Grünröcke erzählen ... -  - E-Book

Grünröcke erzählen ... E-Book

0,0

Beschreibung

Mit den Geschichten, die Hubert Molitor aus alten deutschen Jagdzeitschriften zusammengesucht hat, begibt man sich auf eine Zeitreise in die ersten Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts. Schon im ersten Band von "Grünröcke erzählen …" hat der Autor sein Gespür für fesselnde, humorvolle und zum Nachdenken anregende Geschichten unter Beweis gestellt. Die Auswahl an jagdlichen Erzählungen umfasst Treibjagden im Flachland Sachsens und Preußens oder Saujagden in Schleswig-Holstein ebenso wie die Gamsjagd im alpinen Hochgebirge oder die Jagd auf Fuchs, Hase, Birkwild, Reh und Hirsch im Spessart oder in Bayern. Insgesamt ein Lesevergnügen der besonderen Art!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 325

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Hubert Molitor (Hg.)

GRÜNRÖCKEERZÄHLEN …

Noch mehr heitere undbesinnliche Jagdgeschichtenaus Urgroßvaters Zeiten

Leopold Stocker Verlag

Graz – Stuttgart

Umschlaggestaltung: DSR Werbeagentur Rypka GmbH, 8143 Dobl, www.rypka.at Titelbild: iStock

Bildnachweis: Illustrationen aus den im Literaturverzeichnis auf S. 4 genannten Jagdzeitschriften

Der Inhalt dieses Buches wurde vom Autor und vom Verlag nach bestem Gewissen geprüft, eine Garantie kann jedoch nicht übernommen werden. Die juristische Haftung ist ausgeschlossen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Hinweis: Dieses Buch wurde auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt. Die zum Schutz vor Verschmutzung verwendete Einschweißfolie ist aus Polyethylen chlor- und schwefelfrei hergestellt. Diese umweltfreundliche Folie verhält sich grundwasserneutral, ist voll recyclingfähig und verbrennt in Müllverbrennungsanlagen völlig ungiftig.

Auf Wunsch senden wir Ihnen gerne kostenlos unser Verlagsverzeichnis zu:

Leopold Stocker Verlag GmbH

Hofgasse 5 / Postfach 438, A-8011 Graz

Tel.: +43 (0)316/82 16 36

Fax: +43 (0)316/83 56 12

E-Mail: [email protected]

www.stocker-verlag.com

ISBN 978-3-7020-1957-0eISBN 978-3-7020-2051-4

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, auszugsweisen Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsanlagen aller Art, sind vorbehalten.

© Copyright by Leopold Stocker Verlag, Graz 2021

Layout: Repro: Ecotext-Verlag Mag. G. Schneeweiß-Arnoldstein, Wien

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Der Bock des Forstrates

von Gtz

Acht Tage vor Johanni

von F. W.

Wildschaden

von E. H.

Der Hirsch von Loipfering

von A. v. Scanzoni

Wenn der Birkhahn balzt

von Julius R. Haarhaus

Der weiße Hase

von Julius R. Haarhaus

Pflicht

von Joseph Strobl

Im Almrausch

von Arthur Schubart

Treibjagderlebnisse

von er

„Auf Seiner Majestät Allerhöchsten Befehl“

von G. E.

Jochen Waldmann

von Ludwig Fründt

Die Saujagd

von W. Freiwolf

Aus schönen Zeiten

von „pp“

Die Wette

von J. C. B.

Der kluge Dackel

von H. v. Bolckamer

Verschnappt

von J. v. Immendorf

Literaturverzeichnis

Bolckamer H. v., Der kluge Dackel, Deutsche Forst- und Jagdzeitschrift, 1902, Nr. 15, S. 2 ff.

E. H., Wildschaden, Der Deutsche Jäger, 1920, S. 233

er, Treibjagderlebnisse, Der Deutsche Jäger, 1923, S. 564 ff.

Freiwolf W., Die Saujagd, Der Deutsche Jäger, 1924, S. 356 ff.

Fründt Ludwig, Jochen Waldmann, Der Deutsche Jäger, 1923, S. 113 ff.

F. W., Acht Tage vor Johanni, Der Deutsche Jäger, 1920, S. 265 ff.

G. E., Auf Seiner Majestät Allerhöchsten Befehl, Der Deutsche Jäger, 1920, S. 516

Gtz, Der Bock des Forstrates, Der Deutsche Jäger, 1920, S. 310

Haarhaus Julius R., Wenn der Birkhahn balzt, Der Deutsche Jäger, 1923, S. 12 ff.

Haarhaus Julius R., Der weiße Hase, Der Deutsche Jäger, 1923, S. 239 ff.

Immendorf J. v., Verschnappt, Deutsche Forst- und Jagdzeitschrift, 1902, Nr. 23, S. 2 ff.

J. C. G., Die Wette, Der Deutsche Jäger, 1927, S. 36 ff.

pp, Aus schönen Zeiten, Der Deutsche Jäger, 1928, S. 568 ff.

Scanzoni A. v., Der Hirsch von Loipfering, Der Deutsche Jäger, 1923, S. 117 ff.

Schubart Arthur, Im Almrausch, Der Deutsche Jäger, 1923, S. 562 ff.

Strobl Joseph, Pflicht, Der Deutsche Jäger, 1923, S. 551 ff.

Vorwort

Es hat mich schon überrascht, als ich im Frühjahr 2019 ein Schreiben vom Leopold Stocker Verlag erhielt, in dem man um die Erstellung eines Folgebandes zu „Grünröcke erzählen …“ anfragte.

Niemals hätte ich vermutet, dass die alten Jagdgeschichten einen solchen Anklang finden würden. Gerne erklärte ich mich daher bereit, erneut im Nachlass meines Großvaters, eines Revierförsters aus Amberg in der Oberpfalz, zu forschen.

Mit diesem Folgeband möchte ich Ihnen, lieber Leser, das Ergebnis meiner archivarischen Bemühungen präsentieren.

Die Geschichten wurden eingescannt, die Formulierungen sowie die Zeichensetzung wurden originalgetreu übernommen. Allerdings wurde die Rechtschreibung den heutigen Regelungen entsprechend korrigiert. Die Geschichte „Der Hirsch von Loipfering“ haben wir als einzige Ausnahme nicht korrigiert, um Ihnen einen Eindruck zu vermitteln, dass orthografische Einheitlichkeit oder richtige Beistrichsetzung manchmal zu wünschen übrig ließen.

Ich wünsche Ihnen mit den Geschichten aus Urgroßvaters Zeiten viel Freude.

München, Juli 2021

Hubert Molitor

Nicht erst in unserer heutigen Zeit ist es bei Jagdpächtern und Forstleuten üblich, gut veranlagte, junge Rehböcke zu schonen, um dem Rehbestand für künftige Generationen die besten Gene zu sichern. Dass mit dieser Methode auch kapitale Abschussböcke heranwachsen, ist für den Revierinhaber ein angenehmer Nebeneffekt. Wenn es sich bei einem starken Bock dann um einen Grenzgänger handelt, kann es schon mal vorkommen, dass der gehegte Einstandsbock versehentlich vom Jagdnachbarn geschossen wird, falls sich der Gehegte in das fremde Revier verirren sollte.

Heute zeigen selbstverständlich alle Jagdherren für derartige Vorkommnisse volles Verständnis. In früheren Zeiten soll es aber schon mal vorgekommen sein, dass bei einem solchen Abschuss – je nach betroffener Seite – auch unkameradschaftliche Emotionen wie Schussneid oder Schadenfreude aufgekommen sind. In der folgenden Geschichte bekennt sich ein Zeitgenosse offen zu solchen uns heute unbekannten Abartigkeiten. Allerdings fühlte sich der Erleger des Grenzbocks bei der Schilderung der Geschichte offensichtlich schon damals nicht besonders stolz, weil er das Erlebnis nicht unter seinem Namen, sondern unter dem Kürzel „Gtz“ veröffentlichte.

Der Bock des Forstrates

von Gtz

Es war am 14. Juni 1904. Ich war damals noch als untergeordneter Beamter in dem kleinen Industriestädtchen R. im obersten nordöstlichen Winkel Oberfrankens, in welchem außer anderen Behörden auch ein Forstamt seinen Sitz hatte, eingesetzt.

Wie es überall und immer so war und auch im neuen gepriesenen demokratischen „Freiheitsstaate“ nicht anders sein wird, dass der Ober den Unter sticht, so war es damals auch bei mir. Meine einzige Leidenschaft war damals schon die Jagd und alles, was mit ihr zusammenhängt.

Mein Vorgesetzter hingegen war ein Herr mit weibischem Charakter und jedem männlichen Tun abhold. Ihm entsprach es mehr, um Weiberröcke herumzuscharwenzeln, fade Gesellschaften zu besuchen und dort Komplimente zu machen. Bei dieser Verschiedenartigkeit unserer Charaktere und Liebhabereien war natürlich unser Verhältnis recht bald kein gutes. Besonders war es ihm ein Gräuel, dass ich auf die Jagd ging, und ich durfte ja keine Stunde meines Dienstes damit versäumen.

Das Fronleichnamsfest in der nahen böhmischen Grenzstadt versäumte er kein Jahr. Darauf baute ich einen Plan.

Ich hatte in den letzten Tagen an einem Weiher an der Grenze des Staatswaldes, den nur ein Streifen hohes Holz von der Gemeindejagd trennte, allabendlich etwa ein halbes Dutzend Rehe austreten sehen. Sollte darunter kein guter Bock sein? Mir hierüber Gewissheit zu verschaffen und, wenn es mochte, Weidmannsheil zu haben, dazu sollte mir die Reise meines „Oberen“ zur Fronleichnamsprozession verhelfen.

Ich baute mir schon nachmittags am Rande der Wiese zwischen drei aus einem Stock gewachsenen hohen Fichten einen allerdings recht winzigen Hochsitz, von dem aus ich den ziemlich steilen Hang hinauf den am Wechsel von meinem Freund Richard, dem Forstgehilfen, erbauten, bequemen Hochstand überschauen konnte. Wenn der allerdings heute seinen Stand bezog, saß ich hier unten gut und trocken.

Als die Sonne ihre abendlichen Strahlen auf die Spitzen des Waldsaums sandte, erkletterte ich mein Krähennest und wartete der guten Dinge, die da kommen sollten oder auch nicht. Ein lieber Freund, den längst der grüne Rasen deckt, hat es ein einziges Mal gewagt, den Hochsitz zu besteigen. Er schwor sich hoch und heilig, es kein zweites Mal zu tun. Bis elf Uhr nachts hat er es nicht gewagt, wieder herabzusteigen, und nur die Furcht, die Nacht dort droben verbringen zu müssen, gab ihm den Mut der Verzweiflung. Mit zerschundenen Beinen und einer zerrissenen Hose kam er unten an. Mir war das gerade recht. Ich baute meine Hochsitze doch nicht für andere.

Ich saß schon eine Stunde und noch eine droben. Der Hochstand meines Freundes von der feindlichen Partei blieb leer; eine gute Vorbedeutung. Auch die Buben, welche allabendlich auf Geheiß des Forstmeisters die Staatswaldgrenze abklopfen mussten, versahen heute ihren nicht gut bezahlten Dienst schlecht und ließen mich in Ruhe.

Sieben Rehe waren schon unter mir auf die Wiese ausgetreten, ohne dass ein halbwegs guter Bock dabei gewesen wäre. Schräg draußen schnürte über die weite Wiese ein Fuchs, der etwas im Fang trug. Auf einem Erdhügel verhoffte er wie ein apportierender Hund. Ein Blick durchs Glas zeigte mir, dass er einen Junghasen im Fang hatte. Im nächsten Augenblick verschwand er mit seiner Beute im hohen Gras.

Die Turmuhr in der nahen Stadt schlug die neunte Stunde. Ich gab schon jede Hoffnung auf, dass mir Diana, das launische Frauenzimmer, heute noch hold sein würde, und wollte eben, nach einer weiteren Viertelstunde, von dem luftigen Sitz herabsteigen, da stand unter mir ein Stück, das ganz geräuschlos gekommen war und auf die Wiese hinaus sicherte. Durch das Fernglas sah ich, dass es vor den Lauschern „dick aufhatte“. Also vermutlich kein geringer Bock. Bis ich zum Gewehr griff, stand er schon draußen auf der Wiese, aber noch in schussgerechter Entfernung. Nun hieß es fix sein. In der nächsten Minute brach sich das Echo des Schusses im weiten Staatswald hinter mir, und im Feuer brach der Bock zusammen. Nun rasch hinab und noch einen Schuss auf den Träger, der den Braven, der wieder auf wollte, ins Gras warf. Und ein Braver war es, wie ich nun zu meiner Freude sah. Ein kapitaler Sechser mit tiefbraunem, allerdings nicht gleichmäßigem, aber klobigem, mäßig hohem, bis hinauf geperltem, auf starken zusammengewachsenen Rosenstöcken stehendem Gewichtl.

Da es inzwischen zum Aufbrechen des Bockes schon zu dunkel war, schleppte ich ihn zu der in einer Entfernung von einigen hundert Schritten vorbeiführenden Staatsstraße, um ihn auf mein im Gebüsch verstecktes Rad zu verstauen.

In diesem Moment kam Freund Richard die Straße herabgeradelt. Ich ersuchte ihn, mir beim Festmachen des Bocks etwas behilflich zu sein. Richard warf einen raschen Blick auf die Trophäe des Bocks, und mit dem Gruß des Götz von Berlichingen schwang er sich wieder aufs Rad und sauste davon. „Du bist aber heute recht unfreundlich, du bist doch sonst nicht so.“

Als ich nach fünfundvierzig Minuten mit meinem Bock im Gasthof zum Kronprinzen angeschoben kam, wurde ich von den allabendlich nach der Jagd dort versammelten Jagdfreunden mit Hallo begrüßt und um meinen Bock, den vorher noch keiner gesehen hatte, ehrlich beneidet.

Am nächsten Vormittag begegnete mir Freund Richard. Auf meine Frage, warum er am Abend zuvor so unfreundlich und ärgerlich gewesen sei, klärte er mich auf: „Da soll man nicht ärgerlich sein? Zwei Jahre musste ich auf den Bock achtgeben. Wie oft hab ich auf ihn angelegt? Aber ich durfte ihn ja nicht schießen. Und gestern Abend sollte ihn auf die Einladung des Forstmeisters der Forstrat aus B. zu seinem Geburtstag schießen. Es geschieht ihm aber auch recht. Warum hat er auf den lumpigen Gabler geschossen? Dadurch hat er den Alten aus der L. vergrämt und dir hinübergejagt. Der Forstmeister ist fuchsteufelswild wie ein alter Dachs, und der Forstrat fuhr heute früh ärgerlich wieder heim. So ein Saudusel! Schießt uns der Kerl den besten Bock im gesamten Staatswald weg. Himmelsakrament!“

Also deswegen!

Schadenfreude ist bekanntlich eine allen Jägern anhaftende, diesen auch erlaubte, den anderen Sterblichen aber nicht zu empfehlende Untugend. Und wie schadenfroh war ich und wie freute mich nun erst recht mein Bock!

Er und die Umstände seiner Erlegung entschädigten mich für manchen Ärger, den mir und anderen der Forstmeister und sein gefügiges Personal durch ihren Jagdneid und ihr wenig gutnachbarschaftliches Verhalten verursacht hatten. Auch meinem Freund, dem Forstgehilfen Richard, der mir in aller Freundschaft, wenn es gerade passte, auch manch guten Bock wegschoss, hatte ich unbewusst ein Schnippchen geschlagen.

Noch heute freut mich die Geschichte, wenn ich das stolze Gewichtl betrachte, auf dessen weißem Schädel geschrieben steht: „Der Herr Forstrat!“

Wenn es um Schonzeiten geht, dann nimmt es der moderne Jäger schon aus Gründen der Weidgerechtigkeit damit sehr genau. Bevor das Wild nicht nach dem Gesetz freigegeben ist, wird es auch nicht geschossen. Manchmal soll es allerdings vorkommen, dass Jäger schon vor Beginn der offiziellen Schusszeit auf den Hochsitzen verweilen. Dieser Umstand dient allerdings ausschließlich dem Zweck, den momentanen Wildbestand zu ermitteln. Niemals würde es einem zeitgenössischen Weidkameraden einfallen, dabei Beute zu machen. Selbstverständlich würde sich heute ein Jäger nicht einmal dann zu einem vorzeitigen Schuss verleiten lassen, wenn er genau weiß, dass er den in seinem Jagdrevier kurzfristig eingewechselten Hirsch niemals mehr wiedersehen und ihn der Nachbar mit Sicherheit bekommen wird. Eine derartige Charakterstärke gab es unter den Weidmännern leider nicht zu allen Zeiten, wie die folgende Geschichte zum Ausdruck bringt.

Acht Tage vor Johanni

von F. W.

Der Förster P. in W. im Spessart war ein biederer Charakter, ein Ehrenmann, treu seinem Herrn, dem Grafen von Sch. W., ein Pfleger des Waldes und Heger des Wildes. Alljährlich schoss P. zwanzig bis fünfundzwanzig gute Rehböcke, mehrere Haselhühner, Schnepfen und Bekassinen, etliche Füchse, Dachse und Marder, Hasen und Hühner weniger. Rotwild und Sauen waren Wechselwild aus dem Staatswald – Spessart Park –, kamen über Nacht und verloren sich bald wieder. Es war ihnen schwer beizukommen, höchstens bei einem schnell zusammengestellten Treiben. Zumeist fehlten die nötigen Schützen und Treiber, und wenn das Wild im Trieb angetroffen wurde, ging es stets zurück. Einmal kam es anders. Das darf ich nun nach vielen Jahren verraten. P. hat es mir in meiner Jugend anvertraut. Ich habe geschwiegen, aber jetzt will ich ihm mit seinem Erlebnis den letzten grünen Bruch noch weihen.

Am St. Veitstag 1864, wie gewöhnlich sehr früh, ging P. in sein Revier. In der „Fauldelle“ fand er die Fährte von einem starken Hirsch, der von drüben aus dem Staatswald kam und sich, wie es schien, niedergetan hatte. Fährten, wonach der Hirsch wieder ausgewechselt sei, konnte P. nicht finden.

„Was tun?“, dachte sich P. „Die Schusszeit beginnt an Johanni, heute ist der 15. Juni. Wenn der Hirsch den Tag über im Holz bleibt, zieht er abends auf den Klee oder den jungen Haferacker. Ich wag es“, dachte sich P., „und stelle mich heute Abend an der großen Buche an. Wenn der Hirsch herauszieht, kommt er mir nicht mehr aus.“

P. stellte sich gegen sieben Uhr an. Kugel im rechten, starkes Schrot im linken Lauf. Damals, 1864, war auch der Schrotschuss auf Schalenwild noch erlaubt.

Der Hirsch kam pünktlich, ein ungerader Zehner, ein starkes Stück Hochwild. Langsam zog der Hirsch herauf, immer besser zum Schuss.

„Soll ich oder soll ich nicht?“ So tobte der Kampf in des Försters Brust.

„Wenn ich ihn nicht schieße, schießt ihn ein anderer. Der Hirsch kommt nicht zurück. Am Ende bringt ihn ein Wilderer um.“

Jetzt galt es. Ein Druck, ein Blitz, ein Knall. Die Kugel saß und der Hirsch lag am Boden.

„Wie wird es mir gehen?“, dachte sich P. und besichtigte die Strecke, halb Freude, halb Reue.

P. ging nach Hause. Schlafen konnte er nicht. Um zwei Uhr früh war er wieder bei seinem Hirsch. Acht Tage vor Johanni!

P. machte sich aus Buchengerten eine Schlaufe, zog den Hirsch langsam hinunter an den Wassergraben und legte ihn sorgfältig im Dickicht nieder. Der Plan war gut durchdacht. Der Hirsch ist, von einem Wilderer geschossen, lechzend nach Wasser, am Graben zusammengebrochen und verendet.

Am anderen Tag schaute P. wieder nach. Der Hirsch war noch da. Am dritten Tag kam der gräfliche Revierförster von W. und traf P. in der neuen Kultur. P. hatte seinen Dachshund „Panzer“ bei sich, der sehr verlässlich auf der Schweißfährte war. P. schlug vor, über die „Fauldelle“ unten am Michelbach den Reviergang anzutreten. Der Revierförster war einverstanden. Auf einmal gab „Panzer“ Standlaut. Beide Förster verhörten. P. schwieg. Er wusste, was das bedeutete. Der Revierförster W. dagegen sagte erstaunt: „Sie, der Panzer verbellt!“

Kennt ihr Leser den lang gezogenen Klagelaut des Schweißhundes? Dann rieselt es euch bei dieser Erinnerung warm den Rücken hinunter.

„Schauen wir nach, was der Hund hat“, sagte der Revierförster.

Gewehr ab, den Hahn gespannt, gingen beide Jäger auf die Stelle zu, und siehe, Panzer stand am verendeten Hirsch und gab Hals. Bei diesem Anblick herrschte allgemeines Erstaunen und gegenseitige Verwunderung.

„Wo ist der Hirsch geschossen und wo ist der Anschuss?“, waren die ersten Fragen.

„Der Hirsch hat einen guten Blattschuss“, war die Antwort. Der Revierförster meinte: „Die Lage ist schön, aber nicht echt. Dass der Hirsch am Wassergraben zusammenbrach, wäre noch glaubwürdig. Allein, wie erklärt sich dies bei dem guten Schuss?“

P. erwiderte: „Der Hirsch ist bestimmt drüben im Staatswald beschossen worden, dann den Hang herunter geflüchtet und schließlich hier zusammengebrochen. Selbst bei einem Blattschuss ist das noch leicht möglich.“ Die beiden Jäger blieben unschlüssig über den Vorfall. Panzer wurde gelobt und gefragt: „Was meinst du?“ Panzer freute sich, wedelte mit der Rute und schwieg.

„Der Hirsch gehört nun uns“, sagte der Revierförster. „Wir schaffen ihn fort, das Wildbret hat nicht gelitten.“

Am Nachmittag wurde der Hirsch zerwirkt und verteilt. Acht Tage vor Johanni! Beide Zeugen erzählten die Geschichte über den Fund gleichlautend, so wie sie sich zugetragen hatte, aber keiner der benachbarten Jäger und Förster glaubte diese Mär.

„Den Hirsch hat der P. geschossen. Acht Tage vor Johanni! Dann hat er ihn versteckt, bis in schlauer Weise der Panzer auf Geheiß des P. ihn im Beisein des Revierförsters arglos entdeckt und verbellt hat. Gut gemacht!“

P. blieb ruhig und schwieg. Auch später kam bei den Herbstjagden öfter die spitze Frage, ob der Panzer nicht wieder einen Acht- oder Zehnender gefunden habe. P. war gerettet und der Hirsch nicht verloren, acht Tage vor Johanni.

Der folgende Bericht stammt aus dem Jahre 1920. In den schlechten Nachkriegsjahren keimten bei manchen Bauern gegenüber den Jagdpächtern gewisse Begehrlichkeiten pekuniärer Natur. Dabei soll es vorgekommen sein, dass die Herren Ökonomen neben dem ohnehin schon überteuerten Pachtzins auch noch einen Profit aus vom Wild angeblich verursachten Flurschäden ziehen wollten. Selbstverständlich würde es in unserer heutigen Zeit keinem Landwirt mehr in den Sinn kommen, wegen solcher Banalitäten die eigene Zeit zu verschwenden. Damals herrschten aber halt andere Verhältnisse.

Wildschaden

von E. H.

Es war im Sommer zur Blattzeit. Auf einem Jagdgang kam ich an einem Einödhof vorbei. Da rief mir der Bauer, der gerade im Garten stand, zu: „He, Sie, he! Sie kummen grad recht, d’ Reh arbeiten alles auf. So viel solche Luder gibt’s scho, dass ganz aus is. In mein Woazacker is ein Fleck, so groß wie a Stuben, ganz z’sammg’rittn. I’ kann nimmer anders, jetzt muss i Wildschaden verlangen.“

Den Mann kannte ich als „ganz Genauen“ und als Wildfeind. Was blieb mir übrig? Ich forderte ihn auf, mir den Platz zu zeigen. Er führte mich dann auch gleich hin. Sein kleines sechsjähriges Mädel, das Walberl, ging auch mit.

Im Weizenacker, der nur etliche hundert Meter vom Hof entfernt lag, waren wirklich auf einem gar nicht kleinen Raum die Halme verwirrt und niedergetreten. Es sah fast aus, als ob es sich um das Lager einer Geiß mit ihren Kitzen handelte. Nur die „Striche“, die gewöhnlich zu solchen Lagern führen, gingen mir ab. Ich sagte daher auch: „Weiß Gott, wo das herkommt. Ich glaube nicht, dass das Rehe waren.“ Aber da kam ich recht.

„War sauber, dös wird sich gleich rausstell’n, da suachen mir halt, da finden sich schon Rehspuren!“

Und wir suchten nach Letzteren mit aller Mühe, aber ohne Erfolg. Plötzlich schrie das kleine Walberl: „Voder, da ist unserer Marie ihr blaues Feiertagsstrumpfbandl. Seit dem Montag sucht sie’s schon.“

Und dabei hielt sie dem Vater triumphierend ein schönes blaues Strumpfband entgegen.

Vom Wildschaden war keine Rede mehr. Aber als ich einige Stunden später wieder an dem Einödhof vorbeikam, hab ich die Marie hinterm Gartenzaun stehen sehen. Und sie hat sich mit dem Schürzenzipfel ihre verweinten Augen ausgewischt.

Wenn in einem Jagdrevier plötzlich Wildarten auftauchen, die vorher dort nie gesehen wurden, so kann dies bei den ortsansässigen Jägern durchaus zu einer gewissen Unruhe führen. Dies gilt umso mehr, wenn es sich dabei um Hochwild handelt. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Als im Forstamtsbezirk meines Vaters Mitte der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts plötzlich Schwarzwild zuwanderte, versetzte mich das in allerhöchste Aufregung. Damals war ich ein sechzehnjähriger Jungjäger. Die Neuigkeit führte bei mir dazu, dass meine – nach Ansicht der Lehrer – ohnehin schon dürftigen gymnasialen Bemühungen noch dürftiger wurden. Dieser Zustand hielt dann auch so lange an, bis ich meine erste Sau geschossen hatte.

Ich will jetzt aber nicht vom Thema abschweifen. In der folgenden Geschichte geht es nicht um Schwarz-, sondern um Rotwild. Die beteiligten Personen sind auch keine Schulbuben, sondern gestandene Männer.

Sollten Sie sich, liebe Leser, bei der Lektüre gelegentlich über die merkwürdige Stellung der Satzzeichen und über die mangelhafte Rechtschreibung wundern, so möchte ich darauf hinweisen, dass dieser Umstand in keinem Zusammenhang mit meiner ersten Sau und der damit verbundenen Einschränkung meiner schulischen Bemühungen steht. Vielmehr wurde die Geschichte originalgetreu so übernommen, wie sie Herr v. Scanzoni 1923 aufgeschrieben hat, bei dieser Geschichte wurden im Gegensatz zu den übrigen auch die orthografischen „Eigenheiten“ beibehalten. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.

Der Hirsch von Loipfering

von A. v. Scanzoni

Als Herr Johann Baptist Stirtzinger, Inhaber der Möbelfabrik und Bauschreinerei Johann Baptist Stirtzinger, vormals Bohlechner an jenem denkwürdigen 17. Oktober des Jahres 1909 erwachte, konnte er nicht ahnen, welch ereignisreichen Tagen man in Loipfering entgegen ging.

Er gab einige Laute von sich, die als Zeichen des zurückgekehrten Bewusstseins gelten durften, und ebenso ließ ihm zur Rechten seine Gattin Anna vernehmen, daß sie dem werktätigen Leben wiedergeschenkt war. Nach einer Weile öffnete sie auch den Mund und fragte: „Is scho Zeit, Baptist?“

„Schrei du net a so“, erwiderte dieser unwirsch und mit heiserem Belag der Stimme, „du woaßt doch, daß i dös in da Fruh net vatrag!“

„I schrei do garnet, was hast denn?“

„Ah wos – lass ma mei Ruah! Und frag übahaupts net so viel, kaum daß ma aufg’wacht is!“

Frau Anna gähnte heftig: „O mei Mo, heut bist aba wieder zärtli!“ „Garnet – aba mei Ruah möchte i ham! Muaß denn allaweil glei dei Gosch’n einerspatzier’n, kaum daß d’ blinzeln kost!“

„Jetzt möchte i aba na scho wissen, wer mehra red’t, du oder i!“

In diesem Augenblick erscholl unvermittelt einsetzend ein starker und knallharter Lärm von Hofe herauf und man konnte ohne weiteres erkennen, daß jemand Bretter mit Wucht aufeinander warf.

„Hörst’n, den Himmiherrgottsakrament, den nixnutzat’n!“, schrie Herr Stirtzinger und warf sich mit einer Schnelligkeit aus dem Bett, die man dem wohlbeleibten Manne gar nicht zugetraut hätte.

Er riss das Fenster auf und gab seinem Unmut längeren und durchaus treffsicheren Ausdruck, und es war wohl auch berechtigter Anlass gegeben, einiges in entsprechender und unzweideutiger Form zu sagen. Denn es muss unbedingt verurteilt werden, wenn ein Lehrling, in diesem Fall der Jüngling Alois Peischl, schon um halb sieben Uhr vor dem Fenster seines Meisters und dessen Ehefrau Bretter in einer Art und Weise aufeinander schmeißt oder sogar durcheinander schmeißt, wie zu bemerken war, daß die Hühner rebellisch wurden und den Hof mit aufgeregtem Geflatter und gackernden Schreckenslauten erfüllten.

Unmut ist hier begreiflich und eine scharfe Zurechtweisung vollkommen am Platze. Und der einer rosigen Stimmung keineswegs zuträgliche Anfang dieses Morgens mag mit die Ursache gewesen sein, daß eine bedeutsame Nachricht, die späterhin Herrn Möbelfabrikanten Stirtzinger übermittelt wurde, nicht hochgespannte Erwartung und Freude, sondern Misstrauen und Grobheiten auslöste.

Allerdings neigte die Veranlagung dieses hochgeschätzten Bürgers schon an und für sich mehr zu Misstrauen und Grobheit als zu freundlichem Entgegenkommen und Liebenswürdigkeiten der Rede. Ja, Entrüstungen jeglicher Art und cholerische Wallungen waren ihm sogar unerlässlich notwendig zur Erhaltung einer stabilen Gesundheit. Aber vielleicht wäre die vom Denglerbräuknecht Sebastian Spegl überbrachte außergewöhnliche Botschaft doch auf eine weniger schroffe Ablehnung gestoßen, wenn ein harmonisch beginnender Tag eine entsprechende Grundlage geschaffen hätte.

Es ging auf 9 Uhr, als sich eine laute Stimme bemerkbar machte, die in den Hof hinein nach Herrn Stirtzinger verlangte: „I ko net einakemma, weil i d’ Roß net alloa steh’ lass’n ko! – Is da Herr net dahoam?“

„Plärr nur net a so, meinst vielleicht, i hab keine Ohr’n!“

Und schon trat der Herr Möbelfabrikant im schlichten Gewande schaffender Arbeit und mit hängender Hose aus der Werkstatt und näherte sich dem Schreier, der unterm Tore stand, eine Peitsche in der Hand hielt und also der Sebastian Spegl war.

„Ah, da Wastl! – Was gibt’s denn?“

„Ja, Herr Stirtzinger, i wollt Eahna bloß sag’n, daß i heunt an Hirsch g’seh’n ho!“

„Ha’n? – Was hast g’seh’n?“

„Jo, an Hirsch hon i g’seh’n!“

„I glaub glei, du bist scho in alla Fruh b’suffa!“

„I bin net b’suff’n, Herr Stirtzinger, i ho wahr und wahrhafti in da Loh an Hirsch g’seh’n! Un’ da ham do Sie die Jagd!“

„Da wirst halt an Rehbock g’seh’n ham …“

„Jo freili, aa no! – I wird do no an Hirsch kenna, wo i aus’m Gebirg bin! I ho scho mehra Hirsch in mei’m Leben g’seh’n, wia die ganzen Loiperinga Jaga mitanand Has’n!“

Johann Baptist kochte bereits: „Etzt will i da amal was sag’n: Wannst d’ vielleicht glaubst, du kost mi zum Narr’n halten oder dableck’n, na täuscht di fei! – Wo soll denn in dera Gegend a Hirsch herkemma, du Hanswurscht, du damischa!“

Das ließ sich der Wastl denn doch nicht gefallen.

„I gib Eahna glei an Hanswurschten!“, entgegnete er mit erhobener Stimme. „Was glauben denn Sie, daß Sie an g’standenen Mann a so o’reden derfa! Sie Schroanamoasta, Sie ganz ung’hobelta!“

Das durfte nicht kommen. Herr Stirtzinger verfärbte sich wie ein Truthahn.

„’rraus!“, schrie er und deutete mit der Hand in die Luft.

„’rraus! sog i, nix wia rraus jetz! Gel! – Du Rammi, du unvaschämta! – I lass mi in mei’m eigenen Haus net beleidinga!“

„I geh ja scho!“, schrie der Spegl zurück. „Sie braucha garnet so g’schwoll’n daherreden! – ’raus, sagt er! Wo soll i denn ’raus? Mir san ja scho auf der Straß’n!“

Das war richtig und man merkte es auch, denn die Leute wurden durch den Spektakel angelockt.

Der Bäcker Gäßler nebenan schielte um die Ecke und schabte sich unter dem Kinn, die Frau Apotheker Schimmelmann, gegenüber im ersten Stock, öffnete das Fenster und zeigte ihren Zwicker sowie eine unordentliche Frisur und im Parterre trat der Provisor Städele aus dem Verkaufsraum und bohrte dort, wo einem Provisor aus dem gegebenen Anlass die Berechtigung zum Bohren nicht mehr zugebilligt werden kann.

Doch der Wastl ging jetzt wirklich und die Neugierigen vernahmen nur noch einige saftige Abschiedsgrüsse, die der Herr Möbelfabrikant dem Fuhrwerk nachschickte.

Darauf zog er die Hose höher und verschwand in seinem Anwesen.

Er knurrte vor sich hin: „Schreinermoaster hat a g’sagt, der Lalli, der drecki’ …! Als ob er mi damit beleidinga kunnt, der Hanswuscht! Jawoll bin i a Schreinermoaster! Un was für oana! Der best’ und größt’ weitum und mit an Renommä, um dös ma jeder Konkurrent neidi is! – Drum bin i aa jetzt a Möbelfabrikant! – Is dös na no a g’wöhnliche Schreinerei, wenn ma’r an elektrischen Betrieb hat und drei G’sell’n und zwoa Lehrbuam? – Ha’n, is dös no a Schreinerei, du Depp, du saudumma?! – Dös is an Etablisma, dös is a Fabrik, du Gischpi, du sechseckada! – Beleidinga hätt er mi mög’n, der Aff, der haarlos’! Und ärgern hätt er mi mög’n! – Da muaß i jetzt scho wirkli lacha, daß der glaubt hat, er kunnt mi ärgern! Da muaß i scho wirkli lacha!“

Man sieht, Herr Joh. Bapt. Stirtzinger besaß die Größe des Geistes, um sich über die Anrempelung durch ein inferiores Individuum mit einem, wenn auch etwas gezwungenen, Lächeln hinwegzusetzen.

Sebastian Spegl aber, Knecht also bei Herrn Max Kurzenberger, dem Besitzer des Denglerbräu, schritt hinter seinen Pferden her und war mit Unmut erfüllt, weil ihm Grobheiten statt des erhofften Trinkgelds zuteilgeworden waren.

„Hätt’ i nur mei Maul g’halt’n“, brummte er, „de Hausdeppen hätten ja nia nix vo dem Hirsch g’spannt! – Un’ dem Ganzander’n, dem Kaufmann Meier, muass i’s aa no glei unter d’Nas’n reib’n, no bevor i bei dem Schreinerlackl g’wes’n bin. I bi scho wirkli a Rindviech!“

Er war jetzt mit seinem Fuhrwerk am Marktplatz angelangt, und wie er in die Schmiedegasse einbog, in welcher der Hofeingang zum Denglerbräu liegt, sah er gerade noch, wie beim Doktor Liebig ein Herr um die Ecke kam und beflügelten Schrittes über den Platz eilte. Derselbe trug einen Steirerhut mit giftig grünem Band und Gamsbart auf dem Kopf und knallgelbe Stiefel an den Füßen. Das war das Auffallendste an ihm.

Der Wastl pfiff durch die Zähne: „Siagst’ d’ as, jetzt suarrt a scho umanand, der spinnat Meier! Dös hon i mir ja glei denkt, daß dem da Hirsch in d’ Haxen fahrt!“

Sebastian Spegl hatte nicht so unrecht. Franz Meier – Meier-Loipfering, wie er sich vorzustellen pflegte – Kaufmann in Kolonialwaren und Agent der Thuringia, musste durch die Nachricht von der Anwesenheit eines Hirsches in starke Erregung versetzt worden sein.

Er war ein leidenschaftlicher Nimrod und hatte es sich außerdem zur Aufgabe gemacht, in Loipfering nicht nur Verständnis für weidgerechtes Jagen, sondern auch den Sinn für die Poesie des deutschen Weidwerks zu erwecken und zu fördern: und hierin erblickte er seinen eigentlichen Lebenszweck und nicht im Berufe eines Händlers mit Dingen des täglichen Bedarfs.

Der war eine Notwendigkeit, die aus finanziellen Gründen nicht umgangen werden konnte, aber es gab viele Tage, an denen er seine Tätigkeit, die in der Hauptsache Kaffee und Zichorie, gesalzenen Heringen und Schmalzler gewidmet war, geradezu schmerzhaft empfand, schmerzhaft und entwürdigend zugleich.

Das wird man verstehen, wenn man bedenkt, daß dieses Schicksal einen Mann traf, der mit vornehmer, ja ritterlicher Auffassung dem edlen Weidwerk ergeben und ein Verehrer idealer jagdlicher Literatur war.

Loipfering zeigte in dieser Hinsicht ohnehin einen betrüblichen Tiefstand, und Herr Meier sah sich so gezwungen, unter lauter „Biffeln“ zu leben, als welche er insgeheim seine ehrsamen Mitbürger bezeichnete. Aber trotzdem hielt er tapfer aus, und weder versteckte Sticheleien, noch offenkundiger Hohn vermochten es, ihn davon abzubringen, ein Prediger in der Wüste zu sein; ein Prediger und ein Wächter.

Heute nun trat in erster Linie die Pflicht an ihn heran, den Wächter darzustellen.

Ein Hirsch hatte sich auf rätselhaften Wegen in die Gegend verirrt, und so bot sich vollkommen unerwartet die Gelegenheit zur Ausübung hohen Weidwerks.

Musste man aber nicht ernstlich besorgen, daß das Schild der deutschen Jägerehre bei der Veranlagung der in Betracht kommenden Loipferinger Jagdbeflissenen böse Flecken davontragen würden, wenn nicht eine berufene Hand eingriff, um dieses Schild rein zu erhalten?

Und wer im ganzen Markte konnte eine zweite Hand nennen, die sich so berufen fühlte, wie die eines Kaufmanns in Kolonialwaren?

Nein, Herr Meier durfte keinen Augenblick zögern, sich Einfluss auf den Gang der Ereignisse zu verschaffen, und deshalb schien es ihm geraten, vor allem einmal mit diesem Stirtzinger zu reden. Und als ihn der Wastl sah, wie er mit knallgelben Stiefeln über den Marktplatz eilte, da sah er ihn bereits im Begriff, sein Vorhaben auszuführen.

Aber zuerst kam ihm noch der Oberamtsrichter in den Wurf.

Oberamtsrichter Freiherr von Hornegg war auch ein wenig Jäger, außerdem starker Schnupfer und daher guter Kunde der Firma Meier.

Die gegebene Veranlassung hier auf offener Straße, coram publico mit einer prominenten Persönlichkeit zu sprechen, durfte man im Interesse des eigenen Ansehens nicht ungenutzt vorübergehen lassen, ganz abgesehen davon, daß auch ohne Rücksicht hierauf ein heftiger Drang zur Mitteilung sich bemerkbar machte.

„Weidmannsheil, Herr Baron“, rief deshalb der Eilige schon von weitem und schwenkte den Steirerhut mit dem giftig grünem Band. „Eine großartige Neuigkeit – grad will ich deshalb zum Stirtzinger. Also das soll’ ma doch net für möglich halten – aber Zweifel scheinen ma effektiv ausgeschlossen, nachdem mir der Betreffende bekannt is, Denken S’ Ihnen nur Herr Baron, in der Waxelhamer Loh is a Hirsch g’seh’n wor’n! Was sagen Herr Baron dazu?“

„Dass hübsch viel Ochsen umananderlaufen!“

„Ganz richti, Herr Baron, beziehungsweise, desmal glaub’ i ’s net, und in Bezug auf das fragliche Vorkommnis kann sich’s keinesfalls um einen Ochsen handeln …“

„Das kann scho sein, vielleicht handelt sich’s auch um a paar!“ Der Oberamtsrichter lachte.

„Nein, Herr Baron, der Mann, wo den Hirsch g’seh’n ham will, is sozusagen a Spezialist, weil er aus ’m Gebirg stammt. Es ist der Wastl vom Denglerbräu. Er hat heut früh in der Loh Holz g’fahr’n, un’ da is der Hirsch auf a fufz’g Schritt vor ihm übern Berg ’rüber. Er sagt, es wär a Sechser oder Achter.“

„No also, na wer’n ma ja bald an Hirschbraten zu essen kriegen! Aber i will Sie nimmer länger aufhalten, sonst lauft der Braten womöglich no davon und i bin dran schuld! Empfehle mich und grüßen S’ den Herrn Baptist von mir!“

Herr Meier war von der Unterredung nicht gerade sonderlich entzückt. Erstens erschien sie ihm verletzend kurz abgebrochen, und zweitens stieg ihm hintennach der Verdacht auf, nicht nur Ungläubigkeit begegnet zu sein, sondern auch bedenklichen Zweideutigkeiten, die er zuerst gar nicht erfasst hatte.

Bei seinem Freunde Stirtzinger erfuhr er neben unverhohlenem Misstrauen Eindeutigkeiten, und zwar Eindeutigkeiten, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig ließen.

Er traf ihn schon wieder einigermaßen genesen von den Ärgernissen des Morgens und gerade im Gange seiner Wohnung, wo es besänftigend nach einer schmorenden Kalbshaxe roch.

„Servus Baptist!“, begrüßte er ihn. „I hab mir gedacht, da muss i do glei zu dir umischau’n, indem i mir gedacht hab, daß du jedenfalls do aa scho vo’ dem Hirsch … …“

„Jessas na, jetzt fangt ma der a no mit dem Viech o!“, wurde er unterbrochen. „Bist jetzt du wirkli so dumm oder habt’s es Bande euch da a G’schicht außadipfelt, damit i mi amal recht blamier’n soll? – Aba da seid’s fei auf’m Holzweg!“

„I gib’ dir mei doppelt’s Ehrenwort, daß i net amal auf so an Gedanken kemma waar, und i glaub, dafür bin i dir bekannt, netwahr, daß i in dieser Beziehung niemals nicht mitmach, indem mir solchene Sachen viel zu ernst san!“

„Jo, jo“, nickte Herr Stirtzinger, dös woaß i allerdings, daß du a spinnata Deifi bist und a dumm’s Luder aa – aber grad desweg’n ham di vielleicht de andern Bazi herg’numma. Dös schauat dena scho ähnli!“

Kaufmann Meier hatte sich an derartige Despektierlichkeiten im Umgang mit diesem offenen Charakter schon längst gewöhnt, und er nahm sie nicht mehr tragisch.

„Du bist und bleibst halt a Grobian“, sagte er, „das weiß man von dir nicht anders, aber i tat mi’ von dir net immer so beleidinga lassen, und heut scho garnet, wann mir die betreffende Angelegenheit net so wichtig waar – verstehst! Ich will dir also nur bemerken, daß i vorläufi net mehra g’hört hab, als daß der Wastl heut in da Fruh in der Loh an Hirsch g’seh’n hat, un’ der Wastl kennt si aus, dös derfst ma glauben!“

„Da hast recht, mei Liaba“, lachte Herr Stirtzinger hämisch, „der kennt si aus! Da hab scho i dafür g’sorgt, daß der koan Zweifi mehr hat! Der woaß scho, wia’r a dro is! Und wann’n de andern zu mir g’schickt ham – was ma hintnach kemma is, daß dös der Fall sei kunnt – na werd as dena Kloifi scho g’sagt ham, wia freundli i de Botschaft aufg’numma hab! – Und jetzt sag ma du amal, wia du dös denkst, von woher zu uns a Hirsch zurilaffa soll? Ha’n?“

„No also, das is doch net gar a so unmögli! Zum Beispiel – also netwahr, zu Beispiel, ma wollen nur amal annehmen, da gib’s do no überall Hirsch – netwahr …!“

„Jawoll, de gibt’s scho, un’ vierzinkate aa no, wia du oana bist …!“

„Lass mi nur ausreden und hör endli auf mit deine Sprüch! Also netwahr, so a Hirsch wechselt schließli weit umanand, wann’s ’m grad ei’fallt. Der kann vo die Isarauen herkemma sei oder aus’m Forstenrieder Park oder sogar vom Gebirg her – was kannst da sagen!“

„Ja, oda er ko aa direkt vom Himmi abig’fall’n sei, extra damit a Loipferinga Kramalippl aa ’r amal an Hirsch siacht!“

Der Verspottete wollte auffahren, denn „Kramerlippel“ war eine Titulation, die das Maß des Erlaubten überschritt. Dann sagte er aber doch nur: „Lieber Stirtzinger, du zwingst mi da wieder, eine Inschurje außer acht zu lassen, wo ich mir unmöglich gefallen lassen kann, und ich möcht di daher letzt bloß no fragen, ob d’ was dagegen hast, wann i heut am Nachmittag in d’ Loh nausgeh und mi umschau. Hast da was dagegen?“

„Na, na, da hab i garnix dagegen – vo mir aus mach was d’ magst, und schliaf umanand, wias d’ magst, und wann’s d’ grad an Hasen haben kannst, na nimmst’n mit. I kunnt ein braucha. – Und de andern sagst an schönen Gruaß, und i waar net so dumm wia die, und dös müaßten’s scho schlauer o’fanga-, und wenn ma aa grad erst Kirchweih g’habt ham, sagst eahna, bei mir waar’s ganz’ Jahr Kirchweih, kost eahna sag’n! – So, jetzat woaßt as!“

Herr Meier wusste es.

Aber eines wusste er nun nicht mehr, als er heimwärts ging: War er etwa doch einer, der schon halb auf den Leim gekrochen war? Bestand die Möglichkeit, oder bestand sie nicht? – Sie bestand. Denn man durfte es jenen Männern, die Herr Stirtzinger unter dem Kollektivbegriff „De Andern“ zusammenfasste, wohl zutrauen, daß sie nicht nur diesen, sondern auch einen idealen Weidmann zu ihrem Vergnügen gründlich hereinlegen wollten.

Franz Meier erkannte, daß er voreilig gewesen war. Er hatte, wie schon so oft, in seiner Begeisterung vergessen, wie schlecht die Menschen sind.

Die Geschichte wollte doch noch reiflich überlegt sein! Er musste jetzt zuerst noch, sozusagen, seine Fühlhörner ausstrecken, bevor er sich der Angelegenheit weiter annahm. Vor allem, er musste noch einmal mit dem Wastl reden: das heißt, nicht einfach reden, sondern hintenherum, also gewissermaßen diplomatisch, herauszubringen versuchen, ob hier eine Tatsache vorlag oder ein Schwindel, für den man den Wastl gewonnen hatte. So gescheit wie dieser Quadratschädel, dieser Stirtzinger, war er auch! Da tappte er nicht mirnichts – dirnichts hinein! Mirnichts – dirnichts – netwahr – damit die Bande was zu lachen hat!

Er beschloss jetzt gleich an’s Werk zu gehen. Und um schon von außen hin zu zeigen, daß er auf diplomatischen Pfaden wandle, betrat er den Denglerbräu von rückwärts, von der Schmiedgasse aus.

Bis hierher war alles gut gegangen, und niemand kann wissen, wie gut noch alles gegangen wäre, wenn es kein Fräulein Marie Kurzenberger gegeben hätte.

Fräulein Marie Kurzenberger, Schwester des Herrn Max Kurzenberger, eine Dame in mittleren Jahren, bewährte Kraft im Haushalt und Wirtschaftsbetrieb, war mit angenehm auffallenden körperlichen Anreizen ausgestattet, gegen die selbst ideale und verheiratete Weidmänner nicht unempfindlich sein sollen.

Herr Meier war in dieser Hinsicht sehr empfindlich, und es konnte ihm daher kaum etwas Misslicheres zustoßen als eine derartige Ablenkung der Gedanken von ihrem diplomatischen Ziel. Und sie wurden abgelenkt, heftig abgelenkt, wie er mit einem Male Fräulein Marie erschaute, die sich im ersten Stock aus dem Fenster lehnte, und zwar so, daß die begnadeten Formen ihrer Büste unter einer ohnehin entgegenkommenden hellen Waschbluse auf das Einladendste erblühten.

Da schwenkte der also sofort Entzündete mit viel Grandezza den Hut, führte seine gelb beschuhten Füße mit ausdrucksvollem Schleifen über das holprige Pflaster, wiegte sich wie ein Preisringer in den Hüften und rief zu der Schönen hinauf: „Ah, Fräulein Marie, das ist aber schon wirklich ein gutes Omen, daß ich Ihnen hier triff – hopla! – Siehgst d’ as, jetzt wär i fast hing’schlagen – mitsamt dena Saustoana mit dena vaflixt’n!“

Fräulein Kutzenberger lachte: „Ja, Herr Meier, wie komma denn Sie aa da hinten rei’, wollen S’ am End gar mit ma fensterln?“

„Selbstverständli! – Glei hol i a Leiter – da passen S’ auf, wia schnell i bei Eahna droben bin! Meinen S’ vielleicht, ma ko mit zworavierz’g Jahr nimma klettern!“

„Sie waar’n scho imstand …!“

Er zeigte, daß er im Stand war, streckte den Brustkasten heraus und wölbte die Arme: „Dös glaub i, i bin no allaweil koana vo die Schlechten!“, grinste er. „Gar wenn si’s um so was Nettes handelt!“

„Ja, um so an alte Schachtel, wie mi!“

„Aber Freil’n Marie, Sie versündigen Ihnen ja gegen alle Gesetze der Schönheit! Wie können S’ jetzt so was sagen, wo Sie noch solchene jugendliche Reize besitzen!“