Gumavi Khanda II - Christian Heide - E-Book

Gumavi Khanda II E-Book

Christian Heide

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Beschreibung

Die Saga "Gumavi Khanda" führt auf das nahende Ende des Zeitalters zu. Doch nicht dieses einschneidende Ereignis steht im Mittelpunkt, sondern die Geschichten von unterschiedlichen Charakteren, deren Wirken mal mehr und mal weniger damit zusammenhängt.

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Seitenzahl: 590

Veröffentlichungsjahr: 2022

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© 2022 Christian Heide

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www.facebook.com/christian.heide.39

[email protected]

Korrektorat/Lektorat: Lisa Reim-Benke (www.lektorat-reim.de)

Schriftart Cover/Buchrücken: „ghastly Panic“ von www.sinisterfonts.com

Karte: Andreas Hancock (www.andreas-hancock.de)

ISBN Softcover: 978-3-347-67741-8

ISBN E-Book: 978-3-347-67746-3

Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

CHRISTIAN HEIDE

GUMAVI

KHANDA

II

MONDSCHEIN

Bereits bekannte Persönlichkeiten

Asyp (Gnom):

Meister-Medicus und kongenialer Partner von Grups

Belim (Mensch):

Bruder von Tayaki. Folgte einem göttlichen Auftrag, an dessen Ende er ein Buch und den Tod fand

Birk (Mensch):

fahrender Schmied, der einst den Nordwald verließ, um sein Glück zu finden. Leidet unter dem Fluch der Lykanthropie

Daraya (Sauger):

ließ Wyl einst aus Saratan entkommen und ist seither im Auftrag des Blutfürsten auf der Suche nach ihr

Die Älteste (Gnom):

Oberhaupt der Druiden des Südwalds. Bemüht darum, die Legende um das Dämmern Gumavi Khandas zu hüten

Grups (Gnom):

Meister Ingenius und kongenialer Partner von Asyp

Harvard (Mischling Troll/Mensch):

wuchs im Wald auf

Kira (Mensch):

Waisenkind, das es von Ostende auf den Kontinent verschlagen hat. Besucht zurzeit die Akademie des Drachenordens. Stets begleitet von ihrer Puppe Ezra

Kroznax (Zwerg):

wurde einst von Asyp und Grups vor dem Tod bewahrt. Im Volk bekannt unter dem Namen Kommandant Halbbart. Strebt einen Wertewandel im Zwergengebirge an

Marat (Gnom):

ärgster politischer Widersacher der Ältesten. Intrigiert im Hintergrund

Meister Hilar (Mensch):

ehemaliger Lehrer von Belim und Dorfältester

Meister Pui (Mensch):

Alter Meister. Rettete Birk einst aus dem Sumpf und nahm ihn in die Lehre

Mutter Jafa (Mensch):

Hohepriesterin des Drachenordens. Ihr Bruder gab sein Leben, um Kira zur Akademie zu führen

Oley (Mensch):

Seefahrer und ehemaliger Pirat. Fand Kira einst vor den brennenden Ruinen ihres Elternhauses und sorgte dafür, dass sie auf den Kontinent gelangte

Ork-Seher (Ork):

führte mit Yawai den Sklavenaufstand von Dunkeltal an. Flüchtete mit ihm zum Südmarkpass und dient seither dort

Srox (Gnom):

Druide. Sah in einer Vision die Dämmerung Gumavi Khandas und informierte den Rat der Druiden

Stella (Zwerg):

Adjutantin von Kommandant Halbbart. Sieht ihn als ideologisches Symbol

Tayaki (Mensch):

Schwester von Belim

Wyl (Mischling Dunkelelf/Mensch):

hat es auf rätselhaften Wegen in den Nordwald verschlagen. Sucht nach ihrem wahren Erbe

Yawai (Zehrer):

wandernder Vampir, der sich von Glauben nährt

KAPITEL 1

JAHR 598 NDM/SOMMER

NORDWALDWYL (10 JAHRE)

Durch das wogende Blätterdach schien das fahle Licht des endenden Tages. Heulende Böen stimmten unstet in das Rauschen des Laubes ein. Morsches Holz fiel und brach. Donner grollte. Rundum standen Stämme, deren Rinde von einem löchrigen Flickenteppich aus Flechten und Moos bedeckt war, dicht an dicht. Sie wirkten krank und gebrechlich, würden sich unter Wanjas wütendem Hauch widerstandslos zur Ruhe legen.

Wyl suchte Schutz, aber der Wald war plan wie die marmorne Tafel ihres Elternhauses. Es gab keine Wälle, keine Senke, die Zuflucht boten. Der Wind stieß sie in den Rücken, trieb sie vor sich her, als wäre sie sein Spielzeug. Sie drehte sich um, wollte dem Sturm die Stirn bieten, doch der Anblick ließ ihren Mut schwinden. Eine blaugraue Wand schob sich heran, verschlang den Wald in der Ferne. Das Prasseln des nahenden Regens wurde mit jedem Moment lauter, verschmolz mit dem Pfeifen des Windes zu einem Unheil verheißenden Chor. Gaben die sich neigenden Wipfel den Blick zum Himmel frei, sah Wyl schwarze, wallende Wolkenberge, in denen Blitze zuckten. Laub, Fallholz und Stücke von Rinde flogen ihr entgegen, machten aber einen Bogen um Wyl, als wären sie ebenfalls auf der Flucht vor dem Unwetter.

Der Moment hatte etwas Erhabenes, etwas Göttliches. Die Ruhe vor dem Sturm. Was viele nur als Floskel verwendeten, beschrieb in Wirklichkeit die bevorstehende Ankunft einer Urgewalt, das Gefühl, einer unaufhaltsamen Macht gegenüberzutreten, und einen Ort, eine Zone, aus der sich jedes schlagende Herz zurückzog, war ihm die Möglichkeit gegeben.

Von den Zinnen Saratans hatte Wyl in manchen Jahren die Ausläufer des Glassturms aus dem Herzen der Toten Ebene heranwehen sehen. Die Welle, die sie am Boden vor sich hertrieben, glitzerte im Sonnenlicht, als spülten unzählige Diamanten heran. Es war ein weitaus schöneres Spektakel als der triste graue Wall, der sich durch den Nordwald drängte. Auf der anderen Seite blies der Glassturm trocken, auf eine schwerlich zu beschreibende Art abgestanden und mit feinsten Fragmenten, die den Unvorbereiteten in Mund, Nase und Rachen schnitten und ihn Blut husten ließen, während der Sturm des Waldes den Geruch von Leben mit sich trug. Er war mild und schwer, schmeichelte den Atemwegen. Doch so verschieden Wanjas Zorn sich auf dem Kontinent auch manifestierte, glich er sich stets atmosphärisch – gewaltig, gnadenlos, verheerend -, vielleicht überall und in jedermanns Augen.

Wyl löste sich von dem beeindruckenden Anblick, kehrte ihm den Rücken und rannte los. Kein Tier war zu sehen oder zu hören. Jedes lebende Wesen schien sich verkrochen zu haben, doch Wyl entdeckte keinen Unterschlupf.

Der Sturm wurde stärker, raste durch den Wald. Die Bäume ächzten unter dem Druck und hinter Wyl schlugen die ersten abgerissenen Äste und gekappten Kronen ins Unterholz. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Erschrocken keuchte sie auf und verharrte. Ein Wolf stand dort. Das silbergraue Fell wehte im Wind, ließ die Konturen wogen und verlieh ihm eine geisterhafte Silhouette. Hinter ihm hetzte das Rudel vorbei. Keines der anderen Tiere würdigte Wyl eines gierigen Blickes, obgleich sie eine wehrlose Beute war. Die Jäger wurden gejagt, getrieben von der Angst, die auch Wyl spürte. Die braunschwarze Fähe blieb neben dem Alpha-Rüden stehen und stupste ihn mit der Schnauze. Er knurrte kurz, dann setzten sie mit raumgreifenden Schritten ihren Artgenossen hinterher. Wyl sah ihnen nach, bis sie zwischen den Stämmen verschwanden. Wie gerne hätte sie sich dem Rudel angeschlossen, das Risiko in Kauf genommen, zerrissen zu werden, nur um diesen Moment nicht alleine durchleben zu müssen. Doch sie blieb verlassen zurück. O Götter, lasst die Nacht anbrechen!

Der Orkan schrie wie tausend Bestien und schob ihren mageren Körper vor sich her. Rundherum unterlagen die Bäume einer nach dem anderen der elementaren Gewalt. Einer kippte in Wyls Weg, sodass sie den Kurs ändern musste, um nicht erschlagen zu werden. Der plötzliche Richtungswechsel ließ sie einen falschen Schritt setzen, und sie stolperte über eine knorrige Wurzel. Bäuchlings auf dem Boden bot sie dem Sturm keine Angriffsfläche, und sie überlegte, einfach liegen zu bleiben und abzuwarten, ob die Götter sich an ihrem Leben oder ihrem Tod erfreuen wollten, doch das Krachen splitternden Holzes und der nun auf sie niedergehende Regen ließen sie unwillkürlich hochfahren. Im besten Fall wäre sie am nächsten Morgen durchnässt bis auf die Knochen, kränklich, ihre wenige Habe womöglich unbrauchbar. Im schlimmsten Fall träte Moartyr gleich in ihren Weg, böte ihr die Hand dar und lockte mit dem Schutz des Totenreichs.

Als sie dem Verzweifeln nahe war, fand sie, was ihrem Herz neue Hoffnung schenkte. Voraus lag eine gefallene Eiche, deren Wurzeln schon vor einiger Zeit, wahrscheinlich beim letzten Einmarsch Wanjas, aus der Erde gezogen worden waren. Wyl mobilisierte alle Kraft, die ihr geblieben war, und rannte auf den Fuß des Stammes zu. Ohne einen Blick hineinzuwerfen, sprang sie in die Grube, in welcher die Wurzeln des majestätischen Baums einst in Eljanas Reich griffen. Sie war einen guten Meter tief, der Boden mit faulendem Laub übersät, sodass Wyl den Sturz unverletzt überstand.

Die Böen fauchten zornig ob des Verlustes einer freizusetzenden Seele über Wyl hinweg. Sie atmete durch und kroch unter das tote Holz, soweit es möglich war, presste sich mit dem Rücken an die feuchte Erde. Der Regen schlug auf das Laub, in dem sie eben noch gelegen hatte, durchstieß es oder zerschellte daran und sprang in Bruchstücken auf. Einige Zeit starrte Wyl hinaus, genoss die scheinbare Sicherheit, den deprimierenden Augenblick, der ihr so wohltat, trotzte sie doch erfolgreich den Unbilden ihrer Reise.

Beiläufig sah sie sich um und entdeckte einen schmalen Spalt, der weiter unter den Stamm führte. Bäuchlings robbte sie hinein und fand nach wenigen Metern eine Höhle, die verhältnismäßig trocken war und genügend Platz bot, um sich auszustrecken. Sie wurde sich ihrer Müdigkeit bewusst, hielt die Augen aber offen, bis der Regen nachließ und sie sicher war, nicht im Schlaf zu ertrinken. Das Tageslicht erlosch und behütende Dunkelheit flutete die Kammer. Wyl atmete auf. Sie breitete eine Decke auf dem Boden aus, legte sich darauf und schob den Rucksack unter den Kopf. Kaum berührte ihr Schopf das Leder, entschwand sie ins Reich der Träume.

Als sie am Morgen erwachte, besangen die Vögel den vorübergezogenen Sturm, von dem nur eine Brise geblieben war, die kühl durch Risse und Löcher bis zu Wyl hinabkroch. Sie rieb den Schlaf aus den Augen und wand sich unter dem Stamm hervor.

Ayris’ Auge sah von einem wolkenlosen Himmel herab, wollte das Unwetter des vergangenen Tages vergessen machen, doch Wyl erinnerte sich allzu gut der durchlebten Ängste und schenkte dem verheißungsvollen Blick des Sonnengottes kein Vertrauen. Die warmen, hellen Strahlen, die früher ihre Laune gehoben hatten und sie stets aus dem Haus trieben, muteten ihr seit der überraschenden Ankunft im Nordwald verräterisch an, setzten sie den Blicken lauernder Bedrohungen aus. Sie fürchtete den Tag nicht, fühlte sich jedoch in der Nacht, unter Gohennas wachsamem Auge, sicherer.

Es schien ihr nicht normal, dass ein Kind die Dunkelheit dem Licht vorzog. Warum empfand sie auf diese Art? Hatten die Straßen Saratans ihre Seele gestählt? Nahm das Wissen um das, was sich in der Dunkelheit verbarg, die Angst?

Ihr Magen knurrte und forderte, seinem Anliegen Rechnung zu tragen. Sie zog sich in den Schatten zurück, holte das Messer aus ihrem Rucksack und durchfurchte den morschen Stamm auf der Suche nach Maden und Würmern. Einst nahm sie in ihrem Elternhaus in Saratan so selbstverständlich an der üppigen Tafel Platz, nun erschienen ihr fette Larven wie ein Gaumenschmaus. Ein Teil von ihr vermisste die Stadt, deren Riten ihre Familie zum Opfer gefallen war, die Vorzüge der Zivilisation, obgleich sie von den Nachteilen überwogen wurden. Als die Mittagshitze in ihr Versteck drang und der Schweiß floss, ließ sie von ihrer mühsamen Tätigkeit ab und legte sich erneut zur Ruhe. Der quälendste Hunger war gestillt. In der Nacht würde sie die Umgebung erkunden und hoffentlich etwas Schmackhafteres finden.

Sie rollte sich unruhig auf ihrem Lager hin und her, sinnierte über das ihr Widerfahrene. Sie erinnerte sich an das Treffen mit der Vettel in den Straßen Saratans. „Die Prinzessin der Nacht, die Tochter des Schattens, Blut des Ungenannten. Geboren, zu bringen Gumavi Khanda.“ Nie würde sie die Namen vergessen, bei denen die Alte sie genannt hatte. Die Worte ihrer vermeintlichen Mutter klangen ihr im Ohr: „Wyl, vergiss nie, dass du etwas Besonderes bist.“ Als „Amme des Unlichts“ hatte die Vettel die Frau verächtlich tituliert. Gedankenverloren ließ Wyl die silberne Kette durch die Finger rinnen, welche das letzte Andenken an jene war, die sie großzog, ihr Liebe und Geborgenheit gab, mochte sie ihre Ahnin sein oder nicht.

Wyl wartete darauf, dass Ayris den Blick vollends abwendete und seine Schwester Gohenna die Wacht über die Welt der schlagenden Herzen übernahm. Der Hunger drängte sie zur Eile, doch die Vernunft riet zur Geduld und behielt die Oberhand. Der Nordwald war Moartyrs Spielstube. Das hatte sie in den zwei Jahren, die ihre ziellose Wanderung durch das grüne Meer schon andauerte, gelernt. Radoks, Nordwölfe, Trolle und Schrecken, deren Anblick noch nie ein Sterblicher erdulden musste, lauerten im Dickicht. Doch hüllte Gohennas Auge den Kontinent in silbriges Licht, fürchtete Wyl nicht die Fänge, die im Verborgenen nach ihrem Fleisch trachteten.

Als kein Vogel mehr sang, einzig das Rauschen des Windes zu hören war und die Nacht sich wie schwarzer Samt über die Landschaft gelegt hatte, verließ Wyl ihre Zuflucht. Sie sah weit und scharf, erkannte die feinsten Unterschiede zwischen den grauen Schattierungen, in denen sich der Wald abzeichnete, und bemerkte so flatternde Fledermäuse und wogendes Laub in der Finsternis. Eine Fähigkeit, die ihr gegeben ward, nachdem die Kreatur, die ihr so fürchterlich wie vertraut erschienen war, sie aus Saratan entführt und im Wald ausgesetzt hatte; ein Segen, der ihr Ängste ersparte, unter denen sie in ihrem alten Leben litt.

Eines Nachts war sie in ihrem Kinderbett erwacht. Wolken hatten sich vor Gohennas Auge geschoben und kein Lichtstrahl war durch das Fenster gefallen. Wyl war blind. Ein kurzes Fiepen in der Dunkelheit hatte ihre Fantasie angeregt, die fehlende Wahrnehmung auszugleichen, sie sich ausmalen lassen, welch Scheusale direkt neben ihr standen, ohne dass Wyl sich ihrer Anwesenheit bewusst war. Sie hatte zitternd wach gelegen bis zum Morgen. In der Furcht, ein solches Grauen erneut durchleben zu müssen, hatte seither stets ein Nachtlicht in ihrem Zimmer gebrannt, und hatte die Flamme mit dem durchs Fenster wehenden Wind gerungen, stockte Wyl der Atem. Aber nun, da sie in der Dunkelheit sah, als herrsche heller Tag, hatte die Nacht ihre Bedrohlichkeit eingebüßt, spendete ihr gar Geborgenheit, war den Unholden und Raubtieren doch der Vorteil genommen, den diese in der Finsternis genossen.

Ihr Weg führte Wyl zuerst zu einem Bach. Sie wusch sich im knietiefen Becken am Fuße eines mannshohen Wasserfalls im Schmelzwasser, das von den Hängen des Zwergengebirges floss, und suchte am steinigen Ufer nach Krebsen und Muscheln. Die Ausbeute war überschaubar. Das Umland bot wenig Nahrung, dafür umso mehr Gefahren. Sie fand einen kopfgroßen Dungklumpen, aus dem Gebeine ragten, und die wenigen Bäume, die dem Sturm getrotzt hatten, konnten bei der nächsten Böe brechen und sie erschlagen. Ein ungünstiger Ort zum längeren Verweilen. Sie kehrte zu ihrem Unterschlupf zurück, holte ihren Rucksack und brach auf.

Zuerst galt es, einen erhöhten Punkt zu finden, der eine weite Sicht bot. Der Morgen dämmerte bereits, als sie auf einen Geröllhaufen stieß, der Dutzende Meter emporragte. Der Durchmesser entsprach geschätzt der Höhe. Die sich auftürmenden Steine konnten in ihrer Anzahl nicht aus der Umgebung genommen worden sein. Man hatte sie mühsam von weit hergeholt, um das Monument zu errichten. Das Grabmal eines einstigen Herrschers? Wyl schauderte. Oder der Ruheplatz einer Bestie, die der Totenmond nie erblicken soll? Sie begann umgehend mit dem Aufstieg. Noch spendete ihr die schwindende Nacht Sicherheit. Dieser Ort ängstigte Wyl, und sie wusste nicht, ob sie des Tages den Mut aufbrächte, das Mahnmal zu erklimmen.

Der Gipfel lag knapp unterhalb der höchsten Wipfel, doch bot sich ein ausreichender Blick, um einen Kurs zu bestimmen. Rundum lagen bewaldete Hügelketten, so weit das Auge reichte. Fern im Süden erhob sich das Zwergengebirge; schneebedeckte Hänge und zackige Felskämme, die an den Wolken nagten. Wyl sah zum Morgenrot hinauf. Mit einem kurzen Gebet an Wanja bat sie darum, dass das Wetter während ihrer Wanderung beständig bleiben möge.

Sie stieg ab und marschierte westwärts, wo ihr das Land am gangbarsten erschien. Dort hoffte sie, auf Menschen zu treffen, auf Fremde zwar, doch jeder Gesprächspartner, jeder Funken Geborgenheit und Zuwendung war wichtig, um die Flamme der Menschlichkeit in ihr zu bewahren. Wären die Götter gnädig, wartete ein neues Leben auf sie, eine neue Heimat, eine neue Familie. Ein anderes Dasein, als jenes, das sie in Saratan fristete, doch sie würde sich redlich mühen, den unbekannten Anforderungen gerecht zu werden.

Sieben Nächte später stand Wyl auf einem schmalen Grat. Vor ihr lag ein licht bewaldetes Tal, in dem hauptsächlich Birken wuchsen. Silbrig schimmerte die weiße Rinde unter Gohennas Blick, gab jedem Stamm erkennbare Konturen und ließ die Bäume wirken wie ein stummes Publikum, das Wyls Ankunft erwartete. Hunderte kleiner Seen und Tümpel, in denen sich weder Mond noch Sterne spiegelten, breiteten sich pechschwarz zwischen ihnen aus. Eulen drehten lautlos ihre Runden über den leblos wirkenden Auen. Der aufsteigende Wind trug einen fauligen Geruch empor. Wyl kniff die Augen zusammen, spähte in die Ferne und entdeckte weit voraus eine feine Rauchsäule, die in den Himmel stieg. Menschen. Eine Gemeinschaft, der ich mich anschließen kann.

Von der Hoffnung beflügelt, einen Ort gefunden zu haben, der ihr, zumindest eine Zeit lang, ein Zuhause böte, kletterte sie hinab. Der Gedanke, dass die Flammen von anderen Wesen, die ihr nicht wohlgesonnen wären, geschürt wurden, fiel der Vorfreude anheim.

Der Abstieg über die feuchten Felsen war tückisch, doch sie erreichte den Talgrund unversehrt mit den ersten Sonnenstrahlen. Nach kurzem Marsch durch überwucherten, teils knietiefen Morast fand sie einen schmalen Pfad, der zwischen den Gewässern hindurchführte. Luftblasen stiegen empor und zerplatzten an der Oberfläche, als würden die trüben Wasser kochen. Der Geruch nach Fäulnis erinnerte Wyl an Saratan, wo unzählige Kadaver in dunklen Ecken verrotteten. Obgleich er in Wyl Ekel hervorrief, gewann sie ihm mehr ab als der reinen Luft des Waldes. Ist das nicht Beweis genug, dass kein menschliches Blut in meinen Adern fließt?

Hin und wieder plätscherte es in einem der Wasserlöcher verräterisch und Wyl nahm aus den Augenwinkeln Bewegungen wahr. Sie beschleunigte ihren Schritt und wagte nicht, der vermeintlichen Gefahr ins Auge zu blicken. Warum schwindet mein Mut mit der Nacht?, dachte sie frustriert. Was würde passieren, dämmerte der Morgen im Angesicht einer Bedrohung, der sie die Stirn bot? Gab es einen zu bestimmenden Moment, in dem die Zuversicht verloren ging, einen Stand der Gestirne, der eine andere Persönlichkeit in ihr weckte? Und wenn es diesen Moment zu Beginn des Tages gab, gab es ihn auch abends? Brauchte es ein gewisses Maß an Dunkelheit, um ihr Selbstvertrauen zu entfachen?

So sehr sie sich wünschte, ein gewöhnliches Halbblut zu sein, gezeugt von Dunkelelfen und Menschen, vom Leben konfrontiert mit den gängigen Konflikten, bei denen ihr andere mit Rat und Tat zur Seite stehen könnten, so sehr zeigten ihre Gedanken, dass sie das nicht war. Es läge allein an ihr, Antworten auf all die Fragen zu finden, die sich ihr seit Jahren Tag für Tag stellten.

Schon bald wurde der Boden fester und der Pfad breiter. Wyl entdeckte vereinzelte Gärten auf sonnenbeschienenen Lichtungen und eine von einem hölzernen Zaun eingefasste Weide. Schafe ästen zufrieden unter der Aufsicht eines Hirten, der im Schatten einer Pappel saß. Kurz überlegte sie, sich ihm zu offenbaren, beschloss aber, sich zuerst einen Eindruck der hiesigen Siedler zu verschaffen.

Zwischen den Bäumen sah sie die erste Hütte. Die geraden braunen Linien und die rechten Winkel stachen ins Auge, auch wenn Stämme und Hecken das Gebäude notdürftig verbargen. Wyl verließ den Pfad und verkroch sich im hüfthohen Gras. Vorsichtig schob sie sich voran, bis die Halme sich lichteten. Ein tiefhängender Erlenzweig hüllte sie in seinen Schatten. Vor ihr lag ein kleines Dorf. Die Hütten waren aus vertikalen, in den Boden getriebenen Stämmen errichtet, die oben und unten mit Bast aneinandergebunden waren. Die Spalten zwischen den Hölzern hatte man mit Lehm verfugt. Reet-Dächer krönten die einfachen Behausungen.

Frauen und Männer liefen umher und kamen ihren Verpflichtungen nach; zugleich emsig und schleppend, fokussiert auf ihre Aufgabe und doch abwesend. Sie waren in Lumpen gekleidet, dreckig und ausgemergelt. Die Haut wies einen matten Gelbstich auf, der auch nicht von der Bräunung durch die Sommersonne überdeckt wurde. Ihre Gesichter waren plump, manche entstellt, ihre Körper im leichten Maße missgebildet und mit Wucherungen überzogen. Auf vielen Köpfen sprossen nur vereinzelte Haarbüschel. Keiner lachte, weinte oder hob die Stimme im Gespräch. Apathisch aber doch routiniert verrichteten sie ihr Werk, ohne Emotionen zu zeigen.

Sie erschienen Wyl frei einer Persönlichkeit und Leidenschaft. Sie spürte Mitleid und fragte sich, welch Frevels wegen sie in dieser Weise büßten. Jedem Menschen, so wusste sie aus eigener Erfahrung, war es eine Herzensangelegenheit, seine Gefühle mitzuteilen. Welch Qual es wohl bedeutete, diesem Drang nicht nachgeben zu können, beziehungsweise welch Entmenschlichung, ihn nicht zu verspüren.

Wyl verfolgte das Geschehen im Dorf aufmerksam auf der Suche nach Erkenntnis, ob es ihr zum Vorteil oder zum Nachteil gereichte, wenn sie sich zeigte. Der Wunsch, in dieser Gemeinschaft willkommen geheißen zu werden, der bis vor kurzem so dringlich gewesen war, wurde von Befürchtungen im Zaum gehalten, die auf Vorurteilen gegenüber Andersartigen beruhten. Doch wer sagte, dass die Lehren ihres Lebens in Saratan sie schlecht berieten? Es sprach einiges dafür, das Dorf zu umgehen. Aber fände sie ein anderes, eines in dem die Bewohner gastfreundlicher erschienen? Bisher war sie nur auf vereinzelte Gehöfte gestoßen, verlassen und marode, zurückerobert vom Wald. Dies waren die ersten lebenden Menschen, die Wyl fern von Saratan zu Gesicht bekam.

Sich zu offenbaren war ein Risiko. In der Wildnis jedoch würde sie an Einsamkeit sterben. Wyls größtes Leid bestand darin, keine Zuneigung zu empfangen und zu geben, nicht an anderer Leben teilzuhaben. Sie durfte die Möglichkeit, dem Abhilfe zu verschaffen, nicht verstreichen lassen.

Wyl zog sich zurück, um sich dem Ort unverhohlen zu nähern. Minuten später grüßte sie den ersten Bauern mit fröhlicher Stimme. „Die Götter mit Euch, guter Mann.“ Die Anrede klang undeutlich in ihren Ohren, genuschelt und lallend, die Übergänge zwischen den Silben zu weich. Sie hatte seit nunmehr beinahe zwei Jahren nur mit sich selbst gesprochen, mit Vögeln, die ihr zwitschernd antworteten, mit Wild, das sie mit den freundlich gemeinten Worten vertrieb, und mit Blumen und Laub, die ihr entweder die Kelche neugierig entgegenreckten oder unter dem zarten Druck ihrer Hände zerbröselten. Die nicht bestehende Notwendigkeit, verstanden zu werden, hatte ihrer Sprache die Deutlichkeit genommen. Sie würde wieder lernen müssen, sich klar zu artikulieren.

Der Mann hielt in seiner Arbeit inne, legte die Sense über die Schulter und starrte Wyl mit offenem Mund an. Kein Zucken seiner Miene verriet Gefühle und Gedanken.

Wyl vermutete, dass seine Sprachlosigkeit nicht nur an ihrem Erscheinen lag. „Ich bin auf der Suche nach Obhut. Werde ich sie hier finden?“ Mit Erleichterung registrierte sie, dass ihre Stimme fester wurde.

„Armes Kind.“ Die Bekundung von Mitleid ließ eben jenes völlig missen.

Wyl wartete, doch er hatte nichts mehr zu sagen, starrte sie nur regungslos an. Sie nickte ihm freundlich zu, obgleich sie aus seinem Verhalten nicht schlau wurde, und folgte dem Weg, der in die Siedlung führte. Immer öfter sah sie Bauern, Hirten und Torfstecher in den Auen und zwischen den Bäumen. Rief sie sie an und winkte ihnen zu, verharrten sie ungläubig, als sähen sie einen Geist. Niemand antwortete, aber aller Augen folgten ihr.

Das ist die letzte Möglichkeit, sich abzuwenden. Doch sie verstrich. Hinter der nächsten Biegung erreichte sie das Dorf. Zwei Pfähle flankierten den Pfad, verbunden durch einen oben angebrachten hölzernen Bogen, dessen Oberfläche völlig verwittert war. Solcherorts stand meist der Name der Siedlung, aber hier war er nicht mehr zu erkennen. Schade. Die richtigen Worte hätten Wyl Vertrauen schenken können.

Sie überwand sich und durchschritt das Portal. Ihr Auftritt spülte wie eine Welle über den dahinterliegenden Platz, auf dem Dutzende Menschen sich ihren Gewerken widmeten. Als die ersten Wyl bemerkten, hielten sie in ihrem Tun inne. Eisen formende Hämmer und Holz spaltende Äxte verstummten. Immer mehr Köpfe drehten sich zu ihr und kurz darauf herrschten Regungslosigkeit und Schweigen, als würde Wyl ein Ölgemälde auf der Galerie ihres Elternhauses betrachten. Der Wind rauschte, Vögel zwitscherten, eine Ziege meckerte. Wyl war eingeschüchtert von der erstarrten Menge und brachte kein Wort hervor.

Nach Augenblicken, die sie wie Stunden empfand, trat ein Mann aus einer Hütte. Er war in den besten Jahren, stattlich und im scharfen Kontrast zu den Seinen augenscheinlich bei blendender Gesundheit. Das Haar und der Bart waren voll und kastanienbraun, der Rumpf schmal, doch die Schultern breit. Gekleidet war er in Pelzmantel und Hose und Stiefel aus Leder. Er zog die Blicke aller Anwesenden auf sich. Die Augen, grau und klar, musterten Wyl interessiert. Ein zwielichtiges Lächeln umspielte seine Lippen. „Schönes Kind, deine Ankunft überrascht uns.“ Er fasste die Umstehenden mit einer gewichtigen Geste. „Wir sind schon sehr lange unter uns und rechneten nicht mit Besuch. Wie ist dein Name, und was verschlägt dich hierher?“ Kaum waren die Fragen gestellt, richtete sich die Aufmerksamkeit aller wieder auf Wyl.

„Mein Name ist Wyl und mein Weg eine lange und traurige Geschichte“, antwortete sie, verwirrt durch die willenlose Synchronität, mit welcher die Dörfler dem Geschehen folgten.

Der Mann nickte verständnisvoll. „Nur eine solche kann ein einsames Kind in diese Wälder führen.“ Er winkte sie heran. „Komm, ich habe Pökelfleisch in meiner Hütte. Du musst Hunger leiden.“

Wie zur Bestätigung knurrte Wyls Magen. Schüchtern suchte sie einen Weg durch die Menge. Als sie den Menschen auf Armeslänge begegnete, erkannte sie in den Mienen einen Schimmer von Erleichterung, von Hoffnung und Freude, der die Situation beklemmend anreicherte. Sie lief schneller durch das Spalier und trat an dem Mann vorbei in die Hütte.

„Geht wieder an die Arbeit!“, befahl er barsch und schloss die Tür hinter sich. „Mein Name ist Dirak. Ich bin das Oberhaupt unserer Familie.“ Er sprach ruhig, freundlich und dabei doch souverän, väterlich in Gänze.

Wyl sah sich im Inneren um. Die Einrichtung bestand nur aus einem Bett, einem Tisch, einem Stuhl und einem Schrank. „Wo ist deine Familie?“

Dirak schien über die Frage verwundert. „Draußen. Sie alle sind meine Kinder.“ Mit sanfter Stimme fuhr er fort: „Und auch dir würde ich Obhut gewähren, wenn es dir beliebt.“ Er bat Wyl mit einer Geste, auf dem Bett Platz zu nehmen, und holte ein paar Streifen Trockenfleisch aus der Kochnische. „Doch erzähl mir erst von dir. Die Einsamkeit des Waldes muss deine Sehnsucht nach einem verständigen Zuhörer ins Unermessliche getrieben haben.“

Wyl war froh, dass er ihr Kernbedürfnis sofort erkannte, entschloss sich aber, nicht alle Umstände zu offenbaren. „Ich bin in Saratan geboren und aufgewachsen, doch eines Tages musste ich fliehen.“

Dirak nickte und hakte zu ihrer Erleichterung nicht weiter nach. „Du bist ein Mischling?“ Er fasste sich ans Ohr, dessen oberer Rand bei Wyl spitz zulief.

„Ja. Mein Vater war ein Unendlicher und meine Mutter eine gewöhnliche Sterbliche.“

„Sie sind beide Moartyr gefolgt?“, fragte Dirak in seltsamer Weise gleichsam kalt und mitfühlend.

Wyl nickte. Der Schmerz des Verlustes stieg erneut empor und schnürte ihr die Kehle zu. Ihre Mutter, ihre Amme, in jedem Fall die Frau, die Wyl ihr Leben gewidmet hatte, und ihren Vater, der ihr jegliche Liebe verweigerte, und doch für sie starb, beide würde sie in der Welt der schlagenden Herzen nicht wiedersehen. Selbst eine Wiedervereinigung in den Lieblichen Gestaden schien ihr eine leere Hoffnung. Sie kämpfte gegen die quellenden Tränen an.

Dirak schmunzelte kurz. „Verzeih, aber immer wieder zu sehen, wie die Götter Leid verursachen, hat mich zynisch werden lassen. Zu oft schon musste ich erleben, wie brave Kreaturen den Unbilden des Schicksals zum Opfer fielen.“ Auch er schien den Tränen nahe. „Du hast sie gesehen, meine Kinder. Sie werden bei Geburt gezeichnet, mit abstoßenden Malen, mit gebeugten Knochen und mit der Gewissheit, nirgendwo mit offenen Armen empfangen zu werden, das Leben hier, fernab aller Wunder der Zivilisation, als einzige Perspektive.“ Er reichte Wyl das Fleisch. „Ganyas Kinder verwehren uns ihre Gunst. Einzig vor Moartyr werden wir gerichtet wie jede andere Seele auch. Er ist somit wahrhaft gerecht.“ Er setzte sich auf den Stuhl.

Wyl nutzte die Unterbrechung des Gespräches, um ihre Gedanken zu sortieren. Dirak wirkte deutlich jünger als einige der Dorfbewohner, oder waren diese nur so verhärmt, dass der Schein trog? Sie biss in den Fleischstreifen. Es war Menschenfleisch. Ihr Vater hatte es früher von Zeit zu Zeit genossen, und war ein Fetzen auf seinem Teller geblieben, hatte Wyl ihn stibitzt. Der Verzehr war für sie eine morbide Probe gewesen, ein Ekel, den es zu überwinden galt, um in Folge dessen den exquisiten Geschmack und den feinen Biss zu genießen.

„Es scheint dir zu munden.“ Dirak lächelte. Anscheinend wusste er, dass Wyl, aufgewachsen im Haushalt eines Unendlichen in der Stadt des Todesgottes, mit dem ungewöhnlichen Nahrungsmittel vertraut war. „Berichte mir von dem, was außerhalb unseres blühenden Kerkers passiert.“

Wyl überging die Bemerkung zur Mahlzeit, da sie befürchtete, dass die falschen Worte unappetitliche Folgen haben könnten. Warum aßen die Menschen hier ihre Toten? Die Dörfler schienen zwar für die Jagd nicht geeignet, doch als Bauern, Sammler und Fallensteller sollten sie das Nötige aufbringen. Im nächsten Moment schalt sie sich. Wie maß sie sich an, darüber zu urteilen, ob die Umgebung den Menschen bot, was sie zum Leben brauchten. Es hatte sicherlich seine Bewandtnis, dass sie sich zu diesem Schritt veranlasst sahen.

Wyl ließ ihrer Zunge freien Lauf und Dirak lauschte aufmerksam, gab ihr die Möglichkeit, Zeugnis abzulegen und somit das Erlebte zu verarbeiten. Sie redete mehrere Stunden ohne Unterlass, wurde von der schieren Freude überwältigt, endlich wieder zu einem Wesen zu sprechen, das ihre Worte verstand. Sie schilderte ihre Kindheit in Saratan, berichtete von den Saugern, die über die Stadt herrschten. Sie erzählte vom Blutgericht, dem ihre vermeintliche Mutter zum Opfer fiel, aber nicht von der Zeit, die sie allein mit ihrem Vater verbrachte, die geprägt war von Kälte und Verachtung. Jene wollte sie vergessen und sich nur daran erinnern, dass er sein Leben für sie gegeben hatte. Sie beschrieb ihre Flucht, als sie an der Reihe war, für Moartyr zu leiden, und fing dabei einen missmutigen Blick von Dirak auf. Sie verschwieg, wie sie den dunklen Gassen entkommen war, log, dass sie sich an den Anglern vorbeigeschlichen hatte und durch das unbewachte Tor die Stadt verließ. Dadurch stellten sich die Geschehnisse dieser Nacht so abenteuerlich wie ein schnöder Wandertag dar, und wäre Dirak jemals in Saratan gewesen, würde er durchschauen, dass sie nicht mit offenen Karten spielte, doch er zeigte keine Reaktion. Sie berichtete von ihrem angeblichen Marsch durch die Tote Ebene, den sie aus Erinnerungen an Spaziergänge rund um Saratan formte, und sprach über ihre Zeit in den Wäldern, erwähnte dabei aber nicht, dass die Nacht ihr lieber war als der Tag.

„Dein Weg war beschwerlich. Doch wenn du es wünschst, soll er hier enden“, sagte Dirak, als Wyl verstummte.

Seine Worte weckten Vertrauen, die Aussicht auf ein Leben in Gesellschaft Glück. Doch Wyl zögerte. Eine mahnende Stimme hielt sie davon ab, dem Angebot stattzugeben. Das Menschenfleisch, eine Spiritualität, die von Dirak ausging, die fragwürdigen Blutlinien und die Verdammten drängten sie, weiterzuziehen, doch das Kind, das sie war, gierte nach Geborgenheit und war voller Zuversicht. „Möge ihr Auge den Pfad erleuchten, auf dass er uns in die Dunkelheit führt, wo wir Wahrhaftigkeit finden“, erinnerte sie sich eines weiteren Verses, den die Vettel ihr einst vortrug, ohne den Nutzen dieser Eingebung zu erkennen.

Dirak bemerkte ihre Befangenheit. „Du wärest uns eine große Hilfe, mit deinem Fleiß, deinem Wissen und deiner Reinheit. Und im Gegenzug geben wir dir, was ein junges Mädchen mehr braucht als alles andere: eine Familie.“

Wyl warf die Ängste über Bord. Sie neigte nicht zum Hochmut, doch sie glaubte Dirak, wenn er sagte, dass sie eine Bereicherung für die Familie wäre, wie immer sich dieses Konstrukt letztlich zusammenfügte. Hätte man ihr Böses gewollt, wäre ihr dies bereits widerfahren. Mit einem halb gezwungenen Lächeln stimmte sie zu.

Als die Sonne unterging, trat Dirak mit Wyl an der Hand aus der Hütte. Seine Kinder hatten sich schon eingefunden und erwarteten gespannt, berichtet zu bekommen, welche Wendungen die Ankunft des fremden Mädchens brächte. „Begrüßt Wyl, meine neue Tochter, eure neue Schwester. Hegt und pflegt sie, denn sie ist etwas Besonderes, ein Geschenk der Götter.“

Die Familie stieß unartikulierte freudige Laute aus, mehr tierisch als menschlich, manche dissonant und gar bedrohlich. Mit langsamen Schritten strömte die Herde auf Wyl zu, um sie in die Arme zu schließen.

Wyl sah den Tod auf sich zu trotten. Menschenfresser, wie sie in den nächtlichen Gassen von Saratan lauerten. Doch Gohennas Auge stand am Himmel wie der wachende Blick einer Mutter. Der silbrige Schein nahm ihr die Furcht und gab ihr die Kraft, dem Grauen zu begegnen.

KAPITEL 2

JAHR 598 NDM/HERBST

ZWERGENGEBIRGE/SÜDMARKPASSKROZNAX (KOMMANDANT HALBBART), STELLA, ASYP, GRUPS

„Zwanzig Hundertschaften mit einem Dutzend Riesen in ihren Reihen, zuzüglich schwerem Gerät und Besatzung.“

„Anscheinend reicht dem Felsenwächter die heuchlerische Korrespondenz nicht mehr aus.“ Kroznax strich sich seufzend durch den Bart, der aus der linken Hälfte seines Gesichtes spross.

König Plaryx, der Felsenwächter, Herrscher über das Zwergengebirge, ließ nicht davon ab, ihm immer wieder Briefe zukommen zu lassen, in denen er Auskünfte zur Lage am Pass und den Zustand der Truppe forderte.

Kroznax ersparte sich die Mühe, ausführliche Berichte zu verfassen, die ohnehin nur Nichtigkeiten und Ungenaues preisgeben würden. Vielmehr ließ er die königlichen Boten einmal durch den Pass führen, sie sehen, was sie wussten und was nicht zu verhehlen war, und setzte sie mit den gewonnenen, militärisch wertlosen Erkenntnissen wieder vor die Tür. Dies erschien ihm zugegebenermaßen aus diplomatischer Sicht etwas unbeholfen, aber er traute weder dem Felsenwächter noch seiner Garde, der Thronwacht, und verweigerte daher, aktiv am Austausch teilzuhaben. Dass dem Konsequenzen folgen würden, war von vorneherein klar gewesen, doch Kroznax hatte gehofft, dass sie ein paar weitere Jahre auf sich hätten warten lassen. „Wann werden sie eintreffen?“

„Kurz nach der Jahreswende, in etwa vier Monden“, antwortete Stella.

„Ist die Schlacht unausweichlich?“, fragte der Ork-Seher.

„Sie werden die Artillerie nicht tausend Meilen durchs Gebirge gekarrt haben, um die Achsen vom Rost zu befreien“, antwortete Grups schnippisch und stellte sich auf den Stuhl, um an die geschnittene Wurst zu gelangen, die zusammen mit anderen Happen in der Mitte des Tisches stand.

„Dass sie Waffen mit sich führen, heißt nicht, dass sie ihre Zungen daheim gelassen haben“, entgegnete der Ork-Seher. Er war einer der wenigen, die sich von Asyp und Grups nicht aus der Ruhe bringen ließen.

„Sie werden uns mitteilen, was sie erwarten“, nahm Kroznax den Einwurf auf, „doch sie werden nicht anhören, was unsere Interessen sind. Man lässt keine Armee aufmarschieren, strebt man einen Austausch auf Augenhöhe an.“

„Aber können wir es uns leisten, dem Dialog zu entsagen?“, beharrte der Ork-Seher auf der Suche nach einem gewaltlosen Ausweg. „Die Gespräche können scheitern, und sie greifen uns an. Doch das tun sie in jedem Falle, weisen wir sie ab.“

Kroznax blieb nichts, als zustimmend zu nicken. „Stella, dein Urteil?“

Stella wog ihre Worte ab. „Kommandant, die Schlacht ist nicht zu vermeiden. Der erste Versuch der Thronwacht, den Pass zu nehmen, schlug fehl. Wer immer die anrückende Armee anführt, wird es sich nicht leisten können, dem Felsenwächter von einem erneuten Scheitern zu berichten. Alles, was Verhandlungen erbringen werden, sind leere Versprechungen. Außer wir kapitulieren.“

„Kämpfen wir gegen den Felsenwächter oder gegen die Thronwacht?“, fragte der Ork in die Runde.

Kroznax warf ihm nur einen unwissenden Blick zu und blieb eine Antwort schuldig. So oft hatte er sich diese Frage bereits gestellt. König Plaryx, der Felsenwächter, konnte über den Pass nach Belieben verfügen. Warum hätte er einst einen Angriff der Dunkelelfen inszenieren sollen, um die Verteidiger dann von seiner Leibgarde meucheln zu lassen? Zog ein anderer im Hintergrund die Fäden?

Wie dem auch sei, Stella hatte die Situation, wie üblich, richtig eingeschätzt. Kroznax seufzte und sah übellaunig in die Runde. „Wie sollen wir dieser Übermacht begegnen?“

Asyp meldete sich und schnippte mit den Fingern, um auf sich aufmerksam zu machen, ragte doch nur sein Kopf über die Tischplatte. Er und Grups wirkten auf den Möbeln wie in der Hütte eines Riesen zu Gast.

„Rede, Dummbeutel, du machst uns lächerlich“, erteilte Grups seinem Freund unangemessenerweise das Wort.

„Wir heben vor dem Nordeingang einen Wassergraben aus und verhängen den Zugang zum Pass mit einem Netz aus leitenden Kabeln.“

Stella, Kroznax und der Ork-Seher sahen ihn an, als hätte er den Verstand verloren.

„Das ist eine gute Idee“, sprang Grups Asyp zur Seite.

„Ein Netz? Wieso bewerfen wir sie nicht mit Blumen und hoffen, dass sie unter Heuschnupfen leiden?“, fragte Stella bissig.

„Weil diese zur Zeit nicht blühen“, antwortete Grups süffisant.

„Einen ausreichend tiefen Graben in den Steinboden zu schlagen, würde Jahre dauern“, merkte Kroznax an, um die Diskussion wieder ins Sachliche zu führen.

„Der Graben muss nur knietief sein“, erwiderte Asyp.

Auf Stellas Stirn zog sich eine Zornesfalte zusammen, die bedrohlich wie ein nahender Orkan wirkte. Sie atmete durch und Kroznax war erstaunt, wie nüchtern sie ihre Worte sprach. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie uns das retten sollte.“

„Darum sind wir ja auch fürs Denken zuständig“, fuhr Grups ihr über den Mund.

Stella setzte zu einer gesalzenen Antwort an, doch Kroznax hielt sie mit einer kurzen Geste zurück. „Asyp, Grups, sprecht in klaren Worten. Das Leben aller in dieser Anlage hängt von dem ab, was wir heute entscheiden.“

„Das haben wir verstanden“, zischte Grups.

„Wir sind auch ein Teil der Einheit, genau wie jeder andere innerhalb des Passes und werden ein Schicksal mit euch teilen.“ Asyp klang beleidigt.

„Ihr seid nicht wie jeder andere in diesem Pass. Wenn der Feind die Feste erobert, zieht ihr euch in die Gewölbe eurer Ahnen zurück, verschließt den Zugang und verbringt die nächsten Dekaden unter der Erde, wie ihr es schon einmal getan habt“, brauste Stella auf.

„Aber wie könnten wir denn je auf deine liebliche Gesellschaft verzichten?“, flötete Grups sarkastisch.

„Lasst uns wieder zur Sache kommen“, versuchte der Ork-Seher die Gemüter zu beruhigen. Er schien neugierig zu sein. „Was brauchen wir eurer Meinung nach noch, neben einem Graben und einem Netz, um die Angreifer abzuwehren?“

„Ballons.“

Kaum hatte Asyp das Wort ausgesprochen, fuhr Stella vom Stuhl hoch. „Könntet ihr arroganten Schnösel eure Vorschläge so weit ausführen, dass sie auch uns begreiflich sind?“

„Das wird schwierig“, entfuhr es Grups flüsternd.

„Wie war das?“ Stella straffte sich. Ihre zwei Leibwächter traten an den Tisch und schickten den Gnomen warnende Blicke.

Kroznax genoss den Anblick. Aus dem verzogenen Balg, das er sich vor Jahren als Klotz ans Bein band, war eine selbstbewusste Offizierin geworden. Mauschelten die Kameraden einst hinter ihrem Rücken, scharten sie sich nun dort, wenn sie es befahl. War Kroznax nicht zugegen, war ihr Befehl für jedermann im Pass bindend, und er konnte sich darauf verlassen, dass der Einheit daraus kein Nachteil entstand. Und selbst von herausragenden Persönlichkeiten, wie es Asyp und Grups unbestritten waren, forderte sie Respekt vor ihrem Status ein.

„Könntet ihr nicht einmal unseren Vorschlägen mit Zutrauen begegnen“, versuchte Asyp zu deeskalieren, erreichte damit aber eher das Gegenteil.

„Nein, ich werde euren Vorschlägen nicht mit naivem Zutrauen begegnen“, ätzte Stella, „weil ihr …“

„… weil ihr zwar auf euren Fachgebieten die hellsten Geister seid“, unterbrach der Ork-Seher sie – wahrscheinlich hatte er das zornige Funkeln in Grups’ Augen wahrgenommen und wollte verhindern, dass ein zweites hitziges Temperament vollends entbrannte –, „jedoch manchmal …“ Er suchte vergeblich die richtigen Worte.

Kroznax grinste. Die beiden Gnome sahen den Ork verständnislos an, wussten nicht, worauf er hinauswollte. „Er will sagen: Ihr stellt Moral hinter den wissenschaftlichen Fortschritt.“

„Macht man uns das jetzt zum Vorwurf?“, erwiderte Asyp verblüfft.

„Da ihr mich und Bud von den Toten zurückgeholt habt, nein. Auf den ein oder anderen wirkt es aber befremdlich, wenn die Lebenden die Entscheidungen der Götter revidieren.“

Grups schnaubte und zuckte die Schultern. „Wären die Götter allmächtig, wie ihr immer behauptet, wären wir dazu nicht in der Lage.“

„Hütet eure Zungen“, zischte Stella. „Ihr steht nicht auf einer Stufe mit Ganyas Kindern.“

Kroznax erkannte, dass ein gemeinsamer Austausch heute keinen weiteren Nutzen mehr hätte. „Asyp, Grups, bitte lasst uns allein. Ich werde später zu euch kommen.“ Zu seiner Erleichterung zogen sie sich ohne Aufbegehren zurück, obwohl es ungerecht war. Er glaubte ihnen, dass sie sich als Teil der Einheit sahen und in deren besten Sinne, gemäß ihren Ansichten, handelten. Doch brachte man Grups und Stella zusammen, gewährleistete nur Banalität eine konstruktive Diskussion. Bei relevanten Themen krachte es unweigerlich. Dann lag es an ihm, zu entscheiden, mit wem er zuerst redete, und da Stella seine Stellvertreterin war, hatten Asyp und Grups immer das Nachsehen. Er hoffte, dass sie es ihm verzeihen würden. „Also gut. Ork, du und die Deinen könnt durch das Tor nach Süden fliehen. Diese Schlacht muss nicht euer Ende bedeuten.“

„Kommandant, Ehre ist uns nicht weniger wert als den Zwergen. Ihr habt uns eingelassen, obwohl unsere Völker sich umgeben von diesen Wänden lange Jahre bekriegten. Ihr habt uns eine Heimat gegeben und einen Ort geschaffen, der von den Tugenden eines besseren Schicksals geprägt ist“, antwortete der Angesprochene mit unverhohlenem Missmut. „Werdet Ihr nun für diese Heldentat zur Rechenschaft gezogen, sterben wir mit Freuden für Euch.“

Kroznax lächelte dankbar. „Verzeiht meinen Vorschlag. Ich hätte nicht an eurer Loyalität zweifeln dürfen.“ Noch vor wenigen Jahren wäre es ihm unvorstellbar erschienen, dass Orks und Zwerge einmal etwas anderes als gegenseitiger Hass verbinden würde. „Somit hätten wir knapp mehr als zwanzig Dutzend Schwerter.“ Er schnaufte resignierend. Gegen die anrückende Übermacht nahm sich diese Zahl wie Hohn aus.

„Kommandant, wir haben die bessere Position“, warf Stella ein. „Der Pass ist schmal. Wir versperren ihn mit einem Wall. Während sie dagegen anrennen, lasst Ihr sie Blitze schmecken. Bricht der Wall, werden die Ballisten blutige Ernte einfahren und erst dann wird es Schwert gegen Schwert gehen. Mit etwas Glück haben wir bis dahin die Hälfte von ihnen ausgeschaltet, sodass wir ihnen noch etwa eins zu vier unterlegen sind. Wählen wir dann die Kampfplätze in den Gewölben gut und treffen Vorbereitungen, können wir vielleicht noch einmal die Hälfte der Verbliebenen aus der Gleichung nehmen.“

Kroznax kannte diesen Optimismus, den man dem Unausweichlichen entgegensetzte. Doch Pläne scheiterten, Soldaten starben und plötzlich fand man sich auf Schwertlänge dem Feind gegenüber und bangte um sein Leben. So schenkte er Stella ein Lächeln, in der Hoffnung, ihre Zuversicht zu spiegeln. „Das klingt augenblicklich nach der bestmöglichen Verteidigung.“ Er hatte keine gehaltvollere Idee.

„Wir werden alle gemeinsam die Welt der schlagenden Herzen verlassen“, stellte der Ork-Seher zerknirscht fest. „Es geht nur darum, wie viele Feinde wir mit uns nehmen.“

„Hat dir das eine Vision gezeigt?“, fragte Kroznax.

„Nein, mein Verstand.“

Der Moment, in dem man den Mut verlor, sich abfand, mit dem, was einen erwartete. Kroznax hatte ihn oft durchlebt und gelernt, dass er kein Zeichen von Schwäche war, sondern eine Möglichkeit, Stärke zu zeigen, indem man sich der Resignation verwehrte. „Eines Tages verlässt jeder die Welt der schlagenden Herzen. Wir sollten uns geehrt fühlen, dass wir unser Leben für etwas geben können, an das wir glauben.“ Kroznax merkte, dass er mit melancholischem Pathos sprach, als gelte es jemanden zu überzeugen. Doch alle Anwesenden wussten um die Einzigartigkeit dieses Ortes, an dem Rassen, deren Aufeinandertreffen in der Regel mit blutigem Stahl endete, in Gleichheit, Kameradschaftlichkeit und Ehre verbunden waren. Daher sparte er sich lange Reden. „Stella, setze die Männer und Frauen in Kenntnis über das, was bevorsteht. Sollte jemand den Wunsch verspüren, aufzubrechen, erhält er ein Bündel mit Vorräten und Kleidung. Ork, dasselbe gilt für die Deinen.“

„Die Reihen werden geschlossen bleiben. Dies zu gewährleisten ist meine Aufgabe, an deren Ergebnis mich die Götter richten sollen“, sprach Stella voller Überzeugung.

„Aus dir ist eine wahre Anführerin geworden.“ Kroznax lobte sie selten, doch heute war es angebracht.

Stella senkte verlegen den Blick. „Ich durfte vom Besten lernen, Kommandant Halbbart.“

Der Beste hätte seine Untergebenen nicht an den Abgrund geführt. Kroznax schluckte und fuhr dann mit fester Stimme fort. „Sagt allen, dass sie letzte Briefe an ihre Lieben aufsetzen sollen. Wer der Schrift nicht mächtig ist, bekommt einen Schreiber zur Seite gestellt. Ziehen wir in die Schlacht, soll ein Trupp mit dem Auftrag betraut werden, diese letzten Zeugnisse an ihre Empfänger zu übergeben, und möge diese Pflicht sie über den ganzen Kontinent führen und ihren Lebtag dauern.“

„Stein und Stahl, Kommandant Halbbart.“ Stella erhob sich und salutierte.

„Die Orks werden ihre Schuld begleichen.“ Auch der Ork stand auf und beide ließen Kroznax allein zurück.

„Die Götter mögen uns beistehen“, flüsterte Kroznax ungehört. Er blieb einige Minuten sitzen und erinnerte sich an die Schlachten, die er bereits im Pass geschlagen hatte, an Gräuel und Leid, die untrennbar mit Sieg und Heldentum verknüpft waren. Wäre ihm je ein Jahrhundert in Frieden vergönnt? Dann machte er sich auf die Suche nach Asyp und Grups, wobei er zuerst in der Messe vorbeiging, um ein kleines Bierfass und drei Becher zu holen.

Er fand die beiden Gnome auf dem Wehrgang über dem Südtor, hinter dem sich die Schattenschlucht erstreckte.

„Hat der Kommandant nun ein Ohr für uns?“, begrüßte

Grups ihn übellaunig.

Kroznax stach das Fass an und füllte die Becher. „Ihr fändet schneller Gehör, würdet ihr Details erörtern, anstatt kryptische Schlagworte in den Raum zu stellen.“

„Euch die Details unseres Planes nahe zu bringen, ist wie einem Hund das Fliegen zu lehren; langwierig, vergebens und wenn die Lektion scheitert, für beide Seiten schmerzhaft. Warum vertraut Ihr nicht darauf, dass wir zum Wohle aller handeln? Haben wir Euch je enttäuscht?“

Nein, das hatten sie nicht. Kroznax ließ sich zwar nur ungern darstellen, als wäre er nicht in der Lage, seine Stiefel zu schnüren, doch er versuchte Verständnis für Asyp und Grups aufzubringen. Sie waren amoralisch und verschroben, aber unbestritten genial; gesegnet von Syrus, dem Gott der List und des Handwerks, von Lork, dem Gott der Schmiede und des Krieges, und wahrscheinlich auch von Barum, dem Gott der Weisheit und der Erleuchtung. Brächten andere Seelen für so viel Wohlwollen aus den Himmlischen Gefilden jegliches Opfer, vergelten sie es Ganyas Kindern mit verweigertem Respekt. „Erklärt mir euren Plan in den einfachsten Worten.“

Es folgte ein ausführlicher Vortrag. Kroznax verstand, dass es darum ging, mit den Ballons Blitze einzufangen, wie auch er es tat, um seine Energiereserven aufzufüllen, und die Kräfte durch Kabel und Drähte zu leiten, um sie in einem Speicher zu sammeln. Aus diesem würde dann das aus Stahltauen gewobene Netz mit Energie gefüllt werden. Der Feind könnte es nicht durchtrennen, ohne sich dem Beschuss aus dem Pass auszuliefern, und mit etwas Glück würde die Barrikade aufgrund ihrer Elastizität auch größere Geschosse aufhalten. Was es mit dem knietiefen Wassergraben auf sich hatte, erschloss sich Kroznax nicht, doch nach einer Stunde und mehrmaligem Nachschenken war sein Verstand nicht mehr fähig, Weiteres aufzunehmen, sodass er sein Erkenntnisinteresse auf eine Frage reduzierte: „Wie viele Feinde werden wir ausschalten, bevor es in den Kampf Mann gegen Mann geht?“

„Wenn alles funktioniert“, Grups rechnete im Kopf und nahm die Finger zur Hilfe, „das Netz voll mit Feinden behangen ist, die hinüber klettern wollen … Acht Meter hoch, zehn Meter breit, macht ungefähr dreißig … Der Graben dahinter mit Nachstürmenden dicht bestanden … Fünfzehn Meter Breite, zehn Meter Länge … ungefähr hundertzwanzig … Die ersten hundertfünfzig Feinde fallen innerhalb eines Wimpernschlages, und ist der Speicher voll, können wir das beliebig oft wiederholen.“

Kroznax blieb der Mund offen stehen. Mit welcher Beiläufigkeit Grups, der auf einen Fremden gar niedlich wirken mochte, über Massenvernichtung sprach, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Warum überrascht mich das?, fragte er sich. Schließlich hatten die Gnome auch ihn und Bud zu übermächtigem Kriegsgerät umgebaut. „Was, wenn nicht alles funktioniert?“

„Dann keinen“, schaltete sich Asyp ein. „Aber es wird funktionieren.“

„Bitte, Kroznax.“ Grups machte große, flehende Augen wie Kroznax einst als kleines Kind, wenn er von der Mutter vor dem Essen ein Stück Honigkuchen erbat. „Als du dich zum ersten Mal nach deiner Modifikation gesehen hast, warst du auch skeptisch, doch haben wir dich nicht so stark gemacht, dass du dich mit den Paladinen messen könntest?“

Das vermutete Kroznax, aber ausprobiert hatte er es noch nicht und wollte vorerst auch darauf verzichten. Wahrlich jedoch hatte er in seinem rekonstruierten Körper bisher jeden Feind mit Leichtigkeit besiegt.

„Biiitteeee“, jammerte Asyp kläglich.

Asyp und Grups, so war Kroznax klar, verfolgten ihren Plan nicht nur, um ihre Schäfchen zu schützen. Es war ihnen auch, vielleicht vorwiegend, daran gelegen, die Überlegenheit ihres Intellekts zu demonstrieren. Mochte man an ihrer Rechtschaffenheit zweifeln, ihren wissenschaftlich-narzisstischen Ehrgeiz in Frage zu stellen, war töricht. „Mögen die Götter uns beistehen.“ Kroznax gab klein bei und die Gnome jubelten.

„Ich hoffe, Ihr wisst, was Ihr tut, Kommandant.“ Stellas

Blick wanderte skeptisch über die Baustelle.

Überall im Pass lagen unterschiedlich dicke Drahtseile. Manche glänzten silbern, andere waren bronzen oder von einem matten Anthrazit. Asyp und Grups schritten aufmerksam durch die Reihen und erklärten den Soldaten ausschweifend, warum diese und jene Seile ineinander zu wickeln und die Enden anderer mit Stahlklammern zu verbinden seien. Grups fluchte laut, als ihm ein weiteres Mal blankes Unverständnis entgegenschlug. „Stella, gib uns die Ruten wieder.“

Kroznax sah Stella fragend an.

„Sie hatten Ruten, mit denen sie den Arbeitern bei falsch ausgeführten Handgriffen auf die Finger schlugen. Schmerz, so sagten sie, steigere die Lernfähigkeit.“

„Seit wann haben sie keine Ruten mehr?“

„Seit ein Ork einen Hammer nahm und ihnen anbot, ihr Potenzial ins Unendliche zu steigern.“

Beide grinsten. „Solch Wortgewandtheit hätte ich einem Ork nie zugetraut“, sagte Kroznax.

Nach einer kurzen Pause fragte Stella: „Was, wenn sie nur Hirngespinsten hinterherjagen und all unser Handeln nutzlos ist?“

Kroznax schüttelte den Kopf. „Sie huldigen der Wissenschaft mit einer Hingabe, die selbst unter den Glaubensstärksten ihres Gleichen sucht. Scheitern sie, verlieren sie das Wohlwollen ihrer Göttin. Und, was sie noch härter treffen würde, sie müssten ihr Versagen vor uns zugeben. Glaubst du, sie gönnen uns diese Genugtuung?“

„Niemals!“

Stella hatte am Vorabend eine Gewitterwolke herbeizitiert, deren Guss das außerhalb des Passes ausgehobene Becken mit Wasser füllte. Dutzende Ballons aus Metallfolie, die am Himmel tanzten und im Sonnenlicht wie Sterne strahlten, hatten Blitze angezogen, deren Energie über Drähte in eine monströse Apparatur geleitet wurde. Das zentrale Element war ein mit Metall umwickelter Zylinder. Befand man sich in der Nähe des Konstrukts, stellten sich die Haare auf und eine stetig rauschende Vibration lief durch den Körper. Gedrehte Taue aus verschiedenen Metallen führten von der Apparatur zum Netz, wo sie angelötet waren, und vom Netz in das Becken. Das Netz selbst war mit Stahlbolzen im Fels verankert, sodass nur noch Einzelne den Südmarkpass betreten oder verlassen konnten. Diesen letzten Durchgang nach Norden würde man verschließen, wenn der Feind in Sicht kam.

Asyp und Grups standen mit stolzgeschwellter Brust in der ersten Reihe. Sie lächelten, selig und selbstzufrieden.

Kroznax trat an ihre Seite. „Wenn alle Arbeit vergebens war, wird Stella euch den Schädel einschlagen, und ich werde sie nicht davon abhalten.“

„Das klingt nur gerecht“, antwortete Asyp ohne den geringsten Hauch von Sorge, dass es dazu kommen könnte.

„Stellt das Rind in das Becken“, befahl Grups.

Kroznax nickte den Soldaten zu, die das Tier führten, und sie folgten der Aufforderung.

„Grups, willst du den Hebel umlegen?“, fragte Asyp.

„Ja, das will ich.“ Grups rieb sich die Hände und verschwand in dem Raum mit dem Apparat. Das Rind stand mittlerweile auf Position.

„Verlasst besser das Becken“, riet Asyp den zwei Zwergen, die das unglückliche Nutztier geführt hatten. „Der Rest“, er drehte sich zu der Menge hinter sich um, „tritt zehn Schritte zurück.“ Er wippte kurz mit dem Kopf. „Nur fünf, damit ihr es noch sehen könnt.“ Er griff Kroznax’ Hand. „Ich bin fast so stolz, wie in dem Moment, als wir dich fertiggestellt hatten. Grups, Hebel um!“

Muuuuuuhhhhhhhhh

Bzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzt

KAPITEL 3

JAHR 598 NDM/HERBST

TOTE EbENE/NACHTWEHRDARAYA

Am Horizont sah Daraya die Kuppel, die Ganya, die Urmutter, über Nachtwehr gestülpt hatte. Gefängnis für ihre Tochter Gohenna und deren Brut. Der Rand schimmerte gülden und wirkte in der Nacht wie ein Regenbogen aus Sonnenlicht. Hierhin, so hoffte Daraya inständig, hatte der Nachtriese das Mädchen gebracht, das Nyakon, der Blutfürst, fürchtete wie den Blick von Ayris. Wäre dem nicht so, könnte sie sich überall zwischen der Sichelbucht und dem Muränenmaul, zwischen der Mündung des Gonju und dem Delta des Tarian aufhalten. Anstatt sich auf die Suche zu begeben, könnte Daraya sich an einem beliebigen Ort auf dem Kontinent niederlassen und darauf warten, dass die Kleine vorbeikäme.

Und wenn es sie nach Ostende verschlagen hat?, foppte sie ihr Missmut.

Daraya hatte nur wenige Informationen erhalten, die sie jedoch unweigerlich nach Nachtwehr geführt hatten. Eine verwirrte Hexe hatte in der Mutter eine Priesterin erkannt. Auf dem Dachboden des Elternhauses fand man einen kleinen Schrein, an dem die Göttin der Nacht verehrt wurde und, zuletzt und am eindrucksvollsten, die Intervention aus den Himmlischen Gefilden, das Erscheinen des Nachtriesen in Saratan. Es kam einer Kriegserklärung Gohennas an Moartyr gleich, einen ihrer Paladine in die Metropole seiner liebsten Kinder zu schicken, um eine Seele zu entführen.

Wyl war ihr Name. Er hatte sich Daraya ins Gedächtnis gebrannt wie ein Mal der Schande ihres Versagens.

Es schien unvorstellbar, dass ein so zartes Geschöpf Nyakon, den mächtigsten Untoten, der in der Welt der schlagenden Herzen wandelte, in Schrecken versetzte. Doch sein Zorn, den Daraya zu spüren bekam, als sie ihr Scheitern eingestanden hatte, ließ keinen Zweifel. Sie hatte nicht damit gerechnet, den Thronsaal unversehrt zu verlassen. Im Nachhinein aber wurde ihr klar, dass die erfahrene Gnade nur die Umwandlung der Strafe von Tod in Exil war. Sie wäre erst wieder in Saratan willkommen, wenn sie Wyl zurückbrächte; eine Bedingung scheinbar so schlicht, doch gleichsam nahezu unerfüllbar.

Es war ein einfacher Auftrag gewesen, der an der Unfähigkeit der ihr unterstellten Inquisitoren gescheitert war. Sie hatten den Vater und dessen Opferbereitschaft unterschätzt. War Daraya ehrlich zu sich, hätte ihr das auch passieren können. Die Bereitschaft, das eigene Leben für andere zu geben, durfte man Spitzohren im Allgemeinen absprechen, doch anscheinend konnten sie über ihren Schatten springen, wenn es um das eigene Blut ging.

Er hatte die Sauger in einen Kampf verwickelt und Wyl somit die Flucht ermöglicht. Als es Daraya gelang, die Situation unter Kontrolle zu bringen, hatte Wyl das Haus schon verlassen, und der Vorsprung genügte, um die schützenden Arme von Gohennas Paladin zu erreichen, bevor Daraya ihrer habhaft werden konnte.

Dass die Göttin der Nacht einen ihrer mächtigsten Diener geschickt hatte, zeigte, wie wichtig ihr das Kind war, und begründete die Angst des Blutfürsten. Die schwelende Fehde zwischen den Kindern Ganyas drohte aufzulodern, zu einem Inferno zu erwachsen, das den Kontinent versengte.

Daraya klopfte sich den Staub von den Kleidern und richtete ihren streng gebundenen Dutt. In ihrem Rücken fiepten die Gusjas. Die Ratten ähnelnden Untoten, zwei groß wie Hunde, eines mit der Risthöhe eines Esels, spürten den Feind, der hinter der Barriere lauerte, erinnerten sich ihrer tierischen Instinkte, die sie zur Flucht trieben, doch Daraya ließ nicht zu, dass sie ihnen nachgaben.

Von dem Dutzend Begleiter, mit denen sie in Saratan aufbrach, waren nur noch drei an ihrer Seite. Die Tote Ebene wurde ihrem Ruf gerecht und hatte ihr keine Wahl gelassen, als von den anderen zu zehren.

Einst, nach der großen Schlacht, stritten die Sauger um das verheerte Kernland des Kontinents mit Orks, Dunkelelfen, Zwergen und Riesen. Alle Parteien wollten dessen habhaft werden, was die Gefallenen zurückgelassen hatten, versprach es doch Wissen und Macht. Letztlich trugen die Truppen Nyakons unter schweren Verlusten den Sieg davon, aber heute würdigte keiner mehr das Opfer der Gefallenen. Artefakte der Krieger aus den Himmlischen Gefilden und Gebeine legendärer Bestien blieben auf ewig unter dem grauen Staub verschollen, das Land barg weder Nahrung noch Schatten, und so zeigte der Blutfürst kein Interesse an der leblosen, weiten Ebene.

Die Reise von Saratan hierher hatte Jahre gedauert, da es Daraya schwergefallen war, sich in der monotonen Einöde zu orientieren, und sie nur des Nachts reiste, würde Ayris’ Blick sie doch in Asche verwandeln. Des Tages hatte sie sich im Dreck eingegraben. Sie, Generalin der Inquisition des Blutfürsten, höchste Frau unter ihresgleichen!

Hunderte Jahre, sie hatte aufgehört zu zählen, war es her, dass sie in feuchter Erde die Augen aufschlug, erwacht zu untotem Leben. Sie hatte instinktiv den Boden gefressen, um kleinste Hohlräume zu schaffen, die es ihr ermöglichten, sich zu bewegen, die Last auf dem Körper zu verlagern und sich schließlich ans Mondlicht zu graben. Verschluckte Spinnen und Tausendfüßler krabbelten ihre ausgetrocknete Speiseröhre entlang. Würmer und Maden krochen ihr aus Mund und Nase. Nie zuvor, nicht einmal als ihr Schöpfer seine Zähne in ihren Hals stieß, hatte sie sich so erbärmlich, so hilflos gefühlt, war sie so angewidert von sich selbst gewesen. Sie hatte sich geschworen, niemals wieder in der Erde zu ruhen, und bis zu ihrer ersten Morgendämmerung in der Toten Ebene war sie diesem Eid gerecht geworden, hatte jedes Wort, das sie sich je gegeben hatte, Bestand gehabt. Der Betrug an ihr selbst ließ sie zweifeln, sich jemals wieder vertrauen zu können. Mit dieser Schmach ewig zu leben, verlieh dem Ende ihrer Existenz einen Anschein von Gnade.

Manifestierte sich der Abschied aus der Welt der schlagenden Herzen als Richtschwert, so schien ihr die Verbannung wie eine Peitsche, die nicht mit einem Schlag verheerend sühnte, sondern nach und nach blutige Striemen zurückließ, deren zunehmende Menge die Qual stetig steigerte.

Daraya stieg etwas unbeholfen auf den Rücken des größten Gusja und trieb es auf die Barriere zu. Die Kuppel senkte sich erst in der Neumondnacht nach der Jahreswende. Sie würde sich einige Mondzyklen lang verkriechen müssen, doch davor hoffte sie auf ein stärkendes Mahl. In den nächsten Wochen sollten Pilger und Sünder in kleinen Gruppen eintreffen, die wie sie Einlass in die Stadt begehrten. Zwielichtiges Pack, das einem scheinbar alten Weib wie ihr voller Übermut gegenüberzutreten pflegte. Frisches menschliches Blut! Daraya lächelte in Vorfreude.

Durch die Kuppel aus göttlicher Essenz erkannte sie die Umrisse von verlassenen Häusern und staubige Straßenzüge. Ihr Reittier verweigerte den Dienst endgültig. Mistvieh! Sie stieg ab und trat näher heran. Es war ihr erster Besuch in Nachtwehr, in der Stadt der Sünde, in der jede Freude gewährt und jeder Preis gefordert wurde. Sie wollte unbedingt vorab einen Blick hineinwerfen, solange die Kuppel sie vor den Bewohnern schützte. Sauger waren hier nicht willkommen. Die Inquisition hatte im Laufe der Jahrhunderte zahllose Agenten entsandt, um Informationen über die Heimstätte Gohennas zu erlangen. Doch keiner von ihnen kehrte je wieder.

Ein monströses Gebrüll schwoll an. Stein wurde rauschend zermahlen und eine riesenhafte Gestalt schwang sich auf ein Dach. Die Silhouette war verschwommen, stämmig und gehörnt. Sie richtete sich auf und starrte mit silbrig leuchtenden Augen schweigend auf Daraya hinab. Ein kurzes Heulen in einer verborgenen Gasse, einstimmendes Krächzen, Schritte; Dutzende, Hunderte, Tausende; eine Flut aus grotesken Leibern, die gegen die Barriere spülte, sich an ihr auftürmte und danach gierte, Daraya Abermillionen Fänge ins Fleisch zu bohren.

Erschrocken wich sie zurück.

Die Dämonen verbissen sich ineinander, als sie merkten, dass Daraya nicht zu packen war. Sie waren rasend vor Hunger. Anscheinend hatten sie lange nicht mehr gefressen, reichten jene, die jährlich anreisten und im Rausch ihr Leben verwirkten, nicht mehr, um die Mäuler zu stopfen.

Lohnte sich das Warten überhaupt? Mit den Kindern Gohennas, die einen Körper hatten, ein schlagendes Herz, käme Daraya zurecht. Die Kreaturen, die aus der Abwesenheit von Licht bestanden, wie der immer noch reglos starrende Koloss auf dem Dach, waren jedoch nahezu unverwundbar und von heimtückischer Intelligenz, fähig zu Geduld und Selbstbeherrschung. Um ihnen zu entrinnen, brauchte es einen wachen Geist, fehlerfreies Handeln und pures Glück. Nur göttliches Licht vermochte, sie zu vernichten, und dies zu erschaffen, lag nicht in Darayas Macht. Doch wären es mit Sicherheit solche Gegner, die sich zwischen sie und Wyl stellen würden.

Was immer es mich kostet! Ihr blieb nur der Versuch. Sie wollte unbedingt zurück nach Saratan, zurück in den Genuss der Privilegien, die sie sich im Laufe des letzten Jahrhunderts erarbeitet hatte.

KAPITEL 4

JAHR 599 NDM/FRÜHLING

ZWERGENGEBIRGE/SÜDMARKPASSKROZNAX (KOMMANDANT HALBBART), STELLA, ASYP, GRUPS

Das Horn erklang. Acht Jahre hatte es geschwiegen und Kroznax wünschte, er hätte es seinen Lebtag nicht mehr gehört. Es pochte an der Tür. „Kommandant Halbbart!“

Kroznax erhob sich. „Einen Moment, Soldat!“ Er zog schwere, mit Stahlgliedern verstärkte Stiefel und einen Panzerrock an. Auf weitere Rüstungsteile verzichtete er. Die eine Hälfte seines Körpers war mit Drachenschuppen überzogen und die andere wusste er zu schützen. Er ballte die stählerne rechte Pranke zur Faust und öffnete sie wieder. Keine Reibung, kein Quietschen, die Mechanik funktionierte einwandfrei. Er ließ einen gleißend hellen Funken an der Spitze der Prothese des linken Armes aufleuchten, ihn einmal anwachsen und dann erlöschen. Die Energie, die in seiner Wirbelsäule aus Drachenknorpel gespeichert war, reichte für den heutigen Tag in jedem Fall. Kein Grund zur Furcht, alter Mann. Er trat auf den Flur, wo ihn zwei Soldaten erwarteten.

„Stein und Stahl, Kommandant Halbbart. Der Feind ist angekommen und hat eine Delegation geschickt.“

Kroznax nickte. „Dann wollen wir sie nicht warten lassen.“ Eine Lüge; zu gerne hätte er die Feinde vor dem Netz ignoriert, bis die Zeit sich ihrer annahm, wenn es nur die Schlacht abwendete. „Bringt jede Armbrust, jeden Bogen und jede Schleuder in den Pass. Dazu jeden Bolzen, jeden Pfeil und jeden Speer. Sind die Boten bereit, die Abschiedsbriefe zu verteilen?“