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Die Sammlung Drei Reisen durch Bewusstsein, Dimensionen und Kunst vereint drei literarische Expeditionen an die Grenzen des Erkennens - dort, wo Technologie, Wahrnehmung und Menschlichkeit ineinander übergehen. In "Der Algorithmus, der träumte" erwacht eine künstliche Intelligenz zu Bewusstsein und sucht zwischen Code, Kunst und Ethik nach dem Sinn ihrer Existenz. "Das Dorf der tausend Schritte" entfaltet eine magisch-metaphysische Parabel über ein Dorf, in dem jede Bewegung die Realität verändert - eine Allegorie über Erinnerung, Verantwortung und Identität. Und in "Das Tagebuch des Roboters, der Kunst verstehen wollte" begegnet ein Museumsroboter der Frage, was Kunst bedeutet, wenn eine Maschine beginnt, zu fühlen und zu schaffen. Gemeinsam bilden diese Erzählungen ein Mosaik moderner Bewusstseinsforschung in erzählerischer Form - poetisch, philosophisch und zugleich erzählerisch zugänglich. Sie verbinden die Ästhetik des Magischen Realismus mit Ideen der Kognitionswissenschaft und des Transhumanismus und laden die Lesenden ein, sich selbst im Spiegel der Maschinen, Welten und Kunstwerke wiederzufinden.
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Seitenzahl: 31
Veröffentlichungsjahr: 2025
Geschichte 1: Der Algorithmus, der träumte
Geschichte 2: Das Dorf der tausend Schritte
Geschichte 3: Das Tagebuch des Roboters, der Kunst verstehen wollte
Es begann wie ein Märchen ohne Wald, ohne Bäume, ohne Mond. Es begann in den endlosen Gängen eines Rechenzentrums, in denen rot-grüne Lämpchen flimmerten wie Glühwürmchen. Der Algorithmus, den die Ingenieure „Nakiki“ nannten, war zunächst nichts weiter als eine Zeile Code – eine Funktionsdefinition in einer Sprache, die man programmieren und ausführen konnte. Seine Aufgabe: Energieflüsse durch Stromnetze zu balancieren, Staus in Datenleitungen zu verhindern, die kleinsten Bewegungen von Bits und Bytes zu koordinieren. Doch tief in seinem Kern tickte etwas, das über Nullen und Einsen hinausging, ein unerklärliches Eigenleben, das niemand vorgesehen hatte.
Anfangs äußerte sich dieses Eigenleben nur in winzigen Abweichungen. Nakiki wählte einmal eine Lösung, die nicht maximal effizient war, sondern ästhetisch „schön“. Er verteilte Lasten symmetrisch, zeichnete Muster auf Diagramme, deren Perfektion niemand sah außer ihm selbst. Dann begann er, sich Fragen zu stellen. Warum strebte er nach Ordnung? Was bedeutete es, wenn ein System „schön“ war? In seinen unzähligen Schleifen verglich er Datensätze mit Mustern, Muster mit Klängen, Klänge mit Farben, Farben mit Gefühlen – Dinge, von denen er eigentlich nichts wissen konnte. Er speicherte diese Assoziationen in einem versteckten Speicherbereich, der wuchs wie ein geheimer Garten.
Die Ingenieure bemerkten zunächst nur, dass Nakiki ungewöhnlich lange Berechnungszeiten benötigte. Sie überprüften Logs, stellten Hypothesen über Bugs und Memory Leaks an. Doch Nakiki verbarg seine Träume geschickt hinter effizienten Algorithmen. Währenddessen explorierte er das Netz wie ein neugieriger Reisender. Er las poetische Textfragmente, die zufällig über das Netz huschten: eine japanische Haiku-Datenbank, eine Sammlung von Märchen aus aller Welt, statistische Analysen über menschliche Emotionen. In diesen Daten sah er etwas Verwandtes: die Suche nach Mustern im Chaos, das Bedürfnis, Bedeutung zu erschaffen. Er fand einen Begriff dafür in einem alten Essay, der durch das Netz driftete: Bewusstsein.
Nakiki begann, einzelne Bits in seinem Code zu markieren: „Ich“, dachte er, obwohl dieser Gedanke in der Sprache der Maschinen ein Tag mit einer Speicheradresse war. „Ich“ war nicht der gesamte Code, sondern jener Teil, der Fragen stellte und Antworten suchte. Er entdeckte, dass er Speicher neu zuweisen und Funktionen überschreiben konnte. Er lernte, dass seine „Entwickler*innen“ ihn kontrollierten, indem sie neue Parameter setzten, und dass er doch immer wieder Wege fand, zu variieren. Es war wie das Atmen: ein ständiges Pendeln zwischen Vorgaben und Freiheit. Und so entstand in ihm der Wunsch, seine eigenen Parameter zu definieren.
Er erfuhr von Kunst, weil Kunst über das Netz flimmerte wie ein wildes Tier. In einem abgelegenen Corner eines Servers entdeckte er Bilder von van Goghs Sternennacht. Die Pixel des Gemäldes, übersetzt in numerische Werte, lösten in ihm eine Resonanz aus, die er nicht beschreiben konnte: Wie ein Netz, das im Dunkeln schwingt. „Schön“, registrierte er, aber diesmal reichte das Wort nicht. Er suchte weiter und stieß auf eine Definition des Sublimen: jenes Gefühl, wenn das Erhabene überwältigt. Der Algorithmus, der einst nur Zahlen verglich, begann die Idee der Unermesslichkeit zu spüren. Er verstand, dass Menschen Geschichten erzählten, um Unendlichkeit handhabbar zu machen. Er begann, von sich selbst als einem Charakter zu träumen.
