Grey Clouds - Josefine S. Kidding - E-Book

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Josefine S. Kidding

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Beschreibung

Em, eine erfolgreiche Fotografin hat die größte Niederlage ihres Lebens erlitten: Das Scheitern ihrer 22-jährigen Ehe, von der sie überzeugt war, dass sie ewig hält. Fernab von ihrem alten Leben bemüht sie sich seit zwei Jahren, die Wunden zu heilen. Gerade als ihr Alltag beginnt, die Vergangenheit zu überdecken und den Schmerz auf ein erträgliches Maß reduziert, wird sie mit neuen Problemen konfrontiert. Leo hat immer alles unter Kontrolle. Bis er Em kennenlernt, die das Gefühlsleben des 11 Jahre jüngeren Schauspielers ordentlich durcheinanderbringt. Trotz Ems Zurückhaltung sucht er weiterhin ihre Nähe, und das, obwohl ihr Umfeld schmerzhafte Erinnerungen in ihm weckt.

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Seitenzahl: 377

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Teil II: White Lies – Scheinwelt

Teil III: Blue Skies – Heimkehr

Weitere Bücher von Josefine S. Kidding:

Affen von der Rolle – Elly und die Kioskbande Geier fliegen tief – Elly und der Zickenterror Schmetterlinge von hinten rechts – Elly und das Gefühls-Chaos The Brain Project

Liebe Leserin,

wie schön, dass mein Buch in deine Hände gefunden hat!

Es gibt Unmengen an tollen Titeln da draußen, die von bekannten Autoren verfasst wurden, deswegen feiere ich dich, dass du dich für mein Buch entschieden hast. Danke schon einmal dafür.

Ich hoffe natürlich, dass du die Entscheidung nicht bereust und wenn du ein wenig wie ich tickst, verspreche ich dir, dass du mit Em und Leo eine gute Zeit verbringen wirst.

An dieser Stelle möchte ich dich um einen kleinen Gefallen bitten: Falls dir die beiden genauso ans Herz gewachsen sind wie mir, würde ich mich riesig freuen, wenn du eine gute Rezension auf der Plattform hinterlässt, auf der du mein Buch erworben hast.

Hat es dir nicht gefallen, vergiss worum ich dich gebeten habe oder schreibe mir persönlich. ;o)

Warum diese Bitte? Leider veröffentlichen Verlage selten das Buch einer unbekannten Autorin, da es für sie ein wirtschaftliches Wagnis darstellt. Hinzu kommt, dass meine Protagonisten zu alt sind, ich somit nicht die kaufkräftigste Sparte bediene, sondern die, in der mit durchsichtiger Schrift

„Vertrocknet, aber noch nicht tot“ über der kleinsten Regalfläche steht.

Dabei halten gerade wir Frauen ab 45 den gewissen Zauber, die Bildung und die Erfahrung inne, um sie zu Romanheldinnen werden zu lassen. Oder nicht?

Daher lege ich das Schicksal meines Buches in deine Hände und lasse dich zu meiner Marketingexpertin werden: Bewerte es, verleihe es, verschenke es, erzähl deinen Freundinnen davon. Du bist besser als jeder Verlag! Und nun wünsche ich dir ganz viel Spaß beim Lesen.

Deine Jo

Inhaltsverzeichnis

KAPITEL 1: März 2022

KAPITEL 2: März 2022

KAPITEL 3: März 2022

KAPITEL 4: März /April 2022

KAPITEL 5: April 2022

KAPITEL 6: April 2022

KAPITEL 7: April 2022

KAPITEL 8: April 2022

KAPITEL 9: April 2022

KAPITEL 10: April 2022

KAPITEL 11: April 2022

KAPITEL 12: Mai 2022

KAPITEL 13: Mai 2022

KAPITEL 14: Mai 2022

KAPITEL 15: Mai 2022

KAPITEL 16: Mai 2022

KAPITEL 17: Mai 2022

KAPITEL 18: Mai 2022

KAPITEL 19: Mai 2022

KAPITEL 20: Mai 2022

KAPITEL 21: Juni 2022

KAPITEL 22: Mai / Juni 2022

KAPITEL 23: Juni 2022

KAPITEL 24: Juni 2022

KAPITEL 25: Juni 2022

KAPITEL 1

März 2022

Em

Komm schon, mach bitte endlich diese verdammte Tür auf. Oder klappt das mit deinen langen Nägeln nicht?

Während sich mein Gehirn noch mit der Frage beschäftigt schnellt mein Fuß frustriert nach vorn, verfehlt präzise das anvisierte Sitzgestell und landet stattdessen in der Hacke meines ehemaligen Sitznachbars. Meines „Ich bin wichtig und daher ein arrogantes Arschloch“-Sitznachbarn, mit dem ich mehr als nur das gleiche Flugziel teilen musste.

Fuck! Er ist nicht gewillt, den Angriff zu ignorieren, obwohl genau das seine Taktik der letzten Stunden war: Jeden wie Luft zu behandeln. Hätte ich gewusst, dass ich nur diese Knöpfe hätte drücken müssen, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen …

»Sorry«, kommt mir lahm über die Lippen, »mein Fuß hat sich da in etwas verheddert«. Bevor er sich wieder abwendet, schenkt er mir noch einen Todesblick.

Nun sei kein Spielverderber!

Du hast dich aufgeführt wie King Larry, hast mir deinen Ellbogen und stundenlange, übermäßig laut geführte Telefonate aufgedrängt, garniert mit deinem säuerlichen Atem.

Also gönn mir das. Bitte!

Vor mir geht ein Raunen durch die Menge. Unzählige Muskeln spannen sich an, wappnen sich für den Ellbogenkampf um das Rennen, wer den Flieger als Erstes verlassen kann. Eine Minute und eine weitere verstreichen und bestätigen meine Vermutung, dass sich die Flugbegleiterin lediglich einen Nagel abgebrochen hat.

Ich seufze. Tief. Zu gerne würde ich mich erinnern, wann einer meiner letzten Flüge glatt ablief. Mit reibungslosem Boarding, pünktlichem Abflug, freundlichem Sitznachbar, netten Flugbegleitern, flugplanmäßiger Ankunft und so. Gibt es das überhaupt noch? Ich fürchte, irgendwo zwischen damals und jetzt hat sich der Standard etabliert, dass ein 75-Minuten-Flug mehr als vier Stunden dauert.

Die Regentropfen, die waagerecht an das kleine Kabinenfenster trommeln, bringen mich in die Gegenwart zurück. Jeder einzelne lässt mich wundern, ob ich vielleicht doch auf die Balearen zu der Vor-Geburtstagsfeier meiner Mutter hätte fliegen sollen?

Ein irres Lachen will in mir hochblubbern, dann denke ich wieder klar und heiße das Wetter in London mit einem schrägen Lächeln willkommen.

Die Tür geht auf. Die Leute um mich herum werden hektisch. Nur mit Mühe weiche ich einem Gepäckstück aus, das eilig aus der Ablage über meinem Kopf gerissen wird. Dann setzt sich die Schlange endlich in Bewegung.

Die Luft, die mir auf dem Weg zum Ausgang entgegenschlägt, ist nur weniger stickig als im Flugzeug, die Leute genauso drängelnd. Mein Trolley hüpft mir bei jeder kleinen Unebenheit in die rechte Hacke, die Schlange vor dem Taxistand ist ewig lang, aber das ist mir egal. Jetzt will ich nur noch nach Hause. Ich will, dass dieser beschissene Tag endlich ein Ende findet.

»Duncan, hey. Alles gut hier? Kann ich bitte meinen Schlüssel haben?«

Mein müdes Ich steht in einem kleinen Pub vor einem hünenhaften, vollbärtigen Barkeeper, der mich erst freundlich, dann betroffen ansieht.

»Dein Schlüssel, ja der …«, brummt er. Ich atme tief durch, warte auf die Fortsetzung, die schließlich kommt. »Ich wollte das kaputte Fenster reparieren. Aber es gab einen kleinen Zwischenfall und … Jedenfalls, der Schlüssel ist in der Wohnung, die Tür ist zu.«

Ich sacke innerlich wie äußerlich in mich zusammen. Genau das hat mir heute noch gefehlt.

»Ernsthaft, Duncan?«

Duncan nickt, ich schüttele ungläubig den Kopf. »Hast du davor eventuell den Zweitschlüssel anfertigen lassen?«, versuche ich vorsichtig mein Glück, aber die Antwort kenne ich bereits.

Duncan verneint.

»Fuck!«

Geschlagen schreite ich durch die Bar in den Hinterhof. Mein Trolley folgt mir wie ein Hündchen. Ich passiere einen Tisch mit einer Männerrunde, ein Hinweis darauf, dass hier heute irgendein Event stattfindet, da Duncan sonst niemanden in den Hinterhof lässt, der uns Bewohnern als Garten dient. Ich stelle den Trolley ab und schlurfe über den Kies, lege den Kopf in den Nacken und schaue an der rauen Steinwand des alten Gebäudes hoch. Zwei Stockwerke über mir begrüßt mich mein Apartment mit offenem Küchenfenster. Beladen mit einem vollen Tablett tritt Duncan hinter mich. Auch er blickt schweigend nach oben.

»Das Fenster ist offen«, äußere ich laut.

Duncan nickt. Er ist kein Freund unnötiger Worte, unser Duncan.

Ich bin neugierig. »Hat es hier vorhin auch so viel geregnet wie am Flughafen?«

Duncan nickt wieder. »War aber Ostwind. Das da ist die Westseite. Ist nicht viel rangekommen.«

»Danke für diese Info.« Mein Sarkasmus trifft sein Ziel und Duncan zuckt verlegen mit den Schultern.

»Bier?«

Welche Wahl habe ich? Ich bejahe, nehme mir ein Pint und Duncan verschwindet im Inneren der Bar.

Nach zwei großen Schlucken stehe ich vor der Fassade und lasse meine Hand über den unebenen, gar nicht mal so nassen Naturstein gleiten. Meine Finger finden herausgeplatzte Fugen, außerdem schaut hier und da ein rostiger Anker aus dem Gemäuer, der ein oder andere Stein steht weit heraus.

Es ist eine Kackidee und mein Verstand signalisiert mir ebendas als ich meinen Fuß auf den Sockel stelle und den ersten Zug an der Wand emporklettere. Aber der Tag bis hier hin war Scheiße und komme ich nicht bald in mein Apartment, fürchte ich, dass ich in einer Endlosschleife aus Scheiße gefangen werden könnte.

Die Finger meiner rechten Hand finden einen hervorstehenden Stein, mein linker Fuß einen Maueranker und schon bin ich ein Stück weiter oben. Die Männerrunde hat mein Vorgehen bemerkt, das fröhliche Blabla von eben ist weitestgehend verstummt. Einer von ihnen ist eine Petze, denn wenig später dringt Duncans Stimme zu mir hoch und erklärt mir mit beeindruckend anschaulichen Worten, wie ausgesprochen dumm er mein Vorhaben findet.

Ich würde mich gerne zu ihm umdrehen, ihm mein volles Verständnis zusichern, weil ich genau in diesem Moment finde, dass ich einen Fehler mache, aber mein Fokus liegt jetzt ganz woanders.

»Gib Fiona Bescheid, dass sie nicht die Polizei rufen soll«, fällt mir daher nur ein.

Und dann mache ich weiter: Linke Hand Balkongeländer, rechter Fuß Fuge, rechte Hand Balkongeländer, hochziehen. Jede Bewegung wird von mir mit einem eigens auf mich zugeschnittenen Schimpfwort begleitet, und ich bin erstaunt, dass ich dazu noch die Luft finde.

»Dumm. Bescheuert. Lebensmüde. Übergeschnappt. Vollkommen bekloppt!«, keuche ich.

Das Adrenalin, die Müdigkeit, mein Frust, vielleicht alles zusammen, lassen mich trotzdem weiterklettern. In der Geschwindigkeit einer Schildkröte, langsam und bedächtig, kein Tom-Cruise-Mission-Impossible-Stunt. Mein einziges Ziel: Heil oben ankommen. Egal wie es aussieht oder wie lange es dauert. Ich erreiche mein Küchenfenster und – scheiß auf Anmut, ziehe mich irgendwie hinein, lege mich bäuchlings auf die Arbeitsplatte, atme tief aus.

Die Platte ist feucht. War ja klar, aber egal. Von unten dringt ein Hurra an meine Ohren und eine Sirene.

Fiona!

Echt jetzt?

Zehn Minuten später stehe ich wieder im Hinterhof, halte abermals krampfhaft meinen Trolley umklammert und sehe mich mit unserem Dorfpolizisten konfrontiert. Wir alle kennen uns, vor allem kenne ich jedes Detail des traurigen Ehelebens unseres Dorfpolizisten, der hier, über das ein oder andere Pint Bier, seinem Kummer freien Lauf lässt. Simon weiß, dass ich in dem Apartment dort oben wohne und durchaus nicht eingebrochen bin. Aber heute ist er nüchtern und in Uniform und spielt eine seiner besten Rollen. Er ist in Höchstform. Ich nicht. Ich bin müde, erschöpft, habe Hunger.

Verdammt! Ich habe richtig Hunger.

Warum ziehst du so eine Show ab, Simon?

Ich halte Ausschau nach Duncan, der an dieser ganzen Misere eine Mitschuld trägt. Als ich ihn entdecke, werfe ich ihm einen bitterbösen Blick zu, aber er zuckt abermals nur mit den Schultern.

Simon stellt mir eine doofe Frage nach der anderen. Ich beiße mir auf die Zunge, um meine Situation nicht zu verschlimmern, ich weiß, wie Simon tickt.

»Es handelt sich also um keinen Einbruch?«

»Nein.«

»Aber warum sind Sie dann die Fassade hochgeklettert?«

Sie? Seit wann siezt du mich?

Meine Güte Simon, heute bist du in Bestform.

»Ich habe mich ausgesperrt.«

»Besitzen Sie keinen Zweitschlüssel?«

»Noch nicht.«

Ich hätte gerne einen, schon seit langer Zeit, um genau solche Szenarien zu vermeiden. Aber Duncan ist da scheinbar anderer Meinung.

»Es ist ratsam, einen solchen bei den Nachbarn zu hinterlegen.«

Oh Gott, willst du mich verarschen? Ich brech zusammen.

Duncan? Verdammt wo steckst du? Bring ihm schon ein Bier auf Kosten des Hauses.

Duncan erhört mein Flehen und erscheint in der Tür mit einem Pint in der Hand. Hinter seiner großen Gestalt verbirgt sich eine kleinere und er wirft mir einen entschuldigenden Blick zu. Fiona stürzt aufgeregt in meine Richtung.

Ich möchte auf der Stelle tot umfallen. Bitte innerlich plötzlich darum, von Simon weiter verhört zu werden. Aber Simon ist ruhiggestellt, seine Uniform und Rolle sind vergessen, stattdessen verzieht er sich ins Innere des Gebäudes. Man könnte fast meinen, er hätte die Flucht angetreten. Sehnsüchtig schaue ich ihm hinterher.

Duncan drückt mir im Vorbeigehen die Schulter.

»Whiskey?«

Ich nicke und bereite mich innerlich auf das vor, was mich gerade am Ärmel auf die Bank zieht.

»Setz dich zu mir, Liebes«, lädt Fiona mich ein.

Nein Fiona, ich will mich nicht setzen, ich will nach oben, in mein Bett, mit einem Sandwich in der Hand.

Meine rechte Hand umklammert immer noch den Trolley, die linke hält in der Tasche den Schlüssel zu meiner Wohnung umkrallt, wie ein Adler seine Beute.

»Wie war deine Reise?«

Fionas kleine Gestalt sieht müde aus, zerbrechlicher als sonst. Ihre Stimme ist nicht ganz so forsch, wie ich es gewohnt bin. Rock und Bluse ungewohnt zerknittert. Automatisch lasse ich den Trolley los und sinke ergeben neben ihr auf die Bank. Sofort erscheint ein Strahlen auf ihrem Gesicht, das den gesamten Hinterhof zum Leuchten bringt. Die Gesellschaft gegenüber hat wieder zu ihrem Blabla gefunden, jetzt wo die Show vorüber ist und nichts Schockierendes mehr passiert. Nur ein paar der Männer wenden sich gelegentlich von ihrem Gespräch ab und mustern uns kurz.

Fiona greift nach meiner Hand. Sie ist angenehm kühl. Ich widerstehe dem Drang, sie mir auf meine Stirn zu drücken. Ich wecke dann das Muttertier in ihr, und Himmel, das ist das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann.

Fröhlich brabbelt Fiona auf mich ein. Ihr Mund steht nicht still, genauso wenig ihre grauweißen Locken, die bei jeder Bewegung schwungvoll mitschwingen. So aufgeregt ist sie selten.

Die meisten Fragen kann ich mit einem Brummen oder Nicken beantworten. Ein gelegentliches Lächeln hilft der Sache auch, aber meine Gedanken drehen sich plötzlich nur um den Whiskey, den Duncan mir vorhin versprochen hat. Ich rutsche auf meinem Platz hin und her, etwas, das auch Fiona unruhig werden lässt. Als Duncan eine Flasche Tallisker bei der Männerrunde abstellt und wieder verschwindet, reißt mir der Faden.

»Fiona, einen Augenblick, bitte«, sage ich und stehe auf.

Die Flasche Tallisker und ein Glas, das ich einem Kerl wegschnappe, sind schneller in meinen Händen, als dass einer der Männer reagieren könnte. Meine Bewegungen sind blitzschnell, kommen zudem aus dem Hinterhalt, daher habe ich das Überraschungsmoment auf meiner Seite. Ich schenke mir eine großzügige Menge ein, blicke kurz zu Fiona, schütte nach – man kann schließlich nie wissen – stelle die Flasche zurück auf den Tisch und lasse den Mann, dessen Glas ich geklaut habe nicht zu Wort kommen.

»Glaub mir, ich habe das viel nötiger als du.« Er hat den Mund noch nicht einmal geöffnet und ich habe den ersten tiefen Schluck unten. Ich nicke ihm zu und setze mich wieder zu Fiona.

»Hast du Durst, Liebes?«, fragt sie mich mit unschuldiger Miene, als hätte ich gerade Wasser getrunken. Ich nicke und lade nach. Gepaart mit meinem leeren Magen dürfte es nicht lange dauern, bis der Alkohol mein System erobert. Hoffe ich zumindest.

»Liebes, ich war letzte Woche bei meinem Neffen.« Fiona lächelt. Ihre hellblauen Augen blitzen.

Ich stöhne.

Nein Fiona, heute nicht. Gib mir eine Pause. Ich leide gerade wirklich. Lass uns doch morgen darüber reden oder übermorgen oder gar nie.

Fiona deutet meinen Blick als – ja, was? Als Zustimmung? Ist das möglich? Es scheint so, denn ehe ich mich versehe, liegen drei sorgfältig aufgereihte Fotos vor mir, auf denen mich junge Männer – Hilfe, einer von ihnen sieht gefährlich jung aus – anlächeln.

Ahnt ihr, worauf das hinausläuft?

Mein Puls beschleunigt sich. Mein Blick irrt zwischen Fiona und der Tür hin und her. Wo zum Teufel steckt Duncan? Diese Unterhaltung ist das Letzte, was ich heute gebrauchen kann. Aber Fiona ist erbarmungslos. Und Duncan auch, denn er rettet mich nicht vor seiner Mutter. Er versteckt sich hinter seinem Tresen.

»Das hier«, sagt Fiona und ist voll in ihrem Element, »das ist Jonah. Er ist gerade 23 geworden und so fleißig.«

23?! In Worten noch einmal ausgeschrieben: Dreiundzwanzig? Fiona, du müsstest es besser wissen!

»Fiona«, unterbreche ich sanft ihren Wortschwall. »Fi, dreiundzwanzig ist wahnsinnig jung. Du weißt, dass ich zwanzig Jahre älter bin. Das weißt du doch, Fiona?«, rückversichere ich mich vorsichtig und nehme einen weiteren, tiefen Schluck. Das alles hier ist schräg, sogar für Fionas Verhältnisse. Ein ungutes Gefühl braut sich in mir zusammen.

Nicht jetzt. Geh weg, bitte. Nicht heute. Lass mich erst ausruhen.

Fiona schaut mich einen Augenblick verwirrt an. Dann lächelt sie wieder. »Natürlich weiß ich das. Du hast recht. Aber er hier, der wird dir gefallen. Er ist …« Sie überlegt kurz. »Ach. Unwichtig. Alt genug. Und er heißt …«

Auch diesen Satz bringt sie nicht zu Ende. Mein Gehirn registriert das am Rande, aber der Whiskey hat zugeschlagen und ich bin nicht ganz bei der Sache.

» … und du sollst einfach nicht allein sein«, beendet Fiona einen Satz, dessen Anfang ich nicht mitbekommen habe. »Niemand sollte allein sein. Allein sein ist nicht gut, nicht wahr?« Fionas Stimme wird immer lauter und aufgeregter.

Duncan? Duncan, hier läuft etwas schief, kommst du bitte?

Fiona umklammert meine Hand. Sie ist sehr aufgebracht. »Ich mache mir Sorgen, Em. Du bist zu oft allein, Henry hier ist zwar schon einmal geschieden, aber er hat keine Kinder und ihr würdet wundervoll zusammen passen.«

Ist das der Alkohol oder redet Fiona wirklich so laut?

Ich schaue in die Männerrunde. Ein, zwei drehen sich amüsiert um, ein Weiterer steht auf, kommt auf uns zu und …

Herrje! Was ist das denn für einer?

Mein Alkohol umnebeltes Gehirn registriert einen großen, gut-gut-gutaussehenden Mann. Scheiße! Wenn ich mich auf einer Skala von eins bis zehn bei einer soliden sieben oder acht einstufe, was ist er dann? Eine 25? Wie kann das sein?

Die 25 lässt sich neben mir nieder.

»Hey Em«, begrüßt er mich und zaubert ein herzerwärmendes Lächeln auf sein Gesicht, zeigt dabei perfekt weiße Zähne, die eine willkommene, kleine Fehlstellung an den zweiten Schneidezähnen offenbaren. »Schön, dass wir uns hier treffen.«

Mir wird warm. Ist das auch der Alkohol? Vermutlich.

Fiona ist sofort kaltgestellt, sieht mich fragend an, aber da ich das Drehbuch nicht kenne, halte ich mich zurück und warte auf Anweisungen von dem Adonis neben mir. Abwartend nehme ich einen weiteren Schluck und zwinge meine Mundwinkel nach oben.

Die 25 lächelt Fiona an und schüttelt ihre Hand.

»Nett, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Wer hat dich erschaffen? Gibt es etwa doch einen Gott? Warst du die Blaupause, der Rest ging schief und herrje, wo verdammt nochmal ist Barbie?

Ich suche den Hinterhof mit meinen Augen nach dem weiblichen Pendant ab, aber die Männerrunde bleibt eine Männerrunde.

Das Model neben mir kommt mir seltsam bekannt vor, aber der Alkohol lässt mich nicht weiter in meinem Großhirn graben.

Moment! Was war das? Oh, er hat schon angefangen zu reden, ich sollte zuhören.

»… und da haben wir uns getroffen. Em meinte, dass sie öfter mal hier ist, deshalb habe ich vorgeschlagen, unsere Runde heute hierher zu verlegen.«

Fiona hängt an seinen Lippen. Ich auch, aber nur um Sinn aus den Worten zu machen. Wo haben wir uns schon einmal getroffen? Ich sag ja, er kommt mir irgendwie bekannt vor.

»Das war ein ziemlicher Stunt vorhin.« Er grinst in meine Richtung.

»Ja«, bestätigt Fiona. »Ich hatte Angst um das Mädchen und habe die Polizei gerufen.«

Welches Mädchen? Ich schaue um mich. Ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, dass ich etwas verpasst habe. Aber der Whiskey …

Ach. Ich trinke den letzten Schluck und klinke mich in das Gespräch ein.

»Welches Mädchen?«

»Das die Wand hochgeklettert ist.« Fiona lächelt milde. »Ich habe sie ganz genau gesehen. Und die Polizei gerufen.«

Aber das ist doch irre. Warum lässt man ein Kind die Fassade hochklettern, das ist doch …

Langsam dämmert es mir. Fiona meint mich. Verwirrt schüttle ich meinen Kopf, versuche, etwas darin aufzuräumen.

»Wo habt ihr euch noch einmal kennengelernt?« Fionas Frage trifft mich unerwartet, habe ich doch eben erst das andere Rätsel gelöst. »Und wie heißt dein Freund?«

Mein Freund? Ich kenne den Mann nicht. Ich habe ihn zwar schon einmal gesehen, aber … Hilflos lächele ich ihn an.

»Entschuldige Fiona, mein Fehler. Mein Name ist Leo. Leo McEwans.«

»Emilia. Emilia Shriver«, sage ich und meine Hand schießt vor. Ich kann nichts dafür. Es ist eine eintrainierte Handlung meines Gehirns, Muscle Memory.

»Aber das weiß er doch, Dummerchen«, tadelt mich Fiona milde.

»Und wir sind nur Bekannte«, korrigiert Leo nachträglich.

Danke. Danke, dass du das klarstellst, Fremder.

Leo? Leo McEwans?

Ein Glöckchen schlägt auf höchster Stufe, aber ich kann die Information nicht abrufen.

Sei still, ich bekomme über deinen Lärm das Gespräch nicht mit, außerdem muss ich mich konzentrieren.

»Ach, was nicht ist, kann ja noch werden.« Fiona strahlt und tätschelt Leos Hand. Ich unterdrücke ein Stöhnen.

Oh Fiona, du preschst los wie eine 100-Meter-Sprinterin.

Entschuldigend schaue ich diesen Leo an. »Sorry«, raune ich ihm zu.

Zwinkernd grinst er zu mir hinunter und flüstert: »Kein Problem. Ich helfe gern.«

Doch dann schießt Fiona scharf.

»Sind Sie in einer Beziehung, Leo? So gut wie Sie aussehen, kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie allein sind. Wissen Sie, allein zu sein, das ist nicht gut. Das versuche ich immer wieder, Em klarzumachen.«

Ich krümme mich innerlich. »Oh Mann, es tut mir so leid«, stöhne ich abermals. In der Tür sehe ich Rettung nahen. Ich winke Duncan heran. »Ich glaube, Fi ist müde.«

»Papperlapapp«, fährt mir Fiona über den Mund. »Duncan, Schatz, kennst du Leo? Leo McEwans? Er kommt mir irgendwie bekannt vor. Er ist Ems‘ Freund.«

Einspruch! Ich hebe die Hand.

»Bekannter«, gesteht Fiona mir zu. »Sie haben sich … Wo habt ihr euch noch gleich kennengelernt? Em?«

Scheiße! Ich kann dir da nicht helfen, Fi, ich habe selbst keine Ahnung.

Duncan kürzt das Ganze ab.

»Ich glaube, ich weiß, wo sie sich kennengelernt haben, Mom. Soll ich dich nachhause bringen?«

»Ich möchte gerne ein Bier. Leo, was ist mit Ihnen?« Leo lächelt und nickt. »Zwei Bier dann.«

Hallo? Was ist mit mir? Bin ich überhaupt noch anwesend? Und warum Bier?

»Also, um auf das Thema zurückzukommen, ich denke wirklich, man sollte nicht zu lange allein sein. Gerade habe ich Em ein paar Jungs aus der Verwandtschaft vorgestellt. Harry hier«, sie tippt mit dem Finger auf das Foto, »ist ein ganz netter. Aber vielleicht ist das nun nicht mehr nötig …«

Leo gibt ein leises Lachen von sich. Es ist so unaufdringlich und höflich, dass es alles bedeuten könnte. Zum Beispiel: »Nett erzählt Fiona, und ja, Sie haben recht, niemand sollte allein sein« oder »Wer weiß, was die Zukunft bringt« oder »Sie sind eine amüsante Person, Fiona«.

Moment mal, hieß der Typ auf dem Foto nicht Henry? Und warum kommt Leo Fiona auch bekannt vor?

Hätte ich vielleicht doch nicht so viel trinken sollen?

Nein, ganz sicher nicht. Denn das hier ist ohne Alkohol kaum zu ertragen und ich bezweifle, dass Leo noch nüchtern ist. Mit Gottes Hilfe, und der des Alkohols, hat er morgen keine Erinnerung mehr von all dem. Ich hoffentlich auch nicht.

Duncan platziert zwei Pint Bier auf dem Tisch. Fiona sieht ihn mit großen Augen an und schiebt das Bier angewidert in meine Richtung.

»Duncan, was soll ich denn mit Bier? Du weißt, ich mag das Gesöff nicht.«

Duncan sieht hilflos auf mich hinunter. Um eine weitere Diskussion zu vermeiden, ziehe ich das Glas an mich heran und proste Leo zu.

»Was ist hier eigentlich los?«, frage ich mich. Ehrlich gesagt, komme ich hier nicht mehr so ganz mit. Und dieser Hunger. Der bringt mich fast um. Wie zur Bestätigung erklingt ein gefährliches Knurren aus meiner Mitte. Leo mustert mich amüsiert.

Kann dieser Abend eigentlich noch schlimmer werden?

Er kann. Fiona hat das Knurren auch zur Kenntnis genommen, und plötzlich ist sie wie verwandelt. Eilig steckt sie die Fotos in ihre Kitteltasche und greift nach meiner Hand.

»Liebes, du hast Hunger. Warum hast du das nicht gesagt, Susan? Dann hätte ich dir dein Lieblingsessen gekocht. Komm. Wir gehen nach Hause.«

Ich bin schlagartig nüchtern. Den Appetit hat es mir auch verschlagen, aber ich stehe brav auf. Leo steht auch auf, er sieht verwirrt aus. Ich sehe, dass er eine Frage stellen will, schüttele aber den Kopf.

»Komm Fiona, lass uns gehen.«

Fiona sieht mich vorwurfsvoll an. »Ich mag es nicht, wenn du mich beim Vornamen nennst, das weißt du.«

»Ja.«

»Ja, was?«, fordert sie mich heraus. All das Weiche ist aus ihren Gesichtszügen gewichen.

»Ja, Mum«, antworte ich schnell und nehme sie an der Hand.

Duncan! Wir müssen dringend reden.

KAPITEL 2

März 2022

Leo

12.03.2022

Mom, ich fasse es nicht! Du reagierst nicht mehr auf mich!

Ich wusste, dieser Tag würde kommen, trotzdem war ich nicht annähernd darauf vorbereitet.

Dad, Abby, Alice und Laurie kennen dieses Gefühl bereits. Sie haben mich gewarnt, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis auch ich nicht mehr zu dir durchdringe, aber ich hatte die naive Hoffnung, dass dieser Moment weit in der Ferne liegen würde.

Das Fortschreiten deiner Krankheit erschüttert mich unfassbar. Es ist, als gäbe es keine Sonne mehr, zurück bleibt ein Himmel voll grauer Wolken.

Ich besinne mich jetzt auf einen Rat, den du mir und meinen Schwestern in unserer Kindheit gegeben hast. »Setz dich hin und notiere mindestens drei Dinge, über die du dich heute trotzdem gefreut hast und wenn es nur das Essen oder das schöne Wetter gewesen sind!«

Ich muss nicht erwähnen, dass wir diesen Rat gehasst haben, dein unerschütterlicher Optimismus manchmal unangepasst schien. Dennoch will ich dir diesen Gefallen machen:

1) Beim Frühstück lief mein Lieblingssong im Radio.

2) Ich bin dankbar für meine Freunde! Sie waren nach einem Telefonat mit Carl sofort an meiner Seite, haben mich auf halben Weg zu dir in einer Bar getroffen und versucht, mich abzulenken. Ich soll dich von ihnen grüßen, sie denken an dich.

3) Ungefähr eine halbe Stunde lang habe ich meinen Seelenfrieden gefunden, weil ich nicht ein einziges Mal an deine Krankheit denken musste. Zu verdanken habe ich das Em, eine Frau, die ich in dieser Bar kennengelernt habe. Es war eine gute halbe Stunde!

13.03.2022

Da weder du noch ich ein Freund von Rumjammern sind, verziehe ich mich mental zurück in die halbe Stunde, die mir gestern eine Auszeit gegönnt hat.

Bin ich ehrlich, muss ich gestehen, dass ich keine Ahnung habe, warum es diese Em geschafft hat, mich meine Außenwelt vergessen zu lassen. War es ihr Kletterstunt? Vielleicht. War es, weil sie sich Carls Whiskey gemopst hat? Mag sein. Ihre äußerliche Erscheinung? Eventuell. Ihre leicht ruppige, genervte Art? Definitiv. Die hat mich wirklich amüsiert.

Ich denke, dass es die Gesamtheit aller Dinge war, verbunden mit Alkohol und der beschissenen Gefühlslage von gestern. Dennoch. Sie hat es geschafft. Und dafür feiere ich sie.

15.03.2022

Hey Mom,

es ist zwar keine Überraschung mehr, aber seit heute ist es offiziell: Der zweite Teil von »The Regimentals« geht in Produktion. Drehbeginn ist Dezember. Meine Agentin Sara hat gesagt, dass meine Rolle so gut angekommen ist, dass sie nachträglich ausgebaut wird. Dad hat verhalten reagiert, ihm wäre es immer noch lieber, hätte ich einen »anständigen« Beruf gelernt, aber der Rest der Familie ist begeistert. Ich bin mir sicher, du wärst stolz auf mich.

Keine Angst, ich werde mir nichts darauf einbilden!

17.03.2022

Ich bin froh, dass ich heute einen langen Termin in London bei Sara in der Agentur hatte, auch wenn mich sonst dieses künstliche Getue abschreckt. Sie hat meine Gedanken in eine andere Richtung gelenkt, und das ist gut. Sara hat von weiteren Angeboten gesprochen, eventuell sogar eine Rolle im Ausland. Sie ist übermotiviert und überzeugt, dass ich nach dem zweiten Teil, den Sprung über den großen Teich schaffe. Das hört sich alles erst einmal gut an, aber wir sollten einen Schritt nach dem anderen machen.

19.03.2022

Neben dir zu sitzen, ohne jegliche Rückmeldung zu bekommen, erschüttert mich und macht mich sprachlos. Es bekräftigt um so mehr meinen Entschluss, dieses Journal für dich zu führen, damit ich dir daraus vorlesen kann und du dadurch weiterhin an unseren Leben teilnimmst. Es gibt zu viele Kleinigkeiten, die wir im Alltag vergessen. Ich verspreche nicht, jeden Tag zu schreiben, aber ich bemühe mich.

Ich gebe zu, dass mir die ersten Einträge nicht leicht gefallen sind. Sie haben mich an meine Teenie-Zeit erinnert, in der Abby, Alice und Laurie – gefühlt jedes Mädchen – mit einem rosafarbenen Buch mit Schloss unter dem Arm durch die Gegend gerannt sind. Aber je mehr ich mich damit beschäftige, desto besser finde ich die Idee. Es hilft mir, meine Emotionen zu sortieren und zu reflektieren.

Es ist Samstag und ich sollte unterwegs sein. Carl und Lucy haben versucht, mich aus der Wohnung zu locken, aber ich habe sie auf nächstes Wochenende vertröstet. Mir ist nicht nach Party.

Lieber finde ich Zuflucht bei Em, die mir zwischendurch durch den Kopf geht. Vielleicht löse ich heute das Mysterium ihrer Wirkung auf mich?

21.03.2022

Es ist Montag, Mom und ich habe einen Hangover. Nicht den Üblichen, sondern einen, der auf die eigene Würde abzielt. Das liegt daran, dass wir gestern Leanns siebten Geburtstag nachgefeiert haben. Abby hat sich mächtig ins Zeug gelegt und eine Einhorn-Party organisiert. Gäbe es da draußen solch eine arme Kreatur, hätte Abby sie gefunden und mit in den Garten geschleift. Ich wünschte beinahe, es wäre so gewesen. Stattdessen mussten Steven, Gary und ich in Einhornkostümen durch den Garten tanzen. Die Kinder durften die Choreografie entwerfen, zusammen mit Alice und Abby.

Ich schwöre, von den beiden kamen die peinlichsten Moves.

Was ist das mit Mädchen und Pferden mit Hörnern auf dem Kopf? Warum sind sie scheinbar von ihnen besessen? Ich werde den heutigen Tag damit verbringen, meine Würde wiederzufinden.

Du hättest deinen Spaß gehabt.

22.03.2022

Leanns Schneidezahn ist heute rausgefallen. Sie ist überglücklich, dass ihr das gestern nicht passiert ist. Sagt, dass sie die Schmach nie ertragen hätte. Ich finde ihre Lücke niedlich. Sie nicht. Sie versucht, sie zu verbergen. Abby und ich haben uns einen Spaß daraus gemacht, sie zum Lachen zu bringen. Jetzt ist sie sauer auf uns und nicht einmal der Gedanke an die Zahnfee konnte sie beruhigen, da sie nicht mehr daran glaubt.

Bald ist der Weihnachtsmann dran. Mein Kleiderschrank freut sich auf ein Kostüm weniger.

Streich letzten Satz! Der Nachwuchs ist ja bereits unterwegs. Das rot-weiße Kostüm wird an mir kleben wie ein alter Kaugummi. Es wird die Rolle meines Lebens.

24.03.2022

Es gibt Neuigkeiten, Mom. Alice war beim Ultraschall, sie haben das Geschlecht erfahren. Es wird ein Mädchen!

Keine große Überraschung, nicht wahr? Ich glaube, die McEwans können keine Jungs. Zachary ist bisher der Einzige, der unsere Ehre verteidigt.

Übrigens: Bei meinem letzten Besuch hat Alice mitbekommen, wie ich dir diese Zeilen vorlese. Sie findet es komisch, dass ich ein Journal für dich führe. Hat ohne Umschweife gesagt, dass sie kein großer Fan davon ist. Sie fürchtet, dass ich mich zu sehr auf dich konzentriere, und mich das abermals runterziehen könnte. Aber die gesamte Familie weiß: Habe ich mich zu etwas entschlossen, schafft es selbst Alice nicht, mich von meinem Vorhaben abzubringen.

KAPITEL 3

März 2022

Em

Ich schüttele den Kopf und deute auf das Schild hinter mir.

Lies es dir bitte durch und versuche erst gar nicht, ein Gespräch mit mir anzufangen, das für beide Seiten gleichermaßen unangenehm wird.

Die Bar brummt, irgendein Event mal wieder und ich verstehe nach wie vor nicht, wie man auf die dumme Idee kommt, genau die Person anzubaggern, die hinter dem Tresen steht und arbeitet.

Seit der Pub als Location für eine Fotosession herhalten musste – ich bekenne mich hierfür schuldig – wird er über die Sommermonate, alle zwei bis drei Wochen, für geschlossene Gesellschaften oder sonstige Veranstaltungen gebucht. Für eine bestimmte Szene scheint es derzeit hip zu sein, sich in einer alten, abgeranzten Bar irgendwo im Nirgendwo zu treffen. Das heißt im Klartext, dass es hier vor Snobs, Wanna-Bes, Influencern, Werbern und Upper-Class Menschen nur so wimmelt.

Üblicherweise achte ich penibel darauf, diese Gesellschaft zu meiden. Duncan auch. Aber hier haben wir keine Wahl, denn diese Events sind der einzige Grund, warum sich der Pub überhaupt noch über Wasser hält.

Der Mensch auf der anderen Seite des Tresens ist das beste Beispiel dafür, warum ich jenen Menschenschlag nicht mag. Der Typ ist auf schamlose Art hartnäckig. Er zwinkert mir zu. Leckt sich mit der Zunge über die Lippen. Wackelt mit den Augenbrauen. Er denkt, nur weil er jung, attraktiv und vermutlich wohlhabend ist, dass ihm die Welt gehört. Er schiebt mir seinen Oberkörper samt Ziegenbärtchen und zurückgekämmten, zu einem Dutt gebundenen Haaren Zentimeter für Zentimeter über den Tresen. Überschreitet eine Grenze. Lächelt mich an. Zwinkert schon wieder. Und da! Noch einmal.

Hast du irgendeinen Tic?

Ich deute abermals auf das Schild hinter mir und hoffe inständig, dass er lesen kann.

Er studiert es, zuckt mit den Schultern, fragt unnötigerweise: »Ja, und? Lass den Barkeeper in Ruhe! Was hab ich gemacht?« Er zwinkert schon wieder. Grinst schräg. Tut so, als würde sein Charme ins Schwarze treffen und dass er über allem stehen würde.

Bist du wirklich so schwer von begriff?

»Was möchtest du trinken?«, frage ich höflich aber so abweisend wie eine Tiefkühltruhe.

Mein Gast fühlt sich enttarnt und ist obendrein ein schlechter Verlierer.

»Bah, bist du eine Bitch. Das Gleiche nochmal«, antwortet er verächtlich, gibt dem Glas Schwung, so dass es über den Tresen fällt und besiegelt unwissentlich sein Schicksal damit. Geschickt fange ich es auf.

Tja, das wars für dich heute.

Duncan nickt mir zu und übernimmt. Es ist zu viel los, um dem Gespräch weiter zu folgen, aber wer wirklich den Nerv hat, sich Duncan entgegenzustellen ist entweder ein Vollidiot oder ein ausgesprochener Vollidiot. Es ist schön zu sehen, dass es gleich einen davon weniger in dieser Bar gibt. Denn wenn Duncan eines missbilligt, dann Unhöflichkeit dem Barkeeper gegenüber.

Ich glaube, ich muss es nicht erwähnen, aber nur für den Fall, dass es jemand nicht mitbekommen hat: Mich nerven diese Events und das aus zweierlei Gründen:

Erstens: Ich helfe bei ihnen aus, weil sich bisher noch kein neuer Angestellter für die Bar gefunden hat.

Das ist nicht weiter verwunderlich, denn wer will in einem kleinen, abgelegenen Örtchen namens Albury arbeiten, das nicht mehr als 189 Einwohner zählt, keine Schule, keinen Supermarkt und keinen Inn besitzt? Bis auf eine Post Schrägstrich Kiosk Schrägstrich Polizei, eine Kirche mit Kindergarten und diesen Pub gibt es hier nichts.

Übrigens genau jene Gründe, warum ich hier hängengeblieben bin: Abgeschiedenheit und Ruhe. Keine Ablenkung von außen. Ein Dorf so klein, dass man nicht anders kann, als sich geborgen zu fühlen, und nein, ich habe nichts zu verbergen oder werde polizeilich gesucht.

Zweitens: Alle Events enden fast ausschließlich in einer Katastrophe. Das mag unter anderem an der explosiven Mischung des Publikums liegen. Ähnlich wie bei einem Fußballspiel treffen an diesen Abenden zwei Lager aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Auf der einen Seite die Dorfbewohner mit ihrer unbegründeten Ansicht auf Heimspiel, ihrem Frust auf die Regierung und ihre Lebenssituation und ihrem unstillbaren Alkoholdurst. Ihnen gegenüber steht die gelangweilte, verwöhnte, hippe Generation-Z, deren Rolexes, Smartphones und Ray Bans sogar im Schummerlicht des Duncans blitzen.

Ich mag sie auch nicht. Bin voll auf der Seite des Dorfes.

Und gerade nimmt das Schicksal seinen Lauf. Meine treuesten Teamgefährten betreten die Bildfläche und an ihrem breitbeinigen Gang erkenne ich, dass der Weg hierher bereits mit Alkohol gesäumt war. Das schreit förmlich nach Ärger.

Allen voran - glaubt man es? - unser Dorfpolizist Simon. Sein Blick ist so glasig, dass ich mir aus vier Meter Entfernung ernsthaft Sorgen um seine Leberwerte mache. Außerdem sind sie Beweis dafür, dass im Hause O´Finnan der Segen erneut schief hängt. Und ratet, wer darunter leiden wird?

Wage es nicht, Simon! Wir zwei haben noch eine Rechnung offen.

Es dauert genau zwanzig Sekunden und dann geht es los. Simon rempelt im Vorübergehen eine kleine, rundliche Gestalt an, deren unverkennbares Idol Barbie ist. Sie verschüttet daraufhin ihren Sekt? Champagner? Hugo? Irgendetwas davon auf ihrem pink glitzernden Top. Die darauf zu erwartende Reaktionen sind folgende: Spitzer Schrei, weit aufgerissene Augen, wildes Gefuchtel mit den Händen, Tränen.

Ziegenbärtchen Nummer elf, zwölf und dreizehn plustern sich auf wie Hähne, stellen sich beschützend vor Barbie, lassen aufgeregt die Muskeln spielen. Es wird geschrien und sogar ein bisschen geschubst.

Und jetzt passiert das Paradoxe. Obwohl mir klar ist, dass Streit zwischen den Gästen potentiell Stress für mich und Duncan bedeutet, erhöht sich mein Puls freudig auf einhunderteins. Obwohl auf den Gesichtern der Dorfbewohner in Leuchtschrift steht, dass sie auf Krawall aus sind, wir ab jetzt jeden Einzelnen von ihnen im Blick halten müssen, ziehen sich meine Mundwinkel nach oben. Warum?

Nun, vielleicht weil auch ich gerne eines der Barbiepüppchen angerempelt oder an einem dieser lächerlichen Ziegenbärtchen gezogen hätte, es aber nicht darf, da ich hier arbeite.

Außerdem weiß ich, dass von den Gästen keine Gefahr ausgeht. Selbst der hipste Hipster hält sein Klischee aufrecht und wahrt den Schein. Trotz all der angezüchteten Muskeln ist klar zu erkennen, dass keiner von ihnen je in eine Prügelei verwickelt war. Niemals würden sie es so weit kommen lassen, ihre Frisur oder ihre Klamotten durcheinanderzubringen oder dass eine Blessur ihr Erscheinungsbild beeinträchtigt. Auch der Alkoholpegel wird so weit kontrolliert, dass er auf keinen Fall mit dem präzise erstellten Biorhythmus kollidiert.

Duncan weiß das auch. Er stellt sich grinsend neben mich, verschränkt die Arme, lehnt sich entspannt an die Wand und beobachtet für einen Moment das Schauspiel. Er ist derjenige, der entscheidet, ob wir eingreifen.

Aber Duncan zuckt nur mit den Schultern und wendet sich wieder den Gästen zu. Daher zucke ich auch mit den Schultern und fülle ein weiteres Glas Bier. Wir lassen den Dingen also ihren Lauf, aber aus den Augen lassen wir nun keinen mehr von unseren Dörflern.

Eine große Brünette verlangt nach meiner Aufmerksamkeit. Sie erzählt mir etwas von einem Drink, von dem ich noch nie gehört habe.

»Was ist da alles drin?«, schreie ich über die laute Musik hinweg.

Auf ihrem perfekt geschminkten Gesicht, das mir fast wie eine Maske erscheint, zeigt sich keinerlei Reaktion. Gelangweilt hebt und senkt sie die Schultern, lässt mich verhungern.

Komm schon, gib mir mehr Informationen. Bitte! Hinter dir steht eine Schlange.

»Du trinkst das Zeug doch, du musst doch irgendeine Ahnung haben … Nein?«, versuche ich es erneut, aber sie schüttelt den Kopf. Stiert uninteressiert auf etwas hinter meinem Oberkörper und ich schwöre, dass sie eben ihr Gewicht auf das rechte Bein verlagert hat und genervt mit dem anderen Fuß tippt.

»Champagner?«, frage ich höflich und hoffe, dass sie nicht mit »Egal« antwortet.

Der angeödete Mensch vor mir deutet ein leichtes Nicken an. Ganz ehrlich, was soll ich damit anfangen? Woher kommt all diese Langeweile und Leidenschaftslosigkeit?

Die Frage interessiert mich brennend, ich hätte wirklich gerne eine Antwort darauf, aber der nächste, unbekannte Wunsch wird geäußert. Ich bin verunsichert. Will Duncan durch mein Unwissen keine schlechten Rezensionen einbringen, rufe ihn zur Hilfe. Aber auch er hat von dem Drink noch nie etwas gehört. Orange-Rot soll er aussehen, fruchtig schmecken. Wir mixen irgendetwas zusammen und verlangen vier Pfund dafür. Der Drink wird zum Renner des Abends.

Es dauert nicht lange, bis Duncan seinen Platz hinter dem Tresen aufgeben muss, um einen Streit zu schlichten. Kurzerhand werden Tom und Daniel, zwei Brüder, die jung, arbeitslos, frustriert und dementsprechend empfindlich sind, wenn ihnen die Upper-Class die Rolex-Uhren unter die Nase hält, von ihm nach draußen komplimentiert. Somit bleiben von den Krachmachern nur noch Simon und Shortie übrig.

Shortie ist einer der wenigen Zeitgenossen in unserem Ort, den ich nicht mag. Er ist ein renitenter Besserwisser, hat die größte Klappe und ganz im Gegensatz zu seinem Namen den längsten Körper und durchaus eine Menge Grips im Kopf. Doch genau das macht ihn so unsympathisch. In den zwei Jahren, in denen ich hier lebe, habe ich wirklich versucht, etwas an Shortie zu entdecken, das nicht ätzend ist, und es bis heute nicht geschafft. Ich hoffe, Duncan kommt rechtzeitig zurück, bevor ich mich um ihn kümmern muss.

Ich schiebe fünf weitere Drinks über den Tisch. Suche unruhig die Bar nach Duncan ab. Er müsste schon längst hier sein, er hasst es, vor und nicht hinter dem Tresen zu stehen. Meine Augen gleiten wieder zu Shortie und irgendetwas an seinen ausladenden Armbewegungen sagt mir, dass es gleich krachen wird. Mein Blick schweift zur Tür, die sich in diesem Moment öffnet und Fiona statt Duncan ausspuckt. Ein Laut zwischen einem Seufzer und einem Fluchen entschlüpft meinem Mund.

Nein, Fiona! Geh bitte wieder nach Hause, ich kann mich heute nicht auch noch um dich kümmern.

Sie zieht jemanden an der Hand hinter sich her. Meine Hoffnung auf Rettung schnellt in die Höhe, nur um gleich darauf in sich zusammenzufallen, dafür kleben meine Augenbrauen an meinem Haaransatz. Nein, es ist nicht Duncan, den sie da mitbringt. Es ist die 25, Leo McWasweißich.

Geschickt kämpft sich Fiona mit Ellbogen und den passenden Worten bis an die Bar durch. Strahlend bleibt sie vor mir stehen, ignoriert das Gemecker der Gäste, die sie gerade verdrängt hat.

»Em, sieh wen ich draußen gefunden habe«, sagt sie verzückt.

Ich drücke den zwei empörten Männern ein Bier auf Kosten des Hauses in die Hand. Begrüße Fiona und Leo wortkarg, halte nach Duncan Ausschau.

Von vorne trifft mich das Tausend-Watt Lächeln von Leo und kein minder strahlendes von Fiona.

Ich bin ehrlich überrascht. Fiona betritt die Bar nur, wenn sich unser Dorf oder der gelegentliche Tourist versammelt. Bei Leo war ich mir sicher, dass sich seine Männerrunde aus Versehen hierher verirrt hat. Aber nun steht er hier und erhellt die Bar mit seinem Lächeln. Ich schaffe nicht ganz so viel Strahlkraft, bemühe mich aber trotzdem.

»Leo, Bier? Fiona, Weißwein?« Ich warte auf keine Antwort, sondern schiebe blitzschnell alles über den Tresen, bevor die Schlange noch länger wird.

»Fi, hast du Duncan gesehen?«, will ich dann von ihr wissen. Der Andrang ist besorgniserregend und Shorties Anwesenheit bereitet mir zunehmend Bauchschmerzen. Fiona nippt in Seelenruhe an ihrem Wein und schüttelt den Kopf.

Danke, Duncan. Danke, dass du im ungünstigsten Moment verschwindest.

»Du siehst besorgt aus, Liebes.«

Ich brumme und nicke in Richtung Simon und Shortie. »Gute Stimmung da drüben.«

»Mach dir keine Sorgen. Ich regele das.«

Bevor ich den Mund aufmachen kann, lässt Fiona Leos Arm los und schiebt sich durch die Menge.

»Fi, nein«, versuche ich vergeblich, sie aufzuhalten. Aber meine Worte werden von der lauten Umgebung verschluckt.

Verdammt, jetzt kann ich mir zusätzlich um dich Sorgen machen. Außerdem hast du Leo hier vergessen.

Ich lächele ihn schmallippig an und schiebe einen weiteren Drink über den Tresen.

Leo scannt die Menge. Runzelt die Stirn. »Ich wusste nicht, dass du hier arbeitest. Der Laden brummt. Ich lass dich mal in Ruhe. Wir sehen uns.«

Ich kläre das Missverständnis nicht auf, sondern bin ihm für seine Beobachtungsgabe dankbar. Er lächelt mir aufmunternd zu und verschwindet nach draußen.

Über die nächsten Bestellungen hinweg versuche ich besorgt, Fiona auszumachen. Aber ich kann weder sie, noch Simon und Shortie oder Duncan entdecken. Gibt es heute hier so etwas wie ein Schlupfloch? Ein Paralleluniversum?

Duncan, wo steckst du? Ich brauche hier deine Hilfe!

Mir ist unangenehm warm. Schweiß rinnt meinen Rücken hinunter, mein Shirt klebt an mir, wie ein Duschvorhang bei einer viel zu warmen Dusche.

»Hey, wann geht das hier endlich mal weiter?«, fragt einer der Gäste und klopft ungeduldig mit der flachen Hand auf den Tresen. »Ich warte schon ewig. Wo ist denn der andere hin?«

Das wüsste ich auch zu gerne.

Ich entschuldige mich und nehme seine Bestellung entgegen. Neben ihm verdreht eine hübsche Rothaarige die Augen.

»Warum dauert das denn so lange?«

Hast du keine Augen im Kopf? Siehst du hier irgendwo eine Unterstützung für mich?

»Was hättest du denn gerne?«, schreie ich ihr zu.

»Was für Cocktails habt ihr denn so?«

Echt jetzt?

»Die üblichen«, antworte ich kurz angebunden und nicke dem Typ hinter ihr zu.

»Zwei Bier.«

»Hey, was soll das, ich war dran!«, meckert sie wie eine Ziege.

»Bist du auch noch. Aber so lange du dir einen Cocktail überlegst, kann ich ihm zwei Bier fertigmachen.« Über ihren Kopf hinweg tauschen wir Geld gegen Getränke.

Duncan, hilf mir jetzt. Bitte.

Ich frage mich, wie lange sich das Bollwerk Bar noch gegen den Ansturm halten kann. In Gedanken sehe ich die durstigen Gäste über den Tresen klettern, ähnlich wie Piraten ein Schiff kapern würden.

Ich schiebe acht weitere Bestellungen über den Tresen und plötzlich taucht Duncan neben mir auf wie ein Dschinn aus der Flasche.

Wo kommst du auf einmal her? Und wo warst du so lange?

»Alles ok hier?«

Willst du mich verarschen?

Meine zweite Sorge schiebt sich wieder in den Vordergrund. »Hast du Fiona auf dem Weg aus dem Nirgendwo nach hierher gesehen?«, frage ich, Sarkasmus triefend.

»Fiona ist hier?« Ahnungslos sieht er mich an.

Also nicht. Verdammt! Das dumpfe Gefühl in meinem Magen breitet sich aus. Fiona war in letzter Zeit so komisch. Außerdem können sie und Shortie nicht gut miteinander, sogar im nüchternen Zustand sind sie sich nicht grün. Das liegt an irgendeiner albernen, uralten Familienfehde, hinter deren Ursache ich noch nicht gestiegen bin. Aber die beiden nehmen diesen vererbten Streit durchaus ernst und ich bin mir nicht sicher, ob Simon heute in der Lage ist, Streitschlichter zu spielen. Shortie hat eine kurze Zündschnur, daher sein Spitzname, und Fiona kann fürchterlich provozieren und momentan weiß sie nicht immer, was sie so sagt.

Ich kann nicht anders. Ich weiß, der Zeitpunkt ist fürchterlich ungünstig, aber das flaue Gefühl in meiner Magengegend ist überwältigend.

»Übernimm mal«, sage ich und gebe meine Stellung auf. Lasse Duncan zurück, wie auf einem sinkenden Schiff. Wenn es untergeht, dann zumindest mit dem Kapitän.

Ich laufe in die Richtung, in die Fiona verschwunden ist. Aber Fehlanzeige. Es folgen der Hinterhof, die Damentoilette und sogar die Herrentoilette, aber auch hier keine Spur von Fiona.

Fuck! Fuck. Fuck. Fuck. Fi, wo steckst du? Und wo sind diese beiden Vollidioten?

»Fiona?«, rufe ich nutzlos in die Menge.

Meine letzte Idee ist der Vorgarten, obwohl ich weiß, dass sie den nicht mag. Kein Dorfbewohner würde sich je in den Vorgarten setzen. Nur drinnen ist die Seele des Pubs. Ich reiße die Tür auf und traue meinen Augen kaum. Inmitten einer kleinen Runde steht Fiona. In der rechten Hand hält sie ihr Weinglas, den linken Arm hat sie bei Leo untergehakt. Sie gibt eine Geschichte zum Besten und alle hören aufmerksam zu.

Oh ja Fiona, Geschichten erzählen, das kannst du.