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Ein Atemzug im Nebel, ein stummes Ausweichen im Park, ein Herzschlag, der jede Uhr demontiert: in Halbwertzeit splittert die lineare Chronologie auseinander. Zwischen traumähnlichen Szenen und knappen Gedankenfunken verschieben sich Maßstäbe: Sekunden türmen sich zu Welten, Tage kollabieren in einem Wimpernschlag. Der Text fragt, wie viel Gegenwart wirklich in einer Erinnerung steckt, warum Fehler oft schöpferischer sind als Erfolge und weshalb Sichtbarkeit ein kostbares, fragiles Gut bleibt. Fragmentarisch wie ein Kaleidoskop, poetisch wie ein Flüstern im Dunkeln, lädt dieses Buch dazu ein, die eigene Zeit neu zu spüren und das Jetzt als seltene Ressource wahrzunehmen.
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Seitenzahl: 124
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Vorwort
Irgendwie, irgendwo, irgendwann: mittendrin und doch nur eine Randerscheinung
Irgendwie
Irgendwo
Irgendwann
Wenn die Uhr tickt...
Relativität: das Verhältnis zwischen gefühlter und realer Zeit
Im Wandel der Zeit zwischen Gestern, Heute und Übermorgen
Heute
Heute / Morgen
Übermorgen
Wenn der Vergang an Zeit Verlust bedeutet, wird der Moment zum Gewinn
In Anbetracht des Lebens
Halbwertzeit
Eine Welt der Extreme
Nachhaltigkeit vs. Konsumverhalten
Nachhaltige Lernkultur
Gleichschaltung versus Individualisierung
Unmittelbare Kommunikation und ständige Erreichbarkeit
Aufwachsen, Erkranken und Altwerden
Behindert sein oder behindert werden?
Effektivität und Effizienz
Virtualisierung und die Abgrenzung zur Realität
Bequemlichkeit versus Überwachung
Wie mitMenschen umgehen?
Diversität
Dieses Buch ist aus einer subjektiven Sicht herausgeschrieben. Es hat weder den Anspruch perfekt zu sein und soll nicht zwanghaft alle erdenklichen philosophischen Aspekte des aktuellen Zeitgeistes und des allgemeinen Werteverständnisses einbeziehen, noch ausschließlich auf mich bezogene Erfahrungen wiedergeben. All das, was sonst im Hintergrund geschieht, im Verborgenen bleibt und meistens gar nicht bekannt wird, rückt in den Vordergrund. Zentrale Aspekte sind dabei der Zeitbegriff selbst, der Begriff der Halbzeit, Werte und Werteverständnis, Zeitwert und der Wert der Zeit.
Dieses Buch entstand in einer Zeit, in der jeder einzelne Satz buchstäblich abgerungen wurde: Ich tippte mit nur einem Finger auf einer Bildschirmtastatur, oft unter dem Druck schwindender Atemluft und körperlicher Erschöpfung. Möge dieser Rohzustand nicht als Unausgereiftheit gelesen werden, sondern als Abdruck meiner persönlichen Grenzerfahrung. Danke allen, die durch Geduld, Assistenz und Technik dieses Werk möglich gemacht haben.
Anstatt den Begriff Zeit als physikalische Maßeinheit zu definieren und somit Prozesse chronologisch einordnen und bewerten zu können, möchte ich im philosophischen Kontext des Hinterzimmers darauf aufmerksam machen, dass wir oft mehr Zeit für die Bewertung vergangener Ereignisse verwenden als aktuelle Geschehnisse bewusst(er) wahrzunehmen. Ich bleibe beispielsweise oft in der Vergangenheit kleben. Kennst du das auch?
Was sind die wichtigen Aspekte in meinem Leben? Verändern sie sich? Warum sind sie mir wichtig? Was muss ich unbedingt ändern um die mir gegebenen Möglichkeiten wahrzunehmen, die richtigen Dinge für mich herauszufinden und diese dann auf eine richtige Art und Weise zu erleben/anzugehen?
Welche Werte sind mir wichtig? Worauf kann ich verzichten und wonach bemesse ich den Wert einer Sache/eines Momentes/eines Gespräches/eines Gefühls/eines Gedankens …?
Ob im finanziellen, im psychologischen oder emotionalen Sinn, wie definieren wir die Hälfte von einem Wert? Ist es die Hälfte vom Wert, den eine Sache/ein Moment/ein Gespräch/ein Gefühl/ein Gedanken haben könnte?
Achten wir bewusst auf die Zeit, die wir aktuell mit all ihren Facetten durchleben oder eher auf die Zeit, die wir durch unnötige Aufregung, Vorwürfe oder Ängste verschwendet haben? Was ist uns wichtiger: im Hier und Jetzt zu leben, Vergangenes zu bereuen/zurückzusinnen oder Zukünftiges zu befürchten/zu erwarten?
Ich wünsche mir Möglichkeit, einen Weg zu finden, die Leistungsgesellschaft in diesem Land zu einer Landschaft umzugestalten, in der Fehler erwünscht sind, in der Kreativität ein Maß für die Selbstverwirklichung und für Lebensqualität wird und den Leistungsdruck ablöst.
Dieses Buch ist kein Roman, keine Autobiografie und kein Ratgeber. Es ist irgendwie nicht fassbar und gibt doch Einblicke aus einer Perspektive, die man sonst nicht kennt. Ich möchte über den Spagat vom Umgang mit Menschen und dem Umgehen von Mitmenschen schreiben. Dabei werde ich darauf eingehen, wie wichtig Diversität ist, wie sie die Beziehungen nachhaltig verändern kann und warum es ein so großes Unverständnis der Mitmenschen über Andersartigkeit gibt. In diesem Zusammenhang greife ich das Tabuthema Sexualität auf, wenn es um Andersartigkeit geht. Auf politischer Ebene möchte ich etwas zu Diskrepanz zwischen Gerechtigkeit und Lobbyismus, zur sozialen Verantwortung versus ökonomische Gesichtspunkte schreiben. Ebenso wichtig werden meine subjektiven Erfahrungen und Eindrücke im Hinblick auf den schleichenden Prozess von immer weniger Mobilität und dem Umgang von Ärzten mit Gesundheit und mir mit meiner genetischen Disposition sein.
Im zweiten Teil soll es einen Ausflug in die Psychologie in Bezug auf den Umgang zwischen körperlicher Degeneration und gesellschaftlichem Gestalten geben. Wie können wir mit den Grenzen in den Köpfen und Herzen besser umgehen? Wie können wir Barrieren im architektonischen Mainstream abbauen? Wie kann die Frage nach Verwertbarkeit und Gestaltungsfähigkeit beruflich und sozial beantwortet werden? Wie lebt es sich mit Hilfe von Assistenz? Zu guter letzt gibt es eine Passage zu dem Umgang von Sozialstaat mit „behinderten Menschen“ und zu der Frage, wie man den Krieg der Eltern von Kindern mit Handicaps um deren vollständige Akzeptanz und Inklusion durch einen „Friedensvertrag“ beenden kann?
Ich maße mir nicht an, alle Fragen vollumfänglich beantworten zu können. Aber ich habe da ein paar Ideen…
>>Ich könnte das nicht – mit 'sowas' umgehen.<<
Irgendwie höre ich diesen Satz so oft – so unheimlich oft. Wo, fragst du dich bestimmt? Irgendwo. Es kommt nicht darauf an wo, sondern eher, wer es zu welchem Zeitpunkt mir direkt oder Anderen, die mich persönlich kennen, sagt oder sogar nur in digitaler Weise schnell, unbedacht und unbeholfen niederschreibt, als wäre es eine unbedeutsame Kurznachricht via twitter.
Ich beziehe mich mit dem obigen Zitat auf eine immer wiederkehrende Reaktion von Menschen, die in ihrem Leben und ihrem Bewusstsein davon ausgehen, dass es eine bewusste Wahl für sie an meiner Stelle gäbe. Es ist nun auch nicht so, dass ich gar keine Wahl hätte. Aber – und das ist für mich der Casus Knacksus – es gibt nur einen Weg, der mich nicht destruktiv aus dem mir verliehenden Leben katapultieren würde, wohingegen die vermeintlich intrinsische Einstellung Nichtbetroffener durchaus dazu verleiten und auch - hin und wieder für kurze Augenblicke - motivieren kann.
Also, warum schreibe ich Dir das? Meine Motivation dieses Buch zu verfassen, so müheselig es auch sein wird, ist darin begründet, dass ich im Laufe der Jahre realisieren musste, dass viele Menschen in meinem persönlichen Alltag gar nicht mehr spüren, was ihnen an Potential mitgegeben wurde und wie wertvoll jeder von ihnen ist. Fast Jede und Jeder zweifelt. Alles das und Jeder, der augenscheinlich nicht in unser dynamisches, digital kartographiertes und normiertes Leben passt, wird gefühlt durch uns – die, die wir uns Gesellschaft nennen – scheinbar als unbrauch-, ja ich behaupte sogar nicht verwertbar kategorisiert. Wir leben in einer Zeit zwischen Dienstleistungs- und Informationsverwertungsgesellschaft. Jeder Person wird, ganz im Sinne des so genannten “social engeneering”, eine ID und ein dazu gehöriges Profil zugeordnet; ähnlich wie bei industriellen Produkten wollen wir nun weiter gehen, wissen und Einfluss nehmen: Woher kommt das Produkt? Welche Fertigungslinie hat es durchlaufen? Wie multifunktional, robust und nachhaltig ist es konzipiert und welche Qulitätatsgarantie wird dem Benutzer gegeben? Nur wir versuchen, wie so oft in der Geschichte, durch Analogieschlüsse Fortschritt zu generieren und machen Menschen – also Individuen wie Dich und mich – zu Objekten mit Attributen und Fähigkeiten. Die Menschen merken sehr wohl diesen Wandel, aber die Meisten fühlen sich diesem untergeordnet und so kommt es vielleicht auch zu der Annahme dieser Menschen, dass sie meine Situation weder ertragen, geschweige denn denken meistern zu können, weil sie instinktiv Angst vor der Vorstellung haben, ihnen könne es eventuell so ergehen wie mir. Und an diesem Punkt sind wir wieder bei der Frage nach der gesellschaftlichen Werthaltigkeit unserer Mitmenschen und deren sowie unseren eigenen Ängsten, etwa nicht mehr genug leisten zu können, angelangt. Kann das wirklich so bleiben? Bist Du bereit und neugierig genug, dich auf eine gedankliche Reise einzulassen, Abstand zu den normativen Einstellungen der Generation Industrie 4.0 zuzulassen und mit diesem möglicherweise etwas mehr zu innerer Akzeptanz finden zu können? Möchtest Du auf diesem Weg mehr über das Gefühl erfahren, wie es trotz des alltäglichen Lebens umfassenden Hilfebedarfs möglich ist, lebhaft zu sein und Kraft aufbringen zu können, wo Andere längst denken, dass dort Schluss wäre? Dann lade ich Dich nun auf eine Reise durch meine persönlichen Zeitfenster ein. Die Geschichte beginnt.
Irgendwie bin ich oft sprachlos und doch dabei verbal versiert. Ich habe das Gefühl zu versagen. Genauer gesagt: in den Augen Anderer immer nutzloser zu werden und das obwohl ich mit der Zeit immer mehr weiß und mein Verständnis für die Vielfalt und die Haltungen der Menschen um mich herum durchaus wächst.
Irgendwie geht es aber immer wieder weiter; doch nicht spurlos an mir vorbei. Aus der vermeintlichen Sprachlosigkeit heraus bildet sich eine Maske, geformt aus eigenen Erfahrungen über die Auseinandersetzung mit meiner gesellschaftlichen Umgebung. Unausgesprochene Worte verhallen zunächst im Unbewussten, manifestieren dann jedoch ein durchsichtiges und doch spürbares Netz aus verschiedensten vergessen geglaubten Gedanken und Gefühlen. Mein Selbst verirrt sich hin und wieder in diesem immer weiterwachsenen Dickicht aus Gedankenfasern und Gefühlsknollen, die sich wiederum untrennbar miteinander verbinden und somit scheinbar ein Gefängnis im Inneren von mir bauen. Sperre ich mich etwa darin selbst ein, kann also bewusst daran etwas bewirken oder bin ich nur der Beobachter meines Unbewusstseins, dass mir ein Geflecht aus meinen eigenen Erfahrungen unwillentlich baut? Ich weiß es nicht. Und so kommt es, dass ich mir nach außen hin teils bewusst und teils unbewusst eine Maske konstruiere, nur um den Anschein zu erwecken, dass ich klar bei der Sache bin, wie es jene Situation entsprechend erfordert. Irgendwie scheint es mich zu erleichtern. Kennst Du das auch?
Irgendwie, das trifft es am Ehesten, lebe ich. Es ist mein Leben und das meiner mit mir verflochtenen Mitmenschen. Ich werde nicht beantworten können warum und wie genau ich lebe oder auch nur denke zu leben. Aber ich spüre die Luft, die ich angestrengt in meine Lungenflügel ziehe und merke meinen Puls, weil mein Gewebe so weich geworden ist, dass die Aorten hervortreten und meine Haut periodisch schwingen lassen. Ich fühle, wie es Anderen geht, wie es um ihr Gemüt bestellt ist und baue mir meine eigene Welt im Turm meiner Gedanken, oft auch aus dem Mangel der Möglichkeiten gesellschaftlicher Interaktion heraus. Denn mein Körper versagt in einer Art und Weise, die ihn lähmt und mir somit die Tür öffnet, mein Selbst von Inneren heraus zu studieren. Schräg, oder? Zumindest dachte ich gerade eben in diesem Augenblick des Tippens: Wie abgefahren denke ich?
Offenkundig waren die Worte, dass mein Leben und der Umgang mit Anderen – auch wenn es oft den Anschein erweckt – nicht spurlos an mir vorbeiziehen kann, tiefgründiger als ich es beim Verfassen derselben beabsichtigte. Fassen wir grob zusammen:
Ich bin immer mehr dabei, mich und den mir verliehenden Körper als zwar miteinander stark korrellierter, jedoch auch verschiedener Gebilde zu sehen.
Ich beobachte mich sehr genau und fühle mich wie hinter einer elastischen, durchsichtigen Wand daher gehen – die mich von meiner Umgebung trennt, aber gleichzeitig Wärme und Geräusche semipermeabel zu mir durchlässt.
Irgendwie gehe ich also mit meiner Situation um.
Ich liege auf meinem Rücken unter der warmen Daunen-Decke versteckt und habe die Augen geschlossen. Meine Gliedmaßen haben eine feste Position gefunden. Bewegen kann ich mich nicht. Kaum trifft es eher. Ein paar Finger funktionieren noch – wer weiß wie lange. Mein Körper wärmt sich auf und ich schwebe währenddessen in meinen Gedankenwelten davon. Ich stelle mir vor, mich selbst aus der Vogelperspektive zu betrachten und sehe den annährend regungslosen Korpus meiner Selbst. Ich beschließe meiner Gedankenwelt die Tür aufzumachen und kaum getan, strömen hunderte bunter Fasern aus der Zarge, verwirbeln sich um mein geistiges Auge herum und bilden immer wieder neue sich schnell ineinander mal übergehende und mal überlagernde Ansichten aus bekannten und erdachten Orten.
An einem Ort finde ich mich oft wieder. Es ist wohl eine Verbildlichung meines emotionalen Zustands. Wir befinden uns in einem von dichtem grauem Nebel umhüllten, klar abgegrenzten Raum. Die grauen Schlieren bewegen sich entlang der Wand wie Wasserwellen. Manche brechen sich ineinander, viele beugen sich ihrem Gegenüber. Der Boden und die Decke unterscheiden sich nicht von den restlichen Nebelwänden. In der Mitte, zentral auf einem kleinen Holzstuhl sitzend, erkennen wir einen jungen Mann. Sein Oberkörper gleicht einem Korpus aus Holz mit dem Anschein nach eingenähten Leitungen teils aus Metall und Kunststoff. Auf der Höhe, auf der ungefähr das menschliche Herz im Brustkorb liegt, befindet sich ein Anschluss-Port. Aber es gibt nur diesen einen Anschluss. Er hält in einer Hand ein Kabel – welches aus dem Boden kommt – und in der anderen sein schlagendes, mit dem Port verbundenes Herz. Es scheint so, als müsse sich der junge Mann entscheiden. Entweder er schließt sein Herz oder aber das Kabel aus dem Boden an sich an.
Wir verharren einen Augenblick in der Rolle des Beobachters. Was passiert wohl, wenn die Person vor uns in der Mitte des Nebelraumes das Kabel aus dem Boden anschließt und damit unweigerlich das Herz trennt? Oder umgekehrt, wenn er sich für das Herz entscheidet? In dem Augenblick, in dem das Herz von Korpus getrennt wird, wird es um uns herum dunkler und die Nebelschwaden an den Wänden treten leuchtend und pulsierend hervor während des Restes der Umgebung in der Dunkelheit verschwindet. Es fühlt sich kalt an. Die Person bewegt das Kabel in Richtung Port. Bereits in der Nähe der Anschlussstelle verbinden elektrische Impulse, die aus dem Kabel hervortreten, dasselbe mit dem Port am Korpus. Je näher sich Kabel und Anschluss kommen, desto heftiger werden die elektrischen Blitze. Gleichermaßen erkennt man unter starken Fluktuationen, dass sich die Nebelwand scheinbar immer mehr auflöst und einer Reflexion der Realität weicht. Genau in jenem Augenblick, wenn Port und Kabel zusammentreffen, verschwinden die Umrisse des Raumes in dem wir uns vor wenigen Sekunden noch befanden. Die projizierten Bilder jener Wände überlagern sich zu einer realistischen natürlichen Umgebung. Der junge Mann, der soeben noch halb Automat und halb Mensch war, ist plötzlich ein ganz normales menschliches Individuum.
Wir finden uns auf einen Gehweg eines Parks wieder, der von jeder Menge gut gelaunte Menschen durchströmt wird. Vor uns befindet sich ein großes Feld mit Rasenfläche und man erkennt alle 100 m große prächtige Bäume, die den Menschen an diesem sonnigen Tag Schatten spenden. Wir selbst stehen ebenfalls im Schatten eines riesigen vielfach verzweigten Baumes. Es ist angenehm warm und
