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Die Novelle "Grillen" suggeriert, da sie den Leser mit Du anspricht und ihm das Geschehen als Selbsterlebnis und eigene Gedanken vor Augen führt, dass er/sie die hier agierende Person sei, in deren Haut er/sie schlüpft. Dadurch entsteht eine Resonanz, eine Wiedererinnerung an Momente, Empfindungen und Konflikte, die man so oder analog und oft insgeheim erlebt hat. Sie haben mit der eigenen gedanklichen, körperlichen und seelischen Intimität zu tun, dem Doppelleben, das man innerlich führt, ohne es anderen zu erkennen zu geben, oft ohne es vor sich selbst zuzugeben, sei es in beruflichen Situationen, in Bekannt-, Freund- und Liebschaften. In dieser Novelle wird man durch Empathie und Staunen damit fertig.
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Seitenzahl: 38
Veröffentlichungsjahr: 2016
Die Novelle „Grillen“ entstand in den Jahren 1967-1968, als der Autor an der Université de Paris und am Centre National de la Recherche Scientifique seine Doktorarbeit auf dem Gebiet der strahlenchemischen Polymerisation verfasste.
Die Arbeit an der Novelle war Ausdruck einer Art Heimatlosigkeit – die naturwissenschaftliche Forschung erschien dem Autor immer banaler, aber auch die Künstler-Szene, in der er verkehrte, glaubte er als pathetisch zu durchschauen. Wie auch sein Leben, sein Bewusstsein und seine Beziehungen ihm grillenhaft vorkamen.
Er blieb im Endeffekt aber auf der eingeschlagenen Spur, promovierte, wurde erfolgreicher Management Consultant, heiratete eine Französin, mit der er elf inzwischen erwachsene Kinder hat, und ist bis heute auch künstlerisch aktiv.
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Du liegst mit richtungsloser Schwere im Halbschlaf, hellhörig für das Ablaufen der Zeit, der Augenblick deines Todes rückt näher, als kröchst du mit deinen Atemzügen auf ihn zu, erscheint dir so nahe, dass du dich einstellst darauf, in Eile erleben zu müssen, in großen Zügen nur, ohne dich bei Einzelheiten aufzuhalten.
Die Hälfte deines Lebens schon in Erinnerung zu haben, gibt dir ein Gefühl dafür, wie schnell und nutzlos die restliche Zeit verbraucht sein wird. Die Bewegung ist im Gang, erlaubt dir nicht, dich nicht mitzubewegen, auch regungslos lebst du dich deinem Tod entgegen.
Der Druck auf deine geschlossenen Augen, der dich im Halbschlaf hält, lässt erst nach, als du plötzlich deine Hände spürst. Von diesem Augenblick an nimmst du deutlich die Falten des Lakens wahr, die Verdrehung in den Armen, die Wärme, die sich zwischen den nach innen gewinkelten Fingern und den Handflächen bildet. Du wirst ungeduldig, stehst auf, betrachtest dich im Spiegel, starrst dir in die Augen und schneidest Grimassen, kämmst dir Mittelscheitel, Haare aus der Stirn, in die Stirn, streichst mit dem Kamm über die Haut, an den Schläfen und unter den Augenhöhlen, kleidest dich an und verlässt Türen zuwerfend die Wohnung. Du besteigst den Fahrstuhl, stehst hinter der Metalltür, blickfeldlos, wartend, dass es bingt, dass der Fahrstuhl sich leise elektrisch in Bewegung setzt.
Du bist auf dem Weg zum Institut, rückst an Ampeln langsam vor, gaffst Rücklichter an, die, wenn sie aufleuchten, deine Füße zucken lassen, und Nummernschilder, deren Buchstaben du zu lesbaren, aber sinnlosen Wörtern ordnest, erreichst ruhigere Straßen, die in unbebautes Gelände auslaufen, in sonnenbeschienene Wiesen, über die der Wind eilige Wellen streicht.
Du gehst auf die Betonkuppel des Kernreaktors zu, die fensterlos über die Halme ragt. Die Luft riecht nach Sand.
Unter der Kuppel siehst du vom Kontrollraum aus auf den Bleiklotz des Reaktors, um den in weißen Kitteln und weißen bauschigen Stoffschuhen das Bedienungspersonal schlurft. Die Reaktortür schiebt sich auf Schienen langsam und geräuschlos aus dem Klotz hervor, legt eine Höhle frei, in die die Weißbekittelten Geigerzähler halten, bevor sie sich selber vor die Höhlung stellen und mit Zangen in das Innere des Reaktors greifen, hastig, als seien sie großer Hitze ausgesetzt.
Du fährst mit der Hand über die weißen Kacheln der Labortische, auf denen, in konischen Gläsern, farblose Flüssigkeiten stehen, süßlicher Methylalkohol, fischig und moderig riechende Lösungsmittel, hörst die Luft fauchen, die durch die Abzugsschächte gesaugt wird, hörst das Tuckern der Ölpumpen, das scharfbegrenzte Klicken der Thermostate und Spektrographen, das hochtönige Näseln der Transformatoren.
Melzow hat es darauf angelegt, vor dir da zu sein, sieht dir hämisch entgegen, löst einen säuerlichen Zug auf deinem Gesicht aus, du würdest dich unwohl fühlen in seiner Hose, die im Gesäß zu weit ist, ausgebeult und faltig gesessen und der schlaffen Jacke, die er, seit du ihn kennst, nicht gewechselt hat. Was ihr euch zu sagen habt, ist bald erschöpft. Du beobachtest die Zeiger der elektrischen Uhren beim Vorwärtszucken, siehst schadenfroh zu, wie Melzow immer öfter, die Nase rümpfend, seine Brille zurechtrückt.
Abends fährst du mit gedankenentleertem Kopf nach Hause, vergisst den Kernreaktor, während du dich zu deiner Wohnung hinaufheben lässt, bleibst im Halbdunkel, zögerst, Licht anzuschalten. Die Stühle sind von ihren Plätzen gerückt, auf deinem Arbeitstisch liegen halbbeschriebene Blätter – dich überkommt, während du deine Wohnung überblickst, ein Gefühl der Klarheit, die Möglichkeit rückt greifbar nahe, zu wissen, was du wollen und tun musst, um loszukommen von deiner immer nur auf den Augenblick beschränkten Angespanntheit. Du wartest darauf, Gedanken formulieren zu können, mit denen du die Klarheit festhalten kannst, sie ausdehnen kannst zu einer weiterführenden Entschlossenheit.
