Grenzen - Wolfgang Müller-Funk - E-Book

Grenzen E-Book

Wolfgang Müller-Funk

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Beschreibung

Grenzen sind in einer globalisierten Welt zum Dauerthema geworden: Die Überwindung von Grenzen wird zum Versprechen wie zum panischen Schrecken, und die Annahme, dass in einer von abstraktem Geld gesteuerten digitalen Welt Grenzen einfach verschwinden, ist eine so irrige wie weit verbreitete Vorstellung. Doch Grenzen sind weit mehr als das, im Begriff der Liminalität oder Grenzhaftigkeit erweisen sie sich als ein unhintergehbares Phänomen individueller und sozialer Selbstgestaltung. Tatsächlich ist Liminalität konstitutiv für die Selbsterfahrung unserer eigenen physischen Grenzen, für die Anwesenheit des Todes im Leben oder für unsere heterogene psychische Befindlichkeit und Identität. Die Funktion von Grenzen als Hindernis löst sich dadurch nicht auf, aber es wird sichtbar, dass Liminalität sich ständig wandelt und neue Gestalt annimmt. Wolfgang Müller-Funk zeigt, dass Grenzen sozialpsychologisch zu verstehen sind und nur in bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen überhaupt sichtbar gemacht werden. Seine philosophisch-literarische Spurensuche führt in die Welt des Mythos, aber auch in den Bereich der intimen Begegnung und mitten in den Alltag moderner Gesellschaften, die sich an der Frage der Grenze zu spalten drohen.

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Grenzen

Wolfgang Müller-Funk

GRENZEN

Ein Versuch über den Menschen

You know the day destroys the night

Night divides the day

Tried to run

Tried to hide

Break on through to the other side

Break on through to the other side

Break on through to the other side, yeah

Aw yeah

The Doors, Break on through (to the other side)

(1967)

INHALT

Vorüberlegungen

KAPITEL 1

Erster Augenschein: Über einige Missverständnisse von Grenzphänomenen

KAPITEL 2

Der semiotische Raum und seine liminale Struktur

KAPITEL 3

Phänomenologie des Grenzhaften: Vom Raumteiler zum sozialen und kulturellen Konstruktionsprinzip

Exkurs: Grenzen zwischen den Geschlechtern: Die Sphinx (2)

KAPITEL 4

Liminalität und Intimität

KAPITEL 5

Spiel mir das Lied vom Tod: Das Andere des Lebens

KAPITEL 6

Schließungen und Höhlen: Kafka – mit Seitenblicken auf Rilke, Pessoa und Blumenberg

KAPITEL 7

Sehnsucht nach dem Ernst und der Gefahr von Grenzen: Bergsteigen mit Christoph Ransmayr

KAPITEL 8

Lovely Rita, Meter Maid: Temporäre Grenzen und Nicht-Orte

KOROLLARIUM 1

Politische Grenzen: Der Fall Europa

KOROLLARIUM 2

Grenzen der Identität

KOROLLARIUM 3

Kunst als Grenzüberschreitung

Postskriptum

Anmerkungen

Literatur

Für meinen Freund und Mitstreiter Clemens Ruthner

Vorüberlegungen

Grenzen und Globalisierung

Es gibt mannigfaltige Gründe, über Grenzen als systematische Formen von Trennungen nachzudenken. Das Thema drängt sich geradezu auf. Das hängt auch mit der Bedeutungsvielfalt des deutschen Lehnwortes zusammen, das bekanntlich aus den slawischen Sprachen stammt und in diversen Varianten vorkommt: tschechisch hranice, kroatisch, polnisch und ukrainisch phonetisch gleichlautend granica. »Ukraine«, also das Land, das 2022 Opfer einer intentionalen und gewaltsamen Grenzüberschreitung (so ließe sich strukturell Krieg definieren) wurde, bedeutet »(Land) an der Grenze«: Was schon darauf schließen lässt, dass Grenzen nicht nur Absicherungen des wirklich oder vermeintlich Eigenen darstellen, sondern zugleich auch stets umkämpft sind. Die Grenzlinie verläuft zwischen einem Eigenen und einem Fremden. Dadurch wird Letzteres erst hergestellt.1 Immer kommt es darauf an, auf welcher Seite man steht, real wie metaphorisch. Historisch betrachtet sind Grenzen erstarrte Friedensschlüsse und Vereinbarungen. Sichtbare Markierungen und Grenzanlagen besitzen eine fetischistische Kraft, so als ob es die Symbole und materialen Vorrichtungen selbst wären, die die Grenze schaffen und damit den eigenen Raum sichern.

Ein solches enges und handfestes Verständnis von sichtbaren liminalen Phänomenen liegt angesichts der weltweiten Wanderungs- und Fluchtbewegungen nahe. Grenzziehungen und Grenzen sind spätestens seit der großen Migrationsbewegungen von Menschen aus dem Nahen Osten, den ärmeren Ländern Europas, Afghanistan, der Ukraine oder vom afrikanischen Kontinent in die wohlhabenden Länder des europäischen Halbkontinents Themen geworden, die die politischen Gemüter in ganz Europa erhitzen. Wer darf die Grenzen überschreiten? Welchen Prozeduren müssen sich Menschen bei ihren Grenzübergängen unterziehen? Wo dürfen sie Anträge stellen, um den begehrten Innenraum EU-Europas zu betreten? Wer darf bleiben? Wer wird hinter die Grenze zurückgeschickt, dorthin, woher er oder sie kommt?

Die Zukunft von Grenzen wird in der globalen Welt zu einem politischen, sozialen und kulturellen Streitfall. Eine euphorische Deutung von Globalisierung würde darauf hinauslaufen, dass der Planet Erde auf ein gemeinsames Zusammenleben der Menschheit zusteuert, bei dem Grenzen und damit Nationen zunehmend an Bedeutung verlieren. No borders, no nations, lautet dementsprechend eine utopische Formel, die sich als Graffiti auf städtischen Wänden findet.

Aber gerade dieser Befund, wonach wir auf eine tendenzielle, auf jeden Fall unaufhaltsame Vereinheitlichung der Welt zusteuern, diese ambivalente Globalisierungsthese, die Bedrohung und Versprechen zugleich in sich trägt, führt zu einer prekären, aber wohl unvermeidlichen Reaktion, wonach Grenzen plötzlich attraktiv erscheinen, weil sie uns vor den Unbilden der globalen Überschreitungen, vor scheinbaren, aber auch realen Bedrohungen von außen zu schützen versprechen, seien es Menschen, Produkte, Ereignisse oder Handlungen, die Angst vor Kontrollverlust, vor sozialer Unsicherheit und kulturellem Wandel in uns auslösen. Demgegenüber werden Beteuerungen laut, wonach diese Angst überflüssig und Grenzkontrollen ohnehin nicht möglich seien.2 Stattdessen sollen wir lernen, in der Unsicherheit zu leben und sie als Chance zu begreifen. Man mag zu Recht gegen die bösartige Politik extremer Gruppen demonstrieren, die Angst vor Kontrollverlust lässt sich mit derlei Warnungen aber kaum besänftigen oder gar auflösen.

Europa

Die europäische Sicherheitsordnung bis 1989 beruhte nicht zuletzt auf dem Verbot, ja Tabu, nie wieder territoriale Grenzen, wie ungerecht sie historisch für einen einzelnen Nationalstaat auch sein mögen beziehungsweise empfunden werden, zu ändern. Etwa zwischen Polen und Deutschland oder zwischen Österreich und Italien. Mit der Europäischen Union wurde ein Gebilde geschaffen, in der die Binnengrenzlinien zwar bestehen blieben und bis dato als unveränderbar gelten, ihre Überschreitung für die Menschen, Güter und Ideen indes sichtbar problemlos wurde. Geregelt war letztendlich auch, durch Stacheldraht und Mauer, die Grenze zwischen den gespaltenen Teilen, der westlichen und der mitteleuropäisch-östlichen Hälfte Europas. So war der Kalte Krieg immer auch ein kalter Frieden zum politischen Schaden und zu ökonomischen Ungunsten der von der Sowjetunion kontrollierten Warschauer Pakt-Staaten.

Wie die von Moskau angezettelten Kriege gegen sowjetische Nachfolgestaaten (Georgien, Moldawien und die Ukraine) zeigen, ist dieses Einvernehmen, in das ungeachtet der skizzierten scharfen Grenzziehung zwischen West und Ost bis zu seinem Zusammenbruch 1989 auch das sowjetische Imperium und dessen Satellitenstaaten vertraglich eingebunden waren, auf dem Gebiet des einstigen Jugoslawien, viel mehr aber noch auf dem der früheren Sowjetunion de facto außer Kraft gesetzt worden. Bestimmte zeitweilig vorgetragene Drohgebärden Russlands gegenüber Finnland und dem Baltikum oder der Türkei gegenüber Griechenland zeigen, wie sich das Verhalten gegenüber scheinbar ein für alle Mal fixierten Grenzen verändert. Grenzen beginnen – welch merkwürdige Metaphorik – ›flüssig‹ zu werden. Das ist im gegebenen Fall keine gute Nachricht.

Raum und Grenze

Das Interesse an Grenzen fällt über die aktuellen politischen Fragen und Probleme hinaus mit zwei Paradigmenwechseln in den Sozial- und Kulturwissenschaften zusammen, mit der Renaissance geopolitischer Theorien, die im deutschsprachigen Raum einen historisch belasteten Hintergrund haben (sozusagen von Karl Haushofer bis Carl Schmitt), einerseits und der spatialen Wende, dem spatial turn, in den Kulturwissenschaften andererseits. Der Raum tritt, so lautet der bekannte apodiktische Befund Michel Foucaults, in der post-histoire, in der Zeit nach der Geschichte, in den Vordergrund. Wir leben demzufolge in gleichsam synchronen Räumen statt in einer diachron geordneten Zeit. An die Stelle der auf ein Ziel und Ende gerichteten Zeit tritt der Raum, jener Raum, der sich nicht zuletzt dadurch bestimmt, dass er, wie Jurij Lotman gezeigt hat, durch interne und externe Grenzen strukturiert ist. Dabei wird das enge Zusammenspiel zeitlicher und räumlicher Momente, das, was Michail Bachtin als Chronotopos oder Jurij Lotman als Ereignis bezeichnen, nicht selten geflissentlich ausgeblendet.

Überschreitung und Initiation

Dass Liminalität ein Schwellenphänomen darstellt, lässt sich dem Werk von Arnold van Gennep und im Anschluss daran den Überlegungen von Victor W. Turner entnehmen. Turner hat sich insbesondere mit der Funktion von Initiationsriten für traditionelle soziale Gemeinschaften befasst. Die Initiation ist ein Grenzphänomen, das mit dem Eintreten von Adoleszenten, zumeist Buben, zuweilen aber auch Mädchen, in eine neue Welt, die Welt der Erwachsenen, die Welt des Symbolischen einhergeht, die von Mythen, Riten und Sexuellem bestimmt ist. Jugendliche werden dabei angeleitet, den für ein erwachsenes Mitglied der Gemeinschaft vorgesehenen Platz einzunehmen. Die Initiationsriten sind nicht selten von Mut- und Bewährungsproben geprägt. Auf jeden Fall ist das Schwellenphänomen, ein Ereignis im Sinne Lotmans, in diesem Fall sogar ein höchst dramatisches.

Ziel dieses essayistisch orientierten, sein Thema umkreisenden Buches ist es weniger, das Phänomen von Grenzhaftigkeit im Sinne des spatial turn oder in Bezug auf die aktuellen Migrationsdebatten auszubreiten. Vielmehr zielt es darauf ab, die blinden Flecken einer streng physisch-räumlichen Blickweise auf sichtbare Grenzen aufzuzeigen und eine Phänomenologie des Liminalen zu entwerfen, in der Grenzen eben nicht ausschließlich oder primär räumlich verstanden, sondern mit Husserl und Lotman als Ereignisse begriffen und damit narrativ gefasst werden. Eine Grundthese könnte dabei lauten, dass entgegen vieler Entgrenzungsanstrengungen und Versprechungen, Grenzvorrichtungen und damit verbundene Vorschriften keineswegs verschwinden, sondern sehr viel eher zunehmen, und zwar nicht bloß an den Territorialgrenzen von Nationalstaaten, sondern auch innerhalb gesellschaftlicher, sozialer und kultureller Räume.

Beschränkt man sich nämlich nicht bloß auf die Grenzen, deren Existenz uns durch Migration und Krieg gegenwärtig eindrücklich vor Augen geführt werden, sondern sieht diese lediglich als einen, wenn auch gewiss wichtigen, Ausschnitt und Aspekt von Grenzhaftigkeit schlechthin, dann lässt sich die These wagen, dass moderne komplexe und technisch verfasste soziokulturelle Entitäten immer neue und dichtere Formen von Liminalität und damit eine Logistik entwickeln und ersinnen, die das Zusammenleben von Menschen regeln, ja gängeln und zugleich ermöglichen. Insofern ließen sich die Lust an der Ent-Grenzung und ein negativer Freiheitsbegriff (Freiheit von vermeintlichen, aber auch wirklichen Zwängen) zugleich als Symptome beziehungsweise als Indizien für ein so neues wie altes Unbehagen in der Kultur begreifen, wie es Sigmund Freud vor beinahe hundert Jahren beschrieben hat.3 Dieses Unbehagen rührt nicht zuletzt von jenen Ein-Schränkungen, also jenen sichtbaren und unsichtbaren Grenzlinien, her, die die Lebenswelt in einer hoch technisierten und automatisierten Gesellschaft bestimmen. Sie fördern die Sehnsucht nach einer ›negativen‹ Form der Freiheit, einer Freiheit von etwas oder von jemandem.

Liminalität als anthropologische Konstante

Ferner muss man sich im Gefolge von philosophischer Anthropologie, Psychoanalyse und Phänomenologie fragen, inwieweit Grenzen in einem umfänglicheren Sinn nicht im Menschen und seiner Lebenswelt verankert sind. Damit wäre Grenzhaftigkeit integraler und fester Bestandteil des Menschlichen, das womöglich auch mit einem zentralen Moment wie der sprachlichen Abstraktionsfähigkeit verbunden ist. Liminalität lässt sich demnach als etwas begreifen, das auf der Schwelle zwischen natürlicher und kultureller Evolution zu verorten wäre. Zu denken ist dabei an Helmuth Plessners These vom »Horizontcharakter« einer hier nicht ausschließlich ökologisch gefassten Umwelt, die (nur) der aufrechtstehende Mensch erfährt. Der Horizont ist eine Linie weit draußen im Blickfeld, die eine Grenze des Sichtbaren markiert und ein Dahinter verbirgt.4 Blumenberg spricht in diesem Zusammenhang von der »Einstellung aufs Abwesende hinter dem Horizont« und von der »Intentionalität des Bewußtseins ohne Gegenstand«.5 Der Horizont funktioniert dabei wie eine Grenze zum Unendlichen, er ist ein das Räumliche Übersteigendes. Der Horizont ist eine Grenze der Grenze. Nur der göttliche Blick von oben macht scheinbar alles symmetrisch und überschaubar.

Dass sich etwas entzieht, ist ein viel allgemeineres Phänomen. Das gilt übrigens auch für jedes Ding, das Husserl zufolge immer schon eine verborgene Rückseite hat.6 Es ist scheinbar so überflüssig und banal wie zugleich ungemein wichtig zu betonen, dass Dinge Ecken und Kanten, Linien und Rundungen besitzen, die sie begrenzen. Niemals werden das Davor und das Dahinter dabei zugleich sichtbar. Immer entzieht sich etwas. Dreht man das Ding um, dann wechseln Vorne und Hinten die Seiten, aber immer bleibt etwas, was eben nicht Hinteransicht genannt werden kann, weil es unsichtbar bleibt.

Demzufolge erschließt sich die weit unterschätzte Bedeutung des Liminalen, das vornehmlich negativ konnotiert und sozusagen als unangenehmer und lästiger Ausnahmefall erfahren wird, erst dann, wenn man die soziale Dynamik, die Prozesshaftigkeit, die unsichtbaren sozialen Relationen und die zeitlichen Dimensionen von Grenzen ins Blickfeld rückt. Diese erscheinen nicht zuletzt auch deshalb erst auf den zweiten Blick, weil viele soziale und temporäre Phänomene in Raummetaphern anschaulich gemacht und damit sichtbar werden. Eine solche »Metaphorologie« (Blumenberg)7 suggeriert die Allgegenwärtigkeit eines Räumlichen, das freilich stets von der Zeit, gleichsam der vierten Dimension des Raumzeitlichen, und von sozialen Prozessen durchquert und modifiziert wird. Vom Ende von Zeit und Geschichte kann daher kaum die Rede sein, so theoretisch süffig sich auch eine solche Diagnose ausnehmen mag, die freilich aus der Zeitenwende von 1989 stammt, einem temporären Schwellenphänomen.

Das Teilen von Grenzen

Dieser Essay verrückt den Blick auf Grenzphänomene, indem er Liminalität sehr viel weiter fasst, als das gemeinhin üblich ist. Der etwas künstliche Terminus Grenzhaftigkeit, eine Übersetzung von Liminalität, macht das insofern programmatisch evident, als er das Liminale als einen Komplex bestimmt, der über manifeste Grenzen hinausweist und diese als Explikation, Sichtbarmachung und Manifestierung von unsichtbaren sozialen und kulturellen Phänomenen begreift. Nicht nur ist die Idee von natürlichen Grenzen, sondern auch die Vorstellung irreführend, wonach das, was wir als Hindernisse sichtbar erfahren, all die Vorrichtungen oder Schilder, den Kern von Grenzen ausmacht.

Darüber hinaus ist die negative Konnotation von Grenzen, wie sie in diversen, letztendlich illusionären Überwindungsstrategien zutage treten, einseitig und verständnislos, ihre Geringschätzung unbedacht. Grenzen werden bekanntlich geteilt. Sie trennen nicht nur voneinander, sondern verbinden auch Individuen, Gruppen und Nationen miteinander. Frieden kann dadurch bestimmt werden, dass Grenzen geteilt und respektiert werden. Das schließt Aushandlungsprozesse, leider auch Gewalt oder die Veränderungen der Spielregeln ihrer Nutzung nicht aus. Ob die Grenze ein Ort der Begegnung oder der Abwendung und Abschottung ist, hängt von jenen ab, die dort leben. Fast immer ist in Grenzanordnungen ein zeitliches Moment eingelassen, so wie bei einem Geschäft, das zu einer bestimmten Uhrzeit geöffnet, zu einer anderen geschlossen ist.

Bereits Georg Simmel hat die manifeste Grenze als Auskristallisierung dahinter stehender Prozesse, Machtverhältnisse und zeitlicher Konstellationen verstanden. Seine Kulturtheorie ist darin aktuell, dass sie Phänomene und Prozesse des Öffnens und Schließens, des Trennens und Verbindens als zentrale Elemente des Makrophänomens Kultur begreift und dass scheinbar so nebensächliche Dinge wie Bilderrahmen, Türen, Fenster oder Brücken eine ganz wesentliche Rolle spielen, weil sie die prozessualen Vorgänge menschlicher Kultur und Gesellschaft regeln und strukturieren. Es handelt sich bei all diesen Phänomenen um liminale Anlagen, die den Austausch von Menschen, Ideen und Gütern regeln und steuern.

Das zeitliche Moment von Grenzen

Der räumliche Aspekt von Grenzen gründet in der physischen und kognitiven Beschaffenheit des Menschen, aber sie enthalten zugleich eine soziale wie temporäre Dimension. Dass viele Grenzen unsichtbar sind, zeigt das Verhalten von Menschen im öffentlichen Verkehr ebenso wie im intimen Bereich. Insbesondere in diesem werden Grenzen systematisch einsam und gemeinsam überschritten, was aber voraussetzt, dass sie wahrgenommen werden.

Elias Canetti hat bekanntlich von der Berührungsfurcht des Menschen gesprochen. Damit einher geht die Einsicht, dass unsere Haut eine Membran darstellt, die beides leistet: Sie schließt den Körper oft unter Zuhilfenahme der Kleidung als zweiter künstlicher Haut gegen die Umwelt ab, aber sie ist zugleich durchlässig und lässt Kontakt mit der Außenwelt und mit anderen Mit-Menschen zu.

Die Grenzziehung zwischen zwei Menschen, die nicht miteinander vertraut sind, beginnt übrigens längst vor der Berührung der Hautgrenze. Es gibt einen Zwischenraum, in den einzudringen vom betroffenen Menschen, zumeist Frauen, als Grenzverstoß erfahren wird. Demgegenüber überschreiten Menschen, die solche nicht nur physischen, sondern auch psychischen Grenzen tendenziell teilen, diese, und man kann sich fragen, ob es dabei – etwa im Zustand der Verliebtheit – zu einer Auflösung eines störenden Dazwischen zugunsten einer scheinbar schrankenlosen Vereinigung kommt. Naheliegend anzunehmen, dass das für eine kurze Zeit der Innigkeit von beiden Seiten auch so erfahren wird. Die unsichtbaren Grenzen bleiben indes bestehen. Nur sie erlauben nämlich eine zeitlich punktuelle Überschreitung. Wo es keine Grenze gibt, kann es auch keine Überschreitung geben. So wird die Unhintergehbarkeit liminaler Phänomene gerade dort zentral, wo es scheinbar zur Grenzauflösung kommt.

Selbst die zeitliche Strukturierung von Geschichten bedient sich liminaler Metaphern (Zeitraum, Abschnitt, Einschnitt). ›Anfang‹ und ›Ende‹ haben zeitliche wie räumliche Konnotationen, die sich selten miteinander verbinden. Es gibt viele Räume, in denen Grenzen mehr oder minder unsichtbar bleiben, zum Beispiel Trennlinien zwischen Männern und Frauen, zwischen Wohlhabenden und Armen, zwischen Menschen und Tieren, zwischen Einheimischen und Fremden, zwischen Eltern und Kindern, zwischen verschiedenen Lebensstilen. Diese Separierungen und Verbindungen haben gewissermaßen als vierte Dimension stets ein Zeitmaß und einen Rhythmus. Sowenig es keinen zeitlosen Raum gibt, so gibt es auch keine zeitlosen Grenzen. Beide Extreme sind notwendige horizontale Denkkonstrukte.

Grundthesen und Überblick

All diese Überlegungen, die auf eine Korrektur eines eingeengten Verständnisses von bestimmten symbolisch und politisch aufgeladenen Trennlinien hinauslaufen, sind Gegenstand von Kapitel 1. Sie arbeiten die Thesen auf, die in dieser Einleitung lakonisch benannt und im Rest des Buches vertieft werden:

Grenzen sind nicht primär und generell physisch und sichtbar, sie sind es lediglich im Ausnahmefall, wenn ihre Betonung im sozialen Regelwerk und damit Verbote ins Spiel kommen. Sie sind oft unsichtbar und darüber hinaus mehr psychisch als physisch.

Sie sind Hürde und Hindernis, zugleich aber auch Übergang und Herausforderung.

Sie besitzen eine Schutzfunktion und schaffen einen Gestaltungsrahmen.

Sie sind im höchsten Grade ambivalent: Sie verschränken Verbot und Gewährung.

Grenzen sind zentrale Strukturelemente unseres stets sozialen Lebens.

Grenzen werden von Individuen und Gruppen ›geteilt‹ und unterliegen einem contract sociale, einer Vereinbarung und einem Code.

Sie beruhen auf der Anziehungskraft des Territorialen, das vom Menschen in der Beziehung zu seiner jeweils für ihn spezifischen Umwelt als Garant für Stabilität erfahren wird.

Grenzvorgänge und Grenzvorrichtungen lassen sich unter dem dynamischen Gegensatz von Offenheit und Geschlossenheit, von Vielfalt und Einheit unterscheiden.

In Kapitel 2 wird zunächst mit Blick auf Jurij Lotman der semiotische Raum mitsamt seinen Grenzen betreten und behandelt. Letztere befinden sich keineswegs nur an dessen territorialen Außenseiten, sondern nicht zuletzt im Inneren des Raumes, der heterogen zu denken ist. Kommunikation mittels Sprache wird selbst als etwas verstanden, das durch Grenzen des Verstehens bestimmt ist. Ohne sie ist keine Kommunikation in Gestalt von Rückversicherungen, Nachfragen oder Interpretationen denkbar. Wittgenstein folgend, dem Philosophen mit der Leiter (übrigens einem liminalen Artefakt), sind die Grenzen der Sprache die Grenzen unserer Welt.

Kapitel 3 widmet sich dem theoretischen Horizont, der unsere erwähnten materiellen Vorstellungen von Grenzen weitet. Es handelt sich um Theorien, die einem prozessualen Verständnis von Grenzphänomenen Rechnung tragen. Sie entstammen der Sozial- und Kulturphilosophie (Simmel), der Psychoanalyse und der Philosophie (Cacciari, Waldenfels, Husserl). Ungeachtet ihrer Unterschiede haben sie alle darauf hingewiesen, dass Grenzen existenziell und sozial konstitutiv für das menschliche Auf-der-Welt-Sein sind. Diskutiert werden dabei auch sichtbare Grenzvorrichtungen und ihre Dynamiken. Entfaltet wird dabei eine Phänomenologie ihrer Logik und Funktionsweise: Tür, Tor, Fenster, Mauer, Zaun, Membran, Rahmen, Deckel, Schwelle, Grenzstein, Leiter, Verschluss und andere Markierungen. Dabei spielen Bewegungen und Polaritäten wie oben und unten, hier und dort, diesseits und jenseits, offen und geschlossen, damals und heute eine maßgebliche Rolle. All diese sichtbaren Apparaturen und Einrichtungen werden nicht zuletzt daraufhin befragt, welche Formen des Umgangs mit Grenzen ihnen zugrundeliegen.

Kapitel 4 widmet sich Grenzen und Grenzüberschreitungen in der Intimität und in der Geschlechtlichkeit. In dieser Mitleiblichkeit spielen die Haut und exponierte Körperteile wie Geschlechtsorgane, Mund, Hände und Nase und damit einhergehend Berührung, Geruch, Blick und Tastsinn, aber auch affektive Momente wie Angst, Scham, Zärtlichkeit, Liebe, Begehren und Aggression eine maßgebliche, ja tragende Rolle. Lebensvollzug ist Umgang mit Grenzen, den eigenen und denen des und – gegengeschlechtlich oder plural verstanden – der Anderen.

Kapitel 5 behandelt den Tod als absolute und, wenn man so will, realste und unverrückbarste Grenze, von der der Mensch oft nur latent weiß, dass er sie überschreiten wird müssen. Hier wird eine Grenze skizziert, die letztendlich auf dem Gegensatz von bekannt und unbekannt beruht, einem Dahinter, das aber viel eher ein ungreifbares zeitliches Danach ist. Diese (Nicht-)Raumzeit a posteriori ist – Thomas Macho folgend – Ausgangspunkt für die Wucherung des Imaginären, der Konstruktion eines anderen Raumes, der fiktiv ist. Dantes Göttliche Komödie ist vielleicht das bekannteste Beispiel für eine solche produktive Unruhe, in der sich christliche und antike Nachwelt-Vorstellungen kreuzen. Den Tod als Reise in eine andere Welt beschreibt auch Hermann Kasacks vergessener und nicht nur für das Vorhaben dieses Buches mit Gewinn zu lesender Roman Die Stadt hinter dem Strom (1947). Die darin beschriebene Grenzüberschreitung illustriert, dass es einen Tod (in) der Moderne gibt, der sich markant von seinen vormodernen Formen unterscheidet. Poesie und Dichtung machen eine Grenze sichtbar, ein Dahinter, das aber viel eher ein ungreifbares und unheimliches zeitliches Danach ist. Diese Raumzeit des Danach ist Ausgangspunkt für die zahllosen Auftritte des Imaginären, der Konstruktion eines anderen Raumes, der im Medium der Literatur erfolgt. Nach Georg Simmel ist der Tod nicht etwas, das nach dem Leben kommt, sondern etwas, das im existenziellen Vollzug, in der Lebenswelt, immer schon präsent ist. Literatur und andere Künste machen diese Erfahrungen plastisch und reflexiv. Sie öffnen dabei den Raum des Imaginären.

Kapitel 6 setzt sich auf den Spuren von Hans Blumenberg mit Schließungen, ›Behausungen‹ und Höhlen auseinander und stößt dabei auf literarische Beobachtungen Kafkas, Rilkes oder Pessoas: auf Rückzugsorte, Nischen, Orte moderner Einsamkeit glaubensloser Individuen. Im Mittelpunkt stehen Grenzen, die den Menschen vor dem Getriebe der Wirklichkeit schützen – Selbstverschlüsse, in die Figuren wie Malte Laurids Brigge, Gregor Samsa oder Pessoas Alter Ego eingezwängt und gewissermaßen eingelassen, in denen sie festgehalten sind.

In Kapitel 7 rückt eine vollständig andere Form von Grenzhaftigkeit ins Blickfeld: An eine, nämlich meine Grenze zu stoßen, die eine des menschlichen Vermögens ist, die verschoben und gesteigert, nicht aber aufgehoben werden kann. Es geht dabei, ähnlich aber nicht identisch mit dem Tod, um Grenzen ohne ein greifbares Territorium auf einer anderen Seite, um in Raummetaphern gefasste innere Blockaden auf einem Terrain, bei dem sich äußere Physis und innere psychische Dynamik begegnen. Solche Barrieren machen sich beim Bergsteigen, in vielen Sportarten, in der kommunikativen Verständigung, aber auch im Umgang mit der Sprache dramatisch bemerkbar, können sie doch als Scheitern erfahren werden, für einen Sachverhalt, eine Stimmung und Ereignis einen entsprechenden Ausdruck zu finden.

Als literarische Folie für diese Arten von Grenzen, von limits, fungiert dabei der Roman des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr Der fliegende Berg (2006), der von einem tragisch endenden Abenteuer im Himalaya berichtet, der Erstbesteigung eines unbekannten (fiktiven) Gipfels und den damit verbundenen Grenzerfahrungen, die auch den Horizont der eigenen Auslöschung, die Todesnähe, miteinschließt. Ransmayr tangiert in seinem postmodernen Opus auch eine andere, sprachliche Grenze: Es wird zu einer poetischen Herausforderung, wie sich die Erfahrungen der beiden Brüder in der lebensfeindlichen, weltabweisenden Gebirgslandschaft angemessen beschreiben lassen. Jeder Versuch, diese existenzielle Grenze, die in das eigene Dasein eindringt, zu begreifen, aber auch zu beschreiben, kann im Sinne produktiver Resignation immer nur Annäherung, produktives Scheitern bleiben. Die Sprache versagt vor der Wirklichkeit der dramatischen Situationen, weshalb der Autor sich einer scheinbar anachronistischen Form, der fliegenden Sätze bedient, die, ähnlich wie in der Lyrik und im traditionellen Versepos, Leere auf dem rechten Teil der Buchseite lassen und rhythmisches Lesen, damit auch ein musikalisches Moment, ermöglichen.

Kapitel 8 (Lovely Rita) kreist um temporäre Grenzen, um Räume und Orte, die nur zeitweilig benutzbar sind und die bestimmte Öffnungszeiten und Nutzungsregeln einschließen. Rund ein Viertel des öffentlichen Raums in hypermodernen Gesellschaft wird, so schätzt man, temporär von technischen Artefakten eingenommen, die im Stillstand zwecklos sind und darüber viel Platz verbrauchen: Autos. Verglichen mit vormodernen Gesellschaften haben sich raumzeitlich begrenzte Einrichtungen erstaunlich vermehrt und technisch raffiniert: Parkuhren, Liftanlagen, öffentliche Toiletten, die diversen Tempel des Essens und Trinkens oder der musealisierten Kultur, Gefängnisse, Krankenhäuser, Bahnhöfe, Flughäfen, Stundenhotels, Clubs und Bordelle, Autobahnen, die Welt der Spiele, Zeltstädte, arrangierte Landschaften und touristische Einrichtungen. Sie alle folgen mehr oder minder dem Gegensatz von Hin und Her, von Drinnen und Draußen, von Ein und Aus, von Öffnen und Schließen. Sie sind charakteristisch für jene Epoche, die man als flüssige (Hyper-)Moderne bezeichnet hat, es sind Orte im Sinne von Marc Augé, an denen man sich nur stationär aufhält und die man auch gerne wieder verlässt, weil man sich nach einem festen Platz in der Welt, nach Heimat sehnt.

Das Thema der Grenzen in einem weiten Sinn ist ironisch formuliert grenzenlos. Beinahe hat es den Anschein, dass Grenzen nicht etwas darstellen, das in einen freien und offenen Raum gleichsam eingeschnitten wird, sondern dass sie die Struktur einer oft als unwahrscheinlich und unwirklich wahrgenommenen Welt manifest machen, in die wir so unversehens wie unfreiwillig hineingeraten sind. Folgt man dieser Überlegung, dann ist die Wirklichkeit immer schon gekerbt, markiert und durchschnitten. Mit anderen Worten: Sie ist strukturiert.

Drei Korollarien liefern dazu einen logischen Ausblick: Das erste geht der Frage der Grenzen Europas nach und behandelt den Wandel von sichtbaren und unsichtbaren politischen Trennlinien. Äußerlich mögen Grenzen gleich bleiben, aber trotzdem können sie sich im Hinblick auf die Menschen diesseits und jenseits einer Trennlinie ändern. Auch dieses Kapitel veranschaulicht die spezifisch ›ontische‹ Differenz, aber auch das Zusammenspiel von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen.

Das zweite Korollarium diskutiert den logischen Konnex zwischen Grenzziehung und Identität. Beiden Begriffen liegt das Bedürfnis klarer Unterschiede und Differenzen zugrunde. Identitäten folgen dem Primat von überaus fix gedachten Grenzen und damit verbunden von homogen imaginierten Innenräumen, die sich von einem bedrohlichen Außen abgrenzen. Literatur und Philosophie der klassischen Moderne haben gezeigt, dass es mit der Kompaktheit von Identitäten und mit den ihnen zugrunde liegenden Grenzen nicht weit her ist: Ich ist ein Anderer. In diesem Zusammenhang hat Freud das Ich als ein »Grenzwesen« bestimmt, das die Kommunikation zwischen einem vielschichtigen Innen der Psyche und einer stets ebenfalls heterogenen Außenwelt regelt und reguliert.

Das dritte Korollarium legt die Bedeutung von Grenzüberschreitungen in der Kunst der Avantgarden und diverser Modernismen frei und überwindet dabei nicht nur die alten Regelästhetiken, sondern strebt danach, die Grenzen der Künste zu anderen Bereichen wie Politik, Leben, Religion oder Gesellschaft zu transzendieren. Damit rückt ein Thema ins Zentrum, das in der Moderne virulent wird. Überhaupt lässt sich die moderne Kunst, die der »Tradition des Bruchs« (Octavio Paz) und damit der Überschreitung verpflichtet ist, als exemplarisches Labor der Überwindung von Grenzen verstehen, das zugleich und oft unfreiwillig die paradoxe Logik des Liminalen erhellt. Sie tut dies, indem sie die Setzungen traditioneller Regelästhetiken scheinbar mit leichter Hand abstreift und damit die traditionelle Ordnung zersetzt. So verwerfen die Protoavantgarden wie die deutsche Frühromantik oder der französisch-belgische Symbolismus, der Modernismus und die ›klassische‹ Avantgarde der Zwischenkriegszeit, die auf eine Überwindung zum Beispiel der Trennung von Kunst und Leben (oder der Grenzen zwischen Kunst und Politik) abzielen, systemische Grenzen der modernen Gesellschaft, die durch liminale Ausdifferenzierung und durch Ausgrenzung bestimmt ist.

Der Titel des Buches nimmt mit der Verwendung des Begriffs Versuch Bezug auf essayistische Zugangsweisen in Schreiben und Denken. Dabei kommt eine paradoxe Systematik zum Tragen, in der das scheinbar Unsystematische, eben der Essayismus, selbst eine eigenwillige Methodik entfaltet. Hier spielt neben der Diskussion theoretischer Texte auch die Einbeziehung literarischer Texte eine ganz wesentliche Rolle: Literatur als »symbolische Form« der Erkenntnis.

Der Essay misstraut bekanntlich der Allmacht von Definitionen und den damit verbundenen Festlegungen. Er umschreibt sich gleichsam selbst. Ungeachtet dieser Skepsis versucht er seinen Gegenstand zu umschreiben, ihn in Bewegung zu versetzen. Insofern enthält der Titel des Buches ein gewisse Vorstellung von dem, was Grenzen sind, nämlich zentrale Strukturbildungen und Prozesse menschlicher Kultur(en). Grenzen sind nicht einfach lästige Zusätze und Akzidenzien, sie sind keine bloßen Hilfskonstruktionen, sondern sind in der psychischen Struktur des Menschen und den Formationen, die er im Prozess seiner kulturellen Evolution geschaffen hat, verankert. Grenzen sind basale Elemente der Strukturierung von individuellen, sozialen und semiotischen Raum-Zeit-Konstellationen. Ohne diese oft unsichtbare Dynamik und Mechanik von Grenzen wären Kultur und Lebenswelt des Menschen undenkbar. Insofern ist der Begriff der Grenze weit gefasst und auf das Sein des Menschen in all seinen Dimensionen bezogen: körperlich-physisch, sprachlich symbolisch und sozial.

Das Buch verfährt exemplarisch und typologisch. Es diskutiert theoretische und literarische Texte in dialogischer Absicht. Dieser Vorgehensweise entspricht ein close reading von ausgewählten Texten, die sich mit dem vielfältigen und schillernden Thema der Grenze auseinandersetzen, in dem Raum, Zeit, soziale Prozesse und Selbstbezug untrennbar miteinander verwoben sind.

Das vorliegende Buch geht auf eine langjährige Forschung des Autors zurück, die in der Teilnahme an diversen Tagungen etwa an der Università La Sapienza in Rom, am Trinity College Dublin oder an der Universität Augsburg und in verschiedenen Seminaren an den Universitäten Wien und Klagenfurt ihren Niederschlag gefunden hat und verschiedenen Publikationen auf Deutsch, Englisch und Italienisch dokumentiert sind. Diese Beiträge sind indirekt, das heißt in veränderter, oft erweiterter Form in dieses Buch eingegangen.8

KAPITEL 1

Erster Augenschein: Über einige Missverständnisse von Grenzphänomenen

Grenzen als Widerstand und Einschränkung

Wir scheinen alle zu wissen, was Grenzen sind: Absperrungen, Barrieren, Hindernisse, Hürden, die es zu beseitigen und zu überwinden gilt. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, hat vor vielen Jahren, genauer gesagt erstmals 1974, der seinerzeit überaus populäre deutsche Barde Reinhard Mey im Einklang mit dem Zeitgeist gesungen. Freiheit und Begrenzung scheinen einander auszuschließen. In dieser vorkritischen Be- und Verurteilung glauben sich alle einig zu sein. Ich sprenge alle Ketten und sage nein, nein, nein, nein, nein: Auch dies ist ein einschlägiger Satz aus dem deutschen Schlagerrepertoire. Dass dieser in die Unendlichkeit gedehnte, negative Freiheitsbegriff (Freiheit von) einer philosophischen Prüfung nicht standzuhalten vermag, sei hier vorweg angemerkt. Aber immerhin bezeugt die Sogkraft solcher Sätze in der Populärkultur, wie attraktiv Grenzüberschreitung in bestimmten Zusammenhängen ist, die paradoxerweise – und das haben alle Formen und Varianten von Liminalität gemein – stets die Existenz von Grenzen voraussetzt. Das Hochgefühl, das mit Transgression einhergeht, verdankt sich ganz augenscheinlich der damit verbundenen Selbstübersteig(er)ung, die Fremdanerkennung und so auch Selbstanerkennung hervorbringt. Sie speist sich nicht zuletzt aus der von Zuschauern begleiteten Erfahrung, dass man fähig und imstande ist, Grenzen zu überwinden. Nicht Schiffbruch, sondern Triumph mit Zuschauer. Das erzeugt eine beinahe magische Selbstvergrößerung. Es verbindet so verschiedene liminale Erfahrungen wie Bergersteigungen und die Übertretung vorgeschriebener sozialer Regeln, vor allem wenn sie als problematisch und ungerecht eingestuft werden, so wenn eine junge iranische Frau den Mut aufbringt, trotz sogenannter Tugendwächter ohne Kopftuch öffentliche Orte, Straßen und Plätze aufzusuchen. Grenzüberschreitung erfordert im Gegensatz zu angepasstem Verhalten Kraft, Mut, wohl auch Umsicht und Kenntnis der jeweiligen Grenze. Vertrautheit. Zwischen Grenzen und Regeln besteht überdies ein inniger Zusammenhang. Diese Eigenschaften fallen mir als Belohnung meines couragierten Handelns zu.

Die spontan einsetzende, kaum hinterfragte Gedankenkette verläuft im Hinblick auf unser Thema in etwa so: Grenzen sind hinderlich und darüber hinaus auch völlig unnötig. Wir würden alle besser leben und glücklicher sein, wenn es keine Grenzen gäbe. Wo es sie gibt, da kann Freiheit nicht gedeihen. Und das trifft im Falle ganz bestimmter Grenzfälle ja auch zu, die die Lebenswelt der betreffenden Menschen tendenziell in ein Gefängnis, am Ende gar in ein Straflager, in einen Gulag, in ein Internierungscamp oder ein Konzentrationslager verwandeln. Oder im Hinblick auf Menschen, denen der Eintritt in ein Land verwehrt wird, das sie als einen Sehnsuchtsraum von Freiheit, Wohlstand und Sicherheit imaginieren. Ohne Grenzen kein Gefangen-Sein. Es gab Zeiten einer Schwarzen Pädagogik, in denen man Kinder einsperrte oder ihnen im Falle von Unbotmäßigkeit und Ungehorsam damit drohte, sie ins Internat zu stecken, wo sie wiederum, nunmehr drastisch sichtbar, interniert wurden. Man kann das in Michael Hanekes Film Das weiße Band oder in Hermann Hesses frühem Roman Unterm Rad sehr anschaulich nachlesen. Das Internat ist ein klaustrophober Ort von oft intransparent verordneten Verboten und Regeln, die nicht hinterfragt werden können. In Hanekes Film, in dem ein evangelischer Pastor seinen Sohn züchtigt, wird die Verantwortung moralisch auf das Opfer geschoben. Der die Sanktion für Grenzüberschreitung vornimmt, ist der im Unterschied zum Delinquenten folgsame Diener einer liminal festgezurrten objektiven Ordnung. Es ist bei Haneke das Opfer, der Sohn, der perverserweise die Schuld für die Strafaktion zu tragen hat, ›zwingt‹ er doch durch seine vermeintliche Ungehorsamkeit den Vater, ihn zu bestrafen. Insofern sind Bollwerke wie das paternalistische Pfarrhaus oder das strenge Internat Orte unsichtbarer eiserner Vorhänge, hinter denen man das Parieren beigebracht bekommt. Sie sind im doppelten Sinne ummauert, physisch durch das Mauerwerk, symbolisch durch eine undurchdringliche Wand von Geboten und Verboten, denen nicht zu entkommen ist. Sie sind Riegel- und Regelwerk. Aber gerade deshalb provozieren sie Übertretung und Protest. Die schon erwähnte Freiheit von.

Auch die neuzeitlichen psychiatrischen Anstalten oder die modernen Gefängnisse, die einer panoptischen Überwachung unterliegen, Untersuchungsgegenstände im Frühwerk von Michel Foucault, gehören in diesen Zusammenhang, je nach Perspektive ist es ein Aus-, Weg- oder Einsperren. Der ›Ausschluss‹ verdankt sich ebenso wie der ›Einschluss‹, der nicht unbedingt dessen Gegenteil sein muss, einer abgestorbenen Metapher, die sich wieder zum Leben erwecken lässt: Schluss, Schloss und Schüssel sind Instrumentarien, die uns entweder daran hindern, unserer Situation zu entrinnen und den betreffenden Raum zu verlassen, oder uns ein unüberwindliches Hindernis in den Weg legen, in jenen anderen Raum einzutreten, den wir betreten wollen. Sie sind Beschränkungen unseres Begehrens. Wir sind also je nachdem, wo wir uns befinden, ein- oder ausgeschlossen.

Asymmetrien von Grenzen

Wenn wir an Grenzen denken, dann kommen uns vor allem sichtbare und tückische Befestigungsanlagen in den Sinn, die scheinbar ganz willkürlich den Raum begrenzen. Seit der spatialen Wende in den Sozial- und Geisteswissenschaften wissen wir, dass Grenzen und damit verbunden auch die Peripherien keine nebensächlichen Erscheinungen sind, entspringen sie doch einer asymmetrischen Situation. Denn ein Zentrum ist nur deshalb Mittelpunkt eines Raumes, weil dieser durch Grenzen definiert ist. Definieren, abgrenzen, leitet sich bekanntlich vom lateinischen Wort finis ab, das sowohl in zeitlicher wie in räumlicher Hinsicht das Ende eines Raumes bestimmt. Finis ist das Ende eines inneren Raumes oder eines Dinges und zugleich der Anfang eines anderen, der nicht zu diesem Innen gehört. Oder das Ende einer bestimmten Zeit und der Anfang einer neuen. Das Einsetzen eines bislang Unbekannten, das Verlöschen eines bisherigen Lebens. Bereits in der Grenze selbst steckt jenes Zwischen, jenes interimistische Mittelstück, das nicht auflösbar ist und das einer zeitlichen Dynamik unterliegt. Das Innovative an manchen postkolonialen und postimperialen Studien besteht nicht zuletzt darin, dass sie einen Blick von jenen peripheren Rändern aus entwerfen und damit neues Licht auf diese Konstellationen werfen. Dem Blick von innen nach außen, dem Inside looking out, wird eine Sichtweise entgegengestellt, die einen Raum oder eine Zeit aus einer anderen temporären oder räumlichen Perspektive durchmisst. Jede narrative Sequenz kennt diese unsichtbaren Grenzen in Zeit und Raum.

Die Zeit und die Grenze

Zu einem ersten naiven und spontanen Blick auf liminale Phänomene gesellt sich bei zweitem Hinsehen die nicht selten sträfliche Vernachlässigung ihrer zeitlichen Aspekte, die sich bei fast allen Grenzvorrichtungen und Raumteilern nachweisen lassen. Zum Fetischismus sichtbarer Grenzkonstrukte gehört nämlich, dass sie unverrückbar und buchstäblich in Stein gehauen und aus anderem widerständigen und dauerhaftem Material (Stacheldraht, Stein, Beton) gefertigt sind und dadurch scheinbar unüberwindlich sind. Aber diese Suggestion gehört bereits zur Dynamik und zur Funktionsweise von Grenzvorrichtungen. Derartige Konstruktionen, Apparaturen und Einrichtungen sind letztlich temporär betrachtet nicht andauernd und statisch, sondern haben auf die eine oder andere Weise Öffnungs- und Schließzeiten. Zumindest ein Ablaufdatum. Sie folgen der Dynamik des Auf und Zu, des Öffnen und Schließens, des Trennen und Verbindens. Die Doppelbedeutung des deutschen Wortes teilen macht das sinnfällig: man teilt und zerteilt, was eventuell zuvor ein Zusammen war.

Die Grenze ist insofern Schwelle, ein stets bedrohter Durchgang, räumlich wie zeitlich besehen. Kafka, ein literarischer Meister und Experte liminaler Vorgänge und Ereignisse, hat das in seinem berühmten Gleichnis vom Torhüter eindringlich und einigermaßen paradox vorgeführt. Dem armen Mann vom Lande wird immer wieder beschieden, dass es noch nicht Zeit wäre, das Tor zu durchschreiten. Das Versprechen der Öffnung wird aber in diesem Falle hinterlistig verweigert. Wie immer man Kafkas Gleichnis vom Torhüter – religiös, politisch, sozial – auch deuten mag, es handelt vom Zustand des Draußen-Bleibens. Des nicht Eintreten-Könnens. Des Fremd-Seins. Es misslingt etwas tragikomisch: das Hineinkommen, das für alle Formen des Dazu-Gehörens bestimmend ist, von traditionellen Initiationsriten bis hin zu modernen Gruppenritualen. Es gibt also im Hinblick auf Grenzen nicht nur das vehemente Ich will da raus, sondern, wie es ein ehemaliger deutscher Bundeskanzler einmal formulierte, ein Ich will da rein. In jenes Haus nämlich, in dem in Deutschland der Regierungschef residiert. Womit erneut die Doppelfunktion von Grenzen sichtbar wird. Grenzen handeln vom Rein- und vom Rauskommen. Von Hüben und Drüben.

Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Grenzen

Dem vorliegende Essay liegt die Idee zugrunde, sein Thema nicht zu ›erschöpfen‹, sondern in einer kreisenden Bewegung die nicht selten verschwiegenen Seiten des Grenzhaften ins Blickfeld zu rücken und es zu umgarnen, etwa die Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit von Trennlinien nicht sichtbar ist, sondern nur in bestimmten dramatischen Situationen und unter vorbehaltlichen Bedingungen eine gewisse Festigkeit und einen Schein des Objektiven erlangt, eben durch bestimmte mechanische Vorrichtungen. Wenn Dringlichkeit und physische Behinderung als geboten erscheinen. Häufig sind diese manifesten Grenzkonstruktionen, wie im sozialen oder im intimen Bereich, gar nicht möglich. Nicht selten übernimmt die Sprache die Aufgabe, Trennlinien, Distanzen und Unterschiede manifest und explizit zu machen.

Territoriale Abgrenzungen zwischen Familien, Stämmen und anderen sozialen Entitäten sind bekanntlich älter als die heutigen Zäune, die etwa Grundstücke und Eigentum unmissverständlich voneinander trennen. Explizit werden Grenzen aber auch sprachlich. Das Verbot ist eine ausgesprochene, in Sprache gegossene Grenzverfügung. Alles, was an ihnen zeitlich oder psychologisch ist, lässt sich durch räumliche Metaphern plastisch machen: Zeitfenster, Epochengrenzen, Widerstand, Blockade – um nur einige Beispiele zu nennen.

Grenzen sind indes nicht ausschließlich Momente der Verhinderung, sondern, wie schon eingangs betont, der Ermöglichung und Gestaltung. Dabei spielt die Dynamik, die ohne das temporäre Movens undenkbar wäre, eine ganz entscheidende Rolle. Es lässt sich zeigen, dass Grenzhaftigkeit ein strukturierendes Element unserer Lebenswelt und darüber hinaus von Kultur schlechthin ist. Kulturen, in der Mehrzahl gesprochen, sind in sich heterogen, weil sie nicht nur Außengrenzen, sondern auch Binnengrenzen besitzen. Grenzen sind dabei Orte und Zeitpunkt von Begegnung, die wir mit anderen teilen, so wie den Kuchen in unserer Kindheit. Insofern stellt Liminalität, Grenzhaftigkeit, einen Schlüssel zu menschlicher Existenz und zu den vom Menschen geschaffenen, in Raum und Zeit verschiedenen Kulturen dar. Vielleicht ist es sogar möglich, das komplizierte heterogene Gewebe, das Kultur immer ist und sein wird, auf einige elementare Operationen zu reduzieren, die ohne das ›Da-Sein‹ von Liminalität nicht möglich sind.

Zum Schreiben eines Buches, das übrigens auch einen Eingang und einen Ausgang hat und das man öffnen und schließen kann, gehören immer auch, mit anderen, die vor einem darüber geschrieben haben, in ein Gespräch einzutreten und diese wiederum in Dialog miteinander zu bringen, den der spätere Autor für sein Publikum inszeniert. So hat uns der moderne psychologische Diskurs nicht nur der Psychoanalyse gelehrt, scheinbar unsichtbare liminale Situationen zu erfassen. Ähnliches gilt für die Phänomenologie und ihr so widersprüchliches wie produktives Konzept, die Lebenswelt des Menschen zu verstehen, wobei nicht so sehr eine fixierbare Ursprünglichkeit im Mittelpunkt steht, sondern viel eher ein Nachspüren dessen, wie der Mensch seine Lebenswelt wahrnimmt, wobei diese Lebenswelt nicht so sehr und nicht ausschließlich eine Welt der Dinge repräsentiert und auch nicht jenes Insgesamt, das wir einigermaßen unscharf als Natur bezeichnen, sondern eben jene Menschen, die uns stets als Andere, sichtbar wie unsichtbar, reale Personen oder ethische Instanzen entgegentreten. Mit dieser so verstandenen Lebenswelt ist ein unsichtbares Geflecht verbunden, in dem wir denken, fühlen und handeln.

Die Ambivalenz von Grenzen

Georg Simmels eigenartig zirkulierendes, in seiner Bedeutung noch immer unterschätztes Werk, das auch in diversen Überblicksdarstellungen zum spatial turn nicht fehlen darf, stellt insofern eine Herausforderung dar, als sich in ihm systematische und essayistisch-experimentierende Elemente überkreuzen. Insbesondere seine induktiven Vorstöße scheinen mir für eine Theorie des Liminalen unverzichtbar und von Belang zu sein.

Der Titel von Simmels 1908 erschienener Soziologie – Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung enttäuscht auf angenehme Weise, suggeriert er doch ein umfassendes und systematisches Buch, das alle wesentlichen Themen der damals neuen Wissenschaft deduktiv und definitiv zu fassen sucht. Aber das ist mitnichten der Fall, handelt es sich bei diesem Opus doch, anders vielleicht als bei der Philosophie des Geldes, um eine kreisende Zusammenschau von Phänomenen, in der sich scheinbar zentrale Fragen und periphere Themen komplementieren, so wie der Streit, Treue und Dankbarkeit, Schmuck, die Figur des Fremden, Brief und Geheimnis oder das Erbamt. Schon die Themen machen deutlich, wie schwer es im Falle Simmels zu entscheiden ist, ob der glänzende Außenseiter und undisziplinierte Mitbegründer einer neuen wissenschaftlichen Disziplin, eben der Soziologie, die angeführten, auf den ersten Blick oft randständigen Erscheinungen auf dem Weg von der Tradition in die Moderne sozial oder kulturell versteht. Durch die Komposition des Werkes wird sichtbar, dass das scheinbar Entlegene ein neues Licht auf die großen Fragen von Soziologie und Kulturanalyse wirft, etwa jenen nach der Möglichkeit von Gesellschaft, der quantitativen Bestimmtheit von Gruppen, der Kreuzung sozialer Kreise oder der Bedeutung der Raumes für die die Konstitution von Kultur und Gesellschaft.

Kultur und Gesellschaft sind, wie sein Hauptwerk Philosophie des Geldes sinnfällig macht, untrennbar miteinander verbunden, nämlich durch das Geld. Ohne den heute geläufigen Terminus zu verwenden, sieht Simmel im Geld das zentrale strukturbildende Medium der Kultur und Gesellschaft der okzidentalen Moderne, das die Handlungsweisen des modernen Individuums bestimmt und die menschliche Verfasstheit und Verfassung – the medium is the message – überformt.

Interne Prozesse und externe Gestaltung des Liminalen

Es klingt wie eine späte Korrektur des in den 2000er-Jahren verkündeten spatial turn, wenn Simmel von Anfang an darauf besteht, dass es nicht der physische Raum an sich ist, der Kultur und Gesellschaft konstituiert, sondern tiefer liegende psychische Prozesse. Der Raum stellt gleichsam die Möglichkeiten zu ihrer Gestaltung bereit. Er macht das Soziale und Symbolische jener Welt, in der wir leben, plastisch erfahrbar. Und das ist notwendig, weil wir physisch-leibliche Existenzen sind. Der sichtbare Raum wird zum Fetisch, der diese ihm zugrundeliegende Zurichtung und Gestaltung verdeckt, so als wäre es der Raum, der die Gesellschaft hervorbringt:

Ein geographischer Umfang von so und so vielen Quadratmeilen bildet noch nicht ein großes Reich, sondern das bewirken die psychologischen Kräfte, die die Bewohner eines solchen Gebietes von einem politischen Mittelpunkt her politisch zusammenhalten und sich darin bewegen. Das Territorium wird zu dem, was es ist, dadurch, dass es bewohnt wird.9

Nicht die räumliche Nähe oder Distanz und ihre spezifische Gestalt konstituieren »die besonderen Erscheinungen von Nachbarschaft oder Fremdheit«, auch wenn diese solcher räumlicher Ausformungen bedürfen.10 Der Antrieb erfolgt nicht vom Raum her, sondern von unsichtbaren individual- oder sozialpsychologischen Funktionen, die sich eine räumliche Form geben, wie Simmel am Beispiel der Mauern mittelalterlicher Städte in Flandern erläutert, die sich mittels Wall und Graben von der Umgebung abgrenzen, um sich als soziale Entitität, als »juristische Person« und symbolisch betrachtet als ein kirchlicher Verband zu konstituieren.11

Wenn diese Funktionen gegenstandslos oder zumindest geschwächt werden, dann überlebt der einstig funktionstüchtige Raumteiler nur mehr als eine touristische Attraktion (wie in Berlin der Checkpoint Charlie oder eine mittelalterliche Stadtmauer). Äußerlich betrachtet hat er seine Materialität bewahrt. Man sieht ihm den Funktionsverlust nicht sofort an, genauso wenig wie der touristisch gewordenen Stadtmauer die verschwundene hierarchische Gliederung der mittelalterlichen Gesellschaft – eine Struktur, die sich räumlich sichtbar und sinnlich wahrnehmbar konstituiert, durch die äußere Begrenzung von Drinnen und Draußen und nicht selten durch innere Grenzziehungen wie oben und unten oder durch Zentralität und Randständigkeit.

Grenzen in alltäglichen Räumen

Um etwas vorzugreifen, lässt sich auch im Hinblick auf Europas Grenzen seit 1945 zeigen, dass diese einer informellen Doktrin beziehungsweise einem stillen Konsens folgend, keine äußerlichen, etwa auf der Landkarte vermerkbaren Änderungen erfahren haben. Was sich geändert hat, das sind indes ihre Funktionsweise und der Umgang der Menschen mit ihr auf beiden Seiten der jeweiligen Grenze (siehe Korollarium 1). Der Raum ist, so Simmel unter Berufung auf Kant, »die Möglichkeit des Beisammenseins«. In diesem Fall wird der Raum »zum erfüllten Platz«12 oder, wie Marc Augé sagen würde, zum Ort, dem der französische Kulturanthropologe den modernen Nicht-Ort gegenüberstellt.13

Ein gutes Beispiel ist eine Straßenbahn oder ein U-Bahnwaggon, in dem eine Anzahl von Personen zeitweilig »innerhalb bestimmter Raumgrenzen isoliert nebeneinander hausen«. Jede Person ist in ihrer Entität und in ihrer Tätigkeit auf sich selbst bezogen. Obwohl sie dicht an dicht beieinander stehen und sitzen, befinden sie sich in Distanz zueinander. Zwischen ihnen bleibt, unsichtbar, Platz. Das nennt Simmel »unerfüllten Raum«. Ein »Nichts«. Es findet keine direkte Interaktion und kein Blickkontakt statt, obschon sich dieser Tatbestand ohne Spitzfindigkeit auch als eine eben negative Form von Kommunikation begreifen lässt – so wie generell das Schweigen. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, heutzutage vor allem mit seinem Mobiltelefon. Es gibt einen argentinischen Film, in dem die Insassen in einer Metro von Buenos Aires sich schweigend und mit versteinerten Mienen in einer Endlosschleife befinden. Dass das nie enden wird, gehört zum besonderen dystopischen Reiz und Schrecken des Filmes.

Aber ein äußeres Ereignis, etwa das technische Gebrechen eines öffentlichen Verkehrsmittels, ein Stromausfall, das technische Versagen, die Türen zu öffnen, oder eine überraschende Aktion eines Fahrgastes im Inneren des Waggons ebenso wie eine friedliche oder auch gewaltsame Demonstration, kann binnen weniger Augenblicke die Situation schlagartig verändern, Wechselwirkungen zwischen den Insassen treten ein und machen den bis dahin ›unerfüllten‹ zu einem erfüllten Raum. Plötzlich ist der Platz nicht länger ein Nichts, sondern der Ausgang jenes »Zwischen«, der für beinahe alle liminalen Phänomene so charakteristisch ist.14

Es ist aufschlussreich, sich die komplexe Situation im beweglichen Raum hinsichtlich ihrer Grenzdynamik zu vergegenwärtigen. Der Waggon (oder auch der Bus) ist selbst ein relativ geschlossener Raum in Bewegung, der sich nur an bestimmten Haltestellen öffnet. In früheren Zeiten, auch noch in der Kindheit des Autors, hatten die Wagen der Wiener Straßenbahn Türen, die der Fahrgast selbst öffnen konnte. Die technischen Vorrichtungen des Öffnens und Schließens verhindern mittlerweile solche, für gefährlich befundenen Möglichkeiten, die Straßenbahn eigensinnig oder gar im fahrenden Zustand zu verlassen oder – früher eine männlich juvenile Art des Sports – auch in den bewegten Raum der Straßenbahn aufzuspringen.

Wenn die Schließ- und Öffnungsvorrichtungen nicht mehr funktionieren, mutiert dieser unerfüllte Raum zu einer Falle. Über Simmel hinausgehend und ihn korrigierend, gibt es dabei wiederum Binnengrenzen und damit zumeist negativ definierte Beziehungen zwischen den Fahrgästen. Es gilt zum Beispiel als unaufdringlich, Personen im Waggon anzusprechen, sofern es nicht rein praktischer Natur ist (Ist dieser Platz noch frei? Ich möchte bitte aussteigen!). Auch wenn es vornehmlich von männlichen Fahrgästen oft nicht eingehalten wird, besteht durchaus ein Berührungsverbot, auch wenn oder gerade weil die Benutzer dieses beweglichen Raums so dicht beieinanderstehen und es spielend einfach ist, sich dem Körper anderer Mensch begehrlich zu nähern. Dass die räumliche Nähe zu scheinbar versehentlichen Annäherungen führt, davon können Frauen nicht nur in Argentinien ein Lied singen. In früheren Zeiten oblag einem Schaffner die Kontrolle dieses merkwürdigen Raumes, in dem die Nicht-Beziehung die einzig mögliche ›anständige‹ Beziehungsform darstellt. Damit erscheint der Straßenbahnwaggon als ein öffentlicher Raum, in dem Intimität ausgeschlossen ist (siehe Kapitel 8).

Ein Grenzfall sind, je nach Kultur und Temperament, Ansprachen von bedürftigen Menschen oder Musikdarbietungen, die nicht selten dazu führen, die stumme Kommunität in einer U-Bahn durch die Diskussion von Fahrgästen über das Für und Wider aufzulösen oder, wie der Autor es in New York erfahren hat, indem sie sich für kurze Zeit in ein Publikum einer kurzen theatralischen Veranstaltung verwandeln.

Anders als es die Objektivität solcher sichtbaren liminalen Einrichtungen, expliziten Vorschriften oder materialen Apparaturen suggeriert, sind Grenzen vor allem etwas Zwischenmenschliches. Die handfesten Grenzvorkehrungen sagen etwas darüber aus, wie im konkreten Fall Grenze zu verstehen ist – die Bandbreite reicht von einer immer nur theoretisch absoluten Aus- beziehungsweise Absperrung bis hin zum ebenfalls nur scheinbaren Verschwinden jedweder Ein-Schränkung. Dazwischen gibt es die verschiedensten Varianten wie temporäre Öffnung und Schließung oder die programmatische Funktion der Grenze als eines Ortes der Begegnung. Grenzen regeln demnach, wie Simmel festhält, die »Mehrzahl aller Verhältnisse zwischen Individuen und Gruppen«.15

Räumliche Markierung von Grenzen

Die Verräumlichung sozialer und kultureller Prozesse ist ohne deren Strukturierung durch Grenzsetzungen und -ziehungen also undenkbar. In vormodernen hierarchischen Gesellschaften sind diese Grenzen statisch und oft unantastbar, numinos, magisch und transzendent, von Gott verordnet so wie die Verschleierung, die eine Grenze des Gesehen-Werdens festlegt und Blickkontakte zwischen Männern und Frauen, die nicht in naher Beziehung zueinander stehen, asymmetrisch zu vereiteln trachtet. Was letztendlich im Mittelpunkt steht, ist der verbotene Blickkontakt, der Schleier ist dabei nur ein mehr oder minder probates Mittel zum Zweck, nicht gesehen werden zu dürfen, während die Maske die Möglichkeit eröffnet, beim Akt des Sehens nicht gesehen zu werden. Wobei die Unsichtbarkeit des Gesichts und die Unsichtbarmachung des Körpers mittels eines entsprechenden Ge-Wandes vom Wandel der sozialen Position und von Abgrenzung (Wand) bestimmt sind. Kleidung ist ein höchst relevantes Mittel der Begrenzung. Wo die Menschen sich beim Nacktbaden, in der Sauna oder programmatisch in der Freikörperkultur begegnen, da wird das Kleid durch eine unsichtbare, internalisierte visuelle Sicht-Schranke ersetzt. Man kann sie umgehen, indem man sich verstellt und, ohne bemerkt zu werden, sich jenen verstohlenen Blick auf die begehrlichen Körperteile der anderen verschafft. Umgekehrt senkt der Mensch ohne visuelle Trennwand, ohne Gewand, den Begehrlichkeitspegel, indem er oder sie jedwede erotisch anzügliche Geste vermeidet – eine Art von symbolischer Entwaffnung findet statt, wie das auf vielen historischen Photographien der Nacktkörperkultur des frühen 20. Jahrhunderts zelebriert wird, so als ob es mehr um einen modernen Sonnenkult als um die Befreiung des Leiblichen und des Sexuellen aus gesellschaftlichen Zwängen ginge. Es obwaltet ein Blickverbot insbesondere jener Teile des enthüllten Körpers, die als intim gelten (siehe Kapitel 4). Die Grenze des Erlaubten wird auch durch Blickfixierung überschritten, die als ebenso bedrohlich empfunden wird wie ein überraschendes Angefasst-Werden durch eine fremde Person.

Die protektive Funktion von Grenzen

Elias Canetti hat die Berührungsfurcht an den Anfang des zweiten Teils seines Makroessays Masse und Macht gestellt.16 Die Asymmetrie von Macht hat mit jener der Grenze maßgeblich zu tun. Die eben schrankenlose Macht bringt es mit sich, dass sie sich den Zugriff auf den Untertanen gestattet, jenen auf den Machthaber aber unter drakonische Strafe stellt. Im einen Fall ist die Grenzüberschreitung – Canetti erwähnt die Gesten der Ergreifung und der Einverleibung – erlaubt, im anderen wird sie geahndet. Es kommt bei Grenzen also darauf an, in welcher Position sich jemand befindet.

Die Grenze bietet Schutz und Sicherheit vor dem Übergriff, der uns physisch, symbolisch und psychisch bedroht. Es gibt einen Wendepunkt, an dem die Grenzüberschreitung ihren oft emphatisch beschriebenen, existenziellen wie politischen Mehrwert einbüßt und zum Moment und Movens von Unterdrückung und Vernichtung des Anderen mutiert. Die Grenze ist nicht immer ein friedlicher Treffpunkt zwischen Menschen, sondern auch ein Ort von Konflikten mit durchaus gewalttätiger, wenn nicht letaler Dimension.

Canetti unterschlägt eigenartigerweise, dass der Mensch nicht nur von Berührungsfurcht, sondern auch – vom Säugling bis zum alten Menschen, weiblich wie männlich – von Berührungssehnsucht und -lust bestimmt ist. Menschen, die ihr Leben lang im Doppelsinn des Wortes nicht berührt wurden, sind von einem eklatanten sozialen und emotionalen Mangel gezeichnet. Insofern ließe sich sagen, dass Grenzen, als Orte der Begegnung verstanden, im radikalen Spannungsverhältnis zwischen Gewalt und Zärtlichkeit stehen. Der liebende Mensch steht seinem Gegenüber so nahe wie der Folterer dem Leib dessen, den er gerade mit eigener Hand drangsaliert.17

Positiv gewendet geht es auf der individualpsychologischen Ebene darum, wie nahe wir unseren Gegenüber treten dürfen, wenn wir ihm oder ihr nicht psychische oder physische Schmerzen zufügen wollen und wie weit wir seinen beziehungsweise ihren Anspruch auf Intimität und damit auf das Geheimnis, das jeder von uns ist, respektieren, auch wenn wir über unser vis à vis womöglich mehr wissen, als wir kundtun.

Grenzen als Relationen

Bestimmte Typen von Grenzen sind in hohem Maße zwischenmenschlich. Die oftmals linienförmig gedachte, aber auch konstruierte Grenze ist nicht so sehr im Sinne der klassischen Subjekt-Objekt-Positionen in der Philosophie als ein widerständiges Objekt zu begreifen, vielmehr manifestieren sich in ihr Relationen zwischen einzelnen Menschen, Geschlechtern, Familien, Gruppen, Regionen, nationalen oder globalen Entitäten. Die Objekthaftigkeit und die damit verbundene Objektivität von Grenzen, ließe sich im Anschluss an Simmel argumentieren, ist bis zu einem gewissen Grad scheinhaft, repräsentiert sie doch fast immer unsichtbare Trennungen zwischen Menschen: Grenzen des Handelns, des Blickens, des Sprechens und der Kommunikation.

Vormoderne und moderne Kulturen unterscheiden sich darin, dass in ersteren bestimmte Grenzen als unverrückbar und transzendent gelten, während sie in letzteren ausgehandelt und abgewogen werden, womit sie tendenziell den Status und die Aura des gegebenen und Unveränderbaren einbüßen.

Liminale Gebilde und Strukturen sind asymmetrisch. Das Machtgefälle lässt sich – aber das wird bei Simmel nicht eingehend und systematisch analysiert – womöglich durch den Unterschied zwischen denen charakterisieren, die Grenzen errichten und aufstellen, und jenen, die sich daran halten müssen. Das Ziel moderner Demokratien besteht darin, in ihrem liberalen Gestus Grenzen zum Gegenstand von Verhandlungen zu machen, um die Unterteilung zwischen Grenzsetzern und Grenzunterworfenen zu neutralisieren, und zwar dadurch, dass idealiter alle Menschen an sozialen und kulturellen Grenzfestlegungen beteiligt sind und sich alle in gleicher Weise an Grenzvorschriften und Grenzanlagen halten, wie beispielsweise an die Verkehrsregeln und ihre liminalen Markierungen, von Ampel und Schranke über die Einbahnstraße bis zur zeitlich begrenzten Raumnutzung von Straßenfragmenten (Parkplätzen) durch entsprechende Automaten, die den Zugang zu diesen exklusiven und raren temporären Plätzen regeln.

Wie im Falle des Geldes ist auch Liminalität vom Geist der Ambivalenz durchdrungen. Grenzen schränken Handlungsmöglichkeiten ein, sie bilden die Schranken unserer Existenz, aber diese Beschränkung eröffnet nicht nur in der Kunst auch Möglichkeit: Konzentration in einem fixierten Raum oder auf der Ebene eines Blattes Papier.

Verschiedene Formen der Liminalität

Es ist für ein heuristisches Vorgehen sinnvoll, sozusagen probeweise unterschiedliche Formen von Liminalität und Typen von Grenzen zu unterscheiden, durchaus in dem Wissen, dass diese Differenzierung niemals trennscharf sein kann. Ganz augenscheinlich ist ihnen allesamt eine Negation gemein, ein Betreten verboten!,