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Beschreibung

Natur im städtischen Lebensraum Gilt noch das Oxymoron, dass die Stadt nicht natürlich und die Natur nicht urban ist? Denn in den letzten Jahren verweisen die weltweit rapide zunehmenden Naturkatastrophen bedingt durch den Klimawandel auf die Relevanz von Natur und Umwelt für die menschliche Existenz im Allgemeinen wie für den städtischen Lebensraum im Besonderen. Das mittlerweile gesamtgesellschaftlich weit verbreitete Umwelt- und Ökologiebewusstsein hat daher nicht zuletzt zu einer beachtlichen Konjunktur des Themas "Grün in der Stadt" in der öffentlichen Diskussion wie in der Wissenschaft geführt. Erfreuten sich bisher vorwiegend die Parks von Schloss- und Villenanlagen bzw. die Gärten der mittelalterlichen Klöster und des patrizischen Bürgertums in den größeren Städten in der kunst-, architektur- und kulturgeschichtlichen Forschung großer Aufmerksamkeit, so wird das Thema mittlerweile auch von anderen Disziplinen – von der Wirtschafts-, Sozial- und Diskursgeschichte bis zur Bürgertums-, Wissenschafts- und Umweltgeschichte mit breiteren Ansätzen aufgegriffen. Ausgehend von der Tagung "Grün in der Stadt" des "Österreichischen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung" in Meran 2021 schlägt der vorliegende Band zum einen den zeitlichen Bogen vom Mittelalter bis in die Gegenwart mit einem Ausblick in die Zukunft. Zum anderen befassen sich die Beiträge mit der Bedeutung von privatem wie öffentlichem Grün für die Stadt und ihre Gesellschaft, mit der Verfeinerung von Lebensformen in Bezug auf urbanes Grün wie auch mit der Problematik "Städte im Grünen". Dabei erwies sich nicht zuletzt der Tagungsort selbst, die Kurstadt Meran, als exzellentes Beispiel. Mit Beiträgen von Sylvia Butenschön, Volkmar Eidloth, Peter Eigner, Stefanie Hennecke, Christian Hlavac, Marianne Klemun, Christian Koller, Gisela Mettele, Peter Payer, Andrea Pühringer, Jonas Reif, Magdalene Schmidt, Stefan Schweizer, Andreas Tacke, Paolo Viskanic und Andreas Weigl.

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Seitenzahl: 666

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Andrea Pühringer/Holger Th. Gräf (Hrsg.)

Grün in der Stadt

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER STÄDTE MITTELEUROPAS

begründet von

WILHELM RAUSCH (1927–2019)

Band 30

ISSN 1727-2513

Herausgegeben vom

Österreichischen Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung

c/o Österreichischer Städtebund, Rathaus, Stiege 5, Hochparterre, A-1010 Wien

Homepage: www.stgf.at

Andrea Pühringer/Holger Th. Gräf (Hrsg.)

Grün in der Stadt

Vom Hortus conclusus zum Urban gardening

 

 

© 2023 by Studienverlag Ges.m.b.H., Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck

E-Mail: [email protected]

Internet: www.studienverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7065-6328-4

Buchgestaltung nach Entwürfen von himmel. Studio für Design und Kommunikation, Innsbruck / Scheffau – www.himmel.co.at

Satz Innenteil und Umschlag: Studienverlag/Karin Berner

Umschlagabbildungen (von oben links nach unten in Bahnen, jeweils Ausschnitte von Bildern aus dem Band [Seitenverweise angeführt]): Der Garten des Malers Renato Borsato in San Vio, S. 254; Plan des Praters von Mauer, S. 53; Wiese am Rheinufer in Düsseldorf mit Abstandsmarkierungen, S. 117; mittig: Plan des Botanischen Gartens der Universität Wien, S. 195; Kongens Nytorv (Königsplatz) Kopenhagen, S. 77; Bosco Verticale von Stefano Boeri und Laura Gatti, S. 125; rechts: Karlsbad/Karlovy Vary, Villenquartier „Westend“, S. 323.

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.studienverlag.at

Inhaltsverzeichnis

ANDREA PÜHRINGER

Grün in der Stadt – vom Hortus conclusus zum Urban gardening. Zur Einführung

I. Grün in der Stadt – Entwicklungslinien vom Mittelalter bis in die Zukunft

CHRISTIAN HLAVAC

Das öffentliche Grün in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen mitteleuropäischen Stadt

STEFAN SCHWEIZER

Modelle urbaner Begrünung im 18. Jahrhundert

SYLVIA BUTENSCHÖN

Geschenkt oder erkämpft – die Entstehung von Stadtparks als gesellschaftlicher Prozess

STEFANIE HENNECKE

Volksgarten, Volkspark, Gebrauchsgegenstand? – Zur Gestaltung und Nutzung öffentlicher Parkanlagen

JONAS REIF

Grün in der Stadt der Zukunft – oder wie „grün“ wird die Stadt der Zukunft?

II. Grün im urbanen Leben: Politik, Kommerz und Lifestyle

ANDREAS WEIGL

Zur (Vor-)Geschichte des Wiener Stadtgartenamtes

CHRISTIAN KOLLER

Rasensport und Grünflächengestaltung seit dem späten 19. Jahrhundert: Das Beispiel Zürich

MARIANNE KLEMUN

Botanischer Garten und Stadtbotanik (16.–20. Jh.)

PETER EIGNER

Das Glashaus: eine Expedition

ANDREAS TACKE

Künstlergärten

III. Vom „Grün in der Stadt“ zur „Stadt im Grünen“

GISELA METTELE

Was macht eigentlich die Gartenstadt? Zur Geschichte und Zukunft einer „grünen“ Idee

VOLKMAR EIDLOTH

Alleen, Gärten und Landschaften. Das Grün historischer Kurstädte in Mitteleuropa

PETER PAYER

Gehen im Grünen – Wohldosiert! Entstehung und Verbreitung von „Terrainkuren“

MAGDALENE SCHMIDT

Die Parkanlagen und Promenaden in Meran. Ein Beitrag zur Stadtplanung

PAOLO VISKANIC – MAGDALENE SCHMIDT

Der Grünplan von Meran

Beiträgerinnen und Beiträger

ANDREA PÜHRINGER

Grün in der Stadt – vom Hortus conclusus zum Urban gardening

Zur Einführung

Das mittlerweile auch gesamtgesellschaftlich als notwendig erkannte Umwelt- und Ökologiebewusstsein – wie etwa am Beispiel der Fridays for Future-Bewegung sichtbar – bedingt durch Klimawandel und in den letzten Jahren weltweit rapide zunehmenden Katastrophen in Folge von Hitze, Bränden und Überschwemmungen zeugt von der gestiegenen Relevanz von Natur und Umwelt wie auch des Themas „Grün in der Stadt“.1 Darüber hinaus werden neuere städtebauliche und landschaftsbauliche Trends – von Renaturierungsmaßnahmen über die vertikalen Gärten der Metropolen bis hin zu den Kies- und Steinhöllen der „Gärten des Grauens“ und neuerdings auch Sandgärten – aktuell heftig diskutiert. Vor diesem Hintergrund sollen mit „Grün in der Stadt“ nicht allein städtische beziehungsweise kommunale Gärten und Parks im Mittelpunkt stehen, sondern es soll der Blick über die „Gartenkunst“ im engeren Sinne hinausgehen. Es geht also nicht allein darum, um hier Géza Hajós zu folgen, das künstlerisch gestaltete Grün gewissermaßen als „Dritte Natur“ zu betrachten.2 Vielmehr soll auch das mehr oder weniger zufällig vorhandene Grün, also die „Erste Natur“, in der Stadt und der Umgang mit ihm ebenso Beachtung finden wie die „Zweite Natur“, also die kultivierte Natur in Form der Nutzgärten. Denn gerade im urbanen Raum war und ist Grün – wenn es nicht gerade besondere Berücksichtigung findet – Stichwort Gartenstadt – meist eher vernachlässigt und eben nur begrenzt zur Verfügung. Erste wie zweite Natur finden desgleichen in der Forschung kaum Beachtung. Deren Belange erscheinen zu unbedeutend oder uninteressant zu sein, im Gegensatz zu den ausgiebig erforschten Gärten und Parks. Denn diese erfreuen sich in der kunst-, architektur- und kulturgeschichtlichen Forschung bereits seit einigen Jahrzehnten großer Aufmerksamkeit und entsprechende Publikationen sind sonder Zahl erschienen. Die Schwerpunkte liegen dabei freilich vor allem auf den großen und/oder bedeutenden Parks der Schloss- und Villenanlagen beziehungsweise den Gärten der mittelalterlichen Klöster oder des wohlhabenden patrizischen Bürgertums in den größeren Reichsstädten, die in einer kaum überschaubaren Menge von monografischen Arbeiten und Sammelbänden behandelt werden. Insbesondere in den letzten Jahren wird das Thema „Gartenkunst“ allerdings auch vor dem breiteren Hintergrund anderer Disziplinen, von der Wirtschafts-, Sozial- und Diskursgeschichte bis zur Bürgertums-, Wissenschafts- und Umweltgeschichte, betrachtet. Gleichermaßen als grundlegend wie weiterführend muss hier der 2012 von Stefan Schweizer und Sascha Winter herausgegebene Band zur „Gartenkunst in Deutschland“ gelten, der sich nicht nur dem Zusammendenken von Gartenkunst als Gegenstand der Kunstgeschichte, Denkmalpflege und Landschaftsarchitektur widmet, sondern auch umfassend Professions- und Wirkungsgeschichte wie Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Pflanzen-, Technik- und Wissenschaftsgeschichte in den Blick nimmt. Gärten in Literatur, Kunst, Musik, Theater und Kino wie auch ikonografische Gartenprogramme weiten den Fokus von der Frühneuzeit bis in die Gegenwart.3

Von originär stadthistorischer Seite hat der Südwestdeutsche Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung bereits 1993 einen schmalen, von Bernhard Kirchgässner und Joachim B. Schultis herausgegebenen Tagungsband zum Thema „Wald, Garten und Park“ vorgelegt, der sich mit dem Funktionswandel der Natur für die Stadt befasst – mit einem Schwerpunkt auf der Bedeutung der kommunalen Wälder.4 In der gleichen Reihe folgte 2015 ein von Mark Häberlein und Robert Zink verantworteter Band zu „Städtischen Gartenkulturen im historischen Wandel“, der sich rein auf Gärten, nicht jedoch auf Parks oder anderes Stadtgrün bezieht. Hier werden zum einen – dem bambergischen Genius loci der dem Sammelband vorangegangenen Tagung geschuldet – die agrarwirtschaftliche Bedeutung von Gärten und zum anderen deren Bedeutung als Räume von Kunst und Erholung wie insgesamt als Lebensräume betrachtet.5 Der von Robert Schediwy und Franz Baltzarek schon 1982 herausgegebene Band zum „Grün in der Großstadt“ ist hingegen enger gefasst und nimmt einzig Parkanlagen in europäischen Großstädten im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts in den Blick. Allerdings zeigt die Studie, die eine Dokumentation der größten öffentlichen Parks in über 30 europäischen Großstädten darstellt, wie stark seit den 1980er Jahren mittlerweile eine Bewusstseinsänderung im Hinblick auf die Abwendung von der auto-gerechten Stadt hin zu mehr Grünflächen, aber auch eine zunehmende Berücksichtigung anderer Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger oder Radfahrer eingesetzt hat. Dennoch hat ein Teil der damals beklagten Monita noch heute Gültigkeit.6 Rezent gestaltete das Historische Museum Frankfurt 2021 eine Ausstellung zum Thema „Frankfurter Gartenlust“, die sich umfassend dem „Grün“ in der Stadt in seiner historischen wie gegenwärtigen Bedeutung widmet.7 Nicht nur historische Gärten und die Entstehung von öffentlichen Parks stehen im Fokus, sondern auch kaum berücksichtigte Flächen wie Bleichen, Friedhöfe, Sportanlagen, Schulgärten, Kleingärten oder Vorgärten. Die Bedeutung der Natur für die Stadt, ihr Einfluss auf die Stadtentwicklung und die Anlage von Gartenstadtbereichen werden ebenso in den Blick genommen wie neues soziales und ökologisches Engagement der Bürgerschaft. Botanische und zoologische Gärten werden im Hinblick auf ihre koloniale Vergangenheit untersucht und die Anlage neuer Parks hinsichtlich ihrer neu definierten Funktionen zwischen Erholung und Aktivismus. Eine ähnlich umfängliche Konzeption ging auch den Vorüberlegungen zu diesem Band beziehungsweise der im Vorfeld dazu durchgeführten Tagung in Meran im September 2021 voran.8

***

Gewissermaßen als Bestandsaufnahme soll zunächst anhand von einzelnen Städten beziehungsweise Garten- oder Parkanlagen die Entwicklung der Gartenkultur vom ausgehenden Mittelalter bis in das 21. Jahrhundert – mit Ausblick in die Zukunft – exemplarisch nachvollzogen werden. Selbstverständlich kann dies nur vor dem Hintergrund einer als europäisch zu betrachtenden Entwicklung geschehen. Zumal die jüngere Gartenkunst-Geschichtsschreibung die Existenz nationaler Gartenstile zurecht ablehnt.9 Die Konzentration ist hierbei ausdrücklich auf innerstädtische oder zumindest unmittelbar an den städtischen Raum anschließende Anlagen zu legen.

In weiten Teilen handelte es sich bei der Gartenkultur um eine Oberschichtenkultur, also ein Luxusproblem. Man könnte natürlich bei der römischen Gartenkultur beginnen, doch scheinen nicht nur der kulturelle Bruch, sondern auch die Entstehung des mitteleuropäischen Städtewesens im Mittelalter als Beginn gerechtfertigt.10 Der mittelalterliche Hortus conclusus an sich ist bereits ein abgeschlossener Raum, sei es die Idealvorstellung des religiös verbrämten Paradiesgärtleins, seien es Kloster- oder Villenanlagen.11 Der Zugang war begrenzt, er war abgeschlossen gegen die Außenwelt, bot aber dadurch Sicherheit gegen deren Gefahren, er diente der Kontemplation und des lustvollen Verweilens ebenso wie dem Kräuter-, Obst- und Gemüseanbau.12 Vom Mittelalter bis in das 17. Jahrhundert war der Garten eine Kategorie der Agrikultur, wo Nützliches, Heilsames und Schönes nicht getrennt betrachtet wurden. Klöster und Burgen verfügten über mehrere Gartentypen: der Baumgarten war oft der Friedhof, zugleich Ort des paradiesischen Sündenbaums und des erlösenden Kreuzbaums, der Gemüsegarten versorgte die Küche und der Gewürzgarten lieferte Heilpflanzen. Schönheit und Ästhetik spielten bereits in der Frühzeit eine besondere Rolle, wie schon bei Walahfrid Strabo (807–849) belegt.13 Auch Albertus Magnus (um 1200–1280) behandelt in seiner „Historia Naturalis“ die Anpflanzung von Lustgärten und liefert wichtige Hinweise für Gestaltung und architektonische Elemente, für Gartenmauer, Bäume, Blumenwiese, Rasenbank und Brunnen, die nach einheitlichen Ordnungsprinzipien strukturiert werden sollten. Die Plätze des Vergnügens waren die „Viridantia“ oder „Viridaria“, im Gegensatz zum „Hortus“, der den Bürgern und Bauern zugeordnet wurde. Ästhetik und Nützlichkeit verschmolzen jedoch in beiden Typen – im Mittelalter waren Nutz-, Heil- und Lustfunktion gleichrangig.14 Selbst Leon Battista Alberti (1404–1472) schrieb in „De Re edificatoria“ über Gärten und definierte diese als Symbol der Freiheit.15 Gärten entstanden nach der Vorstellung der Villenphilosophie des 15./16. Jahrhunderts allerdings noch mit agrarischer, nicht bukolischer Nutzung, wobei es sich – den Villen entsprechend – um suburbane Gärten handelte. Diese zeugen allerdings davon, dass stets versucht wurde, der Enge des urbanen Raumes zu entfliehen und belegen zugleich, dass die mittelalterliche beziehungsweise frühneuzeitliche Stadt nicht ohne ihr Umland gedacht werden kann – nicht nur im Hinblick auf die Villen der Oberschicht, sondern ebenso auf die bürgerliche Agrikultur.16

Das Vokabular des mittelalterlichen Gartens war zwar stark religiösen Sujets vorbehalten, jedoch nicht allein, denn auch auf weltlichen Darstellungen erschienen höfische Vergnügen und Liebeleien im Lustgarten. Diese profanen Garten-porträts profitierten von der Popularität, die italienische, französische und englische Vers- und Prosaromane seit dem 13. Jahrhundert genossen.17 Gärten als symbolhafte Kulissen sakraler wie auch profaner Sujets kündigen bereits eine Tradition an, die dann in der Renaissance Bedeutung erlangen sollte, nämlich die Abbildung realer Gärten.18 Es entstanden neue Konzepte aus der Beschäftigung mit dem Garten der Antike heraus. Pflanzenmaterial wurde nun in einer formalen, geometrischen Weise angeordnet, die man auf antike Vorbilder zurückführte, die Ornamentik des Gartens wurde durch die Wiedereinführung antiker Formen bereichert. Architekturelemente wie Labyrinthe, Pergolen, Formschnittgehölze und Obelisken gewannen an Wertschätzung und Publizität, während zeitgleich Neuerungen im Druckwesen für die Verbreitung der Abbildungen von realen Gärten sorgten.19 Pietro de’ Crescenzis20 (1230/1233–1320/1321) „Ruralia commoda“ (um 1304/1309) war beeinflusst von Albertus Magnus’ „De vegetabilis et plantis“ (um 1260), die beide dann im 15. und 16. Jahrhundert mit Illuminationen publiziert wurden. Im 16. Jahrhundert befassten sich die nun zahlreicher erscheinenden Gartenbücher weniger mit der Gartengestaltung als vielmehr mit praktischer Arbeit.21 Hingegen dienten Ovids (43 vor Christus–17) „Metamorphosen“ als Quelle für Motive und Ideen der Gartengestaltung, besonders für Labyrinthe und Irrgärten. So finden sich die ersten Labyrinthe in den Architekturbüchern von Sebastiano Serlio (1475–1554) und Filarete (um 1400–um 1469), Pergolen beziehungsweise berankte Laubengänge wie auch Knotengärten und Formschnitt in Francesco Colonnas (1433/1434–1527) „Hypnerotomachia Poliphili“. Nördlich der Alpen trug Hans Vredeman de Vries (1527–1609) zur Verbreitung dieser Ideen wie auch des italienischen Baustils bei.22 Einer der ersten beziehungsweise bekanntesten Renaissancegärten war der Heidelberger Hortus palatinus, den Salomon de Caus (1576–1626) ab 1616 für den Pfalzgrafen und Kurfürsten Friedrich V. (1596–1632) oberhalb der Stadt anlegen ließ.23

Natürlich handelte es sich bei den mittelalterlichen Städten nicht um „urbane Inseln“ in einem ruralen Umfeld – „mauerbewehrte Insel[n] der Zivilisation im Meer der Natur“.24 Boten die Mauern der Städte zwar Schutz und Verteidigung im Kriegs- und Angriffsfall, so war ihre Bevölkerung doch auf das zumindest nähere Umfeld angewiesen. Denn innerhalb der Mauern herrschten beengte Verhältnisse. Nur wenig Raum stand für Gartenanlagen zur Verfügung: Klöster verfügten zumeist über Gartenanlagen innerhalb ihrer Mauern, einige wenige Patrizier taten es ihnen gleich, ansonsten waren die großflächigsten innerstädtischen Grünanlagen wohl die Friedhöfe,25 die zumeist rund um die Kirchen ihren Platz fanden.

Da ein Gros der Stadtbevölkerung haupt- oder nebenerwerblich Landwirtschaft betrieb, lagen bereits deren Gärten und Felder zwar im nächsten Umfeld, doch zumeist außerhalb der Stadtmauern wie auch zeitweise öffentlich genutzte Freiflächen – sei es für Versammlungen, Feiern oder auch als Gerichtsstätten.26 Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang auch die Stadtwälder. Zahlreiche Städte verfügten über unterschiedlich große, kommunal verwaltete Forste, die nicht nur für die Landwirtschaft aufgrund der Waldweide, sondern auch für den Holzeinschlag der Bauwirtschaft sowie als Energiespender einen bedeutenden Faktor darstellten.27

***

Einer der bekanntesten Venedig-Pläne, jener von Jacopo de’ Barbari (1460–1516), entstanden in der Zeit von 1498 bis 1500, ist einer der detailgenauesten Pläne dieser Zeit. Ihm ist zu entnehmen, wo sich die Gärten der Serenissima damals befanden – am Stadtrand und auf den die Stadt umgebenden Inseln, ganz zu schweigen natürlich von der Bedeutung der Terraferma, des Festlandes, für die Nahversorgung. Allerdings offenbart der Plan auch noch ungenutzte „erste Natur“, Brachflächen, zumeist nahe den Gärten.28

Erst während der Renaissance entstanden patrizisch-bürgerliche Gärten innerhalb der Stadtmauern, allerdings aufgrund des nach wie vor existierenden Raummangels anfänglich nur vereinzelt. An ihnen lässt sich sehr eindrücklich das Oberschichtenphänomen nachvollziehen – die Nachahmung adliger Vorbilder. Diese wiederum lassen sich auf die erwähnten gartentheoretischen Schriften und entsprechend verändertes Naturverständnis und -empfinden zurückführen. Zugleich waren sie Demonstration von Reichtum und Repräsentation – nicht nur die Gartenarchitektur an sich, sondern auch die Auswahl der Pflanzen betreffend.29

Abb. 1: Ausschnitt aus dem Perspektivplan von Venedig von Jacopo de’ Barbari von 1500, ND Unterscheidheim 1976 (Sammlung Andrea Pühringer)

Ein beachtliches Beispiel stellt etwa die Stadt Hanau dar, die für nordalpine Verhältnisse sehr früh, nämlich im Jahr 1528, eine Stadterweiterung erfuhr und dabei eine Befestigung mit einer Reihe von Bastionen erhielt (Abb. 2). Eindrucksvoll unterscheidet sich hier die Neustadt von der zu eng gewordenen Altstadt, die auch nur einen geringen Grünflächenanteil aufweist, während in dem Erweiterungsgebiet nicht nur die Parzellen größer sind, sondern gleichzeitig ein regelrechter Grüngürtel entlang der Wallanlagen entstanden ist. Die aufgrund der neuen Befestigungsanlage in der Altstadt entstandenen „Grünzwickel“ wurden von den Grafen von Hanau als Baum- und Obstgarten genutzt. Hingegen waren die altstädtischen bürgerlichen Gärten außerhalb der Stadtmauer gelegen. Daher war es bei Anlage der Hanauer Neustadt insofern zu Auseinandersetzungen gekommen, als die Bürgerschaft sich beklagte, dass die Neustadt auf den ertrag-reichsten Gartenflächen angelegt würde. In der Neustadt verhielt sich die Situation dann entsprechend anders, hier befanden sich die Bürgergärten innerhalb der bebauten Karrees.

Abb. 2: Eigentlicher Abriß der Statt und Vestung Hanau, 1684. Kolorierter Kupferstich von August Rumpf und Christoph Metzger, Ausschnitt (Historisches Museum Hanau Schloss Philippsruhe, Inv.-Nr. HMH B 7353 St.)

Wie der Plan von 1684 zeigt, wurden zumindest noch im 17. Jahrhundert die Bereiche direkt hinter der Wallanlage der Neustadt als Baumgärten und Felder genutzt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts sollten dann nicht nur die Gräben der Verteidigungsanlagen verfüllt, sondern auch die Nutzung eines immer weitläufigeren Umlandes als Grünfläche sowohl von bürgerlicher wie auch von herrschaftlicher Seite intensiviert werden.30

Erscheint Hanau aufgrund seiner frühen neuzeitlichen Befestigungswerke und vor allem der Anlage der Neustadt eher als Ausnahme für Gartenanlagen unterschiedlichen – also herrschaftlichen und bürgerlichen – Typs, so hatten manche oberdeutschen Städte, etwa Nürnberg oder Augsburg, erste bürgerlich-patrizische Renaissancegärten innerhalb der Altstädte, doch auch Hamburg oder selbst Frankfurt galten lange Zeit als „Gartenstädte“.

Allerdings befand sich das Gros der Nürnberger Gärten im sogenannten Burg-fried – gelegen zwischen Landwehr und Stadtmauer. Erstere bestand aus mit hölzernem Plankenwerk verstärkten Wällen und Gräben und war als zusätzlicher Schutz gegen die mehrfach gegen Nürnberg kriegführenden Markgrafen von Ansbach-Bayreuth angelegt worden. Dennoch ließ der Rat dort 1552 zur Sicherheit der Stadt alle Gebäude und Gartenhäuser beseitigen. Der gleiche Fall trat 80 Jahre später ein, als die Schweden die Befestigungswerke verstärken ließen und ebenfalls die Niederlegung sämtlicher Gartenhäuser forderten.31 So begann erst nach dem Dreißigjährigen Krieg ein erneuter Auf- und Ausbau von Gärten, wie dem Gartenbuch von 1680 zu entnehmen ist. Es listet für die halbe Stadt 154 fortlaufend nummerierte Gärten auf.32 Diese sind zwar darin beschrieben, doch über ihr tatsächliches Aussehen finden sich erst Hinweise in den „Nürnbergischen Hesperiden“ von Johann Christoph Volkamer (1644–1720). Er beschreibt darin 81 verschiedene Zitrusfrüchte, die teils auch mit Darstellungen versehen sind. Jeder großformatigen Frucht ist am unteren Rand des Kupferstichs die Abbildung eines Nürnberger Vororts, eines Herrensitzes oder Gartens beigegeben, so dass 33 Gärten aus der Zeit um 1700 auch bildnerisch belegt sind. Der Begriff „Hesperiden“ wurde so zum Synonym Nürnberger Gartenkultur.33 Volkamer legte allerdings auch selbst einen Garten an, der ihn nicht nur als Zitrusexperten, sondern als vielseitig interessierten Hortologen auswies, der auch mit neuartigen Orangerien experimentierte.34

Abb. 3: „Cedro piccolo“, darunter „Prospect in Herrn Joh. Chr. Harsdoffer Garten bey dem Lauffer-Thor“ (aus: Volkamer, Nürnbergische Hesperides, 199)

Neben ratsfähigen Familien handelte es sich beim Großteil der Besitzer und Eigentümer der Nürnberger Gärten um Angehörige der gehobenen Mittelschicht – Kaufleute, Juristen, Ärzte oder Apotheker, die sich nur zeitweise in den Gärten aufhielten. Allerdings erstaunt die im Jahr 1712 mit 160 doch hohe Zahl an ansässigen Gärtnern und Gärtnerwitwen, welche die Bedeutung der Gartenkultur auch als Wirtschaftsfaktor in Nürnberg unterstreicht.35

Im Gegensatz zu Nürnberg stellt die Reichsstadt Augsburg insofern ein besonders eindrückliches Beispiel dar, als deren Grünanlagen über die Jahrhunderte hinweg gut dokumentiert sind. Denn nicht nur die Gesamtsituation lässt sich anhand der Stadtpläne von Jörg (Georg) Seld (um 1454–1527) von 1521, von Georg Braun (1541–1622) und Frans Hogenberg (1535–1590) von 1572, Wolfgang Kilian (1581–1663) von 1626, Matthäus Merian d. Ä. (1593–1650) von 1640 sowie Matthäus Seutter (1678–1757) um 1730 en detail nachvollziehen, vielmehr existieren aus unter-schiedlichen Quellen auch Ansichten einzelner Gärten aus dem 17. und 18. Jahrhundert.36

Aufgrund der engen wirtschaftlichen Verbindungen der Reichsstadt nach Italien nimmt es nicht wunder, dass sich die Einflüsse der italienischen Bau- und Gartenkultur hier früh abzeichneten. So waren schon seit dem 16. Jahrhundert im patrizischen Hausbau sogenannte Altane üblich, das heißt Balkone oder Dachgärten meist auf den straßenabgewandten Seiten der Anwesen. Ihre weite Verbreitung schlug sich auch in der städtischen Bauordnung von 1594 nieder, in der ihr Aussehen festgelegt wurde.37

War Augsburg anfänglich vom Dreißigjährigen Krieg kaum betroffen, als der Stadtbaumeister Elias Holl (1573–1646) von 1602 an noch bis 1622 die Verteidigungsanlagen erneuerte, so belagerten ab 1632 schwedische und ab 1634 kaiserliche und bayerische Truppen die Stadt. Diese Belagerungen hatten zwar Hunger und Pest mit fast 12.000 Toten zur Folge, doch gab es kaum bauliche Zerstörungen.38 Der Bevölkerungsrückgang hatte auch entsprechende Auswirkungen auf die Gartenkultur, wie der Augsburger Stadtphysicus Dr. Philipp Hochstetter (1579–1635) in seinem Tagebuch vermerkte: „Wurdten viel kleine Haüslein gar eingerissen und zue Garten gemacht, dann Sie stunten unbewont oder trugen vast kein Zinns.“39

Darüber hinaus zeigt sich die Affinität Augsburgs beziehungsweise einzelner Augsburger Bürger zur Gartenkultur auf unterschiedliche Weise: Zum einen ließ etwa der Kaufmann Andreas Scheler (1579–1637) nicht nur einen Garten mit vielfältigen Pflanzen, darunter viele Raritäten anlegen, sondern er ließ diese auch ab 1615 in einem Florilegium dokumentieren. Der prachtvoll in Leder mit Goldpressung gefasste Band beinhaltet 403 Blumendarstellungen in Gouache sowie ein Frontispiz in Deckfarben, das den Blick durch ein Karyatidengeschmücktes Portal auf einen Garten mit Springbrunnen, Blumenbeeten und ein dahinterliegendes Gartengebäude mit Laubengängen freigibt. Die Blumenporträts, bei denen es sich bei 54 um Tulpen40 handelt, waren ursprünglich jahreszeitlich geordnet.41

Abb. 4: Das Frontispiz aus dem Scheler’schen Gartenbuch (Stadt- und Staatsbibliothek Augsburg, Sign. 2 Cod H 70, Bl. 4)

Eine Ordnung, die sich zum anderen bei dem Pflanzenhändler Hans Georg Kraus (um 1621/1623–1691/1700) findet, der 1665 seinen ersten Pflanzenkatalog auf den Markt brachte.42 Das Sortiment umfasste ein umfangreiches Angebot, unter anderem an Tulpen, Hyazinthen, Narzissen, Nelken, Iris, Gladiolen, Krokus, Cholchicum, Fritillarien, Martagon, Anemonen, Ranunkel etc., aber auch von Samen – allerdings nur auf Nachfrage.43 In der Vorrede seines Katalogs „An den Liebhaber deß Blomen Werck“ schreibt er, dass er 16 Jahre, also während des Dreißigjährigen Krieges, außer Landes gelebt habe, in dieser Zeit sein Garten großen Schaden genommen habe und viel verdorben sei. Allerdings habe er in jener Zeit unterschiedlichen Fürsten, Grafen und Herren Gärten errichtet – mit perspektivischen Plänen, Parterres, Laubengängen, Wasserwerken etc.44 Als seinen Freund, von dem er viel gelernt hätte, nennt er André Mollet (um 1600–1665),45 der während seines Aufenthalts in Schweden, wo er für die schwedische Königin in Stockholm tätig war, sein Gartenbuch „Le jardin de Plaisir“ verfasste. Tatsächlich hatte Kraus 1647 die Anlage des Gartens Jakobsdal (heute Ulriksdal) bei Stockholm für den schwedischen Heerführer Jakob de la Gardie (1583–1652) zu verantworten, wie angeblich auch den späteren Stetten’schen Garten am Roten Tor in Augsburg.46 Kraus versucht in dieser Vorrede seine Tätigkeit als Blumenhändler mit der des Gartenkünstlers zu verbinden. Entgegen der Ankündigung, den Katalog jährlich zu aktualisieren, erschien der nächste erst 1681, in dem auch das Fehlen vorheriger bestätigt wird.47 Stammte der Großteil der im Katalog aufgeführten Pflanzen – den traditionellen oberdeutschen Handelsverbindungen geschuldet – aus Italien, so lösten in der Folgezeit die Niederlande Italien ab, nicht nur Tulpen und Nelken, selbst Anemonen und Ranunkel wurden fortan von dort importiert.48 Dennoch stellt sich bei Kraus die Frage, woher er seine Pflanzen bezog. Dem Katalog ist nur zu entnehmen, dass der Blumenhandel eine wohl teils unsichere Angelegenheit war, da oftmals die Gefahr des Betrugs bestand, der er selbst sich auch zu erwehren suchte. In der Vorrede schreibt er, dass viele bezweifelten, dass er eine so große Auswahl anbieten könne, doch „denen hat der Augenschein / den Mund zuhalten gestillt“.49 Dennoch versucht er, sein Angebot zu erweitern, denn er bietet den „Liebhabern“ an, sollten sie Pflanzen besitzen, die in seiner Liste fehlen, ihm diese gegen Tausch oder Geld zuzusenden. Auch wehrt er sich gegen den Verdacht des Betrugs, denn manches, was sehr gefragt sei, könne er eben nicht anbieten.50 Er selbst sei 1661 von einem Lieferanten mit langjährigen Handelsbeziehungen nach Augsburg betrogen worden, da er ihm fälschlicherweise schwefelgelbe Nelken mit rotem Strich als Sorte „Prinz Conde“ verkauft hatte. Kraus beschreibt auch den Umgang mit den Pflanzen – so behandele er die Zwiebel nach „Art der Holländer“, wobei Zwiebel „mit dem Flor“ das Doppelte kosteten. Sein großes Angebot sei der großen Zahl unterschiedlicher Pflanzenliebhaber geschuldet – eben von Tulpen, Narzissen, Anemonen oder Nelken.51

Für die Stadt Augsburg blieben Gärtner und Blumenhändler auch weiterhin von Bedeutung, wie der „Kunst-, Gewerb- und Handwerks-Geschichte“ des Paul von Stetten (1731–1808)52 zu entnehmen ist.53 Er listet nicht nur die schönsten beziehungsweise interessantesten Gärten der Stadt seit der Renaissance mit ihren Lustund Gartenhäusern, Wasserwerken, Galerien, Bildsäulen, Grotten, Blumen und Malereien auf,54 sondern er nennt auch Gärtner, die sich hier Verdienste erworben haben – etwa Johann Friedrich Heinrich (1647–1726) aus Stuttgart, „einer der ersten, der aus Blättern ganze Bäume zog“.55 Darüber hinaus beschreibt er jene, die nicht nur als Gärtner tätig waren und Blumen-, Bau- und Samenhandlungen führten, sondern die wie Siegmund Richter (1707–1796) und sein Sohn Johann Siegmund „Risse von Blumenbeeten“, also Pflanzpläne, erstellten56 oder Franz Anton Manz und in der Folge sein Sohn Franz Xaver, der 1783/1784 „Gartenrisse und Prospecte zu den öffentlichen Ausstellungen gegeben, die er selbst erfunden und gezeichnet hat. Alle diese Arbeiten sind in künstlichem französischem Geschmack.“57 Gleichzeitig schildert von Stetten sich und seinesgleichen als Blumen-, Pflanzen- und Raritätenliebhaber, die ihre Gärten zu Kontemplation und Erholung nutzen: „Es gab damals Liebhaber der Gartenkunst, die sich aus Erziehung schöner und seltener Pflanzen und Blumen ein Lieblingsgeschäffte machen, das ihnen zur Ruhe nach wichtigern dienlich war.“58

Dieses intensive gartenkulturelle Geschehen lässt ganz grundsätzlich die Frage nach Vorbildern entstehen. Die engen Beziehungen nach Italien waren sicherlich ausschlaggebend und hatten Vorbildfunktion, doch sollte nicht vergessen werden, dass Augsburg auch Druck- und Verlagsstadt war. So erschien etwa das Hauptwerk „Ruralia commoda“ des Bolognesers Pietro de’ Crescenzi erstmals 1471 in Augsburg und wurde Anfang des 16. Jahrhunderts ins Deutsche übersetzt.59 Crescenzi entwickelte Lustgärten unterschiedlicher Größe nach den Ideen von Albertus Magnus.60 Dieser Tradition folgte Joseph Furttenbach (1591–1667), der nicht nur verwandtschaftliche Verbindungen nach Augsburg hatte, sondern gleichfalls Lustgärten plante und auch ausführte – etwa für seinen Verwandten Martin Furtenbach.61 Darüber hinaus wurden seine Werke ebenfalls hier verlegt. Furttenbach hatte ja selbst in Italien studiert und war beeinflusst von den dortigen architektonischen Ideen, die er in seine Pläne einfließen ließ – und Vieles davon findet sich in den Augsburger Gärten wieder – etwa die Gliederung der Anlagen oder architektonische Elemente wie Bassins, Wasserspiele, Grotten, Volieren etc. In seiner „Architectura recreationis“ stellt er unterschiedliche Beispiele von bürgerlichen und adeligen Lustgärten vor. Beim Grundriss des ersten bürgerlichen Gartens fügt er den Zusatz „auff dem Feld draussen ligenden“ an.62 Dieser, vom Haus durch einen Portikus zugänglich, gliedert sich in einen Blumen-, einen Baum- und einen Küchengarten, die alle in quadratische oder rechteckige Beete gefasst sind.63 Der zweite bürgerliche Lustgarten ist bereits umfänglicher und auch die weiteren adeligen und gräflichen Gartenrisse sind entsprechend ausgedehnter und elaborierter.64 Insbesondere die dreiteilige Gliederung des Gartens findet sich in Augsburger Gärten wieder, wie die Kupferstiche der „Augspurgischen Garten-Lust“ eindrücklich belegen.65 So weist gerade das Beispiel Augsburg eine Vielfalt von unterschiedlichen Herangehensweisen auf, um die Belange des Stadtgrüns zu erforschen.

Abb. 5: Der Garten des Apothekers Johann Balthasar Michel (aus: Augspurgische Garten-Lust, Bl. 3)

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Ein ebenfalls urbanes Phänomen waren die seit dem 16. Jahrhundert aus den Arzneigärten norditalienischer Universitäten hervorgegangenen botanischen Gärten, die sich den Pflanzen im Hinblick auf ihren Nutzen für die Medizin, die Pflanzenforschung und die Akklimatisation fremder Gewächse widmeten. Die ersten wurden 1544 in Pisa, 1545 in Padua, 1550 in Florenz und 1566 in Rom gegründet. Doch stand man dem nördlich der Alpen nur wenig nach, erste Gründungen erfolgten 1543 in Leipzig, 1590 in Leiden, 1593 in Heidelberg, 1621 in Oxford und 1625 in Paris. Der Paduaner Garten war kreisrund und geviertelt angelegt, wobei die Viertel die vier Kontinente als Pflanzenherkunftsorte repräsentierten.66 Der ab 1597 durch Basilius Besler (1561–1629) auf dem Gelände der Willibaldsburg oberhalb von Eichstätt angelegte botanische Garten lag zwar nicht im eigentlichen Stadtgebiet, entfaltete aber aufgrund des von Besler gemeinsam mit Ludwig Jungermann (1572–1653), dem Begründer des Botanischen Gartens Gießen, erstellten „Hortus Eystettensis“ weitreichende Wirkung. Dieser war eines der ersten Florilegien, das sich auf einen einzigen Garten bezog, und in 367 Kupferstichen auf 850 Seiten insgesamt 1.084 Pflanzen präsentierte. Der Hortus erschien 1613 in zwei Versionen in Eichstätt und Nürnberg.67

Als Vorläufer sind die Kräuterbücher mit Holzschnitten zu betrachten, die der Antwerpener Verleger Christoph Plantin (um 1520–1589) publizierte, für den etwa Carolus Clusius (Charles de l’Ecluse, 1526–1609) – einer der bedeutendsten Botaniker seiner Zeit – arbeitete. Sie gingen dann Hand in Hand mit der Anlegung von Florilegien – auch gemalten, auf denen wiederum seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts die Blumenstillleben basierten. Diese Entwicklung ist für die Verbreitung botanischen Wissens und einer zunehmend größer werdenden interessierten Öffentlichkeit nicht zu unterschätzen. Wie überhaupt seit dem 16. Jahrhundert die Erforschung von Pflanzen, ihre Systematisierung, Neueinführungen wie auch Tausch von Samen und Pflanzen, Experten wie Privatpersonen in zunehmend verflochtenen und sich ausweitenden Netzwerken verband. Man könnte wohl sagen, dilettieren im eigentlichen Wortsinn war das Gebot der Stunde – oder wohl eher über einen längeren Zeitraum hinweg. In der Vorrede des erwähnten Augsburger Pflanzenhändlers Hans Georg Kraus spiegelt sich noch im 17. Jahrhundert vielleicht sogar verstärkt diese Problematik wider: Viele hätten sich beschwert, es sei „die Wurtz / das Kraut“ nicht richtig benannt, denen antwortete er: „… ich sey so gelert nit / darinn richter zusein ich laß die Herbarios und Kräuter Erkündiger darumb zancken / dann ich mich geren denen Gelehrten underwerffe / und bitte wann ich Fähler begehe / zu corigiern / denen thu ich mich befehlen / und bleibe schuldig ihnennuffzuwarten.“68

Doch diese „Herbarios und Kräuter Erkündiger“ waren ganz unterschiedlicher Natur beziehungsweise diversifizierten sich im 17. Jahrhundert weiter. „Botaniker“69 und Mediziner trafen auf interessierte Philanthropen, Dilettanten und Pflanzenliebhaber wie auch „Repräsentationsbedürftige“ – manchmal alles in einer Person wie das Beispiel des Leipzigers Caspar Bose (1645–1700) demonstriert. Der aus einer Ratsherrenfamilie stammende Goldschmied hatte in Leiden studiert und dort den botanischen Garten wie auch die dort neu eingeführten nordamerikanischen Pflanzen kennengelernt, die ihn vermutlich dazu inspirierten, ein weitverzweigtes botanisches Korrespondentennetzwerk aufzubauen, ein Herbarium vivum und eine botanische Bibliothek anzulegen sowie auch die „Arzenei-Studenten“ durch ein „curieuses Seminarium“ zu unterstützen, wie es in seinem Nachruf hieß. Am bemerkenswertesten war jedoch sein Garten, den er nach den Vorstellungen des Leipziger Mediziners und Botanikers Augustus Quirinus Rivinus (1652–1723) anlegen ließ, wie die insgesamt acht zwischen 1686 und 1747 erschienenen botanischen Kataloge belegen, die den Garten beschrieben, seine Veränderungen dokumentierten und dabei selbst die zunehmende Pflanzenkenntnis sowie den Bildungsstand der Gärtner durch die elaboriertere und professionellere Gliederung belegen.70 Der Garten zeichnete sich durch eine Vielfalt von Pflanzenraritäten aus, die schwerpunktmäßig aus der Kap-Region stammten und die Bose vorwiegend aus Leiden bezog. Die Kontakte dorthin blieben auch noch im 18. Jahrhundert bestehen.71 „Der unglaubliche Reichtum des Boseschen Gartens ist umso erstaunlicher, als er, mitten in der Blütezeit des Absolutismus, ein bürgerlicher Garten war. Kein fürstlicher Garten in Deutschland – Berlin, Gottorf, Dresden – konnte offenbar mit dem Boseschen mithalten. Das gilt auch für die botanischen Gärten an den Universitäten – Altdorf, Helmstedt, Gießen, Wittenberg, Leipzig, Jena, Straßburg, Würzburg –, die von den Landesherren kaum gefördert wurden und deren Inhalt weitgehend vom Geldbeutel der Professoren abhing. Auch die bürgerlichen Sammlungen von Lastrop oder Schwerin in Hamburg, über die 1707 und 1710 Kataloge erschienen, oder Volkamer in Nürnberg konnten sich mit Boses nicht messen.“72

Wie der Bosesche, so war auch der Garten des Eberhard Anckelmann (1599–1664) und seines Sohnes Caspar (1635–1698) in Hamburg ein frühbarocker bürgerlicher Lustgarten. Beide – und das soll hier nicht unterschlagen werden – profitierten von den Stadterweiterungen der Anlage einer Neustadt. Die Hamburger Neustadt wies eine lockerere Bebauungsstruktur auf, hier waren schon vor der Stadterweiterung Gärten und Sommerhäuser entstanden, die durch die neue Stadtbefestigung der 1620er Jahre nun zusätzlich geschützt waren.73 Doch auch außerhalb der Stadt waren bis um 1663 rund 50 bürgerliche Gärten angelegt worden.74

Der Anckelmannsche Garten erlangte durch sein Florilegium mit 73 Pflanzenillustrationen des Gartens Bekanntheit, die Eberhard von dem Blumenmaler Hans Simon Holzbecker (vor 1649–nach 1671) 1660 anfertigen ließ. Caspar ließ den Garten ab 1669 nicht nur um exotische Pflanzen, sondern später um zwei Grundstücke erweitern. Für ihn verfasste um 1669 wiederum Holtzbecker das „Caspar Anckelmann Florilegium“ sowie eine Gouache des Barockgartens.75 Es zeigt auf 211 Pergamentseiten 452 verschiedene Zwiebel- und Knollenpflanzen. Im Anckelmannschen Garten fanden sich bereits frühbarocke Ordnungsprinzipien, denn die beiden Ziergartenhälften waren jeweils um zwei Beete länger als breit angelegt, so dass sie trotz des Mittelpunkts nicht zentral konzentriert waren, sondern eine Richtung vorgaben. Diese Tendenz unterstützte die große Symmetrieachse, die den Garten längs durchzog, alle Flächen zusammenband und ins Dunkel eines Laubenganges mündete – in eine nicht definierte, zur Bewegung herausfordernde Ferne. Begleitende Bäume und paarweise aufgestellte Skulpturen – meist überlebensgroße Götterfiguren – betonten diese Sichtachsen.76

Experten wie der Universalgelehrte Joachim Jungius (1587–1657), Direktor des Hamburger Akademischen Gymnasiums, versuchten diese Pflanzen zu klassifizieren. Man traf sich in botanischen Zirkeln, tauschte Wissen, Pflanzen und Blumensamen aus. Joachim Jungius war nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch orientiert und plante 1638–1642 seinen Hortus domesticus selbst – nach dem Vorbild von Joseph Furttenbach.77 Während hingegen der Garten des Paul K. Klingenberg (vor 1650–nach 1694), der sogar ein Gartentagebuch führte und Pflanzpläne erstellte, eher dem Vorbild des Hans Vredeman de Vries und dessen Gartentraktat folgte.78 Das Parterre könnte aber auch vom Garten des Frankfurter Bürgermeisters Johann Schwind (1580–1648) beeinflusst gewesen sein, dessen Darstellung 1641 von Matthäus Merian d. Ä. (1593–1650) publiziert worden war.79

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Abb. 6: Der Garten des Johann Schwind in Frankfurt am Main, Kupferstich von Matthäus Merian d. Ä. (aus: Florilegum renovatum et auctum: Das ist: Vernewertes und vermehrtes Blumenbuch, Frankfurt 1641, Historisches Museum Frankfurt, Sign. C10424)

Frankfurt, um in der Stadt zu bleiben, verfügte noch vor dem Dreißigjährigen Krieg über eine erkleckliche Anzahl an innerstädtischen Gärten, wie auf der Ansicht von 1628 ebenfalls von Matthäus Merian d. Ä. gut nachzuvollziehen ist (Abb. 7). Abgesehen von dem Schwindschen Garten existieren allerdings kaum Abbildungen aus jener Zeit – eine Situation, die derjenigen in Nürnberg durchaus ähnelte.80 Zahlreiche Gärten befanden sich an der Zeil, der auch heute noch zentral gelegenen innerstädtischen Einkaufsmeile, und entsprechend der Lage erfüllten sie auch repräsentative Zwecke. Doch auch im Bereich zwischen Gallengasse und Hirschgraben, westlich der Zeil gelegen, befanden sich relativ große Gartenparzellen, die sich der Stadterweiterung der 14. Jahrhunderts verdankten. Das Gelände war bereits Mitte des 16. Jahrhunderts mit Obstbäumen bepflanzt und verpachtet worden, Ende des Jahrhunderts entstanden dann die ersten Häuser mit Gärten.81 Zwar war der Schwindsche Garten zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges entstanden, doch war die Stadt damals noch von den Kriegswirren verschont geblieben. In den 1630er Jahren führte hingegen das Kriegsgeschehen zu einem eklatanten Bevölkerungsrückgang, der wiederum – ähnlich wie in Augsburg – vermehrt Platz für Gärten bot. Erst mit dem Zuzug hugenottischer Exulanten gegen Ende des Jahrhunderts veränderte sich erneut die Situation. Ein Beispiel dafür ist die Familie Gontard, die sich 1685 in Frankfurt niederließ und zwei Generationen später zu den bedeutendsten Bankiersfamilien der Stadt gehörte. Zu ihrem Haus „Zum Weißen Hirsch“ am Hirschgraben gehörte ein Garten, der innerhalb der Altstadt einer der umfänglichsten war.82 Und was dem Augsburger im 16./17. Jahrhundert sein „Altan“ war, das war dem Frankfurter sein „Belvederchen“, kleine Dachgärten, die zwar bereits auch schon im 17., vermehrt jedoch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtet wurden.83 1747 beschrieb Johann Bernhard Müller die innerstädtischen Gärten: „Wir haben oben erwehnet, daß in unserer Stadt ohnerachtet der theuren Plätze verschieden Gärten anzutreffen; bey Gelegenheit dieses gedencken wir nun unter andern vornehmlich des Lerßnerischen an der Zeil in der Gasse bey dem Gasthaus zur Rose, gelegenen Lust-Gartens, weilen solcher wegen seiner grossen auserlesensten Blumen-Floren und seltenen Gewächsen von Kenern hochgehalten wird. Die Günderrodische, Kaybische, Orthische, Barckhausische, Neufvillische, Behagelische, Rühlische, Componische[,] von der Lahrische und andere ihren Häusern oder doch in der Stadt Mauren anerbauete Gärten, sind wegen ihrer guten Einrichtung, orangeriren und Blumenwerck nicht weniger annehmlich und ergötzlich.“84 Vorwiegend bekannte alteingesessene patrizische wie neu zugezogene Familien finden sich in dieser Auflistung.

Abb. 7: Der Plan zeigt die zahlreichen Gärten innerhalb der Stadtmauer, insbesondere im nördlichen Bereich der Stadt. Kupferstich von Matthäus Merian d. Ä. von 1628 (Historisches Museum Frankfurt, Sign. C09379)

Die Stadt Frankfurt – bekannt für ihr bürgerschaftliches Engagement – beherbergt allerdings auch zwei Institutionen, die mit diesem Engagement in Verbindung stehen: der botanische Garten und der Palmengarten.85 Der botanische Garten verdankt sich dem Stadtphysikus Johann Christian Senckenberg (1707–1772), der 1763 sein Vermögen für die Gründung eines naturwissenschaftlichen Instituts mit angeschlossenem Hospital und Garten stiftete. Letzterer sollte nach dem Vorbild des botanischen Gartens von Carl von Linné (1707–1778) in Uppsala angelegt werden. 1766 wurde zu diesem Zweck ein großes Gelände innerhalb der Stadtmauern erworben und bebaut. Testamentarisch verfügte der Stifter, der die zeitgeistigen Trends, Gärten als „Kuriositätenkabinette“ zu betrachten, sehr wohl im Blick hatte, dass sein Garten „… nicht aus vielen exoticis bestehen [solle], die viele Kosten machen, damit nicht das Geld nöthigeren Dingen entzogen werde. […] Nicht aus vielem Gärtner-Staat und Auriculos, Anemonen, Ranunkeln, Tulpen, Hyacinthen und nicht ein Blumisten- sondern medicinischer Garten seyn.“86 Vielmehr sollte er dem ebendort errichteten Bürgerspital als Apothekergarten und für die Anzucht von Heilpflanzen dienen. Aufgrund dieser Ausrichtung oblag die Leitung stets einem Mediziner – mit Unterstützung von Gärtnern, und erst ab 1867 einem Botaniker. Die sich weiter verdichtenden innerstädtischen Raumverhältnisse führten dazu, dass die Stadt 1907/1908 ein neues Areal neben dem Palmengarten zur Verfügung stellte und der alte Standort verbaut wurde.87

Das patrizische Frankfurt hingegen siedelte bereits im 18. Jahrhundert vor den Toren der Stadt. Der Park der Familie Holzhausen, die sogenannte „Oed“, seit dem 15. Jahrhundert in Familienbesitz, war einst 100 Hektar groß (heute 3,5) und diente auch der landwirtschaftlichen Nutzung, dem Holzeinschlag, dem Weinbau und als Viehweide.88 Er war also schon eher eine Art Landsitz von patrizisch-adeligem Gepräge. Desgleichen war der spätere Bethmannpark ebenso ländlich-patrizisch gestaltet, jedoch näher an der Stadt gelegen. Das Gartenhaus vor dem Friedberger Tor war um 1778 von der Familie Bethmann gepachtet, später gekauft und 1783 um Land dann mehrfach bis 1850 erweitert worden. Hier wurden sowohl ein Zier- als auch ein Nutzgarten sowie ein Treibhaus unterhalten.89 Die Bankiersfamilie Metzler hingegen erwarb das stadtnahe Anwesen des Apothekers Peter Salzwedel am Schaumainkai um 1800, darüber hinaus dann noch weitere in Offenbach und Bonames.90 Waren die Gärten ursprünglich mit einfachen Gartenhäusern für die Sommernutzung ausgestattet, so wurden zwischen 1720 und 1800 mehr als 500 Anträge auf Errichtung oder Umbau von Gartenhäusern gestellt. Sie entwickelten sich oft von der saisonal genutzten Unterkunft zur suburbanen Villenresidenz.91

Prinzipiell ist also festzuhalten, dass ab dem 17. Jahrhundert die Gärten größere Dimensionen erhielten, Terrain wurde geebnet oder erhöht, Bäume in breiten Schneisen gefällt, um scheinbar unendliche Aussichten in die umgebende Landschaft freizugeben, wobei Sichtachsen zentral waren. Raum wurde manipuliert, um Garten und Landschaft zu vereinen. Es dominierten formale Parterres, ornamentale Blumengärten mit aus Buchs geformten oder aus Rasen gestochenen Mustern. Lange Alleen waren mit Bäumen oder Hecken bepflanzt. Wassergärten mit Kanälen, Bassins und Brunnen entstanden. Die umgeformte Natur galt als Ausdruck von Macht und Ansehen des Gartenschöpfers beziehungsweise -besitzers – unterstützt von Gartenansichten, die zum eigenen Kunstgenre wurden.92 Das 18. Jahrhundert, als vermehrt Gartenlagen vor den Toren der Städte entstanden, kann rückblickend wohl als Übergangsphase verstanden werden, bevor mit der Entfestigung sich dem Gros der Städte im Verlauf des 19. Jahrhunderts nun neue Möglichkeiten und Räume für Grünanlagen boten, die dann vermehrt breitere Gesellschaftsschichten miteinbezogen beziehungsweise diesen den Zugang gestatteten.

Zwei Faktoren sind sicherlich mitverantwortlich für die zahlreichen, im 18. Jahrhundert vor den Toren der Städte entstehenden Gartenanlagen. Zum einen hatte sich die Funktion und Bedeutung der Befestigungswerke mittlerweile als obsolet erwiesen. Bereits der Dreißigjährige Krieg hatte gezeigt, dass die mittelalterlichen Verteidigungsanlagen den neuzeitlichen Waffen nichts mehr entgegenzusetzen hatten. Dies führte dazu, dass vermehrt Herrscher wie Duodezfürsten dazu neigten, ihre Residenzen aus den Städten heraus zu verlagern, sie vielmehr in eine in das Umland auslaufende Parkanlage zu integrierten, die die Städte nahezu zu „urbanen Annexen“ degradierten.93 Zum anderen beschleunigte sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts ein mentaler Wandlungsprozess im Hinblick auf den therapeutischen und ästhetischen Wert der Natur, des Landlebens und einer als natürlich imaginierten ländlichen Umgebung. In der Nachfolge Jean Jacques Rousseaus (1712–1778) wurden rurale Verhältnisse emotional positiv aufgeladen und galten als gesunder Gegenentwurf zum beengten Stadtleben in schlechter Luft.94 Christian Cay Lorenz Hirschfeld (1742–1792) kann wohl als einer der einflussreichsten und oft zitierten Theoretiker dieser neuen Landschaftsgärten gelten.95

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Am Beispiel der Haupt- und Residenzstadt Wien lässt sich gut nachvollziehen, wie sehr mittlerweile die Vorstädte von adelig-bürgerlichen Garten-, Park- und Villenanlagen durchmischt waren. Die Stadtpläne der Jahre 1706 und 1770 dokumentieren eindrücklich die Zunahme dieser Gärten und Parks vor den Wallanlagen und dem unbebauten Glacis. 1766 gab Joseph II. offiziell den Wiener Prater für die Öffentlichkeit frei, so entstand eines der ersten und beliebtesten Naherholungsgebiete in Wien.96 Der Besuch von Gärten vor der Stadt muss wohl auch im Zusammenhang mit der Entstehung der Sommerfrische wie auch mit dem Aufschwung der städtischen Unterhaltungs- und Freizeitkultur in der Zeit um 1800 gesehen werden.

Der Plan von 1770 belegt nicht nur die zahlreichen vorstädtischen Gärten, sondern vor allem auch das enorme Gebiet des Glacis’, das die ummauerte Stadt von den Vorstädten trennte und das erst mit der Schleifung der Stadtmauern in den 1850er Jahren und der Anlage und Bebauung der Ringstraße (1858–1865) sein Ende fand. Das Glacis galt als heterogener öffentlicher Freiraum, eine seit der Türkenbelagerung bis ins 18. Jahrhundert durch ein wirres System von Wegen und Pfaden durchkreuzte, zum Teil mit Sträuchern unregelmäßig bewachsene Wiesenfläche. Diese wurde als Lagerfläche für Holz und Heu, als Aufstellungsort von Hütten, Verkaufsständen, Trödelmärkten und als Richtstätte genutzt. 1770 traf man erste Gestaltungsmaßnahmen und übertrug dem Magistrat das Nutzungsrecht am Glacis mit der Auflage, das Gelände zu planieren, ein Wegesystem anzulegen und die Flächen mit „Kleesamen und anderen Graß-Arten zu besäen“. Ab 1781 erfolgte auf kaiserliche Veranlassung die Bepflanzung mit Alleen. Das beliebteste Glacis war das Wasserglacis im Bereich des heutigen Stadtparks, hier befand sich ab 1788 ein Kaffeezelt und ab 1817 eine Mineralwassertrinkanstalt mit Kiosk.97

Zwar erfuhren die Städte durch die Entfestigung eine rapide Zunahme an Grünflächen, doch sollte diese teils nur kurz währen. Denn die Frei- und Brachflächen wurden nur zum Teil zu langfristigem Grün, da einerseits der Bereich zu zentrumsnahe war, um ihn nicht mit Straßen und Bauten zu versehen und die Altstadt mit ihren Vorstädten zu verbinden. Andererseits erfuhren Teile des öffentlichen Grüns eine Teil-Reprivatisierung durch die Anlage von Sportclubs und -anlagen wie Pferderennbahnen etc., aber auch von Kleingartenanlagen – womit sich wiederum der Kreis zum kleinformatigen Hortus conclusus schließt. So blieben einzig die neu angelegten Volks- und Stadtgärten beziehungsweise die gartenkünstlerisch gestalteten neuen Plätze sowie die ehemals herrschaftlichen Gärten und Parks der gesamten Öffentlichkeit zugänglich. In Wien etwa hatte sogar Peter Joseph Lenné (1789–1866), der spätere General-Gartendirektor der königlich-preußischen Gärten und verantwortlich für zahlreiche Kurparks – wie etwa in Aachen, Bad Homburg vor der Höhe oder Bad Oyenhausen –, 1858 einen Entwurf für die Gestaltung der Ringstraße vorgelegt, der bei Weitem „grüner“ war als der tatsächlich umgesetzte Plan von August Sicard von Sicardsburg (1813–1868) und Eduard van der Nüll (1812–1868).98 Städtebau und Stadtplanung dominierten fortan, Gartenkünstler, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit diesen Themen befasst hatten, verloren an Gewicht – was teils auch zulasten der Grünanlagen ging.99 Allerdings blieb das „Grün“ eine neue städtebaulich relevante Kategorie, die seither mitgedacht werden muss. Der erste öffentliche Park war an der Ringstraße der erwähnte Stadtpark von 1860–1862. Zwar waren Burggarten, Volksgarten und Heldenplatz bereits schon davor vorhanden, sie wurden allerdings im Zuge des Ringstraßenbaus ab 1863 umgestaltet. Die zweite große Fläche, deren Gestaltung die Stadt finanzierte, war der Rathausplatz von 1873 sowie der zwischen dem Kunsthistorischen und dem Naturhistorischen Museum angelegte Maria-Theresien-Platz (1884–1888).100

Im Gegensatz zum gemächlichen Tempo in der Residenzstadt Wien, die an die Vorgaben des Kaiserhofes gebunden war, setzte in der Reichsstadt Frankfurt die Entfestigung bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein. So wurden ab 1807 alleenartig sogenannte Wallpromenaden um die Stadt angelegt, die aus dem Verkauf des Festungsgeländes finanziert wurden und den übrigen Randstreifen bildeten. Dies war zustande gekommen, nachdem die von der Stadt beschlossene Schleifung der Bastionen zu kostspielig und zu langsam vor sich gegangen war. Daraufhin beschloss man, das Gelände zu parzellieren, zu verkaufen, den Besitzern die Schleifung aufzuerlegen, die Bebauung allerdings teilweise zu beschränken. Die öffentliche Promenade bildete dabei die Grenze zu den privaten Wallgrundstücken.101 Die Karte von Julius Eduard Foltz-Eberle (1819–1903) von 1852 belegt, dass durch diese Entscheidungen rund um die Stadt ein breiter Grünstreifen – bestehend aus inner- wie vorstädtischen Privatgärten und der dazwischen liegenden Wallpromenade – bis hin zum Main entstanden war.102

Das bereits angesprochene bürgerschaftliche Engagement in Frankfurt in Bezug auf Grün und Pflanzen zeigte sich erneut 1866, als sowohl die Freie Stadt Frankfurt als auch das Herzogtum Nassau von Preußen annektiert wurden. In Wiesbaden hatte dies zur Folge, dass Herzog Adolf von Nassau (1817–1905), ein ambitionierter und passionierter Pflanzenfreund, Schloss Biebrich räumen und seine Gewächshäuser und Wintergärten mit allem Inventar verkaufen musste. Der Bockenheimer Handelsgärtner und Gartenarchitekt Heinrich Siesmayer (1817–1900) wurde beauftragt, die Sammlung aufzulösen und hatte dabei die Idee, sie für die Stadt Frankfurt zu erwerben. Zur Beschaffung des nötigen Kapitals entschied man sich für die Ausgabe von Aktien. Siesmayer hatte bereits im Juli einen Gestaltungsplan für den Palmengarten vorgelegt, obwohl über den Standort noch nicht entschieden war. Schon im Mai 1871 wurde der erste Abschnitt des Gartens mit Palmenhaus und Restauration der Bevölkerung übergeben. Siesmayer selbst, der eine Reihe von Gärten, insbesondere auch Kurparks gestaltete – wie in Bad Schwalbach und Bad Nauheim – oder betreute – wie in Bad Homburg – hatte lange Zeit auch die Leitung des Palmengartens inne.103 An seiner Person lassen sich zwei Entwicklungen festmachen: zum einen das endgültige Durchsetzen des Landschaftsgartens und zum anderen die Verbreitung von öffentlichen Grünanlagen. Denn Siesmayer gestaltete zum einen Privatgärten, wie den Rothschild- und Grüneburgpark – beide, wie auch der Günthersburgpark, im Besitz der Familie Rothschild104 –, aber auch Stadtparks in Mainz, Mannheim oder Wuppertal. Besonders in Frankfurt war die Stadt bestrebt, Privatparks in Volksparks umzuwandeln. Aufgrund zunehmender Bebauung gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es allerdings zu einem Rückgang der Grünflächen und die heute noch erhaltenen, ehemals privaten und nun öffentlichen Gärten und Parks sind von weit geringerer als der ursprünglichen Dimension.105

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Das Ausgreifen des städtischen Grüns, sei es durch herrschaftliche Gartenanlagen in Residenzstädten, sei es durch patrizisch-bürgerliche Parks, die dem adeligen Vorbild folgten, sollte schon im 18., vermehrt allerdings im 19. Jahrhundert in der Kurstadt ihren besonderen Ausdruck erfahren.106 Sie kann in ihrer Scharnierfunktion vom „Grün in der Stadt“ zur „Stadt im Grünen“ zwar nicht als völliges Gegenteil der alteuropäischen Stadt gelten, dennoch bestimmte sie mit ihren Anlagen, Villengärten, Promenaden und Kurparks sowie eingebettet in eine „therapeutische Landschaft“ die Beziehung von städtischem Raum und Umland neu. Allerdings – und dies bestätigt sich für viele Kurstädte mit Altstadtkern – waren die Kuranlagen außerhalb dieser Altstädte gelegen. Waren anfänglich meist nur „Kurgärten“ nahe den Kurhäusern gelegene kleine mit Schmuckplätzen ausgestattete Anlagen, so bedurften die später unabdingbaren Kurparks im Stile der Landschaftsgärten eines entsprechenden Raumes. In der Folge führte dies zum einen dazu, dass weitverzweigte Wegenetze immer weiter in die umgebende Landschaft ausgriffen und zum anderen, dass insbesondere um den Kurpark neue Villenviertel oder die um 1900 entstehenden Sanatorien angelegt wurden. Diese Entwicklung bewirkte ihrerseits eine weitere Überformung der Stadtgestalt der Kurstadt.107

Abb. 8: Plan von Bad Orb von 1913. Links in grau gehalten die Altstadt, rechts davon das Kurgebiet (Sonderblatt aus: Holger Th. GRÄF, Bad Orb. Hessischer Städteatlas III/2, Marburg 2013)

War die Kurstadt von ihrer Entstehungsgeschichte her eher dem 18. beziehungsweise frühen 19. Jahrhundert verpflichtet, so entsprach die gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstehende Gartenstadtbewegung mit ihren sozialreformerischen Ideen den gesellschaftlichen Veränderungen durch die Industrialisierung. Verbindend war jedoch die Neuanlage außerhalb der alten Städte beziehungsweise Metropolen.108

Abgesehen von den privaten oder neu angelegten öffentlichen Parks entstanden vor allem um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und darüber hinaus funktionale Grünflächen, die sowohl im Zusammenhang mit den Stadterweiterungen wie auch mit neuem Freizeitverhalten standen. Dabei handelt sich zum einen um die aus der Stadt ins Umland „ausgelagerten“ Friedhöfe, denn die innerstädtischen waren nicht nur aufgrund des Stadtwachstums zu klein, sondern auch aus hygienischen Gründen, vor allem der Grundwasserkontamination, bedenklich geworden. So war etwa in Wien 1874 der interkonfessionelle Zentralfriedhof auf einem Areal von über zwei Quadratkilometern eröffnet worden und gilt damit bis heute als eine der größten Nekropolen Europas. Die innerstädtischen beziehungsweise die durch die Josephinischen Reformen 1784 außerhalb des sogenannten Linienwalls109 angelegten Friedhöfe wurden hingegen zu Parks umgestaltet – und erweiterten auf diese Weise die innerstädtischen Grüngebiete.110 In Frankfurt war hingegen der Hauptfriedhof bereits 1828 angelegt worden. Er umfasste in etwa eine Fläche von sieben Hektar und war von Stadtgärtner Sebastian Rinz (1782–1861), der bereits die Wallgärten geplant hatte, im Stil eines Landschaftsgartens angelegt worden. Der innerhalb des Festungswalls gelegene alte Petersfriedhof, der mehrfach – zuletzt bis an die Stadtmauer – erweitert werden musste, wurde 1858 ebenfalls von Rinz in einen weiteren Landschaftsgarten umgewandelt.111

Zum anderen entstanden Grünanlagen für den Breitensport – teils in die großen Volksparks integriert, zunehmend jedoch auch als eigene Sportstätten, Spielwiesen oder Schwimmbäder.112 Dieses Phänomen manifestierte sich auch im veränderten Umgang mit dem Stadtgrün: „Wenn ich an das Entsetzen denke, welches mich überkam, als mir zum ersten Male ernstlich nahegelegt wurde, eine größere Nutzbarmachung unserer Anlagen für die Bevölkerung und insbesondere die Freigabe der Rasenflächen ins Auge zu fassen, dann muß ich unwillkürlich lächeln. So etwas schien einem zunächst ganz undenkbar und das ist so begreiflich, wenn man sich die Form unserer bisherigen Stadtparks vorstellt, die sozusagen nur die guten Stuben für die Bevölkerung und sauber herausgearbeitete Zieranlagen bildeten, in denen man die Zuchtergebnisse unserer Gärtnereien in sorgfältigster Aufmachung zur Schau zu stellen gewohnt war. Je mehr man sich aber mit anfänglich von der Hand gewiesenen Gedanken vertraut machte, umso mehr drängte sich einem die Überzeugung auf, daß die Sache doch einen sehr berechtigten Kern habe, und man begann über die Möglichkeit ihrer Durchführung ernsthaft nachzudenken. Und wie erst der Wille sich einstellte, da war auch der Weg bald gefunden. Der Ostpark, der nicht erst unter der Einwirkung unserer Studienfahrt nach England entstanden ist, mag als ein Beispiel für die Entwicklung unserer Anschauungen in solchen Angelegenheiten gelten.“113 So schrieb der Frankfurter Gartenbaudirektor Carl Heicke (1862–1938) 1910, unter dessen Ägide erstmalig entsprechende Grünzonen eingerichtet wurden.114

Dieses Zitat belegt auch gut die Tatsache, dass das Grün in den Städten auch immer den jeweiligen menschlichen Bedürfnislagen entsprechend – sicherlich auch von gesellschaftspolitischen Entwicklungen abhängig – umgeformt wurde. So hatte während des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung zu einem enormen Stadtwachstum geführt, das nicht nur die Beschaffung von Wohnraum, sondern auch von Grünflächen erforderlich machte. Diese wandelten sich in Form und Funktionalität aufgrund von veränderten Gesundheitsvorstellungen und Freizeitverhalten. An Größe verloren sie im Verlauf des 20. Jahrhunderts aufgrund von verdichteter Bebauung und der rasch zunehmenden Individualmobilität, die weitere Schneisen in das urbane Grün schlug.

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Aus dieser chronologischen Entwicklung heraus ergibt sich eine ganze Reihe von weiteren Fragestellungen, die insbesondere von stadthistorischer Relevanz, aber auch von zahlreichen anderen Fachgebieten in den Blick genommen werden können:

–    So bleibt etwa die Frage nach dem Gegensatz Stadt – Land, Kultur – Natur, die sich in gartentheoretischen Werken, je nach Verfasser, unterschiedlich dargestellt. Die inhaltliche Bewertung der Gegenüberstellung von Stadt und Natur, Zivilisiertheit und Unzivilisiertheit, divergierte in der Geschichte Europas durch die Jahrhunderte stark zwischen Hinwendung und Abkehr.115 Clemens Alexander Wimmer etwa fragt in seiner Geschichte der Gartentheorie nicht nur danach, wer über Gärten schreibt, sondern auch, wer Gärten entwirft und anlegt.116 So sieht er auch die Antike wie die Renaissance geprägt von Universalgelehrten wie Leon Battista Alberti, Francesco Colonna oder Erasmus von Rotterdam (1466/1469–1536), um nur die bekanntesten zu nennen. Das 16. Jahrhundert hingegen war eher dominiert von Ärzten und Pflanzenspezialisten, während erst im 17. Jahrhundert auch Gärtner und Architekten wie Joseph Furttenbach zu Wort kamen – was Wimmer mit deren geringem gesellschaftlichen Ansehen begründet. Dementsprechend dominierten weiterhin auch gebildete Laien bei den Publikationen – etwa der Thüringer Pfarrer Johann Peschel (1535–1599) oder Antoine-Joseph Dézallier d’Argenville (1680–1765) mit seiner weit verbreiteten und in zahlreichen Auflagen erschienenen „Théorie et la Pratique de Jardinage“.117 Das 18. Jahrhundert erscheint dann als dasjenige der Philosophen, darunter Kant, Herder, Schlegel oder Hirschfeld, und Dichter wie Pope, Rousseau oder Walpole, die sich allesamt mehr oder weniger intensiv mit dem Garten, insbesondere dem Landschaftsgarten befassten. Erst im 19. Jahrhundert lösten dann berufsmäßige Gartenautoren wie Friedrich Ludwig von Sckell (1750–1823) – Architekten wie Gärtner –, die bis dahin überwiegenden Laien wie Hermann von Pückler-Muskau (1785–1871) ab.118 Zur Debatte standen inhaltlich neben dem Ertrag des Gartens als Kulturlandschaft, seine Wirkung auf Körper, Gefühl und Verstand – und davon ausgehend auf Transzendenz und Moral. Der Gegensatz von Kunst und Natur beziehungsweise deren Zusammenwirken im Garten stand dabei ebenso zur Diskussion wie Ästhetik und Wissenschaft sowie der Garten als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse. Stile und Moden, Repräsentation und Aufwand interessierten ebenso wie Funktion, Lage, Form oder Größe.119

–    Die Verbreitung von „Grün“ in unterschiedlichen Städten beziehungsweise Stadttypen wäre im Wortsinn zu vermessen. Insbesondere für die vorindustrielle Stadt bieten hier beispielsweise die Karten der Städteatlanten eine hervorragende Grundlage. Der Österreichische Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung hatte auch Anteil am Österreichischen Städteatlas – einem Teilprojekt des Europäischen Atlaswerkes. Abgesehen von den Gärten und Parks des Bürgertums, des Adels und der Klöster sowie den botanischen Gärten, die alle als Hortus conclusus vorzustellen sind, gilt die vormoderne Stadt ja meist noch als die erwähnte „mauerbewehrte Insel der Zivilisation im Meer der Natur“. Welche Rolle spielten aber beispielsweise die Friedhöfe, Wallanlagen und Zwinger, Schulgärten oder „Ödflächen“, etwa Flussufer oder steile Böschungen, als öffentliches Grün? Welchen Anteil hatten kleine Nutzgärten beziehungsweise Kleingartenanlagen am städtischen Grün? Ebenfalls auf der Grundlage der Städteatlasmappen kann empirisch untersucht werden, wie sich nach der Entfestigung auch öffentliches Grün mit entsprechenden Anlagen wie Promenaden und dergleichen erheblich ausweitete, gleichzeitig aber auch private stadtbürgerliche Gärten, seien es Nutzoder Ziergärten, insbesondere das Glacis der ehemaligen Wallanlagen besetzten.

–    „Grün in der Stadt“ wäre als Aspekt der habituellen Urbanisierung vor allem im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts zu untersuchen, etwa in der Verbreitung von Gewächshäusern und Wintergärten als Aspekte einer verfeinerten bürgerlichen Lebens- und Konsumform, wozu beispielsweise auch das Sammeln exotischer Pflanzen gehörte.120 Hierbei wären unter anderem auch die Vermarktungswege und Werbestrategien zu berücksichtigen.

–    Die Entstehung neuer öffentlicher beziehungsweise öffentlich/privater Räume durch Entfestigung und Stadterweiterung bei gleichzeitigen Differenzen um deren Nutzung und in der Folge Kampf um die politische Deutungshoheit im Verlauf des 19. beziehungsweise beginnenden 20. Jahrhunderts: Die Anlage von Parks und Vorgärten, Begrünung von bestehenden oder neu angelegten Plätzen (Schmuckplatz), vom Stadtpark zum Volkspark und in der Folge die Integration von Sportanlagen.121 Dabei war die Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus derart prägend, dass es bis weit in die 1960er Jahre dauerte, bis urbane Landschaftsgestalter zu neuen Ideen fanden.

–    Schließlich das Verwischen der Grenzen zwischen Stadtraum und Umland sowie zwischen „Grün“ und Architektur in den heutigen Metropolen und hochurbanisierten Regionen. Der Bogen ließe sich etwa vom Trend des „Urban gardening“ mit kleinsten Nutzgärten im „öffentlichen Raum“, auf Balkons und Dächern über das „Blackbox“- und „Guerilla gardening“ mit Samenbomben bis hin zu dem Rückzug des Grüns aus den privaten Gärten ziehen (Stichwort: „Grau ist das neue Grün“ – von Gabionen und falsch verstandenen Kiesgärten).122 Aber auch die „Renaturalisierung“ von Industriebrachen wie dem Tempelhofer Flugfeld als Großprojekt in Berlin oder anderen Freiflächen steht ebenso zur Debatte wie im Kleinen die Begrünung von Innenhöfen, Dachgärten, Fassaden, Tiefgaragen etc. Es mag daher wohl auch kein Zufall sein, dass der Deutsche Städtetag sein Positionspapier vom 24. September 2019 mit „Grün in der Stadt“ betitelte, in dem zwar die Bedeutung des Stadtgrüns in vielerlei Hinsicht betont wird, allerdings enthält es weder konkrete Vorschläge noch bindende Vorgaben.123

Quellen und Literatur

Quellen

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Literatur

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