Große Liebe im Gegenwind - Andrea Sommerer - E-Book

Große Liebe im Gegenwind E-Book

Andrea Sommerer

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Beschreibung

Als die hübsche Lotte aufs Volksfest geht, bleibt sie nicht lange allein, denn Toni, der Sohn eines Bauern, verschaut sich gleich in sie. Die beiden werden ein Paar. Doch für das junge Glück gibt es Hindernisse: Lotte, das Stadtkind, wird von Tonis Eltern nicht als zukünftige Bäuerin des Hofes akzeptiert. Toni lässt sich nicht beirren und heiratet sie schließlich. Aber Lotte findet auf dem Land nicht die erhoffte freundliche Aufnahme, vor allem Tonis Mutter macht der frisch gebackenen Jungbäuerin Schwierigkeiten. Lotte wird immer unglücklicher, und so muss sich Toni zwischen der Liebe zu ihr und seinem Herzenswunsch, Bauer zu sein, entscheiden. Wird diese Entscheidung ihr Glück zerstören?

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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LESEPROBE zuVollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2014

© 2014 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheimwww.rosenheimer.com

Titelfoto: © Vold77 – iStockphoto.com (oben) undW. Heiber Fotostudio – Fotolia.com (unten)Satz: SATZstudio Josef Pieper, Bedburg-Hau

eISBN 978-3-475-54363-0 (epub)

Worum geht es im Buch?

Andrea SommererGroße Liebe im Gegenwind

Als die hübsche Lotte aufs Volksfest geht, bleibt sie nicht lange allein, denn Toni, der Sohn eines Bauern, verschaut sich gleich in sie. Die beiden werden ein Paar. Doch für das junge Glück gibt es Hindernisse: Lotte, das Stadtkind, wird von Tonis Eltern nicht als zukünftige Bäuerin des Hofes akzeptiert. Toni lässt sich nicht beirren und heiratet sie schließlich. Aber Lotte findet auf dem Land nicht die erhoffte freundliche Aufnahme, vor allem Tonis Mutter macht der frisch gebackenen Jungbäuerin Schwierigkeiten. Lotte wird immer unglücklicher, und so muss sich Toni zwischen der Liebe zu ihr und seinem Herzenswunsch, Bauer zu sein, entscheiden. Wird diese Entscheidung ihr Glück zerstören?

Inhalt

Worum geht es im Buch?

Eine schicksalhafte Begegnung

Lottes Familienverhältnisse

Tonis Familienbande

Toni und Lotte

Es wird ernst

Die Entscheidung

Einheirat und ein anderer Alltag

Schwierige Aufgaben für Lotte

Lotte entscheidet sich

Toni trifft seine Entscheidung

Zurück in der Stadt

Oma und Opa greifen ein

Diplomatische Bemühungen

Ein versöhnliches Ende

Eine schicksalhafte Begegnung

Als Toni sie zum ersten Mal erblickte, war ihm tatsächlich, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen.

Er stand erstarrt inmitten der lauten Musik und des bunten Getümmels auf dem Volksfestplatz und beobachtete sie, völlig fasziniert von ihrem Aussehen, denn er war sicher, nie ein schöneres Mädchen gesehen zu haben, und er war bezaubert von ihrem Lächeln und der Selbstsicherheit, die sie ausstrahlte.

Er dachte: So ist das also. Und voller Erstaunen: Das gibt es wirklich, unglaublich, dass es einen so erwischt, von einem Moment zum anderen. Bis vor wenigen Sekunden hätte er es nicht für möglich gehalten, aber es gab sie also wirklich, die viel gerühmte Liebe auf den ersten Blick.

Ihm selber nicht bewusst, erschien ein glückliches Grinsen auf seinem Gesicht. Er konnte nicht anders, am liebsten wäre er vor Glück jubelnd herumgehüpft. Dass er eigentlich auf dem schnellsten Weg zu seinen Freunden ins Bierzelt wollte, hatte er total vergessen.

Das Mädchen hatte ein tolle Figur. Sie trug eine enge blaue Jeans, eine weiße Bluse mit kleinen roten und blauen Punkten darauf. Ein breiter roter Gürtel betonte ihre schmale Taille. Ein kleines blaues Täschchen hing an einem langen Riemen von ihrer Schulter. Gerade streckte sie sich, ein langes Bein schwang hin und her, ihr rechter Arm holte aus, probierte einige Schwünge, und dann ließ sie den Ball los, der auch wie beabsichtigt mitten in die aufgebaute Dosenpyramide flog und sie krachend einstürzen ließ.

Das Mädchen klatschte begeistert in die Hände, machte zwei übermütige Sprünge in die Luft, so dass ihr dunkelblondes schulterlanges Haar tanzte. Dann umarmte sie lachend eine ihrer beiden Freundinnen, die mit ihr hier auf diesem Volksfest in Angerburg unterwegs waren.

Toni wünschte brennend, er wäre an der Stelle dieser Freundin.

Sie bekam vom Betreiber der Wurfbude zwei kleine Becher aus bemalter Keramik zur Auswahl vorgelegt, einen mit einer rosafarbenen, den anderen mit einer blauen Rose darauf.

»Die blaue Rose gefällt mir besser!«, entschied sie schnell.

»Die passt zu ihren wunderbaren blauen Augen, schöne Frau«, erwiderte der Schausteller galant und überreichte den Preis.

Sogar der Schausteller sah ihr lächelnd nach, stellte Toni fest, während er ihrer hellen, klingenden Stimme hinterherhorchte.

Das Mädchen und ihre Freundinnen wanderten weiter und Toni heftete sich, wie magisch angezogen, an ihre Fersen, ließ SIE keine Sekunde aus den Augen. Er ging schneller, fest entschlossen, sich auf irgendeine Art mit ihr bekannt zu machen.

Die drei Mädchen diskutierten eben, ob sie mit dem – in dem kleinen niederbayerischen Städtchen Angerburg gar nicht so riesigen – Riesenrad fahren sollten.

SIE wollte nicht. »Das ist doch fad. Ich will lieber Autoscooter fahren.«

»Erst Riesenrad, dann Autoscooter«, versuchte die eine Freundin sie zu überreden.

Da kamen mit lautem Hallo zwei junge Burschen dazu, wurden freudig begrüßt und zum Riesenrad fahren überredet.

Die zwei Freundinnen und die jungen Männer stiegen ein, SIE blieb allein, wollte noch immer nicht.

Toni ergriff seine Chance, war mit einem langen Schritt neben ihr. »Hallo, grüß dich. Ich hab’ eben mitgekriegt, Autoscooter ist dir lieber, mir auch. Wie wär’s?«, fragte er betont forsch.

Helle blaue Augen musterten ihn eine ganze lange Sekunde, fast etwas hochmütig und gar nicht erbaut.

Schließlich antwortete sie kühl: »Ich wüsste nicht, dass wir uns kennen«, drehte sich um und marschierte los.

Toni hatte in ihre blauen Augen gesehen, ein paar Sommersprossen auf ihrer Nase bemerkt, ihre vollen Lippen und ihre schönen, geraden Zähne. Er lief neben ihr her. »Das lässt sich ändern. Also, ich bin der Toni.«

Sie schlenderte scheinbar ungerührt weiter, immerhin in eher mäßigem Tempo.

»Also Anton natürlich, eigentlich. Aber meine Spezeln sagen alle Toni zu mir«, erklärte er eifrig.

Sie warf ihm einen spöttischen Blick zu. »Wäre ich nie drauf gekommen.«

Toni war überhaupt nicht beleidigt, sondern im Gegenteil glücklich, überhaupt eine Antwort aus ihr herausgelockt zu haben.

»Was ist jetzt, fahren wir Autoscooter?«

»Wir?« Wieder traf ihn dieser spöttische, selbstbewusste Blick. »Wenn ich Autoscooter fahre, dann fahre ich selber, klar?«

»Klar, nichts dagegen. Ich bin ein absolut perfekter Beifahrer – Nerven wie Drahtseile!«, pries er sich selber.

Und das Wunder geschah. Sie lachte auf, nein, sie lachte ihn an und ging mit ihm zur Autoscooterbahn. »Dann los, Toni.«

Toni war selig, bezahlte aufgeregt einige Chips und schaute dabei immer wieder zu ihr hin, ob sie auch wirklich dablieb.

Sie blieb, beobachtete amüsiert den eben stattfindenden Massencrash, weil so gut wie alle Fahrer ein und denselben Wagen gejagt hatten und schließlich einen einzigen, verknäuelten Haufen bildeten, nichts ging mehr. Einige Fahrer kurbelten wild, um rückwärts aus der Massenkarambolage herauszukommen, und die wilde Jagd begann von vorn.

SIE fieberte richtig mit, stellte Toni aufmerksam fest. Als alle Autoscooter langsamer wurden und abstoppten, zeigte sie auf eines der bunten Fahrzeuge. »Ich will das pinkfarbene!«

Toni stürmte darauf zu, aber sie war genauso schnell und besetzte den kleinen, in knalligstem Pink gehaltenen Wagen gerade eben vor anderen Interessenten und setzte sich ans Lenkrad. Sie hielt ihre Hand auf. »Chip?«

Er legte einen in ihre Finger, schmale, feingliedrige Finger, die energisch zupackten und den Chip in den Schlitz drückten.

In dem kleinen, engen Gefährt berührten sich zuweilen ihre Schultern und Toni spürte die Wärme ihrer Haut. Er legte den Arm über die Rückenlehne auf ihrer Seite und sah sie an. Ihre Augen blitzten, ihr Mund lachte, während sie im Slalom durch die Bahn kurvten und von jedem Anrempler durchgerüttelt wurden.

Sie sagte etwas zu ihm, aber die Musik und der allgemeine Lärm waren so laut, dass er nichts verstand. »Was ist?« Er lehnte sich ganz nah zu ihr hin, schrie in ihr Ohr.

Sie drehte ihm ihr Gesicht zu. »Toll, nicht? Ich mag die Crashs!«

Er nickte nur heftig, völlig gefangen von ihrer pure Fröhlichkeit ausstrahlenden Miene und stellte fest, dass sogar ihre Augen lachen konnten. Und ihre Nase, eine schmale, schöne Nase, hatte viele winzige Sonnensprossen. Sie gefiel ihm von Minute zu Minute besser.

Kurz hintereinander wurden sie von zwei Seiten heftig gerammt. Er legte ganz automatisch in einer Geste der Fürsorglichkeit den Arm um ihre Schultern.

Sie sah ihn strafend an – was der sich gleich einbildete! –, schüttelte den Kopf und drückte mit ihrer Schulter seinen Arm zurück. Toni zog ihn weg, hob entschuldigend die Handfläche und achtete darauf, sie nicht mehr zu bedrängen. Sie kurbelte schnell am Lenkrad, um aus dem Knäuel ineinander gefahrener Autoscooter freizukommen.

Ein weiterer Chip folgte dem ersten. Sie hatte immer noch ihren Spaß an der Fahrt.

Toni registrierte nichts von der lauten Musik ringsum, von den vielen grellen Lichtern, von den Menschen, die nun am Abend immer mehr wurden.

Er beobachtete fasziniert und mit einem wilden, aufregenden Glücksgefühl das Mädchen neben sich. Sie fuhren eben an der Bande vorbei, schattenhafte Figuren, die er nicht beachtet hatte, riefen »Lotte, Lotte«, winkten und hüpften herum. Da winkte sie ebenfalls und lachte ihren Freunden zu.

Lotte hieß sie also. Lotte. Er probierte den Klang des Namens leise aus.

Der letzte Chip war abgelaufen. Wieder einmal standen alle Autoscooter still und Toni wachte aus seinen Gedanken auf, als sie, Lotte, ausstieg.

»Danke. War ganz toll!«, rief sie ihm zu und eilte auf die Gruppe ihrer Freunde zu.

Toni rannte ihr unverzüglich nach. Zu den zwei Freundinnen und ihren Freunden war ein dritter junger Mann gekommen, der Lotte mit den Worten: »Na endlich, da bist du ja!«, empfing und den Arm um ihren Rücken legen wollte. Lotte verhinderte es mit einem geschickten, wie zufällig gemachten Schritt zur Seite. »Ja, da bin ich. Und was machen wir jetzt? Langsam hab ich Hunger und Durst.«

»Okay, also ins Bierzelt.«

Durch die dichter gewordene Menschenmenge, vorbei an verführerisch süß duftenden gebrannten Mandeln, Schaubuden, Schaukeln und einem Kettenkarussell, bummelten sie zum Festzelt. Lottes spezieller Begleiter warf Toni einen irritierten Blick zu, als er sich ihnen anschloss. »Wer ist das?«, fragte er Lotte und deutete mit dem Kinn.

Lotte schaute zu Toni hin, lächelte vor sich hin, zuckte die Achseln und erwiderte: »Toni. Er mag Autoscooter.«

Der junge Mann versuchte wieder seinen Arm besitzergreifend um Lottes Schultern zu legen. Sie jedoch schlüpfte unter ihm durch. »Sieh zu, dass wir einen guten Platz im Bierzelt bekommen!«, sagte sie und schob ihn voran.

Mit einem langen Schritt war Toni neben ihr. »Hast du morgen wieder Lust, Autoscooter zu fahren?«

»Weiß nicht. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.«

»Also ich bin morgen wieder da, okay?«, schrie er über die dröhnende Musik im Bierzelt hinweg.

Sie zuckte die Schultern. »Mal sehen.« Er hörte es weniger, als dass er es von ihren vollen roten Lippen ablas. Das Bierzelt war bereits überfüllt, die laute Blasmusik kämpfte gegen das Stimmengewirr um Gehör.

Im Gedränge zwischen den Bänken und Tischen verlor er die Gruppe um Lotte aus den Augen. Bedauernd wandte er sich der nordöstlichen Zeltecke zu, wo er und seine Spezeln aus dem Dorf Irzing ihren Stammplatz hatten. Die Irzinger trafen sich seit jeher an dieser Ecke, ob alt oder jung, einzeln oder mit Familie, Burschenverein, Freiwillige Feuerwehr oder Katholischer Frauenbund, hier saß zusammen, was zur Landgemeinde Irzing gehörte. In Ausnahmefällen wurden auch Bekannte aus anderen Dörfern oder der Stadt Angerburg dazu eingeladen.

Toni wurde mit einem allgemeinen Hallo begrüßt und mit der neugierigen Frage, wo zum Teufel er sich herumgetrieben hätte. »Auf einmal warst du verschwunden. Da, setz dich her, wir rutschen zusammen.«

Toni wollte eben der Aufforderung nachkommen, blickte sich noch einmal um – und erspähte erneut Lotte. Nur wenige Meter hinter ihm wartete ihre Gruppe auf frei werdende Plätze.

Toni verschmähte den ihm angebotenen Sitzplatz und bestand gegen alle Proteste darauf, sich auf die gegenüberliegende Bank zu quetschen, damit er Lotte im Blickfeld hatte. Er beobachtete sie den Rest des Abends, blieb seinen Spezeln die meisten Antworten schuldig.

»He, Toni, schläfst du heut’ mit offenen Augen?«, wurde er gefragt.

Aber auch das bekam er nicht richtig mit, weil er eben den Aufbruch von Lotte und ihren zwei Freundinnen beobachtete, die sich allen Überredungskünsten ihrer männlicher Begleitung zum Trotz verabschiedeten und das Zelt verließen.

Toni schaute den beiden nach. Da drehte sich Lotte noch einmal um, ihre Blicke trafen sich und Toni war sicher, sie hatte IHM zugelächelt. Am liebsten wäre er vor Freude in die Luft gesprungen. Sie hatte IHM zugelächelt! Und – Lotte ging mit den Freundinnen weg, nicht mit dem Burschen, der so vertraut mit ihr getan hatte!

»So, ich trink meine Radlermaß aus, und dann fahr ich heim. Wer will, kann mitfahren«, verkündete er.

»Was? Jetzt schon?«

»Na klar. Was meinst, wie früh ich morgen wieder raus muss.«

Toni und zwei Spezeln fuhren zurück nach Irzing. Die Scheinwerfer durchschnitten die dunkle Nacht auf der Landstraße, seine Freunde sangen bierselig und Toni träumte vor sich hin, träumte von Lotte und von einem Wiedersehen mit Lotte.

Am nächsten Tag beeilte er sich, um recht früh am Abend wieder auf dem Volksfestplatz zu sein. Er kam erwartungsvoll an, aufgeregt vor Vorfreude. Er umrundete den Platz, schaute ins Bierzelt, ließ seine Augen ständig wandern, vergaß keine Ecke.

Keine Lotte.

Na ja, sie würde erst später kommen. Also schlenderte er ziellos herum, die Blicke immer auf dunkelblonde junge Mädchen gerichtet, weder Fahrgeschäfte noch die angebotenen leiblichen Genüsse interessierten ihn im Geringsten.

Da er ständig suchend den gesamten Platz abging, war er einigen Irzingern mehrfach begegnet. Der Babette, Rentnerin und Mesnerin von Irzing, lief er bereits zum dritten Mal über den Weg. Klein, zäh, mit scharfen Augen, spitzer Nase, spitzem Kinn und einem kleinen Schopf auf dem Hinterkopf, beobachtete sie ihn. Er schaute emsig herum, stellte sich zwischendurch auf die Zehenspitzen, um die Menschenmenge besser überblicken zu können. »Wen der bloß sucht?«, wunderte sich die Babette, die ihre neugierige Nase in alles steckte und üblicherweise sogar das Gras wachsen hörte. Ihre Füße machten ganz automatisch ein paar schnelle Schritte, um ihm zu folgen und möglichst herauszubringen, wen der Toni so dringend suchte.

»He, Babette, wo willst du denn hin?«, rief die Fischer Res schnaufend, die schwer auf ihren Gehstock gestützt mit Babette gemeinsam auf dem Platz war und nur noch den Wunsch hatte, möglichst schnell einen Sitzplatz im Bierzelt zu finden.

Mit dem allergrößten Bedauern kam Babette zur Res zurück und rätselte noch lange darum herum, was ihr an Interessantem entgangen sein könnte.

Jedoch, es entging ihr nichts. Nach ungezählten Runden um und über den Platz gab Toni bitter enttäuscht auf. Im diffusen Licht der grellen, bunten Lichter war eine weitere Suche zwecklos.

Keine Lotte.

Auf dem Weg nach Hause schwor er sich, am nächsten Tag erst gar nicht aufs Volksfest zu gehen.

Aber als es dann später Nachmittag wurde, eilte er sich wieder sehr mit seiner Arbeit und sagte sich, das Volksfest dauerte ja nur noch heute und morgen, da musste er doch hin, oder?

Und noch früher, als an den beiden vorangegangenen Tagen, wanderte er wieder über den Platz. Nach noch nicht einmal einer halben Runde sah er sie. Lotte war da, stand allein, ohne Anhang, beim Autoscooter.

»Hallo, Lotte. Servus.«

Sie drehte sich ihm zu, kein bisschen überrascht, ganz ruhig. »Hallo, Toni.«

Toni schaute sie an, konnte es gar nicht fassen, dass er sie so schnell gefunden hatte, fand sie noch reizender, schöner, wunderbarer, als er sie in Erinnerung hatte. »Das freut mich aber, dass du meinen Namen noch weißt.«

»Oh, ich hab einen Onkel mit demselben Namen.«

»Aha. Hm. Magst wieder Autoscooter fahren?«

Sie überlegte kurz. »Nein. Erst mal herumgehen.«

Und so gingen sie gemeinsam los. »Der Schießstand! Schießen will ich ausprobieren.« Lotte holte ihren Geldbeutel aus der Tasche.

»Ich zahl für dich.«

»Nein. Ich schieße selber und ich zahle selber!«, beschied sie ihn.

»Okay.«

Lotte hatte drei Schüsse gekauft, zielte jedesmal sorgfältig und schoss jedesmal daneben. »Verdammt!«

»Jetzt probiere ich es.« Toni schoss das erste Mal daneben, traf beim zweiten Mal fast und dann traf jeder Schuss. Er bekam einen Anstecker, einen roten Marienkäfer mit vier schwarzen Punkten darauf. Er überreichte ihn Lotte. »Da. Für dich. Er soll dir Glück bringen.«

»Danke. Das kann ich brauchen. Ich will, verdammt noch mal, selber treffen.« Sie bezahlte noch einmal.

»Okay. Pass auf, ich erkläre es dir.« Er prüfte das Gewehr, flüsterte ihr zu, es wäre etwas verzogen, und sie müsste deshalb einige Millimeter nach links zielen.

Lotte tat es und traf.

Sie strahlte, zielte erneut, daneben.

Am Ende gewann sie einen beigen Teddybär, einen sehr kleinen Plüschanstecker, aber immerhin. Sie war sichtlich stolz auf sich und drückte das Bärchen an ihren Hals.

»Jetzt will ich mit dem Riesenrad fahren.«

»Ich dachte, das magst du nicht?«

»Vorgestern nicht. Da war so diffuses Licht. Heute ist es klar, man sieht weit.«

Sie bekamen eine Kabine zu zweit. Lotte setzte sich ihm gegenüber. Sie fuhren erst einmal stückweise nach oben, zeigten sich gegenseitig die markanten Punkte der Stadt und ihrer hügeligen Umgebung.

»Siehst du den Wald dort drüben und die Bergkuppe, wo die Kapelle drauf steht? Da gibt’s schöne Radwege. Ich mache gern Radtouren mit meinen Freundinnen.«

»Hm. Schau hier auf die andere Seite. Siehst du die Kirchturmspitze, die in der Ferne? Daneben sind hohe Bäume und dahinter steht ein dunkler Waldstreifen – da komme ich her.«

»Was? Aus einem Dorf?«, fragte Lotte erstaunt und musterte sein Gesicht. Er sah irgendwie nicht nach Dorf aus.

»Ja, aus Irzing.«

»Oh, da bin ich auch einmal mit dem Rad durchgefahren.«

»Hat es dir gefallen?«

»Oh, ich weiß nicht recht. Es ist schon länger her. Ich hab nicht sonderlich aufgepasst. Einen kleinen Laden gibt’s dort, neben der Kirche, nicht? Wir haben uns ein Eis drin gekauft.«

»Bei der Kramerin, der Kathl. Ich wohne mehr am Rand von Irzing, auf einem Bauernhof.«

Lotte sah ihn prüfend an. »Auf einem Bauernhof? Bist du auch … Bauer?«

»Ah, ja, könnte man sagen.« Es tat ihm leid, dies zu so einem frühen Zeitpunkt ihres Kennenlernens zugeben zu müssen. Hübsche junge Mädchen aus der Stadt hielten oft nicht viel von einem Landwirt. Hübsche junge Mädchen vom Land übrigens auch nicht. Toni beobachtete ihre Reaktion. »Hast du was gegen Bauern?«

»Nein, nein«, versicherte sie eilig. »Ich hab nur nicht gedacht, dass du Bauer sein könntest. Du siehst irgendwie nicht danach aus.«

»Ach? Wie sehen Bauern denn deiner Meinung nach aus? Mit Kuhmist an den Schuhen?« Er hob seine Füße hoch, die in etwas staubigen, aber ansonsten sauberen Sportschuhen steckten.

Lotte zuckte die Achseln. Sie bemerkte, dass er gekränkt war, und das wollte sie nicht. »Nein. Eigentlich kenne ich keine Bauern«, gab sie zu.

Die Kabine ruckte erst schaukelnd vorwärts, dann fuhr das Riesenrad langsam an.

»Meine Großeltern waren Bauern und Wirtsleute im Bayerischen Wald. Wir haben dort noch Verwandte. Die führen inzwischen ein kleines Hotel, weil man mit dem Fremdenverkehr mehr verdient«, erzählte sie.

Er runzelte die Stirn.

»Aber meine Mutter sagt, früher, als sie daheim noch Bauern waren, hat es ihr dort besser gefallen«, versuchte sie ihre unbedachten Worte wieder gutzumachen. Zum ersten Mal sah sie ihn ganz genau an. Toni war wirklich ein gut aussehender junger Mann, fand sie, von einem Städter kaum zu unterscheiden. Schlank, wenig mehr als mittelgroß, braune, kurze Haare, eine breite Stirn, nette, graue Augen, eine gerade Nase, etwas spöttisch verzogene Lippen über einem festen, angespannten Kinn. Eigensinnig, fiel Lotte dazu ein. Sicher konnte er sehr eigensinnig sein. Seine Hände mit den breiten, kräftigen Fingern, denen man seinen Beruf vielleicht am ehesten ansah, lagen gespreizt auf seinen Knien, während er die Musterung über sich ergehen ließ. Seine Nägel waren sehr kurz geschnitten und ganz sauber, bemerkte Lotte.

»Und?«, fragte er schließlich, räusperte sich. »Wie ist jetzt das Ergebnis der Inspektion ausgefallen?« Dabei errötete er leicht.

»Hm.« Lotte registrierte, wie sich die Röte in seinen Wangen vertiefte und ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. »Eigentlich …«, wieder zögerte sie, »eigentlich gar nicht übel.« Sie grinste ihn an.

Man merkte ihm die Erleichterung über das positive Urteil an. Er richtete sich unwillkürlich auf, lehnte die Schultern entspannt an die Lehne.

Sie fuhr, ihn immer noch mit Blicken abtastend, fort: »Genau genommen könntest du mir direkt gefallen.«

»Oh.« Er wusste nicht recht, ob sie es ernst meinte.

»Ja.« Lotte nickte ihm ernsthaft zu. »Vor allem, wenn du dir einen Schnurrbart wachsen ließest. Ich finde Schnurrbärte unglaublich toll.«

»Was?« Er beugte sich verblüfft vor, fragte sich, ob er sie richtig verstanden hätte. Die schaukelnde Riesenradkabine war eben unten angekommen und in den Lärm und die Musik auf dem Platz eingetaucht. Sie fuhr wieder nach oben.

Lotte lachte fröhlich auf. »Ja, wirklich. Mir gefallen Schnurrbärte.«

»Hm.« Toni fuhr mit dem Finger über die beanstandete Partie seines Gesichtes. »Na ja, dann lasse ich mir einen wachsen.«

Lotte war beeindruckt. »Echt, das würdest du für mich tun?«

»Na klar. Ist doch nichts dabei.«

Lotte lachte auf, schüttelte ein bisschen ungläubig den Kopf und dachte, das ist ja ein richtig netter Kerl.

Das Riesenrad drehte seine Kreise, und als sie das nächste Mal nach oben sausten, fragte sie: »Wie alt bist du eigentlich?«

»23. Und du?«

»Älter! 24, bald 25.«

»Ich hätte dich auf höchstens 20 geschätzt.«

»Danke. So was hört man gern.« Sie war geschmeichelt.

Das Riesenrad wurde langsamer, es ging stückchenweise nach unten.

Er fragte: »Was machst du? Beruflich, meine ich?«

»Ich bin Zahntechnikerin.«

»Oh? Gebisse machen?«, fragte er überrascht und verzog gleichzeitig ein wenig das Gesicht, meinte verunsichert: »Schöner Beruf?« Man sah ihm an, dass er das nicht für möglich hielt.

Lotte antwortete ganz selbstverständlich: »Ja. Macht mir viel Spaß.«

»Tatsächlich? Hm. Aber man arbeitet immer drinnen, wenn es draußen noch so schön ist. Wär nichts für mich.«

»Ha. Bei unserem Wetter. Das halbe Jahr Winter und im Sommer oft Regen. Da ist es bei uns im Labor sehr angenehm.«

Ihre Kabine war unten angekommen.

»Noch mal?«, fragte Toni.

Sie schüttelte den Kopf, stand bereits auf. Zusammen gingen sie weiter.

»Du bist also ein richtiger Bauer? So mit Kühen und Schweinen und Enten und Hühnern?« Er lachte. »Ach nein. Ich glaube, das gibt es heutzutage nur noch selten. Man muss sich spezialisieren, sonst wird man mit der vielen Arbeit nicht mehr fertig. Wir haben Milchkühe mit Kälbern und Nachzucht und Ackerbau.«

»Und sonst nichts? Keine Hühner, Ziegen, Schafe oder Pferde und so?«

»Nein. Nicht mehr. Würde viel Arbeit machen und nichts einbringen.«

»Schade. Ich stelle es mir schön vor mit vielen Tieren um sich herum zu leben.«

»Romantisch womöglich, was? Nein, so ist es nicht. Aber sie hat was für sich, die Landwirtschaft. Man ist sein eigener Herr und Meister. Ich würde gern dabei bleiben, aber …«

»Aber?«

Er zuckte die Schultern. »Viel Arbeit, wenig Geld. Wenn die Zeiten noch schlechter werden, kann es mir passieren, dass ich eines Tages total umsatteln muss, nicht nur dazuverdienen, wie jetzt.«

»Was machst du dann?«

»Ach, da finde ich schon was. Ich kenne mich gut mit Maschinen aus, fahre alles, was auf vier Rädern läuft, ob Traktor, LKW oder Baumaschinen«, erklärte er mit großem Selbstbewusstsein. »Wie wäre es jetzt mit Autoscooter? Du darfst natürlich chauffieren.«

»Sehr großzügig. Da kann ich natürlich nicht nein sagen.«

»Du fährst wohl gern Auto?«

»Ja. Aber ich hab sehr selten Gelegenheit dazu.«

»Wieso?«

»Ich hab kein eigenes Auto, ich fahre eigentlich immer mit dem Fahrrad.«

»Aha. Aber … dein Vater? Lässt er dich nicht ans Steuer?«

Lotte zögerte. Warum ihm überhaupt so viel über sich erzählen? Aber er wirkte ehrlich interessiert und nett und so antwortete sie: »Meine Eltern sind seit langem geschieden. Ich fahre manchmal mit dem Auto meiner Mutter. In der Stadt ist das Fahrrad sowieso viel praktischer, da hat man nie Parkplatzprobleme.«

»Stimmt auch wieder.«

Lotte kurvte wieder mit großem Vergnügen auf der Bahn herum. Die Anrempler waren diesmal besonders zahlreich. Zu Tonis großer Zufriedenheit wehrte Lotte seinen stützenden Arm an ihrer Rückenlehne nicht mehr ab.

Sie vergnügten sich bis Mitternacht auf dem Volksfest, dann fand Lotte, es wäre Zeit für sie, nach Hause zu gehen.

»Gehen? Ich fahre dich natürlich. Mein Auto steht drüben auf dem großen Parkplatz.«

»Nein, nicht nötig. Ich wohne doch nur wenige hundert Meter weit weg.«

»Oh. Dann begleite ich dich selbstverständlich.«

»Gut.«

Sie verließen den Festplatz. Lärm und Musik wurden leiser, außer ihnen war nur noch eine weitere kleine Gruppe von Leuten in der schmalen Wohnstraße unterwegs. Einzelne Straßenlampen erleuchteten eng beieinander stehende, schmale, zweistöckige Reihenhäuser mit kleinen Vorgärten und Garagen dazwischen.

Lotte schlang ihre dünne Jacke enger um sich.

»Friert es sich?« Toni zog sogleich seine eigene Jacke aus und wollte sie ihr umlegen.

»Nein, nein, es geht schon. Außerdem sind wir angekommen. Hier wohne ich.«

Sie blieb vor der Hausnummer 17 stehen, vor einer hölzernen Haustür mit Glaseinsätzen, zwei Briefkästen daneben. Er beugte sich vor, um die Namen zu entziffern.

Lotte lehnte sich an den Türstock und deutete mit dem Finger auf den einen. »Hartinger. Das sind wir, meine Mutter und ich. Wir wohnen ganz oben unter dem Dach.«

Toni trat einen Schritt zurück und schaute am Haus hinauf. »Mit Balkon?«

»Ja. Meine Mutter liebt Blumen. Die ganze Wohnung ist voll damit.«

Er lachte. »Meine Mutter hat auch einen Blumenfimmel. Sie hat einen Riesengarten, und vor der Haustür stehen jede Menge Kübelpflanzen.« Er lehnte sich an die andere Seite des Türstockes. »Übrigens, ich heiße Thalhammer und daheim bin ich in Irzing beim Daller, so heißt man unseren Hof. Mmh. Kommst morgen wieder aufs Volksfest? Ich hole dich ab.«

»Nein, morgen nicht. Ich hab was anderes vor.«

»Schade, morgen ist der letzte Tag. Wann sehen wir uns dann wieder?«, fragte er drängend.

»Mmh. Nächstes Wochenende?«

»Das ist ja ewig lang hin!«

Lotte lachte. »Also dann am Mittwoch. Da hab ich, glaube ich, noch nichts vor.«

»Gut. Wann soll ich dich abholen?« Toni trat dicht vor sie hin.

Lotte überlegte. »Um sechs Uhr?«

Er hob die Arme. »Das schaffe ich gerade eben nicht, wegen der Stallarbeit, leider. Um sieben Uhr, okay?«

»Na schön.«

»Gibst du mir deine Telefonnummer?«

»Steht im Telefonbuch.«

»Unsere auch. In Irzing gibt’s nur einen Thalhammer.« Er blieb stehen, machte keine Anstalten, sich zu verabschieden.

Lotte sperrte die Haustüre auf, öffnete sie, drehte sich noch einmal zu ihm um.

Toni stand dicht bei ihr. »Du wirst doch unsere Verabredung nicht vergessen?«

Lächelnd versicherte sie: »Aber nein. Außerdem kannst du mich ja jederzeit anrufen und daran erinnern, nicht?«

»Ja? Das tue ich, bestimmt.«

»Gut. Dann also Gute Nacht, Toni.« Sie trat ins Haus und zog die Türe langsam zu.

»Gute Nacht, Lotte. Du, Lotte …« Er klopfte an die Haustür.

Lotte öffnete noch einmal einen Spalt breit. »Ja?«

»Du, wenn ich morgen Abend anrufe, bist du dann daheim?«

»Ab halb zehn, schätze ich.«

»Gut. Um halb zehn ruf ich dich an.«

Sie wünschten sich noch mal gegenseitig eine gute Nacht. Und wie er sie so liebevoll ansah, konnte Lotte nicht anders. Sie nahm den kleinen beigen Teddy, den sie beim Schießen gewonnen hatte, und schob ihn in die Tasche seines Jeanshemdes. »Du brauchst auch einen Glücksbringer, wie ich den Marienkäfer.«

Toni guckte erst sehr überrascht, dann strahlte er.

Lotte lächelte und verschwand schnell im Haus.

Er schaute noch einige Sekunden auf die geschlossene Türe, ging langsam rückwärts auf die Straße, beobachtete das Licht in den Fenstern des Treppenhauses, das erst an- und dann wieder ausging, und erst als nichts mehr zu sehen war, wanderte er tief in Gedanken davon. Den kleinen Teddy hielt er fest in seiner Hand.

Am nächsten Morgen wachte er mit einem zunächst undefinierbaren Glücksgefühl auf und dann fiel ihm Lotte ein. Lotte!

Er drehte sich wohlig im warmen Bett, hörte draußen einen Traktor anspringen und erschrak. Ein Blick auf den Wecker – er hatte verschlafen, verdammt.

Mit einem Satz war er aus den Federn und gleich darauf in Hemd und Hose. Mit drei Sprüngen die Treppe hinunter, dann aus dem Haus und über den Hof in den Kuhstall.

»Na, auch schon da?«, begrüßte ihn der Vater mit hochgezogenen Augenbrauen.

Toni brummte nur und verteilte emsig das Silagefutter an die Jungtiere. Lotte war also Zahntechnikerin. Ob es ein Fehler gewesen war, ihr zu gestehen, dass er Bauer sei? Wäre es nicht besser gewesen, ihr nur von seinem Zweitberuf zu erzählen? Er arbeitete ja tatsächlich immer, wenn es die Arbeitssituation auf dem Hof zuließ, im Kieswerk des Grafen von Wiesing als Fahrer, Baggerführer – was eben gerade anfiel – oder über den Maschinenring für andere Bauern. Hätte ihr das mehr imponiert? Allerdings, er fühlte sich eben ganz als Bauer. Das war seine wahre Berufung, fand er und wollte eigentlich nichts anderes sein. Nur, die Zeiten waren eben nicht danach, der elterliche Hof für die moderne Massentierhaltung und Massenproduktion eigentlich nicht groß genug. Man kam gerade eben so durch, um den Familienbetrieb zu erhalten. Ein wirklicher Familienbetrieb: Die Großeltern, beide gingen auf die Achtzig zu, lebten mit im Haus und halfen, ihren Kräften entsprechend, noch immer mit. Die Oma werkelte im Haushalt und im Gemüsegarten, der Opa kümmerte sich um das Brennholz und machte allerlei andere, leichtere Arbeiten rund um den Hof. Vater und Mutter führten den Hof, derzeit noch als Vollerwerbsbetrieb mit Kühen, Kälbern und der Nachzucht. Dazu kamen der Anbau von Weizen, Gerste, Raps, Mais und ein Stück eigener Wald. Bisher hatte das zur Versorgung der Familie gereicht. Aber der Vater versuchte seine zwei Söhne auf die Zukunft gut vorzubereiten und hatte bestimmt, dass beide einen außerlandwirtschaftlichen Beruf erlernen sollten. Man wusste ja wirklich nicht, wie weit es mit der Landwirtschaft noch bergab gehen würde. Also lernte Robert, der Ältere, Elektriker. Ihm gefiel sein Beruf, er blieb dabei und war fest entschlossen, bald die Meisterprüfung abzulegen. Ein sicheres Einkommen und eine geregelte Arbeitszeit, genug Freizeit und Urlaub, das wäre, fand er, nicht zu verachten. Allerdings, so direkt zuwider war ihm die Landwirtschaft auch nicht, und wenn damit mehr zu verdienen wäre, würde er auch gern den Bauern spielen, erklärte er zuweilen.

Toni dagegen, der Jüngere, sagte klipp und klar, er pfeife auf Urlaub und Freizeit, Bauer sein wäre ihm allemal lieber. Er schmiss nach zwei Jahren die Mechanikerlehre und stieg um auf die Landwirtschaft.

Vater und Mutter waren nicht wenig stolz darauf, gleich zwei Söhne zu haben, die nicht abgeneigt waren, den Hof weiterzuführen, der seit Generationen die Dallers von Irzing ernährte. Aber man wollte noch ruhig abwarten, wie sich die Söhne weiter entwickelten, denn mit 23 und 24 waren sie zu jung, um genau zu wissen, was sie wollten. Und wenn es erst ans Heiraten ginge, könne sich auch noch so einiges ändern, spekulierte die Mutter. Ein Bauer bräuchte vor allem eine tüchtige Bäuerin, die einerseits nicht leicht zu finden wäre, und andererseits hätte das noch jede Menge Zeit. Tonis Eltern hatten jung geheiratet, waren eben in den besten Jahren, 45 und 47 Jahre alt, gesund und kräftig und mit einiger Hilfe der Söhne durchaus imstande, den Hof zu bewirtschaften.

Toni sah kurz zu seinen Eltern hin, die beide je eine Reihe Kühe molken. Seine, zu ihrem Bedauern nur mittelgroße Mutter trug einen blauen Arbeitsanzug, in dem sie besonders schlank und jung aussah. Ihre dauergewellten, kurzen Haare steckten unter einem Kopftuch. Ihr schmales Gesicht trug stets einen eher herben Ausdruck und die gesunde Farbe derjenigen, die sich viel im Freien aufhalten. Seine Mam wusste immer ganz genau, was sie wollte und war eine gestrenge Chefin für ihre Söhne, wann immer sie es für nötig hielt. Sein Vater war etwas größer, von kräftiger Statur. Er hatte außer Haus immer einen Hut auf dem Kopf, nicht nur wegen der Witterung, sondern auch, um seinen stetig zurückweichenden Haaransatz zu kaschieren. Seine breite Hand mit den harten Schwielen daran drückte fest eine Kuh beiseite: »Geh nüber Alte, geh zu!«, forderte er das Tier mit voller, kräftiger Stimme auf, und die Kuh machte einen Schritt zur Seite. Auch wenn der Babb mit seinem vollerem Gesicht gemütlicher wirkte, wussten Toni und Robert nur zu gut, dass man sich seinen Anordnungen zu fügen hatte. Und manchmal, aber nur manchmal, dachte er, es war doch ganz gut, öfters für den Grafen im Kieswerk zu arbeiten, sich dabei ein wenig eigenes Geld zu verdienen und damit eine gewisse Unabhängigkeit zu haben. Andererseits zweifelte Toni keinen Moment daran, dass er sich eines Tages mit seinen Vorstellungen über die Modernisierung des Betriebes würde durchsetzen können.

Wie so oft überlegte Toni, wie man den altmodischen Anbindestall, wo sich die Kühe in zwei Reihen gegenüberstanden, in einen modernen Laufstall mit Melkstand umbauen könnte. Eines seiner Lieblingsprojekte, womit er aber derzeit bei seinen Eltern nicht durchkam. Sie hatten den Stall erst vor einem guten Dutzend Jahren modernisiert und jetzt könne man nicht schon wieder eine Menge Geld dafür ausgeben, meinten sie kategorisch, das bringe die Landwirtschaft nicht ein. Die Kühe kämen regelmäßig auf die Weide und fühlten sich wohl, das merke man an der guten Milchleistung. Also wozu ein Laufstall? Und die alte Melkanlage funktioniere noch ausgezeichnet, wenn man auch zugeben müsse, ein Melkstand, wo die Kühe zu einem hingehen, statt dass man selber mit dem Melkgeschirr von Kuh zu Kuh marschieren müsste, das wäre eine große Arbeitserleichterung.

Toni schüttelte unmerklich den Kopf. Mit seinen neumodischen Ideen müsse er sich Zeit lassen, sagten sie ihm immer.

Robert kam mit einem vollen Futterwagen, fuhr durch den Stall und lud ab.

Auch er hatte seine täglichen Pflichten, allerdings verstand er es meisterhaft, sich ihnen zu entziehen. Er engagierte sich sehr im Judosport und war Mitglied im Bergsteigerverein von Angerburg. Training, Wettkämpfe und diverse Fahrten ins Gebirge sorgten dafür, dass er die wenigste Zeit auf dem Hof mithelfen konnte. Andererseits war die Mam auch recht stolz auf seine Erfolge im Judo, von denen etliche Pokale und Medaillen in seinem Zimmer zeugten.

Toni war es ganz recht so. Denn wie es aussah, würde er einmal den Hof übernehmen, rechnete er sich aus, gesprochen wurde eigentlich kaum darüber.

Was wohl Lotte von einem Bauernhof hielt? Er erledigte alle Arbeiten automatisch, in Gedanken ausschließlich bei Lotte. Deshalb erschien er als Letzter am großen Familientisch in der Wohnküche, als sich Großeltern, Eltern und Bruder das Frühstück bereits schmecken ließen.

»Na endlich, Bub. Bist du krank? Aufgestanden bist heut auch sehr spät, das kommt bei dir doch sonst nicht vor?!« Die Oma goss ihm die Tasse voll.

Robert lachte anzüglich. »Ja, ausnahmsweise war’s nicht ich, der nicht aus dem Bett gefunden hat. Bist gestern im Bierzelt versumpft, Toni?«

»Bierzelt? Ich war gar nicht drin.«

»Bin ich froh, dass heute der letzte Tag Volksfest ist.« Ein strenger Blick der Mam traf Toni. »Sich bis weit nach Mitternacht dort herumtreiben und einen Haufen Geld ausgeben. Jetzt ist es bald 9 Uhr und du schaust immer noch ganz verschlafen aus den Augen!«

»Ich bin voll da. Mir geht’s großartig«, wehrte sich Toni. »Einmal im Leben wird man doch verschlafen dürfen, noch dazu an einem Sonntag.«

»Stell dich in den Stall und erklär das den Kühen. Ich glaube nicht, dass sie es verstehen, wenn sie auf ihr Futter warten müssen«, brummte der Vater unwirsch.

Toni seufzte und fand es klüger, nichts mehr dazu zu bemerken, worauf sich das Gespräch auch prompt einem anderen Thema zuwandte, dem Kirchgang. Vater und Mutter versäumten die sonntägliche Messe so gut wie nie und hielten ihre Söhne ebenfalls zum Kirchenbesuch an.

»Ich schau mir die Messe im Fernsehen an, da verstehe ich sie besser«, verkündete eben der Opa, seine Schwerhörigkeit ausnutzend.

»Ja, ich bleibe auch daheim heute und fange mit der Kocherei an, gelt?«, schloss sich die Oma an.

Toni ergriff die Gelegenheit. »Und ich kümmere mich um den Milchtank.« Die Mam sah ihn mit spöttisch hochgezogenen Augenbrauen an. »Es ist recht heiß heute. Dann muss man ihn nicht so früh raus an die Sammelstelle fahren«, verteidigte er sich.

Auch auf dem Dorf wurden wohl die engagierten Kirchgänger immer weniger.

»Aber ich geh in die Kirche«, meldete sich Robert zu Wort. »Ich muss mit dem Huber Hansi wegen unserem nächsten Fußballspiel reden.«

»Sauber. Das ist ja ein guter Grund, um in die Messe zu gehen«, monierte die Mam.

»Ja, mein Gott!« Robert seufzte tief. »Bei den Predigten, die unser Pfarrer hält! So hoch geistig, dass kein Mensch mitkommt. Nach zwei Minuten schlaf ich regelmäßig ein.«

Die Familie zerstreute sich. Die Einen machten sich fein und gingen zu Fuß zu der nur wenige hundert Meter entfernten Dorfkirche. Opa zündete sich eine lange Zigarre an und setzte sich auf die Hausbank im Garten in die Sonne. Die Oma schob den Schweinsbraten in die Röhre, schaltete das Radio ein, in dem eine Messe zu hören war, und öffnete das Fenster. »Damit du was hörst von der Kirch’, Opa, gelt.«

Toni rollte den Milchtank an die Sammelstelle, wo in der nächsten Viertelstunde der Tankwagen kommen und die Milch heraussaugen würde. Dann begab er sich in sein Zimmer, legte sich aufs Bett, drehte das Radio an. Er nahm den kleinen Teddy zur Hand, träumte von Lotte. Joe Cocker sang dazu: »You are so beautiful for me …«

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