Größenwahn und Politik -  - E-Book

Größenwahn und Politik E-Book

0,0

Beschreibung

Die Autoren des ersten Bandes einer kommenden Reihe der EDITION LINGEN STIFTUNG beschäftigen sich mit dem Phänomen "Größenwahn" in der Politik. Aber es wird auch festgestellt, dass die Medien nicht frei von fehlender Bodenhaftung sind. Die EDITION LINGEN STIFTUNG hat es sich zur Aufgabe gemacht, unsere heutige Demokratie kritisch zu durchleuchten. Dabei sollen weder Politiker pauschal an den Pranger gestellt noch simple Medienschelte betrieben werden, sondern mutige, offene und ehrliche Diskussionen geführt werden. Nur so lassen sich unsere bürgerlichen Rechte und Freiheiten sichern. EDITION LINGEN STIFTUNG - Publikationen für politisch interessierte Bürger

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2012

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Vorwort

Arnold KirchnerGrößenwahn

Dieter WonkaDas Trio des deutschen Politiker-Größenwahns

Hans-Ulrich JörgesZwerge, mit und ohne Buckel

Christoph SchwennickeGabriele Pauli, Ikara der CSU

Regionalbischöfin Susanne Breit-KeßlerGrößenwahn und falscher Ehrgeiz

Theo WaigelVor Fehlern in der Politik ist niemand gefeit

Karl-Theodor zu GuttenbergIm Gespräch mit Graf von Nayhauß: Mit Missverständnissen muss man leben

Helmut HaussmannWenn die Kontrollen versagen

Jürgen RüttgersProminent zu sein, reicht nicht. Wie Inszenierungen die Politik verändert haben.

Dorothee Bär„Dankbar rückwärts, mutig vorwärts, gläubig aufwärts.“

Bernard NussSind Politiker Menschen?

Hajo SchumacherEin Handy für den Chef

Thilo SarrazinGrößenwahn und jüngere Zweitfrau

Hans LeyendeckerGrößenwahn gab’s schon immer

Hans Herbert von ArnimDer Ehrensold des Präsidenten

Peter BachérWas moralisch falsch ist, kann politisch nicht richtig sein

Mainhardt Graf von NayhaußBodyguards sogar im Wohnzimmer

Franz-Jochen SchoellerPräsidentenwunsch: Orden auch für Frau und Tochter

Lisa Inhoffen, Rita Klein, Florian Ludwig, Wolfgang WiedlichDas Millionengrab

Bauprojekte, Prestige und kommunaler Ausverkauf

Barbara ScheelFür Klarheit

Wolfgang GerhardtVon Torheit, Größenwahn und Borniertheit

Hans-Peter SchwarzUnser neuer Größenwahn: Rettung des Erdklimas

Peter Scholl-LatourVorsicht „Weltpolitik“! – Bonner Gipfelwahn

Claus Jacobi„Der Weg der Deutschen“

Literaturverzeichnis

Impressum

Vorwort

„Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig.“Kurt Tucholsky

Als im Spätsommer 2011 die Planungen zu einer „Edition Lingen Stiftung“ konkrete Formen annahmen, waren Aufstieg und Fall des Karl-Theodor zu Guttenberg nicht mehr auf den Titelseiten zu finden. Doch nachdem der mediale Schlachtenlärm verklungen war und sich der Rauch der Wortgefechte und Talkrunden verzogen hatte, drängten sich mit zunehmender Distanz zum Geschehenen Fragen auf, die weit über den bis dahin wohl spektakulärsten Absturz eines Politikers hinausgingen. Die Betonung liegt auf „bis dahin“. Denn niemand konnte ahnen, dass in Deutschland nur wenige Monate später das Wort von einer angeblichen „Staatskrise“ die Runde machen sollte und Bundespräsident Wulff zurücktreten würde. Mit dem vielleicht etwas klareren Blick von außen, den Jürg Dedial in der „Neuen Zürcher Zeitung“ einnahm, nannte er nicht nur die medialen „Empörungsexerzitien“ in Deutschland beim Namen, sondern warnte auch vor einer Enthüllungswut, die zum Selbstzweck wird. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dass Christian Wulff sich „politisch selbst zerstört“ hat, wie Michael Hanfeld in der FAZ am Tag nach Wulffs Rücktritt schrieb, steht wohl außer Frage. Aber die Selbstgerechtigkeit der Medien lässt nicht nur einen fahlen Nachgeschmack zurück, sie ist auch eine Gefahr für unser politisches System selbst.

Schon lange vor der „Causa Guttenberg“ hatte so manches Gespräch mit Helmut Lingen, dem Kölner Verleger und Gründer der gleichnamigen Stiftung, um die Fragen gekreist, ob die meisten Politiker den Kontakt zur Wirklichkeit nicht längst verloren hätten und somit Begriffe wie „Arroganz der Macht“ und „Politikverdrossenheit“ nicht zwei Seiten der gleichen Medaille seien. Welche Rolle spielen dabei die Medien, die heute täglich Sensationen liefern müssen? Ist die schwelende Vertrauenskrise in die politische Klasse nicht auch eine Art „Ermüdungserscheinung“ der Bürger, die permanent mit Enthüllungen und Skandalen konfrontiert werden? Erschöpft sich Pressefreiheit im „Hochschreiben“ und anschließenden „Niedermachen“ von Politikern?

Diese und viele weitere Fragen, die sich heute politisch interessierten Bürgern stellen, gaben den Anstoß, die Debatte mit Publikationen zu begleiten, die dank der Förderung durch die Lingen Stiftung frei von wirtschaftlichen oder politischen Erwägungen sind. Dabei geht es weder darum, pauschal Politiker an den Pranger zu stellen, noch simple Medienschelte zu betreiben, sondern die Probleme mutig, offen und ehrlich anzugehen. Zugegeben, kein leichtes Unterfangen, zumal sich der nun vorliegende erste Band der „Edition Lingen Stiftung“ gleich dem Thema „Größenwahn und Politik“ widmet. Es sollte sich dabei als glückliche Fügung für die Edition erweisen, dass Mainhardt Graf von Nayhauß, seit Jahrzehnten einer der besten Kenner des politischen und journalistischen Lebens in Bonn und Berlin, bereit war, die Herausgeberschaft zu übernehmen. Ihm ist es gelungen, Politiker, Journalisten und Publizisten gleichermaßen als Autoren dieses Bandes zu gewinnen. Sie alle kommen zu Wort, können Stellung beziehen und verschiedene Facetten beleuchten: Wo­ran lassen sich „Höhenflüge“ festmachen? Was ist Charakterschwäche und wo beginnen Machtmissbrauch und Vorteilsnahme? Wie geht man gegen die unheilige Allianz von Gier und Größenwahn vor, die nicht selten mit gigantischen Steuerverschwendungen einhergeht?

Während Dieter Wonka, Hauptstadtkorrespondent der Leipziger Volkszeitung, die Frage, ob es überhaupt große Politik ohne Größenwahn gebe, mit einem klaren Nein beantwortet und das Trio „Guttenberg-Westerwelle-Mappus“ ins Visier nimmt, hält Hans-Ulrich Jörges dagegen, dass nicht Größenwahn das aktuelle Phänomen unter den politisch Aktiven sei, sondern ganz im Gegenteil „Verzwergung“. Die Finanzkrise, so Jörges, habe der Politik „die Flausen fortdauernder Selbstüberschätzung“ ausgetrieben. Christoph Schwennicke („Cicero“) erinnert daran, dass in unserer schnelllebigen Zeit Namen wie die von Gabriele Pauli und Andrea Ypsilanti schon weitgehend wieder dem Vergessen anheim gefallen sind, obwohl diese Politikerinnen mit ihrer Geltungssucht und Selbstüberschätzung einen Freiherrn zu Guttenberg in den Schatten stellen können.

Mit gleich vier ehemaligen Bundesministern kommen Politikerpersönlichkeiten zu Wort, denen die Gefährdungen des „Höhenrausches“ nicht unbekannt sind. Als ebenso einfaches wie wirksames Gegenmittel zitiert Theo Waigel das Motto seines Mentors, des früheren bayerischen Wirtschaftsministers Anton Jaumann: „Bescheiden bleiben und immer wissen, wo man herkommt.“ Um das richtige Maß und die Urteilskraft, gesunden Ehrgeiz von blindem, krank machendem ­Ehrgeiz zu trennen, geht es der Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler. ­Ex-Bundeswirtschaftsminister Helmut Haussmann sieht ebenfalls in der Rückbindung an Familie und Freunde, an Menschen, mit denen man aufgewachsen ist, eine Art natürliches Kon­trollorgan, das vor Schmeichlern und Ja-Sagern schützt. Jürgen Rüttgers spricht von der Gefahr, durch die Medialisierung unserer Lebenswelt auch die Politik zu bloßem Theater zu degradieren. Aber in der Politik, so Rüttgers’ kritisches Fazit, geht es nicht um Prominenz, sondern ums Allgemeinwohl. Dass der Trend zu medialen Inszenierungen durch das Internet weiteren Schub bekommen und einen „Schnelligkeitswahn“ ausgelöst hat, ist ein Problem, auf das die Stellvertretende CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär hinweist. Selbst einen Beitrag zum Thema „Größenwahn“ schreiben, wollte Karl-Theodor zu Guttenberg zwar nicht, aber er war zu einem Gespräch mit Herausgeber Graf Nayhauß bereit. Dass die Fotoaufnahme, die zu Guttenberg in großer Pose am Times Square zeigt und die bis heute als „Beweisfoto“ seiner verlorenen Bodenhaftung herhalten muss, einen völlig harmlosen Hintergrund hat, zeigt einmal mehr, welche Dynamik und Macht selbst in der medialen Aufbereitung eines Fotos liegen kann. Auch wenn sich Politiker durchaus selbstkritisch äußern, kann dies das Urteil, das sich der Journalist Bernard Nuss, lang­jähriger Leiter der Presseabteilung der Französischen Botschaft gebildet hat, nicht mildern. Nuss rechnet in seinem Beitrag mit den Politikern ab: „Die ­Bürger haben die Politiker satt. Sie ­fühlen sich von ihnen belogen und betrogen – und das mit Recht.“

Hajo Schumacher weist den Journalisten zwar eine wichtige Aufgabe als „Doping-Kontrolleure der Demokratie“ zu, legt den Finger aber auch in die Wunde mangelnder Glaubwürdigkeit der eigenen Zunft: „Jene porentiefe Sauberkeit, die die professionellen Öffentlichkeits-Hersteller zu Recht von den Volksvertretern verlangen, legen sie selbst nicht immer an den Tag.“ Thilo Sarrazin stellt mit nüchterner Klarheit fest, sich nicht den Beruf des Politikers auszusuchen, wenn man viel Geld verdienen will, und nur einen Lebensstandard zu pflegen, der auch einen Amtsverlust übersteht. Aus aktuellem Anlass kommentiert Verfassungsrechtler Hans Herbert von Arnim in diesem Zusammenhang die Diskussion um den Ehrensold für den zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff. Dass sich Politiker mit Dotationen „gewogen“ stimmen lassen, ist nicht neu, aber die Flick-Affäre und die Einflussnahmen der Pharmaindustrie oder Versicherungswirtschaft, an die Hans Leyendecker erinnert, hatten schon „ein besonderes Format“. Allerdings hält Leyendecker auch den Wählern den Spiegel vor, denn getrickst, gemogelt und betrogen wird auch im Alltag: „Moralische Schizophrenie ist längst zu einer Lebensform geworden.“

Für Peter Bachér sind es jedoch weniger finanzielle Annehmlichkeiten, denen Politiker erliegen, sondern vielmehr der „köstliche Stoff Aufmerksamkeit“, der eine „Rauschgift-Wirkung“ hat. Es ist wie eine Sucht, der die politischen Akteure verfallen: „Die Minen, auf die sie treten und die explodieren können, heißen Eitelkeit, Eitelkeit, Eitelkeit.“ Den einzigen Schutz bietet die tägliche Überprüfung, ob man „mit der geliehenen Macht verantwortungsvoll, ja demütig“ umgeht. Eine Selbstprüfung, die Helmut Kohl offenbar völlig fremd gewesen ist, wenn man den Beitrag von Jürgen Leinemann liest. Ganz im Sinne von Bachérs Rauschgift-Metapher charakterisiert Leinemann das „System Kohl“ als ein „System von Abhängigkeiten, in dem Machtbesitzstände in jeder Form zu Drogen wurden“. Und auch Herausgeber Mainhardt Graf Nayhauß stellt lakonisch fest: „Macht wird zur Gewohnheit, macht außerdem süchtig.“

Wenn man über manche Auswüchse der Mächtigen, von denen der frühere Diplomat Franz-Jochen Schoeller berichtet, nur den Kopf schütteln mag, so verschlägt es einem jedoch schlicht die Sprache, liest man die Recherchen von Lisa Inhoffen, Rita Klein, Florian Ludwig und Wolfgang Wiedlich zum „Millionengrab“ WCCB in Bonn. Das Millionen-Debakel um die „Erlebnisregion Nürburgring“ steht dem Bonner Skandal in nichts nach – zwei Beispiele für die Verschwendung kaum vorstellbarer Summen an Steuergeldern. In welchem Maße dies dereinst auch für das Projekt „Stuttgart21“ zu beklagen sein wird, mit dem sich Barbara Scheel auseinandersetzt, muss die Zukunft zeigen. Dass der frühere FDP-Vorsitzende Wolfgang Gerhardt von einem Dreiklang aus „Torheit, Größenwahn und Borniertheit“ spricht, überrascht kaum noch.

Jenseits von Verschwendung und Korruption lenkt Hans-Peter Schwarz den Blick auf eine ganz neue Form des Größenwahns, der sich – wie man in Anlehnung an einen populären Schlager sagen möchte – darauf richtet, „nur noch kurz die Welt zu retten“. Eine utopisch anmutende Politik, die sich nichts Geringeres als die Rettung des Erdklimas zum Ziel gesetzt hat. Eine Anmaßung, die der Erkenntnis Bismarcks, dass Politik die Kunst des Möglichen ist – woran auch Claus Jacobi mit Nachdruck erinnert – völlig widerspricht. Überspanntheiten ganz anderer Art hat dagegen Peter Scholl-Latour im Blick, wenn er vor größenwahnsinnigen „Amateur-Strategen“ warnt: Die Überforderung der Kräfte der atlantischen Allianz und das Verschließen der Augen vor machtpolitischen Gegebenheiten lassen Ansätze einer unheilvollen „Weltpolitik“ erkennen.

Köln, im März 2012

Werner Schulte Edition Lingen Stiftung

Arnold Kirchner

Größenwahn

Hier geht es um den Größenwahn, den man bei uns erleben kann, der schädlich war und schaden wird, weil Größenwahn fast immer irrt.

Bist du ein Bass und singst Sopran, erkennt es jeder: Größenwahn! Bläst sich ein Zwerg auf zum Titan ist schwieriger die Diagnose. Man merkt erst: Das war Größenwahn, sticht man ihm in die Hose. Ist dann die Luft raus, schrumpft der Riese zum Fall für Psychoanalyse.

Historisch hat der Größenwahn den Deutschen schon viel angetan: Sie jubelten, begeistert, froh beim alten Kaiser Wilhelm Zwo, der markig rief: „Am deutschen Wesen soll nun die ganze Welt genesen!“ Am Ende gab es Hungersnot und 4 Millionen waren tot.

Das reichte nicht! – Der Größenwahn fing bald darauf von vorne an, versprach dem Volk das Große Glück und ließ ein Trümmerfeld zurück. „Von Maas bis Memel“ wurde Traum als Antwort auf „Volk ohne Raum.“

Jetzt gibt’s von Oder nur bis Rhein die Leute, die den Hochglanz lieben auf ihrem goldnen Heiligenschein, an dem sie täglich Putzen üben.

Das Euro-Grab am Nürburgring ist beispielhaft für so ein Ding: Kurt Beck, der dort als Landesvater erträumte einen Superprater, gab Geld dafür, was ihn nicht störte, weil es ja ihm nicht selbst gehörte. Konzertsaal, Diskos, Achterbahn, die steh’n nun leer – dank Größenwahn.

Wird ein deutscher Präsident, so wie Wulff vom Amt getrennt, wetzt das Wahlvolk sich die Zunge: „Der war wie ein großer Junge, nicht seriös genug für’s Amt. Der wird jetzt von uns verdammt!“ Andre, die nicht so penibel, nehmen’s leichter und nicht übel; sagen: „Dieser nette Junge zeigt mit jugendlichem Schwunge, dass ein deutscher Präsident auch des Lebens Freuden kennt.“ Ob da eine Lücke klafft, klärt des Staates Anwaltschaft.

Bist du ein braver Untertan, dann stört dich nicht der Größenwahn. Du bist gewöhnt, schnell einzuknicken mit Glanz im Auge stets zu nicken. Für dich ist dies Buch nicht geschrieben, darfst weiter dich in Demut üben.

Dieter Wonka

Das Trio des deutschen Politiker-Größenwahns

Gibt es große Politik ohne Größenwahn? Nein.

Niemand sollte sich nach dem Todessturz von Jürgen W. Möllemann vor dieser Schlussfolgerung abschrecken lassen. Mit all seinen Fähigkeiten widerstand der Hallodri nicht den Abgründen. Dabei war doch selbst dessen Einkaufswagen-Chip noch eine großartige Sache. Peer Steinbrück und Helmut Schmidt sind prima Schachspieler. Beide können es. Aber es ist eine Spur zu überheblich, das zu demonstrieren, indem sie sich vor einem verkehrt herum positionierten Spielbrett fotografieren lassen. Doch deshalb zweifelt keiner an deren Fähigkeiten. Man muss kein großer Freund des Barons von Guttenberg zu Münchhausen sein, um zu wissen: Größenwahn verkauft sich, dummerweise mit und ohne Inhalt. Es ist eben auch beides möglich. Das war schon immer so. Geändert hat sich mittlerweile aber das Geschäftsmodell. Die Folgen des Größenwahns als Mittel zur Propagandierung von Politik sind kostspieliger geworden.

Es gibt den dummen, aber weitgehend schadlosen Größenwahn nach Guttenberg-Art, es gibt den politisch folgenreichen Wahnwitz, den Guido Westerwelle perfektionierte. Und mit dem miserablen Wahlkämpfer Stefan Mappus, einem Last-Minute-Aktienkäufer auf Staatskosten, ist die vorläufige Höchststufe erreicht: der Maximalschaden für Person, Partei und Volk.

Heutzutage kauft Stefan Mappus mal eben ein Milliardenpaket Aktien – auf Kosten Dritter. Zwischenzeitlich glauben aufstrebende Grünen-Politiker in Baden-Württemberg oder in Berlin, sie könnten aus dem Stand heraus lokale Verkehrsfragen oder hauptstädtische Herdfragen zum nationalen Wohle aller entscheiden. Kaum gibt es in Umfragen ein klein wenig Aufwind, fühlt man sich schon zu Höchstem berufen. Joseph Fischers politischer Reifeprozess wird einfach übersprungen. Als ob es so einfach wäre.

War es Größenwahn, als der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, älteren Mitbürgern um einer knalligen Schlagzeile willen keine künstlichen Hüftgelenke mehr gönnen wollte? Das hat ihm furchtbar geschadet. Jetzt ist er dennoch Präsidiumsmitglied der Kanzlerinnen-Partei und außenpoli­tischer Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion.

In apulischen Städtchen ist noch heute zu besichtigen, was Größenwahn anrichten kann, wenn er sich in Beton und Eisen niederschlägt. Auf süditalienische Art und im Geiste Silvio Berlusconis lassen sich bis heute wahlkämpfende Kommunalpolitiker von Gönnern Schulen, Stadien, Hallen im eindrucksvollen Rohbau auf Gemeindegebiet errichten. Bis zur Wahl stehen die Mauern, dann wird gewählt, später vergammelt der Rest. Diese Form des großen Wahnwitzes, wenn Politik sich groß vergreift, ist ärgerlich aber überschaubar. In Deutschland kann man dies im Bundesstädtchen Bonn mit dem Millionenschlamassel rund um das World Conference Center Bonn (WCCB) besichtigen.

Mindestens seit den deutschen Nachkriegstaten eines Politikers Franz Josef Strauß ist für alle interessierten Beobachter klar geworden: Man kann, auch ohne Milliarden sinnlos zu versenken, mit dem großen Bluff auf Platz eins als Themenbestimmer landen. War es nicht eine wirklich schöne, fast idyllische Form des Größenwahns eines weißblauen Provinzgestalters, als ein mächtiger Bundeskanzler Helmut Kohl im Trachtenjanker neben dem Sepplhut-Träger Strauß durch die wildromantische Alpenwelt schritt? So als näherte sich ein Sünderlein in Begleitung des Erzengels dem höchsten Gericht. Man reiste im gesponserten Geländewagen vom Mercedes-Freund an. Keiner scherte sich so recht drum. Die Grenzen zwischen Größenwahn und Kleinbürgerlichkeit waren fließend. Dabei hat der Pfälzer vielleicht öfter über den anderen, das CSU-Prachtmannsbild, gelacht, als der es sich gedacht hat.

Als Hauptstadt-Journalist wurde ich ein gutes Dutzend Mal per Flugzeug, Hubschrauber, Bus oder Bahn ins Emsland gebracht. Mit Ministern, Ministerpräsidenten, Industriellen und Staatsgästen. Jedes Mal befuhr man die gleiche 12 Kilometer lange schnurgerade Streckenpassage auf der Transrapid-Versuchsanlage. Zwischen Dörpen und Lathen ging es am Ende mit bis zu 450 Stundenkilometern her und hin und hin und her. Gut 800 Millionen Euro Bundesmittel flossen zwischen 1970 und 2008 in ein Megaprojekt. Die Augen der potenziellen Betreiber, ob sie bei der Fuhrparkindustrie, bei der Luftfahrtbranche oder bei staatlichen Stellen saßen, glänzten jedes Mal erwartungsfroh. Später wurden sie kleiner und zugekniffener. Und schließlich ahnte man immer das gleiche Ende: Hoffentlich ist es bald vorbei!

Der Transrapid, mit dem der Weltmarkt überrollt werden sollte, endlich einmal wieder dank „Made in Germany“, fährt seit 31. Dezember 2002 in China als Shanghai Maglev Train. Im Emsland gab es ein schreckliches Unglück, Abbau-Diskussionen und kaum noch Beteuerungen, dass dem Transrapid die verkehrliche Zukunft gehöre. Kein Imponiergehabe hat geholfen.

Beispiele dieser Art gibt es viele. Sie reichen von sinnlos wirkenden Schifffahrtskanälen bis zum Versuch, selbst mit einem großartig ausgebauten Lokalflughafen bei Magdeburg noch Anschluss an ein Fitzelchen Weltniveau zu erhaschen. Dabei hat es dazu, für den Bereich des zivilen Passagierverkehrs, nicht einmal in Ostdeutschlands Boom-Metropole Leipzig gereicht. Dort wirkt tagsüber ein gigantisches Flughafengelände wie bestellt und kaum gebraucht. Erst nachts, wenn die Menschen schlechter schlafen, düsen krachend im Blitz­takt die Frachtflieger kreuz und quer.

Betonierte Großmannssucht ist aber kein Aufbau-Ost-Phänomen. Über Jahrzehnte hinweg war im Nachkriegsdeutschland politischer Größenwahn meist gepaart mit amateurhafter Unvollkommenheit. Die Folgen entstanden in seelenlosen Massenquartieren auf grünen Wiesen – dank der Neuen Heimat. Oberbürgermeister ließen Innenstadtkerne platt machen, um moderne Skylines zu schaffen. Die Folgen des entzivilisierten Stadtlebens wurden erst mit Sozialarbeitern und später durch sündhaft teuren Rückbau ausgeglichen.

Große Politik braucht gleichwohl das richtige Maß an Größenwahn. Nicht immer, nicht von allen. Aber gelegentlich. Da, wo es auffällt, da, wo es weh tut. Das geht doch nicht, zumindest nicht richtig und keinesfalls so, dass es in einer gut gemischten Melange aus Inhalt, Darstellung und Verkauf überlebensfähig unter den Gesichtspunkten der modernen Marktwirtschaft scheint? Puristen werden aufschreien, aber nach deren Theorien richtet sich die praktische politische Lebewelt selten bis nie.

Lehrer und Beamte liefen jüngst in der Wochenzeitung Die Zeit Sturm, als ihr Chefredakteur sich als oberster Verkaufshelfer für den blasierten und plagierenden Exminister und CSU-Baron aufbaute und ein Buch zu produzieren half. Das geschah dem sich seriös wie kaum ein anderer fühlenden Verkaufshilfsagenten des Systems Guttenberg gerade recht. Jeder später die Kritikerkeule schwingende Journalist hätte sich freilich gern selbst in den Interviewer-Stuhl gesetzt. Die Kritiker der Elche waren früher wirklich selber welche.

Von US-amerikanischen Verhältnissen der wahnwitzigen Inszenierung von Politik als Vorstufe zum gefährlichen Größenwahn sind wir noch immer, trotz Medien-Globalisierung, weit weg. Aber die Außerdienststellung von Maß und Mitte gehört für Politik in der Nachkriegsrepublik immer mal wieder zur Praxis. Dann wird Mallorca zum zusätzlichen Bundesland. Es sollen Pleite gehende Griechen Inseln und Kunstschätze verkaufen – am besten an deutsche Besserwisser. In Bonn planen ausgediente Ex-Bundeshauptstädtler am sinnlosen und teuren Weltkongresszentrum, Verteidigungsminister träumen tatsächlich vom deutschen Flugzeugträger und Verkehrspolitiker wollen das Land mit Magnetschwebebahnen überziehen. Dabei versagt schon die altbackene Berliner S-Bahn jahraus jahrein aufs Neue, nur weil es mal zu kalt oder zu heiß ist.

Es ist diese Form des amateurhaften Größenwahns, die Jahr für Jahr Rechenschaftsberichte des Steuerzahlerbundes oder des Rechnungshofes füllt. Ärgerlich allemal, kostspielig und immer wieder neu wird der demokratische Anstand durch peinliche oder überforderte Volksvertreter verletzt. Aber seien wir ehrlich, bis vor Kurzem gehörte dies zu den erträglichen Betriebskosten eines alles in allem gut funktionierenden Dienstleistungssystems Bundesrepublik.

Mittlerweile ist aber eine Schallgrenze erreicht. Dafür stehen drei Namen, drei Szenarien, drei unglaubliche Ereignisse.

Versuch eins: Medien basteln sich einen Kanzlerkandidaten – und Karl-Theodor zu Guttenberg stellte sich dafür zum 10. Jahrestag des 11. September sogar bildzeitungsgerecht an die restlichen Trümmer des New Yorker World Trade Centers.

Versuch zwei: Im Höhenflug einer abgefahrenen Parteiüberheblichkeit träumte zum Ausgang der Möllemann-Zeit und im beginnenden FDP-Höhenflug ein deutscher Fast-Kanzlerkandidat von „Millionen an Stimmen“. Er war in Gedanken beim „Hecht im Karpfenteich“, bei dem Niederländer Pim Fortuyn. Guido Westerwelle experimentierte wie der beim Kampf gegen das Establishment. Es mäanderte. Und das Glitzern in den Augen des Bestimmers der FDP bleibt unvergessen – vor und nach Pim Fortuyn. Später kam der Kandidat zurück auf den Boden – geblieben ist der Zweifel, ob es mit dem Abdriften nicht doch ganz schnell gehen kann. Das ist Größenwahn der verletzenden Sorte.

Versuch drei: Um politisches Terrain zu retten, kommen im beschaulichen, gutbürgerlichen, rein marktwirtschaftlich beherrschten Stuttgart die CDU (und im Schlepptau auch noch als Krönchen obendrauf die Liberalen) auf eine gigantische Idee. Schlechte Politikberatung tat ihr Übriges dazu. Eine Regierung, der die Abwahl durch den Souverän droht, kauft sich ein großes Aktienpaket auf Steuerzahlers Kosten und ohne Rücksicht auf Tugenden und spätere Folgen. Es half Stefan Mappus nichts, dass seine CDU-geführte Koalition in Baden-Württemberg kurz vor Toresschluss zum Stückpreis von 41,50 Euro je Aktie 45,01 Prozent des Aktienbestandes beim Kernenergie-Experten EnBW aufkaufte und dies als gigantisches Geschäft zum Wohl der steuerzahlenden Gemeinschaft ausgab. Der Deal war hanebüchen, politisch katastrophal und ein ganz schlechtes Geschäft. Am Tag nach Nikolaus 2011 stand die Aktie bei 36,11 Euro je Stück, Tendenz fallend. Politik kauft sich für Milliarden Euro – entnommen aus der Steuerkasse – eine Wahl? Allein diese unglaubliche Spekulation ist der bisher größte anzunehmende Größenwahn.

Am harmlosesten ist da noch Karl-Theodor zu Guttenberg – der Blamierte. Guido Westerwelle rangiert als Tiefgänger obenan. Er überhob sich nach großartigem Beginn. Der Fall Mappus ist schlicht eine Katastrophe. Die Schadensbilanz passt in keinen Rechnungshofbericht.

Karl-Theodor zu Guttenberg konnte über naive Aufklärungsversuche ein paar Monate drüben in den Staaten nur keckernd lachen. Er ist, bei allen Gel und Fleisch gewordenen Selbstdarstellungsversuchen, ein genialer und großmannssüchtiger Politiker, seit er aufgetaucht ist aus dem grauen Einerlei der bienenfleißigen Abgeordnetensitzer. Das hebt ihn auch heute noch hervor aus dem mausgrauen Einerlei.