24,00 €
Ein Mädchen, das in den 1950ern seine Welt zu erkunden beginnt. Über das Anderssein als Zugezogene im Dorf. Leiser Text von grosser Klarheit, der vom Zauber und auch den Nöten der Kindheit erzählt. Als Paula mit ihrer Familie von der Aargauer Kleinstadt in ein Dorf im Baselbiet zieht, wird vieles anders. Die kleine Paula erforscht aufmerksam die fremde dörfliche Welt und setzt alles daran, am neuen Ort dazuzugehören. Wenn sie alleine ist, übt sie die im Dorf übliche Aussprache der Wörter, damit sie bald wie die anderen sprechen kann. Trotz ihren Versuchen, so wie alle zu sein, wird Paula immer wieder auf ihr Anderssein gestossen. Als Kinder des Pfarrers müssen sie und ihre Geschwister besonders tadellos sein. Aber auch andere gehören nicht ganz dazu, die Zugezogenen, Katholischen und die Armen. Auch die alte Nachbarin schräg gegenüber, die als lediges Fräulein ohne Angehörige ihr ganz eigenes Reich verteidigt, ist anders. Paula findet bei ihr einen wunderbaren Ort, hier wird nach Lust und Laune geschwatzt, geschleckt und geschimpft.Langsam entfernt sich Paula vom Dorf, greift aus nach Vorstadt und Stadt, die ihr bedrohlich und verlockend zugleich erscheinen. Gegen das, was sie bedrängt, setzt Paula die Kraft der Fantasie, der Musik und der Wörter.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2019
MADELEINE BUESS
GROSS WERDEN
Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
© 2019 Zytglogge Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Coverfoto: Private Aufnahme
Layout/Satz: Zytglogge Verlag
e-Book: mbassador GmbH, Basel
epub 978-3-7296-2260-9
mobi 978-3-7296-2261-6
www.zytglogge.ch
Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben,sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.
Gabriel Garcia Márquez
Ich gehe die hohe Treppe zur Kirche hinauf, betrete den Kirchhof. Weiter, der Kirchhofmauer entlang, komme ich zur Friedhofsanlage. Sehe die Gräber in Reihen, von Buchshecken gesäumt. Die einzelnen Gräber mit Rosen, Stiefmütterchen, Begonien, Erika. Mit Steinen, Engeln und Schalen geschmückt. Einige Gräber sind verwildert. Auf den Grabsteinen lese ich die Namen der Verstorbenen mit Geburts- und Todesjahr. Hier liegen sie. Die Bäuerinnen und Bauern, die Knechte, Handwerker, Handwerkersfrauen, die Angestellten, ledigen Fräulein und Junggesellen, die Eigenbrötler, Dorforiginale, Lehrer und Pfarrer. Sie, die einst die Welt des Kindes bevölkert haben. In ihrer Mitte ist Paula aufgewachsen. Im grossen Haus jenseits des Friedhofs.
Von hüben nach drüben
Die Fahrt ging los: vorne der Austin, hinten der Zügelwagen. Durch Zofingen Richtung Olten. Paulas Mutter warf einen letzten Blick auf das Städtchen. Ihr Mann sass am Steuer, in sich versunken.
Hinter Olten erhoben sich die Juraberge. Aui die Höger! Warfen sich auf wie wilde Baselbieter Bauern. Hinüber mussten sie, der kleine graue Austin und der mächtige Zügelwagen, über den Hauenstein ins Baselbiet. Auf der Passhöhe verliess der kleine Austin den Zügelwagen und die grosse Strasse und suchte den Weg nach Wenslingen. Weislige war die Oberbaselbieter Heimat von Paulas Vater. Dort, in Tschinggeli Ottis Huus, einem grossen Bauernhaus mit mächtigem Scheunentor, gleich am Dorfeingang, wurde Halt gemacht. Hier wohnten die ledigen Onkel und Tanten, die so schwarze Haare hatten wie sonst nur die Italiener.
Paulas Vater stieg aus. Die Mutter schnäuzte sich, raffte sich auf. Das hinten im Auto schreiende Eveli wurde von Lili, dem Meitschi, aufgenommen und ausgeladen. Dr Gottlieb, dr Johannes, s Lini und s Miggi, alle die Onkel und Tanten, die zusammen den Bauernhof bewirtschafteten und Bändel für die Basler Herren woben, fanden sich zur Begrüssung ein. Paulas Mutter zog sich mit Eveli in Dante Miggis Schlafkammer zurück, stillte das Kind und legte es ins grosse Bett. Ihr Mann blieb mit den Onkeln vor dem Haus stehen, Hände in den Hosensäcken. Die Frauen verschwanden in der Küche, Lili ging Lini und Miggi beim Kochen zur Hand. Paulas Mutter kam nach und machte sich ans Tischdecken, wischte Teller und Besteck an ihrer Schürze ab. Es gruusete ihr hier.
Zum Mittagessen gab’s Suurchrut mit Späck. Ihr Mann langte zu, obwohl er bei ihr gesagt hätte, er vertrage so schweres Essen nicht, es mache ihm Durchfall. Sie brachte kaum einen Bissen hinunter.
Nachdem man sich verabschiedet hatte, ging’s weiter durch die blühenden Täler des Baselbiets. Paulas Vater freute sich. Für seine Frau dauerte die Fahrt eine Ewigkeit. Hinunter nach Tecknau, dann durch Liestal, Lilis Heimat, nach Basel. Von dort ins Leimental. Binningen, Bottmingen, Oberwil. Die Dörfer von blühenden Kirschbäumen umgeben. Hinter Oberwil den Hügel hinan und durch den dunklen Löliwald. Bis as Änd vo dr Wäut!
Sie näherten sich der Landesgrenze. Zuerst Biel, dann Benken. Zwischen den Dörfern explodierte die Blütenpracht.
Gsehjed’er, Frau Pfaarer, wie doll das doo isch!, rief Lili, die die Not der Pfarrfrau spürte.
In Benken die Kirchgasse hinauf, Miststöcke zu beiden Seiten.
Em hinterschte Winkchu zue, do e Gränze, dört e Gränze!, seufzte die Frau Pfarrer.
Auf dem Schulhausplatz vor dem letzten Miststock wurde kurz Halt gemacht. Dann bog das Auto ab, fuhr durch ein grosses Tor in den gegenüberliegenden Pfarrhof hinein. Die Auffahrt war steil.
Oben, vor dem Pfarrhaus, stand schon das Zügelauto. Die Zügelmänner tranken ihr Bier. Frauen in Baselbieter Trachten streckten den Ankommenden Hände und Sträusse entgegen.
Griessi midenander! Herr und Frau Pfaarer, willkomme i eusere Döörfer, z Bängge und z Biel, willkomme im schööne Baaselbiet!
Wie die gspässig rede, sagte die Frau Pfarrer abends zu Lili, und so brejt, dass me mejnt, es chiem es ganzes Fueder!
I reed au deerewääg, heit’er s nooni gmeerkt, be au e Baaselbietere!, sagte Lili und lachte.
Als die Möbel ausgeladen und das grosse Haus eingerichtet war, liess die Mutter die vier grösseren Kinder aus ihren Ferienplätzen kommen. Paula war in Basel beim Götti und seiner Familie untergebracht.
Die vier Gusäng kümmerten sich um ihre Gusiine. Sie wollten ihr Velofahren beibringen. Sie nahmen ein kleines Zweiradvelo, setzten Paula auf den Sattel und hielten das Velo fest, während Paula in die Pedale trat, das lief fast von allein auf dem Trottuar.
Wie du das kaasch! Druggsch s Pedaal aabe, zeersch mit eim Fuess, denn mit em andere und so witter! Verstohsch?
Paula verstand gerade nicht viel, sie redeten so komisch.
Der Götti war der Bruder von Paulas Vater. Die beiden Brüder hatten eine Mutter, nämlich Grossmueti, in Allschwil. Dort war Paula schon in den Ferien gewesen und hatte vor Längiziit immer in die Hosen gemacht. Hier mit den vielen Gusäng und dem Velo hatte sie weniger Längiziit. Komisch, dass die Grossen auch einen Bruder und eine Mutter haben! Paulas Bruder war klein und ihr Mueti war blond und nicht grau wie Grossmueti.
Einmal hatte Gusäng Andi Geburtstag, da gab’s eine Paarti. Der Gusäng bekam einen Haufen Gschänggli. Die Tante machte Spiele mit den Kindern. Jedes Kind durfte mit verbundenen Augen einer Sau an der Wand ein Schwänzli malen. Das eine Schwänzli kam auf den Rüssel, das andere ans Ohr, das dritte in die Luft, nur eins kam dorthin, wo es hingehört, nämlich ans Hinterteil.
Paulas Götti hat einen dicken Bauch und lustige Augen, nicht so tiefe, dunkle wie ihr Vati. Aber beide haben rabenschwarze Haare. Ihr Götti sagt immer nid. Hesch guet gschloofe, nid? Er redet anders als Paulas Vati, der ein wenig wie ihr Mueti tönt. Die Gusäng sagen Mutti, Paula sagt Mueti und wenn sie Mutti hört, hat sie Längiziit.
Sie versteckt sich am liebsten im Bett und rollt sich zu einem Knäuel zusammen. Manchmal geht die Türe auf und die Tante holt sie heraus, dann ist sie ganz durcheinander. Doch manchmal schlüpft sie selbst heraus, läuft zu den Gusäng. Nachts ist es im Knäuel am schlimmsten. Paula liegt ganz starr darin. Denkt, dass sie Mueti nie mehr sieht, weil sie jetzt tot ist. Dann bekommt sie furchtbare Angst. Hat heiss und kalt und wagt nicht, einen Mucks zu machen. Am anderen Tag rufen ihr die Gusäng und Paula macht wieder einen Mucks. Springt auf.
Am Aug hatte Paula ein Urseli, das ist wie eine Träne. Einmal kam der Götti, der eigentlich Dokter ist, von hinten und knipste das Urseli ab. Weg war’s. Aber die Zange und das Knipsen und das Erschrecken hängen noch immer am Aug.
Endlich durfte Paula zu Mueti. Ihr Götti nahm sein grosses Auto hervor, liess sie hineinklettern, setzte sich ans Steuer.
Jetz fahre mer heim, nid!, sagte er.
Wo isch das? Paula streckte den Hals, güggselte aus dem Fenster hinaus.
Sie fuhren an vielen Häusern vorbei. Noch mehr Häuser. Das hörte nicht auf mit den Häusern. Dann einen Hügel hinauf und durch einen dunklen Wald. Dann wieder Häuser. Aber andere. Mit Miststöcken und Brunnen an der Strasse.
Jetz sii mir grad döört, nid.
Sie fuhren eine Auffahrt hinauf und standen vor einem riesigen Haus mit vielen Fenstern, die waren rot eingerahmt und hatten grüne Läden. Da steht Mueti mit Paulas älteren Schwestern vor der Tür.
Ist das Mueti? Paula steigt aus. Sind das ihre Schwestern Doris und Heidi? Sie weiss nicht. Vielleicht geht Mueti auch wieder weg. Wie das Urseli an ihrem Aug. Einfach weggeknipst. Vielleicht kommt plötzlich der Götti und nimmt sie wieder mit. Sie will weglaufen und kann nicht. Die Schwestern schauen sie an. Nehmen sie an der Hand und alle drei laufen ins Haus. Drinnen ist es dunkel. Paula sieht nichts. Sie kann keinen Mucks machen. Sie ist tot.
Gäu, jetz sind mer weder zäme, Poula, sagt Mueti von irgendwo.
Langsam sieht Paula ein klein bisschen. Sieht viele Türen.
Lueg, do isch d Chuchi, sagt Mueti und öffnet eine Tür.
Da drinnen ist es hell. Paula erkennt den Küchentisch mit der Bank und den Stühlen ringsum. Zuoberst Vatis Stuhl mit dem Chüssi.
Und do isch d Stube.
Sie gehen von Zimmer zu Zimmer. Von der Stube zum Stübli zu einem grossen Saal. Alles fremd.
Das Mädchen, das da hindurchgeht, bin nicht ich, denkt Paula. Es muss ein anderes Mädchen sein. Weiter geht’s in den oberen Stock, über eine grosse, dunkle Treppe mit dicken Pfosten auf der Seite. Oben ein riesiger Gang und wieder viele Türen. Sie gehen durch Schlafzimmer mit Betten und nochmals Betten, die Paula irgendwie bekannt vorkommen.
Pst, sagt Mueti, do isch s Studierzimmer. Sie öffnet einen Spaltbreit die Tür.
Paula güggslet hinein, da liegt Vati auf dem Ruhebett, sie sieht die schwarzen, buschigen Augenbrauen, sonst nichts. Mueti zieht die Tür wieder zu.
Zuletzt zeigt ihr Mueti das Badzimmer. Da gibt es ein richtiges Bad, einen Abe und ein Brünneli. Sogar einen Spiegel hat es da.
Zum Glück schläft Paula im gleichen Zimmer wie ihre grossen Schwestern. Sie gigele nach dem Gutenachtsagen und flüstern miteinander, plötzlich schweigt jede und kehrt sich zur Wand. Dann kommt wieder der dunkle Knäuel, Paula erstarrt.
Langsam gewöhnt sich Paula an das fremde Haus. Am schönsten ist es zuoberst im Estrich, weit weg von den Grossen. Da hängt ein Brett an zwei Ketten. Mit ihrer älteren Schwester setzt sich Paula drauf, die beiden bambeln zusammen hin und her, es knarrt in den Balken, die Kette knirscht. Es ist schampar unheimlich da oben, allein geht Paula nie hinauf. Es gibt dort viele Kammern mit Gerümpel. Manchmal öffnet die Schwester eine Tür, schaut kurz hinein und schreit auf, dann laufen die beiden schnell hinunter, sie sind sicher, da ist ein Gespenst. Wenn sie ganz mutig sind, klettern sie über eine schmale Treppe zum zweiten Estrich hinauf. Da sind sie direkt unter dem Dach. Sie schauen aus dem Fenster über den Garten und den dahinterliegenden Friedhof weit, weit in den Himmel hinein.
Auch unten im Garten gibt es viel zu entdecken. Mueti hat schon mit Hacken und Beetlimachen angefangen.
Wie dä Bode brättig isch und dr Härd vou Stej.
Sie hackt drauflos, bis sie einen roten Kopf bekommt und ihr der Schweiss über das Gesicht rinnt. Dann setzt sie Salot und Zebele, sät Rüebli und Schnittlouch und Peterli. Paula streicht um sie herum und hilft ihr, liest aus einem Blätz alle Steinchen heraus, dann läuft sie zu den Geschwistern auf die Wiese nebenan. Es gibt im neuen Garten auch viele Bäume, ein ganzes Wäldli voll.
Kinder vom Dorf kommen und schauen die Pfarrerskinder an. Erst müssen die Dorfkinder lachen, dann reden sie einfach drauflos und die Pfarrerskinder auch. Noldi und Käthi wohnen etwas unterhalb, Maja etwas weiter oben im Dorf. Schliesslich kommt auch Majas grosser Bruder auf langen Stelzen, die sind so hoch wie Bohnenstangen. Der grosse Bruder heisst Rolf. Er stelzt die Einfahrt auf und ab und fällt nicht hinunter.
Speele der Versteggis?, fragt er von den Stelzen herab. Doo hets jo soumeessig vill Bäum.
Paula und ihre Geschwister wundern sich ein wenig über das Soumeessig. Mueti sagt nachhher, Settigi Usdrükch sind mir frömd.
Versteckis im Wäldli muss lustig sein. Der grosse Bruder kommt von den Stelzen herunter. Los geht’s.
Versteckis im Wäldli ist wunderbar. Aber es hat noch viel mehr Verstecke ringsum, die probiert Paula später mit ihren Geschwistern aus. Es hat einen Schopf und das Wöschhüsli und viele andere Bäume und eine grosse Mauer, die den ganzen Garten umgibt. Vom Kirchturm hinter der Mauer schlagen manchmal die Glocken, erst in fröhlichen Sprüngen eine kleine, dann mit harten Schlägen die grosse.
Viertustunde und ganzi Stunde schlönd si, sagt Mueti.
Paula weiss nicht so recht, was das ist. Manchmal läutet die grosse Glocke ganz lang, am ëufi am Morge oder am sebni z Oobe lütet si so.
Am Sonntagmorgen läuten alle Glocken, das tönt mächtig und feierlich. Vati läuft im langen schwarzen Rock mit dem weissen Chrägli durch den Gang, der Rock schwingt hin und her wie die grosse Glocke hoch oben im Turm. Mueti sucht Portmenee, Nastuech und Täschli zusammen, schlüpft us dr Sunntigsscheube, steht plötzlich wie blutt da, denn eine Scheube hat sie daheim immer an. Sie winkt den Kindern und Lili und hüpft zur Türe hinaus.
Mit Noldi, der in der Nachbarschaft wohnt, geht Paula in den Kindergarten. Sie gehen das kleine Wägli hinter den Bauernhäusern hinunter, kommen zum Brüggli über den Birsigbach. Hinter dem Brüggli nehmen sie die Strasse Richtung Biel. Der Kindergarten ist zwischen Benken und Biel, dort, wo auch das Milchhüsli steht.
Das heisst d Hääfelischuel, sagt Noldi, und s Frölein Vogel isch eusi Hääfelidante.
Fräulein Vogel ist gross und dick und hat eine Brille und sie hat nicht wie Mueti ein Wienerli mit den Haaren gemacht, sondern eine dicke Wurst. Sie hat weisse Haut im Gesicht, die glänzt immer und manchmal nimmt sie das Nastuch aus ihrer Scheube und wischt sich über die Stirn. Paula hat auch eine Scheube an mit einem Nastuch drin, aber Fräulein Vogel sagt dem Schuurz.
Alle Kinder sitzen auf ihren Stühlen mit Fräulein Vogel im Kreis und hören zu. Fräulein Vogel redet so gspässig, sie sagt, die Kinder dürften nit laafere und ummepfuure und eifach uuseloo. Sie müssten uf s Muul hogge und guet zueloose, sie erzähle nun eine Geschichte. Uf s Muul hogge tönt wieder so gspässig, Paula sitzt doch uf em Stuel und nid uf em Muul, und wenn sie sich das vorstellt, muss sie lachen, aber sie beisst lieber die Zähne zusammen, drum gluckst es unten im Bauch und sie bekommt den Hitzgi.
Hesch dr Gluggsi?, sagt Fräulein Vogel und schaut sie streng an. Paula bekommt einen ganz heissen Kopf und weiss gar nichts von der Geschichte, doch zum Glück fragt die Kindergärtnerin nicht danach. Dann spielen die Kinder ein wenig Bääbi und Isebahn. Zum Schluss singen sie S Elfiglöggli lütet scho.
Als Paula mit Noldi heimgeht, purzeln in ihrem Kopf die Wörter durcheinander. E Scheube isch kche Scheube, isch e Schuurz. Und laafere oder ummepfuure isch so öppis wie dumm tue. Und was dr Gluggsi isch – daran denkt sie lieber gar nicht. Es gibt noch viel mehr neue Wörter: händle, ummeseggle, hee mache, o jeere, bigoscht. Die neuen Wörter machen sie richtig sturm.
Das hejsst do d Hääfelischuel, erzählt Paula der Mutter daheim, und laafere dörfe mer nid.
Wie redsch ou du?, sagt Mutter und schüttelt den Kopf. So rede mer be eus nid.
Nach ein paar Wochen im Kindergarten sagt Mutter zu Paula, Fräulein Vogel habe bei ihr reklamiert, sie schwatze zu viel. Paula probierte nämlich die neuen Wörter aus: Jä und ein breites Nei probierte sie, E chlei probierte sie, E chlei weeni, Jo dernoo probierte sie, Hösch!, sagte sie zu Noldi. Hesch e Voogel!, sagte sie sogar, und Halt dr Schnaabel!, wagte sie auch noch zu sagen. Nach der Ermahnung probierte sie nicht mehr. Nur noch unter den Kindern, manchmal, und für sich allein unter der Bettdecke.
Krambambuli
Bisch parad, mer gönd!
Paula stand noch in der Küche, ihr Vater lief durch den Gang zum Kasten mit den vielen Jacken, Mänteln und Regenschirmen, griff zuoberst nach seinem alten grauen Hut, setzte ihn auf seinen Haarwuschel, schaute sich kurz nach Paula um und eilte zur Haustür. Nun musste Paula pressieren. Sie schlüpfte in ihre braunen Halbschuhe und stürmte dem Vater nach, holte ihn ein, bevor er hinter dem Wäldli verschwand.
Solange Paula mit ihrem Vater die Strasse hinunter durchs Dorf marschierte, hielt er die Hand immer vorne am Hut, und, sobald ihnen jemand entgegenkam, lupfte er ihn zum Gruss. Schon kam ein Bauer mit seinem Ross die Strasse herauf. Paulas Vater lupfte den Hut und blieb stehen. Der Bauer, das Ross und Paula auch. Ihr Vater fragte dies und das. Der Bauer kratzte sich am Kopf, brachte mit Mühe ein paar Brocken heraus. Unterdessen machte sein Ross Bölleli auf die Strasse, einen ganzen Haufen.
Herr Pfaarer, dä do oobe wirds rächt mache, sagte schliesslich der Bauer.
Der Herr Pfarrer nickte und verabschiedete sich mit einem Hutlupf.
Eine Frau lief mit Schüfeli und Bürschteli herbei und nahm den Böllelihaufen auf.
Äxgüüsi, Herr Pfaarer, die Frau richtete sich auf, die sind für d Roose.
Der Herr Pfarrer ging mit schnellen Schritten weiter. Paula folgte. Da kam schon die nächste Person, keuchend, mit einer grossen Tasche.
Griessi, Frau Löw.
Paula sah ihren Vater an. Er blieb wieder stehen, erkundigte sich nach der Gesundheit und ob die Kinder gut zu ihr seien und folgsam. Paula stand daneben und beobachtete ihren Pfarrervater von unten, sah seine dünnen Beine, die grauen Hosen und die geflickte Jacke darüber, die vorstehende Nase unter den buschigen Augenbrauen. Ein Haarbüschel fiel ihm in die Stirn. Dass er mit allen Leuten zu reden wusste und stets seinen Hut lupfte, machte sie stolz. Sie spürte, im Dorf war er wer, war sie wer, sofern sie zu ihm gehörte. Aber meistens stand sie unbeachtet daneben, trat von einem Fuss auf den andern, streckte wie ihr Götti den Bauch vor, um sich wichtig zu machen. Es half nicht. Sie war nur das Meitli vom Pfarrer.
Endlich, am Dorfende, löste der Pfarrervater die Hand vom Hut und liess die Arme schlenkern, sah sich kurz nach Paula um und beschleunigte seine Schritte. Mit neuer Kraft lief sie neben ihm her: vier Kinderschritte, Mädchenschritte auf seine zwei langen Männerschritte. Paula machte die Beine lang, gemeinsam stürmten sie voran. H-h-h keuchte es, ufab, ufab hüpfte es, ui ui!, mühte es sie. Manchmal gab er ihr seine Hand und sie war gerettet. Die kleine Hand in der grossen Hand des Vaters. Die Beine liefen leicht nebenher. Der Atem hüpfte auf und ab. Es ging den Rebberg hinauf. Sie sprangen neben dem Weg von Grasbüschel zu Grasbüschel. Der Vater lachte, wenn sie in einer verborgenen Glungge einen Schuh voll herauszogen, es glutschte in den Schuhen und schmatzte. Schliesslich wurde auch er atemlos, verlangsamte seine Schritte. Als sie die Höhe erreicht hatten, stand er still, sah sich um.
Das Dorf Benken unten im Tal. Die Kirche mit dem Glockenturm im oberen Teil des Dorfes, darunter das spitze Pfarrhausdach, gegenüber das Schulhaus. Die Bettenfabrik dahinter. Weiter aussen der Zoll. Im unteren Dorfteil stossen die mächtigen Dächer der Bauernhäuser aneinander. Hinter dem Dorf Felder, Äcker, Wiesen. Die Anhöhe Egg. Darüber der Blauen. Vater zeigt Paula alles, auch das Dorf Biel mit dem Glockentürmchen auf dem Schulhausdach. Aber am liebsten schaut Paula ins Elsass hinaus, dort flimmert das Tal in der Sonne.
Vater räuspert sich. Er nimmt ein grosses, weisses Nastuch aus seinem Hosensack, schüttelt es, bis es auffliegt, fährt sich übers Gesicht. Dann wischt er auch Paula über die heissen Wangen. Das grosse Tuch ist weich und kühl. Vati steckt es wieder in die Hosen zurück. Er sagt nichts. Paula sieht ihn an. Sie spürt etwas ganz innen. Sie laufen, sie tanzen. Wind bläst ihnen ins Gesicht. Paula schaut Vati an. Er lacht. Sie lacht. Sein Gesicht flattert im Wind, streichelt sie zärtlich, wie das grosse, weisse Nastuch, das sich vor ihr auftut. Es beschützt sie.
Um sich zu erleichtern, zog Vater Schuhe und Socken aus, stopfte die Socken in die Schuhe. Paula machte es ihm nach. Ihre Socken waren grau, gingen bis zu den Knien, und sie kratzten auf der Haut. Die Schuhe schlenkerten an den zusammengebundenen Bändeln hin und her. Barfuss laufen war lustig. Das stupft und chützelet. Plötzlich stolperte Paula, rappelte sich schnell wieder auf. Sah ihre dreckigen Knie an: Gräser und kleine Steinchen klebten daran, etwas Blut sickerte am Bein hinunter.
Und wieder nimmt Vati sein Nastuch hervor, schüttelt es, dass es auffliegt. Er bückt sich, wischt Paula die Tränen aus dem Gesicht, wischt Steinchen, Erde und Blut von den Knien.
Macht nüt.
Paula nickt tapfer. Die dunklen Augen des Vaters blitzen.
Sie liefen weiter. Kamen an die Grenze zum Elsass: ein Stein, auf der einen Seite ein S, auf der andern ein F eingeritzt. Sonst nichts. Vor ihnen der Hof der Familie Nufer.
Mennoniten, sagte Vater. Täufer.
Was ist das?
Sie taufen die Erwachsenen. Sie schwören nicht. Sie verweigern den Militärdienst. Darum hat man sie von ihren Höfen im Emmental weggejagt. Aus der Schweiz vertrieben.
Vor dem Eingang zum Bauernhaus nahm Paulas Vater das grosse Nastuch wieder hervor, wischte seine Fusssohlen ab, dann die von Paula. Sie stellten die Schuhe neben den Eingang. Plötzlich schoss ein grosser, schwarzer Hund um die Ecke, warf Paula fast um, sprang bellend an ihrem Vater hoch. Paula erstarrte.
Är begrüesst is.
Vater klopfte ihm das Fell.
Sie traten barfuss in die offene Bauernküche, der Hund verzog sich. Die Bäuerin stand am Schüttstein, spülte Geschirr. Sie entschuldigte sich, als sie den Herrn Pfarrer sah, trocknete die Hände an der Schürze ab, bemerkte, ihr Mann sei draussen auf dem Feld, kam auf die beiden zu. Paula schaute ihren Vater an. Nun war er wieder der Pfarrervater, weit weg von ihr, auch wenn er barfuss vor der Bäuerin stand. Barfuss wie sie.
Aber, Herr Pfarrer, ganz blutt, sagte die Bäuerin, als sie die nackten Füsse sah. Dann wurde sie rot und sagte nichts mehr.
Den grauen Hut legte der Pfarrervater auf einen Stuhl. Trinken wollte er nichts. Für Paula stellte die Bäuerin ein Glas Süssmost in die Ecke des grossen hölzernen Küchentischs. Paula drückte sich in die Eckbank.
Die Küche ist dunkel und wuchtig. Die hölzernen Gestelle mit Tellern und Kacheln beladen, mit Kellen aus Holz und riesigen Löffeln behangen. Über dem mächtigen Herd mit den eingelassenen Pfannen sind Wand und Decke geschwärzt. Um den Herd hängt allerlei Gerät an Stangen. Es riecht nach Rauch und Saurem. Paulas Füsse sind blutt. Sie sitzt in der Ecke, das Glas Most vor sich. Sie hat gar keinen Durst. Sie stützt die Ellbogen auf den Tisch, versteckt das Gesicht hinter den Händen. Aber sie spitzt die Ohren, güggslet zwischen den Fingern hindurch. Die Bäuerin nimmt gegenüber vom Pfarrervater am Tisch Platz. Sie redet anders als die Leute in Benken. Ein wenig wie Mutter. Reden so die Täufer? Sie hat ein Kopftuch um den Kopf, so sieht Paula nicht, was für eine Frisur die Täufer haben. Sie hat ein feines Gesicht. Wenn sie redet, spitzt sie den Mund. Sie redet lieb, aber traurig. Sieht müd aus.
Dr Ma schafft vom Morge bis z Aabe, sagte sie. Mängisch chunnt er ersch nach em zäni z Nacht vom Fäud hej. Aber mer wej ja nid chlage, näme, was dr Herrgott eus schikcht.
Dä arm Teufel!, entfuhr es Vater.
Paula zuckte zusammen, sah ihren Vater an. Darf er, der Pfarrervater, vom Teufel reden, den Bauern einen Teufel nennen? Der Teufel ist unten, in der Hölle. Wenn ihre Mutter schimpft und sich der Boden unter Paulas Füssen plötzlich auftut. Da ist der Teufel. Mutter sagt Tüüfu, das tönt noch teuflischer. Oder wenn sie ohne Znacht ins Bett muss. Da lacht der böse Mann unter dem Bett. Paula schaut auf den Boden. Graue, kleine Plättli mit Tüpfli. Sie starrt sie an. Sie schämt sich für Vater. Die Tüpfli setzen sich in Bewegung. Sie schiessen zu einem Gesicht zusammen. Sie ziehen sich in die Breite. Das Gesicht verzieht sich. Es lacht. Es lacht tüüflisch. Paula sieht es immer deutlicher. Da unten ist er, der Teufel. Je mehr sie ihn anstarrt, desto mehr kommt er hervor. Paula bewegt sich nicht. Sie sieht ihn. Er hält sie fest.
Als der Pfarrervater aufstand, fuhr Paula auf. Er verabschiedete sich von der Bäuerin, nahm den Hut, setzte ihn auf, ging zur Tür. Paula lief ihm nach. Der Teufel Tüüfu blieb in den Plättli zurück. Niemand wusste von ihm, ausser sie, Paula. Sie nahmen die Schuhe in die Hand und begannen zu laufen. Der Hund schoss aus dem Scheunentor und sprang ihnen bellend nach.
Är seit is Adie.
Paula sah sich ängstlich um, sah aber, dass der Hund wedelnd zurückblieb.
Me muss zu de Tier guet sii, sagte ihr Vater. Sie sind Geschöpfe wie wir. Sie spüren oft besser als wir, wie ein Mensch ist. Der heilige Franz redete mit ihnen, er redete mit den Vögeln, auch mit dem Wolf, der wurde ganz zahm.
Au s Rotchäppli het mit dem Wolf gredet, sagte Paula, aber dä isch bös gsii.
Das isch im Märli, sagte ihr Vater und gab ihr die Hand.
Sie liefen auf der Wiese neben dem steinigen Weg. Da war es für die nackten Füsse schön weich. Vater räusperte sich. Paula spitzte die Ohren. In die Stille schlug die Kirchenglocke. Fünf Schläge.
Krambambuli, sagte Vater, nachdem die Schläge verhallt waren, das isch e Hund gsii. Und e Schnaps.
Isch das e Gschicht?, fragte Paula.
Ihr Vater nickte. Jetz los guet zue! Der Schnaps hat dem Hund den Namen gegeben, erklärte Vater. Der Hund gehörte nämlich einem liederlichen Kerl und armen Tropf. Aber der Hund hat den Kerl gerngehabt. Und dieser den Hund. Doch ist der Kerl ein Säufer gewesen und hat den Hund für zwölf Flaschen Schnaps dem Jäger überlassen. Der Hund aber wollte nicht mit dem Jäger gehen, er wehrte sich, aber er musste. E prächtigs Tier.
Krambambuli, ein lustiger Name. Da könnte Paula Sprünge machen. Ein Schnaps, der einem Hund den Namen gibt? Krambambuli ist sicher ganz schwarz gewesen, so schwarz wie der Hund gerade vorher. Und stark und gefährlich. Doch warum wollte er nicht von seinem liederlichen Herrn weg? Vielleicht ist das wie mit Schorschli. Sein Vater trinkt auch Schnaps, sagen die Kinder. Und Schorschli läuft nicht davon. Schorschli hat rote Haare und blaue Augen. Und manchmal macht er im Kindergarten in die Hosen. Dann wird er heimgeschickt. Krambambuli hat bestimmt tiefe dunkle Augen. Ein wenig wie ihr Vati. Aber Vati trinkt keinen Schnaps. Sie haben den Schnaps nur zum Einreiben.
Später ertappt der Jäger den Kerl beim Wildern, erzählt der Vater weiter.
Wildern, was ist das?
Jagen, ohne dass man eine Erlaubnis hat. Aber hör zu! Der Jäger ist mit dem Hund im Wald unterwegs, plötzlich taucht der wilde Kerl auf. Der Hund sieht ihn, erkennt seinen früheren Herrn, läuft auf ihn zu.
Paula hält den Atem an. Sie hört Vaters Stimme. Vaters Stimme ruft: Krambambuli! Die Stimme tönt in den dunklen Wald hinein, in dem der wilde Kerl und der Jäger mit ihren Gewehren aufeinander zielen. Sie beschwört, sie mahnt. Sie ruft den Hund. Der Hund aber läuft zwischen seinen zwei Herren hin und her, kriecht schliesslich auf seinen ersten Herrn zu. Da erschiesst der Jäger den wilden Kerl vor den Augen des Hundes. Er will auch den Hund erschiessen. Aber dr Hund luegt ne verzwiiflet aa.
Paula sieht Krambambulis Augen. Zum Glück sieht sie der Jäger auch. Er kann den Hund nicht erschiessen. Sone prächtigs Tier.
Einen Hund wünschte sich Paula. Aber keinen wie Krambambuli, der zwischen zwei Herren steht und am Ende verhungern muss. Auch keinen wie den vom Bauernhof. Einen wie Lassi. Wie im Film, den sie im Rössli hatten anschauen dürfen. Lassi lebt. Sie ist eine Hündin. Sie hat lange Haare, vorne schneeweisse, am Rücken schwarzrotbraune, ihre Schnauze ist lang und weich. Und sie ist treu. Und mutig. Als sie verkauft wird, findet sie den weiten Weg zurück. Von ihr träumte Paula, als Vater und sie heimliefen. Bevor sie ins Dorf kamen, zogen sie Socken und Schuhe wieder an. Auf der Dorfstrasse lupfte der Pfarrervater den Hut, grüsste und wurde gegrüsst. Paula ging nebenher. Allein mit ihren Träumen von Lassi.
Die rettende Flöte
Lassi fand Paula. Keine Hündin mit schönen langen Haaren und feiner Schnauze, aber ein kleiner frecher Dackelbub mit langen Ohren und spitzen Zähnen, zwischen die Paula todesmutig ihre Hand streckte. Es geschah ihr nichts. Lassis Zähne bissen immer nur spielerisch, nie ernsthaft zu. Zwar sahen sie gefährlich aus, wenn er das Maul öffnete. Lauter kleine, weisse Spitzen, hinten breite Gebirge, stark beim Zerbeissen der Stecken, die sie ihm zuwarf.
Mit ihm tollte sie herum, wälzte sich auf dem Stubensofa, umarmte ihn, zauste ihn, schüttelte ihn, er schnappte nach ihrer Hand, leckte ihr Gesicht und Hals. Sie rieb sein Fell, drückte ihre Wange an ihn, roch an ihm, untersuchte seine Ohrmuscheln, die sich unter den Hängeohren versteckten, und am Unterleib im haarigen Sack sein rosarotes Pfiffli. Sie schleppte ihn hinaus in den Garten, setzte ihn aufs Rittiseili, er sprang davon, jagte über die Wiese, sie ihm nach, im Kreis um den Tierlibaum, hinüber zu Mutters Gemüsebeetli, über diese hinweg, wieder am Haus vorbei, durchs Wäldli und zurück über den Kiesweg zur Wiese hinter dem Haus. Atemlos warf sich Paula ins Gras, Lassi schnurstracks auf sie hinauf, stupste sie, bellte. Und das Spiel begann von neuem.
Manchmal nahm Paula ihn an die Leine, schleppte ihn die Ausfahrt hinunter und zerrte ihn durchs Dorf. Wichtig kam sie sich vor, wenn sie ihn so hinter sich herzog. Aber Lassi bockte, stellte sich stur, bis Paula auf halber Wegstrecke aufgab und ihn freiliess. Nun musste sie ihm wieder nachlaufen.
Lassi fand Paula und ihre Geschwister, fand ihre Familie. Es war ein Dackel mit Stammbaum aus der Dackelzucht im Dorf. Trotz Stammbaum blieb Lassi aber unfolgsam. Paula und ihre Geschwister mochten sich aufs Flattieren oder aufs Schimpfen verlegen, er war aber das, was Paula nicht zu sein wagte: eigenwillig. Und er bellte. Er bellte aus Lebensfreude, Übermut und manchmal aus Angst. Sein Bellen störte den Vater beim Mittagsschläfchen und Studieren.
Lassi bekam Haferflocken und farbige Hundegutzi in seinen Teller, der in der Küche neben dem Herd stand. Auch Paula probierte die Hundegutzi, es waren immerhin Gutzi, auch wenn sie nicht süss wie Mutters Chrömli waren. Die Katzen, s Tigerli und s Negerli, bekamen Quark und Teigwaren in ihren Teller. Sie frassen manierlich, doch Lassi schmatzte, verschlang. Schmatze, schlinge, seggle, schnappe. Er machte das, was Paula nicht durfte. Sie wagte es nur draussen, fern von den Grossen. Mit ihm, mit Geschwistern und anderen Kindern.
Hund und Katzen mochten einander nicht. Die Katzen fauchten Lassi an und verzogen sich, wenn er knurrte oder bellte. Es gab eine Hunde- und eine Katzenpartei in der Familie. Paulas Mutter waren die Katzen lieber. Sie selber war von der Hundepartei.
Lassi blieb nicht lange bei ihnen. Das kam so: Paula hatte eben bei Stägelineli, die gegenüber wohnte, das leere Milchchesseli geholt und wollte die Strasse hinunter, dem Milchhüsli zu. Da sieht sie Lassi vom Pfarrhaus über die Strasse auf sie zuschiessen. Gleichzeitig kommt ein Traktor mächtig ratternd die Strasse herunter. Der Traktor rollt an ihr vorbei. Lassi, wo ist Lassi? Hinter dem Traktor taucht er auf, dreht sich wie toll im Kreis, beisst sich in den Schwanz, winselt und heult. Der Traktor fährt davon, er hat viele Milchkannen geladen. Lassi dreht sich im Kreis, winselt, heult. Paula ist wie versteinert. Lassi beisst sich in den Schwanz. Er dreht sich im Kreis. Alles dreht sich. Was ist passiert? Kommt denn niemand?
Irgendwie, irgendwann schleicht sich Paula mit dem Milchchesseli davon, versteckt sich hinter dem Milchhüsli. Im Dunkel schleicht sie heim. Lassi liegt in der Stube auf dem Sofa. Der Hundezüchter kommt und öffnet Lassi das Maul, sucht dort nochmals nach Beweisen seines ausgezeichneten Stammbaums. Aber lebendig macht er ihn nicht. Niemand macht ihn lebendig. Lassi ist tot. Der Bauer auf dem Traktor hat ihn überfahren. Und sie, Paula, ist schuld. Lassi hat zu ihr kommen wollen.
Und du hüülsch nid emol?, sagte Vater beim Nachtessen vorwurfsvoll zu Paula.
Er hatte ja keine Ahnung! Er wusste nicht, dass sie hinter dem Milchhüsli lange geweint hatte. Heimlich. Ihr Vater weint nie. Die Tränen laufen ihm innen hinunter, sagt Mutter.
Hansli weint. Paula nimmt ihn aus dem Bääbiwagen, in dem auch die Puppen der Geschwister versammelt sind. Hansli ist ihr gestricktes Bääbi mit braunen Hosenbeinen, rotem Pullover, hellbraunem Gesicht und dunklem Hinterkopf, ein halber Neger, rundum gestrickt, ohne Haare, aber mit grossen, blauen Sternenaugen und einem roten Mund, der wie eine Mondsichel glänzt. Aber diesmal glänzt der Mund nicht, die Augen, gross und aufgerissen, hängen an zerrissenen, blauen Fäden und starren Paula an, die Augenknöpfe kullern wie grosse Tränen herunter. Hansli kuschelt sich an Paula.
