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Der letzte Tag des Zeitalters kündigt sich an, doch die Unwissenden bewältigen weiterhin ihren Alltag und verfolgen ihre Ziele. Licht und Schatten sind dabei ihre ständigen Begleiter.
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Seitenzahl: 702
Veröffentlichungsjahr: 2021
© 2021 Christian Heide
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Korrektorat/Lektorat: Lisa Reim-Benke (www.lektorat-reim.de)
Schriftart Cover/Buchrücken: „ghastly Panic“ von www.sinisterfonts.com
Karte: Andreas Hancock (www.andreas-hancock.de)
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-21275-6
e-Book:
978-3-347-21277-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Christian Heide
GumaviKhanda
I
Offenbarung
Kapitel 1
Jahr 588 ndM/Frühling Nordwald Harvard (0 Jahre)
Es war eine stürmische und kalte Nacht. Die Jahreswende war zwar vorüber, aber der Winter würde den Wald erst in ein paar Wochen aus dem eisigen Griff freigeben. Der Schnee wehte in dichten Flocken am Fenster der Blockhütte vorbei, in der der Holzfäller und seine Frau lebten. Sie hatten vor Kurzem geheiratet und sich von ihren Familien gelöst, um hier, fernab des nächsten Dorfes, eine eigene zu gründen. Der Mann arbeitete hart, vom frühen Morgen bis zur Abenddämmerung, und seine Frau unterstützte ihn nach Kräften.
Sie sorgte dafür, dass er morgens mit einem vollen Proviantbeutel zu seinem Tagewerk aufbrach, und wenn er abends heimkehrte, erwartete ihn stets eine warme Mahlzeit. Als Frau, die im Nordwald aufgewachsen war, hatte sie gelernt, der Natur ausreichend Nahrung abzuringen. Ihr Vater hatte sie den Umgang mit dem Bogen gelehrt und ihre Mutter das Wissen um die essbaren und nützlichen Pflanzen, die in den Mooren und Wäldern wuchsen. Im Sommer braute sie Met, von dem sie ihren Mann aber nur selten kosten ließ. Sie tauschte den in kleinen Fässern abgefüllten Honigwein mit den Fuhrmännern, die von Zeit zu Zeit das geschlagene Holz holten, und erhielt im Gegenzug Werkzeuge, Kleidung und Lebensmittel, die es vor Ort nicht gab.
Der rustikale Innenraum der Hütte war in wohlige Wärme gehüllt. Er döste in seinem Sessel vor dem Kamin, in dem ein kleines Feuer brannte. Sie saß am Tisch und nähte Felle von Füchsen, Hasen und anderen Kleintieren zu einem Mantel zusammen. Drei selbstgezogene Wachskerzen spendeten ihr Licht. Plötzlich schreckte sie hoch und fluchte. Sie hatte sich den angespitzten Knochensplitter, mit dem sie den Faden durch die Häute zog, in die Fingerkuppe gestochen.
„Tu dir nicht weh“, bat er sie, ohne die Augen zu öffnen.
„Wenn’s meinem Gemahl so beliebt“, gab sie spöttisch zurück. Der Stich war tiefer als vermutet und es bildete sich ein dicker Blutstropfen, der sich in Bewegung setzte und, eine rote Spur hinterlassend, in Richtung der Handfläche rollte. Sie trat an ein Regal und holte einen Tiegel aus Ton hervor, in dem sie eine heilende Salbe verwahrte, mit der sie die Wunde bestrich.
Ein donnerndes Pochen an der Tür riss die beiden aus ihren Gedanken. Es klang nicht nach einem Besucher, der in der kalten Nacht um Gastfreundschaft bat.
Sie warfen sich einen Blick zu und wussten, was zu tun war. Sie griff ihren Bogen und stellte sich in einem diagonalen Winkel zum Eingang. Er nahm seine Spaltaxt und ging zur Tür. Ein ungebetener Gast, der sich gewaltsam Zutritt verschaffen würde, hätte umgehend einen Pfeil in der Brust und ein Beil im Schädel.
„Wer ist da?“, rief der Mann, bekam aber als Antwort nur ein erneutes rabiates Klopfen, das die Tür erzittern ließ. Derjenige, der Einlass begehrte, schien mit Bärenkräften und ähnlich großen Pranken gesegnet zu sein.
Der Holzfäller deutete auf seinen Schild, der an der Wand hing. Sie legte den Bogen auf dem Tisch ab, streckte sich und nahm ihn vorsichtig aus der Halterung.
Der heulende Wind hatte nachgelassen. Draußen war es still. Er spähte durch einen schmalen Spalt zwischen Tür und Rahmen hinaus, doch er entdeckte den Besucher nicht. Sie trat an ihn heran und führte die Lederschlaufen des Rundschilds über seinen Unterarm. Dann nahm sie wieder Aufstellung mit dem Bogen in der Hand und hielt einen Pfeil bereit.
Plötzlich knirschte Schnee und darunterliegendes Holz brach, als bewegte sich ein großes Tier durch den Wald. Die Schritte entfernten sich und verstummten.
Er hielt das Ohr an den Spalt, damit ihm kein Geräusch entging. Der Ruf einer Eule hallte durch die Nacht und ließ das Paar zusammenzucken.
Dann erklangen die Schritte erneut. Trabend, kraftvoll und sich schnell nähernd.
Er nahm einen festen Stand ein, hielt den Schild vor seinen Oberkörper und hob die Axt zum Schlag. Sie spannte den Bogen und zielte in Brusthöhe auf die Mitte des Eingangs.
Der Einschlag war gewaltig. Ein riesiger Troll brach durch die Tür. Splitter flogen durch den Raum und das Dach neigte sich bedenklich, als ein tragender Pfosten dem Ansturm der Bestie zum Opfer fiel. Der Holzfäller wurde nach hinten geschleudert und krachte in den gemauerten Kamin. Seine Frau überwand den Schock schnell und ließ den Pfeil fliegen.
Der Troll stand auf allen vieren. Er bildete einen zwei Meter hohen Berg aus Muskeln, mit todbringenden Pranken und einem Maul voller faulender, langer Zähne. Der Pfeil traf ihn an der Schläfe, durchdrang aber den Schädelknochen nicht. Wirkungslos fiel das Geschoss zu Boden. Das Loch, das die eiserne Spitze in die ledrige Haut getrieben hatte, schloss sich innerhalb eines Augenblickes wieder. Das Monster sah die Frau kurz aus boshaften Augen an und wandte sich dann ihrem Gemahl zu, der sich gerade erhob.
Ihm floss Blut aus einer Platzwunde an der Stirn. Er kam zwar schnell wieder auf die Beine, doch er schwankte benommen. Die Axt und der Rundschild waren ihm aus den Händen gefallen und lagen einen Schritt neben ihm. Zu weit, wie sich zeigte. Der Troll umgriff ihn von hinten und presste ihm die Arme an den Oberkörper.
Sie jagte einen Pfeil zwischen die Schulterblätter des Ungeheuers und dieses Mal drang die Spitze tief in das Fleisch.
Die Bestie schrie wütend auf und verstärkte den Griff. Ein letztes Stöhnen stieg aus der Kehle des Holzfällers, dann wurde sein Brustkorb mit lautem Knacken zermalmt. Mit den gewaltigen Kiefern brach der Troll das Genick und schleuderte den leblosen Körper abfällig zur Seite.
Die Frau schoss ihm währenddessen drei weitere Pfeile in den Rücken, doch seine Selbstheilungskräfte pressten die Eisenspitzen umgehend wieder aus dem Leib und schlossen die Wunden.
Er drehte sich zu ihr um. Ein grausames Lächeln umspielte die dicken Lippen und Wollust stand in seinem Blick.
Ihr Mut schwand. Schluchzend brach sie zusammen und hoffte auf den Todesstoß. Mit einem Prankenhieb fegte der Troll Tisch und Stühle zur Seite und baute sich vor ihr auf. Laut brüllend griff er nach ihrem Kopf, umschloss ihn mit der Pranke und hämmerte ihn gegen die Wand.
Sie spürte das Blut, das warm aus Nase und Mund floss, und das Herausbrechen der Zähne, die sie unwillentlich schluckte. Dann wurde es dunkel.
Sie erwachte in einer Höhle, in der es nach Rauch und Exkrementen roch. Ein Feuer erhellte den Raum dürftig. Darüber lag auf zwei Holzböcken ein Spieß, an dem ein menschlicher Körper hing, den der Troll drehte, während er sich mit der pockenübersäten schwarzen Zunge über die wulstigen Lippen leckte.
Sie schrie laut, als sie ihren Gatten erkannte, dessen schmelzendes Fett zischend in den Flammen verdampfte.
Der Troll sah von seiner Mahlzeit auf und lachte grölend.
Sie versuchte aufzuspringen und davonzurennen, doch etwas hielt sie zurück. Schmerzen fuhren durch ihr Bein. Ihr Knöchel war von einem schweren Fangeisen umschlossen, das durch eine Kette mit einer zentnerschweren Eisenkugel verbunden war. Eine Trollfalle. Sie hatte das Monster einst nicht halten können und diente ihm seither als Werkzeug.
Der Troll näherte sich ihr grinsend und entblößte sein Gemächt. Sie ergab sich der Verzweiflung und es begann ein Martyrium, das viele Monde andauerte.
Die Jäger folgten der Rotte durch das Unterholz. Sie war nicht mehr weit voraus und die fünfzehn Männer und Frauen freuten sich schon auf ein ausgiebiges Abendmahl.
Mit einem Mal scheuten die Hunde. Mit gesenkten Köpfen und den Ruten zwischen den Hinterläufen suchten sie Schutz an der Seite ihrer Führer.
Die erfahrene Meute bestand aus großen Wolfshunden, die sich einzeln einem Keiler oder einem Wolf ohne Zögern entgegenstellten, und im Rudel selbst vor einem Bären oder einem Radok nicht zurückschreckten. Was immer sie gewittert hatten, war gefährlicher als die wilden Tiere des Waldes.
Mit einem Handzeichen gebot Sjorn, der Anführer der Jagdgesellschaft, in Deckung zu gehen. Fast alle kamen seiner Weisung umgehend nach und suchten Schutz hinter Bäumen und Sträuchern. Nur der junge Ebbed, ein kraftstrotzender Bursche, dessen Talent im Umgang mit der Axt nur mit seiner Sorglosigkeit bei der Jagd vergleichbar war, nahm den stummen Befehl nicht wahr und sah sich verwirrt um, als er den Blick von zwei lärmenden Spechten löste, die sich um den Stamm einer Kastanie stritten. Erst als Sjorn gereizt zischte, duckte auch er sich hinter einer gefallenen Buche.
Der Geruch von Rauch und bestialischer Gestank wogten dezent in der Luft. Eine vage Ahnung befiel Sjorn, und er hoffte, dass diese sich nicht bestätigen würde.
Er hatte schon mehr als vierzig Sommer gesehen. Erste graue Strähnen zogen sich durch sein schwarzes Haupthaar. Auf der Jagd hatte er alles erlebt, was einem im Nordwald widerfahren konnte. Die Kenntnisse und Erfahrungen, die er dabei gesammelt hatte, sicherten ihm den Respekt der Jäger, die ihm folgten.
Er konzentrierte sich auf die Umgebung, sog die kalte Luft tief durch die Nase ein und führte sich vor Augen, welche Gefahren im umliegenden Wald auf sie lauern könnten. Große Raubtiere wie Waldbären, Nordwölfe und auch Radoks schloss er aus. Zum einen würden die Hunde nicht eine solche Furcht an den Tag legen, zum anderen entzündeten Tiere kein Feuer. Was immer in der Nähe lauerte, verfügte über Ansätze menschlicher Intelligenz.
Mit einer Geste wies Sjorn die Meuteführer an, sich vorerst im Hintergrund zu halten. Er riss sich einen Stofffetzen vom Hemd, tränkte ihn, für die anderen gut sichtbar, mit dem hochprozentigen Wacholderbrand, den fast alle zum Verzehr in geselliger Runde am Lagerfeuer mit sich führten, und wickelte ihn um eine Pfeilspitze. Sofort folgten die Bogenschützen seinem Beispiel.
Langsam schlich Sjorn voran. So vorsichtig er seine Schritte auch setzte, das Knirschen des Schnees konnte er nicht verhindern. Er gab ein weiteres Handzeichen, und die Truppe schwärmte in Paaren aus. Jeweils ein Bogenschütze und ein Speerträger gingen zusammen.
Die Witterung, die die Hunde verschreckt hatte, wurde stärker. Eine Mischung aus gebratenem Fleisch, Ammoniak, Fäulnis und dem Rauch von nassem Holz. Kurz darauf sah er eine Höhle, aus der eine dünne Rauchsäule aufstieg. In einem enger werdenden Halbkreis näherten sich die Jäger.
Der Eingang war ein leicht geneigtes Oval, das vier Meter hoch war. Es führte in einen bewaldeten Hang, auf dem Tannen, Kiefern und Lärchen standen. Die Bäume trugen ein gesundes Nadelkleid und beugten sich nicht unter den auf ihnen ruhenden Schneemassen. Vor der Höhle lag eine Lichtung, deren kniehoher Bewuchs von einer weißen Decke verborgen wurde.
Sjorn suchte den Blickkontakt zu den Paaren neben sich und signalisierte ihnen, stehen zu bleiben. Die Jäger nickten und nahmen fünfzehn Schritte entfernt vom Eingang Aufstellung. Er winkte zwei Axtkämpfer herbei, den jungen Ebbed, der mit einem Lächeln aufschloss, und den kampferprobten Ore.
„Wir locken jetzt den Bewohner der Höhle ans Tageslicht“, erläuterte Sjorn den Männern flüsternd.
„Mit was müssen wir rechnen?“, fragte Ebbed, ohne dabei auf die Lautstärke seiner Stimme zu achten.
„Erstens bringt es Unglück, ohne Sinn und Verstand Vermutungen anzustellen, zweitens, wenn du nicht leise sprechen kannst, halt dein Maul“, wies Ore den Jungspund mit zusammengebissenen Zähnen zurecht.
Sjorn hätte es nicht so scharf formuliert, nickte aber bekräftigend. Ebbed seine Vermutungen darzulegen, welche Gefahr sie erwarten könnte, würde den jungen Krieger nur ängstigen, und Furcht wäre sein Ende. Ein auffordernder Blick, gerichtet an die Bogenschützen, war das Zeichen, die Brandpfeile zu entzünden.
„Wenn er rauskommt, zeigt keine Schwäche“, nahm Sjorn die Männer leise und eindringlich ins Gebet. Er sah Ebbed in die Augen und wandte den Blick erst ab, als dieser mit einem Nicken zu verstehen gegeben hatte, dass die Botschaft angekommen war.
Die drei Männer näherten sich der Höhle. Je näher sie dem Eingang kamen, desto übler wurde der Gestank, und es kostete sie Beherrschung, nicht zu würgen.
Der Wald ringsherum war bis auf vereinzelte Vogelrufe und das Rauschen des Windes still. Auf den letzten hundert Metern hatte Sjorn keine Fährten von Wild mehr gesehen. Bis auf die Spur der Rotte, der sie nachgesetzt hatten.
Eine furchteinflößende Aura umgab diesen Ort. Sjorn wusste nicht, ob seine Mitstreiter es auch spürten, oder ob es nur eine Einbildung war, die auf dem starken Verdacht gründete, zu wissen, welch harter Kampf ihnen bevorstand. Die drei Männer versuchten, in der Dunkelheit der Höhle etwas zu erkennen, doch sie sahen und hörten nichts.
Der Troll hatte eine Pranke um das Gesicht der Frau gelegt. Ihre Augen waren weit aufgerissen und zeigten gleichzeitig Hoffnung und Verzweiflung.
Sie hatte das Bellen der Hunde gehört, doch der Troll hielt sie so, dass es ihr nicht möglich war, sich bemerkbar zu machen. Unter dem Druck des Griffs drohten ihre Kiefer zu brechen.
Seine Nase verriet ihm, dass er umzingelt war. Er legte die freie Pranke um ihren Hals und drückte zu. Sie wehrte sich nicht mehr. Als er sicher war, dass seine Gespielin ihr Leben ausgehaucht hatte, bettete er sie sanft auf den Boden. Was weniger dem Respekt vor ihr geschuldet war, als vielmehr dem Versuch, keine verdächtigen Geräusche zu verursachen.
Er schlich an den Rand des Lichtkegels, der durch den Eingang fiel, und wartete auf die Jäger.
Sjorn vergewisserte sich mit einem Blick zurück, dass die Bogenschützen bereit waren. Dann gab er Ebbed und Ore ein Zeichen. Sie stellten sich mit erhobenen Waffen vor ihn und er entzündete eine Fackel.
Der Troll stürmte aus der Höhle, mit der Geschwindigkeit eines Pumas und der Gewalt eines Auerochsen.
Ebbed zuckte erschrocken und bot sich somit als Opfer an. Der Angriff kam so plötzlich, dass er es nicht schaffte, ihm zu entgehen.
Tödlich verwundet sank Ebbed auf die Knie. Sjorn und Ore schmissen sich zu Boden, um den Bogenschützen ein freies Schussfeld zu bieten. Vier Brandpfeile flogen, einen Feuerschweif hinter sich herziehend, durch die Luft. Drei trafen den Troll und zwei bohrten sich in sein Fleisch.
Er schrie vor Schmerz und versuchte, die brennenden Pfeile aus seinem Körper zu ziehen. Einzig die Empfindlichkeit gegenüber Flammen bot die Möglichkeit, das Monster zu besiegen.
Die Nordmänner, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatten, nutzten den Moment. Sie griffen ihre Äxte und Speere und stürzten sich brüllend in den Kampf.
Sjorn und Ore blieben am Boden, um die heranstürmenden Jäger nicht auszubremsen. Sie krümmten sich zusammen, nahmen den Kopf zwischen die Arme und beteten zu Urta, dass der Troll nicht auf ihre Schädel trampeln möge, wodurch das Aufbahren der sterblichen Überreste vor dem Begräbnis wohl ausfallen würde.
Gegen die erste Welle behauptete sich der Troll, und schickte zwei Jäger zu Moartyr, doch die Wunden, aus denen die brennenden Schäfte ragten, schlossen sich nicht. Der Kontakt mit den Flammen nahm ihm die Fähigkeit zur Regeneration, und sein Körper war nicht mehr in der Lage, die unzähligen Einstiche und Kerben zu heilen, die ihm zugefügt wurden. Kurz darauf fiel er.
Die Nordmänner hackten mit Äxten auf den Kadaver ein, bis ein Feuer loderte, in dem sie die einzelnen Stücke des Ungeheuers verbrannten. Als der Kopf den Flammen übergeben worden war, legte sich die Anspannung.
Die jungen Jäger hatten zuvor nie einen Troll gesehen. Selbst Sjorn war auf seinen Streifzügen nur wenigen Exemplaren begegnet. Doch jeder Kampf hatte, wie heute auch, das Leben tapferer Männer und Frauen gefordert. Viele aus der Jagdgruppe sanken in sich zusammen und atmeten tief durch. Mia, eine Jägerin, die Sjorn schon seit zwei Dekaden folgte, saß apathisch auf einem Felsen. Trotz der winterlichen Kälte klebte ihr das Hemd schweißnass am Körper und die Haare hingen ihr in Strähnen ins Gesicht. Ihre Brust hob und senkte sich unter flachen Atemzügen. Bojar, ebenfalls ein erfahrener Waidmann, der einst einem Keiler mit den Händen das Genick gebrochen hatte, beugte sich über einen Wacholderbusch und düngte diesen mit seinem Frühstück. Turk und Jarod lachten lauthals über die Wunden, die sie davongetragen hatten, um die Nachwirkung der Todesangst abzuschütteln. Es war ihre zweite Saison, und wäre die Klaue des Trolls nur etwas tiefer in Turks Bauch eingedrungen, wäre seinem Bruder jetzt wohl nicht zum Scherzen zumute. Sjorn hing seine Axt an den Gürtel, entzündete die Fackel erneut und trat in die Höhle.
Hinter dem Eingang zog sich ein leicht gekrümmter Tunnel steil in die Tiefe und endete in einem Gewölbe. Der Troll hatte sein Feuer vor der Ankunft der Jäger mit Asche erstickt. Darüber garte in der Restwärme ein Wildschwein, das auf einen angespitzten Holzpfahl gespießt war. Dunkler Rauch stand im Raum und kratzte in Rachen, Nase und Augen. Der Gestank setzte Sjorn nicht mehr zu, nachdem er in den Schwaden gestanden hatte, die von dem brennenden Kadaver des Trolls aufgestiegen waren. Der Höhlenboden war mit Gebeinen von Menschen und Tieren übersät. Links neben dem Eingang war ein Lager aus grünen Nadelzweigen aufgeschichtet. Darauf lag eine Frau.
Sjorn stürzte zu ihr und kniete sich neben sie. Das Gesicht war zerquetscht und der Hals eingedrückt. Blut rann ihr aus Nase und Mund. Die Lumpen an ihrem Körper waren mit Schmutz verkrustet und ihre Scham entblößt. Ihr Bein steckte in einer Trollfalle. Der Fuß war schon lange abgestorben und hing wie ein schwarzer Tumor an ihrem Körper. Ihr Bauch war prall und rund. Anscheinend trug sie ein Kind in sich.
Sjorn strich ihr rostbraune, harte Strähnen aus den matten grünen Augen. Er kämpfte dagegen an, sich die Qualen vorzustellen, die sie erlitten hatte. Der Tod schien ihm im Vergleich dazu das gnädigere Schicksal. Mit einem Mal zuckte der gemarterte Körper und spuckte ihm einen Schwall Blut ins Gesicht. Er stolperte vor Schreck zurück und rief panisch nach dem Heiler.
Der letzte Akt im Leben der jungen Frau hätte ihr schönster werden sollen, doch die Götter waren ihr nicht wohlgesonnen.
Mit der ihr verbliebenen Kraft hatte sie ein Kind zur Welt gebracht. Doch statt im Arm ihres Mannes voller Freude auf einen liebreizenden Jungen hinabzusehen, dessen strahlende Augen jeden in seinen Bann zogen und der unbeholfen nach ihrer Brust griff, war sie elendig krepiert. Getötet von ihrer Brut, einer Missgeburt, die auf dem Weg durch den Geburtskanal den Beckenknochen gesprengt und das Fleisch zerrissen hatte.
Als der Kopf des Säuglings aus dem Schoß hervorgebrochen war, hatte er seine spitzen Zähne gezeigt, zwischen denen Fleischfetzen hingen. Seine Züge waren deformiert und grotesk, die grünen Augen das einzig Menschliche; Gaben seiner Mutter. Der Körper war erheblich größer und breiter als der von Neugeborenen, die Sjorn bisher gesehen hatte. Unter der Haut verliefen dicke Muskelstränge. Die Arme endeten in Pranken, an deren Fingerspitzen Hornkrallen wuchsen. Während gewöhnliche Kinder schreiend darauf warteten, mütterliche Wärme zu empfangen, hatte dieses sich auf den Bauch gedreht und das Blut geleckt, das aus dem Loch floss, durch das es in diese Welt gelangt war.
Sjorn überkam Ekel vor der Kreatur und Mitleid um die Verstorbene. Moartyr hatte eine starke und fruchtbare Frau genommen und dafür einen Boten der Verdammnis gesandt.
Ore nahm ein dickes Holzscheit zur Hand und schlug dem Säugling den Schädel ein. Die anderen wandten den Blick von der Szene, doch Sjorn sah in ihren Augen, dass sie die Notwendigkeit der unmenschlichen Handlung akzeptierten.
Dann beerdigten sie ihre Gefallenen und die verdammte Unbekannte. Sjorn verabschiedete Ebbed mit einem Klaps auf die Wange. Der junge Mann wäre sicherlich ein großer Kämpfer und Jäger geworden und hätte für seine Sippe viel erreicht, doch die Götter hatten wohl andere Pläne mit der guten Seele.
Das Neugeborene ließ man in seinem Blut liegen. Eine Kreatur wie diese verdiente kein ehrenvolles Begräbnis. Was auch immer sich in der Höhle einnisten würde, würde die Überreste der finsteren Brut mit Freuden aus der Welt der schlagenden Herzen tilgen.
Nachdem die letzten Gebete gesprochen waren, setzten sie ihre Jagd fort, obwohl der ein oder andere noch sichtlich damit beschäftigt war, das Erlebte zu verarbeiten.
Die Zeit drängte. Zuhause warteten die Familien auf Beute und die Spuren der Rotte wurden vom fallenden Schnee langsam aber sicher verwischt.
Stunden waren seit dem Abmarsch der Jäger vergangen. Der Säugling lag da, wie der Schlag mit dem Holz ihn niedergestreckt hatte. Sein Gesicht war zertrümmert. Blut floss ihm aus Nase, Mund und Ohren und bildete eine Lache unter dem Kopf.
Von draußen erklang Wolfsgeheul. Erst vereinzelt, dann aus vielen Kehlen. Das Rudel hatte anscheinend Wind davon bekommen, dass der Troll diesen Ort verlassen hatte. Sie näherten sich. Die flach verscharrten Leichen in der Höhle schienen ihnen eine verlockende Mahlzeit zu sein, doch etwas hinderte sie daran, einzutreten und das Futter zu beanspruchen.
Nur eine Fledermaus, die sich in einem dunklen Spalt einen Ruheplatz gesucht hatte, bemerkte, wie sich der Schädel des Kindes wieder zusammenfügte und der Herzschlag erneut einsetzte.
Die kleine Zunge schob sich zwischen den Lippen hervor und die Spitze tauchte in Blut. Durch den Geschmack animiert zuckte sie und leckte. Erst langsam, scheu, dann immer schneller und kraftvoller, bis das Kind die Augen wieder öffnete, die Dunkelheit sah und den Tod roch.
Der feinen Nase folgend, kroch es in Richtung der Gräber.
Kapitel 2
Jahr 588 ndM/Sommer Nordwald Birk (26 Jahre)
„Nun ist es soweit.“ Birk warf einen letzten Blick auf sein Elternhaus, versuchte sich die angelaufenen Holzwände einzuprägen, die ihm so lange ein sicheres Heim gewesen waren. Er würde sie um seine Seele bauen, wenn die Sehnsucht nach Heimat und Familie ihn plagte, und sich der Geborgenheit erinnern, die er hier erfahren hatte.
„Das ist es wohl.“ Sein Vater seufzte. „Ich habe diesen Moment mit Stolz und Trauer erwartet.“ Er legte Birk die Hand auf die Schulter und ging mit ihm die ersten Schritte nach Osten.
„Dasselbe fühle ich. Und ich fühle Scham, weil ich dich zurücklasse.“
Sein Vater lächelte. „Sei nicht albern. Die letzten Monate schaffe ich auch gut allein.“ Er zwinkerte Birk zu. „Vielleicht habe ich ja noch Großes vor, bei dem du mir nur eine Last wärst.“
Die schelmische Art seines Vaters hatte Birk schon als kleinen Jungen von so manchem Kummer befreit, doch heute trat kein Lächeln auf seine Lippen. Er machte sich nichts vor. Sein Vater würde sich schon bald auf den Weg in die Lieblichen Gestade machen.
Er war bereits ergraut und das Alter forderte seinen Tribut, seit das Pilzfieber Birks Mutter dahingerafft hatte. Davor hatten ihm Krankheiten, Verletzungen und Unpässlichkeiten nichts anhaben können. Doch als sein Herz gebrochen wurde, durch den Verlust seiner geliebten Frau, die drei Jahrzehnte lang an seiner Seite gestanden hatte, ergriff ihn eine tiefe Melancholie.
Zum Sonnenuntergang saß er oft vor der Schmiede und starrte in den Himmel. Es schien, als suche er den Weg, auf dem er wieder zu ihr gelangen könnte. Er öffnete sich der anderen Seite, und so manches Mal hatte Birk in stillen Nächten gehört, wie der Vater im Nebenzimmer Moartyr gebeten hatte, sich seiner anzunehmen.
Sie erreichten den Waldrand. Der Vater packte Birk an den Schultern, drehte ihn zu sich und sah ihm tief in die Augen. „Birk, zieh in die Welt. Gehe deinen Weg. Du hast mich zu einem stolzen Mann gemacht. Du und deine Mutter.“ Er schluckte. „Sie würde dich mit dem Besenstiel prügeln, wenn du deine Zeit weiterhin im Nirgendwo verschwenden würdest. Das Leben hat einem talentierten Mann wie dir viel zu bieten, aber nicht hier.“
Birk wollte Einwände erheben, doch sein Vater hatte Recht. Er hätte nie gewagt, es ihm direkt ins Gesicht zu sagen, doch Birk war sicher, dass sein alter Herr nicht über das volle Spektrum eines Meisters seines Handwerks verfügte. Er war ausdauernd, präzise und zielstrebig, doch woher hätte er wissen sollen, wie man ein Kunstwerk schuf, wenn die Leute von ihm nur Gebrauchsgüter forderten. In seiner Schmiede würde Birk seine Fähigkeiten nicht mehr verbessern können.
Der Gedanke beschämte Birk, wertete er doch den Mann ab, der sein Leben gewidmet hatte, ihn zu dem zu formen, der er heute war.
„Aber es ist meine Pflicht, an deiner Seite zu stehen, wenn du in die Lieblichen Gestade aufbrichst.“ Es war ein ungestümes und unvernünftiges Aufbegehren, mit dem vorrangigen Ziel, die Worte seines Vaters nicht stehen zu lassen. Birk merkte, dass er wieder wie der Halbstarke klang, der sich ein Schwert schmieden und damit Abenteuer im Wald erleben wollte und dafür vom Vater gescholten wurde.
„Es ist deine Pflicht, aus dir etwas zu machen. Der Mann zu werden, der du sein willst. Nur so rechtfertigst du all die Mühen, die deine Mutter und ich auf uns genommen haben“, widersprach der Vater und wischte sich eine Träne aus dem Auge. „Wir wissen nicht, wann Moartyr an meine Tür klopft. Vielleicht schon heute Nacht, aber vielleicht auch erst in zehn Jahren. Wenn du so lange wartest, vergeudest du dein Leben. Irgendwann wird es zu spät sein, die Welt zu sehen. Du wirst als alter Mann zurückblicken und die Reue wird dich hämisch angrinsen, während du dich fragst, was du außerhalb des Waldes alles hättest finden können.“
„Auch du hast dein Leben im Wald verbracht. Blickst du deshalb mit Reue zurück?“
„Nein, denn ich bin hier der Mann, der ich sein will. Ein trauernder Witwer, ein geschätzter Handwerker und ein stolzer Vater, der noch nicht am Ende seiner Kräfte ist und über einen klaren Geist verfügt. Und so sollst du meiner gedenken.“ Der Vater hob mahnend den Zeigefinger. „Solange ich in deiner Erinnerung lebendig bin, begleite ich dich in deinem Herzen, und das ist mein letzter Wunsch.“
Birk verstand das Anliegen seines Vaters und wollte mit seiner Anwesenheit keinen Druck auf ihn ausüben, sich doch gefälligst mit dem Sterben zu beeilen. „Ich werde deinen letzten Wunsch erfüllen, und die Schande, dich zu verlassen, auf mich nehmen. Bewahre mich in deinem Herzen, wie ich dich in meinem.“ Birk drückte seinen Vater an sich, damit dieser nicht seine Tränen sehen konnte.
„Ich liebe dich, mein Sohn. In deinem Rucksack findest du ein kleines Geschenk. Teile es mit guten Freunden.“
Sie lösten sich aus der Umarmung und sahen sich ein letztes Mal in die Augen. Wie zwei Männer, die füreinander tiefsten Respekt empfanden, reichten sie sich die Hand und hielten die Faust an die Brust, als Zeichen gegenseitiger Liebe und Anerkennung.
Dann wandte sich Birks Vater ab und ging in die Schmiede. Birk drehte auf dem Absatz um und brach in Richtung eines neuen Lebens auf. Er war eigentlich nicht nahe am Wasser gebaut und wusste sich mit den Gegebenheiten des Lebens abzufinden, aber als er die Siedlung hinter sich gelassen hatte, weinte er hemmungslos.
Birk hatte vor, über den Kontinent zu ziehen und sich niederzulassen, wo und solange es ihm gefiel. Die Chancen, dass er jemals wieder in das kleine Dorf im Land zwischen dem Ruwal und dem Gonju zurückkehren würde, standen schlecht.
Sein erstes Ziel war Feuertrutz in den Brennenden Bergen. Dort wollte er das Stadtleben kennenlernen. Er hoffte, eine Anstellung bei einem erfahrenen Schmied zu finden, der ihm vermitteln könnte, wozu sein Vater nicht in der Lage gewesen war. Sein Gewissen quittierte den Gedanken mit einem Stich in die Magengrube.
Der Marsch durch den dichten Wald, neblige Moore und über schroffe Gebirgskämme würde ein halbes Jahr dauern, so schätzte Birk. Er musste nach Osten wandern, bis er den Ozean erreichen würde, und sich dann nach Süden wenden. Dann würde er eines Tages den Drachenschlund sehen, den einzigen qualmenden Berg des Kontinents. An seinen Hängen war Feuertrutz erbaut.
In der ersten Nacht fand Birk keinen Schlaf. Etwas, tief in seinem Herzen, hielt ihn wach. Allein am prasselnden Feuer sitzend starrte er gedankenverloren in die Flammen und ließ sein Leben im Geiste vorüberziehen. Noch überwog die Trauer um das, was er hinter sich gelassen hatte, die Freude auf das, was ihn erwartete. Aber sie bannte auch vorerst die Furcht vor den Gefahren, die in den Tiefen des Waldes lauerten. Als der Morgen graute, packte er seine Sachen zusammen, löschte die Glut und setzte den Weg fort.
Der Nordwald bestand zum größten Teil aus Nadelbäumen. Tannen und Fichten standen häufiger und wuchsen höher als Lärchen und Kiefern. Vereinzelt, oder in kleinen Hainen, fanden sich Laubbäume wie Eichen, Buchen, Kastanien, Ahorn und Birken. Zwischen ihnen breiteten sich kniehohe Gräser und Farne, Büsche, Sträucher und Hecken aus. Ein Netz von Wildtritten durchzog das hügelige Terrain.
Der Sommer hatte vor Kurzem Einzug gehalten. Das Leben pulsierte rundherum. Alle Pflanzen hatten sich mit ihren schönsten Blüten und Früchten geschmückt wie Menschen zu einer Feierlichkeit. Birk fand mehr Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren als er essen konnte. Unzählige Vogelstimmen und die Rufe von Wild hallten durch den Wald. Das Schmelzwasser, das im Frühling aus dem Zwergengebirge hinabgeflossen war, hatte sich in weiten Seen gesammelt. Blickte Ayris’ Auge auf sie hinab, wich ihr tiefes Blau einem sternengleichen Glitzern. Die Tage in dieser Zeit waren die längsten und wärmsten des Jahres. In den Nächten brauchte man aber trotzdem ein Feuer, denn mit Frost war im Nordwald zu jeder Jahreszeit zu rechnen.
Während der einsamen Tage dachte Birk über das letzte Gespräch mit seinem Vater nach. Wer war der Mann, der er sein wollte? Welche Ziele müsste er erreichen, damit er mit einem Lächeln zurückblicken könnte, wenn er den Weg in die Lieblichen Gestade antreten würde?
Leise pfiff er ab und an ein altes Kinderlied, das seine Mutter ihm jeden Abend vorgesungen hatte. Die Erinnerung an sie war für ihn Fluch und Segen zugleich. Einerseits weckte sie den Nachhall bedingungsloser Liebe, die er somit immer im Herzen trug, andererseits hielt sie den Schmerz am Leben, der durch den Verlust eines geliebten Menschen ausgelöst wurde. Diesen Schmerz, der aufgrund des Abschieds vom Vater in den ersten Monaten nach seinem Aufbruch wieder gegenwärtig war und oft sein Gemüt quälte. In solchen Momenten holte er die wohlige Erinnerung an sein Elternhaus hervor und errichtete die Mauern um sein leidendes Inneres, doch nicht immer hielten sie dem Kummer stand.
Der Sommer verging und das Grün des Laubs wandelte sich in herbstliche Farben; von Gelb, über Rot, bis Braun. Die Tage wurden kürzer und die Nächte kälter. Die Blätter fielen von den Bäumen und wenige Wochen später bedeckte der erste Schnee das gefallene Laub. Je weiter Birk voranschritt, desto mehr richtete sich sein Blick in die Zukunft.
Auch nach Wochen des In-sich-gehens war er unschlüssig, was die Frage nach dem Sinn des Daseins anging. Wollte er wirklich eine Frau, ein Haus, Kinder und einen Hund, einen Ort, an dem er den Rest seines Lebens verbrachte? Oder glaubte er nur, dies zu wollen, weil jeder, vom Fürsten bis zum Bettler, dies als großes Ziel pries? Welche Länder sollte er bereisen, hatte er doch so gut wie kein Wissen über die Welt außerhalb des Nordwalds, das in ihm eine Verlockung weckte? Und was wollte er auf seinen eventuellen Reisen noch lernen, waren ihm die Materialien und Prozesse außerhalb seiner Routinen doch fremd und wusste er nicht danach zu fragen. „Ihr Götter … so ein Scheiß“, murmelte er in Ermangelung von Antworten auf die sich ständig mehrenden Fragen.
Den Blick in die Vergangenheit mied er.
Mit dem Sommer verging die Zeit des Überflusses, und mit Einbruch des Winters begann der Kampf ums Überleben. Birk hatte sich bislang nie um die Jagd geschert. Solange Seen und Bäche nicht zugefroren waren, hatte er Krebse unter Steinen hervorgeholt, oder seine Angelschnur über Nacht ausgeworfen, was ihm meist ein reichhaltiges Frühstück gesichert hatte. Nun hoffte er auf Urtas Gnade, als er die mitgeführten Fangeisen rund um sein Lager platzierte, bevor er sich zur Ruhe legte. In der Nacht weckte ihn das Geräusch aufeinanderschlagenden Eisens. Er hatte für den kommenden Morgen eine Mahlzeit.
In der Ferne heulten Wölfe. Der nächtliche Chor war ihm mittlerweile vertraut. Hatte er ihn am Anfang seiner Wanderung noch geängstigt, wirkte er inzwischen beruhigend. Die Anwesenheit des Rudels zeigte, dass sich keine Radoks oder andere große Raubtiere in der Nähe aufhielten. Bisher war er auf seiner Reise von solchen Kreaturen unbehelligt geblieben, doch er fürchtete, dass sich das im Winter, wenn die Beute rar war, ändern könnte. Ein Grund mehr, diese Nacht zu genießen. Birk schloss die Augen wieder und öffnete sie erst, als ein Sonnenstrahl direkt auf sein Lid fiel.
Gespannt inspizierte er seine Fallen, bis er die Beute gefunden hatte. Ein Eichhörnchen. Kein Festschmaus, aber in Verbindung mit einem wärmenden Kieferntee durchaus zufriedenstellend.
In der Dämmerung desselben Tages erreichte er den Ozean. Er hörte ihn lange, bevor er ihn sah. Die Gerüche des nebelverhangenen Waldes und des salzigen Seewindes verbanden sich zu einem Duft, der ein Gefühl unendlicher Freiheit in ihm auslöste. Als er aus dem Wald an die Kante der Steilklippen trat, überwältigte ihn der Anblick.
Vor ihm lag die tosende See. Riesige Wellen brandeten gegen die Klippen und warfen ihre Gischt in die Höhe. Graue Wolkenberge bedeckten den Himmel, soweit sein Blick reichte. Birk fragte sich, ob sie am Rand des Unseins umkehren würden, oder ob sie wie der Ozean einfach ins Nichts stürzten. Am Horizont glaubte er, Landmassen zu erkennen, die westlichen Inseln von Ostende. Eines Tages würde er vielleicht auch dieses Reich besuchen. Als er die riesigen Brecher jedoch betrachtete, die sich mit Urgewalt gegen das Land warfen, entschied er sich, dies zu tun, wenn Wanja mehr Wohlwollen zeigte.
Er entzündete ein großes Feuer und nahm eine Metallflasche aus dem Rucksack. Das Abschiedsgeschenk seines Vaters. Sie war gefüllt mit einem Eichenbrand, der seit dem Tag seiner Geburt in einem Buchenfass gereift war. Ein exquisiter Tropfen, für den er vom richtigen Käufer genug Gold für ein Pferd, ein Schwert und ein Dutzend Nächte im Bordell bekäme. Aber er würde ihn nur mit guten Freunden teilen, wie sein Vater es empfohlen hatte.
Vorsichtig öffnete er den Deckel und nahm ausgiebig das erdig-frische Aroma in sich auf, bevor er einmal behutsam an der Flasche nippte. Er war kein Genießer, doch er schmeckte den Unterschied zu dem Fusel, dem er an manchen Abenden ausgiebig mit seinem Vater und dessen Freunden zugesprochen hatte. Der Tropfen sickerte die Kehle hinab und die sich ausbreitenden Aromen weckten Erinnerungen.
Er stand wieder in den Wipfeln hoher Bäume, die aus dem Dach des Nordwaldes hinausragten, sein Freund Felm neben sich, der in seinem siebzehnten Sommer einem wütenden Keiler zum Opfer gefallen war. Zusammen betrachteten sie den Flug der Adler, die stets über den Lichtungen des Nordwaldes kreisten, und gnadenlos zuschlugen, wenn sich Beute aus dem Schutz des Unterholzes begab. Er roch das faulende Herbstlaub, das von heftigen Schauern zersetzt wurde, geröstete Kastanien und Bucheckern und gestochenen Torf, der in der Sommersonne trocknete.
Er verschloss die Flasche wieder und verstaute sie im Rucksack. Auf einem gefallenen Baumstamm sitzend sah er auf den Ozean. Ein kräftiger Nordwind hatte die Wolken verweht, sodass Gohennas Auge jetzt von einem klaren Himmel herabblickte. Niemals zuvor hatte Birk so viele Sterne gesehen. Das Feuer brannte in seinem Rücken und spendete in der kalten Nacht ausreichend Wärme.
Ruhe fand er trotzdem nicht. Etwas beunruhigte ihn, ohne dass er es hätte benennen können. Trotz des Frostes rückte er ein paar Schritte vom Feuer ab, um einen besseren Blick auf die Sterne zu haben.
Am Horizont bildete sich bereits ein grauer Streifen, der die Grenze der Nacht aufzeigte, als er erkannte, was ihn besorgte. Die Wölfe heulten nicht.
Birk stand auf und nahm ein brennendes Scheit aus dem Feuer. Das Schweigen der Wölfe gebot Eile. Hastig suchte er die Fallen zusammen, die er ausgelegt hatte. Zwar war in dieser Nacht keine Beute in die Eisen getreten, doch das kümmerte ihn im Moment nicht.
Die großen Bestien lebten in den Tiefen des Waldes. Es war unwahrscheinlich, dass ein Waldbär, ein Nordwolf oder ein Radok das Rudel vertrieben hatte. Eine größere Bedrohung waren die Orks, von denen einzelne Stämme in diesem Gebiet siedelten. Ein Treffen mit ihnen wäre nicht minder gefährlich als die Begegnung mit einem hungrigen Jäger.
Vereinzelt waren sie keine furchterregenden Gegner, doch meist griffen sie in deutlicher Überzahl an, gnadenlos und brutal, um Gegenwehr im Keim zu ersticken. Wie Raubtiere, die vermeiden wollten, von der Beute verletzt zu werden.
Im Mondlicht konnte Birk dem schmalen Pfad an den Klippen entlang nach Süden ohne Schwierigkeiten folgen. An manchen Stellen musste er aber darauf achten, nicht einen falschen Tritt zu setzen, der ihm einen tiefen Sturz in die tosende Brandung beschert hätte. Immer wieder sah er über seine Schulter und zum Waldrand, um sich zu vergewissern, dass etwaige Verfolger ihm noch nicht auf den Fersen waren.
Aus dem dunklen Wald, der keine zehn Meter entfernt war, hörte er finsteres Gelächter. Panische Angst befiel ihn. Er hatte auf seiner Wanderung schon so manche brenzlige Situation überstanden und die gleiche Anzahl bestimmt nochmal, ohne sich dessen bewusst zu sein, doch nie war ihm die Gefahr so real und tödlich erschienen. Obwohl er außer Atem war, beschleunigte er seine Schritte, widmete seiner Umgebung mehr Interesse als dem Pfad und nahm damit das Risiko in Kauf, in den Tod zu stürzen, doch es half nichts.
Acht Orks traten zwischen den Bäumen hervor. Birk hatte solche Kreaturen noch nie mit eigenen Augen gesehen, doch die gängigen Beschreibungen dieser Rasse ließen ihn sofort erkennen, mit wem er es zu tun hatte. Sie waren einen Kopf kleiner als er. Der Unterkiefer war breiter als der Oberkiefer und stand hervor. Zwei Eckzähne ragten aus dem Maul nach oben. Darüber saß eine platte Nase, ähnlich der einer Fledermaus. Nach oben hin lief das Gesicht in einer fliehenden Stirn aus. Das Haupt war entweder kahlgeschoren oder nur mit einem Haarkamm bewachsen, der nach hinten zu einem Zopf geflochten war. Die Haut war grün und ledrig. Aus Muttermalen wuchsen schwarze, borstige Haare. Sie trugen Röcke und Mäntel aus Tierfellen, und an ihren Gürteln hingen Äxte, Streitkolben und Messer.
Birk dachte darüber nach, seine Waffen zu ziehen. Ein Handbeil, mit dem er Feuerholz schlug und seine Jagdbeute zerteilte, und ein kleines Messer, das er für Feinarbeiten nutzte, hauptsächlich zur Zubereitung und zum Verzehr seiner Mahlzeiten. Anderweitig hatte Birk die Werkzeuge bisher nicht genutzt. Er war groß, breitschultrig und verfügte über enorme Kraft, war jedoch von friedfertigem Gemüt. Schon immer hatte er körperliche Auseinandersetzungen gemieden. Seine Widersacher hingegen hatten sich anscheinend schon im Kampf auf Leben und Tod bewiesen. Sie trugen ihre Narben stolz zur Schau, an den Armen, auf der Brust, am Hals und einer gar quer über die Stirn. Deutete Birk ihre Mienen und Körpersprache richtig, hegten sie die Hoffnung, dass er sich ihnen im blinden Glauben an die Götter entgegenwerfen würde.
Blitzschnell bildeten die Orks einen Halbkreis um Birk und zogen diesen immer enger. Im Rücken hatte er die Klippen. Er wägte beide Auswege ab, doch weder der Sprung in den Abgrund noch der Kampf gegen die Orks schien ihm eine Option, und so entschied er sich für eine dritte Alternative.
„Ich will nicht kämpfen.“ Er streckte die Arme weit von sich und zeigte seine leeren Hände.
Die Orks blieben stehen und ließen die Äxte und Streitkolben sinken, manche sichtlich enttäuscht. „Musst du nicht“, gab einer von ihnen mit hoher, kratziger Stimme zurück. Anscheinend war er der Anführer, denn er trug als einziger einen Helm, an dem die Hörner eines Minotaurus angebracht waren. „Wir töten auch friedvolle Menschen.“
„Die schmecken aber meist nicht“, fügte ein anderer hinzu. „Ihrem Fleisch fehlt das gewisse Etwas.“
Birk resümierte sein bisheriges Leben. Unter gutem Stern geboren und doch nichts erreicht, zog er Bilanz. Er hatte kein Haus gebaut, kein Meisterstück geschmiedet, nichts von der Welt gesehen und kein Kind gezeugt. Er wusste nicht, ob einer dieser Erfolge, oder welcher, sein Glück geworden wäre, und ihn zu einem anderen Schluss geführt hätte. Er dachte an die, die er geliebt hatte. Seine Mutter, seinen Vater, seine Großeltern, deren Gesichter er sich schon nicht mehr erinnerte, an Felm und an die dralle Gerlind, die Tochter des Köhlers, an die er seine Unschuld verloren hatte. Betrübt stellte er fest, dass die meisten schon die Welt der schlagenden Herzen verlassen hatten. Doch obgleich ihn die Sehnsucht von Zeit zu Zeit plagte, wollte er die letzte Reise noch nicht antreten. Mit dem bisher Erreichten würde er in den Lieblichen Gestaden verspottet werden, wenn Moartyr ihn überhaupt einließ. Er würde Schande über die Familie bringen, über all seine Ahnen, die ihn auf der anderen Seite erwarteten. Das war keine Option. Er brauchte mehr Zeit.
Darum sank er auf die Knie. „Bitte, tötet mich nicht. Ich bin ein einfacher Mann, der unterwegs ist, sein Glück zu finden. Lasst mich ziehen, und wenn ich zurückkehre, können eure Söhne sich an meinem Fleisch laben.“
Das Kriechen vor den Orks kostete ihn seine Ehre. Doch lieber in Schande leben, als würdevoll sterben. Eine Weisheit, die jeder Nordmann weit von sich wies, der sich aber im Moment des nahenden Endes viele erinnerten.
„Netter Versuch, Mensch“, entgegnete der Anführer der Orks. „Wie willst du sterben?“ Er hob abwechselnd Beil und Machete und sah Birk fragend an.
Diese Unverschämtheit setzte in Birk ungeahnte Kräfte frei. Im Angesicht des unausweichlichen Endes beschloss er unbewusst, sich nicht darum zu scheren, welche Nachwelt ihn erwartete, sondern folgte seinem animalischen Instinkt. „Nicht allein.“ Zu seiner eigenen Überraschung sprang er auf und stürzte sich auf den Ork. Dieser war so überrascht, dass er die heranfliegende Faust nicht parieren konnte. Sein Jochbein brach unter dem kräftigen Schlag. Er kippte nach hinten wie ein gefällter Baum. Sofort mischten sich die anderen Orks ein und prügelten Birk mit den Schäften ihrer Waffen nieder.
Birk bezog die Dresche seines Lebens, aber er war zufrieden. Er hatte einen einwandfreien Treffer gelandet, wie sein Vater es ihm gezeigt hatte. Damals, als Knabe, hatte er das Gelernte nicht umsetzen können, heute jedoch hatte Lork seine Hand geführt. Als er am Boden lag und die Orks auf ihn eintraten, nahm er die Hände schützend vor das Gesicht. Er lächelte, selig und von den Feinden unbemerkt, und wartete darauf, dass er das Bewusstsein verlor. Die Orks aber konzentrierten sich auf Rippen, Nieren und Leber und hielten so den Schmerzpegel konstant hoch, was es Birk unmöglich machte, sanft zu entschlummern. Schon Bald war sein kurzer Moment des Triumphs vergangen, und er wimmerte und jaulte wie ein geprügelter Hund.
„Halt!“ Der wütende Aufschrei setzte der Dresche ein vorläufiges Ende. Der Anführer war aufgestanden. Blut floss aus der Nase und einer Platzwunde unter dem Auge. Die dunkelroten Tropfen besudelten seinen Fellmantel. Er torkelte auf Birk zu. Sein Blick war voller Zorn. Er hatte Machete und Axt fallen gelassen und ein schartiges rostiges Messer gezogen, dessen Klinge nicht länger als ein Finger war. „Du bekommst keinen Gnadenstoß. Ich werde dir den Wanst aufschlitzen, und du wirst zusehen, wie wir dich ausweiden und deine Innereien verschlingen.“ Die Orks grölten. Anscheinend war dies die bevorzugte Weise, einen Menschen zu verzehren.
Birk fixierte die Klinge und spuckte abfällig aus. Bei den Schmerzen, die er momentan litt, war das Angebot der Orks zumindest überlegenswert. Er könnte auch seine letzten Atemzüge damit verschwenden, an die Moral und Nächstenliebe seiner Peiniger zu appellieren, aber das schien ihm vertane Zeit. Er hatte heute bereits um sein Leben gebettelt und würde den Feinden nicht die Genugtuung gönnen, es noch einmal zu tun. Mit einer Mischung aus Trotz und Angst erwartete er das Unausweichliche.
Die Orks stellten ihn auf die Beine und die Klinge fuhr unterhalb des rechten Rippenbogens ins Fleisch. Birk keuchte und wäre zusammengebrochen, hätten die Orks ihn nicht aufrechtgehalten. Blut stieg seine Kehle empor und schwappte über die Unterlippe. Dann gab sich ein Begleiter zu erkennen, der ihm nie mehr von der Seite weichen würde.
Birks Sinne veränderten sich. Sein Blick verlor an Schärfe, dafür witterte er wie ein Bluthund. Er erfasste jeden einzelnen Ork und unterschied genau, von wem welcher Geruch nach Schweiß und Exkrementen stammte. Obwohl Birk wusste, dass etwas Schreckliches mit ihm geschah, fühlte er Geborgenheit, wie sie ihm die Erinnerung an sein Elternhaus schenkte.
Mit einem Mal brachen alle seine Knochen, wuchsen und fügten sich zu einem neuen Skelett zusammen. Schwarze, drahtige Borsten bohrten sich wie Millionen feiner Nadeln durch die Haut. Die Fingernägel wurden zu dolchlangen Hornkrallen. Sein Kiefer zog sich in die Länge und bestialische Reißzähne schoben sich über sein Gebiss.
Er roch die Todesangst der Orks. Ihre Hände krallten sich fest um die Griffe ihrer Waffen. Ein nie gekannter Schmerz schoss durch Birks Körper und er schrie ihn hinaus. Oder besser, heulte ihn hinaus wie ein hungriger Nordwolf. Sein Geist rückte in den Hintergrund, wurde ein Zuschauer, der aus dem eigenen Körper heraus das Geschehen betrachtete, ohne die Möglichkeit zu haben, auf sein Handeln Einfluss zu nehmen.
Birk hatte die Gestalt eines aufrecht gehenden Wolfes angenommen, der seine Widersacher um mehr als zwei Köpfe überragte. Weder Schmerz noch Angst plagten ihn. Alles, was er fühlte, war unstillbarer Blutdurst.
Die Orks ergriffen Hals über Kopf die Flucht. Nur zwei blieben zurück. Der Anblick der Verwandlung und dessen, zu dem Birk geworden war, hatte sie in Furcht erstarren lassen.
Birk griff an. Als die Krallen durch die Kehle des einen Orks schnitten, hörte er das Reißen der Haut und sah das Blut durch die Luft spritzen wie ein Schwarm roter Vögel, der fern am Horizont dahinzog.
Mit dem rechten Unterarm parierte er den Axthieb des anderen Orks, ein besonders hässliches Exemplar mit einem strohblonden Ziegenbart. Das Axtblatt drang bis zu seinem Knochen durch, doch es kümmerte ihn nicht. Er griff den Schildarm mit der Linken, riss ihn zur Seite, so dass die Körpermitte ungeschützt war, und schnellte zum Biss nach unten. Als sich die Kiefer um den Kopf schlossen und den Druck stetig erhöhten, schmeckte er erst das vom Schweiß salzige Haar, dann die zähe faulige Haut, den knackigen Schädel, der fade war wie Mehl, und zuletzt das saftige und strenge Gehirn. Seine Kiefer prallten aufeinander und Blut sprudelte aus dem enthaupteten Leichnam.
Mit einem lockeren Schwung schleuderte er ihn über die Klippen und setzte den Fliehenden nach. Obwohl sie schon im Dickicht verschwunden waren, nahm er ihren Geruch deutlich wahr. Mit jedem Schritt schloss er zu ihnen auf.
Der Körper, in dem er sich befand, war ihm fremd, genauso wie die Gefühle, die ihn trieben; unbändiger Zorn, Mordlust und unstillbarer Hunger. Es war, als ob alle angestauten negativen Emotionen sich in einem Exzess Bahn brachen. Sein Gewissen erinnerte ihn daran, dass es falsch war, zu töten. Doch die Macht, die ihm sein neues Wesen verlieh, war die Stimme, der sein Körper nun folgte.
Die Orks hatten durch ihre geringere Größe auf den teils engen und überwucherten Pfaden einen Vorteil, den Birks neues Ich aber mit roher Gewalt kompensierte. Morsche Stämme ließ er in vollem Lauf mit einem Hieb seiner Pranken zerbersten, Hecken und Gestrüpp zerriss er, ohne Geschwindigkeit zu verlieren, und über Hindernisse setzte er mit bis zu zehn Schritt langen Sprüngen hinweg. Mühelos holte er sich einen nach dem anderen.
Den Anführer hob sich Birk für das Finale auf. Er näherte sich von der Flanke und fuhr ihm mit der Klaue in einem tiefen Angriff durch die Kniekehlen. Der Ork stürzte. Sein linkes Bein blieb an einer Wurzel hängen und riss ab. Eben noch ein Quell harter Worte und übler Drohungen, war er nun ein wimmerndes Kind, das auf ein Wunder hoffte, doch Moartyr, der Gott des Todes, den die Orks anbeteten, war nicht bekannt dafür, sich für das Leben seiner Gläubigen zu interessieren. Vielmehr gefiel es ihm, wenn sie starben.
Birk ließ sich Zeit. Das Wesen, das er im Moment war, schien sich der Ankündigung des Orks zu erinnern, ihm den Wanst aufzuschlitzen und ihn zusehen zu lassen, wie man seine Innereien verschlang. Diese Anregung beherzigte er im eigenen Handeln.
Die Eindrücke, als er sich mit der Schnauze durch den geöffneten Bauchraum des verendenden Orks wühlte, waren von unvorstellbar widerwärtiger Intensität. Bis zum letzten Happen spürte Birk einen Brechreiz, dem er in Ermangelung der Kontrolle über seinen Körper nicht nachgeben konnte.
Nach dem Schmaus leckte Birk sich über die Lefzen, heulte ein letztes Mal mit durchgedrücktem Rücken und in den Nacken gelegtem Kopf und sank dann auf alle viere. Die Rückverwandlung setzte ein. Der Schmerz raubte ihm nach einem Augenblick das Bewusstsein.
Als er zu sich kam, lag er nackt im Wald, neben dem ausgeweideten Kadaver des Orks. Das Blut, das aus der Stichwunde floss, die dieser ihm zugefügt hatte, vermischte sich mit dem purpurnen Orkblut, das sich in den Schnee geschmolzen hatte und bereits gefroren war. Die Kerbe im Unterarm, die Birk aus dem Kampf davongetragen hatte, war verheilt. Nur eine feine Narbe erinnerte an die klaffende Wunde.
Die Nacht war hereingebrochen. Klar und kalt wie die letzte. Birk zitterte wie Espenlaub. Seine Kleidung war bei der Verwandlung zerrissen, und sein Feuerstein lag beim zurückgelassenen Gepäck. Was ihn bisher in den Nächten gewärmt hatte, blieb ihm heute verwehrt.
Er kroch stöhnend zu dem toten Ork und nahm ihm den Fellumhang ab. Unter einer Tanne mit tiefhängenden Ästen fand Birk Schutz. Er wickelte sich in den Umhang und legte sich zur Ruhe. Am nächsten Morgen würde er hoffentlich den Weg zurück zu seiner Habe finden. Anderenfalls erwartete ihn ein frostiges Ende.
Die Ereignisse beängstigten und entsetzten ihn, doch fühlte er eine Ausgeglichenheit in sich, die er zuvor nie erlebt hatte. Als ob der Ausbruch ein in ihm schlummerndes Bedürfnis gewesen war, dessen Erfüllung ihm Frieden gab.
Früher hatte Birk den Alten an den Lippen gehangen, wenn sie Märchen von Werwölfen erzählten, von unscheinbaren Menschen, die im Licht des Vollmondes zu reißenden Bestien wurden und jedes Leben auslöschten, das ihnen bis zur Morgendämmerung in die Quere kam. Aber was er von ihnen erfahren hatte, fügte sich in zweierlei Hinsicht nicht in seine Biografie.
In den Geschichten, deren Wahrheitsgehalt er bis zur letzten Nacht als zweifelhaft angesehen hatte, fand eine Verwandlung stets bei Vollmond statt, aber gestern hatte sich das Auge Gohennas nicht in ganzer Rundung gezeigt. Zum anderen wurde man nur zum Werwolf, wenn man von einem solchen gebissen wurde und überlebte, oder den Fluch der Lykanthropie in die Wiege gelegt bekam. Doch er war noch nie einem Mannwolf begegnet, und mit seinen Eltern hatte er oftmals in warmen Nächten auf dem Dorfplatz im vollen Schein von Gohennas Auge gesessen. Mutter hatte Geschichten erzählt. Manchmal hatten sich Nachbarn zu ihnen gesellt. Aber niemals hatte das Mondlicht den Eltern ihr verborgenes Inneres entlockt und sie zu Boten des Todes gemacht.
Nicht zu leugnen war jedoch, dass er sich in eine Bestie verwandelt hatte.
Was war er? Wie war er dazu geworden? Wie könnte er sich des Fluchs entledigen, und wollte er das überhaupt? Der letzte Gedanke entsetzte ihn am meisten. Er grübelte die ganze Nacht und schlief erst ein, als der Morgen dämmerte.
Das Zwitschern und Krächzen von Vögeln weckte ihn. Die Sonne stand schon am Himmel. Der allmorgendliche Gesang, den er seit seiner Geburt kannte, klang heute für ihn so lieblich wie nie zuvor, verkündete er ihm doch, dass er noch am Leben war.
Die Wunde unter dem Rippenbogen blutete nicht mehr, doch die Ränder hatten sich dunkelrot und lila gefärbt. Wenn er nicht schnell etwas unternähme, würde ihn das Wundfieber niederringen. Darauf spekulierten wohl auch die Raben und Krähen, die aus sicherer Entfernung mit schiefgelegten Köpfen ein Auge auf ihn warfen.
Birk erhob sich unter Aufbietung aller ihm verbliebenen Kräfte. Die Schneise, die er auf seiner Jagd ins Unterholz getrieben hatte, fand er ohne Mühe. Gekrümmt und stöhnend vor Schmerz schleppte er sich voran. In regelmäßigen Abständen stieß er auf zerrissene Kadaver und scheuchte die Aasfresser auf, die sich an ihnen mästeten.
Ein Massaker. Natürlich hatten sie ihr Lebensrecht verwirkt, doch ich habe mich nicht nur verteidigt, ich habe sie abgeschlachtet wie Vieh. Ich habe es genossen, sie zu töten. Dieses Übermaß an Grausamkeit wäre nicht nötig gewesen.
Du hast nicht gehandelt, wie deine Eltern es dich gelehrt haben, führte Birks Gewissen ihm im selbstherrlichen Tonfall vor Augen.
„Aber wir leben“, presste er zwischen vor Kälte zusammengebissenen Zähnen hervor.
Als Ayris’ Auge den Zenit erreicht hatte, trat Birk aus dem Wald und sah vor sich die Klippen und den Ozean. Nach kurzer Suche fand er seinen Rucksack, der von einer dünnen Schneeschicht bedeckt war. Er schulterte ihn und kehrte in den schützenden Forst zurück.
An den Stämmen großer Bäume fand er trockenes Holz und Zunder und entzündete ein Feuer.
Einst hatte sich seinem Vater bei einem Arbeitsunfall ein abgebrochener Zweig in den Oberschenkel gebohrt. Birk hatte aufmerksam zugesehen, wie die Mutter die Wunde ausgebrannt hatte.
Er legte seinen Dolch in die Flammen und holte die Flasche mit dem Eichenbrand aus dem Rucksack. Ungeschickt öffnete er den Deckel und nahm einen Mundvoll. Welch Verschwendung dieses einzigartigen Geschenks. Dann brachte er sich in die richtige Position und goss einen guten Schluck in den Einstich. Das Brennen war kaum zu ertragen und doch nur ein Vorbote dessen, was noch vor ihm lag. Er wartete, bis der Stahl glühte. Nach einem kurzen Gebet an Lork nahm er den Dolch mit zitternden Händen und drückte ihn auf die Wunde unter den Rippen.
Als der heiße Stahl sein Fleisch berührte, zischte es und der Geruch von Gebratenem stieg ihm in die Nase. Er sackte zusammen und schaffte es im letzten Moment, sich wieder in den Mantel einzuwickeln, bevor er das Bewusstsein verlor. Von nun an lag sein Leben in den Händen der Götter.
Eines Morgens schlug Birk die Augen auf. Er wusste nicht, wie lange er unter den dichten Ästen der Kiefer gelegen hatte, die ihn vor Schnee und Wind geschützt hatten. Moartyr hatte ständig an seiner Seite gestanden und mitleidig auf ihn herabgesehen. Anscheinend hatte der Gott des Todes aber noch Verwendung für Birk und ließ ihn deshalb vorerst in der Welt der schlagenden Herzen verweilen.
Birks Magen knurrte unerbittlich und ein Krampf schüttelte ihn. Er warf einen Blick auf seine Verletzung. Die Entzündung war einer Brandnarbe gewichen und der Einstich wuchs von innen heraus zu. Das Schlimmste schien überstanden.
Er griff eine Handvoll Schnee und aß sie. Der eisige Schmelz brannte in seiner Kehle, als er tropfenweise hinabfloss. Birk entzündete das Feuer erneut und ließ es hoch lodern. Die Wärme gab ihm Kraft. Jetzt brauchte er Nahrung. Er raffte sich auf und verteilte seine Fangeisen.
Ein Gefühl von Schwäche befiehl ihn, nun da er wieder seine eigene Gestalt angenommen hatte. Er fürchtete sich mehr denn je vor den Jägern, die auf der Suche nach Nahrung durch die Schatten des Nadelwalds schlichen.
Am Abend spießte Birk einen Hasen auf einen Stock und briet ihn über dem Feuer. Das Fleisch war fast noch roh, als er es gierig hinunterschlang, doch das Glücksgefühl, das er dabei empfand, war nahezu unbeschreiblich.
Von Tag zu Tag erstarkte Birk. Das Jagdglück blieb ihm weiterhin hold. Wenn er neben seinem Feuer saß und den Tag vergehen ließ, dachte er an die Nacht zurück, in der er sich verwandelt hatte, an die Bestie, die in seinem Inneren lauerte.
Ein Zwiespalt belastete sein Gewissen, ein Abgrund so tief und dunkel wie das Unsein jenseits der Ozeane. Er sehnte sich nach der Kraft und der Unbesiegbarkeit, die die Bestie ihm verlieh, ungeachtet der Risiken, welche die Verwandlung mit sich brachte.
Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er die Gefahr, die er für sich und andere in der übermenschlichen Gestalt darstellte, in seinen Gedanken verharmloste, die gravierenden Auswirkungen auf seine Zukunft ignorierte. Schließlich tötete er nur. Viele taten das, und so mancher Soldat, Söldner, Henker, Kopfgeldjäger und Zauberer wurde dafür mit Gold und Ruhm entlohnt. Sie verdienten sich ihren Stand, indem sie Seelen freisetzten und damit der Gesellschaft einen Gefallen erwiesen.
Doch was war der hehre Dienst, den er als Wolf leisten konnte? Wäre er eines Tages in der Lage, die Bestie in seinem Inneren zu kontrollieren, seine animalische Veranlagung zu nutzen und zugleich reinen Gewissens zu handeln? Wie würde sich diese Fähigkeit auf sein Leben auswirken, sollte er sie jemals erlangen?
In tugendhaften Momenten sandte er Gebete zu Lork, verspottet von einem anderen Teil seiner selbst, der ihn einen Narren schalt. Er bettelte, dass sich dieses Wesen niemals wieder zeigen möge, doch sein Flehen blieb ungehört.
Kapitel 3
Jahr 588 ndM/Sommer Südwald/Zayriel Die Älteste
Der Samen des Mutterbaums war von Ganya, der Urmutter, selbst geschaffen worden. Er war ein Geschenk an ihre Kinder, die Götter. Sie bekamen die Aufgabe, ihn zu hegen und zu pflegen, bis eines Tages ein Baum aus ihm erwachsen wäre, groß genug, dass sie im Schatten der Äste spielen und von den Früchten naschen könnten.
Barum war Ganyas klügstes Kind. So entschied er, welches seiner Geschwister den Samen zuerst erhielt. Er gab ihn an Eljana.
Eljana nahm ihn an und verstaute ihn in ihrem erdigen Schoß, wo er keimte.
Ayris betrachtete den Keimling jeden Tag und die Wärme seines Blicks ließ ihn wachsen.
Gohenna bot Ayris an, an seiner statt in der Nacht über den zarten Trieb zu wachen, sodass er nicht vom steten Feuer in dessen Blick versengt würde.
Als der Baum größer wurde, zeigte ihm Syrus, wohin er die gewaltigen Äste strecken musste, damit er im Gleichgewicht blieb.
Moartyr war neidisch auf den schöpferischen Erfolg seiner Geschwister. Mit einer List lenkte er Eljana ab und ließ einen Tropfen toter Essenz in ihren Schoß fallen, um den Baum zu vergiften.
Lork ertappte Moartyr und züchtigte ihn.
Urta konnte den Baum retten, und ein Jahr später blühte er zum ersten Mal.
Wanja war traurig, dass der Kontinent so kahl war. So wehte sie über das Land und verstreute die Samen des Mutterbaums.
Dies, so besagte die Legende, war der Ursprung jeglicher pflanzlichen Existenz, bis hin zum Rand des Unseins. Jede Art von Gewächs war zum ersten Mal aus einem Samen erwachsen, der am Mutterbaum gereift war.
Sein Wipfel ragte etwa zweihundert Meter aus dem immergrünen Dach des Südwalds empor. Der Stamm war so dick wie der Marktplatz einer kleinen Siedlung und die Äste streckten sich bis zu vierzig Meter horizontal von ihm weg.
In den tausenden Jahren seiner Existenz waren Felsen von Wind und Regen geschliffen worden. Selbst das gewaltige Zwergengebirge hatte sich unter dem Druck der Zeit verformt. Der Mutterbaum hingegen hatte in all den Jahren nicht ein Blatt fallen lassen. Er war beständig wie die vergehende Zeit selbst.
Die acht Bäume, die im engsten Kreis um ihn herumstanden, waren zwar kleiner, aber trotzdem noch über hundert Meter hoch. Sie fanden Schutz unter seinen ausladenden Ästen. Man nannte sie die Götterbäume. Jedes ihrer Kinder hatte von Ganya einen bekommen. Nur Moartyr nicht, als Strafe dafür, dass er danach getrachtet hatte, die Schöpfung seiner Geschwister zu vernichten. So stand es im Epilog der Legende.
Aus der Ferne glich das Herz des Südwalds einer begrünten Felsnadel. Diesen Ort nannte man Zayriel. Er war das spirituelle Zentrum und die größte Siedlung der Gnome.
In den ersten Tagen hatten sich hier ein paar Verlorene angesiedelt. Mittlerweile waren es tausende, die ein unbeschwertes Leben im Einklang mit der Natur führten. Das kleine Volk hatte seine Behausungen dort errichtet, wo Urtas Schöpfung es ihnen gestattete. An den Wurzeln der riesigen Bäume standen unscheinbare Hütten, die unkundigen Betrachtern meist verborgen blieben, weil sie sich ins Unterholz einfügten, als wären sie ein Teil davon. Von den Ästen hingen aus Pflanzenfasern gewebte Kammern, die ganzen Familien Platz boten. Sogar in den Kerben der Borke hatten sich Wagemutige niedergelassen.
Anderen Rassen war der Zutritt zu Zayriel verwehrt. Dies war der Gnome letztes Refugium, und sie würden nicht riskieren, verdrängt zu werden.
Viele Invasoren waren nach der Zeit der Vertreibung in den Südwald eingefallen. Zu verlockend war ihnen das blühende Land erschienen. Sie hatten Handelsposten errichten wollen, von denen aus sie tropische Tiere, Früchte und Hölzer in ihre Heimat zu verschicken planten. Die Gnome, so hatten sie gedacht, wären ihnen gegenüber wehrlos, war es doch schließlich ein Leichtes gewesen, sie in den Dschungel zu treiben. Womit sie nicht gerechnet hatten, war, dass den Druiden hier ein übermächtiger Verbündeter zur Seite stand. Der Südwald selbst wachte über die Gnome. Er war Urtas größtes Werk und das kleine Volk ihre liebste Rasse. Ihre Paladine, zumeist uralte Gewächse, stellten sich den Feinden in den Weg und vernichteten sie. Unzählige Skelette, von Moosen, Farnen und Pilzen überwuchert, zeugten heute von den Schlachten der Vergangenheit.
Die Wehrhaftigkeit des Südwaldes hatte sich schnell herumgesprochen und seit hunderten von Jahren hatte es keine Armee mehr gewagt, den Waldrand zu passieren. Nur kleine Gruppen von Menschen aus den unwirtlichen Randgebieten der Wasserlande verschlug es heute noch von Zeit zu Zeit in das Dickicht. Verhielten sie sich friedlich, stand einer Heimkehr nichts im Wege.
