Grenzen überschreiben - Konstantin Ulmer - E-Book

Grenzen überschreiben E-Book

Konstantin Ulmer

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Beschreibung

Grenzen erleben derzeit eine erstaunliche Konjunktur. Der Bramfelder Kulturladen lud im Frühjahr 2018 im Rahmen eines Jugendschreibwettbewerbs unter der Überschrift »Grenzen überschreiben« alle Hamburger*innen der Jahrgänge 1999 und jünger ein, mit literarischen Mitteln über Zäune und Mauern nachzudenken, die um Länder, Menschen, Sprache und vieles Weitere gebaut werden. Die Vielfalt, mit der das Motto aufgenommen wurde, war erstaunlich. Die Anzahl der Beiträge war es auch: Fast hundert Nachwuchsautor*innen haben sich am Wettbewerb beteiligt. Die besten dreißig Texte sind in diesem Sammelband veröffentlicht.

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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Bramfelder Kulturladen (Hg.)

Grenzen überschreiben

Jugendschreibwettbewerb // 2018

Bramfelder Kulturladen (Hg.)

Konstantin Ulmer (Red.)

Grenzen überschreiben

Jugendschreibwettbewerb // 2018

© 2018 Bramfelder Kulturladen

1. Auflage

Redaktion: Konstantin Ulmer

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN (Paperback): 978-3-7469-8812-2

ISBN (Hardcover): 978-3-7469-8813-9

ISBN (e-Book): 978-3-7469-8814-6

Alle Rechte der Verbreitung, einschließlich der Bearbeitung für Film, Funk, Fernsehen, CD-ROM, DVD, der Übersetzung, Fotokopie und des auszugsweisen Nachdrucks und Gebrauchs im In- und Ausland sind geschützt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

U18

Katharina Fust: Als im alten Haus neues Leben einzog

Kaspar Anneus Lübbert: Wie die weißen Wüstenschwalben

Julia Mamminga: Witzig

Jonna Steffen: A Casual Monday

Ecem Düzgün: Eine Form annehmen

Friedrich Gaulke: Aus der Biographie eines erfundenen Mädchens

Kimberley Kuhmichel: Haus und Rauch

Lukas Madsen: Rödelheim Rising

Caroline Schäfer: Leben oder Tod

Jakob Thomsen: Traum Europa

U14

Eric Huland: Odyssee an einem Nachmittag

Blanca Vespermann: Grenzen gesetzt

Támi und Moa Forgo: Der Traum

Zahraa Rezk: Grenzvariationen

Zenat Akbari: Afghanisches Tagebuch

Ruben Stadelbauer: Volker hört die Signale

Noah Bremer: Gurken rennen

Elina Desjardins: Ein Teil von mir

Amélie Mey Fox: Der Junge im Licht

Jana Jochim: Mein Traum

Emmy Köbnick: Die Grenze

Jan Felix Kück: J oder I

Robert von Lewinski: Leben und Tod

Neele Obst: Verschwiegene Grenze

Veronika Pfeifer: Grenzen sind grenzenlos

Aurelia Preu: Vier Teufel im Urlaub

Lina Ruth: Ob klein oder GROSS

Alina Schuppe: Das Schreiben

Judith Vries: Dieser verdammte Arsch von Bruder

Vera Wettstein: Vorurteillos

Vorwort

Die Welt ist im Wandel. Das war sie schon immer, natürlich. Aber derzeit geht es ziemlich rasant zu. So rasant, dass vielerorts von einer Zeitenwende gesprochen wird. Einem neuen Zeitalter. Einer neuen Epoche. Einer neuen Ära.

So richtig zu fassen ist diese Zeitenwende allerdings nicht, dafür ist sie einfach zu schnell. Doch ab und zu kann man immerhin einen Blick auf sie erhaschen. Zum Beispiel, wenn man die Berufswelt betrachtet: Früher machten die Schulabsolventen eine Ausbildung um die Ecke. In einigen Fällen gab es da zufällig einen Großbetrieb, in anderen kannte Papa den ortsansässigen Elektriker vom Altherrenfußball. Wenn das nichts war, ging man eben studieren. Konnte Ärzt*in werden, Informatiker*in oder notfalls Lehrer*in.

Das gibt’s auch heute alles noch. So schnell wendet sich selbst die Zeit nicht. Doch mittlerweile kann man auch mit einem Fashion Blog Geld verdienen. Oder als YouTuber*in. Ich hätte da noch einen Berufsvorschlag, der wunderbar in unsere Zeit passt: Grenzbarrierenkonstrukteur*in.

1989, als die deutsch-deutsche Mauer fiel, gab es weltweit knapp zwanzig Mauern und Zäune in größerem Stil zwischen Staaten. Heute sind wir bei ca. fünfundsiebzig angelangt. Eine beachtliche Konjunktur, zumal einige Großprojekte noch in Aussicht stehen. Und wenn der Boom dann doch mal enden sollte, können die Grenzbarrierenkonstrukteur*innen irgendwelche Gated Communities einzäunen, die weltweit wie Pilze aus dem Asphalt der Goßstädte schießen. Auch an den sozialen Grenzen wird schließlich mit durchschlagendem Erfolg gearbeitet.

Ziemlich hohe Zäune werden derzeit auch um Sprache gezogen. Die Grenzposten warnen vor Fake News und Political Correctness. Auch Jugendsprache ist häufiger mal ein Thema. Die wird nämlich immer schlimmer. Munkelt man zumindest. Und das übrigens schon seit Jahrhunderten. Aber in der Zeitenwende geht das alles noch viel schneller, wenn man den Sprachapokalyptikern glaubt.

Zu diesem Untergangsszenario wollte der Bramfelder Kulturladen 2018 die Trompeten blasen. Anfang des Jahres luden wir alle Interessierten, die in Hamburg wohnen und den Altersklassen U18 (1999-2002) und U14 (2003 und jünger) zuzurechnen sind, zu einem Jugendschreibwettbewerb ein. Das Genre spielte dabei keine Rolle: Von Kurzgeschichte über Mini-Drama bis zum Rap-Text war alles willkommen. Parallel boten wir Workshops in Kooperation mit den umliegenden Schulen an, für deren Leitung wir die Poetry Slammer*innen Marco von Damghan, Lennart Hamann, Hannes Maaß und Fabian Navarro begeistern konnten. Das Motto des Wettbewerbs wählten wir der Konjunktur entsprechend: »Grenzen überschreiben«.

Diese Überschrift war natürlich eine Art antizyklischer Impuls. Denn so richtig sicher waren wir uns nicht, dass die Apokalypse tatsächlich bevorsteht. Und die Grenzkonjunktur versprach keinerlei Wohlstand, nicht im Kopf, nicht im Herzen und nicht im Portemonnaie.

Die passenden Worte dafür suchten nun also die Hamburger Nachwuchsautor*innen. Und das taten sie mit erstaunlichem Engagement: Bis zum Einsendeschluss am 1. Juni gingen 98 Beiträge ein, die die Jury, bestehend aus der Lektorin Steffi Korda, dem Verleger Joachim Kaps und Stefanie Segatz vom Jungen Literaturhaus, in großen Teilen überraschten und überzeugten. Die besten dreißig Einsendungen wurden Ende Juni auf einer Preisverleihung ausgezeichnet und sind nun in diesem Band versammelt. Sie geben einen Eindruck davon, dass die Zeitenwende vielleicht auch anders verlaufen kann, als uns die Schwarzseher und Vereinfacher weismachen wollen.

Danken möchten wir an dieser Stelle nicht nur den Autor*innen, den Workshopleitern und den Juror*innen. Die Kooperation mit den Schulen lief hervorragend, weil engagierte Lehrer*innen von der Idee begeistert waren und gerne den organisatorischen Aufwand in Kauf nahmen, die Schüler*innen in den Brakula zu lotsen. Dass wir die Workshops kostenfrei anbieten und den Wettbewerb professionell bewerben konnten, verdanken wir der Projektförderung durch die SAGA GWG Stiftung Nachbarschaft, das Bezirksamt Wandsbek und die Sparkassen-Stiftung Holstein. Sachpreise für die Preisverleihung stellte die Buchhandlug Heymann zur Verfügung.

Dr. Konstantin Ulmer / / Brakula-Kulturlabor

U18

(Jahrgänge 1999-2002)

1. Platz in der Altersklasse U18

Katharina Fust

Als im alten Haus neues Leben einzog

Meine Gedanken drehten unaufhörlich in meinen Kopf Kreise und mir fiel nichts ein, dem ein Ende zu setzen.

»Weg«, dachte ich. »Verzieht euch selbst aus den letzten, dunkelsten Ritzen dieses alten Hauses und lasst mich mein neues Leben anfangen.«

Irgendwie wirkte es nicht.

Ich setzte mich an den Schreibtisch, nahm die Taperolle und suchte mir einen Stift, der zuverlässig schrieb.

Was ich eben laut sagte, schrieb ich aufs Band, riss es ab und klebte es unübersehbar auf mein uraltes Foto, das mich woanders zeigte.

Irgendwann verflüchtigte sich das Chaos in meinen Gedanken und ich nutzte ohne zu zögern die Gunst der Stunde.

Dann lief ich auf Socken in die Küche und drehte schwungvoll das Radio auf.

»Cause I’ve got memories and travel like gypsies in the night…«

Ich schnappte mir das Tapeband und rannte durch die Wohnung, nein, durch meine Wohnung!

Also blieb ich beim nächstbesten Bild stehen, riss den Deckel meines Stiftes ab und schrieb auf die Taperolle. Dann riss ich das Stück ab und klebte es fröhlich über das Stillleben.

»Alles«.

Der imposante Lampenschirm kam als nächstes dran.

»Meins«.

Und natürlich blieb auch nicht die liebevoll gestrichene Tür verschont.

»!!!!!«

Als Nächstes wurden die Fenster im Arbeitszimmer geöffnet.

»Widersprechen«.

»Mut haben, Fremde anzusprechen«.

»Anziehen, was mir gefällt«.

Ich seufzte erleichtert, als die frische, sommervolle Luft den antiken Modergeruch verdrängte.

Vogelgesang. Morgensonne. Wind in den hohen Bäumen.

»I’ve got. no. ROOTS!«

Langsam streckte ich die Hände in die Höhe, warf meinen Kopf zu den Seiten und tanzte Pirouetten, so schnell ich es im engen Raum zwischen Aktenschränken und Kommoden wagte.

»… - but my home was never on the ground -…«

»Meins auch nicht«, dachte ich wehmütig, wirbelte herum, schrieb, riss ab und klebte.

Und hörte erst auf, als mich das Wort »Zuhause« wie in eine Bestätigung umgab, die mir das Haus entgegenbrachte und jegliche abstoßendende Gebärde überdeckte.

Atemlos verneigte ich mich kurz in alle Richtungen, nahm meine Sachen mit und hopste die Treppe herunter-

Die.

Treppe.

Herunter.

Gespielt nachdenklich blieb ich stehen und blickte über meine Schulter zurück.

Neckisch streckte ich ihr meine Zunge heraus, setzte mich auf den Boden und begann wieder zu schreiben.

Dann tanzte ich dem Flur entgegen.

Zurück blieben auf jeder Stufe jeweils ein Wort, zusammen ergaben sie:

Nie. Mehr. Zurückblicken. Weiter. Gehen. Hemmungslos. Die Gegenwart. Erobern.

Ich lächelte zufrieden und gab mein Bestes, eine ausgelassene und doch elegante Choreo hinzubekommen, doch so ganz gelang es mir nicht.

Aber das fand ich nicht schlimm.

Die Bässe brachten das Haus zum Summen, die trotzige Stille verflog.

»Lebe die Zeit in Perspektive Ewigkeit«.

»Was noch nicht ist, kann noch werden«.

Im Vorbeigehen brachte ich noch ein »eigenwillige Perfektion« - Tapefetzen am Korridortisch an und zu guter aller Letzt wagte ich einen Sprung auf dem glatten Boden –

»I’ve got no roots!«

– landete vor der Türschwelle und klatschte ein »Eigenständiges, gutes Leben« an die Haustür.

Mit einem Mal war es still.

Das Radio schwieg.

Und mit einem Knarzen öffnete sich die Tür einen Spalt weit.

Unbewusst blieb ich stehen.

Zögernd legte ich meine Hand auf den Griff – und traute mich nicht, sie weiter aufzustoßen.

Ich blickte zurück.

Die frisch angebrachten Schilder schimmerten mir aus dem Dämmerlicht entgegen, das nur von dem gerade geöffneten Fenster unterbrochen wurde.

Es gab so viel zu ändern.

War ich dazu bereit?

Die Tür schwang auf, bolzte gegen die verputzte Wand und brachte die Weinranken zum Beben.

Schmutzige Socken flogen in hohen Bogen in den Schatten des alten Gebäudes und verschwanden vorerst im Staub.

Ich trat barfuß und unsicher auf kalten Stein.

Dann streckte ich den einen Fuß aus und berührte zaghaft frische Gräser.

Entzückt machte ich meinen ersten Schritt, hinein in den Garten, raus aus dem engen, alten Haus, auf dem Weg. –

Ein warmer Wind strich durch die Haare und nahm den dumpfen Geruch von Aktenordnern mit.

Plötzlich schwoll er an und entriss einer etwas nachsinnenden Hand einen Fetzen Papier und ließ ihn auf die Türschwelle segeln.

Leise begannen die kleinen Glöckchen vor den Küchenfenstern zu klingen.

Die Hand machte keine Anstalten, das Papier wiederzuholen, so blieb es liegen, mein letztes Schild mit der Aufschrift:

»Mehr Grenzen überschreiben!«

Irgendwo an der Pforte erklang das Tappen laufender Füße und ein Sonnenstrahl erreichte lachende Augen.

2. Platz in der Altersklasse U18

Kaspar Anneus Lübbert

Wie die weißen Wüstenschwalben

Alles begann an einem Tag im Juli. Es waren knappe vierzig Grad Celsius und die Luft flimmerte über der Wüste, sodass die Soldaten vom glühenden Sand abgeschreckt in der Stadt geblieben waren. Meine Familie und ich verbrachten den Tag außerhalb der Stadt, weil das neue Haus meines Vaters beim Angriff der Staaten eingestürzt war. Ich hatte mich ein Stück entfernt niedergelassen, um meinen Eltern nicht beim Streiten zuhören zu müssen. So saß ich auf einem Felsen und beobachtete eine Wüstenschwalbe, die pfeilschnell durch die Luft schoss, und hing meinen düsteren Gedanken nach. Von hier aus konnte man von Zouar nur noch einige halb eingestürzte Häuserblöcke erkennen, doch wenn man sich umdrehte und von der Stadt weg in Richtung Osten sah, ragte sie vor einem auf: Eine fast sechs Meter hohe Mauer aus bröckligem Beton, mit einem teuflischen Bandstacheldraht auf der Brüstung.

Dies war die Grenze. Die Grenze war und ist bis heute der äußerste Rand dessen, was ich kenne. Sie hat kein Ende und soweit ich weiß auch keinen Anfang. Ich bin ihr schon kilometerweit gefolgt, in beide Richtungen, bis tief in die Wüste hinein, ständig mit den Fingern am verhassten Gestein entlangstreichend, ob es nicht vielleicht doch irgendwo eine unsichtbare Lücke gab oder ein Tor, eine Schleuse oder wenigstens ein Fenster, durch das ich einen Blick auf die andere Seite hätte riskieren können. Doch in all den Jahren habe ich weder ein Ende der Mauer gesichtet, noch irgendeinen Durchgang entdeckt. Ich habe schon versucht, mich unter der Mauer hindurch zu graben, weit weg von Zouar und den Soldaten versteht sich, doch die Grenze teilte nicht nur die Wüste, sondern auch das Erdreich in zwei. Ich hatte sie angeschrien, ihr Beleidigungen entgegen gebrüllt, hatte mit den bloßen Fäusten versucht, sie niederzureißen, doch als Antwort erhielt ich von der Mauer nur das trockene Echo meiner Worte und das stetige Pfeifen des Wüstenwindes. Gegen die Grenze konnte man nicht rebellieren, sie war schon immer da gewesen und würde noch ewig bleiben.

Ich kauerte auf dem Boden, um das Weinen meiner Schwester nicht anhören zu müssen, da traf mich plötzlich etwas Spitzes am Hinterkopf. Ich fuhr instinktiv herum und riss die Hände schützend vors Gesicht, doch im heißen Wüstenstaub entdeckte ich einen halb vom rötlichen Sand verschluckten Papierflieger. Einen simpel gefalteten Papierflieger aus vergilbtem Papier.

Ich brauchte einen Moment, bis ich mich wieder gefasst hatte und den Flieger näher begutachten konnte. Erst nach einer Minute entdeckte ich die winzigen Schriftzeichen, die in unleserlicher Schrift darauf gekritzelt waren. Mit einer einzigen schnellen Bewegung zog ich den Papierflieger aus dem Sand und faltete ihn auf, wobei ich ihn beinahe zerriss, und ungeduldig versuchte ich, die kleinen Zeichen zu entziffern.

Auf dem Papierflieger war das erste Kapitel einer Geschichte niedergeschrieben. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es sich nicht um eine bloße Beschreibung der Realität, sondern um die fantastische Darstellung eines anderen Ortes ging. Die Geschichte handelte von einer Welt ohne Krieg und Terror, in der genug für alle da war. Einer Welt ohne Hass und ohne Gier, die nicht von einer Mauer durchtrennt war und in der jeder sagen und tun konnte, was er wollte. In einer Welt, in der Frieden und Gerechtigkeit wichtiger waren als Stolz und Abstammung.

Die Geschichte packte mich vom ersten Satz an und ich brauchte, um das doppelseitig beschriebene Papier durchzulesen kaum mehr als drei Minuten. Als ich fertig war, begann ich einfach wieder am Anfang und las den Text erneut.

Eines fragte ich mich von diesem Moment an in jeder freien Minute. Wer hatte den Papierflieger geworfen? Er war von der anderen Seite gekommen, da war ich mir sicher, doch wer in aller Welt mochte der Verfasser gewesen sein? Ich verdrängte die Frage zunächst, doch ich hätte wissen können, dass sie eines Tages wieder hervorkommen würde.

In den nächsten Stunden und der darauffolgenden Nacht las ich den Text insgesamt siebzehn Mal, und als ich ihn beinahe auswendig konnte, begann ich, eine Fortsetzung zu schreiben. Ich bettelte bei den Soldaten um Schreibzeug und erhielt einen weißen Bogen Papier und einen Bleistiftstummel mit dem schäbigen Rest eines Radiergummis oben drauf, der den Soldaten zu kurz geworden war. Meiner Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Ich hatte nicht viel Platz, aber trotzdem kamen mir die buntesten Bilder in den Sinn, sodass es sich beinahe anfühlte, als lebte ich selbst an jenem paradiesischen Ort, der auf einem Papierflieger erschaffen worden war. Innerhalb von wenigen Minuten gab es keine freie Stelle mehr auf dem Papier. Ich faltete meinen ersten Flieger streng nach dem Vorbild des Originals und kehrte dann zur Mauer zurück. Der Versuch, die geflügelten Worte über die Mauer zu schleudern, scheiterte am Stacheldraht auf der Mauer, doch als der zweite Flieger, den ich einen Tag später losließ, vom Wind mit flatternden Schwingen in die Höhe getragen wurde und dann steil auf der anderen Seite der Mauer abtauchte, hatte ich das ernsthafte Gefühl, der Mauer in einer mächtigen, wundervollen Weise überlegen zu sein. Ich hatte sie gewissermaßen ausgetrickst. Dieses Gefühl machte mich so frei, dass ich Tag für Tag wieder zur Grenze zurückkehrte und am vierten Tag, versteckt unter einer Sandschicht, tatsächlich eine Antwort erhielt.

Und so ging es dann weiter. Mindestens drei Mal in der Woche schickte ich einen Papierflieger über die Mauer, jedes Mal kam am nächsten Tag einer von der anderen Seite zurück. Ich begann, nicht mehr um einzelne Papiere, sondern um ganze Blöcke zu betteln, wobei mir diese Bitten von den Soldaten natürlich unerfüllt blieben. Allerdings eröffneten die Soldaten eine notdürftige Schule in Zouar, in der ich endlich besser schreiben lernte. Hier konnte ich auch häufiger etwas Papier ergattern.

Die Papierflieger, die ich faltete, waren bald nicht mehr so simpel aufgebaut wie der erste. Anhand eines zerknitterten Bastelheftes aus der Schule lernte ich andere zu basteln, die schneller flogen und um einiges stabiler waren.

Woche für Woche verstrich, die Papierflieger von der anderen Seite kamen seltener, die Geschichten wurden aber im Gegenzug länger und waren schöner formuliert. So passte auch ich meinen Schreibstil immer weiter an, sodass ich besser und besser wurde. Mittlerweile waren wir von den Soldaten in eine Baracke einquartiert worden, die zwar ein wenig Schutz gegen die Hitze bot, aber eigentlich viel zu klein für eine vierköpfige Familie war. Manchmal las ich am Abend, wenn die kalte Nachtluft über Zouar kam und sich das helle Blau des Himmels mit dem sanften Weinrot der untergehenden Sonne mischte, gesprenkelt von etlichen winzigen, silbrigen Sternen, meiner Schwester unterm offenen Himmel die neuesten Erzählungen vor.

Einmal erwischte mich mein Vater, als ich meiner Schwester vorlas. Ich machte den Fehler, zu glauben, dass er mich für meine Erfahrungen, die ich ihm bisher vorenthalten hatte, loben oder mich wenigstens weiterschreiben lassen würde, so erzählte ich ihm von den Papierfliegern, von der Mauer und von der Geschichte, die ich zusammen mit irgendjemandem von der anderen Seite schrieb. Ich ging sogar soweit, meinem Vater den aktuellen Brief, den ich am nächsten Tag auf die Reise schicken wollte, von Anfang bis Ende vorzulesen.

Als ich fertig war, saß mein Vater mit zitternden Händen auf seiner Pritsche. Eine Träne glitzerte in seinem Augenwinkel. Dann stand er langsam auf und zog mich schlagartig zu sich, wobei mir ein spitzer Schrei entfuhr. Ich versuchte mich aus seinem Griff zu befreien, doch er war viel zu stark, als dass ich mich hätte wehren können. Dann schlug er mich. Einmal, zweimal und vielleicht einige weitere Male. Er schlug mich und sprach währenddessen über das Wimmern meiner Schwester hinweg sieben Worte, die ich nie wieder vergessen werde: »Du bist nicht länger meine Tochter, Verräterin.«

Die folgenden drei Nächte verbrachte ich nicht in unserer Baracke, sondern in einer einsturzgefährdeten Hütte nahe der Mauer. Ob ich mit dem Schreiben aufhörte? Das hätte ihm wohl so gefallen. Ich entschloss mich dazu, weiterzuschreiben, wenn auch im Geheimen. In dieser Nacht habe ich zum ersten Mal mit Vorsatz etwas gestohlen. Ich brach in das dürftige Zelt ein, das die Soldaten als »Schule« bezeichneten und stahl zwei Bleistifte, einen Anspitzer und einen kleinen Stapel Papier, dann versteckte ich alles in den Ruinen.

Nach drei Tagen holte mich meine Schwester zurück, doch mein Vater würdigte mich keines Blickes. Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Mutter meine Rückkehr veranlasst hatte, denn ihr linkes Auge war so geschwollen wie meines. Viele, die wir kannten, verließen Zouar nun, denn die Lage besserte sich nicht. Die Arbeit, welche wir für die Soldaten leisten musste, war hart und zermürbend, sodass ich am Ende des Tages wenig Kraft übrighatte. Was mich am Leben hielt, war erstens das Wissen, dass auf der anderen Seite der Mauer jemand auf mich zählte, und zweitens der Wunsch, eines Tages zu erfahren, wer es war, mit dem ich meine Gedanken teilte.

Dem letzteren Ziel stand unglücklicherweise einiges im Weg. Wir konnten dem jeweils anderen nichts über uns verraten, denn wenn in einem solchen Fall die Botschaft in die falschen Hände gelangt wäre, hätte man uns augenblicklich festgenommen. Ich wusste nicht das Geringste über ihn oder sie, die Person auf der anderen Seite. Die Alten hatten mir mein Leben lang erzählt, dass die auf der anderen Seite dümmer seien als wir, dass sie uns auf ewig verachteten und dass ihnen auf keinen Fall zu trauen war, doch je länger ich mit dem Empfänger meiner Papierflieger schrieb, umso weniger glaubte ich diesen Mythen. Diese Person, von der ich zwar weder Vornoch Nachnamen kannte, die ich äußerlich nicht von hundert anderen Personen hätte unterscheiden können, die ich aber dennoch in einer innigen, emotionalen Form kannte, war nicht dumm. Genauso wenig schien sie mir seitenlange Geschichten aus Hass zu schreiben und es hätte vermutlich kaum jemanden in Zouar gegeben, dem ich mehr vertraut hätte als ihr. Manchmal schmiedete ich unbewusst Pläne, wie ich mit ihr oder ihm fortgehen könnte, für immer und ewig die Mauer hinter uns lassend, doch wenn ich mich bei solchen Gedanken ertappte, versuchte ich sie möglichst schnell zu vergessen.

Mein Vater ist irgendwann gegangen. Eines Tages war er einfach verschwunden, ich schätze, er ist nach Europa gegangen, wie schon so viele nach Europa gegangen waren. Ich wagte nicht, darauf zu hoffen, dass er wenigstens meine Schwester eines Tages nachholen würde. Denselben Weg gehen wie mein Vater konnten wir alleine nicht, weil wir kein Geld hatten. Wir konnten nicht fort.

So verging fast ein Jahr. Vieles hatte sich geändert. Das kleine Lager der Soldaten war zu einer Militärbasis geworden, täglich trafen neue Truppen ein, und sie brachten schweres Kriegsgerät mit. Man wollte die Grenze gegen einen Angriff von der anderen Seite sichern. Es patrouillierten bewaffnete Soldaten an der Mauer, die man, war der Effekt auch noch so gering, mit einer weiteren Spule Stacheldraht ausgestattet hatte. Von meinem Vater hatten wir zu unserer Enttäuschung nichts mehr gehört.

Die Kommunikation mit der Person auf der anderen Seite war schwieriger geworden, vor allem durch die Patrouillen an der Mauer. Ein Soldat mit Hakennase und Bürstenfrisur hatte mich beobachtet und schien mir ständig nachzuschleichen. Die andere Seite erhielt aus geheimer Quelle Informationen, das war bekannt. Offenbar dachten manche, ich wäre es, die der anderen Seite Geheiminformationen übermittelte. Ich schenkte dem möglichst wenig Beachtung, entwickelte allerdings die verdächtige Angewohnheit, bei jedem zweiten Schritt über die Schulter zu gucken.

Es war der 18. März, etwa ein Jahr nachdem mich der erste Papierflieger getroffen hatte. Ich verließ unsere Baracke um halb sieben, gerade ging die Sonne auf. Draußen roch es nach Benzin und Teer und in der Dämmerung torkelten zwei Soldaten in Camouflage von ihrer Nachtschicht zurück, zu müde, um mich nach meinen Absichten zu fragen. Ich eilte, während ich mir den Schlaf aus den Augen wischte, in Richtung der Militärbasis, hinter der ein großer Pavillon aus dunkelgrünen Planen stand, in dem wir unterrichtet wurden. Als ich die Schranke der Basis aus der Ferne sehen konnte, blieb ich abrupt stehen. Nur einen Finger breit von meinem Fuß entfernt auf dem frisch gelegten Asphalt saß ein Teufelskönig. Seinen Stachel drohend erhoben glotzte das Tier mich an, sein schwarzer Panzer glänzte im Licht der Sonne. Die Soldaten nannten ihn Kaiserskorpion.

Wir verharrten einen Moment lang, mit ernstem Blick behielt ich das Tier im Auge. Dann griff der achtzehn Zentimeter lange Skorpion an, indem er schlagartig seinen Stachel nach vorne riss. Ich machte einen Sprung über ihn und rannte zur Schule, als wäre der Teufel selbst hinter mir her. Ein abergläubischer Mensch hätte wohl von einem dunklen Omen gesprochen.

Ich war mit dem Schreiben an der Reihe und ich hatte es viel zu lange - beinahe drei Wochen lang - aufgeschoben. Ich hatte es mehrmals versucht, doch egal, was ich diesmal auf dem Papier niederschrieb, sobald ich an der Mauer stand und kurz davor war, es abzuschicken, entschied ich mich dazu, es noch einmal zu versuchen. Es war das vorletzte Kapitel unserer Geschichte, und somit sehr wichtig für das Abenteuer. Ich hatte kein Papier mehr und die letzten Reste meines Bleistiftes waren in der vergangenen Woche in sich zusammengefallen. Was ich mir zusammengereimt hatte, wollte ich in der Schule niederschreiben und dann in der Mittagshitze, wenn die Soldaten zum Essen gingen, den Flieger losschicken. So betrat ich mit all den anderen Lernenden das Schulzelt und setzte mich an meinen Platz, während ich gleichzeitig am ersten Satz des vorletzten Kapitels tüftelte.

Am Ende des Unterrichts tat ich, als würde ich wie all die anderen meine Sachen zusammenpacken. Alleine im Zelt, holte ich mir ein einzelnes Blatt Papier aus dem Schrank, zusammen mit einem gespitzten Bleistift. Ich begann schnell und ernst all das niederzuschreiben, was ich mir tausendmal durch den Kopf gehen lassen hatte, und als ich fertig geschrieben hatte, war ich endlich zufrieden. Endlich hatte ich das Gefühl, einen passenden Schluss gefunden zu haben. In mir kam Vorfreude auf das letzte Kapitel auf, das auf der anderen Seite geschrieben werden würde. Dann würde sie vollendet sein, die ganze Geschichte. Vielleicht würden wir dann ein anderes Abenteuer anfangen oder es endlich schaffen, uns Persönliches mitzuteilen. In mir waren tausend Ideen, die allesamt niedergeschrieben werden wollten. Langsam begann ich, einen Papierflieger zu falten.

Den Blick zum Eingang des Zeltes gerichtet strich ich mit dem Daumennagel entlang der Kante, die ich kurz zuvor ins dünne, dicht und mit winzigen Lettern beschriebene Papier gefaltet hatte. Der Zelteingang öffnete sich. Pfeilschnell ließ ich den halbfertigen Papierflieger unter der hölzernen Tischplatte verschwinden. Unsicher starrte ich zu Boden, als die Lehrerin hereinkam. Eine junge Sozialarbeiterin, deren sorgloses Lächeln im harten Gegensatz zu ihrem Umgang mit den Schülern stand. Die Blondine hatte sich ihren Aufenthalt in Zouar wohl anders vorgestellt. Ihre Schüler behandelte sie wie Kleinkinder, obwohl manche von ihnen schon volljährig waren, und manchmal begegnete sie ihnen mit unverhohlener Abscheu.