Vier Hoferben sind drei zu viel - Andrea Sommerer - E-Book

Vier Hoferben sind drei zu viel E-Book

Andrea Sommerer

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Beschreibung

Rosl, die Tochter des Baumgartler-Hofes, ist unglücklich in ihren Nachbarn Simon verliebt. Doch ihre Liebe scheint hoffnungslos, denn der junge Mann hat nur Augen für die schöne Städterin Annemarie. Simon ist das älteste von vier Kindern des Escherhofes und Bauer mit Leib und Seele. Als sein Vater stirbt, stellt sich heraus, dass der alte Bauer kein Testament hinterlassen hat. Das Erbe muss geteilt, der Hof verkauft werden. Rosl zerreißt es das Herz, dass sie Simon nicht helfen kann, denn sie weiß, dass sein Leben wie ein Kartenhaus einzustürzen droht.

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Veröffentlichungsjahr: 2015

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LESEPROBE zu

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2015

© 2015 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Titelfoto: © Noppasinw – Fotolia.com (oben) und Peter Atkins – Fotolia.com (unten)

Satz: SATZstudio Josef Pieper, Bedburg-Hau

Worum geht es im Buch?

Andrea Sommerer

Vier Hoferben sind drei zu viel

Rosl, die Tochter des Baumgartler-Hofes, ist unglücklich in ihren Nachbarn Simon verliebt. Doch ihre Liebe scheint hoffnungslos, denn der junge Mann hat nur Augen für die schöne Städterin Annemarie. Er ist das älteste von vier Kindern des Escherhofes und Bauer mit Leib und Seele. Als sein Vater stirbt, stellt sich heraus, dass der alte Bauer kein Testament hinterlassen hat. Das Erbe muss geteilt, der Hof verkauft werden. Rosl zerreißt es das Herz, dass sie Simon nicht helfen kann, denn sie weiß, dass sein Leben wie ein Kartenhaus einzustürzen droht.

1

Mit einem letzten Blick auf die sauber aufgeräumte Wohnküche ging die Kramer-Kathl über den schmalen Flur in ihren Laden und öffnete die Rollläden vor den zwei Fenstern.

Nach fast drei Wochen ununterbrochen trüben, regnerischen Frühlingswetters schien nun endlich eine strahlende, wenn auch kühle Morgensonne direkt durch das ostseitige Fenster herein. Bis zum späten Vormittag würde die Kramerin die Markise vor dem Südfenster zur Beschattung herausdrehen müssen. Wie immer lag ihre blau gemusterte Wickelschürze über der Lehne am Stuhl vor der Kasse. Kathl zog sie mit gemächlichen, doch zielgerichtet knappen Bewegungen über, sperrte die Kasse auf, ging die Regale entlang, schob hier die Päckchen mit Kartoffelknödelpulver nach vorn, stapelte die Zündholzpäckchen wieder ordentlich auf- und nebeneinander, notierte auf dem stets in der Schürzentasche steckenden Block notwendige Bestellungen. Eine große Ruhe und Gelassenheit strahlte von der nur einen Meter sechzig großen Person aus. Sie war nicht dünn, aber auch nicht dick, in mittleren Jahren, hatte braune, ein wenig gelockte Haare, ein ebenmäßig geschnittenes Gesicht mit freundlich dreinblickenden dunklen Augen. Ihre heiter beschwichtigende Art, ihre recht dunkle, melodiöse Stimme hat schon so manche aufgeregt in den Laden stürmende Dorfbewohnerin beruhigen können.

Pünktlich, wie jeden Tag, zwischen fünf und zehn Minuten nach sieben Uhr, fuhr draußen der Bäckerwagen vor. Kaum war er zum Stehen gekommen, sprang die Schuber-Lies schon vom Fahrersitz, riss mit Elan die seitliche Schiebetür auf, packte die beiden großen Semmelkörbe, drehte sich und eilte zur Ladentür der Kramerin, die diese bereits aufhielt.

»Morgen, Liesabeth, heut’ bist aber wieder schwungvoll!« Die Kramerin lächelte ihr entgegen. Irgendwann einmal, so dachte sie, wenn sie nicht rechtzeitig zum Türaufhalten dastand, würde die Lies glatt durch die Glasscheibe rennen.

»Heut’ pressiert’s, Kramerin, unser Lehrmadl hat sich krank gemeldet!«, rief die Lies, stellte die Körbe ab und war schon wieder draußen, um die nächsten zu holen. Aus irgendeinem Grund pressierte es ihr jeden Tag, sie schien immer im Eiltempo unterwegs zu sein.

Kaum war der letzte Brotkorb ausgeladen, rief sie ein kurzes »Servus, Kramerin!«, startete den Motor – und weg war sie.

Und wie jeden Morgen stand nun auch schon die kleine, dünne, agile Brummer Babette an der Tür. Sicher hatte sie einige Schritte hinter der Ladenecke gewartet, bis die Lies wegfuhr. Das tat sie immer, seit sie mit dieser eines Tages bei Regenwetter – keine konnte schnell genug in den Laden hineinkommen – direkt an der Tür zusammengestoßen war. Ein ganzer Korb voller Brezen und Brezensemmeln, Mohnzöpfen und Sesamkringeln war auf dem Boden und auf der Babette gelandet. Der dünne Haarknoten auf ihrem Hinterkopf war verrutscht, und ihre schmale, spitze Nase hatte vor Empörung gezuckt, damals.

»Dieses narrische Weiberleut, wie ein Irrwisch rennt’s, als wenn es auf ein paar Sekunden ankäm’!«, brummte Babette hinter dem davonbrausenden Bäckerwagen her.

Wenn gleich zwei zusammen kommen, denen es immer pressiert, dann wird’s gefährlich, dachte die Kramerin mit einem versteckten Schmunzeln. »Einen guten Morgen, Babette. Wie immer?«, fragte sie.

»Morgen, Kathl, ja, ja, dasselbe wie allerweil«, bestätigte die Babette und hielt der Kramerin ihren mit einem peinlich sauberen, weißen Tuch ausgeschlagenen großen Einkaufskorb hin, mit dem sie jeden Tag Brezen und Semmeln an ihre Stammkunden entlang der Dorfstraße austrug.

Ein idealer Job für die Babette, so kam sie jeden Tag gleich frühmorgens mit mehreren Leuten ins Gespräch. Und wenn sie eine halbe oder vielleicht auch eine dreiviertel Stunde später die zweite Ladung Semmeln und Brot holte zum Austragen, hatte sie alles Neue und Wissenswerte aus dem Dorf bereits erfahren. Zudem half ihr das Austragen, ihre arg kärgliche Rente aufzubessern.

Die Bäuerinnen aus den verstreut liegenden kleinen Weilern und Einödhöfen unterstützten die Babette zusätzlich, indem sie ihr die Pflege des Familiengrabes auf dem rund um die Dorfkirche angelegten Friedhof überließen. Die Babette war sowieso auch die Mesnerin.

»Gibt’s heut noch nichts Neues, Babette?«, fragte die Kramerin.

»Nein, ich weiß eigentlich gar nichts«, bedauerte diese. »Obwohl, ich glaub’, ich hab’ in der Nacht das Martinshorn gehört, draußen auf der Landstraße müsst’ es g’wesen sein, Richtung Rucklberg hinaus.«

»Hoffentlich ist nichts bei uns in der Nähe passiert!«, meinte die Kramerin.

Babette hatte es plötzlich sehr eilig, aus dem Laden zu kommen, vielleicht war von den Leuten im Dorf doch etwas zu erfahren?

Eine gute halbe Stunde später, als die erste Kundschaft, Bäuerinnen, Hausfrauen, alte Leute und auch ein paar, die auf dem Weg zur Arbeit in der Stadt noch schnell eine frische Brotzeit mitnahmen, da gewesen war, hielt draußen auf der Straße ein Kleinlaster mit Heizungsmonteuren. Sie waren schon öfter in den Laden gekommen, auf dem Weg zum Dattlerbauern, der sich gerade ein neues Wohnhaus baute.

»Glaubst du, dass der noch lebt? Das Auto ist doch ein Totalschaden, erst den Baum gestreift und dann den steilen Berg hinunter sich überschlagen, das überlebt keiner!« Der Jüngere war von seiner Meinung sichtlich überzeugt. »Wenn man richtig angeschnallt ist, könnt’ es doch sein«, widersprach der Ältere. Nach einem kurzen »Morgen!« zur Ladenbesitzerin hin beluden sie sich mit Getränken, Süßigkeiten und einem Glas Essiggurken. Von der Kramerin, die neben der Kasse an der Theke mit Brot, Wurst und Käse stand, verlangten sie schließlich Wurstsemmeln und Brezen.

»An einem Unfall seid’s ihr heut’ schon vorbeigekommen?«

Die beiden Männer waren nur zu bereit, die gräulichen Einzelheiten genauestens zu schildern: den Baum mit der aufgerissenen Rinde, die Spur im zerdrückten Gras bis zum Abhang hin; unten das Auto, total zerbeult, eine Türe abgerissen, das Dach eingedrückt; eine Menge Blut am Lenkrad und auf dem Fahrersitz. Die Monteure hatten angehalten, waren den Abhang hinuntergekraxelt – »wirklich, ein teuflisch steiler Hang!« – um alles genau in Augenschein zu nehmen.

»Wo genau war es denn? Da, wo es nach Rucklberg hinausgeht?«

»Ja, ja, genau, wenn man einbiegt nach Rucklberg. Die Kurve hat er eben nicht mehr ganz geschafft, der Fahrer, grad’ da, wo die Seitenplanken aus sind und der große Ahorn steht«, bestätigten die Männer.

»Und wer es gewesen ist, in dem Auto, wisst ihr das nicht?«

»Nein, das können wir nicht sagen. Es muss schon in der Nacht passiert sein, jetzt war niemand mehr an der Unfallstelle, höchstens, wenn es sich wer angeschaut hat, so wie wir«, erklärte der Jüngere.

»Und jetzt machen wir, dass wir weiterkommen, auf unseren Bau!«, verlangte der Ältere.

Der Kramerin war der Schreck in die Glieder gefahren. Obwohl sie zum Fenster hinaussah, hinüber zur Sankt-Georgs-Kirche, zur umgebenden Friedhofsmauer mit den hohen Lindenbäumen davor, nahm sie nichts wahr von dem strahlenden Sonnenschein auf dem Dorfplatz mit den neu angelegten Blumenrabatten, den erst kürzlich aufgestellten Holzbänken neben den gerade aufblühenden Fliederbüschen. Sie dachte an den Unfall und an die vier Familien von Rucklberg; ob wohl …? Noch bevor der Gedanke recht zu Ende gedacht war, kam die Babette mit ihrem leeren Korb in ihr Blickfeld, sehr langsam ging sie und schwatzte mit der alten, dicken Zirne-Anna. Die Anna wendete sich nun über den Dorfplatz zum Friedhof hin. Babette kam sehr eilig zur Kramerin in den Laden. Kaum die Tür aufgerissen, zugleich mit dem Gebimmel der altmodisch darüber hängenden Ladenglöckchen, fing sie an zu berichten.

»Stell dir vor, was passiert ist, Kathl. So ein Unglück! Einen Unfall mit dem Auto hat’s gegeben! Was meinst, wen’s erwischt hat?«

Die Kramerin hat sich ihr zugewendet, sagte nichts, zog lediglich ihre Augenbrauen fragend in die Höhe, und die Babette konnte es auch kaum erwarten, weiterzureden. »Den Escherhofer-Simon! Der war in dem Auto.« Für einen Moment ging Babette der Atem aus, sie nickte bekräftigend und fuhr fort: »Ganz schwer verletzt soll er sein, sie haben ihn sofort ins Krankenhaus auf Landshut gefahren, in die Intensivstation!« Schnell unterbrach die Kramerin und fragte aufgeregt: »Den Alten oder den Jungen?«

Beide hießen Simon und mit Nachnamen Drexler, was manche im Dorf gar nicht wussten. Escherhofer dagegen war der von längst verstorbenen Vorfahren überkommene Name ihres Hofes, nach dem sie allgemein gerufen wurden.

»Der Alte, der Simmer ist verunglückt«, erklärte die Babette. Während der Junge immer Simon genannt wurde, riefen besonders die älteren Leute im Dorf den Vater »Simmer«, die früher übliche altbayerische Sprachform des Vornamens.

»Und was fehlt ihm, hast du das erfahren?«

»Oh, mein Gott, ganz schlimm soll es sein, überall blutig war er, auch am Kopf«, erzählte die Babette und noch eine ganze Menge mehr an »Vielleichts« und Gerüchten, die in Windeseile durch das Dorf flogen.

Die Kramerin hörte sich alles interessiert an, wie sie es stets tat bei Neuigkeiten, und wusste aus Erfahrung, dass sie das alles nicht unbesehen glauben konnte, und vor allem sollte man das Wenigste weitererzählen.

Das hatte ihr die Mutter schon als ganz junges Schulmädel, das im Laden mithelfen durfte, ernsthaft eingetrichtert. »Man darf und muss sich alles anhören, was die Leut’ einem erzählen, aber man darf nur wenig, und nur, was ganz bestimmt wahr ist, weitererzählen!« Und die Kramer-Kathl hatte sich ihr ganzes Leben daran gehalten, so wie die Mutter, die im vorigen Jahr mit 68 Jahren gestorben war, an Krebs. Da hatte sie erst so richtig gemerkt, wie sehr sie sich gegenseitig gebraucht hatten, nicht nur wegen der Arbeit im Laden.

Ach ja, die Mutter. Mit ihrem Mann, dem Martl, konnte sie viel weniger darüber reden, was im Dorf passierte. Er war ein ruhiger, zurückhaltender Mann, voll beschäftigt mit seiner Arbeit als Zimmerer tagsüber in einer Firma in der Stadt. In seiner Freizeit war er mit seinem Hobby ausgefüllt, dem Restaurieren und Bemalen alter Schränke einerseits und dem Sammeln und Bearbeiten von seltsam geformten Wurzelstücken zu Figuren andererseits. Seine skurrilen Wurzelmännchen hatten eine gewisse Berühmtheit erlangt, obgleich er selten welche hergab. Wann immer man ihn suchte, war er in seiner Werkstatt zu finden, allein, vor sich hin singend und summend, das Radio lief leise dazu, und er feilte, leimte und pinselte so vor sich hin im ehemaligen Kuhstall ihres Vaters. Kathls Vater hatte eine kleine Landwirtschaft betrieben, die Mutter war immer schon die Kramerin im Dorf.

Die Landwirtschaft lohnte längst nicht mehr, die 22 Tagwerk Wiesen und Äcker waren an größere Bauern verpachtet. Der Sohn arbeitete als technischer Zeichner in Landshut. Die Eltern waren stolz auf ihn, weil er sich einen Beruf mit Zukunft gesucht hatte, in diesen Zeiten, wo man so viel von Rezession und Arbeitslosigkeit hörte. Die Bauern hier im Dorf und rundherum jammerten alle arg, und einer nach dem anderen musste aufgeben, weil sie oft zu wenig Grund und Boden hatten, um davon leben zu können. Noch mehr bewirtschafteten den Hof im Nebenerwerb, was eigentlich immer hieß, der Mann geht zur Arbeit in die Stadt, die Frau versorgt zu Kindern und Haushalt auch noch den Hof.

Nicht so bei den Escherhoferischen. Die hatten mit den Pachtfeldern genug Grund, um bisher noch als Vollerwerbslandwirte zu existieren. Der Escherhofer baute Feldfrüchte wie Weizen, Gerste, Hafer, Mais, Erbsen, Bohnen und Sonnenblumen an. Auf seinen Weiden stand in Mutterkuhhaltung eine Herde Angusrinder, und eine Rotte Wildschweine wurde biologisch gehalten.

Sie waren das besondere Hobby des alten Simmer. Mit seinem Bruder, der vor mehr als dreißig Jahren in das große Fleischereigeschäft einer nahen Marktgemeinde eingeheiratet hatte, klappte auch die Vermarktung, wie man hörte, recht gut.

Babette war längst wieder mit dem Semmelkorb unterwegs zu denen, die keine Zeit hatten, selber schon am Morgen ins Geschäft zu kommen. Bei denjenigen, die in den Laden kamen, waren der Escherhofer und das Unglück in der Nacht Gesprächsthema Nummer eins.

Das Wetter, sonst immer eine Bemerkung wert, wurde heute nicht erwähnt.

Dann war die Kramerin in dem langen, schmalen Ladenraum wieder allein, doch der Escherhofer und seine Familie gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn. Sie kannte sie alle ein Leben lang, auch die bereits verstorbene Frau vom Simmer. Sogar an seine längst dahingegangenen Eltern konnte sich die Kathl noch recht gut erinnern.

Die Escherhoferbauern waren seit alters her die Besitzer eines schönen Vierseithofes gewesen, mit einem Stück Wald, fruchtbaren Feldern und guten Weiden drum herum. Sie hatten stets gut, fleißig und umsichtig gewirtschaftet. Da der Weiler Rucklberg nur aus vier Höfen bestand und sich die Bewohner recht gut untereinander verstanden, hatten sie sogar die Flurbereinigung, also die Neueinteilung der früher kleinen und verstreut liegenden Feld- und Wiesenfluren in größere, in Hofnähe liegende Parzellen freundschaftlich überstanden. Allerdings, der Kramerin gegenüber im Flüsterton ausgesprochen, ein bisserl geärgert hatte es die Escherhoferin doch, dass ihr Hof einen besonders guten Acker an den Dollingerbauern verloren hatte. »Freilich, stimmt schon, der Acker liegt direkt hinter dem Dollinger seiner Hauswiesen, aber trotzdem, um den guten Boden tut’s uns schon leid!«, hatte sie geseufzt. »Na ja, aber mit dene Stadtfritzen von der Flurbereinigung kannst halt nix machen, dene geht’s nur um die schöne Einteilung. Wir haben für den guten Acker einen schlechteren gekriegt, dafür sind es fast zwei Tagwerk mehr. Muss man sich halt damit abfinden und schließlich, der Dollinger kann natürlich auch nix dafür!« Vor Jahren, nach Abschluss der Flurbereinigung, hatte die Escherhoferin der Kramerin das erzählt, nun lag sie schon ein dreiviertel Jahr auf dem Friedhof. Die Kramerin seufzte. Die Escherhofer spukten ihr heute im Kopf herum, sie kam nicht los davon.

2

Sie saßen schon lang auf ihrem Hof, die Escherhoferbauern mit dem Schreibnamen Drexler. Irgendwann, sehr viel früher, vielleicht vor Jahrhunderten, hatte es wahrscheinlich tatsächlich eine Familie mit dem Namen Escherhofer gegeben. In einer Generation nur mit weiblichen Nachkommen musste ein Drexler in den Hof eingeheiratet haben, der dann, ganz selbstverständlich, für die Leute aus der Umgebung zum Escherhofer geworden war.

Die Kathl saß in ihrem Laden, und die Gedanken an die Escherhoferischen kreisten in ihrem Kopf. Vor einem knappen Jahr war die Kramerin einige Wochen lang jeden dritten Tag nach Rucklberg gefahren und hatte der erkrankten Bäuerin Lebensmittel gebracht.

Die Escherhoferin, eine stattliche, starke Frau, ärgerte sich darüber, ausgerechnet im Hochsommer einige Zeit zur Untätigkeit verdammt zu sein. Eine schwere Grippe machte ihr zu schaffen. Ganz ihrer Art entsprechend, war sie spät zum Arzt gegangen, und kaum halbwegs genesen, arbeitete sie wieder, viel zu früh, wie sich wenige Tage später herausstellte.

Nach einem schweren Rückfall und einer zusätzlichen Lungenentzündung starb sie mit nur 52 Jahren und ließ ihren Mann und vier Kinder zurück. Die Jüngste, ein zierliches, fröhliches Mädchen von achtzehn Jahren, war gerade mit der Friseurlehre fertig. Sie kam zurück auf den Hof, um ihrem verwitweten Vater und dem zehn Jahre älteren Bruder Simon in Haus und Hof beizustehen. Zum einen hatte die ursprüngliche Begeisterung für ihren Beruf einigermaßen nachgelassen, zum anderen hielten es die beiden Männer unter der Fuchtel ihrer Tante Fanny nicht mehr aus.

Gleich nach dem Tod der Escherhoferin hatte sich, ohne dazu aufgefordert werden zu müssen, die Tante Fanny eingefunden. Sie war eine entfernte Cousine des Vaters, die ihren Mann früh verloren hatte. Ohne Kinder und sonstigen Anhang lebte sie in einer recht kleinen Altbauwohnung in Landshut von einer bescheidenen Witwenrente, die sie durch wechselnde Aushilfsjobs, meist in Supermärkten, aufbessern musste. Eine resolute Person, die, so stellte sich die Kramerin vor, wohl öfter angeeckt war und dadurch ihre Aushilfsjobs immer wieder verloren hatte.

Überfließend vor Mitleid mit den verwaisten Kindern und dem einsamen Witwer, war sie gleich nach der Beerdigung mit Sack und Pack angekommen. Anfangs war die Familie auch ganz froh darüber gewesen. Simon, der Vater, und Simon, der Junior und vorgesehene Hoferbe, hatten ihren Kummer mit der vielen Arbeit auf dem Hof betäubt.

Der jüngere Sohn Albert war zurück nach München, wo er lebte und in einer großen Versicherungsfirma arbeitete, um Karriere zu machen, wie er es nannte. »Yuppie sein«, »Erfolg haben«, »zu den oberen, besseren Kreisen gehören«, das war immer schon sein erklärtes Ziel gewesen, auf das er vehement hinarbeitete. Wenn er manches Mal einige Tage zu Hause seinen Urlaub verbrachte, was von ihm erwartet wurde, weil er zur Heu- und Getreideernte gebraucht wurde, redete er gern von den Lokalen, die in München gerade »in« waren, oder von seinen Golf- und Tenniserfolgen.

Die Geschwister spotteten gutmütig, Albert, eher von kleiner, vierschrötiger Statur, konnte man sich als Tenniscrack so gar nicht vorstellen. Außerdem, Tennis und Golf und all diese modernen Sportarten waren so weit weg vom alltäglichen Bauernleben. »Wenn du den ganzen Tag sowieso draußen schuften musst, braucht es so was nicht, da ist die Arbeit Sport genug!«, behauptete Simon, der zum Kummer Alberts über seine gedrungene Statur auch noch schlanker und größer war. »Überhaupt, wir schwitzen und plagen uns und verdienen wenigstens was dafür, aber diese ganzen Sportarten, da schwitzens’ und plagen sie sich und lassen sich dafür auch noch jede Menge Geld aus der Tasche ziehen. Was des kost’! Sogar fürs simple Radlfahren brauche die eine mordsteure Ausrüstung, vom Schifahren und deinem Golf und Tennis gar nicht zu reden.«

Simon schüttelte lachend den Kopf, und Albert sagte erbost: »Ihr seid einfach Banausen, richtige, ungebildete Bauerntrampel, die nicht wissen, worauf es im Leben ankommt.« Das »ungebildet« bezog sich auf die Abneigung seiner Geschwister, ins Theater oder in die Oper zu gehen. Albert natürlich, der kannte sich aus im Münchner Theaterleben.

Den »Bauerntrampel« nahm der Simon nicht krumm, er sagte höchstens: »Das bin ich gern und das möcht’ ich auch mein Leben lang bleiben!« Der Kramerin schien es, als würde diese Aussage den Albert erst recht ärgern, als sie diese geschwisterlichen Frotzeleien miterlebte.

Auch die ältere Schwester Helene hatte sich längst für das Bauernleben entschieden. Mit knapp 20 Jahren hatte sie in einen Bauernhof eingeheiratet, einen kleinen mit nur wenig Grund, aber mit dem unschätzbaren Vorteil, in der Nähe von Griesbach zu liegen.

Bad Griesbach, interessant und bekannt, nicht nur für Kurgäste, sondern auch für Touristen – Urlaub auf dem Bauernhof war »in«. Das hatte Helene immer schon gereizt. Als Teenager, kaum von der Schule, hatte sie die Mutter davon zu überzeugen versucht, dass dieser Wirtschaftszweig auch bei ihnen auf dem Hof eine Zukunft hätte. Die übrige Familie konnte sich für das Geschäft mit den Fremden aber gar nicht begeistern. »So lang wir es uns leisten können, von der Landwirtschaft allein zu leben, ohne Fremde, bleibt’s dabei!«, hatte der Vater kategorisch erklärt. Und dann fing er regelmäßig an, eher unerfreuliche Erlebnisse aus der Nachkriegszeit zu erzählen, als auf dem Hof eine Menge Flüchtlinge einquartiert waren. Sicher, die eine oder andere Familie waren »patente« Leute gewesen, manche traf man heute noch ab und zu und schätzte ihre Freundschaft, aber es waren auch genügend unsympathische dabei gewesen.

»Preußen und andere Fremde freiwillig auf den Hof lassen und gar noch katzbuckeln vor denen?« – wie es der Simmer ausdrückte – »nein, ohne mich, kommt nicht infrage!«

Helene sah das ganz anders, trotzte ihm sogar eine entsprechende Ausbildung ab, Haushaltsschule und eine Hotelfachlehre. Die schlanke, mittelgroße Tochter mit der dunklen Pagenfrisur stand ihrem Vater in puncto Durchsetzungsvermögen in nichts nach. »Tüchtig wie die Mutter, stur wie der Vater«, hieß es von ihr. Etwa vier Jahre vor dem Tod der Mutter hatte sie geheiratet, »einen Mann, wie für mich gemacht!«, betonte sie stets. Er besaß einen Vierseithof am Ortsrand, groß genug, um in nicht mehr gebrauchten Stadeln und Stallungen Ferienwohnungen auszubauen, und mit genügend Grund und Boden, um ein paar Reitpferde, einige Ziegen und Schafe, mehrere Milchkühe, Hunde und Katzen halten zu können.

»Unsere Streicheltiere haben wir wegen der Touristen, verdient an sich ist an ihnen nichts«, gab Helene zu. »Solche Viecherl braucht man einfach, wenn man Urlaub auf dem Bauernhof anbieten will; und uns selber und unsere Kinder freuen sie auch. Ich möcht’ nicht ohne unseren Mini-Tierpark sein!«

Helenes Zukunftspläne funktionierten. Wenn die Escherhoferischen zu ihr auf Besuch kamen, wurde regelmäßig vorgeführt, was ihr Mann in eigener Arbeit geschafft hatte. Ganz allein baute er eine Wohnung nach der anderen auf dem Hof aus. Er war mittlerweile perfekt im Aufziehen von Wänden, beim Fliesen legen, Heizung einbauen und so weiter. Helene war sehr stolz auf sein umfassendes Können. Zwei kleine Kinder, eine Tochter und ein Sohn, hemmten sie nicht in ihrer Arbeits- und Schaffenslust.

Zusammen mit der Schwiegermutter, die vor Jahren schon mit einigen Fremdenzimmern im eigenen Wohnhaus den Touristenbetrieb angefangen hatte, versorgte Helene Familie und Urlauber. Der Schwiegervater kümmerte sich hauptsächlich um die Landwirtschaft und die Tiere auf dem Hof. Viel Arbeit hatten sie, aber das waren sie alle von klein auf nicht anders gewohnt. Helene jedenfalls drückte des Öfteren ihre Zufriedenheit mit ihrem Los aus.

Als Doris, die kleine Schwester, ihre Stellung als Friseuse aufgab, war die große Schwester entsetzt. Ausgerechnet Doris, die doch für Kochen und Putzen und die Bauernarbeit immer nur ihre Verachtung ausgedrückt hatte, wollte auf dem Hof die Hauswirtschaft übernehmen?

Und was sollte aus Doris später werden? Helenes Meinung nach musste jeder Mensch ein Ziel haben und darauf hinarbeiten.

Doris dagegen wollte Beruf und Arbeit nicht so ernst nehmen, gut und einigermaßen gemütlich leben war ihr doch viel wichtiger. Mit leuchtenden Augen, bewundernd, lauschte sie dem Bruder Albert, wenn der von den vornehmen Kreisen, von der Schickeria Münchens erzählte. Das wäre schon was, dort dazuzugehören! Dabei fehlten Doris die Anstrengungsbereitschaft und das Wollen, aus eigener Kraft etwas zu erreichen. Sie träumte eher von einem gutsituierten Mann, der ihr einmal ein schönes Leben ermöglichen würde.

Bis dahin war sie ganz zufrieden, zu Hause zu sein. Schon immer Vaters Nesthäkchen, wurde nicht allzu viel von ihr erwartet und verlangt, zudem waren der herrische Simmer und Simon junior ausgesprochen froh, durch Doris die Tante Fanny endlich loszuwerden. Mit Vehemenz wurde ihr nahegelegt, doch wieder nach Landshut zurückzugehen, man könne ihre Hilfsbereitschaft und Großherzigkeit doch nicht ewig ausnutzen, sagten sie ihr. Und Tante Fanny ging, ohne ihr Gesicht zu verlieren, mit einem Briefumschlag mit einigen Hundertern drin.

Die drei Escherhofer atmeten auf und hausten recht zufrieden mit der neuen Regelung.

Die Kramerin schüttelte den Kopf, als wolle sie damit auch die kreisenden Gedanken und Erinnerungen abschütteln. Aber fast alle, die heute in den Laden kamen, fragten nach dem Simmer. Ob es wahr sei? Ob man was Neues über ihn wisse, wie schlimm es sei?

Die Kirchturmuhr schlug mahnend, und für die Kramerin war Mittag vorbei. Mit einem letzten prüfenden Blick auf das von Unkraut gesäuberte Saatbeet ging sie in den Schuppen, um Hacke und Handschuhe aufzuräumen und dann in den Laden zurückzukehren. Ausnahmsweise hatte die Kathl ganze eineinhalb Stunden für sich gehabt, denn nicht selten rief sie die Außenglocke an der Ladentür auch in der Mittagszeit. Ihre Kundschaft kam jederzeit und wurde erwartungsgemäß auch bedient von früh am Morgen bis zum späten Abend, sogar an Sonn- und Feiertagen. Da kamen die Leute von den einsam liegenden Weilern und Einödhöfen und kauften noch schnell nach der Messe, was in der Küche zu Hause abging, damit hatte sich die Fahrt ins Dorf doppelt rentiert. Die Kramerin war daran gewöhnt und schließlich verdankte sie der steten Bereitschaft noch das Existieren ihres Kramerladens, in einer Zeit, wo auch die Leute vom Land ihre wirklichen Großeinkäufe längst in den Städten, in Großmärkten und Supermärkten erledigten.

Die Kramerin war noch keine 20 Minuten im Laden, eine Reihe Schulkinder war, wie so oft, am Nachmittag beim Einkäufen da gewesen, um außer für die Familie vor allem Süßigkeiten und Eis zu erstehen, als sie draußen auf der anderen Straßenseite die Babette mit dem Escherhofer-Simon bemerkte. Sie schaute interessiert und mit einem flauen Gefühl im Magen zu, wie die beiden langsam, ernst redend auf den Friedhof zugingen. Oh mein Gott, dachte sie, das bedeutet doch nicht etwa …?

Es dauerte gar nicht lang, da kam der Simon allein vom Friedhof zurück. Kathl sah ihm nach, öffnete dazu die Ladentür einen Spalt breit. Der kleinere Bulldog vom Simon stand unter einer der Linden. Natürlich, das Auto war ja ganz kaputt durch den Unfall. Simon fuhr, ohne mit jemand mehr als ein ernstes Nicken zu tauschen, schnell knatternd davon. Einige Dorfleute, unter ihnen die Baumgartler-Rosl, schauten ihm lange nach. Und dann horchten alle auf, eine kleine, helle, weithin zu hörende Glocke ließ ihre kurzen Schläge über Dorf und Umgebung erklingen: die Totenglocke.

Viele schauten aufmerksam, liefen zusammen und blieben vor dem Friedhofstor stehen, bis das Geläut aufhörte. Die Babette schritt eilig daher. Sie, die Mesnerin, war es, die die Totenglocke geläutet hatte.

Aufgeregtes und doch leises, getragenes Gerede klang bis zur Kramerin herüber. Dann stürzte die Babette über den Dorfplatz zu ihr hin, und die Leute vor dem Friedhof strömten langsam auseinander. »Kramerin, hast es gehört?« Die nickte nur.

»Gestorben ist er, der Simmer, schon vor Mitternacht. Er war so schwer verletzt, dass er gar nicht mehr zu sich gekommen ist, sagt der Simon. Ganz schwere innere Verletzungen hat er sich zugezogen bei dem Unfall und ganz viel Blut hat er verloren. So ein Unglück! Noch kein dreiviertel Jahr ist es her, da ist sie gestorben, und jetzt er! Die armen Kinder!«, lamentierte die Babette, von echtem Mitgefühl überwältigt. Sie erwartete keine Antwort von der Kramerin, sondern lief gleich eilig weiter. Die Kramerin brauchte einige Momente, um diese Neuigkeiten zu verarbeiten, dann rief sie hinterher: »Babette, wart doch, was ist denn mit den Rosenkränzen?«

»Jessas, das hätt’ ich jetzt glatt vergessen, vor lauter Aufregung. Heut’ und morgen um siebene auf d’ Nacht. Gelt, schreibst du’s an, Kathl, mir pressiert’s!«

Die Kramerin nickte. Mit einem nassen Lappen wischte sie das angeschriebene Sonderangebot von der schwarzen Tafel, die an der Hausmauer neben der Ladentür hing, holte die weiße Kreide und malte in Schönschriftbuchstaben: Rosenkranz am 10. und 11. Mai um 19 Uhr.

Babette kam nochmal um die Ecke gerannt, atemlos rief sie der Kramerin zu: »Wenn es jemand wissen will, der Simon hat sich schon um alles gekümmert, die Beerdigung ist am 12., das ist der Freitag, vormittags um zehne. Und noch heut’ Nachmittag kommt er ins Leichenschauhaus, der Simmer.«

3

Währenddessen tuckerte der Simon auf seinem kleinen Traktor nach Hause. Er fuhr schnell und ganz automatisch. Eine große Leere war in seinem Kopf, er konnte nur immer tot, tot, tot denken, ohne Sinn und Verstand.

Als er daheim mit schweren Schritten in den weiten Flur trat, klang ihm das Schluchzen von Doris entgegen, die gerade dabei war, die Verwandtschaft telefonisch vom Tod des Vaters, von den Rosenkränzen und der Beerdigung zu verständigen.

Die beiden standen eine Weile stumm in der geräumigen Wohnküche nebeneinander und sahen in den strahlenden Sonnenschein hinaus. Keiner sprach, jeder war in seine eigenen, düsteren Gedanken versunken.

»Ich muss raus, muss was tun!« Simon ging langsam los. Doris hörte seine Schritte immer schneller werden, bis der Bruder im ehemaligen Rossstall, den schon der Vater in eine große Werkstatt und ein Brennholzlager umgebaut hatte, verschwand. Den ganzen Nachmittag lang hackte Simon Holz. Später würde er sich um die Fütterung und Versorgung der Rinder und Wildschweine kümmern müssen, von nun an alleine, der Vater war nicht mehr.

Das Telefon läutete. Doris überlegte, ob sie überhaupt drangehen sollte, ihr graute davor, noch einmal von Vaters Tod sprechen zu müssen. Schließlich nahm sie doch den Hörer ab. »Ja?«

»Doris, bist du das? Ich bin’s, Helene. Hör zu, ich kann unmöglich heute zum Rosenkranz kommen. Ich schaff’s nicht mit den Kindern und den Gästen, aber morgen komm’ ich ganz bestimmt, schon am Nachmittag!« Es war eine Weile still. »Hörst du mich, Doris?«

»Ja«, sagte diese nur, dem Weinen wieder bedenklich nahe.

»Es geht wirklich nicht, Doris, versteh doch, ich muss für die Kinder und zum Kochen und Zimmer richten für den Fremdenbetrieb eine Aushilfe besorgen, so kann ich nicht weg!«

Ja!«

»Doris, pass auf, hast du dran gedacht, dass ein paar Verwandte vor dem Rosenkranz zu euch auf den Hof kommen könnten? Hast was zum Trinken da und womöglich eine kleine Brotzeit?«

»Bier, Limo und Mineralwasser haben wir immer reichlich, jede Woche kommt doch der Getränkeausfahrer zu uns, heut’ war er natürlich auch da. Brot und Wurst sind im Gefrierschrank, Käse und gekochte Eier im Kühlschrank.«

»Gut, das reicht, wenn wirklich wer kommt. Und was ist mit einem Auto? Dem Vater seines hat einen Totalschaden, hast du heute früh gesagt.«

»Ich glaub’, der Simon bekommt für die nächsten Tage den Golf vom Sepp, vom Heitinger-Sepp.«

Helene wusste Bescheid. Der Sepp war, seit sie denken konnte, der beste Freund vom Simon. Obzwar einige Jahre älter, waren die beiden schon als kleine Buben stets zusammen gewesen, auf dem Schulweg genauso wie beim Birnenstehlen im Obstgarten vom Matteis, droben am Einödhof.

»Der Sepp hat im Moment gerade zwei Wochen Urlaub, da braucht er sein Auto nicht, außerdem hat der alte Heitinger ja auch noch eins!«

Beim Heitinger hatte sich der Bauernhof im Lauf der Zeit als zu klein erwiesen. Er wurde vom Alten noch in herkömmlicher Weise mit Milchvieh und einigen Stücken Nachzucht bewirtschaftet. Der Sepp hatte gleich nach der Schule eine Kfz-Lehre angefangen, zum Kummer des Alten, der es lange nicht wahrhaben wollte, dass sein Sohn höchstens noch Nebenerwerbslandwirt sein konnte. Der Sepp hatte sich durchgesetzt, und mit den Jahren gewöhnten sich die Eltern an die neue Situation. Sie waren jetzt sogar recht stolz auf ihren Sohn, der es immerhin zum Kfz-Meister gebracht hatte.

»Wir kaufen auch vom Sepp seiner Firma einen sechs Jahre alten Mercedes, in ein paar Tagen ist er fertig und muss dann nur noch zum TÜV.«

Helene seufzte. »Hoffentlich taugt der hergerichtete Mercedes was. Ohne Auto geht es ja nicht, da draußen bei euch. Na dann, mach’s gut, Doris, bis morgen, gleich nach Mittag fahr’ ich los zu euch. Und wenn was ist, ruf mich an, ja?«

Doris versprach es, und mit einem letzten Gruß beendeten die beiden Schwestern das Gespräch. Jede ein wenig getröstet, ein wenig abgelenkt.

Doris dachte an den leicht möglichen Besuch einiger Verwandter, überlegte kurz, sah sich prüfend in der großen, bäuerlichen Wohnküche um, im Wohnzimmer, in Bad und Flur und begann unverzüglich mit Aufräumen, Staubwischen, Staubsaugen.

Sie stürzte sich auf die Hausarbeit, als gäbe es einen Wettbewerb zu gewinnen. Es gelang ihr dabei halbwegs, ihre traurigen Gedanken aus dem Kopf zu verbannen.

»Doris? Hallo, Doris, grüß dich Gott.«

Erschrocken blickte Doris beim Schrubben des Hausflurs auf. Annemarie stand vor ihr. Annemarie, die Freundin, mit der zusammen sie die Friseurlehre gemacht hatte. Sie sah, wie immer, perfekt gestylt aus, mit kurz gelockten, blond gefärbten Haaren, die wunderbar zu ihrem ebenmäßigen, stupsnasigen Gesicht mit den großen blauen Augen passten. Ein wenig Schminke um die Augen und eine Spur Lippenstift unterstrichen die schönen Gesichtszüge; ohne »Bemalung« würde Annemarie nie aus dem Haus gehen. Flotte, teure schwarze Designerjeans, ergänzt von einer schwarzweiß gemusterten Bluse, kleideten ihre schlanke, sportliche, eins dreiundsiebzig große Figur, wie bei ihr nicht anders zu erwarten, genau richtig für diesen Tag und diesen traurigen Anlass.

Annemarie war eine von den zwei Töchtern des Friseurs, bei dem Doris gelernt hatte. Sie war sehr selbstbewusst, stets fröhlich und wurde von Doris sehr bewundert, ob ihrer Weltgewandtheit, und beneidet um die vielen Urlaubsreisen, die sie bereits auf alle mögliche Inseln und an viele Strände dieser Welt geführt hatten.

»Annemarie!« Überrascht sah Doris auf, schluckte und konnte nicht weiterreden, weil ihr die Tränen in die Augen schossen.

»Oh, Doris, das alles ist furchtbar, es tut mir ja so leid!« Annemarie ging auf sie zu, zog sie an sich und streichelte beruhigend über ihre Schultern.

»Wo ist denn der Simon? Ist er da?«

Doris nickte, zeigte mit der Hand die Richtung und brachte nur das Wort »Werkstatt« einigermaßen deutlich heraus.

Annemarie tätschelte noch einmal mitfühlend den Arm der Freundin, wandte sich um und ging mit langen Schritten zur Haustür hinaus.

Natürlich, Annemarie war eigentlich zu Simon gekommen. Die beiden betrachteten sich als verlobt, auch wenn eine offizielle Feier nie stattgefunden hatte.

Der Escherhofer Senior hatte Annemarie zwar gern als Freundin seiner Tochter akzeptiert. »Schön anzuschauen ist sie schon und so lebendig!«, pflegte er zu sagen. Als er jedoch bemerkte, mit welcher Bewunderung auch Simons Augen auf ihr liegenblieben, und vor allem erkannte, dass Annemarie scheinbar auch Simon gern sah, änderte sich seine Einstellung. Noch bevor der ruhige, Mädchen gegenüber eher schüchterne Simon sich Annemarie überhaupt in irgendeiner Weise genähert hatte, wetterte der Alte: »Bub, so gescheit wirst doch wohl sein, dass du dir nicht so eine angestrichene Stadtmadam aussuchst. Die taugt nicht fürs Leben auf dem Land. Da muss eine arbeiten können und sich nicht bloß schön anziehen und herrichten, in der Stadt umeinanderflanieren und jedes Jahr dreimal in Urlaub fahren!«

»Das finde ich ungerecht«, hatte Simon bei einem ähnlichen Ausbruch des Escherhofers entgegnet. »Annemarie arbeitet schließlich tagtäglich bei den Eltern im Friseursalon, sogar einen silbernen Preis für eine besonders gelungene Frisur bei einem Wettbewerb in München hat sie bereits bekommen.« Und weiter meinte er mit fester Stimme: »So schlimm ist das Bäuerinsein auch nicht mehr, und überhaupt, meine Frau such’ ich mir auf alle Fälle selber aus, nach meinem Geschmack, da lass ich mir nicht dreinreden!«

Die beiden, der Alte und der Junge, hatten manch erbitterten Streit darüber. Obwohl der Simon dem Vater sonst oft nachgab, wenn es um Entscheidungen über Maschinenkauf und andere landwirtschaftliche Belange ging, zu Annemarie stand er und ließ sich von ihr nicht abbringen.

Vielleicht hatte der alte Simmer die Liebesgeschichte sogar unbewusst vorangetrieben? Wie dem auch sei: Annemarie hatte Doris verdächtig oft besucht, als diese entschieden hatte, auf dem Hof den Haushalt zu führen. Nicht immer bekam sie Simon auch zu sehen. Und schließlich, als dieser gar keine Anstalten machte, hatte sie die Initiative ergriffen und ihn zu einem Sommerfest eingeladen. So begann es zwischen den beiden, und schnell waren sie überzeugt, die ganz große, einmalige Liebe gefunden zu haben und zusammen jegliche Zukunft meistern zu können.

Der Erscherhofer blieb stur. Er sträubte sich gegen Heiratspläne, riet zum Abwarten und weigerte sich energisch, an ein Verpachten der Landwirtschaft an seinen Sohn oder gar an ein Übergeben seines Besitzes an ihn auch nur zu denken. Er hoffte stets, dem Simon würde eine passendere zukünftige Bäuerin über den Weg laufen, und diese »Geschichte« mit der »Stadtmadam« würde dann auseinandergehen!

Annemarie hatte Simon eine Weile unbemerkt beim Arbeiten zugesehen, dann umarmte sie ihn schweigend. Nach einem langen, zärtlichen Kuss sah sie ihm vorwurfsvoll ins müde wirkende Gesicht. »Musst du ausgerechnet heut’, an so einem Tag, Holz hacken?«

»Warum nicht? Ich kann doch nicht rumsitzen und Löcher in die Luft starren, da würde ich ja durchdrehen. Und Holz zum Einheizen brauchen wir immer. Wieviel Uhr ist es denn?«

»Halb fünf gleich.«

»Zeit zum Füttern. Die zwei Kühe sind auch noch zu melken, bis wir um halb sieben zum Rosenkranz in die Kirche fahren. Da muss ich mich beeilen. Hilfst du mir?«

Etwas ratlos blickte Annemarie an ihrer makellos modischen Erscheinung hinunter.

»Da bin ich aber nicht richtig angezogen dafür. Die Aufmachung«, dabei drehte sie sich vor ihm, »war eigentlich für den Rosenkranz. Ich hab’ mir schon gedacht, dass der abends bei euch in der Kirche gebetet wird.«

Als sie Simons Enttäuschung bemerkte, lenkte sie ein. »Na gut, weil du’s bist. Ich helf’ dir, ich zieh mich nur schnell um. Ein Schluck zu trinken wär auch nicht schlecht. Kommst du nicht hinein ins Haus, Brotzeit machen?«

»Nein, ich hab’ heut’ keinen Appetit. Ich würde nichts hinunterbringen.«

Annemarie zuckte hilflos mit den Schultern. »Na schön. Ich komm’ dann gleich wieder.«

Mit großen Schritten eilte sie ins Haus.

Vor einigen Monaten war es ein großer Spaß für sie gewesen, sich mit Gummistiefeln, blauem, einteiligem Arbeitsanzug und diversen Männerhemden, einem Männerhut und einer Arbeitsjacke auszurüsten. Schürzen und Kopftücher, Standardausrüstung von Bäuerinnen, fand sie unmöglich.

Diese Arbeitskluft hing nun im Garderobenraum neben dem Bad im Erdgeschoss einträchtig neben Simons verschiedenen Arbeitskleidungen. Zum Erstaunen des alten Simmer und ohne sich deshalb seine Achtung und Freundschaft gewinnen zu können, schlüpfte Annemarie recht oft in das »Arbeitsgewand« und half bei allen anfallenden Arbeiten in Hof, Stall, Feld und Wald mit.

»Ich muss schließlich alles lernen, was man als Bauer oder Bäuerin können und wissen muss.«

Simon war ein begeisterter Lehrmeister, furchtbar stolz auf den Eifer und die Geschicklichkeit, mit der seine Annemarie bald die Traktoren fuhr, die Tiere fütterte und streichelte.

Der Alte jedoch grummelte unzufrieden vor sich hin. »Wir haben doch keinen Streichelzoo. Und wer weiß, was wird, wenn sie diese Arbeit alle Tage tun soll. Dann ist der Spaß gleich vorbei!«

Annemarie hatte sich für die Arbeit umgezogen und auf dem Weg nach draußen dachte sie einigermaßen erleichtert, dass ihr der Alte nun nicht mehr mit scheelen Blicken zusehen würde.

So versorgten die drei jungen Leute die Tiere, denn Haus und Hof, vor allem aber die Tiere wollen jeden Tag betreut werden, ganz gleich, was sonst passiert, Freud oder Leid, Geburten, Hochzeiten oder Todesfälle.

4

Kurz vor halb sieben Uhr abends, die Geschwister und Annemarie waren eben dabei, sich für den Sterberosenkranz umzuziehen, kam Vaters Schwester, Tante Anne, mit ihrem Mann und zwei erwachsenen Kindern. Die Stimmung war tränenfeucht, und besonders Simon fiel es unendlich schwer, die Fragen der Tante zu beantworten. Dabei warf Tante Anne neugierig interessierte Blicke auf Annemarie, zog ihre Schultern sehr gerade hoch und wendete sich demonstrativ nur Simon und Doris zu.

Simon schaute auf die Uhr und mahnte: »Es ist gleich dreiviertel sieben, höchste Zeit, wenn wir nicht zu spät in die Kirche kommen wollen!«

Der Sepp hatte schon einige Minuten vorher das Auto in den Hof gefahren, Simon stumm die Schlüssel in die Hand gedrückt und sich gleich wieder davongemacht.

Wenn bloß alle so wenig darüber reden und mir meine Ruhe lassen würden!, dachte der Simon seufzend, als er mit seiner Schwester ins Auto stieg. Die Tante war bereits abgefahren, Annemarie würde mit ihrem eigenen Wagen zur Kirche kommen und nach dem Rosenkranz in die Stadt zurückkehren.

Mit einem seltsam unwirklichen Gefühl standen sie dann im Leichenschauhaus vor dem braunen, geschlossenen Sarg. Da drin sollte nun der Vater sein? Umfangreiche Blumenschalen waren davor und daneben gruppiert, seitlich hingen an Holzgestellen bereits mehrere, mit zahlreichen Blumen geschmückte Kränze. Die schwarzen und dunkelgrünen Kranzschleifen hatte die Mesnerin sorgfältig so drapiert, dass ein jeder die aufgedruckten Aufschriften lesen konnte. »In Liebe, deine Tochter Doris« etwa oder: »In Dankbarkeit, dein Simon« oder: »In stillem Gedenken, deine Schwester Anni mit Familie«. Bis zur Beerdigung würden es noch viel mehr Kränze und Gestecke werden.

Zur selben Zeit beobachtete die Kramerin vom Laden aus, wie immer mehr Leute zum Rosenkranzbeten kamen. Der Escherhofer war ein angesehener Mann gewesen, ein von allen geschätztes Mitglied der Gemeinde, lange Jahre auch gewählter Gemeinderat, entsprechend viele Trauernde erschienen nun.

Ein paar ältere Frauen aus dem Dorf, die noch eingekauft hatten, verschanzten sich hinter der Ladentüre, um die Ankommenden beobachten zu können.

»Die Anne, dem Simmer seine jüngere Schwester, ist auch da! Schau, dort, mit dem dunkelblauen Auto. Der junge Mann muss dann ihr Sohn sein. Mein Gott, hab’ ich die Anne schon lang nicht mehr gesehen. Dabei sind wir gleich alt und mitsammen in die Schule gegangen. Und der Alte mit dem Hackelstecken, des muss der Moarvater von Dulbach drüben sein, der geht sich aber hart!«

Schließlich mahnte eine der Frauen: »Ich glaub’, jetzt müssen wir auch rübergehen, sonst kriegen wir keinen Sitzplatz mehr in der Kirche!«

»Hast recht!«, stimmten die anderen zu und machten sich langsam auf den Weg über den Dorfplatz.

Die Kramerin rief: »Martl, Zeit ist’s!«

»Geh nur, ich pass schon auf!« Martl kam und half ihr in den Mantel. Dann holte er sich gleich noch einen Werkzeugkatalog aus der Küche.

»Wird eh niemand kommen, solang der Rosenkranz dauert«, sagte er und war darüber sichtlich froh, denn auf den Laden »aufpassen« und Kunden bedienen, wenn seine Frau einmal weg musste, gehörte nicht gerade zu seinen liebsten Beschäftigungen. Allerdings, Rosenkranzbeten war noch viel weniger nach seinem Geschmack.

Die Kramerin eilte immer wieder grüßend über den Dorfplatz und den Friedhof gleich zur Kirchentür hinein.

Noch während sie mit dem Weihwasser aus dem Kessel neben der Kirchentür das Kreuzzeichen schlug, blickte sie prüfend auf die hinteren Kirchenbänke, wo sie noch Platz finden könnte.

Wie nicht anders zu erwarten, war die kleine Dorfkirche ziemlich voll. Doch einige Frauen rückten ein Stückchen zusammen, und die Kramerin fand genügend Platz, um sich hinzusetzen.

Wie viele solcher Rosenkränze sie wohl bisher erlebt und gebetet hatte! Schon als Kind hatte sie die Mutter geschickt, und jetzt, wo der Martl so ungern ging, blieb es wieder bei ihr. Gehen musste jemand, so war es Tradition, aus Achtung und Ehrerbietung gegenüber dem Verstorbenen und den Angehörigen.

Neugierig, mit vorsichtigen Blicken, ohne den Kopf allzu sehr zu bewegen, schaute Kathl sich um. Das Interessanteste an den Sterberosenkränzen waren doch allemal die Leute, die da kamen. Solche, die sonst in der Kirche nicht oft zu sehen waren, ein paar Fremde und vor allem die große Schar von Bekannten und Verwandten des Verstorbenen, Schwestern und Brüder, Onkeln und Tanten und deren Kinder.

Gerade eben war noch die Baumgartler-Rosl zur Kirchentür hereingeschlüpft.

Die Verwandtschaft allein füllte fünf Bänke vorne, denn wie üblich bei Sterberosenkränzen, saßen und knieten die Angehörigen dann ganz nahe dem Altar. Die Kirchentür schwang gleichzeitig mit dem letzten Glockenschlag, der die Leute zum Kirchenbesuch mahnen sollte, zu.

Die Babette, nicht nur Mesnerin, sondern auch Vorbeterin beim Rosenkranz, begann: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes …«

Die Kramerin fragte sich oft, wie es den anderen Rosenkranzbetern erging. Ob sie auch ganz automatisch die »Vater unser« und »Gegrüßet seist du Maria« herunterbeteten und dabei ihre Augen und Gedanken ganz eigene, weniger fromme Wege gehen ließen? Nicht, dass sie jemals den Mut gefunden hätte, derartiges irgendjemand gegenüber auszusprechen, nicht einmal ihr Mann kannte diese Gedanken.

Das Gleichmaß der Gebete, der von Kindheit an vertraute Rhythmus, das An- und Abschwellen der Sprachmelodie wirkten beruhigend auf die Trauernden. Während der Mund ganz automatisch die in der Kindheit gelernten, richtigen Worte formte, tauchte so manche Erinnerung an den Verstorbenen auf: wie er gewesen war, was er getan hatte, was man mit ihm erlebt hatte im Laufe seines über 60jährigen Erdendaseins.

So dachte der Doderer Hias, von Kindheit an Vertrauter und Spezi des Escherhofer-Simmer, mit einem unwillkürlichen Schmunzeln, das sich nur in der Vertiefung der vielen Fältchen in seinen Augenwinkeln zeigte, an all die Streiche, die sie beide als Buben und Jugendliche ausgeheckt hatten. War das ein Aufruhr gewesen, als sie damals das Feuer aus trockenem Kartoffelkraut direkt neben einem hohen Strohhaufen angezündet hatten. Nie mehr hatten ihm Kartoffeln besser geschmeckt als damals die aus der ganz verkohlten, rußigen Schale gekratzten goldgelben Reste. Und die Schläge, die sie einstecken mussten, weil der Strohhaufen fast in Flammen aufgegangen wäre! Und später, als sie gemeinsam hinter den Mädchen herschlichen …

»Gegr …« – erschrocken verstummte der Hias. Er hatte vor lauter Nachdenken über die gemeinsamen Jugendsünden nicht mehr aufgepasst und ganz allein ein elftes Mal das »Gegrüßet seist du Maria« angefangen! Die Mesnerin und der Chor der Betenden wussten es besser und begannen stattdessen mit einem »Herr, gib ihm die ewige Ruhe« und damit dem Wechsel zum nächsten Zehnerblock des Rosenkranzes.

Doris kniete ganz vorne in der ersten Bank vor dem Altar. Eine große Traurigkeit, wie eine erstickende schwarze Wolldecke, umschloss ihr ganzes Sein. Vor kaum einem dreiviertel Jahr war ihnen die Mutter genommen worden und nun auch noch der Vater. Er war so stark gewesen, so präsent, nie krank, unvorstellbar, dass er auf einmal nicht mehr da war! Ein Leben ohne ihn war für sie gar nicht vorstellbar. Der Vater nicht mehr da, zu dem sie mit all ihren Wünschen hatte kommen können, der sie liebevoll seine »Kleine«, sein »Spatzerl« genannt hatte.

Nur ein eigenes kleines Auto, sehnlichst erträumt, seit Doris mit achtzehn den Führerschein gemacht hatte, das wollte er nicht für sie kaufen. Alle Argumente hatten nichts genützt. »Der Mercedes«, bestimmte er, »langt für uns drei. Du musst schließlich nicht jeden Tag in die Arbeit fahren, wie viele andere, sondern höchstens zum Einkaufen, und am Wochenende kriegst du ihn öfters, das handeln wir drei uns schon aus. Ein eigenes Auto, was dir einfällt! Viel zu teuer und unnütz!«

Simon hatte natürlich erraten, dass es ihr bei dem Wunsch nach dem eigenen Auto hauptsächlich um die heimlichen Zusammenkünfte mit dem Peter ging.

Peter! Allein der Gedanke an ihn vermochte die Schwärze der Trauer ein wenig zu erhellen.

Der Vater hatte noch nichts von Peter gewusst, dem mittelgroßen, gutaussehenden Bankbeamten, den Doris erst vor vier Monaten in der Disco kennengelernt hatte. Liebe auf den ersten Blick war es bei ihr gewesen! Und bei ihm auch, das hatte er ihr des Öfteren versichert. Seit sie ihn kannte, fuhr sie meist entweder spätabends oder in der Mittagszeit in die Stadt zum Einkaufen, weil, wie sie dem Vater erklärte, da die Geschäfte leerer wären, und man müsse nicht so lange an der Kasse anstehen.

Der Simon blinzelte dazu, er wusste wohl, dass seine Schwester vor allem Peter treffen wollte. Sich nur an den Wochenenden zu sehen, genügte den beiden längst nicht mehr, sie schmiedeten bereits gemeinsame Zukunftspläne, von Urlaubsreisen bis hin zu Heirat und eigenem Haus.

Wenn Simon heiratete, würde Annemarie auf dem Hof den Haushalt übernehmen und sie wäre frei für Peter. Das Ersparte von Peter, seine Möglichkeiten, einen günstigen Angestellten-Kredit zu bekommen, und das ihr zustehende Heiratsgut, wie es bei Bauerntöchtern üblich ist, könnten ihre Wünsche nach einem eigenen Heim bald Wirklichkeit werden lassen. Helene hatte schließlich auch etwas Bargeld und die Möbel für eine Küche, ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer als Heiratsgut mitbekommen.

In Gedanken und Träumen konnte Doris ihr Haus mitsamt der Einrichtung schon deutlich vor sich sehen.

Tante Anne, zwischen Doris und Simon im Gebetsstuhl, war nicht nur traurig, vielmehr wallte Empörung in ihr. Saß doch diese Annemarie, die ihr Bruder gar nicht als Schwiegertochter hatte auf dem Hof haben wollen, neben dem Simon, mitten unter den Familienangehörigen. Die hätte sich doch wirklich hinten zwischen die Dorfleute setzen müssen! Zustände sind das heutzutage! Schließlich sind die zwei noch nicht verheiratet, wer weiß, ob daraus was wird. Ich hätte das Gspusi an seiner Stelle nicht geduldet, nicht ins Haus hineinlassen tät’ ich so eine, wütete sie in Gedanken.

Simon hatte keine Ahnung von dem Aufruhr in Tante Anne, er betete leise die vertrauten Worte und konnte das Geschehene noch immer nicht fassen. Seine Augen sahen nichts von den goldfunkelnden Figuren des Hauptaltares, nur vage und beruhigend war da neben ihm der Arm Annemaries.

Wie er bloß alle Arbeit allein, ohne die Hilfe des Vaters schaffen sollte? Sie hatten trotz ihrer oft verschiedenen Ansichten tagtäglich gut zusammen gewerkelt. Damals, als die Mutter starb zum Beispiel, hatten sie das Milchvieh aufgegeben und das Milchkontingent verkauft. Doris war fürs Kühemelken nicht zu begeistern, der Vater wurde nicht jünger, und Simon konnte die arbeitsintensive Milchviehhaltung auf Dauer nicht allein bewältigen. Es hatte seiner Meinung nach auch nicht viel Zukunft, da die Kosten und Aufwendungen für keimfreies Arbeiten stiegen, sie hätten neu investieren müssen, gleichzeitig fiel mit steter Regelmäßigkeit der von den Molkereien bezahlte Preis für die Milch.

Der Vater hatte anfangs arg geschimpft und gepoltert, unvorstellbar, sein Hof ohne Milchvieh! Aber schließlich, nach vielen Diskussionen und nachdem sie sich verschiedene Herden Mutterkuhhaltung in der näheren und weiteren Umgebung angesehen hatten, konnte Simon seine Vorstellungen verwirklichen. Er stellte sein Fleckvieh um auf Mutterkuhhaltung und kaufte mit dem widerwilligen Einverständnis seines Vaters eine kleine Herde Deutsche Angusrinder. Im Laufe der Zeit war der Vater sogar richtig stolz geworden auf die kraftvoll-muskelstrotzenden Anguskühe, die wuchsen und gediehen, wie überhaupt die Mutterkuhhaltung mit erfreulich wenig Arbeit zu schaffen war. Wenn der Fleischpreis nur nicht gar so in den Keller fallen wollte! Und schließlich hatten sie ja für den Eigenbedarf zwei Milchkühe behalten.

Annemarie drückte sachte Simons Arm und umfasste ihn dann beruhigend mit ihrer Hand, und seine Gedanken kehrten zur Gegenwart zurück, zum Rosenkranz.

Tante Anne hatte Annemaries liebevolle Geste bemerkt und stieß ein leises, unterdrücktes, deshalb nicht weniger empörtes Schnaufen aus. Unmöglich, wie die zwei sich benahmen, beim Sterberosenkranz und ohne verheiratet zu sein!

Simon achtete nicht auf seine Tante. Er drückte seinerseits Annemaries Hand, schaute bewundernd auf ihre gepflegten, schmalen Finger mit den perfekt manikürten Nägeln, ein krasser Gegensatz zu seiner eigenen, dickfingrigen Bauernhand. An seinen harten, großen Händen mit den dicken Hornschwielen an der Innenseite war ihm sein Beruf jederzeit anzusehen. Auch das Tragen von Arbeitshandschuhen, nachdem er Annemarie kennengelernt hatte, änderte daran nichts.

Auch seine Mutter, so erinnerte sich Simon, hatte harte, von der Arbeit schwielige Hände gehabt. Auf Annemaries schmale, schöne, ringgeschmückte Finger sehend, schwor er sich, sie sollte nicht solche Hände bekommen. Alle Erleichterung durch Maschinen in Haushalt und Hof, die möglich wären, sollte ihr zuteilwerden, er würde sie unterstützen, wo es nur möglich wäre, und ihre Hände sollten so fein, weich und schön bleiben, wie sie heute waren. Mit Annemarie würde er sich immer gut verstehen, gut gelaunt arbeiten und leben, mit ihr zusammen konnte er alles, was die Zukunft bereithielt, bewältigen, meinte Simon.

Auch Annemaries Gedanken verloren sich in Erinnerungen einerseits und Zukunftsvisionen andererseits, fast eingelullt durch den Rhythmus der Rosenkranzgebete.

Der Tod von Simons Vater, wenn sie ihn auch irgendwo bedauerte, ließ ihr die Zukunft in helleren Farben erstrahlen. Nichts mehr stünde der Hochzeit im Wege! Eine große, typische Bauernhochzeit wünschte sie sich, mit festlich gekleideten Gästen und sie selber im langen, weißen Kleid, einen langen, duftigen Spitzenschleier, eine Krone auf dem Kopf, die kleinen Kinder sollten Blumen streuen und Gedichte aufsagen. Sie würden eine Menge Hochzeitsgeschenke erhalten, denn Simon hatte noch mehr Verwandte als sie selber. Und es würde ihr gelingen, ihn zu einer Hochzeitsreise zu überreden, auf die Kanaren vielleicht? Und später, als Bäuerin auf dem Escherhof, würde sie mit einem Mercedes fahren statt mit einem japanischen Kleinauto wie jetzt. Sie wäre dann die junge Escherhoferin!

Mit einem Mal fiel Annemarie mit Schrecken ein, dass sie auf das große Hochzeitsfest noch eine ganze Weile würden warten müssen. Mein Gott, dachte sie, der Simon wird doch nicht so altmodisch sein und auf ein ganzes Jahr Trauerzeit bestehen, so wie es früher üblich war? Oder etwa, dass er keine große, weiße Hochzeit halten wollte angesichts des Trauerfalls in der Familie? Der Schreck verflog, sie beruhigte sich wieder. Sie würde Simon schon überzeugen können. Er erhoffte sich wie sie selber eine baldige Hochzeit und bisher hatte er die meisten ihrer Wünsche nur zu gern erfüllt.

Annemarie bemerkte mit Erleichterung, dass der fünfte Abschnitt des Rosenkranzes vorbei war, nun noch die Fürbitten, dann wäre er überstanden. Mit einem verunsicherten Staunen vernahm sie den erneuten Beginn eines »Gegrüßet seist du Maria …« Es wurden noch einmal 10 Gebete gesprochen, »für die armen Seelen im Fegefeuer«.

5

Auch Albert, gerade noch rechtzeitig zum Rosenkranz aus München gekommen, registrierte den sechsten Rosenkranzabschnitt mit seufzendem Ergeben. Natürlich, altmodisch bis dort hinaus, dachte er, als wenn fünf Abschnitte zu beten nicht eh schon reichlich wäre!

Nachdem nun der erste Schock über den plötzlichen Tod seines Vaters überwunden war, fiel ihm siedend heiß ein, dass er für heute Abend eigentlich mit mehreren Freunden zum Tennisspielen verabredet gewesen war, und er hatte vergessen abzusagen. Gleich nach dem Rosenkranz musste er in München anrufen und Bescheid geben. Was Roland, Nicole und Bernhard nun von ihm hielten?

Sie warteten, und er kam einfach nicht, unentschuldigt! Er ärgerte sich, dass ihm das passiert war, gerade die drei wollte er auf keinen Fall vor den Kopf stoßen, das wäre für sein berufliches Weiterkommen nicht ratsam! Hoffentlich hatten sie bei einem Trauerfall Verständnis für seine Vergesslichkeit.

Albert musste an seinen Vater denken, sah dessen stämmige, aufrechte Gestalt vor sich, in blauer Arbeitshose und Jacke, eine Gabel, Schaufel oder Rechen in der Hand oder auf dem Traktor fahrend. Vater hatte sein Leben eigentlich mit steter Arbeit verbracht, unterbrochen von den täglichen vier Mahlzeiten, Frühstück, Mittagessen, Brotzeit, Abendessen. Sonntags dann schlüpfte er in den schönen Anzug, um in die Kirche zu gehen. Danach saß er regelmäßig mit den meisten der alten und jungen Männer der Gemeinde im Dorfwirtshaus. Da diskutierten und schimpften sie vor allem über die Politik, beziehungsweise über die Politiker, die nichts »Gescheites« fertigbrächten, über die schlechten Zeiten für die Bauern heutzutage; die Entscheidungen des Gemeinderates wurden nochmals unter die Lupe oder auch vorweggenommen. So mancher Streit unter den Gemeindemitgliedern brach hier im Wirtshaus aus oder wurde hier beigelegt.

Bis es Zeit wurde fürs Mittagessen, war der Vater dann nach Hause gekommen, voller Klatsch und Tratsch, was vorging im Dorf und in der Welt. Albert erinnerte sich noch gut daran, wie lebhaft es deshalb am Sonntagmittag zu Hause stets zugegangen war. In den letzten Jahren war auch Simon öfter beim Frühschoppen dabei gewesen, aber Simon ging selten aus sich heraus, er überließ das Reden und Berichten weiterhin dem Vater.

Albert wurde schmerzlich bewusst, dass er selber nie so recht dazugehört hatte. Nicht, dass er nicht hie und da dabei gewesen wäre. Aber nie hatten ihn die Belange des Dorfes sonderlich interessiert, seine Arbeit und sein Leben in der Stadt waren ihm ungleich wichtiger erschienen. Eher rückständig, urig und dem eigentlichen Leben hinterher, so empfand er die Bewohner der heimatlichen Gemeinde. Und es fiel ihm verteufelt schwer, die kleinen Scherze auf seine Kosten, den »Stadtfrack«, wie sie ihn nannten, mit lächelnder Miene hinzunehmen. Allerdings, dem Vater hatte man stets den Stolz auf den erfolgreichen Sohn in der Stadt angesehen.

Unwillkürlich reckte Albert die Schultern. Er war, was seine Karriere betraf, auf dem Weg nach oben. Sie sollten staunen im Dorf, was er erreichen würde, auch wenn er nicht der Hofnachfolger war, wie Simon.

Albert konnte sich nicht entsinnen, dass dies jemals infrage gestanden hätte. Seine früheste Kindheitserinnerung zeigte ihm Simon, einen sehr kleinen Simon mit einer großen Gabel in den Händen, neben dem Vater auf dem Futtertisch vor den Kühen. Der Bruder hatte sich redlich bemüht, genau die Bewegungen des Vaters zu kopieren. Und so war es oft und oft gewesen. Zwar musste auch Albert manches Mal auf dem Hof mithelfen, aber Simon wurde ganz systematisch vom Vater unterwiesen.

Albert war das sehr recht gewesen, besonders seit einem Vorfall in der Schule. Er wusste heute nicht mehr warum, aber eines Tages hatte er handfest mit der Huber Annegret gerauft. Und als er sie so richtig schön im Schwitzkasten hatte, rief sie laut und deutlich: »Du stinkst ja fürchterlich nach Kuhstall. Deine Haare, pfui Teufel!«

Vor Verblüffung hatte Albert das Mädchen sofort losgelassen. Und von dem Tag an vermied er es, morgens vor der Schule noch im Stall zu sein.

Sorgfältig achtete er darauf, abends auch seine kurzen Haare gründlich einzuschäumen und zu waschen. Das fiel der Familie natürlich auf. Man hänselte ihn deswegen. »Hast vielleicht Angst vor so ein bisserl Dreck? Glaubst, der beißt dich? Du willst wohl lieber ein feiner Mann sein!« hieß es spöttisch. Andererseits akzeptierte man aber auch seine Art, und besonders die Mutter unterstützte ihren jüngeren Sohn und bestärkte ihn darin, sich anderweitig als am Hof zu orientieren. Sie forcierte und befürwortete seine Entscheidung, die Realschule zu absolvieren und später eine gute Berufsausbildung anzuschließen.

Albert hatte inzwischen erkannt, dass auch in der Stadt, in einem bürgerlichen Beruf nicht alles einfach und sauber war. Trotzdem: Er beneidete die Kollegen und Freunde, die durch ein angesehenes Elternhaus entsprechende Vorteile im Beruf und vor allem mehr Geld zur Verfügung hatten. Zu den besseren Kreisen wollte er gehören, deshalb spielte er Tennis und Golf mit den »richtigen«, den wichtigen Leuten, selbst oder vielleicht sogar vor allem, wenn sie älter und einflussreicher waren als er. Albert besuchte die richtigen Lokale, ging ins Theater, in die Oper, in Konzerte, ein williger Begleiter, wenn Not am Mann war und auch, um mitreden zu können. Seine Familie schüttelte den Kopf darüber, ihn befriedigte es.

Wenn nur das alles nicht so teuer gewesen wäre. Sein Gehalt reichte gerade eben, seine wichtigsten Ansprüche zu erfüllen.

Geld? Nun, nachdem der Vater tot war, was hatte er zu erwarten?

Albert wurde aus seinen Gedanken gerissen durch die plötzliche Stille nach dem geruhsamen Auf und Ab im Rhythmus der Rosenkranzgebete, die Fürbitten begannen.

»Geld« – »Erbe«, summte es weiter in Alberts Kopf. Einmal aufgetaucht, ließen ihn diese Fragen nicht mehr los. Ob der Vater beim Notar gewesen war? Ob er den Hof wie geplant bereits an den Simon übergeben hatte? Oder war irgendwo ein entsprechendes Testament hinterlegt? Oder hatte er vielleicht gar nichts unternommen? Schließlich war er noch nicht so alt und sehr gesund gewesen! Was wäre dann?

Brennend interessierte den jüngeren der Escherhoferbrüder das. Konnte er fragen? Heute noch? Morgen oder lieber doch erst später, nach der Beerdigung?

Ein »Amen« aus vielen Kehlen beendete den Rosenkranz, und nach einem kurzen Moment der Besinnung hörte man unruhiges Kleidergeraschel und leise Schritte. Die Leute drängten eilig aus der Kirche hinaus, und auch die Familienmitglieder und Verwandten erhoben sich langsam und verließen die Kirchenbänke mit einer Kniebeuge.

Draußen verabschiedete sich Annemarie mit einem sanft streichelnden Händedruck und einem leisen »Servus, Simon, bis morgen!« und wandte sich eilig ihrem Auto zu.

»Annemarie, wann kommst du denn morgen?«, fragte Simon.

»Erst abends, nach sechs, Simon, ich kann morgen nicht wieder früher Schluss machen, ich muss doch auch arbeiten!«

Simon nickte betrübt und ließ widerwillig Annemaries Hände los. Am liebsten hätte er sie an sich gedrückt und sich mit einem Kuss verabschiedet, aber ihnen war natürlich bewusst, wie viele neugierige Augen aufmerksam auf sie gerichtet waren.

Annemarie winkte noch einmal aus dem Auto zu Doris und Albert hin und fuhr davon.

Ohne mehr als kurze Grüße oder ein Nicken mit den Dorfbewohnern zu tauschen, stiegen auch die drei Escherhoferkinder in ihre zwei Autos und fuhren nach Hause.

Mit einem leisen Stich des Neides wunderte sich Albert, wie es Simon bloß gelungen war, diese hübsche, gut gebaute, modische junge Frau zur Freundin zu gewinnen. Sie wirkte so gar nicht, als wäre sie für die Arbeit auf einem Bauernhof geschaffen.

Zu Hause in der Wohnküche fragte Albert: »Was genau ist eigentlich passiert? Wie konnte der Vater an der Kurve einen Unfall haben? Er kennt sie doch, so lange er lebt!«

Doris schluckte und bemühte sich krampfhaft, nicht wieder zu weinen.

»Das können wir uns auch nicht erklären. Vielleicht war ihm nicht gut, oder er war sehr müd’ oder vielleicht wollte er einem Hasen oder einem Reh ausweichen, wir wissen es nicht und wahrscheinlich werden wir es auch nie erfahren!«, mutmaßte Simon.

Doris wischte sich die nassen Augen und stellte Brot und Butter, Wurst und Käse als Abendmahlzeit auf den Tisch. Sie holte Limonade und Mineralwasser aus der Speisekammer, und ihr Blick fiel auf den Träger mit dem dunklen Bier. Vaters liebstes Getränk. Er hatte oft über seine Kinder den Kopf geschüttelt, die Wasser zu den Mahlzeiten tranken. Er selbst hielt sich ans dunkle Bier, zwei, drei, an sehr heißen Tagen vier Halbe. Ihnen allen war schon durch den Kopf gegangen, wie viele es an seinem letzten Tag gewesen waren, wie viel er wohl beim Schafkopfen mit seinen Freunden im Gasthof »Zur Linde« getrunken hatte?

Die Geschwister sprachen nicht offen darüber. Der Vater war fast jeden Dienstagabend beim Wirt gewesen. Nie war er betrunken nach Hause gekommen, höchstens gut gelaunt, wenn er die meisten Spiele gewonnen hatte.

Der Appetit fürs Abendessen wollte sich nicht recht einstellen. Simon musste erzählen, was er alles für die Beerdigung und die Kremess, also das Freundschaftsmahl nach der Beisetzung, organisiert hatte.

Alberts Gedanken kreisten erneut um die Frage nach der Erbschaft und den Notar, aber er wagte es dann doch nicht, an diesem ersten Tag nach Vaters Tod von Besitz und Geld zu reden.

Simon erhob sich, um eine letzte Runde um Haus und Hof zu machen, noch mal nach den Tieren zu schauen, Türen und Gatter zu kontrollieren, wie er es jeden Abend tat.

Albert folgte ihm.

Sie gingen über den Hof, und als sie an der leeren Hundehütte vorbei kamen, fragte Albert: »Der Ajax! Jetzt fällt’s mir erst auf, was ist denn mit dem Ajax?«

»Der Ajax ist vor zwei Wochen eingegangen. Er war halt schon sehr alt für einen Hund, fast 16 Jahr’«, berichtete Simon.