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Ein Funke. Die zündende Idee, etwas nicht preiszugeben - schon wächst ein Geheimnis daraus. Es wächst im Verborgenen und lässt sich kaum zähmen. Für immer verschwiegen, heimlich getuschelt, hinausposaunt oder verplappert, ein Geheimnis steht nie still. Schon gar nicht in Berlin. In 26 Kurzgeschichten erzählen Berliner Autor*innen von schrägen Begegnungen, sprechen heimliche Wünsche aus und gehen Sehnsüchten nach. Sie werfen Blicke in die Vergangenheit, decken auf, lassen ruhen. Sie sagen Käfern den Kampf an, werfen Dinge aus Fenstern und bekommen ungewöhnlichen Besuch. Oder, wie es in einem der Texte heißt: »Es gibt niemals genug Leben.«
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Für das Flüstern an Straßenecken Und alles, was dahinter auf uns wartet
Dieses Buch enthält Inhaltswarnungen / Content Notes auf der letzten Seite gegenüber der Deckel-Innenseite.
Vorwort
Annabella Kittel
Engels Ende
Thomas Frick
Funky Vlad
Anna Heitger
Vielleicht drei Zentimeter
S. M. Gruber
Der Aufpasser
Tanja Ganser
Käferflug
Bahati Glaß
Unter Beobachtung
Petra Lohan
Das pinkfarbene Mädchen
Alexandra Resch
Von oben
Lukas Meisner
Woher nimmt man sich? Ein verschlepptes Geheimnis
Dennis Stephan
Neunhundert Mark
Tobias Jesse
Traumstadt
Mira Seesemann
Denken im Berliner Verkehrsnetz
Constantine Helm
Stasitelefon
Jennifer Pfalzgraf
Zelluloid und Kaugummi
Claudia van Gozer
Berlin Zombie
Hartmut Kühne
Das Geheimnis der Möbel
Liv Modes
Ein Sommernachtstraum
Nadja Kasolowsky
Der Raum
Katharina Stein
Briefe ins Nichts
Clint Lukas
Dem Tod von der Schippe
Hannah Steinfeldt
Alter Falter
Jana Thiel
Ich bin E
Alicia Voigt
Wenn Gras wächst
Sofia Banzhoff
Unter Masken
Jol Rosenberg
Eine Frage des Stils
Alina Schad
Das Geburtstagsgeschenk
Danksagung
Die Autor*innen
Inhaltswarnungen / Content Notes
Psst…Hey, du! Ja, du. Dich meine ich. Du siehst aus, als könntest du ein Geheimnis für dich behalten. Ich platze fast, so voll von Geheimnissen bin ich. Bestimmt hast du nichts dagegen, wenn ich dir das eine oder andere erzähle.
Erinnerst du dich denn noch an das letzte Mal, als dir jemand ein Geheimnis anvertraut hat? Habt ihr eure Stimmen gesenkt, seid ihr näher aneinander gerückt? Habt ihr gewartet, bis das Licht aus oder die Musik an war?
Und was war eigentlich das letzte Geheimnis, das du jemandem verraten hast? Komm, was sagst du, ich erzähle dir meines und du mir deines? Nein? Na gut, warts nur ab. Ich habe nämlich so etwas an mir, das dein Innerstes nach außen kehrt, sobald du mir zu nahe kommst.
Da kannst du gar nicht anders, als nach und nach mit allem herauszurücken, was du sonst nicht mal zu flüstern wagst. Du musst nur lange genug hierbleiben, in meinen dunklen Gassen, geschützten Hinterhauswohnungen und verlassenen Häusern, dann kommt dein Flüstern ganz von alleine.
Aber erst möchte ich dir etwas anvertrauen. Ich möchte dir von all den Geheimnissen erzählen, die in mir tanzen wie ein Funkenschauer, der sich aus dem grauen Dämmergrund meines Großstadtdaseins erhebt. Sie lauern, gebannt zwischen den Seiten, und warten nur auf dich.
Eine Nacht-und-Nebel-Aktion, eine grausame Vergangenheit, ein heimlicher Beobachter. Gefährliche Lügen. Eine Leiche im Wohnzimmer und Freundschaften im Keller. Spionage. Halluzinationen. Unzählige unausgesprochene Wahrheiten, die uns da treffen, wo nie jemand hinsieht. Außer ich. Denn ich bin auch dein Berlin, egal welches Geheimnis du in dir trägst.
Aus 146 Einsendungen haben wir ein funkelndes Kaleidoskop aus 26 Geheimnissen für dich zusammengestellt. Hoffentlich erkennst du darin ein Berlin wieder, das dir vertraut ist – und noch mehr hoffen wir, dass du darin eines entdeckst, das dir bisher verborgen blieb.
Viel Spaß beim Lesen wünschen dir
Sophie, Liv, Nadja, Jen und Katharina
Fünfundvierzig … sechsundvierzig … siebenundvierzig … achtundvierzig. Schnaufend blieb Gerhard Engel stehen und hielt sich am Treppengeländer fest. Er fischte den Schlüsselbund aus der Tasche seiner Lederjacke und trat auf die Türmatte. Wie immer verhakte sich das Schloss ein wenig – also zog er die Tür fest heran und rüttelte zweimal nach links, bis ein Klicken zu hören war. Er trat ein, setzte sich auf die Bank und drückte die Tür zu. Erst noch einen Moment durchatmen, dann die Schuhe ausziehen. Beim Herunterbeugen war ihm sein Bauch im Weg, nur mit Mühe bekam er die Schnürsenkel zu fassen. Anstrengend, alles.
Am Küchentisch saß Heinrich und sah ihn erwartungsvoll an.
»Heinrich, ick sach et dir … dit war heut een Tach.« Er ging zur Filtermaschine und goss sich den letzten Rest kalten Kaffees in eine Tasse. Dann ließ er sich auf seinen Stuhl fallen, der beleidigt knarrte.
»Der Ali is schon janz feddich. Der hat den janzen Tach nur von Abschied jeredet, und dat nu allet anders wird.« Er nahm einen Schluck. »Der Jungsche macht sich so een Kopp, ick sach et dir. Und völlich umsonst – ick meen, ick bin ja nich ausse Welt.«
Kopfschüttelnd stellte er die Tasse ab.
Heinrich sah ihn mitfühlend an und nickte. Gerhard nahm die Packung Nil vom Tisch und schüttelte sich eine heraus. Neben dem vollen Aschenbecher lag ein rotes Zippo. UND NIEMALS VERGESSEN – EISERN UNION, der Schriftzug war an manchen Stellen abgekratzt. Funke, Funke, Funke, dann züngelte ein Flämmchen gierig am Papier hoch.
Ein tiefer Zug, die Glut glomm orangerot in der Dämmerung. Schweigend sahen beide dem Rauch nach, der in Spiralen hochzog.
»Ick merk ooch schon, da kommen jetz janz neue Leute. Janz junge. Die erzähln mir nüscht mehr. Die kommen und koofen Tabak und diese neuen Brausen. Und dann jehn se wieder.«
Gerhard nahm einen letzten Zug, dann drückte er die Zigarette auf einer anderen Zigarette aus und schob sie vorsichtig ein wenig tiefer in den Aschenbecher.
»Aber«, er beugte sich über den Tisch, »ett war heut ooch der alte Buchbinder da. Hat een Sterni mit mir jetrunken, wollt sich verabschieden. Wir ham lang jeredet.« Er wackelte verschwörerisch mit seinen buschigen Augenbrauen. »Ick hab dir heut een jutet Jeheimnis mitjebracht.«
Heinrich sah ihn gespannt an. Leise begann Gerhard zu erzählen.
Als er am nächsten Morgen aus dem Haus trat, musste er seine Augen vor dem gleißenden Sonnenschein abschirmen. Stinkend fuhr der 194er in Richtung Hermannplatz an ihm vorbei. Überhaupt, der Verkehr war für die Tageszeit beachtlich. Seinerzeit fingen alle schon früher an zu arbeiten – heute schoben sich die Autos um drei viertel neun kolonnenweise über den Markgrafendamm. Gerhard ging auf ein Knie und ignorierte seinen protestierenden Rücken, als er sich am Schloss des Rollladens zu schaffen machte. Erst jetzt bemerkte er ein neues Graffiti, das auf die Aluleisten gesprüht worden war. Brot, stand da. In roter Schnörkelschrift. Einfach nur: Brot. Er grunzte.
Murmelnd schob er den Rollladen hoch. »Die Namen von die Banden hier, die wern ooch immer bekloppter.« Während er die restliche Verkleidung nach neuen Schmierereien absuchte, blieb sein Blick an dem gelben Würfel hängen, der am Ende des Schaufensters aus der Wand ragte. ATM Geldautomat stand in schwarzen Buchstaben darauf. Und EC in rot und blau darunter.
Vor knapp zwei Wochen war der Automat geliefert worden. Sein Einbau hatte sich als Spektakel für die gesamte Straße entpuppt. Zwei Tage lang wurde die Wand aufgestemmt, geschliffen, abgedichtet. Der Besitzer vom Filmverleih hatte einen Campingstuhl aufgestellt und seine Mittagspausen damit verbracht, Leberwurststullen zu essen und das Geschehen zu beaufsichtigen. Die beiden Kleinen der Friseurmeisterin waren aufgeregt zwischen dem Salon und dem Baugerüst hin- und hergelaufen. Ali und Hamza hatten die Familie zusammengetrommelt, wodurch die gesamte Corinthstraße durch gut gelaunte Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen lahmgelegt war.
Gerhard schloss auf und betrat seinen Kiosk. Er zog die Tür hinter sich zu und der Straßenlärm verstummte. Langsam ließ er seinen Blick über die Regale gleiten. In der Ecke brummten die vier neuen Kühlschränke.
Zweiundvierzig Jahre. Ein ganzes Leben lang. Fast schon sein ganzes Leben lang.
Er ging an der Tiefkühltruhe und dem Grußkartenständer vorbei zur Ladentheke, hob ihr Ende an und zwängte sich durch den schmalen Durchgang auf die andere Seite. Die gesamte Wand hoch stapelten sich Tabakartikel. So hat dit anjefangen. Er betrachtete die vielen bunten Schachteln. Mit Zigaretten und Zeitungen.
Die Tür wurde geöffnet und Ali kam herein, eine große Heliumflasche in den aufgepumpten Armen. Hinter ihm folgte Hamza, mehrere Plastiktüten schleppend.
»Engel! Bereit für deinen letzten Tag?« Ali wuchtete das Ungetüm auf die Kühltruhe. Dann kam er zur Theke, beugte sich darüber und umarmte Gerhard. Heute konnte der sich sogar überwinden, dabei Alis Rücken flüchtig zu tätscheln. Grundsätzlich war ihm diese Art der Begrüßung suspekt. Hamza hob kurz die Hand und machte sich daran, die Tüten auszupacken. Still und immer ein wenig unter dem Radar – ein Junge nach Gerhards Geschmack.
»Na, wat habt ihr Jungschen heut noch vor?«
»Wir machen hier bisschen Party.« Ali zwinkerte. »Hab die Familie und paar Kumpels eingeladen, kleine Feier so ab neun.«
Gerhard nickte. Kleine Feier – das war eine Umschreibung für mehrere hundert Leute. Dazu noch die üblichen Nachtschwärmer, die ab elf seinen Kiosk aufsuchen würden. Oder dann den Späti, wie Ali ihn jetzt nannte. In den letzten Jahren waren immer mehr Bars und Diskotheken in den Kiez gezogen. Unter der Elsenbrücke hatte sich eine Art Biergarten eingenistet, an der Ecke ein Tanzclub, an der Kurve zum Ostkreuz noch einer. Gerhard hatte diese Wandlung stoisch zur Kenntnis genommen. Mittlerweile merkte er aber, dass ihn die ständige Veränderung ermüdete. Die große Freifläche an der Spree, auf der er früher immer mit Ulrich Gassi gegangen war (Gott hab ihn selig), war mittlerweile fast komplett verbaut. Wohnhäuser, ein Hotel und mehrere Bürogebäude versperrten nun die ehemals freie Sicht aufs Wasser. Hin und wieder spazierte er zur alten Zigarrenfabrik und fragte sich, wann wohl auch sie für weitere Großraumbüros ausgeschlachtet werden würde.
Draußen blieb ein weißer Kastenwagen stehen und hupte.
»Krass geil! Das ist der Ahmed mit dem Schild!«
Leichtfüßig wie ein Rehkitz sprang Ali hinüber zur Tür. Manchmal hatte der Kerl eine Grazie, die nicht so recht zu seinem muskelmassigen Körper passen wollte. Hamza folgte ihm und auch Gerhard schob sich hinter den beiden auf den Bürgersteig.
Ahmed, dünnhaarig und dickbärtig, öffnete gerade die Türen zum Laderaum.
»Ey, Ali.«Die beiden begrüßten sich mit Küsschen. »Packst du mit an?«
Gemeinsam zogen sie einen riesigen Karton aus dem Auto, trugen ihn zwischen zwei parkenden Autos hindurch und stellten ihn vor dem Kiosk ab.
»Hab ich auch den Monitor mit.«
»Ey, du bist der Geilste.« Ali umarmte ihn stürmisch. »Ich hol dir noch nen Drink für die Fahrt.«
Ahmed lächelte und holte das zweite Paket. An seinen Wagen gelehnt unterhielt er sich dann mit Hamza auf Türkisch. Gerhard war fasziniert davon, wie gleichgültig die beiden die fünf hupenden Autos ignorierten, die mittlerweile hinter dem Lieferwagen Schlange standen. Gleichzeitig wurde er immer nervöser. Er konnte die Autofahrer verstehen, immerhin war die Ware bereits ausgeladen. Er sah noch einmal zu Ahmed und Hamza, die sich weiterhin unbeeindruckt unterhielten. Das Hupen wurde dringlicher. Gerhard hielt es nicht länger aus.
»Sach ma–Ahmed, richtich? – hörn Se dit? Die Fahrer wern janz schön unjeduldich …« Er trat von einem Fuß auf den anderen.
Ahmed sah ihn an und schien das dröhnende Gehupe erst jetzt zu registrieren. Er nickte und hob die Hand: »Sorry! Ist kein Problem, eine Moment!«
Er öffnete die Fahrertür, stieg ein und schaltete die Warnblinkanlage an. Als er zufrieden lächelnd wieder aus dem Auto kletterte, kam Ali zurück. Er reichte Ahmed eine neongelbe Dose.
»Tut mir leid, dass es so lang gedauert hat, aber die Kaffeemaschine ist ne Diva.« Er deutete auf den braunen Plastikbecher in seiner Hand. »Die braucht ne Extraeinladung, bis die was ausspuckt.«
Beide lachten. Die Autos hupten. Gerhard sah erst von Ali zu Ahmed, dann vom Kastenwagen zur Autoschlange. Er entschloss sich, lieber wieder in den Kiosk zu gehen.
Ein paar Minuten später folgten auch Ali und Hamza. Durch die Scheibe konnte Gerhard erkennen, dass sich Ahmed gerade mit einem Mann stritt, der aus einem der Autos gestürmt war.
»Ich mach gleich das Schild dran.« Ali trank seinen Kaffee aus, warf den Becher in den Mülleimer neben der Maschine und trat wieder hinaus.
»Ich fang dann mal an mit einräumen.« Hamza nahm sich eine der Plastiktüten und schlurfte zur neuen Regalreihe direkt hinter dem Schaufenster.
Gerhard sah ihm eine Weile dabei zu, wie er Metalldöschen und Glasbehälter einsortierte.
»Wat isn ditte?«
Hamza sah auf und hob eine der Dosen hoch, die er gerade in der Hand hielt: »Diese?«
»Nee, dit Glasdingens da.«
»Achso. Ist Shisha.«
Gerhard nickte. Er selbst hatte sich nie viel aus Wasserpfeifen gemacht, die Dinger waren früher ziemlich verrufen und außerdem schwer zu bekommen gewesen. Es wunderte ihn, dass sie mittlerweile scheinbar salonfähig geworden waren.
Draußen öffnete Ali gerade zusammen mit einigen jungen Männern das Paket. Sie hoben ein blaues Leuchtschild heraus. ALL YOU CAN ALI stand in weißen Buchstaben darauf. Und darunter: Spätkauf & Dampfshop.
Gerhard wusste nicht, was ein Dampfshop war. Es war ihm aber auch egal. Er hatte sich dafür entschieden, sein Geschäft abzugeben. Und dann musste ooch mit de Konsequenzen leben, meen Freund, erinnerte er sich selbst. Er griff sich seine Zigaretten und ging vor die Tür. An der Ecke stieß er mit Frau Kinze zusammen.
»Engelschen! Heut is der letzte Tach, wa?« Lachfältchen durchzogen ihr ganzes Gesicht und ließen sie nicht mehr nur alt, sondern uralt aussehen.
»Och Frau Kinze, wat soll ick nur ohne Sie machen?« Er zwinkert und hielt ihr die offene Schachtel hin. Sie zog sich eine Zigarette heraus und ließ sich Feuer geben. Schweigend standen sie nebeneinander, bis er seinen aufgerauchten Stummel austrat.
»Weeßte, Engelschen, jetzt wo dit mit uns zu Ende jeht, da könnwa doch ooch dit mit dem Sie wechlassen.« Sie warf ihre Zigarette ebenfalls auf den Boden und streckte ihm die Hand hin: »Ick bin die Amanda.«
Gerhard schüttelte die zierliche Hand mit den vielen Pigmentflecken.
»Ick bin der Gerhard.«
»Na, da is mir Engelschen aber lieber.« Sie lachte und drehte sich in Richtung Kiosk. »Denn hol ick mir ma meen täglich Stückschen Lungenkrebs, wa? Wie heißt denn dit neue Jungsche?«
»Ali. Kann mir natürlich nich ersetzen, wa. Aber den wirste ooch möjen, Amanda.« Er lächelte und sah ihr nach, bis sie in seinem Kiosk verschwand. In den letzten Wochen hatte er viele solcher Abschiede gehabt. Zweiundvierzig Jahre – da kamen schon ein paar Stammkunden zusammen. Er ging zu Ali, der gerade eine Leiter an die Hauswand stellte.
»Kommste klar ohne mir?«
»Klar, Cheffe. Aber heute Abend kommst du?«
Gerhard nickte und ging zum Hauseingang neben dem Kiosk. Haustor aufsperren, hoch in den dritten Stock.
Heinrich saß am Küchentisch. Gerhard wunderte sich über dessen frühes Aufstehen, sonst war er nämlich ein ziemlicher Langschläfer. Er stützte sich am Türrahmen ab und streckte den Kopf in die Küche. »Heinrich, jetzt ham wa noch een Jeheimnis jelüftet! Die alte Kinze, die heißt Amanda mit Vornamen.«
Heinrich legte den Kopf schief.
»Hätt ick ooch nich jedacht. Ick hätt jedacht, die hat nen alten Namen, Gerda oder Renate oder sowat.« Er zuckte mit den Schultern. »Steckste nich drin in die Leute, wa. Ick geh mir noch nen Stündchen hinlegen. Glaub dit wird een langer Abend heut.«
Bereits im Treppenhaus hörte Gerhard den Lärm und das Gelächter von der Straße. Eine Traube junger Menschen stand vor seinem Kiosk. Die Sonne war vor einer halben Stunde untergegangen, das letzte Licht des Tages traf auf den bläulichen Schein des neuen Schildes. Das Ding war überdimensional. Aber es war nicht das Einzige, was sein altes Geschäft zum Leuchten brachte. Der Würfel über dem Geldautomaten strahlte blassgelb und hinter der Scheibe war ein großer Bildschirm montiert. Hier könnte Ihre Werbung stehen, informierte ihn das Standbild. Es wechselte mit Animationen aus bunten Wirbeln, die sich von den Ecken abstießen. Über der gesamten Länge des Kiosks drängten sich weiße und blaue Luftballons. Neben der Tür standen hüfthohe Boxen, aus denen schwere Bässe wummerten. Gesang konnte Gerhard keinen ausmachen. Überhaupt fiel es ihm schwer, das Gestampfe als Musik zu erkennen.
»Engeeeeel!« Ali schob sich durch die Menge, zwei Glasflaschen in der Hand. Er fiel ihm um den Hals und reichte ihm eine der Flaschen. Gerhard bedankte sich, nahm einen Schluck – und spuckte ihn vor Alis Füße. Erschrocken hielt er sich die freie Hand auf seine Nase, aus der ein weiterer Strahl sprudelte.
»Wat is …?« Er musterte das Etikett. Mate Mate stand darauf. Er schluckte, aber der klebrig-süße Rauchgeschmack blieb. Ali prustete los und lachte so lange, bis er sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischen musste.
»Sorry, Engel, ist nich dein Ding. Ist ganz neu im Sortiment!«
Gerhard sah ihn stumm an. Er hatte viele von Alis Entscheidungen nicht verstanden – aber dieses Gesöff löste das bisher größte Fragezeichen in ihm aus.
»Ich hol dir nen Bier.« Er nahm ihm die Flasche ab und schob sich wieder in Richtung seines Spätis. Gerhard sah ihm nach, bis die Basecap im Gedränge nicht mehr zu sehen war. So jeht dit zu Ende. Er blickte auf das leuchtende Schild. Kein Kiosk Engel mehr. Jetzt gab es nur noch ALL YOU CAN ALI.
Ali kam mit einem Sterni wieder und sie prosteten sich zu. Gerhard genoss den bitteren Geschmack und ließ den ersten Schluck ein paar Sekunden lang auf seiner Zunge kreisen.
»Wie geht es dir?« Ali sah ihn aufrichtig interessiert an.
Gerhard wusste nicht, was er antworten sollte. Janz jut, das wäre gelogen gewesen. Och, man lebt, das wäre dramatisch gewesen. Jing schon besser, das wäre ehrlich gewesen. Er entschied sich für ein Schulterzucken.
»Freuste dir?«, stellte er die Gegenfrage.
Ali blies seine Backen auf und ließ die Luft langsam wieder entweichen.
Er sah plötzlich sehr klein aus.
»Klar freu ich mich«, seine Stimme klang unsicher, »aber ich hab schon auch Respekt. Ich bin der erste von meinen Brüdern, der einen eigenen Laden macht. Ich … ich muss abliefern.«
Gerhard nickte. Ali gab es nicht ohne seine Familie. Sein jüngster Bruder Hamza hing ohnehin täglich an seinem Rockzipfel, aber auch die anderen Geschwister mischten sich viel in die Planung von Alis Späti ein. Von der ganzen restlichen Verwandtschaft mal ganz abgesehen. Gerhard fragte sich manchmal, wie es sein konnte, dass Ali solche Unmengen an Nah- und Fernverwandten in ganz Berlin hatte. Vor allem, wenn man bedachte, dass seine Familie erst seit zwei Generationen hier lebte. Er stellte es sich sehr anstrengend vor, keine Entscheidung treffen zu können, ohne dass mindestens ein Großonkel pikiert war, weil dessen ungefragte Mithilfe nicht geschätzt wurde. Andererseits – und vielleicht wog diese Tatsache alles wieder auf – andererseits war Ali auch nie allein. Gerhard verbrachte seine Abende mit Heinrich. Manchmal wäre da der ein oder andere Verwandte auch irgendwie … schön.
Ali nahm noch einen Schluck von seiner Rauchbrause und sah Gerhard an.
»Kommst du aber schon? Zum Gucken?«
»Wann?«
»Na, immer. Jeden Tag. Gucken, dass ich den Laden nicht in’ Sand setze«, er grinste breit, »und irgendwer muss diese ekligen Nil wegkaufen, die bestelle ich nur wegen dir.«
Gerhard musste lachen. »Ick versprech et dir.«
Hinter Ali tauchten zwei bekannte Gestalten auf. Die beiden sahen mindestens so deplatziert aus wie Gerhard sich fühlte. Diese beeden. Er grinste sie an. Wie zwei Haare in der Suppe schoben sich Jürgen und Detlef durch die immer größer werdende Menschenmasse.
»Mensch, Gerry«, Detlef schnaubte, »ick wär hier fast vorbeijeloofen. Erkennt man jarnich wieder.«
Jürgen schlug einen Haken um ein blondes Mädchen im bauchfreien Top, das gerade aus dem Pulk tanzte und sich wie ein Kreisel um sich selbst drehte.
»Mein Schöner«, sie warf Ali eine Kusshand zu, »tanz mit mir, mein Schöner!«
Ali lächelte Gerhard entschuldigend zu. »Ich glaub, ich muss der Sandra mal das Bier wegnehmen.«
Er lief dem Mädchen auf die Straße nach. Jürgen nahm seinen Platz ein und schüttelte ehrfürchtig den Kopf. »Dit isn Ding, wa.«
Alle drei nickten und sahen zum Späti, der am Morgen noch ein Kiosk gewesen war.
»Wo isn dit alte Schild hin?«
»Hamse mir heut hoch in die Wohnung jetragen. Ick gloob ick hängs mir über meen Sofa.«
»Kiosk Engel – jetzt ooch in Ihrem Wohnzimmer.« Detlef lachte. Es war kein fröhliches Geräusch. Es war das Lachen eines alten Säufers, der gerade seinen letzten Rückzugsort verlor. Gerhard stimmte mit ein. Auch er klang dabei bitter. Er klatschte in die Hände und schickte sich an, sich durch die Menge zu drängen: »Ick hol euch mal wat zu trinken.«
Zweiundzwanzig … dreiundzwanzig … vierundzwanzig …
Gerhard saß auf der obersten Stufe des zweiten Halbstocks und hielt sich am Geländer fest. Er wusste nicht, wie er es überhaupt schon so weit hoch geschafft hatte. Er sah in den Abgrund vor sich. Er benötigte ein paar Anläufe, bis die Worte auf der Türmatte nicht mehr vor seinen Augen verschwammen und er sie lesen konnte: Hier wohnt ein Handballer mit seiner Prinzessin.
Er hatte das junge Paar, das vor ein paar Monaten hier eingezogen war, manchmal in seinem Kiosk gesehen. Er groß und mit Segelohren,sie klein und mit Mausgesicht. Meistens kauften sie Tiefkühlpizzen und Zigaretten. Hätt ick ja nich jedacht, dachte er, wat Handballer und Prinzessinnen so allet koofen.
Er blieb noch eine Weile sitzen, bis sich die Treppe ein kleines bisschen weniger drehte. Dann hievte er sich hoch und starrte entmutigt die Stufen hoch.
Fünfundzwanzig … sechsundzwanzig …
Komplett erschöpft erreichte er seine Haustür. Schlüssel hineinstecken, zweimal rütteln, aufdrücken, setzen, Schuhe ausziehen. Kurz blieb er vor dem verdreckten Leuchtkasten stehen, der an der Wand im Flur lehnte. Kiosk Engel stand in geschwungenen grünen Buchstaben darauf. In Gerhards Bauch breitete sich eine bleierne Schwere aus. Es fühlte sich an, als würde ihn etwas in Richtung Boden ziehen. Er taumelte zur Küche und stützte sich am Türrahmen ab. Überrascht stellte er fest, dass Heinrich noch wach war. Er setzte sich zu ihm an den Tisch.
»Heinrich …« Seine Stimme schien in der stillen Küche zu hallen. »Heinrich…nu isset aus.«
Heinrich sah ihn verständnisvoll an.
»Ick … ick hab dort meen janzet Leben jehabt. Und nu…numuss ick meene Tage anders rumkriejen. Und dit in meenem Alter.« Er lachte freudlos auf. »Aber wem erzähl ick dit? Du bist ja ooch ’n alter Junge.«
Sie schwiegen. Gerhard musste sich am Küchentisch festhalten. An seiner Wange lief eine Träne hinab. Heinrich sah ihn besorgt an und rückte ein wenig näher.
»Ick hab heut … ick hab heut noch een Jeheimnis erfahrn. Eens vom Detlef.«
Er schluckte schwer.
»Der…der Detlef …« Er stockte und verstummte. Eine weitere Träne rann der ersten hinterher. Er schniefte und fuhr sich mit dem Handrücken über die Wange.
»Der Detlef, der hat … damals im Suff …« Seine Stimme brach.
Er schluckte. Versuchte, sich zu sammeln. Beide Wangen waren nun nass.
»Der hat … der hat seinen Kleenen totjefahren.«
Heinrich sah ihn betroffen an. Dann bewegte er sich langsam über den Tisch, bis er ihn berührte.
»Der … der hat den Jungschen nich jesehn. Einfach nich jesehn«, seine Stimme bebte, »und bis er dit … bis er dit verstanden hat, da … da war dit Kind schon tot.«
Gerhard sah Heinrich durch seinen Tränenschleier an. Ihre Blicke trafen sich. Stille senkte sich über die beiden. »In all den Jahren …« Das Sprechen fiel ihm schwer. Wieder schwiegen sie.
»In all den Jahren… da bist du immer meen bester Freund jewesen. Ick … ick dank dir … immer hast du dir die janzen Jeheimnisse anjehört. Dat ick dit hab allet mit dir teilen dürfen …«
Sein Blick fixierte die Tischplatte. Eine Träne fiel auf das karierte Wachstuch.
»Manchmal isset so schwer jewesen, die janzen Jeschichten zu hörn. Jeder hat ja so sein Päckchen, wa … aber dit vonmanchen … dit is eenfach zu schwer für eenen alleene.«
Vorsichtig schmiegte Heinrich seinen Kopf an Gerhards tätowierten Unterarm.
»Weeßte …die janzen Jeheimnisse, die darf ick nich wegsperren. Die jehörn ja nich mir … die darf ick nich behalten.«
Seine Stimme versagte. Er schluchzte nun so heftig, dass es ihn krampfartig schüttelte. Heinrich hielt ganz still und drückte sich weiter gegen seinen Arm. Es dauerte lange, bis Gerhard sich wieder ein wenig beruhigt hatte. Mit feuchten Augen sah er seinen Graupapagei an, strich ihm mit der Spitze seines Zeigefingers sanft am Flügel entlang.
»Ick dank dir … so sehr … so sehr.«
Er hob Heinrich in seine Handfläche. Schwankend stand er auf. Der Vogel sah ihn erstaunt an. Kluge Knopfaugen in zartgrauem Gefieder. Gerhard küsste ihn auf den Kopf. Dann öffnete er das Fenster.
Die laue Nachtluft überraschte sie beide. Stumm standen sie am Fensterbrett und blickten hinaus. Von unten hörte man noch Gelächter, der Großteil war aber schon in die Bars weitergezogen. Vorsichtig streckte Gerhard seine Hand hinaus ins Freie. Heinrich duckte sich unsicher und warf ihm einen Blick zu.
»Ja«, flüsterte Gerhard, »ick werd dir ooch nie verjessen.«
Heinrich nickte. Dann hob er ab und verschwand über den Dächern der Stadt.
Träumen von der Achse Alexandria – Cluj – Berlin, und gestrandet sein in Malibu. Eine Möwe über dem Pazifik kreischt original wie die Straßenbahn Ecke Schönhauser. Ein Kreischen wie Stahl auf Stahl. Mit Hammer und Meißel eine Furche durch den Text treiben, bis er schreit. Ein Freund soll mir helfen, einen alten Traum zu verkaufen.
»Ich habe einen Vampir gefangen«, sagte Herbert zu Sil. »Einen Vampir.« Er nestelte am gelbroten Band des Kellerschlüssels. In diesem Teil Berlins musste man Anfang der Neunziger noch Kohlen aus dem Keller holen.
Schleppen. Du sagst es, die Arme wurden immer länger. Was weißt du schon, warst du dabei?
»Soll ich ihn dir zeigen?«
Warum Berlin! Weil es wahr ist. Das waren Zeiten, als das Gegenwart war. Eine Schnapsidee. Racke Rauchzart und über mir flog die PANAM nach Tegel. Ein irrer, wirrer Hauch von Illusion. Eine eigene Epoche, dampfend von Knoblauch und Blut, Leben und Tod. Auf dem Dach der Lychener 24. Ich saß auf einer Luftmatratze an den roten Schornstein gelehnt und schrieb auf der Erika-Maschine mit dem verrutschten »o«. Man konnte über eine Straße aus Dachpappe bis vor zur Schliemann laufen und nach Norden, bis hin zum Park, wie hieß der noch? Helmholtz, das hast du vergessen? Wenn ich Millionär bin, baue ich Brücken und pflanze Bäume auf die Dächer, für die Spaziergänger im LSD-Viertel. Ich weiß, Lychener, Schliemann, Duncker. Helmholtz? So wie die Wäschelisten bei Woody Allen? Metterling, die kalifornische Sonne hat dir das Gehirn gegrillt. Yo Bro, Saharasonne, Karpatenschnee und Eiskristalle am Strand und im Kopf. Hauptsache ich verkaufe den Shit. Ich brauche Geld, für meine Brücken.
Lange hatte Sil ihren Ex nicht besucht. Aber vorhin dieser Anruf. Schrille Stimme. Panik und Stolz. Mitten in der Nacht. »Ich dachte, es ist was passiert.«
Herbert konnte ihr nicht in die Augen sehen. Sein Blick glitt von der tiefhängenden, mit einem fussligen Hippietuch verhüllten Küchenlampe hinab zu Sils Schultern. Streifte ihr Gesicht, ihren Hals, wanderte am Gewürzregal entlang …
Ja na klar, des Müllers Lust, dieser Shit ist wie ein morscher Baum. Sagt der Storydoc? Sagt er. Die Borke bröckelt, aber innen sind die fetten Würmer, mit denen machen wir was Schönes. Wenn du meinst.
Um sich plötzlich zwischen ihre Augenbrauen zu bohren, ein Versuch von Blickkontakt, und dann doch auf dem Wachstuch neben dem Aschenbecher eine Bruchlandung zu machen. Dort klammerte er sich für eine Weile an die beiden halbleeren Kaffeetassen.
Rabada tabata tam. Wie schön. Und dann?
»Du hast was?« Sil versuchte gar nicht erst, diesen Blick einzufangen. Dazu kannte sie Herbert zu lange. Die ständige Unruhe, dieses Nicht-zu-fassen-sein, das Mit-den-Gedanken-und-Ideen-driften, das kannte sie seit …
»Einen Vampir.«
»Bitte? Hab ich nicht verstanden.«
Leise: »Doch, hast du. Einen Vampir. Er ist in meinem Keller.«
In seinem Kopf vielleicht. Sie haben gesagt: keine Fantasy. Keinen Horror. Aber es ist kein Horror. Doch, du hast da einen Vampir. Ja, wir haben einen Höhlentroll. Nein, ein Vampir wird erwähnt. Aber es geht um Leben. La Vida Pura. Es ist ein Roman, geschrieben von Erika. Ein Dachschaden. Ranitzki sagt, es geht um Liebe und Tod, oder es ist Mist. Hör mit dem auf! Den kennt bei uns keiner. Es geht um keinen Vampir, es geht bloß um einen Typen, der behauptet, in seinem Keller einen zu haben.
Ach, vergiss es.
»Zwischen den Kohlen oder was?« Ihre Nackenhaare stellten sich auf wie bei einer Katze, die Gefahr spürt. Für gewöhnlich war Herbert ein wehleidiger Phlegmatiker, düster, aber liebenswürdig, in dessen gruftige Psyche sich gelegentlich ein leidenschaftliches – und dann sehr wirres – Element mischte.
Zu viele Adjektive.
Sie hatte das einmal gemocht.
Gott, wen interessiert das? Willst du den Mist verkaufen oder nicht?
Sie hatte das einmal gemocht, wenn er bei seiner Arbeit – falls man es so nennen konnte – als Computerfreak, Künstler, Cutter, Spinner einer großen Idee nachjagte.
Herbert blinzelte sie an, leckte sich die Lippen. »Ging nicht anders, ich konnte ihn nicht in die Wohnung nehmen. Er riecht.« Eine ungesunde Spur von Triumph schwang in seiner Stimme, als hätte er eine obskure Beute gemacht.
»Du hast ihn gefangen.«
»Ja.«
So wirst du das bei niemandem los. Vielleicht da, wo du herkommst. Vom Prenzlauer Berg. Also Osteuropa.
Sil hielt nichts von Beute und nichts vom Jagen–weder im Leben noch in der Liebe noch sonst wo. Sie konnte sich auch nicht erinnern, je einen derartigen Zug an Herbert bemerkt zu haben.
Die merkt auch gar nichts.
Sie gehörten beide nicht zu den Berlinern, die ihre Nächte im Franzklub oder den Sophiensälen verbrachten. Der Gedanke, ihre Haut auf einem der Fleischmärkte als Köder auszulegen, widerstrebte Sil von Haus aus.
Das spielt in den frühen 90ern, ja? Period Movie. Kostet alles extra. Bei jeder Tüte ATA ächzt der Produzent. Verkauft sich aber. Vergiss es. Berlin ist Osteuropa, das ist out. Aber damals…Weißt du, was damals in Berlin interessant war? Ich habe da gelebt. Und ich erst. Es gab Wohnungen mit Durchbrüchen, die fingen in der Lychener an und reichten bis zur Pappelallee. Es gab Partys, die fingen donnerstags an…Kommt noch. Das ist nur der Anfang der Geschichte. Osteuropa kommt erst noch. Dein Produzent wird vor Wollust stöhnen. Doctor Shivago! Schmelztiegel. Immigranten. Russendisco. Knoblauch! Leute, die keiner kennt, und die zwischen ihren Büchern leben. Im Doppelstockbett.
Sie und Herbert waren Schreibtischmenschen, das hatte sie einmal verbunden.
Schreibtischmenschen. Ja, Büchermenschen, bist du keiner? Bewahre. Gina ist ein Büchermensch. Wer ist Gina? Sil? Sie ist eigentlich Mina. Nicht das noch. Stoker auf Valium? Speed. Nein, Valium, eindeutig.
Herbert und Sil hatten einander auf einem Spielplatz kennengelernt, am Kollwitzplatz. Sil–damals siebzehn–führte den Hund ihrer Eltern aus. Herbert, sechs Jahre älter, hatte nur dagesessen und Löcher in die Luft gestarrt und dann: »Der wird mich wohl nicht fressen?«
»Das ist ein Benimm-Wauwau. Auf Sprüche dressiert.«
Danach stotterte er noch mehr, blieb aber dran und benahm sich auch. Das war verwirrend lange her. Vorwende, Wende, Windjacken, D-Mark. Vorne kurz und hinten lang. Niedlich war er gewesen und hilflos. Obwohl er ständig seine Lebenserfahrung ins Spiel bringen musste und immer versuchte, vernünftig zu sein. Dieser Chaot.
Sil ist Mina? Ja. Murray oder Harker? Und wer ist Herbert? Merkst du noch. Wann passiert endlich was? Ein bisschen Handlung kommt noch?
Aber niemals, niemals hatte er etwas von einem Beutemacher gehabt. Niemals hatte sie so einen Klang bei ihm gehört, so wie jetzt, so als hätte er plötzlich Macht.
Über etwas. Jemanden.
»Und was meinst du mit >Vampir?<«
Herberts Antwort war ein hohles Lachen. Sein Blick irrlichterte umher. Wie sollte sie daraus klug werden?
Ja, wie?
»Irgendein Tier… eine Fledermaus?« Sie konnte nur raten.
Er schüttelte den Kopf. »Nein. Ein Vampir. Genau das, an was du bei dem Wort denkst.« Er stand auf und hielt den Kellerschlüssel in die Höhe, als wäre er ein magisches Artefakt.
Doch ein Vampir. Nein. Doch. Weck mich, wenn etwas passiert. Leck mich. Weck mich. Und wann kommt Van Helsing? Später. Harker auch. Aber sie heißen anders. Wie originell. Aber es ist keine Parodie? Nein, voller Ernst. Oh je.
Die Treppe des Miethauses, in dem Herbert lebte, war ausgetreten und staubig. Das Flurlicht war seit seinem Versuch, Strom abzuzapfen, defekt. Vom Vorderhaus drang ein fahler Schein herüber, so schwach, dass nur die Reflexion außer Dienst geratener Gaslampen und vereinzelt verbliebener Treppenbeschläge aus abgewetztem Messing eine Orientierung ermöglichten. Durch die schmutzigen Scheiben ging der Blick in den Innenhof, über dem sich als bleiernes Viereck ein paar Quadratmeter Himmel spannten.
Ja, sehr schön, ich gehe gleich zu Walmart um die Ecke, kaufe mir ein Sixpack und vergesse den Quatsch. Daraus wird nichts. Schreib was über die Marslandung!
Herbert hauste noch immer in ihrer alten Mietwohnung, ganz oben, wie alle Bekannten von Sil. Der Altbau hatte Vorteile. Da waren der Herbert-freundliche Mietpreis, sowie die Möglichkeit, jederzeit Nägel oder Durchbrüche in eine Wand zu schlagen, ohne beim Vermieter um Erlaubnis zu fragen.
Das versuch mal in Kalifornien, dann hast du eine SWAT-Einheit am Hals.
Eher mies waren das zugige Etagenklo und, zumindest im Winter, der tägliche Weg zum Kohlenkeller. Fünf Stockwerke, in jeder Hand einen Eimer.
Das hat dich wohl damals beeindruckt, nicht wahr? Du warst der arme Dichter unterm Dach, in deinem verkifften Spitzweg-Kabuff und hast dir Horrorgeschichten aus dem Gehirn gesaugt. Damit willst du heute noch beeindrucken, come on. Wach auf.
Herbert ging kaum noch in den Keller.
Er betrieb einen halbmechanischen Toaster als Heizung, der hatte 500 Watt und ließ sich so blockieren, dass er nicht jede Minute ausging. Vom Begrüßungsgeld …
Kennt kein Mensch mehr. Aber es gehört dazu.… schaffte er sich einen Heizlüfter an, welcher die Luft austrocknete und wieder auffraß, was Herbert an Miete sparte.
Sil sah seine mageren Schultern wie die einer Marionette die Treppe hinabwanken. An wessen Fäden hing er? Eine Idee hatte Besitz von ihm ergriffen, sie sah es ihm an. Etwas, das ihn trieb. Sonst hätte er nie den Mut gehabt, sie anzurufen. Dass sie diesen Kauz einmal geliebt hatte, fiel ihr schwer, zu glauben. Aus einem unbekannten Grund hatte er die halbvolle Kaffeetasse mitgenommen. Obwohl im Flur Minusgrade herrschen mussten und der Atem Wölkchen bildete, ging er in Badelatschen, die er über seine wollenen Socken gezwängt hatte.
Das hält keiner aus. Gleich pisst ihm einer auf den Teppich, oder? Nein. Es gibt auch keine Nazis. Die würden sich aber gut verkaufen. Wieso nicht? Weil er nicht Lebowski ist, sondern Renfield. Sie hat ihn also geliebt. Und weiter?
In diesem Haus hatte sie gute Zeiten mit Herbert gehabt und gelernt, dem großen Kind seinen Spaß zu gönnen. Sie hatten viel und arglos gelacht, am Anfang. Ein Gefühl sagte ihr, dass es unten im Keller nicht lustig werden würde. Das besaß keine gute Energie, war etwas, das sich nach einem Schmerz anfühlte, den sie noch nicht zu fassen vermochte, der ihr kälter und kälter entgegenkroch.
Kann mich bitte einer totbeißen? Jetzt, sofort. Entweder du hörst zu, oder ich sag nichts mehr. Dann zerreiß ich das. Ja bitte. Willst du mir helfen oder nicht? Wollen schon.
Sil kannte jede Spinnwebe, jede Stufe. Die Kellerräume versperrte eine stählerne Brandtür, die sonst nie verschlossen gewesen war.
»Geht nicht auf.«
Herbert fummelte am Schloss und fluchte. »War schon schwer, sie abzuschließen.«
»Mir ist kalt.« Es war doch derselbe Keller wie immer. Herbert hatte ihr noch nie Angst gemacht. Sil umschlang ihren Körper mit den Armen.
»Gleich.« Seine schroffe Art reizte sie. Warum kehrte sie nicht um? Sil hatte sich den ganzen Tag schon nicht wohl gefühlt, ein Ziehen und Drücken im Bauch kündigte ihre Tage an, was nicht gerade angenehm und am ehesten mit einer Wärmflasche und im Bett zu ertragen war.
Das ist interessant? Schon gut, schon gut.
»Herbert, wir können auch morgen …«
»Na endlich.« Die Tür gab nach.
»Herbert …«
»Leise, ich hoffe, er schläft.«
Er. Vielleicht ein Hund? Einer mit beeindruckenden Fangzähnen, der Herbert zugelaufen war, den er Vampir nannte. Es roch nicht gut in diesem Keller.
So ist es auch mit deinem Text, mein Freund. Ich kann dir nicht helfen. Soll ich aufhören? Wie lange geht das denn noch? Zwei Seiten. Dann mach. Wirklich? Ja, verdammt. Was ist jetzt in dem Keller? Wenn da nichts als dein geklauter Graf Dracula hockt …
Herbert stoppte und sah sie mit gesenktem Kopf an. »Du kannst noch umkehren«, flüsterte er und musterte abwechselnd ihre Nasenspitze und Füße.
Sie sagt: »Ja« und geht. Das wäre ein Ende. Sorry, musste sein. Mach weiter!
»Mach es nicht so dramatisch.« Sie folgte ihm um die erste Biegung, dann die zweite. Verblichene Schriften an Wänden und Decke stammten noch vom Luftschutz aus dem zweiten Weltkrieg. Schutzraum für Personen. Gasschleuse. Auffangstelle. Es wurde kälter und dunkler. Im Haus rauschte eine Spülung, das Rohr führte in der Nähe vorbei. Dann war wieder Ruhe.
Ganz Hollywood wird Schlange stehen, um dieses Rohr rauschen zu hören. Das weiß man nie.
Träum weiter!
Die Stille war nicht völlig still. Sil lauschte auf das sanfte Brummen des Prenzlauer Bergs, ein dunkles Schwirren und Wummern. Autos, das ferne Kreischen einer Straßenbahn, ein Flugzeug. Von weit entfernt im Vorderhaus aus der Kneipe zitterten Stimmfetzen und Musik heran.
Ganz hinten, am Ende des letzten Ganges, befand sich Herberts Keller, ein Lattenverschlag, das vertraute Vorhängeschloss, dahinter die Finsternis der Briketts.
Sil war stets mit einer Taschenlampe oder einer Kerze hergegangen, weil das Licht vom Flur nicht bis in den Verschlag reichte. Weil es ein Minutenlicht war.
Frag mich nicht, was das ist. Ich frag nicht. Du weißt, was das ist. Natürlich. Ein Minutenlicht? Ein Minutenlicht. Lies weiter. Siehst du den Surfer? Da draußen auf den Wellen könnte ich jetzt sein. Soll ich lesen? Die ganze Zeit schon.
Sie sah eben noch, wie Herbert einen Kerzenstummel und Zündhölzer aus der Hosentasche zog. Dann ging mit einem nüchternen Klack das Licht aus.
