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Anthologie zu Seuchen. Redigiert, exzerpiert, tlw. neu übersetzt und illustriert. Romane und Biographien in relevanten Ausschnitten, Erzählungen, Gedichte, Briefe, Berichte und Sagen.
In Zeiten der Virus-Pandemie präsentiert Dieter Kiepenkracher ausgewählte literarische Texte des 16. bis 20. Jahrhunderts zu Seuchen. Denn der Vergleich macht Sie sicher.
"Diese Cholera ist eine prächtige Erfindung. Das ist etwas, was auch die Deutschen in Bewegung setzen könnte."
Ludwig Börne.
"Diese Krankheit macht uns grausam zueinander, als wären wir Hunde." Samuel Pepys.
Tucholsky fiebert fröhlich, Fontane hustet brieflich. Bei Nesthäkchen und Ganghofer erkrankt man schwer an Grippe. Kisch berichtet von Maschinen-Mädchen in Chinas Kliniken.
Roth schreibt über Liebe in Zeiten der Cholera. Kossowicz rächt sich. "Gesegnet sei die Cholera!" rufen die New-Yorker, Massengräber füllen sich in New Orleans. Bertha von Suttner erinnert an das Grauen. Die Intimfeinde Heine und Börne schreiben aus Paris.
Der schwarze Tod, die Pest wütet in Bergamo. Defoe berichtet aus London. Poe erzählt, mal allegorisch, mal burlesk. Casanova liebt die Pocken. Die Brüder Grimm sammeln schauerliche Sagen. Schiller fantasiert, Montaigne räsoniert.
"Krankheit empfindet man, Gesundheit wenig oder gar nicht; so wie man Dinge weniger fühlt, die uns wohl tun, als die uns weh tun." Michel de Montaigne.
"Man vermeide es, sich beim Husten die Hand vor den Mund zu halten, weil dies nicht gesund für die Bazillen ist." Kurt Tucholsky.
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Seitenzahl: 236
Veröffentlichungsjahr: 2020
In Zeiten der Virus-Pandemie präsentiert Dieter Kiepenkracher ausgewählte literarische Texte des 16. bis 20. Jahrhunderts zu Seuchen. Denn der Vergleich macht Sie sicher.
Tucholsky fiebert fröhlich, Fontane hustet brieflich. Bei Nesthäkchen und Ganghofer erkrankt man schwer an Grippe. Kisch berichtet von Maschinen-Mädchen in Chinas Kliniken.
Roth schreibt über Liebe in Zeiten der Cholera. Kossowicz rächt sich. „Gesegnet sei die Cholera!“ rufen die New-Yorker, Massengräber füllen sich in New Orleans. Bertha von Suttner erinnert an das Grauen. Die Intimfeinde Heine und Börne schreiben aus Paris.
Der schwarze Tod, die Pest wütet in Bergamo. Defoe berichtet aus London. Poe erzählt, mal allegorisch, mal burlesk. Casanova liebt die Pocken. Die Brüder Grimm sammeln schauerliche Sagen. Schiller fantasiert, Montaigne räsoniert.
Grippe (Influenza) und Tuberkulose
Kurt Tucholsky: Rezepte gegen Grippe
Hermann Löns: Influenza
Kurt Tucholsky: Spanische Krankheit?
Kurt Tucholsky: Ruhe und Ordnung
Egon Erwin Kisch: Kinder als Textilarbeiter
Else Ury: Kohlennot
Ludwig Ganghofer: Buch der Kindheit
Theodor Fontane: Zwei Briefe
Theodor Fontane: Der Stechlin
Cholera und Gelbfieber
Theodor Rumpf: Die Bekämpfung übertragbarer Erkrankungen
Joseph Roth: Das falsche Gewicht
Karl Emil Franzos: Kossowiczs Rache
Adolf Douai: Eine Mustermordanstalt
Ferdinand Stolle (Hrsg.): Die Pestilenz in New-Orleans
Bertha von Suttner: Die Waffen nieder!
Fanny Lewald: Im Vaterhause
Karl Friedrich Burdach: Die Cholera
Heinrich Heine: Französische Zustände
Ludwig Börne: Briefe aus Paris
Jodocus Deodatus Hubertus: Die Cholera
Pest und Pocken
Hermann von Lingg: Der schwarze Tod
Jens Peter Jacobsen: Die Pest in Bergamo
Edgar Allan Poe: Die Maske des roten Todes
Edgar Allan Poe: König Pest
Giacomo Casanova: Die Pocken
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staats
Johann Georg Theodor Grässe: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen
Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsche Sagen
Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch
Alexander Schöppner: Sagenbuch der Bayerischen Lande
Friedrich Schiller: Die Pest, eine Fantasie
Daniel Defoe: Die Pest zu London
Hans Aßmann von Abschatz: Die Blattern oder Kinderpocken
Michel de Montaigne: Von der Physiognomie
Quellenverzeichnis
(Vossische Zeitung 1931)
Beim ersten Herannahen der Grippe, erkennbar an leichtem Kribbeln in der Nase, Ziehen in den Füßen, Hüsteln, Geldmangel und der Abneigung, morgens ins Geschäft zu gehen, gurgele man mit etwas gestoßenem Koks sowie einem halben Tropfen Jod. Darauf pflegt dann die Grippe einzusetzen.
Die Grippe – auch ›spanische Grippe‹, Influenza, Erkältung (lateinisch: Schnuppen) genannt – wird durch nervöse Bakterien verbreitet, die ihrerseits erkältet sind: die sogenannten Infusionstierchen. Die Grippe ist manchmal von Fieber begleitet, das mit 128° Fahrenheit einsetzt; an festen Börsentagen ist es etwas schwächer, an schwachen fester – also meist fester. Man steckt sich am vorteilhaftesten an, indem man als männlicher Grippekranker eine Frau, als weibliche Grippekranke einen Mann küßt – über das Geschlecht befrage man seinen Hausarzt. Die Ansteckung kann auch erfolgen, indem man sich in ein Hustenhaus (sog. ›Theater‹) begibt; man vermeide es aber, sich beim Husten die Hand vor den Mund zu halten, weil dies nicht gesund für die Bazillen ist. Die Grippe steckt nicht an, sondern ist eine Infektionskrankheit.
Sehr gut haben meinem Mann ja immer die kalten Packungen getan; wir machen das so, daß wir einen heißen Grießbrei kochen, diesen in ein Leinentuch packen, ihn aufessen und dem Kranken dann etwas Kognak geben – innerhalb zwei Stunden ist der Kranke hellblau, nach einer weiteren Stunde dunkelblau. Statt Kognak kann auch Möbelspiritus verabreicht werden.
Fleisch, Gemüse, Suppe, Butter, Brot, Obst, Kompott und Nachspeise sind während der Grippe tunlichst zu vermeiden – Homöopathen lecken am besten täglich je dreimal eine Fünf-Pfennig-Marke, bei hohem Fieber eine Zehn-Pfennig-Marke.
Bei Grippe muß unter allen Umständen das Bett gehütet werden – es braucht nicht das eigene zu sein. Während der Schüttelfröste trage man wollene Strümpfe, diese am besten um den Hals; damit die Beine unterdessen nicht unbedeckt bleiben, bekleide man sie mit je einem Stehumlegekragen. Die Hauptsache bei der Behandlung ist Wärme: also ein römisches Konkordats-Bad. Bei der Rückfahrt stelle man sich auf eine Omnibus-Plattform, schließe aber allen Mitfahrenden den Mund, damit es nicht zieht.
Die Schulmedizin versagt vor der Grippe gänzlich. Es ist also sehr gut, sich ein siderisches Pendel über den Bauch zu hängen: schwingt es von rechts nach links, handelt es sich um Influenza; schwingt es aber von links nach rechts, so ist eine Erkältung im Anzuge. Darauf ziehe man den Anzug aus und begebe sich in die Behandlung Weißenbergs. Der von ihm verordnete weiße Käse muß unmittelbar auf die Grippe geschmiert werden; ihn unter das Bett zu kleben, zeugt von medizinischer Unkenntnis sowie von Herzensrohheit.
Keinesfalls vertraue man dieses geheimnisvolle Leiden einem sogenannten ›Arzt‹ an; man frage vielmehr im Grippefall Frau Meyer. Frau Meyer weiß immer etwas gegen diese Krankheit. Bricht in einem Bekanntenkreis die Grippe aus, so genügt es, wenn sich ein Mitglied des Kreises in Behandlung begibt – die andern machen dann alles mit, was der Arzt verordnet. An hauptsächlichen Mitteln kommen in Betracht: Kamillentee. Fliedertee. Magnolientee. Gummibaumtee. Kakteentee.
Diese Mittel stammen noch aus Großmutters Tagen und helfen in keiner Weise glänzend. Unsere moderne Zeit hat andere Mittel, der chemischen Industrie aufzuhelfen. An Grippemitteln seien genannt:
Aspirol. Pyramidin. Bysopeptan. Ohrolax. Primadonna. Bellapholisiin. Aethyl-Phenil-Lekaryl-Parapherinan-Dynamit-Acethylen-Koollomban-Piporol. Bei letzterem Mittel genügt es schon, den Namen mehrere Male schnell hintereinander auszusprechen. Man nehme alle diese Mittel sofort, wenn sie aufkommen – solange sie noch helfen, und zwar in alphabetischer Reihenfolge, ch ist ein Buchstabe. Doppelkohlensaures Natron ist auch gesund.
Besonders bewährt haben sich nach der Behandlung die sogenannten prophylaktischen Spritzen (lac, griechisch; so viel wie ›Milch‹ oder ›See‹). Diese Spritzen heilen am besten Grippen, die bereits vorbei sind – diese aber immer.
Amerikaner pflegen sich bei Grippe Umschläge mit heißem Schwedenpunsch zu machen; Italiener halten den rechten Arm längere Zeit in gestreckter Richtung in die Höhe; Franzosen ignorieren die Grippe so, wie sie den Winter ignorieren, und die Wiener machen ein Feuilleton aus dem jeweiligen Krankheitsfall. Wir Deutsche aber behandeln die Sache methodisch:
Wir legen uns erst ins Bett, bekommen dann die Grippe und stehen nur auf, wenn wir wirklich hohes Fieber haben: dann müssen wir dringend in die Stadt, um etwas zu erledigen. Ein Telefon am Bett von weiblichen Patienten zieht den Krankheitsverlauf in die Länge.
Die Grippe wurde im Jahre 1725 von dem englischen Pfarrer Jonathan Grips erfunden; wissenschaftlich heilbar ist sie seit dem Jahre 1724.
Die glücklich erfolgte Heilung erkennt man an Kreuzschmerzen, Husten, Ziehen in den Füßen und einem leichten Kribbeln in der Nase. Diese Anzeichen gehören aber nicht, wie der Laie meint, der alten Grippe an – sondern einer neuen. Die Dauer einer gewöhnlichen Hausgrippe ist bei ärztlicher Behandlung drei Wochen, ohne ärztliche Behandlung 21 Tage. Bei Männern tritt noch die sog. ›Wehleidigkeit‹ hinzu; mit diesem Aufwand an Getue kriegen Frauen Kinder.
Das Hausmittel Cäsars gegen die Grippe war Lorbeerkranz-Suppe; das Palastmittel Vanderbilts ist Platinbouillon mit weichgekochten Perlen.
Und so fasse ich denn meine Ausführungen in die Worte des bekannten Grippologen Professor Dr. Dr. Dr. Ovaritius zusammen:
Die Grippe ist keine Krankheit – sie ist ein Zustand –!
(Frau Döllmer 1928)
Sie ist in allen Häusern gewesen,
Die Influenza, und auch bei mir;
Ich hab' sie mit allen Mitteln behandelt,
Mit Bädern, Pulvern und Salbengeschmier.
Ich folgte dem Rat jedes Freundes
Und aß sechs Apotheker reich.
Ich trank heute Grog, morgen Rotspon
Und Kognak dann, mir war alles gleich.
Ich habe geschwitzt und habe gefroren
Im Dampfbad und Packung, es blieb egal,
Es wurde nicht besser, nicht schlimmer,
Kontraktmäßig blieb ihre Zeit sie einmal.
Ich hab' mich an dem gräßlichsten Teezeug
Und an dem greulichsten Pulver gelabt,
Und hätt' ich mich weiter um sie gekümmert,
Dann hätt' ich sie wohl noch länger gehabt.
(Die Weltbühne 1918)
Was schleicht durch alle kriegführenden Länder?
Welches Ding schleift die infizierten Gewänder
vom Schützengraben zur Residenz?
Wer hat es gesehen? Wer nennts? Wer erkennts?
Schmerzen im Hals, Schmerzen im Ohr -
die Sache kommt mir spanisch vor.
Aber wenn ichs genau betrachte
und hübsch auf alle Symptome achte,
bemerke ich es mit einem Mal:
das ist nicht international.
Und seh ich das ganze Krankenkorps:
kommts mir gar nicht mehr spanisch vor.
Ein bißchen Gefieber, ein bißchen Beschwerden,
Onkel Doktor sagt: »Morgen wirds besser werden!«
Nachts im Dunkel Transpirieren,
Herzangst, Schwindel und Phantasieren,
mittags Erhitzen, abends Erkalten,
morgen ist alles wieder beim Alten -
Das ist keine Grippe, kein Frost, keine Phtisis -
das ist eine deutsche politische Krisis.
(Die Weltbühne 1925)
Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben,
wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben -
das ist Ordnung.
Wenn Werkleute rufen: »Laßt uns ans Licht!
Wer Arbeit stiehlt, der muß vors Gericht!«
Das ist Unordnung.
Wenn Tuberkulöse zur Drehbank rennen,
wenn dreizehn in einer Stube pennen -
das ist Ordnung.
Wenn einer ausbricht mit Gebrüll,
weil er sein Alter sichern will -
das ist Unordnung.
Wenn reiche Erben im Schweizer Schnee
jubeln - und sommers am Comer See -
dann herrscht Ruhe.
Wenn Gefahr besteht, daß sich Dinge wandeln,
wenn verboten wird, mit dem Boden zu handeln -
dann herrscht Unordnung.
Die Hauptsache ist: Nicht auf Hungernde hören.
Die Hauptsache ist: Nicht das Straßenbild stören.
Nur nicht schrein.
Mit der Zeit wird das schon.
Alles bringt euch die Evolution.
So hats euer Volksvertreter entdeckt.
Seid ihr bis dahin alle verreckt?
So wird man auf euern Gräbern doch lesen:
sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen.
(China geheim 1933)
»Eine genügt,« sagt der Arzt. Wir haben um die Erlaubnis gebeten, einige Krankheitsgeschichten abschreiben zu dürfen.
»Wozu einige? Die Fälle sind im Grunde alle gleich.« Er deutet ringsumher auf die Betten in der Shanghaier Tuberkulose-Klinik. Aus unentwickelten Kinderkörpern dringt roter Husten.
»Alle sind Fabriksarbeiterinnen, sie haben die gleiche Anamnese und den gleichen Befund. Wozu brauchen Sie einige Krankheitsgeschichten? Eine genügt.«
Sie genügt wirklich: Tsai-Bi, Mädchen, 18 Jahre alt, aus der Provinz Tschekian stammend, kam vor sieben Jahren mit ihren Eltern nach Shanghai. Arbeitet in Textilfabriken seit ihrem 11. Lebensjahr. Erste Menses vor zehn Monaten (im Alter von 17 Jahren), die nächste drei Monate später, beide Male geringe Mengen hellen, dünnen Blutes. Später hat sich die Periode nicht wiederholt. In der Fabrik arbeitet Patientin dreizehn Stunden täglich, abwechselnd einmal Nachtschicht, einmal Tagschicht, außer einer Urlaubswoche im Winter. Vater starb vor fünf Jahren an schleimig-blutigem Durchfall. Mutter lebt und war bisher gesund, leidet in letzter Zeit aber an Husten mit Auswurf. Auch eine Schwester leidet an Husten. Keine sicher festgestellte Tuberkulose in der Familie.
Patientin klagt derzeit über starken Husten mit grünlichem Auswurf seit mehr als einem Monat. Die Erkrankung begann mit Schüttelfrost, Fieber und Schwindelanfällen. Hatte schon etwa zwei Monate vorher leichten Husten, seit Beginn der Erkrankung starke Vermehrung des Auswurfs, der in der letzten Zeit übelriechend ist. Patientin klagt weiter über allgemeines Schwächegefühl und starke Nachtschweiße. Patientin hat bis zu ihrer Einlieferung trotz der obigen Beschwerden gearbeitet, obwohl der Husten sie wesentlich behinderte.
An früheren Erkrankungen gibt Patientin eine Attacke von Dysenterie vor drei Jahren an, ferner vor einem Jahr Schwellung der Halsdrüsen. Aus dem Status praesens: Unterernährte und unterentwickelte Patientin. Scham- und Achselhaare fehlen. Die Brüste entsprechen in ihrer Entwicklung denen eines dreizehnjährigen Mädchens. Uhrglasnägel. Leichte Cyanose des Gesichts und der abhängigen Teile. Diagnose (auf Grund der physikalischen und der Röntgenuntersuchung): Pubertätsphthisis der rechten Lunge mit mittelgroßem Cavum des Oberlappens.
»Gibt es Hilfe?« fragen wir den Arzt. »In China? Nein.«
Chinas Industrie ist eigentlich den Kinderschuhen bereits entwachsen, ihre Arbeiterschaft noch nicht. Physisch nicht: sie besteht zu vierzig Prozent aus Kindern, die, wie wir aus dem Krankenbefund ersehen, aus dem Kindesalter auch dann nicht herauskommen, wenn sie aus dem Kindesalter bereits heraus sind.
Schreiten wir die Spinnereisäle einer großen Fabrik ab. Kleine Mädchen hantieren an den Spinnmaschinen, an den Verzwirnungsmaschinen, an den Vorspinn-Spindeln. Keines der Kinder sieht älter aus als sechs Jahre. Aber wir wissen von der Klinik her, daß der Schein täuscht. Dort sahen die Zwanzigjährigen wie Dreizehnjährige aus, also sind die, die hier in Gestalt von kaum Sechsjährigen an den Maschinen arbeiten, allenfalls schon elf oder dreizehn Jahre alt.
Sie können mit ihren Händchen jeden Faden manipulieren, der es nötig hat, sie können leere Spindeln aufstecken und volle Spindeln abnehmen, ohne sich auf die Fußspitzen oder gar auf einen Schemel stellen zu müssen, – die Apparatur ist ihrer Größe angemessen.
Es sind Maschinen aus England. Dieses Triumphes der Technik rühmt man sich wenig, wir haben über Kinder-Spinnmaschinen noch nie etwas gelesen, auf den kleinen Maschinen prangt auch nicht die Plakette der Herstellungsfirma, während auf jeder großen eindringlich der Name »Asa Lees, Oldham« oder der einer andern englischen Fabrik steht.
»Wurden diese Miniatur-Maschinen eigens für China erfunden?« forschen wir bei nächster Gelegenheit einen englischen Fabrikvertreter aus. Er beeilt sich, uns zu versichern, daß das nicht der Fall sei.
»Im Gegenteil, die Child-Size-Machinery war jahrzehntelang im ganzen Textilgebiet von Lancashire in Gebrauch. Als man die Kinderarbeit in Großbritannien verbot, wurden die Maschinen nach Amerika geliefert. Erst jetzt gehen sie in die Kolonien und nach China.« Wir bitten höflich um Entschuldigung, England ungerechterweise verdächtigt zu haben.
(12. Kapitel Nesthäkchens Backfischzeit 1919)
Die Klingel stand jetzt während der Sprechstunde nicht still. Denn Hand in Hand mit der Kälte schritt die Grippe, die heimtückische Krankheit, die so viele blühende Menschenleben dahinraffte, durch die Straßen der Großstadt. Da war kaum ein Haus, das sie mit ihrem schlimmen Besuch verschonte. Die Ärzte hatten Tag und Nacht keine Ruhe. Und Doktor Braun in seinem unermüdlichen Pflichteifer gönnte sich knapp die Zeit zu den Mahlzeiten.
»Du treibst es so lange, bis du selbst nicht mehr weiter kannst, Ernst,« warnte seine Frau besorgt.
»Zu Essen und Trinken muß Zeit sein. Das dankt einen kein Deibel nich, wenn man nachher selbst auf de Nase liejt,« räsonierte Hanne, wenn sie immer wieder das aufgewärmte Essen in die Kochkiste zurückpacken mußte, weil stets neue Hilfsbedürftige erschienen.
Auch Annemarie bat den Vater unter zärtlichem Streicheln, sich doch ein wenig mehr Ruhe zu gönnen. Aber weder die Sorge seiner Gattin, weder Hannes Gebrumm, noch Nesthäkchens Betteln vermochten Doktor Braun von seiner unausgesetzten Pflichterfüllung zurückzuhalten. Dieses strenge Pflichtbewußtsein wurde, ohne daß der Vater es wußte, seinen Kindern zum nachahmenswerten Beispiel. Hans, sein Ältester, bedurfte dessen nicht erst. Der war schon als Schuljunge stets der Primus durch alle Klassen gewesen; der hatte seine Examina mit Auszeichnung gemacht und war jetzt als Referendar ebenso tüchtig und fleißig wie als Schüler. Mit Klaus hingegen lag die Sache anders. Klaus hatte stets das Wort befolgt: »Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt – der ist verrückt.« Durch das Gymnasium hatte er sich mit viel Geschick mittels Klatschen und Eselsbrücken glücklich hindurchgeschwindelt. Wie er durch das Abitur mit durchgerutscht war, blieb der Braunschen Familie ein ungelöstes Rätsel. Denn arbeiten hatte ihn keiner je zum Abiturientenexamen gesehen.
Die Studentenzeit aber hielt er nun vollends lediglich für den Zweck des Kollegschwänzens, des Kneipens und des darauf folgenden Katers eingerichtet. Er verbummelte in den ersten Semestern gehörig. Jetzt aber, wo er den Vater Tag und Nacht im Dienste der Menschheit tätig sah, begann er sich seines Drohnenlebens zu schämen. Das äußerte sich dadurch, daß er nicht jeden Kneipen- und jeden Bierbummel mehr mitmachen mußte. Daß er bei den Kollegs nicht nur als Gast, sondern als regelmäßiger Hörer erschien. Und daß er zu Hause für die gesamte Familie, Hanne und Minna miteingerechnet, Stiefeln besohlte, in denen zwar kein Mensch laufen konnte, da stets irgendwo ein Nagel heimtückisch herausschaute. Dafür machte aber diese segensreiche Beschäftigung um so mehr Lärm und ward zum Apfel der Zwietracht zwischen ihm und Nesthäkchen. Denn Annemarie behauptete voll Undankbarkeit, durch das abscheuliche Gehämmer beim Lernen gestört zu werden. Während Klaus seinerseits geltend machte, daß bei Annemaries lautem Auswendiglernen der sanftmütigste Mensch die Tollwut bekommen könne.
Annemarie lernte augenblicklich in der Tat »mit Dampf« trotz der Kälte. Sie mußte fleißig sein, um bald Medizin studieren zu können, und den Vater, der ohne Rücksicht auf seine Gesundheit immer hilfsbereit war, zu entlasten. Wenn man ein solches Ziel vor sich hat, schweigen selbstsüchtige Wünsche. Dann können die blanken Schlittschuhe noch so blitzen und funkeln, erst hieß es, die Schulaufgaben zu erledigen und die Unterrichtsstunden, die man selbst gab, pünktlich innezuhalten. Da kann der Rodelschlitten noch so sehr nach dem Grunewald locken – für derartige Extravergnügungen blieb der Sonntag. Selbst die Tanzstunde mit all ihren Zauberklängen wurde mit Aufbietung aller Willenskraft in den Hintergrund geschoben, solange die Schulbücher das Regiment führten. »Ich lerne, daß mir der Kopf raucht, da merke ich die Kälte nicht,« pflegte Annemarie zu scherzen.
Eine Unterrichtsstunde, die Nesthäkchen erteilte, war aber doch der Kälte zum Opfer gefallen. Vera hatte gestreikt. Ihre Wohnung, die Zentralheizung hatte, wurde schon seit Wochen wegen des Kohlenmangels nicht mehr geheizt. Ob die Mieter sich auch beschwerten, ob sie drohten und schimpften, es nutzte ihnen alles nichts, sie mußten frieren. Annemaries »Grönland« war nicht wärmer. Das Familienzimmer, das die Mutter den jungen Mädchen zur Verfügung stellte, wurde als Mittelpunkt aller häuslichen Geräusche abgelehnt. Annemarie machte den Vorschlag, die Nachhilfestunde auf den Neuen See, der sich seit Wochen in eine spiegelblanke Eisbahn verwandelt hatte, zu verlegen. Mit Begeisterung nahm die Freundin diesen Ausweg an. Vera war eine vorzügliche Eiskünstlerin, und auch Doktors Nesthäkchen lief anmutig und graziös. Ja, ja – auf dem Neuen See wurde man warm. Dort würde es mit dem Unterrichten und Lernen sicher gehen. Es wäre auch gegangen, denn guten Willen dazu brachten Lehrerin und Schülerin mit. Wenn es nur dort keine Musikkapelle gegeben hätte, die alle die neuen Tänze, die man aus der Tanzstunde her kannte, erklingen ließ. Konnte man dabei trockene Grammatik treiben, wenn es einem in den Beinen zuckte, einen eleganten Eistanz zu vollführen, der die Bewunderung der vom schneeumböschten Ufer Zuschauenden erweckte? Da tauchte plötzlich in Nesthäkchens gelehrten Auseinandersetzungen irgendein Tanzstundenjüngling auf und warf die ganze deutsche Grammatik, die Annemarie so mühsam Veras hübschem Köpfchen einzutrichtern bemüht war, über den Haufen. Veras Versetzungsaussichten nach der Prima standen schlecht. Und daran waren nur die Kälte und die Kohlennot schuld.
In die Schule gingen die Mädel diesen Winter gern. Dort wärmte man sich wenigstens auf. Die städtischen Behörden wurden genügend mit Kohlen versorgt. Aber eines Tages wartete auch dort eine Überraschung. Herr Lustig, der Gesanglehrer, der die erste Stunde gab, da man zum Singen kein Licht brauchte, teilte den Schülern mit, daß der Unterricht heute zum letztenmal im Lyzeum erteilt würde. Das benachbarte Knabengymnasium sollte künftig auch der Bildungsstall der weiblichen Gymnasiasten werden. Der Unterricht würde nachmittags von zwei bis sieben Uhr dort stattfinden. Auf diese Weise würde die Heizung doppelt ausgenützt, und die Hälfte der Schulen sparte Kohlen.
»Fein, da können wir uns wenigstens ausschlafen!« Annemarie Braun rief es begeistert.
»Mein Vater ist vormittags auf dem Gericht, da kann ich in seinem warmen Arbeitszimmer meine Aufgaben machen,« frohlockte Marlene.
»Ich auch« – »ich auch.« Es war eine allgemeine Freude über die Veränderung. Allerdings erhoben sich auch einwendende Stimmen: »Das geht nicht, ich habe zweimal in der Woche nachmittags Turnstunde« – »wir haben doch unser Lesekränzchen am Sonnabend nachmittag« – »meine Klavierstunde kann bestimmt nicht verlegt werden« – »unsere Tanzstunde fängt schon um sechs Uhr an, die versäumen wir auf keinen Fall«. Trotz Turn- und Klavierstunde, trotz Lesekränzchen und Tanzstunde hatten die Behörden kein Einsehen. Der Schulunterricht fand künftig am Nachmittag statt.
»Nun kann der Eskimo aus Grönland fortziehen,« erklärte Nesthäkchen daheim und beschlagnahmte täglich nach der Morgensprechstunde das behaglich warme Zimmer des Vaters.
Doktor Braun liebte diese Gemeinschaft eigentlich nicht. Er hatte gern sein Reich für sich. An seinen Schreibtisch durfte allenfalls Muttis ordnende Hand sich wagen. Und selbst dann behauptete er, daß ihm alles verlegt sei und daß man nichts mehr finde. Jetzt, wo sein huschliges Nesthäkchen sich an seinem Heiligtum breitmachte, war das schlimmer als je. Bald fehlte ein Rezept, bald ein Kassenbon. Heute lag das Hörrohr nicht an seinem Platz, morgen wagte sich gar ein vergessenes französisches Buch zwischen medizinische Fachschriften.
»Wenn du deine Gedanken und deine Siebensachen nicht zusammenhalten wirst, marschierst du wieder nach Grönland zurück – verstanden, Lotte?« drohte Doktor Braun seinem Nesthäkchen.
Das aber lachte zu Vaters Worten. »Ehe meine Frostpfoten nicht geheilt sind, darfst du mich nicht rausschmeißen, Vatchen. Sonst kriege ich am Ende auch noch die Grippe!« Der Schlaukopf wußte, wie besorgt der Vater stets gewesen, daß sich sein Nesthäkchen in dem ungeheizten Raum etwas holen könnte.
Mutti aber sorgte sich eigentlich jetzt noch mehr, wo sie Annemarie im warmen Sprechzimmer ihres Mannes bei der Arbeit wußte. Wie leicht konnten dort noch Grippebazillen herumschwirren und ihr Nesthäkchen bedrohen. Fehlte doch jetzt schon die Hälfte der Klasse. Auch die Lehrer waren zum Teil erkrankt. Alle mußten sie der Modekrankheit ihren Tribut zahlen.
»Wir sind gefeit, Muttchen – in ein Doktorhaus wagt sich die Grippe nicht – presente medico nihil nocet,« prahlte Nesthäkchen mit seinen lateinischen Kenntnissen.
Aber die Grippe, die heimtückische, nahm keine Rücksicht auf Annemaries lateinische Gelehrsamkeit. Die schlüpfte ungesehen die mit roten Läufern belegte Treppe hinauf. Mit der aus der Schule heimkehrenden Margot huschte sie in die Thielensche Wohnung hinein. Dort scheuchte sie Margot mit brennender Stirn auf das Krankenlager. Auch die kleinen Geschwister ergriff sie. Doktor Braun ging manchen Tag dreimal hinüber, um nach den Schwerkranken zu sehen. Besonders Margot fieberte erschreckend hoch. Und wenn Annemarie den Vater nach dem Befinden der Freundin fragte, zuckte er nur die Achsel. Es stand sehr schlecht.
Annemarie hatte jetzt weder Lust zum Lernen, noch zum Schlittschuhlaufen oder zum Tanzen. Still und gedrückt stand das ausgelassene Backfischchen am Fenster, hauchte Gucklöcher in die eisblumigen Scheiben und starrte zu Thielens hinüber. Dort waren die Fenster nicht zugefroren, da sie dem scharfen Ostwind weniger ausgesetzt waren. Ab und zu tauchte dort drüben eine weiße Schwesternhaube am Fenster auf. Dann klopfte Annemaries Herz schneller. Wie mochte es Margot gehen?
Lieber Gott, wenn sie stürbe! Annemarie hatte kein reines Gewissen der kranken Freundin gegenüber. Hatte sie sich nicht oft über Margots pedantische Art lustig gemacht? Hatte sie ihr nicht den Namen »Tugendschäfchen« beigelegt? Und wie oft hatte sie Vera zärtlich umschlungen, sie gestreichelt und geherzt, bloß um Margot eifersüchtig zu machen. Wenn sie doch nur noch mal ihr Unrecht wieder gut machen konnte!
Gar zu gern hätte Annemarie persönlich nachgeschaut, wie es der armen Margot erging. Aber die Eltern hatten jegliche Verbindung mit Thielens der Ansteckungsgefahr wegen streng verboten.
Doch die Grippe kümmerte sich weniger als Nesthäkchen um das Verbot der Eltern. Durch die Hintertür wagte sie sich in die Braunsche Küche hinein. Minna, das Stubenmädchen, war die erste, die von ihren Fängen ergriffen wurde. Hanne pflegte sie getreulich und warf sich in die Brust: »Na, mir soll die Jrippe man drei Schritt von'n Leibe bleiben. Mit mich wird sie so leicht nich fertig.«
Es schien wirklich, als ob die Grippe vor der resoluten Hanne Respekt hätte. Sie machte einen großen Bogen um die energische Küchenfee herum und streckte die knöchernen Finger nach der schlanken Frau mit dem früh ergrauten Haar über dem noch jungen Gesicht am Fensterplatz des Wohnzimmers aus.
Mutti war krank. Jedes Kind empfindet ein Unbehagen, wenn die Mutter, die für alle da ist, für alle sorgt, das Bett hüten muß. Annemarie hatte dieses Unbehagen in gesteigertem Maße. Denn sie durfte nicht zur Mutter hinein; sie nicht pflegen und ihr Gesellschaft leisten, wie ihr Herz sie trieb. Ja, man schickte sie sogar aus dem Hause. Mutti selbst hatte es so angeordnet. Denn bei jungen Menschen trat die Grippe gefährlicher auf als bei reiferen. Frau Doktor Braun hatte nicht eher Ruhe, als bis ihr Nesthäkchen mit einem kleinen Handkoffer zur Großmama übergesiedelt war. Man mußte ihr den Willen tun, um das Fieber nicht zu steigern.
Für Annemarie bedeutete es von klein auf einen Festtag, wenn sie bei der Großmama sein konnte. Da war es so friedlich, so hell und sauber zwischen den alten Mahagonimöbeln, den blühenden Tulpen und Hyazinthen an allen Fenstern und den schneeweißen Tüllgardinen. Und Großmama selbst war so appetitlich, stets freundlich und voll Verständnis für alle kindlichen Wünsche. Diesmal jedoch fühlte sich Annemarie in den gemütlichen Räumen gar nicht so wohl wie sonst. Die gute Großmama kochte ihr all ihre Leibgerichte. Sie ließ die Stricknadeln leiser klappern, nur um die lernende Enkelin nicht bei der Arbeit zu stören. Denn Großmama konnte auch nur ein Zimmer heizen. Und auch das nur noch für wenige Tage.
Annemarie hatte weder Lust zur Arbeit, noch zur Unterhaltung. Das war nun eine ganz besondere Merkwürdigkeit bei der lebhaften Enkelin, deren munteres Wesen sonst Großmama eine Erquickung war.
»Kind, bist du auch gesund – ist dir auch nichts? Kein Gliederbrechen, kein Frösteln?« so forschte die alte Dame mit der ängstlichen Besorgnis der Großmütter so und so oft des Tages.
Dann lachte Annemarie wohl ihr altes, frisches Lachen. Aber nicht lange, so war sie wieder still und in sich gekehrt. Wenn sie nur bei Mutti hätte sein dürfen! Frau Doktor Braun war zart und anfällig, seitdem sie während des ersten Kriegsjahres in England interniert gewesen war. Nicht ohne Grund sorgte sich das junge Mädchen, daß der schwächliche Gesundheitszustand der Mutter die Grippe nicht überstehen würde. Jeden Morgen schlich sie sich nach Haus über den Hof zur Küche hinein.
»Hanne, wie geht's Mutti?« Wie bang die blauen Augen dreinsahen.
»Jut, janz jut, Kind – ich koch ihr eben ein Taubensüppchen. Aber mach, daß du wechkommst, Kind, wenn dich unser Herr Doktor hier erwischt, setzt es ein Donnerwetter.«
Bums – schlug die Tür zu und sperrte Annemarie mit all ihrem Bangen und den tausend Fragen, die ihr nach der Mutter noch auf der Seele brannten, einfach aus. Da stand sie vor der verschlossenen Tür ungefähr mit denselben Empfindungen, wie Puck an der Krankenstube, in die er nicht durfte.
Bei Thielens drüben war die Gefahr vorübergegangen. Das war wenigstens ein Lichtblick. Margot war fieberfrei, mußte aber noch lange das Bett hüten, da die Lunge etwas angegriffen war. Annemarie schrieb ihr zärtliche Briefe, um sie zu erfreuen und ihr Gewissen ihr gegenüber zu entlasten.
»Morgen müssen wir im Bett bleiben, Annemiechen,« eröffnete Großmama eines Tages der verwunderten Enkelin.
»Nanu – hat sich die verflixte Grippe etwa hier bei dir auch angesagt?«
»Behüte – aber wir haben heute die letzten Kohlen in den Ofen gelegt. Von Tag zu Tag hat mich der Kohlenlieferant vertröstet, aber er bekommt keine Ware herein. Frieren kann ich nicht, dazu bin ich schon zu alt; folglich bleiben wir im Bett.« Es war Großmama vollständig ernst mit ihrer Absicht.
»Aber ich doch nicht etwa auch, Großmuttchen? Ich lege einfach meine Eskimouniform wieder an. Ich bin Grönlandtemperatur schon gewöhnt,« erhob Annemarie lebhaft Einspruch.
Den ganzen Tag verfolgte sie der Gedanke, daß die arme Großmama von morgen ab frieren sollte. Die alte Dame saß selbst im geheizten Zimmer noch mit dem gehäkelten Seelenwärmer. Wie fing man es nur an, Kohlen für sie zu erhalten?
Als Annemarie abends aus dem Gymnasium mit kältegeröteten Wangen zur Großmama heimkehrte, hatte dort ein zweiter Gast seinen Einzug gehalten: Tante Albertinchen mit Nachtjacke, Zahnbürste und Lockenwickler, mit Sack und Pack.
»Tante Albertinchen, du wagst dich bei achtzehn Grad Kälte aus deinem warmen Stübchen heraus? Du bist doch sonst nicht so unternehmungslustig,« machte das Backfischchen seiner Überraschung Luft.
»Ja, Kind, wenn ich ein warmes Stübchen gehabt hätte, kriegten mich keine zehn Pferde heraus. Aber ich friere schon seit drei Tagen, ich habe das Reißen in allen Knochen.« Ganz betrübt hingen Tante Albertinchens Pudellöckchen herunter, die sonst so lustig zu wackeln pflegten. »Und weil ich weiß, daß Großmama ein leeres Bett für mich hat, habe ich mich zu der Übersiedelung hierher entschlossen. Ich ahnte ja nicht, daß das Bett schon besetzt sei, und daß es hier ebenso hundekalt ist wie bei mir.«
»Hundekalt – aber Tante Albertinchen, heute ist doch noch geheizt. Es ist doch ganz mollig hier.«
»Ja, aber morgen! Morgen werde ich hier genau so erstarrt sein wie zu Hause. Ach, wer mir das in meiner Jugend gesagt hätte, daß ich mal im Alter so frieren muß!«
Tante Albertinchens Kummer tat Annemaries liebevollem Herzen ganz schrecklich leid. Als sie nachts auf dem Sofa lag, denn das Bett hatte sie natürlich dem alten Tantchen mit den sorgsam aufgewickelten Locken abgetreten, zerbrach sich Annemarie den Kopf, woher sie wohl Kohlen für die beiden alten Damen auftreiben konnte. Bis in die Träume hinein verfolgte diese Unruhe die junge Schläferin. Aufgeregt warf sie sich auf dem ungewohnten Lager hin und her.
