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Im Buch wird gezeigt, dass die zeitgenössische Physik auf Axiomen beruht, die auch im universitären Unterricht nicht erwähnt werden. Ebenso wird der Mythos des vorurteilsfreien Naturwissenschaftlers hinterfragt. Ergänzt wird der Text durch Bemerkungen zur Fachdidaktik der Physik.
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Seitenzahl: 23
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Edwin Gräupl
Grundlagen und Grenzen der Physik
Gegen die Hybris
Verbesserte und erweiterte Neuauflage
neobooks.com
I
2015
ISBN-13 978-3-7380-2166-0
Allen denen gewidmet, denen Bildung mehr bedeutet als Ausbildung, besonders denen, die Physik unterrichten.
In meiner Studienzeit an der Universität Innsbruck gab es für kurze Zeit ein Diskussionsform (sieben Jahre vor 1968!) darüber, wie weit Theologie eine Wissenschaft sei. Dabei wurde im wesentlichen (vom Mathematiker und Freidenker Wolfgang Gröbner gegen den berühmteren katholischen Theologen Karl Rahner) damit argumentiert, dass Theologie auf Axiomen aufbaue, die geglaubt werden müssten, während die Naturwissenschaft voraussetzungsfrei wäre.
Ich (obwohl oder besser weil ich Physikstudent war) brachte damals das Argument ein, dass der Naturwissenschaftler beim „Schluss“ vom vergangenen Experiment auf die künftige Anwendung ebenfalls auf seinen Glauben angewiesen wäre.
Ich habe meine Meinung seit damals in diesem Punkt nicht geändert. Nach meiner Überzeugung ist ohne das Fundament gewisser Grundannahmen nichts möglich, sei es in der Naturwissenschaft oder sogar in der Mathematik.
Im Folgenden werde ich diese Position für den Fall der Physik genauer darlegen. Ich glaube, dass das zwar dem „working scientist“ sehr egal sein wird, dem Lehrer der Naturwissenschaften darf es aber nicht gleichgültig sein. Physik im Bildungskanon muss mehr bieten können als Rechenrezepte.
Es geht hier nicht darum, die großartigen Erfolge der Naturwissenschaft Physik klein zureden, sondern ein Wort für die intellektuelle Redlichkeit einzulegen.
Auch die Wissenschaft Physik ist von Menschen entwickelt worden und damit den Begrenzungen der menschlichen Natur unterworfen. Allen Physikern möchte ich dringend empfehlen, sich der Vorläufigkeit und Gefährdung ihrer Ergebnisse klar bewusst zu sein. Hochmut ist nicht angebracht. Um mit den Worten aus dem Canto LXXXI von Ezra Pound zu sprechen:
„Pull down thy vanity, I say pull down“
Hier soll das diskutiert werden, was allen Lehrgängen der zeitgenössischen Physik zu Grunde liegt, ohne dass darüber je ein Wort verloren würde. Das alle ist für den „working scientist“ so klar, dass jede Diskussion mit einem Anfänger darüber schlechthin unsinnig erscheint. Allenfalls gealterte Nobelpreisträger schreiben post festum in Büchern, die alle ansprechen sollen, einige Worte dazu.
Ich muss gestehen, dass ein Student gut beraten ist, sich alle Techniken der Physik mit maximalem Eifer anzueignen. Wer lange über die Voraussetzungen nachdenkt, wird kein erfolgreicher Physiker werden, leider. Hier, in diesem Büchlein, darf aber nachgedacht werden: Was sind die unausgesprochenen Axiome und Prinzipien der Physik?
Die „Realität“
Seit Jahrtausenden haben Philosophen darüber nachgedacht, was ausser meinem (nach Descartes unbezweifelbaren) „Ich“ noch existiert. Dazu gibt es eine Vielzahl von Positionen, etwa nach der Wikipedia: Ontologischer Realismus, Erkenntnistheoretischer Realismus, Schwacher Realismus, Naiver Realismus, Repräsentationaler Realismus, Interner Realismus, Kritischer Realismus, Hypothetischer Realismus, Pragmatizismus usw. usw.
