Grim & Oro: Lightlark – Duell um Islas Herz - Alex Aster - E-Book

Grim & Oro: Lightlark – Duell um Islas Herz E-Book

Alex Aster

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Beschreibung

Von Rivalen um Lightlark zu Rivalen um Islas Herz – die Geschichte der Könige Grim ist der König der Nightshade, mysteriös und gefährlich. Doch welche Ereignisse haben sein Schicksal geprägt, ihn zu einem skrupellosen und unberechenbaren Herrscher gemacht? Und wie konnte er dennoch Islas Herz für sich gewinnen? Oro, König von Lightlark, regiert das Reich mit strenger Hand, aber auch mit großer Hingabe. Worin liegt der Ursprung für sein Pflichtbewusstsein? Und wie soll er seine Gefühle für Isla, seine Gegnerin im Centennial, mit seiner Verantwortung für sein Volk vereinbaren? Eine starke Heldin, zwei rivalisierende Könige – die Liebesgeschichte jeweils erzählt aus der Perspektive von Grim und Oro - Das Must-have für alle Fans der ›Lightlark‹-Reihe! - Das Buch bietet einen spannenden Blick hinter die Fassade der beiden Herrscher - Beide Geschichten enthalten Schlüsselszenen der jeweiligen Lovestory mit Isla sowie neue Szenen aus der geheimnisvollen Vergangenheit von Grim und Oro  Alle Bände der ›Lightlark‹-Reihe:  Band 1: Lightlark Band 2: Nightbane Band 3: Skyshade Band 4: Crowntide Grim & Oro: Lightlark – Duell um Islas Herz Die Bände sind nicht unabhängig voneinander lesbar.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Von Rivalen um Lightlark zu Rivalen um Islas Herz – die Geschichte der Könige

 

ORO, König von Lightlark, regiert das Reich mit strenger Hand, aber auch mit großer Hingabe. Worin liegt der Ursprung für sein Pflichtbewusstsein? Und wie soll er seine Gefühle für Isla, seine Gegnerin im Centennial, mit seiner Verantwortung für sein Volk vereinbaren?

GRIM ist der König der Nightshade, mysteriös und gefährlich. Doch welche Ereignisse haben sein Schicksal geprägt, ihn zu einem skrupellosen und unberechenbaren Herrscher gemacht? Und wie konnte er dennoch Islas Herz für sich gewinnen?

 

Eine starke Heldin, zwei rivalisierende Könige – die Liebesgeschichte erzählt aus der Perspektive von Grim und Oro

 

 

Von Alex Aster sind bei dtv außerdem lieferbar:

Die ›Lightlark‹-Reihe

Band 1: Lightlark

Band 2: Nightbane

Band 3: Skyshade

Band 4: Crowntide

 

Emblem Island – Der Fluch der Nachthexe

Alex Aster

Grim & Oro

Lightlark – Duell um Islas Herz

Aus dem amerikanischen Englisch von Jara Dressler-Rohilla

OROS VERSION

Für alle, die den Sommer auch mitten im Winter finden

Wahrheit

»Vater interessiert sich nicht für mich.«

Das lässt meine Mutter innehalten und ihre Finger verkrampfen sich um die Teetasse in ihrer Hand. Sie runzelt die Stirn. Ein ungewohnter Ausdruck auf ihrem Gesicht.

»Weshalb sagst du so etwas?«, erkundigt sie sich. Nachdem sie einen großen Schluck getrunken hat, stellt sie die Tasse mit einem Klirren auf den Tisch, wobei sie meinen Blick jedoch nach wie vor meidet. Stattdessen starrt sie den Honig an, den sie in ihren Tee rührt. Er hat die gleiche Farbe wie unsere Augen.

»Weil es wahr ist.« Meine Stimme klingt ungerührt – aber das bin ich nicht. In der Regel versuche ich, diese speziellen Emotionen tief in meinem Inneren zu vergraben, als würden sie verschwinden, wenn ich sie unterdrücke. Als würde es helfen, wenn ich sie einfriere, damit sie irgendwann für immer erstarrt bleiben. So wie die Orakel auf Moon Isle.

Aber das tun sie nicht.

Vater hat mich heute Morgen kaum eines Blickes gewürdigt, bevor er meinen großen Bruder Egan auswählte, um ihn auf die Jagd zu begleiten. Sie nahmen die Fährte einer Kreatur mit einer Krone aus verzauberten Hörnern auf. Danach werden sie mit neuen Schwertern aus der Waffenkammer trainieren. Mutter hat zwar vorgeschlagen, dass ich mich ihnen doch anschließen kann, aber Vater hat sie geflissentlich ignoriert. Egan warf mir einen entschuldigenden Blick zu, während ich mit einem hohlen Gefühl in der Brust dabei zusah, wie er und Vater sich auf den Weg machten.

»Das ist doch Unsinn, Oro«, widerspricht mir Mutter schließlich, weicht aber nach wie vor meinem Blick aus.

Aber es war mir von Anfang an bewusst; ich bin die zweite Wahl. Der zweite Sohn. Nur dann wichtig, wenn Egan etwas Schlimmes zustoßen sollte.

Mein Tee ist mit mehreren Löffeln von diesem Honig gesüßt, doch ich habe trotzdem einen bitteren Geschmack im Mund. Wie Schlamm rinnt die bernsteinfarbene Flüssigkeit mir die Kehle hinunter.

Denn es ist wahr. Nun weiß ich es mit absoluter Sicherheit.

Das Schloss ist dunkel und still, als sich plötzlich knarrend meine Schlafzimmertür öffnet. Sofort bin ich aus dem Bett, während Feuer in meiner Handfläche aufflammt.

Als ich jedoch erkenne, dass es nur Egan ist, erlischt es genauso schnell wieder. Das Mondlicht verfängt sich in seinem goldenen Haar, als er leise die Tür hinter sich schließt. »Wolltest du mich etwa in Flammen aufgehen lassen?«, erkundigt er sich, wobei er bemüht ist, nicht zu lachen.

»Vielleicht«, entgegne ich, lasse die Hand aber sinken. »Ich habe nicht mit dir gerechnet.«

Nun gerät sein Grinsen ins Straucheln. Es gab eine Zeit, in der er mich jede Nacht besucht hat, um Vaters Lektionen noch einmal mit mir durchzugehen. Er erzählte mir jedes noch so kleine Detail aus seiner Unterweisung in Kriegsstrategie oder zeigte mir neue Manöver aus dem Schwertkampftraining.

Vor Kurzem hat er jedoch damit aufgehört.

»Tut mir leid. In letzter Zeit war es sehr hektisch.«

Das kann ich von meinem Leben nicht behaupten. Ich lächle zerknirscht. »Ich langweile mich zu Tode. Für ein bisschen Hektik würde ich alles geben.«

Egan seufzt. Er wirkt müde, violette Ringe zeichnen sich unter seinen Augen ab. Erschöpft lässt er sich in einen meiner Sessel fallen und bettet den Kopf auf die gepolsterte Rückenlehne. Bei seinem letzten Wachstumsschub hat er ganze zwölf Zentimeter zugelegt und sein Körper scheint nicht genau zu wissen, was er mit denen anfangen soll. Seine Beine sehen unnatürlich lang aus und passen nicht zum Rest. Früher waren wir gleich groß, aber inzwischen hat er beinahe Vater eingeholt. Laut Mutter wird es mir in ein paar Jahren genauso gehen.

»Sei froh, dass du nicht der Erbe bist. Immerhin hast du ein Leben«, mault Egan.

»Ein Leben eingepfercht in diesem trostlosen Schloss ist wohl kaum etwas Gutes.«

Das entlockt Egan ein Lächeln, das jedoch nicht seine Augen erreicht. »Auf mich wirkt dein Leben fantastisch.«

»Wir können ja tauschen«, schlage ich in dem Versuch vor, sein Lächeln aufrechtzuerhalten.

Es klappt nicht. Das tut es nie. Er zuckt lediglich die Schulter. »Wer weiß. Vielleicht wirst du ja doch noch eines Tages König.«

»Nein«, entgegne ich stirnrunzelnd. »Ich will niemals König sein.« Das ist die Wahrheit.

»Warum nicht?«

Natürlich ist die Antwort offensichtlich, aber ich tue ihm dennoch den Gefallen und erkläre: »Weil es bedeuten würde, dass du nicht mehr da bist.«

Er nickt. Mit einer Hand schlägt er sich aufs Knie, bevor er sich schwungvoll erhebt. »Wohl wahr, Oro. Und es gefällt mir, am Leben zu sein, auch wenn das Training ermüdend ist.« Er kommt zu mir herüber. »Hast du die Schwerter noch, die ich dir gegeben habe?«

Nun grinse ich. »Natürlich.«

Schnell ziehe ich sie unter dem Bett hervor und werfe ihm eins zu. Er fängt es mühelos aus der Luft und nimmt dann Kampfhaltung ein. Ich tue es ihm gleich. Stelle mich so hin, wie er es mir beigebracht hat. Wie Vater es ihn lehrte.

»Also«, beginnt er. »Das hier habe ich heute gelernt.«

Vergoldet

Das erste Mal, dass mich Vater mit Stolz betrachtet, ist der Tag, an dem ich einen Mann töte. Schwer legt sich sein goldener Panzerhandschuh auf meine Schulter und seine Finger umschließen meinen Arm, um mich umzudrehen, hin zu seinem kleinen Rat.

Als er lächelt, werden seine harten Züge etwas weicher. »Vergolden, könnt ihr euch das vorstellen? Seht euch nur die Stärke unserer Linie an. Und das nicht einmal im Blut des Erben.«

Er stellt den Diener, den ich versehentlich vergoldet habe, vor seiner Ratskammer zur Schau. Als stolzes Symbol der Macht der Krone.

Mutter findet mich etwas später, wie ich mich in meinem Zimmer übergebe. Warm ruht ihre Hand auf meinem Rücken.

»Es war doch ein Unfall«, versucht sie, mich zu beruhigen. »Wir alle machen Fehler.«

Mag sein, aber meiner – dieser eine – hat einen Mann das Leben gekostet. Albert. So hieß er. Und er hatte Familie. Eine Tochter in meinem Alter. Pearl. Wir haben früher miteinander gespielt.

Und nun – nun wird sein vergoldeter Leichnam dem inneren Kreis des Königs präsentiert. Und meine schreckliche Tat wird gefeiert.

Am nächsten Tag verlangt Vater von mir, es noch einmal zu tun – es seinem Rat vorzuführen –, aber ich kann nicht. Ich kann überhaupt nichts mehr. Ich will nicht. Scham und Reue haben das erstickt, was mir sonst immer so leichtgefallen ist. Nun könnte ich nicht einmal mehr dann eine Flamme beschwören, wenn ich es versuche.

Und wieder hört Vater auf, mit mir zu reden. So schnell wurde ich von einem Wunder zu einer Schande.

Noch bevor ich überhaupt sprechen konnte, fand Mutter mich in meiner Wiege, während das Gemach um mich herum in Flammen stand. Laut ihrer Erzählung habe ich sie einfach nur durch das Feuer angestarrt.

Mutter war schockiert. Als Zweitgeborener sollten meine Fähigkeiten nicht so stark ausgeprägt sein.

Vater gegenüber verlor sie kein Wort darüber. Mitten in der Nacht brachte sie mich hastig zu ihrem Bekannten, einem Wildling, mit dem sie sich einen Garten teilt. Dieser Freund brachte uns wiederum zu einem Mann namens Elk.

Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, ich weiß nur noch, was Elk mir später erzählt hat. Wie er mich als Baby trainierte. Wie er mich während meiner Wutanfälle mit Honig füttern musste, bevor ich noch die ganze Hauptinsel in Brand setzte. Wie er mich lehrte, meine Wut einfach wegzuatmen. Wie er mich lehrte, jene große Macht verborgen zu halten. Mutter brachte mich so lange heimlich zu ihm, bis sie sich sicher war, dass ich die Kontrolle darüber hatte. Dann endete das Training.

Danach schärfte mir Mutter ein, Vater nichts über die Stärke meiner Fähigkeiten zu verraten, und mit der Zeit verstand ich auch, weshalb. Aber manchmal – manchmal wünschte ich mir, es wäre anders. Wenn er es wüsste – vielleicht würde er mich dann ja so ansehen, als wäre ich etwas wert.

Nun hat sich diese Macht jedoch verflüchtigt. Und Mutter hat angefangen, sich zu sorgen.

Sie wartet in meinem Gemach auf mich, als ich vom Abendessen zurückkehre. Und hat Tee vorbereitet. Als ich eintrete, zeigt sie auf den Stuhl ihr gegenüber.

»Würdest du dich bitte zu mir setzen?«

Ich erstarre. »Stimmt etwas nicht?« In der Regel trinken wir immer im Speisesaal zusammen Tee. Und niemals zu so später Stunde.

»Selbstverständlich nicht.«

Bitter. Eine Lüge, die ich dank meiner Gabe schmecke, als wäre es zu lange gezogener Tee. Eine Fähigkeit, von der sie nichts weiß.

Zögerlich betrete ich den Raum. Nehme Platz. Sie schenkt mir Tee ein. Rührt Honig hinein. Beide nehmen wir ein paar Schlucke, bevor sie zu reden beginnt. »Deine Kraft.«

»Was ist damit?«

»Sie ist weg.«

Das wissen wir alle. Ganz besonders ich. Ich starre in meine Tasse. »Ja, und ich bin froh darüber. Ich will sie nicht.«

Vor meinem geistigen Auge sehe ich wieder den Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes, als er ein letztes Mal nach Luft schnappt, während seine Haut sich mit Gold überzieht. Dieser Anblick hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

Ich kneife die Augen zu, um die Erinnerung zu verdrängen.

Ihre warme Hand legt sich auf meine. »Oro. Du wurdest mit großer Macht geboren. Wir hatten sie so lange im Griff, aber wenn man sie zu lange unterdrückt – ich habe Angst, dass sie sich deiner Kontrolle entreißt.«

Sie muss mir ansehen, dass mich diese Aussicht nicht beunruhigt. Soll es doch so kommen. Das habe ich verdient, nach dem, was ich getan habe.

Nun versucht Mutter es auf andere Weise. »Wenn deine Fähigkeiten im falschen Moment aus dir herausbrechen, dann könnten sie schreckliche Zerstörung verursachen und nicht nur einen Mann das Leben kosten.«

Ich begegne ihrem Blick. Erkenne die Wahrheit in ihren Worten. »Was soll ich tun?«

Eine ganze Weile rührt sie einfach nur in ihrer Tasse. »Ich habe mit deinem Vater gesprochen.« Ein angespannter Zug erscheint um ihren Mund. »Wir werden dich schon früher zum Training fortschicken.«

Zwei Wochen später mache ich mich auf den Weg zur Sun Isle, um offiziell mein Sunling-Training zu beginnen. Alle Erben der Königsfamilie besitzen die vier Lightlark-Fähigkeiten – Sunling, Moonling, Starling und Skyling – und werden abwechselnd auf die jeweilige Insel geschickt, bis sie jede davon beherrschen.

Eine Zeit lang hatte ich Angst, dass Vater mir nicht erlauben würde, die Rotation zu durchlaufen. Egan hat seine noch nicht einmal abgeschlossen.

Nun – werde ich sogar schon ein Jahr früher geschickt.

Vor dem Vergoldungsvorfall wäre ich begeistert gewesen, denn ich wollte schon immer aus dem Schloss rauskommen. Wollte so gut wie alles außerhalb dieser Mauern entdecken.

Jetzt will ich meine Fähigkeiten jedoch nie wieder einsetzen. Jetzt – werde ich dazu gezwungen.

Der Marsch scheint eine Ewigkeit zu dauern, doch dann erreichen wir die Brücke. Falls man das Konstrukt überhaupt als solche bezeichnen kann. Es handelt sich lediglich um alte Holzplanken, die mehr schlecht als recht mit Seilen verbunden sind und beängstigend über dem tosenden Meer hin und her schwingen.

Mutter dreht sich zu mir um, sodass sie mir für den Moment die Sicht auf die Brücke versperrt. In ihren Augen glänzen Tränen. Ich habe sie noch nie in meinem Leben weinen gesehen. Vater ist der Ansicht, dass er das stärkste Mitglied der königlichen Familie ist; er ist vermutlich der Meinung, dass seine lauten Worte und die grausamen Befehle ihn dazu machen, aber ich weiß es besser. Meine Mutter mit ihrem kerzengeraden Rücken, der nachsichtigen Ermutigung und festen Überzeugung – sie ist die Stärkste von uns. Die Menschen der Insel liegen ihr am Herzen – während Vater seinen Blick auf unerforschte Länder und jede Möglichkeit auf noch mehr Macht gerichtet hat.

Mehr. Immer mehr. Nichts ist je gut genug für ihn.

Egan kommt mehr nach unserer Mutter. Er wird ein toller König werden.

»Mein liebster Sohn«, beginnt sie. Nicht Zweitgeborener. Sie hat mich nie anders behandelt als Egan. Hat mich nie weniger geliebt. »Meine Sonne«, spricht sie mich nun mit dem Kosenamen an, den sie mir als Kind immer gab. Ihre Sonne, die hell strahlt. Wann immer sie mich so nennt, lächelt sie.

Aber nicht im Moment. Jetzt wirkt sie verängstigt. Rasch ergreift sie meine Hände. Wie immer sind ihre warm, fühlen sich vertraut an.

»Ich liebe dich, Oro«, flüstert sie. »Immer.« Etwas piekst mich in die Handfläche und dann sehe ich es. Sie hat mir etwas zugesteckt. Früher hat sie mir das jeden Abend aufs Kissen gelegt, um die Albträume fernzuhalten. Sie hat diese Blumen jahrzehntelang mit ihrem Wildling-Freund gepflanzt. Rosen mit goldenen Blütenblättern.

»Du wurdest mit Feuer im Herzen geboren. Und es ist noch immer da. Finde es. Finde dein Feuer.«

Sie wendet sich zum Gehen. Und dann bin ich allein.

Ich atme einmal beruhigend durch und betrachte die Brücke. Inzwischen schwankt sie noch gefährlicher hin und her, als wüsste sie ganz genau, dass das hier ein Test ist. Mein erster Schritt, mutig zu sein. Stark zu sein.

Ich trete nach vorn, doch dann zögere ich.

Mit Sicherheit werde ich hinuntergeweht. Ich werde durch die Lücken fallen.

Eine Windböe lässt mich zur Seite taumeln und ich höre eine der Wachen hinter mir lachen. »Dummer Junge«, murmelt er.

Das bekomme ich nicht zum ersten Mal zu hören.

Aber ich beschließe, dass es das letzte Mal gewesen ist.

Schwer schluckend betrete ich die Brücke. Sofort wird mein Körper auf der schlingernden Konstruktion zur Seite geschleudert und meine Handflächen brennen, während ich krampfhaft versuche, am Seil Halt zu finden.

Mutters Worte hallen in meinen Gedanken nach:

Finde dein Feuer.

Vater hält mich für schwach. Er hält mich für wertlos.

Doch er liegt falsch.

Ich mache einen weiteren Schritt und stolpere, stürze nach vorn. Als ich auf die Knie falle, keuche ich beim Blick durch die Lücken zwischen den Planken. Hunderte Meter unter mir lauern Felsen so scharf wie Messer.

Steh auf, befehle ich mir selbst. Steh auf.

Mit zitternden Knien erhebe ich mich.

Beinahe geben sie unter mir nach, als die Brücke erneut wankt. Salz brennt mir in Nase und Rachen; Wasser spritzt zwischen den Brettern empor, aus irgendeinem Grund reichen die Wellen bis hier nach oben.

Ich rutsche aus und fange mich gerade so noch ab. Das Seil hat mir bereits die Hände aufgeschürft.

Auch wenn ich es nicht soll, wirble ich herum, suche nach Mutter. Sie ist bereits auf ihrem Weg zurück zur Hauptinsel, ihr goldenes Haar wird vom Wind hinter ihr hergepeitscht. Der aufwendig verzierte Saum ihres Kleides gleitet über das hellgrüne Gras.

Gerade als ich denke, dass es ihr leichtfällt, mich zu verlassen, dass sie mich bereits vergessen hat, verkrampfen sich ihre Finger, ballen sich zu Fäusten, als wüsste sie, dass ich mich umdrehen würde. Als wüsste sie, dass ich ihre Gestalt nach einem Zeichen absuchen würde.

Und auf einmal kommt mir diese bockende Brücke gar nicht mehr so gefährlich vor. Mein Herzschlag beruhigt sich. Ich drehe mich um, blicke erneut zur Sun Isle.

Als ich zum ersten Mal versuchte, Flammen zu beschwören, krümmte Mutter meine Finger zu einer Faust und schüttelte den Kopf. »Dein Feuer findet sich nicht in deiner Handfläche«, erklärte sie. Dann tippte sie auf meine Brust, auf mein Herz. »Du findest es hier.«

Finde dein Feuer.

Ich schaffe das. Ich kann Mutter stolz machen. Ich kann Vater überzeugen, mich mit etwas anderem als Enttäuschung in den Augen zu betrachten. Ich kann das überleben. In meiner Hand halte ich Mutters Rose fest umschlungen. Schließe eine Faust darum.

Dann mache ich einen Schritt. Und noch einen.

Und genauso wie alle schwierigen Dinge kann man auch dieses hier mit beharrlichen kleinen Schritten meistern.

Als ich auf der anderen Seite der Brücke ankomme, lasse ich mich nach vorn fallen, werfe mich auf den festen Grund, bevor eine weitere Windböe mich über den Klippenrand fegen kann.

Ich habe es geschafft. Ich bin drüben. Erfreut verberge ich mein Lächeln im Gras.

Dann erklingt ein schweres Seufzen über mir und ich entdecke eine große Rothaarige, die lässig an einem der Brückenpfosten lehnt, als würde dieser Hunderte-Meter-Sturz hinter uns ihr nicht mal einen Hauch Angst einjagen.

Natürlich nicht. Ich habe noch nie erlebt, dass sie sich auch nur annähernd vor irgendetwas fürchtet.

Sie zieht eine Augenbraue nach oben. »Wirklich? Du musstest dich unbedingt umdrehen?«

»Halt die Klappe, Enya.«

Ihr Lachen klingt wie eine Melodie. »Das ist das Schlimmste, was du je zu mir gesagt hast, Oro!« Dann streckt sie mir eine Hand entgegen und zieht mich auf die Beine.

Bevor man ihr noch ein weiches Herz unterstellen kann, zerzaust sie mir die Haare, weil sie weiß, dass ich das hasse. Enya hatte vor ein paar Monaten einen Wachstumsschub. Inzwischen sind wir gleich groß und sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, mich alle paar Stunden daran zu erinnern. »Gut. Es freut mich, dass das Sunfolk dich bereits an deinem allerersten Tag verdirbt. Denn das hast du bitternötig, findest du nicht? Du bist zu nett. Zu ehrlich.«

Natürlich bin ich das. Und sie ist die Einzige, die den Grund dafür kennt. Ich habe eine Gabe, was bei einem zweiten Kind selten vorkommt.

Ich erkenne, wann Menschen lügen.

Lügen schmecken für mich bitter und kratzig, wie Sand auf der Zunge.

Die Wahrheit hingegen ist süß wie Honig.

Lügen tun weh. Es ist schwer, unehrlich zu sein, wenn ich dauerhaft das Gift der Lügen um mich wahrnehme. Vor Jahren habe ich daher entschieden zu versuchen, immer ehrlich zu sein.

Vielleicht würde mich Vater ja mehr schätzen, wenn er das wüsste. Einmal hätte ich es ihm beinahe gesagt. Aber am selben Tag habe ich beobachtet, wie er einen Mann an Ort und Stelle in Flammen aufgehen ließ, ihn einfach in ein Häufchen Asche verwandelte.

In diesem Moment beschloss ich, es ihm niemals zu sagen. Denn die Angst davor, wofür er meine Gabe einsetzen könnte, ist zu groß.

Außerdem verstehe ich nun, weshalb Mutter mir vor all den Jahren das Versprechen abnahm, die Stärke meiner Fähigkeiten geheim zu halten.

Erneut taucht der nun vergoldete Mann vor meinem inneren Auge auf. Ich verziehe das Gesicht. Enya drückt meine Schulter, als könne sie meine Schuldgefühle spüren.

Sie ist meine beste Freundin – und die Tochter einer hochrangigen Adligen, die zufällig Mutters engste Kindheitsfreundin ist. Nie im Leben würde sie jemandem auch nur ein Sterbenswörtchen über mein Geheimnis erzählen. Wir haben sogar eigene Signale untereinander ausgemacht. Wenn jemand lügt, dann recke ich unauffällig das Kinn. Genauso subtil neige ich den Kopf, wenn jemand die Wahrheit sagt.

Manchmal versucht Enya, es auch selbst zu erraten. Ich habe ihr immer gesagt, dass manche Menschen wirklich gute Lügner sind. Einige glauben ihre eigenen Lügen sogar, was sie noch schwerer zu durchschauen macht.

Enya hält meine Gabe für unglaublich. Für ein Geschenk.

Ich hingegen betrachte sie in den meisten Fällen als Fluch. Wenn ich zum Beispiel Fragen stelle, deren Antworten ich nicht kennen will.

»Bereit?«, erkundigt sich Enya, während sie mich in Richtung des goldenen Schlosses zieht. Das einzig Gute daran, meine Ausbildung schon früher zu beginnen, ist, dass wir nun wenigstens im selben Jahrgang sind.

»Nein«, gestehe ich, denn auch meine eigenen Lügen schmecken bitter.

Prophezeiung

Ich rutsche an einem Bernsteinbaum hinunter. Bereits jetzt kann ich spüren, wie mein linkes Auge zu einem Veilchen anschwillt. Die Blutspur an meinem Arm ist inzwischen schon geronnen. Meine Wange brennt. Mindestens ein Knochen in meiner Hand ist auf jeden Fall gebrochen.

Das Training auf Sun Isle hat vor einer Woche begonnen und wir sind mitten in einer Prüfung. Es ist ein Rennen. In Teams aufgeteilt müssen wir so schnell wie möglich die Insel überqueren.

Wir waren noch nicht einmal eine Stunde unterwegs, da hat sich einer unserer Klassenkameraden – ein großer Sunling namens Ash, mit jeder Menge Sommersprossen, goldenem Haar und einer krankhaften Besessenheit fürs Blutvergießen – auch schon von einem Baum auf mich gestürzt und mich zu Boden geworfen. Er und zwei seiner Freunde drückten mich in den Dreck. Enya wollte eingreifen, aber ich schüttelte den Kopf, gerade als fünf weitere Mitglieder der Sunfolk-Gruppe aus dem Geäst traten.

»Wollen wir doch mal sehen, ob sein Blut genauso rot ist wie unseres«, knurrte Ash, bevor er einen spitzen Stein aus der Tasche zog. Dessen Kante presste er an meinen Arm und schlitzte ihn einmal der Länge nach auf. Der Schmerz raubte mir die Sicht. Brannte. Die Haut gab augenblicklich nach.

Und zur Freude dieses dämlichen Kerls war mein Blut rot.

Idiot.

Er grinste. »Ich habe gehört, dass das Blut der Königsfamilie sich von unserem unterscheidet, aber deines scheint nichts Besonderes zu sein. Ganz und gar nicht. Schätze mal, du bist genau wie der Rest von uns.«

Er konnte froh sein, dass ich versuchte, genau wie der Rest von ihnen zu sein, denn unter normalen Umständen wäre dieser gesamte Wald in Flammen aufgegangen. Dann wäre er nur noch ein Haufen Asche zu meinen Füßen.

Und genau das ist das Problem.

Enya wurde unruhig. Ich spürte die Hitze ihrer Wut, als sie die Gruppe musterte. Sie überlegte, wie sie sie fertigmachen konnte. Um mich zu befreien. Aber wir konnten es wirklich überhaupt nicht gebrauchen, uns schon in der ersten Woche ein Viertel unserer Trainingskameraden zum Feind zu machen.

»Schätze, das bin ich«, murmelte ich und versuchte aufzustehen. Schließlich wollte ich mir keinen Ärger einhandeln.

Ash trat mich jedoch wieder zurück in den Dreck und hielt mich mit einem Fuß auf meiner Brust unten. »Vielleicht brauchen wir einfach etwas mehr Blut«, sinnierte er. Sein Blick schweifte in die Runde. »Holt mehr Steine. Je schärfer, desto besser«, befahl er.

Ein paar von ihnen verschwanden im Wald. Nur drei blieben zurück.

Und das war der Augenblick, in dem sich Enya einen Stein von der Größe ihres Kopfes schnappte und ihn Ash über den Schädel zog.

Sofort brach dieser zusammen – ohnmächtig, während sein Blut sich in einer Lache um ihn herum sammelte.

So viel dazu, sich keine Feinde zu machen.

Langsam erhob ich mich und starrte Enya an. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihr danken, lachen oder sie fragen sollte, was verdammt noch mal sie sich dabei gedacht hatte. Aber bevor ich den Mund öffnen konnte, stürzte sich einer von Ashs Freunden mit einem spitzen Stein in der Hand auf Enya.

Und das war der Moment, in dem ich eine Entscheidung fällte: Ja, den Frieden mit unseren Klassenkameraden zu wahren, war unmöglich.

Und so habe ich eine Nase gebrochen, eine Platzwunde am Kinn ausgeteilt und einen Sunling keuchend auf dem Boden liegen lassen, bevor wir die Beine in die Hand nahmen, um so schnell wie möglich aus diesem Wald rauszukommen.

Nun wirbelt Enya schwer atmend zu mir herum. »Warum hast du dich nicht verteidigt?«

»Das habe ich doch.«

Sie verdreht die Augen. »Du hast mich verteidigt.«

Und? Ich zucke die Schulter. Frustriert macht sie einen Schritt auf mich zu –

Und die Stille des Waldes wird durch einen entfernten Ruf unterbrochen. Enya flucht.

Unsere Sunfolk-Kameraden sind uns auf den Fersen. Und so, wie es sich anhört, haben sie weitere Mitschüler unseres Jahrgangs rekrutiert, um ihnen zu helfen.

Seufzend lasse ich den Kopf zurück gegen die Baumrinde sinken. »Ich glaube nicht, dass einer von uns beiden nach dieser Aktion hier problemlos Freunde finden wird.«

Enya zieht eine Augenbraue hoch. »Warum sollte ich noch mehr Freunde brauchen? Ich habe doch schon dich.«

Das entlockt mir ein Lächeln, was mich wiederum zusammenzucken lässt, da einer der Schnitte auf meiner Wange protestiert. Die zerfetzte Haut meines Armes hat gerade erst aufgehört zu bluten. Ich unterdrücke den Schmerz. Es liegen immer noch mehrere Meilen vor uns, bevor wir die andere Seite von Sun Isle erreichen, wo Ausbilder Helas wartet. Er ist ein uralter Sunling mit goldener Haut, der sich das Haar bis auf die Kopfhaut abrasiert und meist finster dreinblickt. Ihm wird es herzlich egal sein, was uns aufgehalten hat – oder ob unsere Mitschüler uns angegriffen haben. Es geht ihm lediglich darum, wer die Ziellinie überquert, bevor die große Sanduhr durchgelaufen ist, die er immer mit sich herumträgt.

Für diese paar Sekunden, die wir uns an den Baum gelehnt ausruhen, werden wir bezahlen. An dieser Klippe, genau hier, endet der Pfad. Wir haben bereits einen Blick über die Kante geworfen. Von hier aus geht es fünfzehn Meter in die Tiefe, direkt in einen Fluss.

Und der könnte flach sein. Es könnten sich Felsen darin verbergen. Oder Monster, die nur darauf lauern, uns in Stücke zu reißen.

Aber hier endet nun mal der Pfad. Entweder wagen wir den Sprung oder fallen durch die Prüfung.

Ich höre, wie die Sunfolk-Gruppe langsam aufschließt. An ihren wütenden Rufen erkenne ich, dass sie diesmal auf mehr aus sind als nur etwas Blut.

»Und ich schätze mal, ich habe immer dich«, erwidere ich keuchend. Die Stimmen werden lauter. Kommen näher.

Bei meinen Worten erstirbt Enyas Lächeln. Sie schüttelt den Kopf. »Das wirst du nicht immer.« Sie wendet den Blick ab und verengt die Augen, als könne sie sehen, wie unsere Sunfolk-Verfolger sich durch den Wald schlagen.

Die Gruppe, die ganz versessen auf ihre Rache ist, macht mir plötzlich überhaupt keine Sorgen mehr. Ich spüre die Wahrheit in ihrer Aussage, aber ihre Worte ergeben keinen Sinn. »Was meinst du damit? Natürlich werde ich das.«

Sie wendet sich wieder mir zu. Dann öffnet sie den Mund. Und schließt ihn wieder.

»Was ist los?«

Enya stößt ein schnaubendes Lachen aus. »Das ist nicht gerade der geeignete Moment für so eine wichtige Unterhaltung.«

Ich richte mich auf, der Schmerz ist augenblicklich vergessen. »Gibt es denn einen richtigen Moment dafür?«

Sie zuckt mit einer Schulter. »Vermutlich nicht. Und ich schätze mal – ich schätze mal, ich muss dir etwas sagen.«

Seit Jahren sind wir beste Freunde. Die Tatsache, dass etwas unausgesprochen bleibt – dass sie mir noch nicht alles erzählt hat, verwirrt mich.

Ein Schrei ertönt noch näher.

Und diese Stimme – die erkenne ich wieder. Ash. Ich sollte erleichtert darüber sein, dass Enyas Schlag ihn nicht umgebracht hat, aber ich kann nicht mal einen Funken Interesse für diese Tatsache aufbringen.

Zwischen den Bäumen wird es wärmer, als irgendwo in der Nähe Flammen hochschlagen. Dieser Idiot und sein untrainiertes Feuer werden noch den gesamten Wald niederbrennen. »Okay, lass uns –«

»Ich weiß, wann ich sterbe.«

Enya sagt das so ungerührt, dass ich es für einen Scherz halte.

»Bitte sag mir, dass es wenigstens ein glorreicher Tod sein wird«, erwidere ich, denn ich weigere mich, den süßen Geschmack in meinem Mund anzuerkennen. Sie würde ihrer eigenen Vorstellung genug Glauben schenken, um sie wahr werden zu lassen. Wieder sehe ich an der Klippe hinab. Vielleicht können wir ja an der Kante entlangrennen, anstatt zu springen. Vielleicht gibt es noch einen anderen Weg auf die andere Seite.

»Das wird er.«

Ich lache. »Natürlich muss er das sein.« Ich marschiere los, trete an den Klippenrand und versuche, das Wasser aus dieser Höhe abzuschätzen.

Enyas Stimme wird durch die Frustration, die darin mitschwingt, tiefer. Ich höre ihre Schritte hinter mir. »Nein, ich meine, ich weiß es mit absoluter Sicherheit. Ich weiß, wann ich sterbe und wie.«

Wahrheit.

Die ganze reine Wahrheit.

Ich erstarre. Drehe mich zu ihr.

Sie meint es ernst. Aber das kann sie nicht. Ich schüttle den Kopf, runzle die Stirn. »Was meinst du? Woher willst du das wissen?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Meine Mutter hat mich gefragt, ob ich es wissen will, und das wollte ich. Und jetzt – weiß ich es.«

Es scheint sie kein bisschen zu beunruhigen. Ich blinzle. »Woher weiß es deine Mutter?«

»Das Orakel hat es ihr gesagt. Das auf Moon Isle.«

»Ich dachte, die wären eingefroren.«

»Sind sie auch. Aber eines taut immer mal wieder auf.«

Das wusste ich nicht. Ich war noch nie auf der Insel. Nur Egan begleitet meinen Vater bei den königlichen Besuchen. »Was – was hat es gesagt?«

Enya schüttelt den Kopf. »Vergiss es. Das werde ich dir nicht verraten. Niemals.«

Ich werde panisch. Mir ist bewusst, dass wir beide sterben werden. Natürlich werden wir das. Aber was, wenn ihr Tod kurz bevorsteht? Was, wenn sie vor mir stirbt? Plötzlich sind der Schmerz in meinem Arm und die Gruppe, die immer näher kommt, völlig unbedeutend. Ich mache einen Schritt auf sie zu. »Aber – aber wenn du es mir verrätst, dann können wir es aufhalten. Wir können sicherstellen, dass es nicht passieren wird.«

Das lässt Enya schmunzeln. Sie legt den Kopf schräg und mustert mich. »Und warum sollte ich das wollen?«

»Warum denn nicht?« Inzwischen schreie ich beinahe.

Wieder zuckt sie lediglich mit einer Schulter. »Irgendwann müssen wir alle sterben. Und es ist ein guter Tod. Ein glorreicher, wie du selbst gesagt hast.«

»Hast du – hast du keine Angst?«

Sie schüttelt den Kopf. »Nein, überhaupt nicht.« Gerade als die Rufe deutlicher werden, zeigt sie auf die Klippe. Die Sunfolk-Gruppe hat uns gefunden. »Komm schon. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

Und dann rennt sie los. Ich stolpere ihr hinterher. Schmerz schießt durch meinen Arm, als ich ihr zurufe, dass sie langsamer machen soll, dass wir versuchen sollten, einen anderen Weg zu finden. Dass dieser vielleicht zu gefährlich ist.

Mit einem verschmitzten Funkeln in den Augen wirft sie mir einen Blick über die Schulter zu und ruft: »Heute sterbe ich nicht.«

Und dann springt sie.

Bereits seit einem Monat absolvieren wir schon das Sunling-Training und ich habe mein Feuer noch nicht genutzt.

Die Ausbilder haben alles versucht. Ich habe an ihren Übungen teilgenommen. Ihrem Unterricht gelauscht. Ihre Demonstrationen beobachtet.

Nun versuchen sie es mit Angst.

»Rein da.«

Wir sind weit vom Schloss auf Sun Isle entfernt, in den verbrannten Landen. Eine Luke befindet sich auf dem Boden vor uns. Darunter – nur Dunkelheit.

Ich mache einen Schritt hinein und ächze laut auf, als ich mehrere Meter nach unten auf knirschenden Sand falle. Von oben hallt die Stimme meines Ausbilders zu mir herunter: »Wenn du Licht haben willst, mach dir welches.«

Damit schließt er die Luke und meine Sinne schrumpfen zusammen.

Die Dunkelheit ist allumfassend, ich kann sie beinahe schmecken. Langsam öffne ich die Augen. Schließe sie wieder. Beides dasselbe.

Als etwas über meinen Fuß krabbelt, schlucke ich schwer. Die Luft hier drin ist trocken und voller Staub. Ich muss husten. Meine Kehle brennt.

Na schön. Ich werde es versuchen. Immerhin kann ich hier unten niemandem wehtun außer mir selbst. Ich suche nach der Glut, die schon immer in meiner Brust schwelt.

Finde dein Feuer.

Ich versuche es. Kratze an den Stellen, wo es einst war, wünsche mir einen Funken, nur einen klitzekleinen. Irgendetwas, Hauptsache, ich kann diesen finsteren Ort verlassen.

Aber dort ist nichts.

Es ist immer dasselbe. Nur Asche findet sich dort, wo die Flamme einst flackerte. In der Dunkelheit schweifen meine Gedanken ab.

Wieder und wieder spielt mir mein Gehirn die schrecklichsten Augenblicke meines Lebens vor. Das ist die wahre Folter. Nicht die Dunkelheit. Sondern alles, was durch sie zum Vorschein kommt.

Der Diener Albert. Ich kannte ihn jahrelang. Er war immer nett zu Enya und mir. Er hat es nie meinem Vater verraten, wenn er uns beim Spielen in Bereichen des Schlosses erwischte, in denen wir nicht sein durften. Er lächelte lediglich und ließ uns gewähren.

Und ich habe ihn getötet.

Der Schock jenes Tages und der darauffolgenden brachte mich dazu, diese Erinnerungen, diese Momente zu begraben, aber nun kehren sie an die Oberfläche zurück.

Meine Eltern und Enyas Mutter waren nicht im Schloss, sondern bei irgendeiner wichtigen Veranstaltung auf der Agora. Selbstverständlich war Egan auch eingeladen.

Mich ließ man zurück. Vater schenkte mir nicht einmal einen Blick, als er mit einer Hand auf Egans Schulter an mir vorbeistolzierte. Als wäre ich nicht einmal eine Sekunde seiner Aufmerksamkeit wert.

Enya fand mich in der Waffenkammer. Wie ich Vaters Rüs-tung Stück für Stück zu Boden schleuderte. Mit jeder Waffe, die ich finden konnte, darauf einschlug. Schwertern. Äxten. Streitkolben.

Nie zuvor habe ich so etwas getan, aber dieses Gefühl, dieser Schmerz, diese Wut machten mich völlig blind. Ich hatte sie alle unterdrückt und nun – nun brachen sie in einer Welle hervor, bäumten sich auf.

»Oro, warum bist du so sauer?«, erkundigte sich Enya irgendwann, während sie mit verschränkten Armen an der Wand lehnte.

Ich biss die Zähne zusammen. »Bin ich nicht!« Bitter.

Sie lachte nur. »Oh. Stimmt. Wie komme ich nur darauf, wo du doch gerade mit einer Axt auf die berühmte Rüstung deines Vaters einprügelst.« Sie war berühmt. Berühmt dafür, keinen Kratzer zu haben, da er seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr verloren hatte. Manche böse Zungen behaupten ja, dass es daran liegt, dass er sich den gefährlichsten Feinden nie stellt. Enya schürzte die Lippen. »Du wirst ziemlichen Ärger bekommen.«

Natürlich würde ich das. Aber nicht einmal dieser Gedanke konnte mich aufhalten. Ich schlug einfach weiter zu.

Schließlich fragte Enya: »Kann ich helfen?«

Sie hatte unser ganzes Leben dabei zugesehen, wie mich Vater wie Dreck behandelte. Ich konnte ihre heiß aufbrandende Wut spüren, als sie sich zu mir gesellte. Während wir beide so lange mit unseren Waffen auf das Gold prügelten, bis das glatte, glänzende Metall zerkratzt, lädiert und von Dellen übersät war. Als ich das Ergebnis unserer Bemühungen inspizierte, schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen.

Doch nur Sekunden später erstarb es wieder. Denn die Wut war verflogen. Hatte Schuldgefühlen und Angst Platz gemacht.

Nicht um mich selbst. Nein, um Enya. Hatte irgendwer gesehen, wie sie die Waffenkammer betreten hatte? Würde sie aus dem Schloss verbannt werden?

Und dann war da noch die Angst um Mutter. Würde sie für meine Respektlosigkeit bestraft werden?

Ich hätte das nicht tun sollen. Diese Wut – dieser Zorn –, was hatten sie mir eingebracht?

»Geh«, befahl ich Enya. »Sofort, bevor irgendwer mitbekommt, dass du hier bist.« Wie lang würde es dauern, bis einer der Bediensteten dem Krach auf den Grund ging, den doch sicherlich irgendwer vernommen hatte?

»Nein. Ich werde dich nicht im Stich lassen«, entgegnete sie. Und die Überzeugung in ihren Augen ließ meine brennen.

Jeder andere hätte dich vermutlich alleingelassen, aber ich werde das niemals tun, sagte ihr Blick. Ich werde dich nie verlassen. Du bist nicht allein.

Es war jener Blick – jene Loyalität –, die mich dazu brachte, eine Hand auf das Metall zu pressen und eine Fähigkeit zu entfesseln, die ich bisher nur teilweise entdeckt hatte. Ich war mir nicht mal sicher gewesen, ob sie tatsächlich echt war, bis Gold aus meinen Fingern floss.

Einer nach dem anderen wurde jeder Kratzer mit einer neuen Schicht aus funkelndem Gold überzogen. Jede Delle wurde ausgebeult. Enya beobachtete mich staunend, während ich die gesamte Rüstung vergoldete, bis sie wie neu glänzte.

Erst als ich damit fertig war, flüsterte sie: »Nicht schlecht.«

Ich lächelte zu ihr hoch. Sie lächelte zurück.

Aber dann erhob sie sich, packte eines der Schwerter und meinte: »Da wir jetzt wissen, dass du alles reparieren kannst, was wir kaputt machen, sollten wir etwas Spaß haben.« Sie warf mir ein weiteres Schwert zu.

Duellierend, lachend und spielend rannten wir durch die Korridore der Waffenkammer. Versteckten uns hinter uralten Rüstungen. Schwangen Schwerter, die mein Vater mir niemals in die Hand gegeben hätte. Ließen sie aufeinanderprallen, bevor wir die Räume und Waffen wechselten.

»Hier, lass den zu Gold werden«, befahl Enya, als wir an endlosen Reihen kostbarer Relikte vorbeikamen. Sie warf mir über die Schulter einen Kelch zu.

Mitten in der Luft vergoldete ich ihn und fing ihn auf, bevor ich ihn auf einen Haufen schmiss.

»Wie wäre es damit?« Sie lachte, als sie einen silbernen Dolch nach mir warf. Auch diesen ließ ich zu Gold werden und fing ihn aus der Luft.

Wir bogen um eine Ecke. Sie durchsuchte ihre Taschen. Schleuderte mir ein Stück Brot entgegen, das sie vermutlich noch vom Abendessen übrig hatte. »Das?«

Es wurde zu vergoldetem Brot. Sie war begeistert.

Und rannte gleich noch schneller voraus. Ich jagte sie durch das Labyrinth der Waffenkammer, folgte ihren laut hallenden Schritten. Ihr Lachen hallte von den Wänden wider.

Ich umrundete die nächste Ecke –

Und da war er. Albert. Der hier war, um nachzusehen, was all dieser Lärm zu bedeuten hatte.

Alles geschah so schnell.

Instinktiv floss die Kraft aus mir heraus.

Bevor ich sie aufhalten konnte, bevor ich überhaupt begreifen konnte, was gerade passierte, wurde seine Haut zu wogendem Gold. Er riss die Augen auf. Schnappte einmal schmerzerfüllt nach Luft.

Und dann war er erschreckend reglos. Das Gesicht zu einer erstarrten Maske der Qual verzerrt.

Grabesstille legt sich über die Flure.

»Mach es rückgängig«, verlangte Enya und packte Albert, als könnte sie das Gold von seiner Haut abschälen. Ein Schluchzen löste sich aus ihrer Brust, als sie sich zu mir drehte. »Mach es rückgängig.«

Aber das konnte ich nicht. Es war nicht mehr zu ändern.

»Ich habe ihn getötet«, flüstere ich zu niemandem. Meine Schuldgefühle sind wie eine lebendige Kreatur, die ihre Krallen in meine Brust gräbt, und ich verdiene es.

Ich wünschte, ich könnte mein Leben gegen seines ein-tauschen. Ich würde alles geben – alles –, um es rückgängig zu machen. Um diese Fähigkeiten für immer loszuwerden.

Denn nur Enya kennt die Wahrheit. Ich war in jener Nacht wütend. Dieses Gefühl – machte es einfach, auf die Macht zuzugreifen. Es war ein Unfall, aber wäre ich nicht so aufgebracht gewesen, nicht so versessen darauf, meinen Zorn an Vaters Waffen auszulassen, dann wäre ich nie in die Waffenkammer gegangen und –

Unter der Erde verliert Zeit an Bedeutung. Immer mal wieder lassen sie mir Wasser in das Loch hinab, aber nie Essen.

Ich habe es aufgegeben, mein Feuer zu finden, denn mir ist klar geworden, dass ich es nicht will. Ich werde es nie wieder einsetzen können, ohne an Alberts Gesicht zu denken.

Und bald löscht die Dunkelheit alles aus.

Enya ist stinksauer.

»Als sie dich zurückgebracht haben, warst du völlig reglos! Ich dachte, du wärst tot!« Abgesehen von ihrem Wutausbruch kann ich mich an nichts mehr erinnern.

Jetzt sind wir draußen in den Wäldern, denn nur hier können wir ungestört reden. Dass sie mich aus dem Loch gefischt haben, ist schon mehrere Tage her.

Ich werde zurück ins Schloss geschickt. Vater wird durchdrehen vor Wut. Es wird ihn in allem bestätigen, was er bereits über mich denkt.

Aber Mutter tut mir leid. Ich habe ihr versprochen, dass ich es wenigstens versuchen würde – und das habe ich nicht getan. Nicht wirklich.

Enya dreht sich zu mir. Packt meine Hand. »Oro, es wird Zeit.«

Ich vermeide bewusst ihren Blick. »Was, wenn ich nicht will?«

Ihr Griff verstärkt sich. »Du hast keine Wahl. Diese Macht ist ein Teil von dir. Sie wird dich von innen heraus auffressen, wenn du nicht lernst, sie zu kontrollieren. Sie wird dich in Brand setzen.«

Bisher hatte ich mir nur Sorgen um die anderen gemacht. Aber in der Grube kam mir eine Idee. Ich könnte weit entfernt leben. Ich könnte das Schloss verlassen. Vater will mich sowieso nicht dort haben. »Was, wenn es mir egal ist?«

»Mir aber nicht«, schreit sie. Nun sehe ich sie doch an. Noch nie hat sie mir gegenüber die Stimme erhoben. Das lässt sie schlucken. Und ihr Ton wird leiser. »Mir aber nicht«, wiederholt sie.

Jahre voller Erinnerungen schweben zwischen uns, während wir einander anstarren. Sie ist meine beste Freundin.

Wenn es hierbei um sie ginge, würde ich genauso reagieren. Und das weiß sie.

Deswegen führt sie mich zum Rande der Klippe. Unter uns erstreckt sich nur noch das Meer. »Lass alles raus, Oro«, rät Enya mir. »Ich bin für dich da. Du bist nicht allein.«

Du bist nicht allein.

Ich schlucke schwer. »Ich will dir nicht wehtun.«

Sie schüttelt den Kopf. »Das würdest du nie«, entgegnet sie. Es ist die Wahrheit. Sie ist felsenfest davon überzeugt. Sie glaubt an mich.

Ihre Mundwinkel zucken nach oben. »Und ich weiß, wie ich sterbe, schon vergessen? Es passiert weder jetzt noch hier.« Enya nimmt erneut meine Hand. »Oro, lass einfach alles raus. Alles, was du so lange unterdrückt hast. Lass es – einfach los.«

Lass es einfach los.

Hitze lodert in meiner Brust auf, als sich etwas tief in mir aufbäumt. Es ist unaufhaltsam wie ein Würgen. Als ob irgendwann etwas herauskommen muss.

Meine Sonne, nennt mich meine Mutter. Ich wurde in sengender Hitze zur Mittagsstunde geboren. Ich bin das Kind in dem brennenden Bettchen, das durch die Flammen stiert. Sie muss sich so häufig gefragt haben, ob meine Macht Gutes bewirken – oder Zerstörung bringen wird.

Zerstörung. Bilder blitzen in meinem Geiste auf – Albert. Die Vergoldung. Vaters stolzes Lächeln.

Die Scham, die mich seitdem nicht mehr loslässt.

Diese unendliche Scham.

Wut wälzt sich durch meine Adern, Wut auf diese Macht, mein Handeln, meine Verantwortung, auf die Tatsache, dass ich es niemals unterdrücken kann, dass es immer ein Teil von mir sein wird, der darauf lauert, Feuer zu fangen – völlig egal ob ich dabei genauso in Flammen aufgehe.

Langsam schließe ich die Augen und sehe die Welt vor mir brennen. Ich sehe, wie ich sie selbst in Brand stecke.

Nein. Ich werde diese Macht kontrollieren. Ich werde nicht zulassen, dass von der Welt nur Asche zurückbleibt.

Finde dein Feuer.

FINDEES.

Brüllend gehe ich in die Knie. Alles bricht aus mir heraus.

Aus meiner freien Hand, die nicht Enyas umklammert hält, schießt Feuer, das die See mit seinen Flammen rot einfärbt. Ich brenne und brenne und brenne immer weiter, bis nichts mehr übrig ist. Dann sacke ich schwer atmend zusammen, während mir Tränen über die Wangen strömen.

Enyas Hand ruht auf meiner Schulter. Mittlerweile kniet sie neben mir. Du bist nicht allein.

Als ich die Augen öffne, steht das Meer in Flammen.

Finde dein Feuer, verlangte meine Mutter.

Das habe ich. Und es macht mir schrecklich Angst, was das bedeutet.

Lieblingsort

Enya hat mir immer noch nicht verraten, wie sie sterben wird, obwohl ich sie jedes Jahr an meinem Geburtstag danach frage. Sie nennt ihn unseren Freundschaftsjahrestag, da wir uns an dem Tag zum ersten Mal begegnet sind.

In unserem letzten Jahr der Sunfolk-Ausbildung feiern wir, indem wir etwas Sunfolk-Wein klauen und uns damit aus dem Trainingslager schleichen.

»Wohin gehen wir?«, erkundigt sie sich, als ich sie in den Wald führe. »Wir sind schon seit einer Stunde unterwegs. Hätte ich gewusst, dass es so weit ist, dann hätte ich nicht so viele Flaschen mitgenommen.«

»Doch, hättest du«, entgegne ich, denn sofort hat sich ein bitterer Geschmack auf meine Zunge gelegt.

Sie zuckt mit den Schultern. »Stimmt, hätte ich.«

Diese Aussage wiederum schmeckt süß.

Enya beschwert sich weiterhin, bis die Bäume irgendwann lichter werden und sie es sieht. Selbst in der Dunkelheit schimmert das Meer anders.

Es ist grün. Ein wunderschöner Farbton, den ich bisher nur einmal auf Wild Isle gesehen habe, als mich Elk zu einem Duell des Wildfolk mitnahm.

Noch nie gefiel mir irgendwas besonders gut, bis ich diesen Ort entdeckt habe und wie gebannt war. Seine Schönheit riss mich aus der Spirale düsterer Gedanken, die mich unablässig runterzuziehen versucht.

»Also, das war die Reise wirklich wert«, entscheidet Enya.

Ich nicke. »Diesen Ort zu erreichen, ist jede Reise wert.«

Wir liefern uns ein Wettrennen durchs Gestrüpp, achten aber trotzdem darauf, nicht den steilen Abhang hinunterzustürzen. Natürlich schlägt Enya mich, aber das liegt vor allem daran, dass ich beinahe all unseren Proviant trage. Ich beobachte sie dabei, wie sie in die Brandung hüpft.

Der Sand ist fest und golden. Das Wasser schwappt uns in friedlichen Wellen entgegen und hinterlässt eine Decke aus Gischt, wenn es sich zurückzieht.

Nachdem Enya mit ihrem Wassertanz fertig ist, lässt sie sich neben mich fallen und gräbt eine der Flaschen aus dem Sand. Während sie sich umsieht, nickt sie zufrieden. »Hätte ich auch nur das geringste Interesse an dir, würde ich sagen, dass es der perfekte Ort für einen romantischen Ausflug wäre.«

Wahrheit. Sie hat keinerlei Interesse an mir.

Während einige Frauen mich seit einer Weile anders anschauen, plötzlich angefangen haben zu starren, hat Enya nie etwas anderes als einen Freund in mir gesehen. Dank meiner Gabe weiß ich das ganz genau. Und mir geht es mit ihr genauso.

Wir sind Freunde. Beste Freunde. Aber das bedeutet nicht, dass ich sie nicht liebe.

Dennoch werfe ich ihr einen Blick zu. »Als ob wir beide Zeit für Romantik hätten.«

Das bringt sie zum Lachen. »Das gilt vielleicht für dich.«

Neugierig schaue ich zu ihr rüber, aber Enya wechselt das Thema, bevor ich weiter nachhaken kann.

»Wie hast du diesen Ort gefunden?«

So wie die besten Dinge im Leben habe ich auch meinen Lieblingsort durch Zufall entdeckt. »Ich habe nach etwas anderem gesucht, aber stattdessen das hier gefunden. Und das ist besser als das ursprüngliche Ziel meiner Suche.«

Eigentlich habe ich nach Toren gesucht. Sie waren auf einer alten Karte eingezeichnet, auf die ich in den Tiefen des Schlosses auf der Hauptinsel gestoßen bin. Hoch aufragende Tore, die niemand – nicht einmal Egan – je erwähnt hat. Unterwegs habe ich einen Blick auf das Meer erhascht und wurde sofort davon angezogen, wie von einer unsichtbaren Kraft.

An jenem Tag habe ich Stunden hier am Strand verbracht, einfach nur dagesessen und fasziniert die Farbe betrachtet, ohne zu wissen, weshalb sie ein solches Gefühl in mir auslöste – dieses Erkennen.

»Was ist dein Lieblingsort?«, frage ich Enya nun.

»Das solltest du eigentlich wissen.«

Das tue ich auch, denke ich. »Die Singenden Berge.«

Sie nickt. »Gut. Du darfst für mindestens ein weiteres Jahrhundert mein bester Freund bleiben.«

Ich weiß, dass sie scherzt, aber ich drehe mich dennoch zu ihr, während ich die Verzweiflung verberge, die in mir aufkommt. »Also haben wir noch ein weiteres Jahrhundert zusammen?«

Seit sie mir erzählt hat, dass sie von ihrem Tod weiß, verfluche ich die Zeit. Ich frage mich ständig, wie viel uns davon noch bleibt. Natürlich war mir immer bewusst, dass wir beide irgendwann sterben – aber dass sie weiß, wie es passieren wird, gibt mir aus irgendeinem Grund das Gefühl, dauerhaft nur einen Schritt davon entfernt zu sein, sie zu verlieren.

Enya lächelt. »Viele Jahrhunderte«, meint sie.

Ich ziehe sie an mich. »Danke«, murmle ich, während Tränen der Erleichterung mir in den Augen brennen.

»Wofür?«, fragt sie und legt den Kopf auf meine Schulter. In der Nähe krächzt ein Vogel. Die Wellen umspülen beinahe unsere Füße.

»Dafür, dass du heute nicht stirbst.«

Ich beende mein Sunfolk-Training und zum ersten Mal werden Enya und ich getrennt. Sie bleibt hier auf Sun Isle, um weiterzulernen. Ich werde in das nächste Reich meiner Rotation geschickt. Auf die Moon Isle.

»Das stand doch schon lange fest«, meint Mutter, als wir beim Tee zusammensitzen.

Enyas Mutter lacht. »Erinnerst du dich noch, wie sie immer an ihren kleinen Fingern die Jahre abgezählt haben, die sie noch miteinander verbringen können, bevor Enya ihre Ausbildung beginnt? Wie alt waren sie damals? Sechs?« Sie schüttelt den Kopf. »Weißt du noch, wie wir sie erwischt haben, als sie weglaufen wollten? Wie weit sind sie noch gleich gekommen? Bis zur Abtei?«

Beide Frauen lachen, wobei sie sich zueinanderlehnen, so wie Freunde es häufig tun, während Enya und ich sie wütend anfunkeln.

»Ihr solltet eigentlich nett zu uns sein«, erinnert Enya ihre Mutter. »Wir sind eure Kinder. Ihr solltet nett sein, ganz egal worum es geht. Und das beinhaltet auch keine peinlichen Geschichten zu erzählen, die nicht dazu beitragen, die Intelligenz oder Kompetenz der königlichen Blutlinie zu beweisen.«

Enyas Mutter schüttelt den Kopf, während sie immer noch amüsiert die Lippen verzieht. »Nein. Ich bin deine Mutter und das bedeutet lediglich, dass ich dir die Wahrheit sagen werde.Und häufig ist die alles andere als schön.«

Daraufhin tauschen Enya und ich einen Blick aus.

»Wenn sie zusammen sind, dann sind unsere Mütter wie Harpyien«, meint sie, als wir zu dem Gelächter der beiden Frauen den Raum verlassen.

Ich grinse. »Vermutlich sagen sie dasselbe über uns.«

Enya schüttelt den Kopf. »Nein. Du bist nicht so witzig.«

Ich zwicke sie in die Seite und sie schlägt meine Hand weg. »Schreibst du mir?«

Ich nicke. Während der ersten paar Monate meines Trainings ist es mir nicht gestattet, Moon Isle zu verlassen. Die einzige Form der Kommunikation wird durch Briefe stattfinden. Wenn ich denn jemanden finde, der bereit ist, sie auch zu überbringen. »Natürlich.«

»Ich werde versuchen, nicht zu oft über die Wärme des Kamins in meinem Zimmer zu berichten oder den honiggesüßten Tee oder darüber, wie die Sonne meine Haut küsst.« Sie grinst mich an.

Ich seufze nur. Denn die Gemütlichkeit und Wärme von Sun Isle wird einer schrecklichen, brutalen Kälte weichen müssen.

In den letzten Jahren ihrer Ausbildung trainieren die Moonfolk-Soldaten in der Nähe des Vinderland-Gebietes weit im Norden, wo Temperaturen herrschen, die noch nicht einmal mein mittlerweile gemeistertes Feuer zurückdrängen kann.

»Die werden sicherlich auch Kamine haben«, entgegne ich, auch wenn ich mir da nicht ganz sicher bin. Schließlich war ich noch nie auf Moon Isle.

Frost

Es gibt keine Kamine in den Gemächern.

Lediglich zwei schmale Betten stehen an den Wänden und lassen kaum genug Raum, um zwischen ihnen hindurchzugehen.

Das einzige Fenster im Zimmer ist von einer Eisschicht überzogen. Nur ein kleiner Sonnenstrahl späht hindurch.

Die nächsten Jahre werden ganz besonders behaglich, das spüre ich.

Ich stelle den Rucksack ab und versuche mir vorzustellen, wie Enya in Gelächter ausbricht, wenn ich ihr erzähle, dass mein Atem sogar drinnen kleine Wolken bildet.

Bisher ist mein Mitbewohner noch nicht aufgetaucht. Also suche ich mir ein Bett aus und beginne mit eiskalten Fingern auszupacken. Agnes, die Hüterin meines Bruders, hat mich überrascht, indem sie mir eine selbst gestrickte Decke schenkte. Eigentlich sollte sie mich nicht verhätscheln, aber das hat sie nie davon abgehalten, mich so zu behandeln, als wäre ich genauso wichtig wie mein Bruder. Sorgsam lege ich sie aufs Bett, dann entfache ich ein Feuer in meiner Hand.

Die Wärme vertreibt sofort das Frösteln von meiner Haut, fühlt sich nach Heimat an.

Hinter mir wird die Tür mit Wucht aufgestoßen.

In Erwartung meines Mitbewohners drehe ich mich um. Stattdessen entdecke ich eine große Frau mit langen weißen Haaren, die mich böse anfunkelt.

Sofort schießt ihre Hand nach vorn und das Feuer in meiner erstarrt zu Eis. Erschrocken lasse ich es auf den Boden fallen, wo es auf den Steinen zersplittert.

»Dein Feuer wird hier nicht geduldet«, schnauzt sie. »Komm mit.«

Widerwillig lasse ich meinen Schlafplatz hinter mir und folge ihr über die Treppe nach unten. Andere Moonfolk-Schüler meiner Trainingsgruppe starren uns mit großen Augen an. Und beginnen zu tuscheln.

Die Moonling-Frau bleibt nicht an den Schlosstoren stehen, sondern marschiert hindurch, eine weitere Treppe nach unten, bis sie eine schneebedeckte Fläche erreicht.

Darauf zeigt sie. »Hier wirst du heute Nacht schlafen, Sunling. Wenn ich dich noch einmal mit Feuer erwische, wirst du aus meinem Training ausgeschlossen.«

Meinem Training. Ich schlucke schwer. Das ist nicht einfach irgendeine Moonling-Frau.

Das ist Ausbilderin Cleo. Die jüngere Schwester der Moonfolk-Herrscherin, die für ihr gnadenloses Training bekannt ist. Mir wird klar, dass es sich dabei wohl nicht nur um ein Gerücht handelt, als sie sich umdreht und mich einfach ohne einen weiteren Blick draußen stehen lässt.

Ich lasse mich in den Schnee sinken und frage mich, wie ich Enya hiervon in einem Brief erzählen soll. Anfänglich ist es beinahe amüsant. Die kühle Temperatur ist ungewohnt. Seltsam. Fasziniert betrachte ich das Eisschloss.

Dann geht die Sonne unter und die Kälte, die zurückbleibt, erstickt jeden weiteren Gedanken.

Zitternd liege ich auf dem Boden. Ich habe schon vor einiger Zeit jegliches Gefühl in Händen und Füßen verloren. Bei jedem Zittern jagt ein Schmerz wie tausend Nadelstiche durch meine Arme und Beine.

Frost bildet sich auf meinen Haaren. Und ich muss feststellen, dass Eis genauso brennt wie Feuer, nur auf seine ganz eigene beißende Weise.

Scheiß drauf.

Die Ausbilderin ist nicht hier. Sie sieht mich nicht. Vermutlich schläft sie, genauso wie ich es eigentlich sollte. Ich greife nach dem Feuer in mir.

Und erkenne, dass mich Ausbilderin Cleo nicht nur als Strafe gezwungen hat, hier draußen zu sein.

Sie wollte, dass es mir unmöglich ist, mein Feuer einzusetzen.

Die Flamme in meinem Inneren ist zu Eis erstarrt. Ich kann sie nicht nutzen. »Verdammt«, fluche ich in den Schnee.

Irgendwann schlafe ich dann doch ein. Als ich wieder auf-wache, ringe ich nach Luft. Aber nur ein kleiner Teil erreicht meine bebende Lunge. Ich muss husten. Und es tut schrecklich weh zu atmen. Alles schmerzt. Als ich die Augen öffne, ist sie da und starrt mich an.

Ausbilderin Cleo.

»Bereit aufzugeben?«, fragt sie emotionslos. Die weißen Haare hat sie zu einem langen Zopf zurückgebunden, der in dem eisigen Wind hinter ihr hin und her peitscht.

Irgendwie gelingt es mir, mich aufzurappeln, aber dafür brauche ich jedes noch so kleine bisschen Stärke und Entschlossenheit. Ich darf keine Schwäche zeigen. Nicht so früh in meinem Training.

Ich weigere mich, zurück ins Schloss geschickt zu werden. Besonders nachdem ich die Nacht überlebt habe.

Schlimmer als diese körperliche Folter wäre nur der Blick in Vaters Gesicht, wenn ich zu früh auf die Hauptinsel zurückkehre.

Ich richte mich auf, kämpfe gegen die drohende Ohnmacht an. »Niemals«, entgegne ich.

Sie lächelt. »Das werden wir noch sehen.«

Dann hebt sie die Hände und eine Welle zu Wasser gewordenem Schnee bricht über mich herein. Ich bin klatschnass. Die Nässe gefriert sofort und der Schmerz zwingt mich beinahe in die Knie.

Noch nie im Leben war mir so kalt. Sunling-Haut ist von Natur aus wärmer; unser Feuer nährt uns von innen heraus. Aber diese Fähigkeit zu meistern, dauert Jahrzehnte. Daher verschlingt diese brutale Kälte alles in mir. Selbst meine Entschlossenheit.

Ich mag zwar mein Feuer gefunden haben, aber jetzt wird mir klar, dass die wahre Prüfung erst begonnen hat. Nämlich, es selbst unter den gnadenlosesten Umständen wiederzufinden. Dieses Training widmet sich ebenso sehr dem Beherrschen des Feuers wie des Wassers.

»Meinst du, er wird sterben?«, fragt ein Moonfolk-Mädchen hinter mir, als Ausbilderin Cleo mit einem Grinsen im Gesicht davonschlendert. Langsam strömen meine Mitschüler die Stufen vor dem Schloss herunter.

»Nein«, entscheidet ein Junge, wirkt aber enttäuscht. Dann hellt sich seine Stimmung auf. »Aber vielleicht wird er ja heute Nacht umgebracht. Hast du gesehen, wer sein Mitbewohner ist?«

Auch wenn ich die nächsten geflüsterten Worte nicht hören kann, das überraschte Keuchen des Mädchens entgeht mir nicht.

»Du verarschst mich doch! Er wird nicht eine Nacht überleben.«

Mitbewohner? Dank Cleos Strafe habe ich keine Ahnung, wer das sein könnte. Soweit ich weiß, habe ich keine Feinde unter dem Moonfolk –

Selbst durch den beißenden Wind hallt Cleos Stimme deutlich zu uns. »Stillgestanden!«, kommandiert sie, bevor sie uns in eine Reihe dirigiert. Dutzende von Moonfolk-Kindern werden dieses Jahr mit mir trainiert. Wir sind alle in weiße Umhänge gehüllt, doch die sind nicht einmal annähernd warm genug für diese Witterung. Durch den Schnee kann ich kaum die Gesichter der anderen ausmachen. Wer bitte ist mein Mitbewohner?

Um mich herum erklingt Gelächter. Ich kann das Geflüster hören, als alle über einen Witz lachen, den ich nicht verstehe.

Aber dann rammt Ausbilderin Cleo ihren Stab in den Schnee und alle verstummen. »Wenn ihr Moonfolk-Krieger werden wollt, dann müsst ihr beweisen, dass ihr auch im rauesten Klima überleben könnt. Entweder stellt ihr eine Verbindung zu der Kälte her – oder sterbt. Jetzt ist die letzte Gelegenheit, das Training abzubrechen. Irgendwer?«

Keine einzige Person rührt sich. Da wir uns nicht im Krieg befinden, ist das Moonfolk-Training optional. Alle hier kennen die Risiken, wissen, dass mehr als die Hälfte der Klasse die nächsten Jahre nicht überleben wird.

»Gut. Ich hoffe, ihr konntet die Annehmlichkeiten eurer Zimmer letzte Nacht genießen, denn ihr werdet die nächsten Monate dort draußen im Vinderland-Gebiet verbringen, mit nichts als dem, was ihr am Leibe tragt.«

Ein Schauer des Entsetzens rieselt mir über den Rücken.

Schon so früh? Die Klassen, von denen ich bisher gehört habe, sind erst in ihrem letzten Jahr nach Norden gezogen – aber ich habe auch noch nie jemanden getroffen, der Cleos Training überlebt hat.

Sie zeigt gen Norden. »Ihr werdet euer eigenes Essen jagen müssen. Euer eigenes nicht gefrorenes Wasser finden. Gegen eure Klassenkameraden um Ressourcen kämpfen müssen. Eine eigene Behausung erbauen. Eure Verbindung zur Kälte finden müssen. Oder ihr werdet sterben.« Sie sieht sich um. »Das Vinderland-Gebiet ist erbarmungslos – genau wie das Leben.«

Aufgeregtes Getuschel brandet auf, aber Ausbilderin Cleo lässt es mit einer gehobenen Hand verstummen.

»Ihr werdet euch dieser Herausforderung in Paaren stellen. Sucht euch eure Mitbewohner. Es gibt keinerlei Regeln. Außer zu überleben.«

Mitbewohner.

Ich schlucke schwer, als Ausbilderin Cleo davongeht, zurück die Treppe zum Moonling-Schloss hinauf. Um mich herum brechen alle in Panik aus, während sie nach ihrem Partner suchen.

Ich weiß nicht wirklich viel über das Vinderland-Gebiet, nur dass es ein Ort ist, an den sich kaum ein Moonling wagt. Es ist selbst für jene, die ihre Ausbildung bereits abgeschlossen haben, zu kalt.

»Das Vinderland-Gebiet? Sie wird uns umbringen!«

»Nicht einmal Jagdtrupps wagen sich dorthin.«

»Ich habe gehört, dass es von Leichen übersät ist. Entdecker nutzen sie als Orientierungspunkte.«

Das werde ich nicht überleben. Dafür hat Cleo gesorgt. Im Gegensatz zu den anderen Moonfolk-Rekruten, die ihr ganzes Leben hier verbracht haben, bin ich dieses Klima nicht ge-wohnt. Und ich friere bereits jämmerlich. Außerdem habe ich seit Stunden weder etwas getrunken noch gegessen. Wenn es Ausbilderin Cleos Ziel ist, mich zu töten, dann wird sich ihr Wunsch erfüllen.

Selbst wenn ich es wollte, könnte ich meinen festgefrorenen Körper nicht von der Stelle bewegen. Immerhin zittere ich nicht einmal mehr. Ich stehe einfach nur da und frage mich, wer wohl dieser mysteriöse Mitbewohner ist.

Derjenige, der mich angeblich tot sehen will.

Derjenige, der mich bei der ersten Gelegenheit umbringen wird.

Jedoch hat es irgendwie etwas Beruhigendes an sich zu wissen, dass die Kälte das vermutlich vor ihm schaffen wird.

Plötzlich löst sich jemand aus der Menge. Und alle machen einen großen Bogen um ihn, machen ihm Platz.

Er ist ein Riese. Mindestens zwei Meter groß und besteht nur aus Muskeln, wie ein menschgewordener Fels.

Sein Blick ist auf mich fixiert.

Zwar erkenne ich ihn nicht, aber den Namen, den die anderen um mich herum flüstern, kenne ich sehr wohl. Mir gefriert das Blut in den Adern.

Calder.

Der Sohn des Anführers der größten Rebellion, die es auf Lightlark seit Jahrhunderten gegeben hat.

Der Sohn des Mannes, den Vater erst vor ein paar Jahren in ein Häufchen Asche verwandelt hat.

Scheiße.

Calder

Bisher hat der Moonling nicht versucht, mich zu töten. Noch nicht.

Vermutlich wartet er damit, bis wir allein sind, denke ich, da er wahrscheinlich keine Zeugen haben will, nur falls Vater sich doch genug für mich interessiert, um ihn dafür einzusperren.

Wir sind unterwegs nach Norden, in Richtung Vinderland-Gebiet. Er pflügt mit den langen Beinen durch den Schnee, ebnet mir so den Weg und ich starre derweil Löcher in seinen Rücken, immer meinen Dolch griffbereit. Doch ich frage mich, ob die Klinge überhaupt seine Haut durchdringen könnte. Ob ich es an den Knochen vorbeischaffen würde, bevor er mich tötet. Ob ich überhaupt eine Chance hätte.

Sein Vater hat meinen in dem Versuch, ihn zu stürzen, beinahe umgebracht. Doch stattdessen endete er selbst als Asche zu dessen Füßen.

Wie lange wird es wohl dauern, bis Calder sich entscheidet, mich für Vaters Taten büßen zu lassen?

Es ist egal, dass ich seinen Vater nicht einmal kannte. Es ist egal, dass ich den Menschen, die mich bereits hassen, nie auch nur den geringsten Schaden zugefügt habe. Ich werde trotzdem immer dafür verantwortlich gemacht. Ich werde immer die Verachtung anderer abbekommen, einfach nur weil ich bin, wer ich bin.

Und ich würde alles dafür geben, besonders in diesem Moment, jemand anderes zu sein.

Schließlich bleibt Calder stehen und ich wäre beinahe in ihn hineingerannt.

»Hier«, brummt er und lässt seinen Rucksack fallen. Er hat ihn vorhin direkt mit nach unten gebracht. So als hätte er gewusst, dass wir uns in die Wildnis schlagen müssen.

»Hier?«, frage ich und sehe mich um. Unsere Klassenkameraden ziehen weiter, wobei sie sich jegliche Mühe geben, Calder aus dem Weg zu gehen. Es wirkt nicht wie ein besonders guter Ort.