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In einer breit gefächerten Übersicht wird die Gruppenpsychoanalyse, kurz „Gruppenanalyse“, in ihrer Theorie, Fachgeschichte und Praxis als eigenständiges Verfahren innerhalb des psychoanalytischen Methodenclusters dargestellt. Die Ursprünge in der Psychotherapie – zunächst als „Gruppenanwendung der Psychoanalyse“ – liegen beim ersten US-amerikanischen Psychoanalytiker Trigant Burrow, der ab 1920 begann, gruppenanalytisch zu arbeiten und der Methode auch ihren Namen gab. Im deutschen Sprachraum nimmt der Österreichische Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik (ÖAGG) eine Pionierrolle für die Verbreitung gruppenanalytischen Denkens in Lehre und Praxis ein. Die im Buch dargestellten Anwendungsfelder der Gruppenpsychoanalyse umfassen die wichtigsten Bereiche der Psychotherapie, ergänzt durch zahlreiche Beispiele aus außerklinischen Settings, wie etwa in der sozialwissenschaftlichen Forschung, der sozialen Arbeit, der Supervision oder der Organisationsberatung. Mit Beiträgen von Marita Barthel-Rösing, Jochen Bonz, Rainer Danzinger, Günter Dietrich, Anita Dietrich-Neunkirchner, Peter Christian Endler, Helga Felsberger, Florian Fossel, Robi Friedman, Michael Hayne, Ludger M. Hermanns, Paul L. Janssen, Thomas Jung, Regina Klein, Ingrid Krafft-Ebing, Mathias Lohmer, Gudrun Maierhof, Maria Mayer, Jutta Menschik-Bendele, Dieter Nitzgen, Alice Pechriggl, Peter Potthoff, August Ruhs, Gabriele Sachs, Ulrich Schultz-Venrath und Hermann Staats. Erratum: Seite 18, Zeile 7 Korrekt ist „eine ‚de‘cartesianische Kartierung“ anstelle von „eine cartesianische Kartierung“.
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Seitenzahl: 801
Veröffentlichungsjahr: 2022
Günter Dietrich, Florian Fossel (Hg.)
Gruppenpsychoanalyse
Theorie, Geschichte und Praxisfelder der gruppenanalytischen Methode
Die Herausgeber
Prof. Mag. Dr. Günter Dietrich, Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut (Gruppenpsychoanalyse/psychoanalytische Psychotherapie) im Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik (ÖAGG). Lehrtherapeut, Gruppenpsychoanalytischer Lehrtrainer, Universitätslehrer am Interuniversitären Kolleg Graz Seggau und an der Bertha von Suttner Privatuniversität St. Pölten, Supervisor und Organisationspsychologe, tätig an der psychotherapeutischen Ambulanz des ÖAGG und in freier Praxis.
Mag. Florian Fossel, Psychotherapeut in freier Praxis für Gruppenpsychoanalyse/psychoanalytische Psychotherapie (ÖAGG), Psychoanalyse (Psychoanalytisches Seminar Innsbruck, PSI), Analytische Gruppenpsychotherapie (Internationale Arbeitsgemeinschaft für Gruppenanalyse, IAG), Großgruppenleitung (BIG). Lehrtherapeut, Supervisor, Artdirector, Psychotherapiewissenschafter (SFU), Gruppenpsychoanalytischer Team- und Organisationsentwickler (ÖAGG), Lehrtätigkeit an der Universität Graz, PSY3-Diplomlehrgang Graz (WGPM), Fachsektion Gruppenpsychoanalyse (ÖAGG).
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facultas Universitätsverlag, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung sowie der Übersetzung, sind vorbehalten.
Satz: Wandl Multimedia Agentur, Großweikersdorf Lektorat: Astrid Fischer, Berlin
Druck und Bindung: Facultas Verlags- und Buchhandels AG, Wien
Printed in Austria
ISBN 978-3-7089-2244-7
eISBN 978-3-99111-620-2
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Günter Dietrich und Florian Fossel
Theorie
Entwicklungslinien der Gruppenpsychoanalyse im historischen und disziplinären Kontext
Teil 1: Ideengeschichtlicher Abriss zu Soziologie, Sozialphilosophie und Sozialpsychologie im 19. Jahrhundert
Regina Klein und Florian Fossel
Entwicklungslinien der Gruppenpsychoanalyse im historischen und disziplinären Kontext
Teil 2: Auf Spurensuche in Psychoanalyse und Gestaltpsychologie
Florian Fossel und Günter Dietrich
Psychoanalytische Feldtheorien als Bausteine einer modernisierten Theorie der Matrix?
Peter Potthoff
Der gruppenanalytische Parcours von S. H. Foulkes
Dieter Nitzgen
Der Beitrag W. R. Bions zu Gruppenanalyse und Organisationsberatung
Mathias Lohmer
Strukturale Gruppenpsychoanalyse – ein Desiderat?
August Ruhs
Gruppenpsychoanalyse und Intersubjektivität
Maria Mayer
Die analytische Großgruppe
In memoriam Josef Shaked (1929–2021)
Jutta Menschik-Bendele
Dreamtelling: Ein gruppenanalytischer Zugang zur Arbeit mit dem Traum und dem Träumen
Robi Friedman
Geschichte
Es begann in Amerika … – die USA als Entstehungsort von Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie
Ulrich Schultz-Venrath
Gruppenpsychoanalyse im Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik (ÖAGG) – ein historischer Rückblick
Günter Dietrich und Ingrid Krafft-Ebing
Geschichte der Gruppenanalyse in Deutschland
Ludger M. Hermanns
Altaussee – die Geschichte einer gruppenanalytischen Institution
Michael Hayne
Praxisfelder
Psychotherapeutisches Arbeiten in der Gruppenpsychoanalyse
Hermann Staats
Psychodynamische Diagnostik in der Gruppenpsychoanalyse
Gabriele Sachs und Paul L. Janssen
Psychodynamische Aspekte der psychiatrischen Versorgung
Rainer Danzinger
Gruppenpsychoanalyse in der stationären Psychotherapie
Paul L. Janssen und Gabriele Sachs
Gruppenanalytische Psychotherapie im Lichte des Mentalisierungsmodells
Helga Felsberger
Gruppenanalyse mit Kindern und Jugendlichen
Thomas Jung
Gruppenpsychoanalyse im Alter
Peter Christian Endler
Die „negative Fähigkeit“, sich irritieren zu lassen und zu staunen: Gruppenanalyse in der Ausbildung angehender Sozialarbeiter*innen
Gudrun Maierhof
Gruppenpsychoanalyse und Universität: Zur gruppenanalytischen Praxis in universitärer Forschung und Lehre
Anita Dietrich-Neunkirchner
Gruppenanalytische Supervision für ethnografisches Feldforschen
Jochen Bonz
Gruppenanalytische Supervision in Organisationen
Marita Barthel-Rösing
Gruppenpsychoanalyse im Kontext der Kultur- und Sozialwissenschaften
Alice Pechriggl
Literaturverzeichnis
Autor*innenverzeichnis
Stichwortverzeichnis
Personenverzeichnis
Vorwort
Die Idee zu diesem Buch stammt aus dem Jahr 2020. Beim traditionellen Symposium der Fachsektion Gruppenpsychoanalyse im Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik (ÖAGG) wurde zwischen den beiden Herausgebern der Mangel einer aktuellen Methodendarstellung diskutiert und gemeinsam die Idee gefasst, eine umfassende Übersicht zu Theorie, Geschichte und den vielfältigen Praxisfeldern der Gruppenpsychoanalyse zu schaffen. Als Vorgängerwerk ist dazu vor rund 20 Jahren von Alfred Pritz und Elisabeth Vykoukal (heute Elisabeth Dokulil) die ebenfalls weitreichende Arbeit „Gruppenpsychoanalyse. Theorie – Technik – Anwendung“ veröffentlicht worden. Aber vorweg zu einer zentralen Frage: Was ist eigentlich Gruppenpsychoanalyse? Dem nachzugehen hat insofern Bedeutung, als die Methodenbenennung eine österreichische Besonderheit darstellt. International wird entweder von „Gruppenanalyse“ – in Anlehnung an die zunächst von Trigant Burrow und in der Folge insbesondere von S. H. Foulkes aus der Psychoanalyse abgeleitete Form der Gruppenpsychotherapie und Gruppentheorie – gesprochen oder, im engeren Kontext zur Psychoanalyse verankert, von „psychoanalytischer Gruppenpsychotherapie“. Die methodologische Positionierung der Gruppenpsychoanalyse in Relation zu Gruppenanalyse und analytischer Gruppenpsychotherapie kann einerseits als „weder – noch“, andererseits als „sowohl – als auch“ verortet werden. Dies deshalb, weil mit dieser Benennung in Österreich nach dem Inkrafttreten des Psychotherapiegesetzes von 1990 der Weg eines eigenständigen Verfahrens „Gruppenpsychoanalyse“ eingeschlagen worden ist, das sich mit seinem sozialen Menschenbild, frei nach Foulkes gesprochen, dass der Mensch bis ins Mark vom Sozialen durchdrungen ist, von der klassischen Psychoanalyse unterscheidet, sich zugleich aber nicht in die gruppenanalytische Schulenbildung von Foulkes einordnet, weil eine stärkere Nähe zur Psychoanalyse erhalten geblieben ist. Dem entspricht ein Ausbildungsverständnis, in dem in der Gruppenpsychoanalyse neben dem Gruppensetting auch das Einzelsetting gelehrt wird. Praktisch ist damit für die Ausbildungsteilnehmer*innen1 die Anforderung von Gruppenselbsterfahrung wie auch der Einzelselbsterfahrung verknüpft, da methodenspezifisch für die Psychotherapie in Österreich auf der gesetzlichen Berufsliste eine Doppeleintragung mit „Gruppenpsychoanalyse/psychoanalytische Psychotherapie“ erfolgt.2 Zum Sowohl-als-auch ist zu vermerken, dass für die psychoanalytische Psychotherapie viele Grundlagen der Psychoanalyse direkt zur Anwendung kommen, wie auch die gruppenanalytische Theorie mit ihren spezifischen Modellvorstellungen – etwa dem „sozialen Unbewussten“ – für die Gruppenpsychoanalyse elementar ist. Das weite Überschneidungsfeld zur Gruppenanalyse soll im Untertitel dieses Buches ausgedrückt werden, wenn die „gruppenanalytische Methode“ genannt wird, freilich ohne diese Begriffe synonym auffassen zu wollen.
Die konkreten Anfänge der Gruppenpsychoanalyse in Österreich reichen in die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. In das Jahr 1946 datiert der Psychoanalytiker und spätere ÖAGG-Begründer Raoul Schindler den Beginn seiner gruppentherapeutischen Praxis als Assistenzarzt in einer Wiener Erwachsenenpsychiatrie. Später hat sein Schüler und Kollege Josef Shaked maßgebliche Beiträge zur fachlichen Ausgestaltung der Gruppenpsychoanalyse geleistet. Pritz und Vykoukal (2003, S. I) beschreiben im Rückblick die Entstehung der Gruppenpsychoanalyse als geprägt „von den Katastrophen der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts“ mit Bezug auf die Einsamkeit und existenzielle Bedrohung des Menschen. Gerade für die Entwicklung der Gruppenpsychoanalyse in Österreich wird der Wunsch nach einer Erneuerung im Sinne eines kritisch-emanzipatorischen Prozesses in der Gesellschaft deutlich, um ein positives Aufbruchsklima für eine humanistische und demokratische Veränderungsbewegung zu schaffen. Dieses Ziel hat kaum jemand so paradigmatisch formuliert wie Horst-Eberhard Richter: „Die Gruppe – Hoffnung auf einen neuen Weg, sich selbst und andere zu befreien“ (Richter, 1972). In der konnotativen Bedeutung dieser Zielformel ist vieles enthalten, was die Gruppenpsychoanalyse ausmacht: die reflexive Grundlage der Psychoanalyse als Weg der Erkenntnis und damit als Basis innerer Freiheit, die soziale Verflechtung zwischen Individuum und Gesellschaft sowie die weiten Anwendungsfelder in Therapie und den außerklinischen Settings.
Die Entstehungszeit dieses Bandes in den Jahren 2021 und 2022 fällt in die Zeit der weltweiten Covid-19-Krise, die mit fortgesetzten Kontaktbeschränkungen und zahlreichen weiteren neuen Reglementierungen eine einschneidende Lebensveränderung für viele Menschen geschaffen hat. Gerade diese oft schmerzlichen Verluste im bisher gewohnten sozialen Leben können bewusst machen, wie sehr Menschen soziale Wesen sind, die in einem Beziehungsfeld von permanenten wechselseitigen Austauschprozessen leben, in einer sozialpsychologischen Analogie zu Donald Winnicott (1987): So etwas wie den Einzelmenschen gibt es nicht. Für die Gruppenpsychoanalyse eröffnet diese Sichtweise ein weites Terrain, von der (Gruppen-)Psychotherapie über sozialwissenschaftliche Forschung bis hin zu den vielfältigen Anwendungen in Beratung, Pädagogik, Gesellschaft und Kultur. Ebenfalls in die Entstehungszeit dieses Buches fällt der Schrecken des Krieges in der Ukraine aufgrund des militärischen Überfalls durch die Truppen der Russischen Föderation. In dieser erneuten Katastrophe in Europa mit der destruktiven Eruption paranoid-schizoider politischer Prozesse wird wieder wie in früheren Kriegen die existenzielle Bedrohung des Menschen deutlich, der die „Stimme des Intellekts“ nicht schweigend gegenüberstehen darf, auch wenn Trauerarbeit angemessen und notwendig ist.3
Die gegenwärtigen berufspolitischen Diskussionen im psychosozialen Feld in Österreich umfassen gegensätzliche Bewegungen. Für die Psychotherapie wird ein fortschreitender Professionalisierungsprozess deutlich, mit verstärkten Abgrenzungsbestrebungen nach außen im Sinne einer erwünschten Monopolbildung gegenüber benachbarten Berufsgruppen, aber auch innerhalb der eigenen Berufsgruppe gegenüber den jüngeren, nachrückenden Kolleg*innen, die immer höher werdende Auflagen für die Aufnahme in die gesetzliche Berufsliste zu erfüllen haben. Zugleich bestehen Reformgedanken, die bisherige Ausbildungshoheit der traditionellen Ausbildungsinstitute in Österreich zugunsten eines Zulassungsmodells mit staatlichen Approbationsprüfungen abzuschaffen. Diese faktische Beschneidung der Autonomie der Ausbildungsorganisationen könnte auch Chancen bergen. Die Ausbildungsvereine könnten damit wieder stärker zu „Mitgliedervereinen“ werden, die als Fachgesellschaften vermehrt die Weiterentwicklung ihrer jeweiligen Methode unterstützen und sich im psychoanalytischen Cluster damit eher an der ursprünglich freudianischen Idee einer vielfältigen Psychoanalyse – als Therapie, Theoriemodell, Forschungsmethode und Gesellschaftstheorie – orientieren. Für die Gruppenpsychoanalyse besteht hier ein Potenzial, aus einem starken Bezogensein auf den psychotherapeutischen Ausbildungsbetrieb heraus wieder gesellschaftspolitisch offener und engagierter zu werden.
Der vorliegende Band ist in drei Teile gegliedert: Theorie, Geschichte und Praxisfelder. Die Übergänge dieser Teile sind dabei fließend, in Analogie zu Freuds Junktim „Heilen und Forschen“ ist auch der Gruppenpsychoanalyse die Verflechtung von Forschung, (Behandlungs-)Praxis und Theoriebildung immanent. Zudem bedingt die Historizität des Unbewussten einen Weg, der die Geschichte zum Verständnis der Persönlichkeit des Einzelnen benötigt, in abgewandelter Form ebenso bei Gruppen und in der Gesellschaft. Auch wenn die Psychoanalyse in ihrem Wesen auf das Verstehen von unbewussten Prozessen ausgerichtet ist, erscheint es bemerkenswert, dass gerade die Geschichte der Gruppenpsychoanalyse in den vorliegenden Darstellungen mit markanten blinden Flecken versehen ist – ein Umstand, der uns als Herausgeber für dieses Buch motiviert hat, Klärungs- und Differenzierungsprozesse zur Methodenentwicklung mitzutragen. Dies betrifft etwa den Ursprung der gruppenanalytischen Methode, deren Herkunft aus den USA bisher in Europa weitgehend ausgeblendet geblieben ist, wie auch die „multilokale Entwicklung“ von gruppenanalytischen Modellen in Europa heute eine gewisse Abkehr von manchen Gründungsmythen der Gruppenanalyse erforderlich macht.
Im Theorieteil beginnt die Darstellung der „Entwicklungslinien der Gruppenpsychoanalyse im historischen und disziplinären Kontext“ von Regina Klein und Florian Fossel an den beträchtlichen Verflechtungen der sozialwissenschaftlichen Wurzeln dieses Fachbereichs, gleichsam an den Schnittlinien von Philosophie, Soziologie, Psychologie und Pädagogik, geprägt durch epochale Denker*innen, wie etwa Johann Friedrich Herbart. Auch wenn die Formel, die Gruppenpsychoanalyse mit ihrer Theorie unbewusster Prozesse als Verbindung von Psychoanalyse und dem Gruppenverständnis der Soziologie zu verstehen, bei Weitem zu kurz greift, ist doch die heutige Gruppenpsychoanalyse ohne den Einfluss soziologischer Denker*innen, wie etwa Georg Simmel oder Norbert Elias, schwer vorstellbar. In den weiteren „Entwicklungslinien der Gruppenpsychoanalyse“ von Florian Fossel und Günter Dietrich werden die engen Verbindungen psychoanalytischer Theoriebildungen mit der zugrunde liegenden Konzeption der Psychoanalyse als Individual-, Sozial- und Kulturtheorie mit der Gestaltpsychologie sowie der Sozialpsychologie untersucht. Letztere Richtung, aus den Forschungen Kurt Lewins in die moderne Psychoanalyse weiterführend, beschreibt Peter Potthoff in seinem Beitrag „Psychoanalytische Feldtheorien als Bausteine einer modernisierten Theorie der Matrix?“. Den beiden „Klassikern“ der gruppenanalytischen Theorie, S. H. Foulkes und W. R. Bion, sind jeweils eigene Kapitel gewidmet, zu Foulkes von Dieter Nitzgen und zu Bion von Mathias Lohmer. Bisher weniger beachtet wurde die Verbindungslinie zwischen Gruppenpsychoanalyse und der strukturalen Psychoanalyse in der Nachfolge von Jacques Lacan, die August Ruhs mit der Frage „Ein Desiderat?“ untersucht. Maria Mayer wendet sich in ihrem Beitrag der intersubjekiven Grundlage gruppenanalytischen Denkens zu, das seit den Anfängen unter Trigant Burrow ein Basistheorem der Gruppenanalyse bildet. Jutta Menschik-Bendele beschreibt die gruppenanalytische Großgruppe unter Bezugnahme auf das Werk des leider 2021 verstorbenen Großgruppenforschers Josef Shaked. Exemplarisch aus der Vielfalt aktueller gruppenanalytischer Forschung untersucht Robi Friedman unter dem Titel „Dreamtelling“ die Arbeit mit dem Traum und dem Träumen in Gruppen und formuliert eine gruppenanalytische Traumlehre, welche die Traummatrix zwischen Träumen und den intersubjektiven Beziehungen betont.
Im zweiten Teil zur Geschichte der Gruppenpsychoanalyse besteht, wie bereits angesprochen, eine enge Verflechtung zur Theoriebildung gruppenpsychoanalytischen Denkens, wie es auch der Begriff „Ideengeschichte“ zum Ausdruck bringt. Es erscheint uns wichtig, die Fachgeschichte nicht bei einer Darstellung großer Einzelpersonen im Sinne einer „great man theory of history“ zu belassen, so wichtig deren Beiträge auch erscheinen mögen, sondern eine sozialgeschichtliche Perspektive gleichsam mit dem Versuch einer Netzwerkanalyse der wissenschaftlichen Communitys unter Berücksichtigung des jeweiligen Zeitgeistes einzunehmen. Ulrich Schultz-Venrath führt uns unter dem Titel „Es begann in Amerika … – die USA als Entstehungsort von Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie“ an die Anfänge der Methode in den USA. Während die grundsätzliche Anerkennung der Realität der Pionierleistung von Trigant Burrow für die Gruppenanalyse bereits seit den späten 1990er-Jahren erfolgt ist, etwa durch die Beiträge von Dieter Sandner (vgl. Sandner, 2013), lässt die fehlende Wahrnehmung der amerikanischen Ursprünge der Gruppenpsychotherapie insgesamt eine „eigentümliche Amnesie“ (Sandner, 1998) in der Fachcommunity vermuten. Im zweiten Beitrag von Günter Dietrich und Ingrid Krafft-Ebing werden, ausgehend von den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, die Anfänge der Gruppenpsychotherapie und die Etablierung der Gruppenpsychoanalyse in Österreich anhand der Geschichte der analytischen Sektion im ÖAGG beleuchtet. Ludger M. Hermanns untersucht die Entwicklung und Verbreitung der Gruppenanalyse in Deutschland. Michael Hayne beschreibt die spezifische Geschichte der zweiten gruppenanalytischen Ausbildungsorganisation in Österreich, nämlich die der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Gruppenanalyse in Altaussee, zur Historie „einer gruppenanalytischen Institution“.
Der dritte Teil des vorliegenden Bandes zur Praxis in den unterschiedlichen Praxisfeldern der Methode wird mit einem Beitrag zur gruppenanalytischen Interventionstechnik von Hermann Staats eröffnet. Die Charakteristika der psychodynamischen Diagnostik in der Gruppenpsychoanalyse, die vorwiegend im Sinne einer Verlaufsdiagnostik die psychotherapeutische Arbeit begleitet, werden von Gabriele Sachs und Paul L. Janssen vorgestellt und illustriert. Der folgende Beitrag von Rainer Danzinger führt als organisationspsychoanalytische Studie in die psychodynamischen Aspekte der psychiatrischen Versorgung ein. Für die Gruppenpsychoanalyse in der stationären Psychotherapie beschreiben Paul L. Janssen und Gabriele Sachs die psychotherapeutische Arbeit in einer Klinik als Modell einer Großgruppe mit multimodalen Therapieangeboten in einem multiprofessionellen Team, das auf die Behandlung spezifischer Krankheitsbilder eingestellt werden kann. Im Hinblick auf die für die verschiedenen Settingformen zu variierende Behandlungstechnik gibt Helga Felsberger einen Einblick in das Potenzial der mentalisierungsbasierten Psychotherapie in der Gruppe, von der besonders sonst schwer zu erreichende oder emotional instabile Patient*innen profitieren.
Die folgenden beiden Beiträge sind auf die Verschiedenheiten fokussiert, die das Lebensalter für die Behandlungspraxis eröffnet. Thomas Jung umreißt den Bereich der „Gruppenpsychoanalyse mit Kindern und Jugendlichen“, Peter Christian Endler beschreibt mit „Gruppenpsychoanalyse im Alter“ die Spezifika in der gruppenanalytischen Gerontopsychotherapie, die in einer „alternden Gesellschaft“ zunehmende Bedeutung erlangt.
Gudrun Maierhof führt uns in das Anwendungsgebiet der sozialen Arbeit und zeigt, wie wichtig die „negative Fähigkeit“, sich irritieren zu lassen und zu staunen, für die Förderung reflexiver Kompetenz in Studium und Praxissupervision für Sozialarbeiter*innen ist. Weiter im außerklinischen Anwendungsfeld erinnert Anita Dietrich-Neunkirchner unter dem Titel „Gruppenpsychoanalyse und Universität“ zunächst an die ersten Ideen Freuds zur universitären Etablierung der Psychoanalyse, um dann auf unterschiedliche konkrete Projekte der Gegenwart einzugehen, die die gruppenpsychoanalytische Forschung und Lehre beispielhaft illustrieren. Ebenfalls universitär ist der Beitrag von Jochen Bonz verortet, der die „Gruppenanalytische Supervision für ethnografisches Feldforschen“ beschreibt und dabei eine Verbindung von der Gruppenanalyse zur Ethnopsychoanalyse zieht.
Supervision und Organisationsberatung ist das Arbeitsgebiet, das im folgenden Beitrag von Marita Barthel-Rösing in einer zugleich theoriegeleiteten und erfahrungsbezogenen Übersicht vorgestellt wird. Der abschließende Text in diesem Band – „Gruppenpsychoanalyse im Kontext der Kultur- und Sozialwissenschaften“ von Alice Pechriggl – schließt den Bogen zur Gesellschaftstheorie aus der einleitenden „Spurensuche“ in der Soziologie und Sozialpsychologie. Wie die Autorin beschreibt, ist „[d]ie Verbindung zwischen gruppenpsychoanalytischer Theoriebildung und den Kulturwissenschaften […] nicht nur theoretischer Art; gerade im Feld der psychoanalytisch inspirierten Konfliktforschung und -bearbeitung auf der Ebene von politischen Entitäten […] wird deutlich, wie weitverzweigt die Verbindungen dieser unterschiedlichen Felder sind, die in der Gruppenpsychoanalyse aktiviert werden“ (S. 370 in diesem Band).
Am Ende dieser Einleitung möchten wir unseren Dank aussprechen, zuallererst an jene Kolleg*innen, die an diesem Band als Autor*innen mitgewirkt haben und die damit diese Projektidee mitgetragen und umgesetzt haben. Unser Dank gilt darüber hinaus den Kolleg*innen in der gruppenpsychoanalytischen Sektion im Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik, die als Fachcommunity die Gruppenpsychoanalyse gemeinsam als Methode mit Leben erfüllen und uns damit eine Form von beruflicher Heimat und erweiterter fachlicher Identität ermöglichen. Schließlich möchten wir jenen danken, die uns im Beruf jene Erfahrungen möglich gemacht haben, auf die wir beim Schreiben dieses Bandes zurückgegriffen haben, unseren Patient*innen, Studierenden und Supervisand*innen, und weiters auch den Mitarbeiter*innen des Facultas-Verlags für ihre Unterstützung bei diesem Buchprojekt. Als Herausgeber wünschen wir Ihnen, sehr geehrte Lesende, nun eine anregende Lektüre!
Günter Dietrich & Florian FosselWien, im März 2022
1Geschlechtergerechte Sprache wird in diesem Buch in unterschiedlichen Varianten umgesetzt: von geschlechtsneutralen Formulierungen über die Verwendung des Asterisks bis hin zum generischen Maskulinum.
2Eine weiterführende und derzeit noch weitgehend unbeantwortete Forschungsfrage ist, inwieweit sich Unterschiede in der Behandlungspraxis von Psychotherapeut*innen im Einzelsetting ausmachen lassen, die gruppenpsychoanalytisch oder im Vergleich psychoanalytisch ausgebildet worden sind, sozusagen ob es eine eigene Form der gruppenpsychoanalytischen Einzeltherapie gibt.
3Zu diesem „Bruderkrieg“ in Osteuropa sei methodengeschichtlich vermerkt, dass sowohl in Russland wie auch in der Ukraine aus langjährigen Trainingspartnerschaften des ÖAGG drei lebendige, international eingebundene gruppenanalytische Institute hervorgegangen sind. Es steht zu hoffen, dass diese fachliche und auch persönliche Verbindung den Krieg überdauern wird.
THEORIE
Entwicklungslinien der Gruppenpsychoanalyse im historischen und disziplinären Kontext
Teil 1: Ideengeschichtlicher Abriss zu Soziologie, Sozialphilosophie und Sozialpsychologie im 19. Jahrhundert
Regina Klein und Florian Fossel
Abstract
Die Idee einer psychotherapeutischen Arbeit in Gruppen etablierte sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Im Schatten der beiden Weltkriege wird sie vor allem durch Emigration über nationale Grenzen getragen und konzeptionell in verschiedene Schulen ausdifferenziert, wie Gruppenanalyse, Gruppendynamik, Gruppenpsychotherapie, Gruppenpsychoanalyse.
Ihre basale Idee, eine Neufassung der Verhältnisbestimmung zwischen Individuum und Gesellschaft, entwickelte sich auf der Grundlage damals innovativer sozialwissenschaftlicher und psychoanalytischer Denkfiguren. Der folgende Teil 1 zu den Entwicklungslinien der Gruppenpsychoanalyse geht den ihr zugrunde liegenden sozialwissenschaftlichen Denkfiguren nach, die sich im 19. Jahrhundert in deutschen, französischen und amerikanischen Sprachräumen formierten.
Verhältnisbestimmende Denkfiguren und ihre Verortung
„Die Psychoanalyse ist sozusagen mit dem zwanzigsten Jahrhundert geboren; […]. Aber sie ist, wie selbstverständlich, nicht aus dem Stein gesprungen oder vom Himmel gefallen, sie knüpft an Älteres an, das sie fortsetzt, sie geht aus Anregungen hervor, die sie verarbeitet. So muß ihre Geschichte mit der Schilderung der Einflüsse beginnen, die für ihre Entstehung maßgebend waren, und darf auch der Zeiten und der Zustände vor ihrer Schöpfung nicht vergessen.“ (Freud, 1924f, S. 405)
Wie die Psychoanalyse (Fossel, 2021) ist die Gruppenpsychoanalyse ein Kind des aufkommenden 20. Jahrhunderts (Klein, 2022, S. 145). Am Übergang zur Moderne, am Schnittpunkt epochaler soziokultureller, politischer und ökonomischer Umbrüche um die Jahrhundertwende, liegt sie quasi in der Luft, wie einer ihrer maßgeblichen Wegbereiter S. H. Foulkes paradigmatisch festhält. Ihre Idee speist sich aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich selbst erst mühsam in abgrenzender und aufeinander aufbauender Auseinandersetzung etablieren. Transdisziplinär und transnational ausgerichtet, gleicht die Keimzeit der Gruppenpsychoanalyse einer in- und miteinander netzwerkartig verwobenen, transnationalen intellektuellen Matrix (Klein, 2022, S. 149).
Disziplinäre Verortung
Den Kern der Gruppenpsychoanalyse macht der Mensch als durch und durch soziales Wesen aus, in all seinen individuellen und überindividuellen Bezügen (Klein, 2022, S. 139). Die Gruppe wird als prototypische soziokulturelle Situation gesehen, in der sich für den Zeitraum des Zusammenseins in actu die Gesamtheit der sozialen Beziehungen und des kulturellen Eingebettetseins der Einzelnen in Szene setzt. Dieses konstitutionstheoretische „Primat des Sozialen“ leitet von Beginn an die Theorieentwicklung. Ihr systematischer Ort ist das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Selbst und Welt, zwischen Subjekt und Kultur, Mensch und Umwelt (Klein, 2009). Das Nachdenken über diese Verhältnisbestimmungen hat eine jahrhundertelange Tradition, welche, in der Antike beginnend, vor allem in die sich ebenfalls über Jahrhunderte hinweg etablierenden Domänen der Philosophie, Theologie, Anthropologie und Ontologie fiel. Tendenziell wird das Verhältnis Individuum – Gesellschaft binär strukturiert, als voneinander getrennt gesetzte Pole (Klein, 2017, 2022). Diese Polarisierung ist der cartesianisch-dualistischen Kartierung geschuldet, welche sich im 17. Jahrhundert an der Epochenschwelle zur Moderne als deren Baugerüst etabliert und die Denkordnung der westlichen Hemisphäre prägt. Mit der damaligen Scheidung in den Bereich des Denkens (res cogitans) und den Bereich der Dinge (res extensa) wird die Welt zweigeteilt: in eine Ordnung der Vernunft, der Rationalität und Objektivität auf der einen Seite und eine Ordnung des Gefühls, der Emotionalität und Subjektivität auf der anderen Seite. Begleitet wird die dualistische Denkordnung von einer asymmetrischen Logik, welche die aufgeführten Konstruktionen hierarchisierend und wertend durchtrennt (Klein, 2017, S. 197). Der dargestellten cartesianischen Dichotomie folgend, wird das Verhältnis Individuum – Gesellschaft meist in Gegensätzen gedacht, als Konflikt imaginiert oder gar ganz getrennt voneinander bestimmt (Klein, 2009, S. 461).
Im Folgenden gehen wir auf eine Spurensuche, wie diese Verhältnisbestimmung in unterschiedlichen Wissensfeldern konzipiert ist (Klein, 2022, S. 144 f.). Spannend ist zum einen, welcher Sachverhalt der beiden Pole im Fokus der jeweilig erörterten Verhältnisbestimmung steht und aus welcher Perspektive das zustande kommende Verhältnis betrachtet wird: vom Individuum oder von der Gesellschaft aus, vom Einzelnen oder vom Allgemeinen, von Innen oder von Außen – und vor allem welche Begriffe dafür verwendet bzw. neu eingeführt werden: Ich, Selbst, Identität oder Klasse, Ordnung, Norm, Über-Ich, Kultur. Zum anderen stellt sich die Frage, in welches Verhältnis das Individuum zur Gesellschaft gesetzt wird (und umgekehrt): als Vergesellschaftung, Prägung, Anpassung, Unterwerfung, Domestizierung, Repression bis hin zur Unbewusstmachung und Assimilation; als Individualisierung, Sozialisation, Verschränkung, Wechselwirkung, Interdependenz, Interaktion, Antagonismus, Konflikt mit fließenden, oszillierenden Übergängen. Spannend ist die differenzierte Verhältnisbetrachtung deshalb, weil daran unterschiedliche Konzeptionen der sozialen Ordnung, Nation, Identität, Norm, Abweichung, Differenz, von Freiheit, Beschränkung, Macht, Ohnmacht, Autonomie, Abhängigkeit und Entwicklung deutlich werden. Die ihnen innewohnenden Mensch- und Weltbilder haben weitreichende Effekte auf das professionelle Verständnis von Zusammenleben und Gemeinschaft, von Gesundheit und Krankheit, von psychosozialer Entwicklung und Störung – und vor allem auf darin eingewobenes psychotherapeutisches (Be-)Handeln (Klein, 2022, S. 150).
Historische Verortung
Auf ihrem Weg in die Moderne stehen in der Übergangsgesellschaft des 19. Jahrhunderts unterschiedliche Entwicklungsstufen jahrzehntelang unvermittelt nebeneinander. In einer „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (Mannheim, 1928, S. 521) verharren und hasten Lebens-, Arbeits- und Denkstrukturen zugleich: händisch-zyklische Agrarwirtschaft und industriell-lineare Massenproduktion, Großfamilie und Kleinfamilie, Stand und Klasse, feudale Abhängigkeit und emanzipatorische Säkularisierung, gottgegebene Fremdbestimmung und individuelle Selbstbestimmung. In dieser krisengeschüttelten Sattelzeit werden vielfältige Möglichkeiten traditionaler und moderner Existenzweisen durch- und gegeneinander gespielt (Rürup, 1992, S. 13 f.) Stützende Welt- und Menschenbilder sind ausgehebelt, der Mensch aus der naturhaft konstruierten göttlichen Schöpfungsordnung herauskatapultiert und individualisiert. Diese verwirrende „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ wirft neue fundamentale Fragen nach den vermittelnden Prozessen zwischen Kultur/Gesellschaft und Subjekt/Individuum auf, die besonders von den sich im 19. Jahrhundert neu formierenden Sozialwissenschaften (Dilthey) oder Menschenwissenschaften (Elias) und ihren untereinander verflochtenen wie konkurrierenden Teildisziplinen der Anthropologie, Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Ethnologie, Sozialphilosophie und auch biologisierenden Rassentheorien angegangen werden. Die soziale Frage des schieren Überlebens in einer auf bloße Produktivkraft reduzierten Welt, verlassen von Gott, Kaiser, Landgraf, steht im Raum (Klein, 2022, S. 147). Auf der Suche nach neuen Antworten formen sich transnationale Entwicklungslinien einer soziologisch und sozialphilosophisch untermauerten Sozialpsychologie heraus, deren Denkfiguren wesentlich sind für die präkonzeptionelle Phase der Gruppenpsychoanalyse.
Wechselwirkung – die deutsche Debatte um Dialektik, mit dem Blick aus der Mitte heraus
Im Fokus der ideengeschichtlichen Entwicklung der für die Gruppenpsychoanalyse bedeutsamen transdisziplinären sozial- und menschenwissenschaftlichen Neuformierungen im 19. Jahrhundert steht das im deutschsprachigen Raum entwickelte Konzept der Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt, Natur und Kultur, Individuum und Gesellschaft und damit eine ‚de‘cartesianische Kartierung (Klein, 2010, 2017, 2022) der Welt.
Johann Friedrich Herbart (1776–1841) wird nicht nur als Begründer der modernen Psychologie und Pädagogik bezeichnet, sondern auch als derjenige, welcher den ersten Schritt zur späteren Begründung der Sozialpsychologie wagte (Keupp, 1998, S. 34). Entgegen dem von Descartes angebotenen Baugerüst der Moderne hält Herbart (1968, S. 20) Humboldts humanistischen Bildungsidealen folgend an der widersprüchlichen Doppelperspektive des Menschen als Natur- und Kulturwesen zugleich fest: „Der Mensch ist Nichts ausser der Gesellschaft. Den völlig Einzelnen kennen wir gar nicht; wir wissen nur soviel mit Bestimmtheit, dass die Humanität ihm fehlen würde“ (ebd., S. 2). Das Ich, „auch Selbst, Identität oder Selbstbewusstsein genannt, ist für Herbart etwas historisch Gewordenes und durch soziale Erfahrung Wandelbares“ (Anger, 1984, S. 31, Hervorh. i. Orig.). Der Mensch ist demnach „ein Product dessen, was wir Weltgeschichte nennen. Wir dürfen ihn nicht aus der Geschichte herausreissen“ (Herbart, 1968, S. 3). Damit formuliert er Wechselwirkung als verhältnisbestimmende Kategorie zwischen Materie und Geist, Nicht-Ich und Ich, Leib und Seele, Selbst und Welt, Kind und Erzieherin und eröffnet in der sich neu formierenden pädagogischen Psychologie eine dazwischen gelagerte praxisverändernde Möglichkeit von Erziehung, Therapie und Intervention.
Damit verbunden ist das kulturen- und disziplinenübergreifende Programm des Herbartianers Moritz Lazarus (1824–1903) und des Sprachforschers Heymann Steinthal (1823–1899), das sich an Wilhelm von Humboldts sprachtheoretisch zu fassende Idee einer vergleichenden Völkerpsychologie anlehnte. Als Sprachrohr gründeten sie 1860 das Journal „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft“ und wandten sich in der Einleitung
„nicht bloß an diejenigen Männer, denen die Bearbeitung der Psychologie berufsmäßig und namentlich obliegt, sondern auch an alle, welche die geschichtlichen Erscheinungen der Sprache, der Religion, der Kunst und Literatur und Wissenschaft, der Sitte und des Rechts, der gesellschaftlichen, häuslichen und staatlichen Verfassung, kurz an alle, welche das geschichtliche Leben der Völker nach irgend einer seiner mannigfaltigen Seiten derartig erforschen, daß sie die gefundenen Thatsachen aus dem Innersten des Geistes zu erklären, also auf ihre psychologischen Gründe zurückzuführen streben.“ (Lazarus & Steinthal, 1860, S. 1)
Damit starteten sie den Versuch, eine Sozialpsychologie zu positionieren, wobei sie diese explizit vom individualistisch-monologischen Paradigma der sich zeitgleich formierenden Individualpsychologie (Wundt) abgrenzten (Keupp, 1998, S. 13). Sie betonten „die Notwendigkeit einer ‚Psychologie des gesellschaftlichen Menschen oder der menschlichen Gesellschaft‘“ (ebd., S. 4).
Diesen Fußstapfen zunächst folgend und sie im Weiteren doch verlassend, systematisierte Wilhelm Max Wundt (1832–1920) in seinem Monumentalwerk die bis dahin ungeordnet nebeneinanderstehenden disziplinären Perspektiven zu einer systematisierten, empirisch unterlegten und methodisch abgesicherten Wissenschaft, der Allgemeinen Psychologie. Diese fußt zwar auf der Verschränkung von Individual- und Völkerpsychologie, in der Menschsein und -werden als geistige Wechselwirkung des Einzelnen mit seiner geistigen Umgebung bestimmt wird: „Wie die psychische Entwicklung des Kindes aus der Wechselwirkung mit seiner Umgebung hervorgeht, so steht auch noch das reife Bewusstsein in fortwährenden Beziehungen zu der geistigen Gemeinschaft, an der es empfangend und selbsttätig teilnimmt“ (Wundt, 1905, S. 365). Subjektives Bewusstsein entsteht durch die verarbeitende Erfahrung kultureller Objektivationen, wie Sprache, Gesetze, Mythos, Religion und Sitte. Von einer wissenschaftstheoretischen Metaebene aus gesehen bleibt Wundt der Wechselwirkung als erkenntnisleitendem Prinzip treu und versteht darunter die integrierende Verknüpfung philosophisch-hermeneutischer Introspektion mit naturwissenschaftlichem Experiment zu einer widersprüchlichen Einheit von Natur- und Sozialwissenschaften (Fahrenberg, 2013). Doch auf der Disziplinebene der neu entstehenden Psychologie selbst, dem Ausbau zu einer „physiologischen Psychologie“, setzt sich eine biologistisch-naturwissenschaftlich geprägte, experimentelle Ausrichtung hin zu einer Messbarkeit im Individuum verorteter Bewusstseinsvorgänge (Apperzeptionspsychologie) durch.
Die Wirkungsgeschichte der genannten Schulen schwappte über in die sich zeitgleich formierende Lehre der Soziologie. Für Georg Simmel (1858–1918), ein Schüler von Lazarus, wurde Wechselwirkung zu einem systematischen Kernbestand seiner soziologischen Theorie der Vergesellschaftung. Gesellschaft ist für Simmel kein fester Gegenstand, sondern besteht aus Prozessen des Miteinander, Füreinander, Gegeneinander, Untereinander, wenn sich Einzelne mit ihren inneren Bedürfnissen, Trieben, Interessen, Wünschen aufeinander und auf äußere soziale Strukturen beziehen: „Gesellschaft ist nur ein Name für die Summe dieser Wechselwirkungen“ (Simmel, 1989, S. 331). Der eigentliche Gegenstand ist weder das Individuum noch die Gesellschaft, weder eine innere noch äußere Struktur, sondern vielmehr das, was sich dazwischen abspielt (Klein, 2009, 2022). Gebilde wie Sprache, Religion, Institutionen und Kultur „erzeugen sich in den Wechselbeziehungen der Menschen, oder manchmal auch sind sie derartige Wechselbeziehungen […]“ (Simmel, 1992, S. 72). Damit öffnet Simmel einen neuartigen intermediären Denk- und Handlungsspielraum des dialektisch verflochtenen, sich co-konstituierenden Dritten, in dem sich entgegengesetzte Prinzipien begegnen, wobei es offenbleibt, ob es zu einer versöhnenden Einheit, einem widersprüchlichen Aufschub oder einem negierenden Ausschluss kommt (Phyythinen, 2018, S. 172 f.).
Festzuhalten gilt: Wenngleich die deutsche Debatte sich um wechselwirkende, dialektische Denkfiguren dreht, werden diese nicht durchgängig von der Mitte aus in einer nichtbinären Doppelperspektive gedacht. Wundt, der ursprünglich gerade die sozialpsychologisch auffächernde Wechselwirkung theoretisch wie methodisch in den Fokus seines Forschungsprogramms stellte, trägt letztlich durch die in irreduzible kleinste individuumszentrierte Einheiten zergliederte psychophysisch ausgerichtete „Elementenpsychologie“ dazu bei, die deutschsprachige disziplinäre Entwicklung der Psychologie durch Ausklammerung aller soziokulturellen Bezüge auf eine nachgerade „a-soziale“ Wissenschaft zu reduzieren, „weil die größte seelenkundliche Autorität deutschen Namens, Wilhelm Wundt, nichts von ihr wissen wollte“ (Hellpach, 1956, S. 290; Anger, 1984, S. 34 f.) Die Entwicklung hin zu einer Sozialphilosophie oder -psychologie, die versucht, das dynamische Verhältnis dazwischen zu entschlüsseln, erleidet im deutschsprachigen Raum damit einen harten Bruch, der erst wieder durch die gestalttheoretischen Perspektiven und deren feldtheoretische Formulierungen ab den 1920er-Jahren allmählich gekittet wird.1 Dagegen prägen Simmels Überlegungen des Dritten die sich zeitgleich etablierende Sozialpsychologie in den USA, den dabei federführenden sozialphilosophisch verankerten Pragmatismus und die daraus erwachsenden Gruppenforschungen ebenso wie später die Figurationssoziologie von Elias und damit den Matrixbegriff der Foulkes’schen Gruppenanalyse (Klein, 2022, S. 146 f.).2
Sozialstruktur – die französische Debatte um soziale Tatsachen und massenpsychologische Ansteckungen
Zeitgleich formierte sich in Frankreich ein etwas anders akzentuiertes sozialwissenschaftliches Unterfangen, das eher von der äußerlichen Warte der Gesellschaft aus, einer überindividuellen sozialen Wirklichkeit, – von oben – auf die in ihr zu integrierenden Individuen schaut.
Angesichts des immensen Strukturwandels im 19. Jahrhundert, dessen Ausgangspunkt in der „Doppelrevolution“ – der politischen Revolution in Frankreich und der industriellen Revolution in England – gesehen wird (Rürup, 1992, S. 33), legte Émile Durkheim (1858–1917) den Fokus auf die Frage, wie soziale Ordnung und gesellschaftlicher Zusammenhalt überhaupt möglich sind unter den fortschreitenden Prozessen arbeitsteiliger Differenzierung, wachsender Individualisierung und des Zerfalls traditionaler Ordnungssysteme: „Wie geht es zu, daß das Individuum, obgleich es immer autonomer wird, immer mehr von der Gesellschaft abhängt?“ (Durkheim, 1992, S. 82). Um diese Leitfrage herum etablierte er konsequent die Soziologie als eigenständige Fachdisziplin mit einem eigenständigen, von keiner anderen Disziplin klärbaren Gegenstand – den sozialen Tatsachen (faits sociaux), häufig auch als soziologischer Tatbestand übersetzt: „Ein soziologischer Tatbestand ist jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben“ (Durkheim, 1984, S. 114). Integration in die Gesellschaft ist Durkheim folgend eine fortwährende Anpassungsleistung an diese allgemeingültigen kollektiven Repräsentationen mit eindeutig normativem Charakter:
„Wir finden also besondere Arten des Handelns, Denkens, Fühlens, deren wesentliche Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie außerhalb des individuellen Bewusstseins existieren. Diese Typen des Verhaltens und des Denkens stehen nicht nur außerhalb des Individuums, sie sind auch mit einer gebieterischen Macht ausgestattet, kraft deren sie sich einem jeden aufdrängen, er mag wollen oder nicht.“ (Durkheim, 1984, S. 106)
Fehlverhalten und Abweichungen führen zu inneren gewissensbildenden und äußeren strafrechtlichen Sanktionen. Institutionell oder symbolisch eingebettet, bildet das, dem Einzelnen vorgängige, kollektive Bewusstsein (conscience collective) ein Set bewusster wie unbewusster verhaltensbestimmender Werte, Einstellungen und Erwartungen, deren Befolgung idealerweise soziale Ordnung und gesellschaftlichen Zusammenhalt, verstanden als organische Solidarität, ermöglichen.
In Abgrenzung zu Durkheims Ausrichtung der Soziologie als „Moralwissenschaft“ und dessen festgefügter Statik struktureller Gesellschaftsgebilde als äußerlich vorgegebene, unveränderbare Fakten entwarf Gabriel de Tarde (1843–1904) eine Interpsychologie des zwischenmenschlichen Verhaltens mit dem Blick auf deren gesellschaftserzeugende Wirkung. Eher mit Simmels Denkfiguren verwandt, ist ihr Gegenstand soziale Beziehungen, ausgehend von der Mutter-/Vater-Kind-Dyade bis hin zu größeren Gruppen und deren Funktion bei der Schaffung, Verbreitung, Etablierung und Veränderung sozialer Tatsachen. Kultur entwickelt sich demnach durch Erfindungen von Einzelnen, die dann von vielen imitiert werden, sich über Suggestion und Ansteckung verbreiten. „Gesellschaft ist Nachahmung“ und stellt sich selbst, ihre Politik-, Moral- und Rechtsverhältnisse, ihre Institutionen über solche aneinander anschließenden imitativen Handlungsmuster her (de Tarde, 2003). Nachdrücklich führt er dabei den Blick auf die normativen Setzungen, auf Konformität und soziale Kontrolle, denen die Individuen unterliegen. Dafür setzt er den Begriff der „Masse“, verstanden als die Gestalt einer durch das Gesetz der gleichförmigen, dumpfen Nachahmung charakterisierten Gesellschaft.
Darauf aufbauend identifizierte Gustave Le Bon (1841–1931) Ansteckung und Suggestion als die grundlegenden sozialen Mechanismen für Massendynamiken, in denen das Einzelbewusstsein über Deindividuation verschwindet und in der Massen- oder Gemeinschaftsseele untergeht. Die Gruppe denkt, fühlt und handelt anders als jedes einzelne Mitglied. Es kommt zu einem Schwund der Urteils- und Kritikfähigkeit, der rationalen Beweisführung und des klaren Denkens. Fixe Ideen breiten sich wie durch Ansteckung und Hypnose aus und „nach einer bestimmten Erregungszeit [fallen] die Massen in den Zustand einfacher, unbewusster Automaten zurück […]“ (Le Bon, 2009, S. 145). In dieser Phase gerät sie schnell unter die Herrschaft eines Führers: „Sein Wille ist der Kern, um den sich die Anschauungen bilden und ausgleichen. Die Masse ist eine Herde, die sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß“ (ebd., S. 95). Fast einer Anleitung für kompetente Führerstrategien gleich zeigt Le Bon anhand herausgearbeiteter Hauptwerkzeuge (Behauptung, Wiederholung und Übertragung), wie ideologische Manipulation und blinde Unterwerfung überzeugend gelingen: „Wie viele Massen haben sich für Überzeugungen und Ideen, die sie kaum verstanden, heldenhaft hinschlachten lassen?“ (ebd., S. 36), fragt er prophetisch.
Bezeichnend für die skizzierte französische Entwicklungslinie ist, dass de Tardes Ideen in Amerika von der sich dort etablierenden philosophisch und soziologisch genährten Sozialpsychologie aufgenommen werden, doch seine „Interpsychologie“ im europäischen Raum bis in die 1980er-Jahre in einer als unwissenschaftlich zu bezeichnenden Ecke verbleibt. Dagegen etabliert sich Durkheims strukturfunktionalistisch ausgerichtete, positivistische Soziologie, welche die strukturelle Macht des „Überindividuellen“ in der Gesellschaft betont und über Disziplingrenzen hinweg breit rezipiert wird (Lévi-Strauss, Saussure, Lacan).3 Untersucht und erklärt wird, warum welche überindividuellen Strukturen (Sprache, Symbole, Systeme, Beziehungsgefüge, Deutungsmuster) durch welche Funktionen und Praktiken gestützt werden. Dabei ist die Bewahrung der Integration und Solidarität der Gesellschaft und damit die Übermacht des Kollektiven ein wichtiger Referenzpunkt. Diese Überlegungen finden in Sigmund Freuds Strukturmodell von Über-Ich, Ich und Es ein psychoanalytisches Pendant, besonders in der Fassung von Triebregulierung und repressiver Unbewusstmachung gesellschaftlich verpönter innerer Regungen. Darüber hinaus beziehen sich Freuds Ausführungen zur Massenpsychoanalyse auf Konzepte der Suggestion, Imitation und Ansteckung bei de Tarde und Le Bon, denen differenzierte Rezeptionen in der Gruppenpsychoanalyse folgen.
Interaktionismus – die amerikanische Debatte um pragmatischkreatives Handeln und Spiegel-Ichs
In der Zwischenzeit etablierte sich auf der anderen Seite des Atlantiks eine sozialphilosophische Betrachtung der vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Selbst/Welt, Individuum/Gesellschaft, Gestik/Sprache, die letztlich mit zur Etablierung einer Sozialpsychologie führte.
William James (1842–1910) gilt als Nestor der amerikanischen Psychologie, die er mit einem konsequenten Blick auf das Subjekt entwickelte – anhand seiner Leitfrage: Wie wird ein Subjekt vergesellschaftet? Ausgehend vom Menschen als Instinktwesen schreibt er diesen primären Triebfedern einen zutiefst transitorischen Charakter zu, aus ihnen bilden sich über den Niederschlag sozialer Lernprozesse erworbene Gewohnheiten (habits) heraus, die eigentliche Basis menschlichen Verhaltens. Mit den habits liefert er, John Dewey folgend, den wesentlichen Schlüssel zur Sozialpsychologie (Anger, 1984, S. 37 f.). Anders als Wundt trennt er bei seiner psychologischen Disziplinbestimmung nicht Individuum und Volk, sondern begreift den Einzelnen als erweitertes Ich (extended self), das in ständigem wechselwirkenden Austausch mit seinem sozialen Feld, dem symbolischen, materiellen wie menschlichen Lebensgefüge, steht.
„Wir können praktisch sagen, dass ein Mensch so viele verschiedene soziale Identitäten besitzt, wie es unterschiedliche Gruppen von Personen gibt, an deren Meinung ihm etwas liegt. Gewöhnlich zeigt man sich diesen verschiedenen Gruppen gegenüber in ganz verschiedenem Lichte. […] Genaugenommen hat ein Mensch viel mehr als ein soziales Ich, nämlich ebenso viele, wie es Individuen gibt, die ihn kennen und sich ein Bild von ihm gemacht haben.“ (James, 1950, S. 294, modif. n. Anger, 1984, S. 37)
Als Mitbegründer des Pragmatismus, einer sozialphilosophischen Theorie des Denkens und Handelns, analysiert er, wie Menschen zu ihren Überzeugungen, Meinungen und Erkenntnissen kommen, und verankert diesen Prozess in der Alltagspraxis.
Diese Prämissen einer durch und durch sozialen Identitätsbildung auf der Ebene der Alltagspraxis zwischen subjektivem Sein und objektivem Bewusstsein bilden die Bezugspunkte der a) Chicago School of Philosophy und b) Chicago School of Sociology, welche beide als Vorläufer des Symbolischen Interaktionismus gelten. Stellvertretend für die erstgenannte steht George Herbert Mead (1863–1931). Mit seiner Konzeption verschränkt er die individuelle Ebene der Ich- mit der kulturellen Ebene der Symbolbildung. Identität und Symbole existieren und entstehen nicht aus sich heraus und „an und für sich“, sondern werden in steter Wechselwirkung zwischen dem Selbst und den Anderen co-konstruiert. Identität ist ein prozessuales, lebenslanges Interaktionsprodukt. Das Ich, das gewissermaßen widerspiegelt, wie Andere es sehen, nennt Mead „Me“. Es steht in einem konstruktiven Gegensatz zu dem eher impulsiven, vorsozialen „I“. Mead unterscheidet dabei die „signifikanten Anderen“ als wichtige Identifikations- und Bezugspersonen der Primärgruppe und die „generalisierten Anderen“ als Konglomerat der kollektiven Einstellungen und verallgemeinerten sozialen Ordnung. Die interaktive Kompetenz, sich mit den Augen der Anderen zu sehen, ist für ihn eng gekoppelt mit Perspektivenübernahme. Perspektivenübernahme kennzeichnet die Fähigkeit, die Haltung des Anderen zu erfassen, sich in deren Rolle zu versetzen und sich von diesem Außenstandpunkt bei der eigenen Handlung zuzuschauen. Sich selbst mit den Augen der Anderen zu sehen, ist zugleich der Akt, sich selbst von der Position der Anderen aus zu denken, und der Grundstock reflexiver Identität (Mead, 1973, S. 198). Symbolbildung erachtet Mead simultan zu Identitätsbildung als intersubjektiv abgestimmte Vermittlungs- und Aushandlungsversuche, in denen sich die individuelle Artikulation mit der kulturellen Kodierung verschränkt (Klein, 2009, S. 456). In der Interaktionssituation umfasst die Kommunikation zwischen Ich und den Anderen alle Interaktionsformen, mit denen Verständigung gesucht wird, wie Gesten, Mimik, Performanz und Sprache.
Neben Mead hat vor allem sein Kollege William Isaac Thomas (1863–1947) an der Chicago School of Sociology versucht, in Anlehnung an Simmel die Wechselwirkung zwischen „Objekt“ (gesellschaftliche Strukturen, soziale Normen, kulturelle Werte) und „Subjekt“ (individuelle Handlungen, Ziele, Motive, Einstellungen und Eigenschaften) antidualistisch zu entwerfen. Eine Definition von Werten und Normen findet in intersubjektiven Handlungssituationen und wechselseitigen Interpretationsprozessen statt (Schubert, 2009, S. 354). Thomas folgend sind individuelle Einstellungen nicht bloße Effekte sozialer Tatsachen und allgemeingültiger Normen. Letztere besitzen keine überindividuelle, generalisierte Geltungsbasis, sondern werden in gemeinsam geteilten Situationsdefinitionen ausgehandelt. Soziale Ordnung ist basal auf kreatives Handeln, auf Bedeutungsoffenheit und Freisetzung angewiesen, in einem „dynamischen Gleichgewicht von Vorgängen der Desorganisation und Reorganisation“ (Thomas, 1965, S. 308) mit gestaltend-verändernder Qualität von unten aus Gruppenverbänden heraus.
Das Hauptanliegen der Pionierarbeiten von Charles H. Cooley (1864–1929) bestand darin, den Pragmatismus für die Soziologie fruchtbar zu machen. Auch Cooley sieht eine unauflösbare Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft: Weder geht das Individuum der Gesellschaft noch die Gesellschaft dem Individuum voraus. Er hält die begriffliche Gegenüberstellung von Individuum und Gesellschaft sogar für eine „fehlgeleitete Metaphysik“ und konzipiert diese als durch und durch komplementäres Verhältnis: „Self and society are twin-born“ (Cooley, 1909, S. 5). In Übereinstimmung mit Mead fasst Cooley Identitätsbildung als prozessuales Ergebnis interpersoneller und wechselseitiger Wahrnehmungs- und Anerkennungsvorgänge. Das soziale Selbst ist ein „looking-glass self “, ein Spiegel-Ich, das reflektiert, wie es von anderen wahrgenommen wird, seine Wirkung auf andere interpretiert und diese Interpretationen verinnerlicht. In dem lebenslangen Prozess der Wider-Spiegelungen bildet und wandelt sich die eigene Identität. Jeder ist zwar jedem ein Spiegel, aber nicht jeder ist ein signifikanter Anderer. Für die subjektiv bedeutsamen Bezugspersonen führt Cooley den Begriff der Primärgruppe ein als Nährboden menschlicher Kultur: „Sie sind primär in mehrerer Hinsicht, hauptsächlich aber wegen ihrer fundamentalen Bedeutung für die soziale Persönlichkeitsentwicklung und die Prägung individueller Leitbilder“ (Cooley, 1909, S. 23, modif. n. Anger, 1984, S. 38).
Desgleichen schreibt Edward Alsworth Ross (1866–1951), ebenfalls Pionier der amerikanischen Soziologie, den Primärgruppen eine bedeutsame Funktion zu. Besonders die Familie reguliert über den Modus „informaler Kontrolle“ das Verhalten ihrer Mitglieder von frühster Kindheit an. Soziale Kontrolle ist für ihn daher eine unvermeidliche Begleiterscheinung jeglichen sozialen Daseins, die unbewusst, ungewollt und unmittelbar aus der bloßen Tatsache menschlicher Interaktionen resultiert (Anger, 1984, S. 39). Normen, Verhaltensdispositive und Werte werden gleichsam „mit der Muttermilch eingesogen“ und wirken lebenslang als verinnerlichte Kontrollinstanzen, die weitgehend an die Stelle äußerer Zwänge und Sanktionen treten (Ross, 1901, S. 190, zit. n. Anger, 1984, S. 39). In einem „goldenen Augenblick höchster Empfänglichkeit“ nimmt das Kind „jene Verhaltensmaximen, Vorurteile und Gewohnheiten an, die dazu bestimmt sind, das Fundament seines Charakters zu bilden“ (Ross, 1901, S. 181, zit. n. Anger, 1984, S. 39.). Seine definitorische Fassung verinnerlichter Kontrollinstanzen bleibt erkenntnisleitend für die Kleingruppenforschung, während sein 1908 herausgebrachtes „Lehrbuch zur Sozialpsychologie“, welches gewissermaßen die Geburtsstunde der Sozialpsychologie einläutete, vor allem wegen der zu engen Anlehnung an massenpsychologische Imitations-/Suggestionstheorien schnell in Vergessenheit gerät.
Dagegen erlebt die nur wenige Monate später von dem Psychologen William McDougall (1871–1938) veröffentlichte „Einführung in die Sozialpsychologie“ eine weltweite und langanhaltende Beachtung. McDougall entwirft einen Ansatz, der radikal vom Individuum ausgeht und dessen „angeborene Neigungen, Fähigkeiten, Triebkräfte, Instinkte“ (Keupp, 1998, S. 53) als wesentliche Pfeiler aller menschlichen Verhaltensweisen proklamiert. Seine „Theorie der Sentiments“ reduziert das soziale Zusammenleben auf natürliche, biologische Grundstrukturen, ohne die zwischenzeitlich fruchtbaren Interaktionstheoreme miteinzuschließen (ebd.). Daran anknüpfend bezieht er in „The group mind“ (1920) die Analyse des kollektiven Gruppenbewusstseins (group mind) als bedeutsamen Faktor für eine sozialpsychologische Perspektive auf die Selbststeuerungskräfte des Individuums mit ein. Dabei spannt er einen Bogen von natürlichen Gruppen (Familien) über kleinere und größere Organisationsformen bis zu Nationen. Das „Nationalbewusstsein“ (national mind) hebt er schließlich als wesentliches Element von Nationalität hervor, einem vage zusammengesetzten Mix aus „rassischer, geographischer und geistiger Homogenität, Kommunikationsfreiheit, Führerpersönlichkeiten, Kontinuität und einer mehr oder weniger klar definierten Zielsetzung“, der Patriotismus als „natürlichen Auswuchs des nationalen Bewusstseins […] psychologisch rechtfertigt“ (Schneider, 1921, S. 692 f., Übers. R. K.). Festzuhalten gilt, dass mit dem Pragmatismus eine „Philosophie der Kreativität“ (Joas, 1996), eine fruchtbare „amerikanische“ Weiterführung des „deutschen“ Wechselwirkungsdiskurses einsetzte. Semantisch stimmt „Wechselwirkung“ mit dem Terminus „Interaktion“ überein. Charakteristisches Merkmal des Symbolischen Interaktionismus ist die Annahme, dass Kommunikation über sprachliche wie gestische Symbole erfolgt und alle sozialen Ebenen (Makro-, Meso- und Mikroebene) miteinander und prozessual verschränkt (Klein, 2009, S. 457 f.). Dadurch wird eine gesamtheitliche und integrierende Betrachtungsweise auf überindividuelle Symbolbildung und individuelle Identitätsbildung eröffnet, die später von Norbert Elias in seiner Figurationssoziologie konsequent weitergeführt wird und für die Foulkes’sche Gruppenanalyse handlungsleitend ist (Klein, 2022, S. 150). Entscheidend ist die dynamische, wechselwirkende Auffassung dieser Strukturen. Die Bedingungen, unter denen Menschen leben, sind weder statisch noch äußerlich, sondern werden von ihnen selbst mitgestaltet. Das nachfolgend daraus entwickelte interpretative Paradigma versteht soziale Wirklichkeit als durch „darüberhinausgehende“ kreative Interpretationen aller am Diskurs Beteiligten konstruiert (Klein, 2017, 2022). Besonders der von Thomas proklamierte Begriff der „Situationsdefinition“ nimmt gestalttheoretische Konzepte der „Einheit von Individuum und Situation“ (Lewin)4 bzw. „Figur und Grund“ (Foulkes) vorweg, die später in Gruppendynamik sowie Gruppenanalyse übertragen werden. Darüber hinaus wird die Mead’sche „theory of mind“ mit ihrem Fokus auf sozialer Identitätsbildung in Abhängigkeit von Spiegelung, Resonanz und Reflektion durch die Mentalisierungstheorie (Fonagy) für den (gruppen-)therapeutischen Kontext fruchtbar gemacht.5
Das Verhältnis zwischen Selbst und Welt begleitet die Menschheitsgeschichte von Beginn an. Die jeweils entwickelten Konzepte erlangen für bestimmte historische Epochen eine raumzeitlich gefasste Gültigkeit, die in krisengeschüttelten Sattelzeiten, bei Erosionsbrüchen und Übergängen immer wieder auf den Prüfstand gestellt und neu akzentuiert wird. So auch am Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert mit dem Aufkommen einer individual- wie kulturtheoretisch angelegten Psychoanalyse und parallel entworfenen gestalttheoretischen Konzeptualisierungen, welche erkenntnisleitend für die Gruppenpsychoanalyse sind.
1Siehe den Beitrag von Florian Fossel und Günter Dietrich in diesem Band.
2Siehe den Beitrag von Dieter Nitzgen in diesem Band.
3Siehe den Beitrag von Alice Pechriggl in diesem Band.
4Siehe den Beitrag von Peter Potthoff in diesem Band.
5Siehe den Beitrag von Helga Felsberger in diesem Band.
Entwicklungslinien der Gruppenpsychoanalyse im historischen und disziplinären Kontext
Teil 2: Auf Spurensuche in Psychoanalyse und Gestaltpsychologie
Florian Fossel und Günter Dietrich
Abstract
Der Beitrag untersucht vorwiegend ideengeschichtlich orientiert Grundlagen der Gruppenpsychoanalyse, die aus den Disziplinen der Psychoanalyse und der Gestaltpsychologie weitergeführt worden sind. Ausgehend von einer Konzeption der Psychoanalyse als Individual-, Sozial- und Kulturtheorie werden basale Modelle Freuds, die später in die Gruppe „übersetzt“ worden sind, wie auch die Freudsche Kulturtheorie umrissen. Von den Anfängen der Gestaltpsychologie bei Ehrenfels wird weiterführend die Entwicklung der Berliner Schule der Gestaltpsychologie mit ihrer Fortsetzung in der Feldtheorie von Lewin dargestellt, woraus Entwicklungslinien hin zu frühen gruppenanalytischen bzw. psychoanalytisch-gruppentherapeutischen Theoriebildungen ersichtlich werden.
Psychoanalyse als Individual-, Sozial- und Kulturtheorie
Sigmund Freud (1856–1939) als Begründer der Psychoanalyse erscheint ambivalent in seiner Ansicht zur menschlichen Kultur – ein Begriff den er synonym zu Zivilisation verwendete und der für Freud, neben der Abgrenzung zu den tierischen Ahnen und zum Schutz vor der Natur, vor allem die „Regelung der Beziehungen der Menschen zueinander“ umschreibt (Freud, 1930a). Im Briefwechsel mit Albert Einstein zum Thema „Warum Krieg?“ meinte er zur Kulturentwicklung: „Diesem Prozeß verdanken wir das Beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von dem, woran wir leiden“ (Freud, 1933b, S. 26). Kultur wurde laut Freud durch den Verzicht auf unmittelbare Triebbefriedigung gewonnen, dies erfolgt durch Liebe und Zwang. Eigensüchtige Triebe werden durch Beimengung der erotischen Komponente (Libido) in soziale Triebe umgewandelt (Freud, 1915b, S. 333).
Auch wenn die Psychoanalyse gemeinhin als Individualpsychologie gesehen wird, verstand Freud Psychoanalyse von Anfang an als Sozialpsychologie, da im „Seelenleben des Einzelnen […] ganz regelmäßig der Andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht“ kommt (Freud, 1921c, S. 73). Freuds Anliegen, den Menschen vom „Seelenende dieser Welt“ her zu verstehen (Freud, 1950a/1962, S. 194), begleitet ihn bei all seinen individual- und massenpsychologischen Überlegungen und er war der Ansicht, dass die Psychologie der Masse (Gruppe/Gesellschaft) der des Individuums vorausgeht.1 Ein Großteil seiner psychoanalytischen Postulate baut auf der Verschränkung von Individuum und Gesellschaft auf (Subjekt/Objekt, Subjekt/Kultur, Subjekt/Masse, innere/äußere Realität). Primärer Referenzpunkt in Freuds Forschung ist die Erkenntnis des Unbewussten und die damit verbundene Konfliktdynamik, die daraus resultiert, dass subjektive Wünsche und Triebbedürfnisse mit gesellschaftlichen Vorgaben und Verboten in Widerspruch stehen.
Psychoanalytische Grundannahmen
Das Unbewusste, dessen äußerste Schicht das Bewusstsein bildet, stellt die zentrale Grundannahme der Psychoanalyse dar2 und ist als Grundlage in das gruppenpsychoanalytische Denken übernommen worden.3 Freuds Beschreibung des dynamischen Unbewussten, der Ort der verdrängten Wünsche und Triebregungen, die an die Oberfläche drängen, vermittelt indirekt den gesellschaftlichen Aspekt dieser Verdrängung, die in sozialer Missbilligung begründet ist. Hiermit verbunden sind soziale Ängste, Affekte wie Schuld und Scham, worüber gewünschte soziale Normen in das Subjekt eingeschrieben werden. Der intersubjektive Akt der Beschämung führt zum drohenden Ausschluss aus der Gemeinschaft, bis hin zur Erschütterung der eigenen Existenzberechtigung.4 Auch weitere durch die Psychoanalyse beschriebene Abwehrmechanismen, wie Spaltung, Projektion, projektive Identifizierung, Reaktionsbildung, Introjektion, Identifikation, stehen mit unglücklichen Beziehungserfahrungen sowie den Anforderungen und Verboten der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse in Zusammenhang. Die psychoanalytische Verhältnisbestimmung Individuum/Gesellschaft zeigt sich hier in erster Linie als Konflikttheorie, wobei Freud in dieser Spannung sowie in der Sublimierung von aggressiven und sexuellen Triebregungen wiederum die Basis kultureller Leistungen gesehen hat. Am deutlichsten wird dies, wenn Freud, im Zusammenhang mit seiner dritten Triebtheorie, Lebens- vs. Todestrieb, Kulturentwicklung als „Lebenskampf der Menschart“ bezeichnet (Freud, 1930a, S. 481). Kultur folgt, laut Freud, einem erotischen Antrieb, der die Menschen verbindet, doch diese stehen in einem Ambivalenzkonflikt, da die durch Triebversagung entfesselten destruktiven Aggressionen nach innen gewendet und der Persönlichkeitsinstanz des Über-Ich übertragen werden. So sieht Freud schließlich den utopischen Idealzustand in einer Gemeinschaft, „die ihr Triebleben der Diktatur der Vernunft unterworfen“ hat (Freud, 1933b, S. 24).
Die aus der Annahme eines Unbewussten abgeleiteten Theoreme des Widerstands, der Verdrängung, die Einschätzung der Sexualität sowie des Ödipuskomplexes bezeichnet Freud als Grundlage der psychoanalytischen Theorie (Freud, 1923a, S. 223). Diese können zusammen mit Übertragung, Spiegelung, Resonanz, Wiederholungszwang sowie der Technik der freien Gruppenassoziation, als Äquivalent zur freien Assoziation,5 auch als Grundlage der Gruppenpsychoanalyse angesehen werden (Foulkes, 1974a, S. 173). All diese Begriffe unterstreichen den intersubjektiven Aspekt des Übertragungsgeschehens, welcher in der multipersonellen Situation des gruppenanalytischen Prozesses zu beobachten ist und sich soziodramatisch und psychodramatisch in Szene setzt (ebd., S. 156). In der Bewältigung des Ödipuskomplexes – einer zentralen Modellbildung, als dessen Erbe das Über-Ich entsteht – sah Freud (1924f, S. 426) den Weg, auf dem sich die individuelle Libido aus den infantilen Bindungen löst und den sozial erwünschten zuwendet. Der Ödipuskomplex ist somit ein Sozialisationsprozess, bei dem das Dritte, in der Regel das zweite Elternteil, im erweiterten Sinne die Gesellschaft, zum untrennbaren Bestandteil der individuellen Psyche wird.
Auch Freuds Strukturmodell, mit dem er sein erstes topologisches Modell der Psyche unbewusst/vorbewusst/bewusst um das Modell Es/Ich/Über-Ich erweiterte, hat letztendlich das Verhältnis Individuum/Gesellschaft zum Inhalt. Das Über-Ich als Vertreter der sozialen Werte und Normen sowie das Es – welches auch das archaische Erbe, Erinnerungsspuren an das Erleben früherer Generationen, beinhaltet – mit seinen verpönten Triebwünschen, dem sozial Unerwünschten, wirken auf das Ich ein (Freud, 1939a, S. 204 f.). Zusätzlich hat das Ich mit der (sozialen) Realität zurechtzukommen, es passt sich den Einwirkungen der Umwelt psychisch an und gestaltet zugleich in seiner Außenwirkung die Umwelt mit.6 Individuum und Umwelt stehen so in permanenter Wechselwirkung, die Freud teils antagonistisch, teils ineinander verschränkt beschreibt.
Ursprünglich sah Freud im Ich-Ideal einen „bedeutsame[n] Weg zum Verständnis der Massenpsychologie“ – dieses „hat außer seinem individuellen einen sozialen Anteil, es ist auch das gemeinsame Ideal einer Familie, eines Standes, einer Nation“ (Freud, 1914c, S. 169). Später übernimmt in Freuds Theorie die psychische Instanz des Über-Ich jene Funktion, die Gesetze der Eltern, die sozialen und kulturellen Forderungen der Gesellschaft zu verkörpern, bei deren Übertretung sich Schuldgefühl und strafendes Gewissen äußern (1923b, S. 263 ff.). Und so sah Freud in der „Erstarkung des Über-Ichs“ einen „höchst wertvolle[n] psychologische[n] Kulturbesitz“ und er beschreibt, wie durch die „Verinnerlichung der Kulturvorschriften“ Kulturgegner zu Kulturträgern werden (Freud 1927c, S. 332).
Freud zieht eine „Analogie zwischen dem Kulturprozeß und dem Entwicklungsweg des Individuums“ und merkt an, dass „auch die Gemeinschaft ein Über-Ich ausbildet, unter dessen Einfluß sich die Kulturentwicklung vollzieht“. Das Kultur-Über-Ich stellt wie das individuelle Über-Ich strenge Idealforderungen auf, „deren Nichtbefolgung durch ,Gewissensangst‘ gestraft wird“. Psychische Vorgänge werden so über die Analyse von Massen (ebenso Gruppen, Institutionen, Gesellschaften) dem Bewusstsein zugänglicher als über einzelne Individuen. Die Forderungen des Über-Ichs fallen oft mit den Vorschriften des jeweiligen Kultur-Über-Ichs zusammen und so stellt Freud fest, dass „beide Vorgänge, der kulturelle Entwicklungsprozeß der Menge und der eigene des Individuums, regelmäßig miteinander verklebt“ sind (Freud, 1930a, S. 502). Freud liefert hier im Grunde ein Argument für Gruppenpsychoanalyse, seine Aussage lässt an gruppenanalytische Konzepte der einzelnen Matrizen denken, in die jedes Individuum eingebettet ist, und ohne einen Blick hierauf wird der einzelne Mensch gar nicht verständlich.
Bemerkenswert erscheint Freuds Hypothese zum zentralen Persönlichkeitsbestandteil des Ich in seiner Relation zur Außenwelt: „Ursprünglich enthält das Ich alles, später scheidet es eine Außenwelt von sich ab. Unser heutiges Ichgefühl ist also nur ein eingeschrumpfter Rest eines weit umfassenderen, ja – eines allumfassenden Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit des Ichs mit der Umwelt entsprach“ (ebd., S. 425). Dies erinnert, wenn man unter Umwelt vor allem die soziale annimmt, an Konzepte vom gesellschaftlichen oder sozialen Unbewussten, wie sie später von S. H. Foulkes, Erich Fromm, Mario Erdheim und anderen ausgearbeitet wurden. Einen Ursprung findet das in der Gruppenanalyse heute zentrale Konzept des sozialen Unbewussten in Jungs Annahme eines kollektiven Unbewussten.7 C. G. Jung (1875–1961) sah im persönlichen Unbewussten nur die oberste Schicht eines umfassenderen, tiefergehenden kollektiven Unbewussten, welches ererbt, in jedermann vorhanden sowie von nicht persönlichem Charakter und von weltweiter, weltoffener Objektivität sei (Jung, 1934/2001, S. 7).
Obwohl sich Freud gegen den Begriff des kollektiven Unbewussten wandte – da nicht das Unbewusste selbst kollektiv sei – beschreibt er Ähnliches: „Der Inhalt des Unbewußten ist ja überhaupt kollektiv, allgemeiner Besitz der Menschen“ (Freud, 1939a, S. 241). Bei seiner Hypothese einer archaischen Erbschaft im Es stellt Freud zudem fest, dass bestimmte neurotische Komplexe „erst phylogenetisch, durch die Beziehung auf das Erleben früherer Geschlechter, begreiflich werden“ und dass durch die Annahme der archaischen Erbschaft die Kluft zwischen Individual- und Massenpsychologie überbrückt sei (ebd.).
Die Psychoanalyse bildet für die Gruppenpsychoanalyse eine Grundlage, die mit ihren zentralen Konzeptionen in die Gruppenanwendung „übersetzt“ werden konnte. Frühe gruppenanalytische Ansätze bauten zum einen direkt auf psychoanalytischen Modellen auf, wie es in der Benennung „Psychoanalyse in der Gruppe“ zum Ausdruck kommt (Heigl-Evers, 1978). Zum anderen gingen Psychoanalytiker wie Wilfred Bion und S. H. Foulkes einen Schritt weiter, indem sie versuchten, gruppenanalytische Äquivalente zu psychoanalytischen Grundannahmen zu entwickeln, wobei Bions Konzepte von Melanie Klein und ihrer Theorie der Objektbeziehungen geprägt waren und Foulkes neben gestalt- und feldtheoretischen Modellen vor allem Postulate von Sigmund Freud weiterentwickelte.8
Psychoanalytische Kulturtheorie
Am Beginn der Psychoanalyse bei Freud und seinen Wegbegleitern stand die meist antagonistisch beschriebene Verschränkung von Individuum und Gesellschaft im Fokus. In dieser Denktradition werden psychische Prozesse wie Übertragung, Widerstand, Verdrängung, Reaktionsbildung und weitere Abwehrmechanismen als allesamt sozial/ gesellschaftlich bedingt gesehen, mit der Eigenschaft, unangenehme oder unangebrachte Affekte abzuwehren. Ich-Funktionen, als grundlegende Organisation der Persönlichkeit mit ihren kognitiven, vermittelnden und regulierenden Leistungen, ermöglichen es Individuen, mit der äußeren, sozialen Realität zu interagieren, bzw. dem Ich, sich an diese anzupassen, während das Über-Ich eben die Gesetze derselben vertritt (Hartmann, 1939). Kulturarbeit basiert bei Freud (1908d, S. 150) auf der Sublimierung sexueller Triebe, und Kulturentwicklung sei schließlich „die Spiegelung der dynamischen Konflikte zwischen Ich, Es und Über-Ich“, die sich auf weiter Bühne wiederholen (Freud, 1935a, S. 32).
Das Interesse an kulturellen Prozessen und deren Auswirkungen auf die individuelle Psyche begleitete Freud in seinen Forschungen über Jahrzehnte.9 Er sah eine Analogie zwischen Kulturentwicklung und der individuellen Entwicklung und stellte die Frage zur Berechtigung der Diagnose, dass „manche Kulturen – oder Kulturepochen – möglicherweise die ganze Menschheit – unter dem Einfluß der Kulturstrebungen ,neurotisch‘ geworden sind“ (Freud, 1930a, S. 504). Dabei zog er in Betracht, dass die Psychoanalyse auf Kulturgemeinschaften übertragen werden könne und sich hieraus therapeutische Methoden für diese ableiten lassen. Doch „die zutreffendste Analyse der sozialen Neurose“ nütze wenig, „da niemand die Autorität besitzt, der Masse die Therapie aufzudrängen“. Dennoch ging Freud davon aus, „daß jemand eines Tages das Wagnis einer solchen Pathologie der kulturellen Gemeinschaften unternehmen wird“ (ebd., S. 505). S. H. Foulkes antwortet ihm posthum: „Nun gut, wir sind mitten in diesem Prozeß“ (Foulkes, 1974, S. 124).
Bereits in der 1902 gegründeten Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft, einer Diskussionsrunde rund um Sigmund Freud,10 befassten sich Ärzte, Erzieher, Schriftsteller u. a. – laut Nunberg „ein Querschnitt durch die Schicht der Intellektuellen zu Beginn des Jahrhunderts“ – mit klinischen Themen, aber auch mit Fragen zur Kunst, Literatur, Mythologie, Religion, Erziehung, Kriminologie, Psychiatrie, Soziologie, Biologie usw. (Nunberg, 1959/1976, S. XIX ff.). So versuchte Alfred Adler (1870–1937) 1909 in einem Vortrag eine Übereinstimmung zwischen psychoanalytischer Trieblehre und marxistischer Klassenkampftheorie darzustellen. In der anschließenden Diskussion stellte Freud fest, dass durch das Studium der Neurosen zwar die Erotik zugänglich geworden sei, aber das Schicksal anderer Triebe (Ichtriebe etc.) wahrscheinlich nur durch das Studium der Krankheitserscheinungen des sozialen Körpers – der Wechselwirkung Individuum/Gesellschaft – möglich sei (Nunberg & Federn, 1977, S. 155 ff.).
Später verfasst Adler seine Theorie zu einem angeborenen Gemeinschaftsgefühl, er spricht von der sozialen Beschaffenheit des Seelenlebens und davon, dass „das seelische Organ des Menschen ganz durchdrungen war von den Bedingungen eines Lebens in der Gemeinschaft“ (Adler, 1927/2008, S. 31). Er vertritt ein untrennbar verflochtenes Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft und betont, dass sich die Zärtlichkeitsbestrebungen beim Kind auf andere richten und nicht, wie Freud seiner Auffassung nach meinte, auf sich selbst (ebd., S. 45).
Zu den ersten kulturtheoretischen Schriften Freuds zählt „Totem und Tabu“, worin er den Versuch unternahm, die Anfänge von Gesellschaft und Kultur zu ergründen. Er untersucht die Ursachen für Religion und Sittlichkeit sowie von Inzestscheu und Exogamie. Anhand vorherrschender Tabus beleuchtet er Gewissen und Schuldbewusstsein sowie die Angst vor Bestrafung aufgrund der Ambivalenz von Gefühlen. Das Tabu vergleicht Freud mit der Zwangsneurose und stellt dabei fest: „[D]as Tabu ist doch keine Neurose, sondern eine soziale Bildung“ (Freud, 1912–13a, S. 88). Im Studium von Neurosen sah Freud einen Weg zum Verständnis der Kulturentwicklung. So sei eine Hysterie ein „Zerrbild einer Kunstschöpfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen Systems“ (ebd., S. 91). Anhand des Mythos vom Mord am allmächtigen Urvater durch die Bruderhorde betrachtet Freud die Internalisierung der Gesetze des Vaters und stellt die Hypothese auf, dass die Anfänge der Kultur im Ödipuskomplex zusammentreffen.11
Im Jahr 1912 begründete Freud „Imago – Zeitschrift für die Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften“, in der eine Reihe von Autor*innen die psychoanalytische Schnittstelle zu Mythologie, Folklore, Ethnologie, Religionen, Pädagogik, Sprach-, Kultur- und anderen Humanwissenschaften untersuchte. Freud, der auch seine eigenen Theorien stets kritisch hinterfragte, unterstützte die Forschungsreisen des Psychoanalytikers und Ethnologen Géza Róheim, um unter anderem die Ubiquität des Ödipuskomplexes zu untersuchen, welche durch andere Forscher*innen aufgrund der Existenz matrilinearer Gesellschaften angezweifelt wurde (Róheim, 1932, S. 298).
In „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ nimmt Freud 1921 seine Gedanken zur Urhorde wieder auf. Er baut dabei auf massenpsychologischen Studien insbesondere von Le Bon, Trotter und McDougall auf, wobei Freuds Skepsis gegenüber Massenphänomenen deutlich wird. Den unheimlichen und geradezu zwanghaften Charakter der Massenbildung führte Freud auf die Imago des Urvaters zurück, der die autoritätssüchtige Masse mit unbeschränkter Gewalt beherrscht. „Der Urvater ist das Massenideal, das an Stelle des Ichideals das Ich beherrscht“ (Freud, 1921c, S. 142).12 Doch neben den regressiven Tendenzen, die sowohl das einzelne Individuum als auch die ganze Masse erfassen können, hebt Freud auch McDougalls Beschreibung hoch organisierter Gruppen (in Freuds Übersetzung Massen) hervor, in denen das kollektive geistige Leben (group mind) auf ein höheres Niveau gehoben werden kann (McDougall, 1920, S. 49). Auch Bion greift später bei der Beschreibung gruppendynamischer Prozesse auf die Theorie McDougalls zurück, wobei er die funktionierende Arbeitsgruppe mit der organisierten und die unbewusst in einer Gruppe geteilten Grundannahmen mit unorganisierten Massen gleichsetzt. Hierbei betont Bion, dass es sich nicht um unterschiedliche Gruppen, sondern um zwei Bewusstseinszustände einer Gruppe handelt (Bion, 2001, S. 126 ff.). Als weitere Hauptwerke der Kulturtheorie Freuds sind zu nennen: „Das Ich und das Es“ (1923b), „Die Zukunft einer Illusion“ (1927c), „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930a) sowie „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ (1939a).
In einer zweiten psychoanalytischen Forscher*innengeneration – insbesondere von den aus der jüdischen Jugendbewegung kommenden Autoren Siegfried Bernfeld, Otto Fenichel und Wilhelm Reich – wurde der Versuch, Gesellschaftstheorie, Massenpsychologie und Psychoanalyse zu vereinen, fortgesetzt, was später in Frankfurt im Umfeld von Max Horkheimer eine Blüte erlebte (Mühlleitner & Reichmayr, 1997, S. 1063). Der Psychoanalytiker und Pädagoge Siegfried Bernfeld (1892–1953) betonte, dass Freud bereits die Bedeutung sozialer Faktoren hervorhob. Der soziale Ort, sprich die historischen Aspekte und die Milieuprägung eines seelischen Vorgangs, bestimmen das Schicksal, das die Triebe in einer bestimmten Realität finden, und somit, welcher Zustand als krank bewertet wird: „[…] der soziale Ort ist ein Sektor dessen, was die Psychoanalyse als Realität bezeichnet. Gegebenenfalls wird diese Realität verinnerlicht und der soziale Ort wird dadurch zu einem Moment am Über-Ich“ (Bernfeld, 1929, S. 299 ff.).13 In der Gruppenanalyse wird das Hinterfragen der teils unbewusst übernommenen Werte und Normen des jeweiligen sozialen Orts zum Teil des gruppendynamischen Prozesses.14 Auch Wilhelm Reich (1897–1957) untersuchte das Verhältnis von sozialer Realität und individueller Psyche sowie die Wechselwirkungen zwischen Führer und Geführten. In seinem Werk „Massenpsychologie des Faschismus“, in dem er der Frage nachgeht, welche psychischen Strukturen den Menschen für politisch extreme Ideologien anfällig machen, stellt Reich fest, dass jede Gesellschaft in der Masse diejenigen Strukturen erzeugt, die sie für ihre Hauptziele braucht (Reich, 1933, S. 36). Neben den regressiven, autoritären Tendenzen betont Reich, dass in Gruppen bewusste wie unbewusste, neurotische wie gesunde, destruktive wie kreative Prozesse wirksam sind, und meint, eine realitätsgerechte Massenpsychologie habe von den typischen psychischen Prozessen auszugehen, die in „einer Schichte, Klasse, Berufsgruppe etc.“ gemeinsam sind (ebd., S. 30; vgl. Peglau, 2017, S. 33 ff.).
Einige der in diesem Abschnitt genannten Personen mit ihren für die Entwicklung der Gruppenpsychoanalyse wichtigen Theoriepositionen treffen in den späten 1920erJahren in Frankfurt zusammen und treten dort in Austausch. Über den Neurologen Kurt Goldstein und dessen Forschungskollegen Adhémar Gelb kam S. H. Foulkes (1898–1976) als einer der maßgeblichen Gründer der Gruppenanalyse mit der Gestalttheorie in Kontakt.15 Max Horkheimer,16 Karl Landauer und Heinrich Meng gründeten 1929 das Frankfurter Psychoanalytische Institut (FPI). Dieses ging – nach einem Briefwechsel zwischen Max Horkheimer und Karl Landauer mit Sigmund Freud – aus der Zusammenarbeit der 1926 gegründeten psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft mit der Frankfurter Universität hervor (Horkheimer, 1948, S. 489). Daran angeschlossen war ab 1931 das Psychoanalytische Therapeutikum, dessen erster Direktor S. H. Foulkes, damals noch in der deutschen Schreibweise seines Namens „Fuchs“, war. Gemeinsames Anliegen war die „Erforschung von Problemen, die Psychoanalytiker und Sozialwissenschaftler in gleicher Weise angehen“ (ebd.). Zur Eröffnungsfeier des FPI widmeten sich die Vorträge von Erich Fromm und Siegfried Bernfeld diesem Thema (vgl. Laier, 1994). Zu den Sympathisanten der Psychoanalyse am Frankfurter Institut für Sozialforschung, das im gleichen Haus untergebracht war, zählten Karl Mannheim und sein damaliger Assistent Norbert Elias, deren Theorien entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung der Gruppenanalyse hatten.
Norbert Elias’ (1897–1990) zweibändiges, von Freud beeinflusstes Werk „Über den Prozess der Zivilisation“, das innerhalb der Soziologie erst durch seine Neuauflage in den 1970er-Jahren Anerkennung fand, wurde durch Foulkes’ Rezensionen innerhalb der psychoanalytischen Bewegung bereits kurz nach seinem Erscheinen 1938 bzw. 1941 rezipiert. In der Besprechung zum ersten Band schließt Foulkes mit der Empfehlung, dass jeder Analytiker, der Einsicht für gesellschaftliche und geschichtliche Prozesse zum Verständnis von Individuen sucht, das Buch studieren solle (Foulkes, 1939, S. 181). Elias lehnte einen Antagonismus von Individuum und Gesellschaft ab. Die beiden Begriffe geben laut Elias vor, „daß es Individuen außerhalb der Gesellschaft und Gesellschaften außerhalb der Individuen gibt und daß diese zwei Einheiten, das ,Individuum ohne Gesellschaft‘ und die ,Gesellschaft ohne Individuen‘, zueinander in der gleichen Beziehung stehen wie zwei verschiedene physikalische Gegenstände“ (Elias, 1972, S. 20). Er wandte sich gegen das Konzept des Homo clausus als Symbol für ein isoliertes, ganz auf sich gestelltes Menschenwesen. Elias spricht von Homines aperti
