der Ernährungsunsicherheit in einer anderen Gegend führen können. Hier werden exemplarisch bewaffnete Konflikte und Migration als soziale Mittler für Gesundheitsschäden durch Klimawandel aufgezeigt (s. Abb. 3).

Abb. 3Sozial vermittelte Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit

Konflikte, Migration. Eine naheliegende Konsequenz des Klimawandels besteht im veränderten Zugang zu natürlichen Ressourcen. Einerseits ermöglicht das Abschmelzen von Eis und Gletschern den Zugang zu fossilen Energiequellen, wie Erdgas, Rohöl und Erzen (Bowles et al. 2014). Andererseits führen Erwärmung, erhöhte Niederschlagsvariabilität und Wetterextreme zu verschlechtertem Zugang zu sauberem Trinkwasser, fruchtbarem Boden oder Fischereigebieten (Butler et al. 2014). Beides kann zu Verteilungskonkurrenz führen, die wiederum bewaffnete Konflikte und Migration nach sich ziehen kann (Lamothe 2018; Butler et al. 2014). Bereits im Jahr 2009 wurde prognostiziert, dass 2,7 Milliarden Menschen in 46 Staaten zukünftig einem erhöhten Risiko für bewaffnete Konflikte ausgesetzt sind (Barbara 2013). Diese Konflikte verursachen Verletzungen, Tötungen und erhebliche Schwächungen der dortigen Gesundheitssysteme. Sie führen zu Vertreibung, Migration und Isolation, wodurch vor allem die mentale Gesundheit gefährdet wird (Watts et al. 2015a). Dazu zählen posttraumatischer Stress, Depressionen und Angstzustände. Auch Unterernährung, Infektionskrankheiten und Autoaggression können die Folge von Krieg und Vertreibung sein (Leal Filho et al. 2016). Menschen auf der Flucht erleben wiederum direkte Einflüsse des Klimawandels auf ihre Gesundheit aufgrund fehlender Behausung oder Zugang zu Gesundheitsversorgung (Nichols et al. 2018).

2.2Gesundheitliche Risiken des Klimawandels minimieren

Klimarisiken verstehen: „Avoid the unmanageable, manage the unavoidable.“

Das Risiko, den in Kapitel 2.1 dargestellten gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels ausgesetzt zu sein, ist weltweit unterschiedlich. Das Verständnis davon, wie sich gesundheitliche Risiken des Klimawandels zusammensetzen, ist wichtig, um an einer Minimierung dieser Risiken zu arbeiten (Viner et al. 2020). Abbildung 4 beschreibt, welche Komponenten zu klimawandelbedingten Risiken beitragen und in welchem Bereich Klimaschutz, Anpassung und Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, diese Risiken minimieren können.

Abb. 4Klimawandelbedingte Risiken und Verhältnis zu Klimaschutz, Anpassung und Resilienz (adaptiert nach Viner et al. 2020, basierend auf der Risiko-Definition des Weltklimarats [IPCC 2012], veröffentlicht unter Creative Commons-Lizenz)

Die Gefahrenquelle in Abbildung 4 bezeichnet in diesem Zusammenhang ein durch den Klimawandel beeinflusstes Ereignis, welches Leib und Leben gefährdet, beispielsweise Hitzewellen, Dürren oder Starkregenereignisse (Viner et al. 2020). Solche sind weltweit und auch regional unterschiedlich ausgeprägt. Beispielsweise sind die Vorhersagen zur Intensität von Hitzewellen auch in Deutschland regional durchaus unterschiedlich. Die Exposition beschreibt örtliche Gegebenheiten, die das Risiko beeinflussen, z.B. ob und wie Menschen dort leben, wo eine Hitzewelle eintritt. In einer dicht bebauten Stadt kann die Temperatur durch den städtischen Wärmeinsel-Effekt beispielsweise bis zu 10°C höher sein als in der ländlichen Umgebung (Copernicus Climate Change Service 2020). Vulnerabilität oder Verwundbarkeit beschreibt die Anfälligkeit dafür, negativ vom Klimawandel betroffen zu sein (IPCC 2012). So sind bestimmte Menschen oder Regionen durch besondere Merkmale wie z.B. Vorerkrankungen oder unzureichende Anpassungsmöglichkeiten stärker gefährdet, unter dem Klimawandel zu leiden (Haines u. Ebi 2019).

Wie kann man nun die gesundheitlichen Risiken durch den Klimawandel mindern? Zunächst bleibt festzuhalten, dass eine konsequente Reduktion von Treibhausgasemissionen notwendig ist, um auf die Gefahrenquellen einzuhegen und nicht mehr zu bewältigende Risiken durch den Klimawandel abzuwenden („Avoiding the unmanagable“). Parallel dazu müssen sich Gesellschaften jedoch an nicht mehr vermeidbare Gefahren anpassen und Resilienz entwickeln („Manage the unavoidable“). Im Folgenden werden relevante Aspekte zur Reduktion von gesundheitlichen Klimarisiken in den Bereichen Klimaschutz, Anpassung und Resilienz diskutiert.

Klimaschutz zur Reduktion von Klimarisiken

Die Treibhausgasreduktion hat nach Abbildung 4 also zum Ziel, die Gefahrenquellen zu reduzieren. Der in Deutschland gebräuchliche Begriff „Klimaschutz“ ist missverständlich, weil hiermit nicht (nur) das Klima geschützt werden soll, sondern vor allem die Menschen vor klimawandelbedingten Schäden.

Die internationale Staatengemeinschaft hat sich 2015 im Abkommen von Paris darauf geeinigt, die Erderwärmung auf 2°C und wenn möglich 1,5°C zu begrenzen (UNFCCC 2015). Wenn alle Staaten der Welt ihre bisher im Rahmen des Paris-Abkommens gesteckten Klimaziele (Nationally Determined Contributions, NDCs) einhielten, würde es bis zum Jahr 2100 zu einer Erwärmung von 2,6–3,1°C kommen (Rogelj et al. 2016). Dies bedeutet, dass die Staaten weitreichendere Maßnahmen umsetzten müssen, um ihr selbst gestecktes Ziel zu erreichen. Der 1,5°C-Sonderbericht des Weltklimarats hat deutlich gemacht, dass eine Limitierung der globalen Erwärmung auf 1,5°C die (gesundheitlichen) Risiken des Klimawandels im Vergleich zu einer Erwärmung auf 2°C oder mehr deutlich reduzieren würde (IPCC 2018). Beispielsweise könnten bei einer Erwärmung von 2°C extreme Hitzewellen, wie die von 2015 in Indien und Pakistan, jährlich auftreten (IPCC 2018). Zudem würden bei einer Erwärmung um 1,5°C statt 2,0°C 10 Millionen Menschen weniger den mit dem Anstieg der Meeresspiegel verbundenen Risiken ausgesetzt sein (Climate Action Tracker 2019). Die Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens würde es auch weniger wahrscheinlich machen, dass es zu sogenannten Kipppunkten kommt. Dies sind durch die graduelle Erwärmung ausgelöste abrupte Veränderungen im Erdsystem, wie das Ausbleiben des Golfstroms oder der Monsun-Wetterlagen, die starke Veränderungen für die Lebensbedingungen und die Gesundheit der Menschen bedeuten würden (Lenton et al. 2020).

Anpassung zur Reduktion von Klimarisiken

Selbst wenn es der Weltgemeinschaft gelingt, die Erderwärmung auf 2°C zu begrenzen, werden gesundheitliche Auswirkungen verbleiben, mit denen die Gesellschaften umgehen müssen. Wie in Abbildung 4 dargestellt, können Risiken aufseiten der Exposition und Vulnerabilität durch Anpassung gemindert werden. Das Schlagwort der Anpassung beschreibt im Klimawandel-Diskurs die Anpassung an vorherrschende oder erwartete Klimabedingungen, um Schäden zu mindern und ggf. weitere Vorteile zu erlangen (IPCC 2018). Die Vermeidung gesundheitlicher Schäden ist hier neben ökonomischen Schäden ein wichtiger Aspekt. Bei der Anpassung an Klimawandelfolgen wie Hitzewellen, Überflutungen oder Dürren spielt global gesehen vor allem die Anpassungskapazität eine große Rolle („adaptive capacity“). In Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen ist diese Anpassungskapazität u.a. aus sozio-ökonomischen Gründen oft niedriger als in Ländern mit hohen Einkommen (Adger et al. 2003; Mertz et al. 2009; Filho et al. 2018). So wirken sich verminderte Ernteerträge bei Kleinbauern in Subsistenzwirtschaft beispielsweise direkt auf das Überleben von Kleinkindern in deren Familien aus (Belesova et al. 2018), während Landwirte in Ländern mit hohen Einkommen in diesem Fall vor allem mit ökonomischen Konsequenzen zu rechnen haben. Diese Gegenüberstellung kann an dieser Stelle das noch weitaus größere Thema der Klimagerechtigkeit nur anreißen. Während die Einbindung solcher normativer Dimensionen in der Klimawandel-Forschung teilweise kontrovers diskutiert werden (Klinsky et al. 2017), muss anerkannt werden, dass aus gesundheitlicher Sicht der Bedarf zur Klimaanpassung weltweit besteht, jedoch in benachteiligten Gruppen und Regionen besonders groß ist (Pelling u. Garschagen 2019). So gibt es als wichtige Anpassungsmaßnahmen im Bereich der Landwirtschaft einerseits die Bestrebung, den Anbau von Feldfrüchten zu diversifizieren und klimaangepasste Techniken zu nutzen (Schroth et al. 2009; Chettri et al. 2016), andererseits klimawandelbedingte Ernteausfälle auch für Kleinbauern durch wetterbasierte Versicherungen auszugleichen (Below et al. 2010; Adiku et al. 2017).

Klimaresiliente und nachhaltige Gesundheitssysteme zur Reduktion von Klimarisiken

Während Gesellschaften als Ganze resilient, also widerstandsfähig gegenüber Klimarisiken sein sollten, geht dieses Kapitel besonders darauf ein, was klimaresiliente und nachhaltige Gesundheitssysteme ausmacht. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind klimaresiliente Gesundheitssysteme wie folgt definiert:

„Ein klimaresilientes Gesundheitssystem ist dazu fähig, klimabedingte Erschütterungen und Belastungen vorauszusehen, auf sie zu reagieren, mit ihnen umzugehen, sich von ihnen zu erholen und sich an sie anzupassen. Damit sorgt ein solches Gesundheitssystem trotz instabiler klimatischer Bedingungen für eine nachhaltige Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung.“ (WHO 2015)

Klimaresilienz soll also dazu führen, dass Gesundheitssysteme trotz sich verändernder und steigender klimabedingter Belastungen weiter ihrer Grundfunktion nachkommen oder ggf. sogar ihre Leistung verbessern können. Global gesehen geht es vor allem darum, eine bisher nicht selbstverständliche flächendeckende Gesundheitsversorgung („Universal Health Coverage, UHC“) jederzeit, auch im Katastrophenfall, sicher zu stellen (WHO 2015). Tabelle 1 stellt die zehn Komponenten des Rahmenwerks für klimaresiliente Gesundheitssysteme der WHO in Relation zu Grundbausteinen von Gesundheitssystemen dar.

Das WHO-Rahmenwerk wendet sich besonders an Länder mit mittleren und niedrigen Einkommen, wo bereits jetzt nicht immer adäquat auf gesundheitliche Notlagen reagiert werden kann und Mittel für eine flächendeckende Gesundheitsversorgung fehlen (WHO 2015). Für Deutschland kann man sagen, dass Patienten einen universalen Zugang zu qualitativ hochwertiger medizinischer Versorgung haben (Busse et al. 2017) und es strukturierte Systeme zum Katastrophen- und Zivilschutz gibt (Kippnich et al. 2017). Auch gibt es zahlreiche Gesundheitsinformationssysteme und umweltbezogene Monitorings (Capellaro u. Sturm 2015; Buters et al. 2020; UBA 2020). Jedoch sind auch in Deutschland die meisten der zehn Kernelemente klimaresilienter Gesundheitssysteme noch völlig unzureichend umgesetzt. Ein erster wichtiger Schritt im Bereich „Führung und Steuerung“ wurde im Jahr 2020 erreicht, als die Gesundheitsministerkonferenz den Klimawandel als eine Herausforderung für das deutsche Gesundheitswesen anerkannt und diesbezügliche Beschlüsse gefasst hat, die auch viele der in Tabelle 1 erläuterten Kernelemente in den Blick nehmen (GMK 2020).

Tab. 1Die zehn Komponenten des operationalen Rahmenwerks für klimaresiliente Gesundheitssysteme nach WHO 2015

Bausteine des Gesundheitssystems10 Komponenten klimaresilienter Gesundheitssysteme Führung und Steuerung

1. politische Verpflichtung und effektive Steuerung zum Aufbau von Klimaresilienz

Gesundheitspersonal

2. Befähigung von Gesundheitspersonal im Bereich Klimawandel und Gesundheit, z.B. durch Integration in Aus- und Weiterbildung

gesundheitliche Informationssysteme

3. Bewertung von Vulnerabilität, Kapazität und Anpassung

4. umweltbezogenes Risikomonitoring und Frühwarnsysteme (z.B. Hitzewarnsysteme, Pollenmonitoring, UV-Index, Wasserqualität)

5. multidisziplinäre Forschung zu Gesundheit und Klimawandel

Medizinprodukte und Technologien

6. klimaresiliente und nachhaltige Produkte, Technologien und Infrastruktur

Leistungserbringung

7. Anpassung der Katastrophenbereitschaft und des Notfallmanagements an klimabedingte Extremereignisse

8. Einbeziehung klimawandelbezogener Aspekte in Gesundheitsprogramme

9. intersektorales Management von umweltbedingten Gesundheitsdeterminanten unter Berücksichtigung des „Health in all policies“-Ansatzes (Gesundheit in jedem Politikbereich)

Finanzierung

10. Finanzierung zum Aufbau von Klimaresilienz über klimaangepasste Kernfinanzierung des Gesundheitssystems und Finanzierungsmöglichkeiten externer Organisationen

Im Jahr 2020 veröffentlichte die WHO eine Handreichung zur Umsetzung des oben skizierten Rahmenwerks, welches den Aspekt der Nachhaltigkeit von Gesundheitssystemen noch stärker fokussiert. Diese Handreichung enthält Checklisten mit konkreten, kleinteiligen Maßnahmen zur Erreichung von klimaresilienten und nachhaltigen Gesundheitseinrichtungen (WHO 2020). Nicht zuletzt durch einen viel beachteten Bericht der Organisation Health Care Without Harm (HCWH) 2019 erhielt das Thema der nachhaltigen Gesundheitssysteme zu Recht eine größere Aufmerksamkeit (HCWH 2019). Denn allein in Deutschland ist der Gesundheitssektor für etwa 6–7% der nationalen Treibhausgasemissionen verantwortlich (Pichler et al. 2019). Nach dem Prinzip „primum non nocere“, erstens nicht schaden, sollte auch der Gesundheitssektor seine Treibhausgasemissionen reduzieren und somit zur gesellschaftlichen Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit beitragen (WBGU 2011; WHO 2020). Der britische National Health Service (NHS) hat sich bereits das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 gesteckt (NHS 2020).

2.3Die Bedeutung von gesundheitlichen Co-Benefits auf globaler Ebene

Viele Klimaschutzmaßnahmen gehen mit gesundheitlichen Vorteilen (Co-Benefits) einher und zwar sowohl auf der Bevölkerungsebene als auch auf der individuellen Ebene (Herrmann et al. 2019). Im Folgenden werden vor allem gesundheitliche Co-Benefits von Luftschadstoffreduktion und Lebensstilaspekten beleuchtet.

Co-Benefits von Luftschadstoffreduktion

Auf der Bevölkerungsebene wirkt sich vor allem der Wechsel zu erneuerbaren Energien durch eine Reduktion der Luftverschmutzung, insbesondere von Feinstaub, Ruß und bodennahem Ozon positiv auf die Gesundheit aus (Haines et al. 2009). Aktuell kommt es durch Luftverschmutzung jährlich weltweit zu etwa 3,3 Millionen vorzeitigen Todesfällen (Lelieveld et al. 2015). Die meisten dieser Todesfälle ereignen sich in Asien, wo die Ursachen der Luftverschmutzung zumeist beim Heizen und Kochen liegen. In anderen Ländern sind vor allem Emissionen aus der Stromerzeugung, dem Verkehr und der Landwirtschaft ursächlich (Lelieveld et al. 2015). Markandya et al. modellierten, dass in Ländern wie China oder Indien die durch Klimaschutzmaßnahmen gesparten Gesundheitskosten die Ausgaben zur Umsetzung dieser Klimaschutzmaßnahmen übersteigen (Markandya et al. 2018).

Global gesehen ist nicht nur die Luftverschmutzung im Freien, sondern auch die Luftverschmutzung in Innenräumen, vor allem durch das Kochen und Heizen mit offenem Feuer, ein relevantes Gesundheitsrisiko. Besonders Kinder unter fünf Jahren und Frauen leiden durch diesen Risikofaktor beispielsweise vermehrt an Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Blindheit, niedrigerem Geburtsgewicht und versterben früher (Smith u. Mehta 2003). Wilkinson et al. modellierten, dass die Ausstattung mit 150 Millionen sauberen Küchenherden in Indien innerhalb von 10 Jahren 2 Millionen vorzeitige Todesfälle verhindern und gleichzeitig ca. 0,75 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente einsparen könnte (Wilkinson et al. 2009).

Lebensstilaspekte

Aus globaler Perspektive ist im Bereich der Lebensstile zu beachten, dass wachsender Wohlstand häufig mit einem Anstieg des Ressourcenverbrauchs (und damit auch der Treibhausgasemissionen) und sich verändernden Gesundheitsrisiken einhergeht (insbesondere chronische Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen durch zu wenig Bewegung und Überernährung) (Whitmee et al. 2015). Unter Berücksichtigung des zunehmenden weltweiten Wohlstands und des Bevölkerungswachstums sind Bemühungen zu nachhaltigen und gesunden Lebensweisen weltweit also besonders wichtig, um die Ziele des Paris-Abkommens zu erreichen und die Belastung durch chronische Erkrankungen zu mindern (Egger 2009).

Mobilität. Körperliche Aktivität durch aktive Mobilität, also die Nutzung des Fahrrads oder das Gehen statt der Nutzung des Autos, schützt die Gesundheit schon bei kurzen Strecken (Quam et al. 2017). So wurde für die Region um San Francisco (Kalifornien) untersucht, wie sich die Erhöhung der täglichen Fortbewegung zu Fuß oder mit dem Fahrrad von durchschnittlich vier auf durchschnittlich 22 Minuten bei gleichzeitiger Reduktion der Autofahrten auswirken würde. Es wurde modelliert, dass die Krankheitslast durch Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch die Emissionen von Treibhausgasen um jeweils 14% reduziert werden könnten (Maizlish et al. 2013). Auch die Nutzung von Bus und Bahn wirkt sich aufgrund der fußläufigen Wege zu den Haltestellen positiv auf die Gesundheit aus (Rissel et al. 2012).

Ernährung. Moderne Ernährungsweisen sind aufgrund von Viehhaltung, starker Verarbeitung und Verpackung von Produkten sowie oft weiter Transportwege mit hohen Treibhausgasemissionen verbunden (Tilman u. Clark 2014). Insbesondere eine Limitierung des globalen Verzehrs von rotem Fleisch und Milchprodukten wird bei wachsender Weltbevölkerung entscheidend sein, um die Erwärmung auf unter 2°C zu begrenzen (Hedenus et al. 2014). Der reduzierte Konsum von verarbeitetem Fleisch und vermutlich auch von rotem Fleisch geht mit einem reduzierten Risiko für Darmkrebs einher (Behrens et al. 2018; Boada et al. 2016). Ersetzt man gesättigte Fettsäuren aus tierischen Produkten durch ungesättigte Fettsäuren aus pflanzlichen Produkten, führt dies zudem zu einer besseren kardiovaskulären Gesundheit (Siri-Tarino et al. 2015).

Wohnen. Die gute Dämmung von Gebäuden kann Energie sparen und zur Gesundheit beitragen (Wilkinson et al. 2009). Rodgers et al. zeigten zum Beispiel, dass Dämmmaßnahmen und der Einbau von isolierenden Fenstern und Türen die Hospitalisierungsrate von Hausbewohnern über 60 Jahren in Großbritannien reduziert haben (Rodgers et al. 2018).

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass sowohl die gesundheitlichen Co-Benefits an sich als auch die gesparten Gesundheitskosten durch Klimaschutzmaßnahmen (Jarrett et al. 2012) große Chancen für eine Gesellschaft darstellen. Kommunikation über die gesundheitlichen Vorteile von Klimaschutzmaßnahmen kann klimafreundliches Verhalten von Individuen fördern (Amelung et al. 2019; Van der Linden et al. 2015), muss aber auch von Entscheidungsträgern in Politik und Gesellschaft verstanden werden, damit positive Rahmenbedingungen für solches Verhalten geschaffen werden können (Herrmann et al. 2020; Sauerborn et al. 2009).

2.4Planetary Health als Gesundheitskonzept der Zukunft?

In dem vorliegenden Artikel wurden die gesundheitlichen Risiken des Klimawandels sowie die Chancen des Klimaschutzes für den Gesundheitsschutz ausführlich dargestellt. Das Klimasystem ist jedoch nicht das einzige System, das aufgrund der menschlichen Aktivität auf der Erde fundamental beeinflusst wird. Rockström et al. definierten insgesamt neun planetare Grenzen, deren Überschreitung den sicheren Raum für das Fortbestehen der menschlichen Zivilisation gefährden könnte: Neben dem Klimawandel sind weitere planetare Grenzen der Verlust biologischer Vielfalt, die Ozeanversauerung, Landnutzungsveränderungen, globale Süßwassernutzung, Verschmutzung durch Schadstoffe, atmosphärische Aerosolbelastung, stratosphärischer Ozonabbau und Grenzen für biogeochemische Flüsse (Rockström et al. 2009). In der Erkenntnis, dass die anthropogen bedingten massiven Umweltveränderungen die menschliche Gesundheit und das menschliche Wohlergehen gefährden, wurde unterstützt von einer Kommission der Rockefeller Foundation und der Fachzeitschrift The Lancet das neue Gesundheitskonzept „Planetary Health“ entworfen (Whitmee et al. 2015). Vereinfacht gesagt umfasst „Planetary Health“ die Gesundheit der Menschen und der natürlichen und gesellschaftlichen Systeme, auf denen diese basiert. Die Vision hinter diesem Konzept ist ein „Planet, der die Vielfalt des Lebens, mit der Menschen koexistieren und von der sie abhängen, nährt und erhält“ (Horton et al. 2014). Das Konzept wurde bewusst sowohl als Fachdisziplin, aber auch als gesellschaftliche Bewegung konzipiert. Während dieses Gesundheitskonzept also einerseits global angelegt ist und transdisziplinärer Gesundheitsforschung einen neuen Rahmen gibt, will es Menschen auch dazu anregen, sich lokal konkret für gesunde Menschen auf einem gesunden Planeten zu engagieren (Horton et al. 2014). Inspiriert von „Planetary Health“ engagieren sich beispielsweise Menschen in Gesundheitsberufen für die Umsetzung von Planetary-Health-Prinzipien in ihrem professionellen Umfeld (KLUG e.V. 2020). Auch in anderen Bereichen der Klimawandel- und Nachhaltigkeitsforschung ist zu beobachten, dass sich Wissenschaftler zunehmend aktiv gesellschaftlich für Nachhaltigkeit und Klimaschutz einsetzen. So gründete sich 2019 die Gruppierung Scientists-for-Future: Etwa 26.800 Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum solidarisierten sich darin explizit mit der Fridays-for-Future-Bewegung und schlossen sich deren Forderungen an (S4F 2019). Während es für Wissenschaftler lange nicht üblich war, gesellschaftlich Stellung zu beziehen, scheint sich dies aktuell aufgrund der Evidenz zu den Gefahren des Klimawandels und anderer Umweltveränderungen zu ändern. Die in diesem Kapitel dargelegten globalen Zusammenhänge zeigen, warum es insbesondere für Akteure im Gesundheitssektor wichtig ist, mutige Schritte hin zu einem klimaresilienten und nachhaltigen Gesundheitssystem zu unternehmen.

Literatur

Adger WN, Huq S, Brown K, Conway D, Hulme M (2003). Adaptation to climate change in the developing world. Progress in development studies 3(3), 179–195

Adiku SGK, Debrah-Afanyede E, Greatrex H, Zougmore R, MacCarthy DS (2017). Weather-Index Based Crop Insurance as a Social Adaptation to Climate Change and Variability in the Upper West Region of Ghana: Developing a participatory approach. CCAFS Working Paper no. 189. Copenhagen, Denmark: CGIAR Research Program on Climate Change, Agriculture and Food Security (CCAFS).

Akpinar-Elci M, Sealy H (2013). Climate Change and Public Health in Small Island States and Caribbean Countries. In: Kent E. Pinkerton and William N. Rom (Hrsg.) Global Climate Change and Public Health. 279–292. New York.